Gemeinde und Gemeindegründung (Teil 15): Gemeindegründung praktisch

Gemeinde und Gemeindegründung (Teil 15): Gemeindegründung praktisch

Als an Pfingsten dreitausend Menschen Christen wurden und die Zahl in den Tagen danach weiter anstieg, fügt die Apostelgeschichte beinahe beiläufig hinzu, dass diese Menschen der Gemeinde hinzugetan wurden (2,41.47). Diese kurze Bemerkung ist jedoch alles andere als nebensächlich. Sie verweist auf eine grundlegende Überzeugung des Neuen Testaments, die heute leicht übersehen oder zumindest unterschätzt wird: Es gibt kein Christsein ohne Gemeinde.

Wer durch das Evangelium zum Glauben an Jesus Christus kommt, wird nicht nur innerlich erneuert, sondern zugleich in eine sichtbare Gemeinschaft gestellt. Gott rettet Menschen nicht nur aus der Welt, sondern sammelt sie in seiner Gemeinde. Deshalb gehört zur Evangelisation immer auch die Frage nach der Gemeinde. Oder anders formuliert: Evangelisation nach biblischen Prinzipien ist immer Gemeindeaufbauarbeit oder Gemeindegründung.

Diese Einsicht zieht sich durch die gesamte Apostelgeschichte. Immer wieder begegnet uns dasselbe Muster: Das Evangelium wird verkündigt, Menschen kommen zum Glauben, sie werden gesammelt, unterwiesen und verbindlich Teil einer Gemeinde.

Gleichzeitig ist zu beobachten, dass viele Christen vor Gemeindegründung zurückschrecken. Wo es allerdings keine gesunden, bibeltreuen Gemeinden gibt, oder wo bestehende Gemeinden einen falschen theologischen Kurs eingeschlagen haben, braucht es neue Gemeinden.

Aber wie fängt man praktisch damit an, eine Gemeinde zu gründen? Diese Frage ist deswegen so wichtig, weil Gemeindegründung tatsächlich sehr viele Herausforderungen mit sich bringt und die Bibel – im Besonderen die Apostelgeschichte – betont, dass Mission und Gemeindegründung nicht ohne Plan und Strategie angegangen werden sollen. Einerseits wird deutlich, dass Gott Türen öffnet und schließt und so souverän lenkt, wo und wie Mission geschieht und Gemeinden gegründet werden (Apg 13,1–3; 16,6–10). Andererseits führte diese göttliche Leitung nicht dazu, dass Paulus planlos missionierte. Vielmehr sammelte er gezielt Mitarbeiter um sich, bildete sie aus (Apg 16,3) und übertrug ihnen konkrete Aufträge, um den fortlaufenden Gemeindeaufbau auch aus der Distanz zu koordinieren (Apg 17,14–15) oder seine eigenen Einsätze vorzubereiten (Apg 19,22).

In den abschließenden Worten des Römerbriefes wird ebenfalls deutlich, wie strategisch Paulus im Blick auf Mission und Gemeindebau vorging. Er plante eine große Missionsreise, die ihn nicht nur nach Rom, sondern – so seine Hoffnung – bis nach Spanien führen sollte. Dabei band er die Gemeinde in Rom bewusst in dieses Vorhaben ein, indem er sie um Unterstützung bat (Röm 15,22–24). Auch wenn wir wissen, dass es schließlich ganz anders kam als geplant, gelangte Paulus dennoch nach Rom – wenn auch als Gefangener. Dadurch wird deutlich: Einerseits sind wir aufgerufen, zu planen und koordiniert vorzugehen. Andererseits gilt es, auf Gottes Führung zu vertrauen und dabei insbesondere das Gebet nicht zu vernachlässigen.

Sobald erste Überlegungen in Richtung Gemeindegründung entstehen, ist es daher entscheidend, dieses Vorhaben von Beginn an im Gebet vor Gott zu bringen. Denn für jedes menschliche Arbeiten – und in besonderer Weise für den Dienst im Reich Gottes – gilt der Grundsatz aus Psalm 127,1Wenn der HERR nicht das Haus baut, arbeiten die Bauleute vergeblich.

Grundlegende Voraussetzungen einer Gemeindegründung

Wenn Gott diese Gebete beantwortet und Türen öffnet, sind im Kern folgende vier Voraussetzungen zu beachten:

Zunächst ist mindestens ein Gründungspastor/Gemeindegründer notwendig, der bereit ist, Verantwortung für Lehre, Seelsorge und geistliche Ausrichtung zu übernehmen. Ebenso unverzichtbar ist ein Kernteam. Ohne Menschen, die von Anfang an hinter der Gründung stehen und sie mittragen, ist Gemeindegründung unmöglich. Dazu kommen praktische Fragen: Es braucht einen Ort, an dem sich die Gemeinde regelmäßig versammeln kann, und finanzielle Mittel, um sowohl die Räumlichkeiten als auch den Dienst des Gemeindegründers zu ermöglichen.

Der Gemeindegründer

Der Gemeindegründer benötigt zunächst dieselben Qualifikationen wie jeder andere Pastor. Natürlich ist es hilfreich, wenn ein Gemeindegründer Pioniergeist und gewisses unternehmerisches Potential hat. Es gibt Männer, die gute Pastoren, aber nicht unbedingt geeignete Gemeindegründer sind. Und doch betont die Bibel vor allem ihren Charakter (1Tim 3,1–7; Tit 1,5–8), die theologische Überzeugung (1Tim 4,1–14; Tit 1,9) und die Lehrfähigkeit (1Tim 3,2). Als Jesus Petrus zum Leiter einsetzte, wollte er nur eins wissen – ob Petrus ihn liebt (Joh 21,15–19). Nathan Knight schreibt in einem Artikel dazu: „Sicherlich sollten wir uns alle finanzielle Sicherheit und Multiplikation wünschen, aber wenn man die Frucht des Dienstes in den Mittelpunkt stellt, läuft man Gefahr, die Wurzel des Dienstes aus dem Blick zu verlieren: ein Herz für Gott und sein Volk.“[1] Wer Christus liebt und sich von ihm abhängig weiß, wird auch die Gemeinde lieben und hoffentlich mit Enttäuschungen und Rückschlägen umgehen können. Er darf darauf vertrauen, dass die, die mit Tränen säen, mit Freuden ernten werden (Ps 126,5).

Ein Gemeindegründer braucht zudem Geduld und Selbstdisziplin. Auch wenn er ein Gründungsteam an seiner Seite hat, muss er viele Aufgaben allein stemmen. Es gibt wenig Routine, dafür aber viele Unterbrechungen und Situationen, in denen improvisiert werden muss.

Kann man auch Gemeinde gründen, wenn zwar ein Kernteam, aber kein Gründungspastor vorhanden ist? Das kommt darauf an: Unter Umständen kann das Fehlen eines Pastors durch erfahrene ehrenamtliche Männer ausgeglichen werden, muss aber gut überlegt sein. Gerade in einer Gemeindegründung treffen wenige Menschen auf eine sich schnell summierende Arbeit.

Das Kernteam

Das Kernteam besteht aus Menschen, die die theologische Ausrichtung der Gemeindegründung voll mittragenEine Gemeindegründung ergibt sich meistens aus einer vor Ort bestehenden Gruppe von Christen. Wenn noch keine Gruppe da ist, ist die erste Aufgabe des Gemeindegründers, ein Team zu sammeln, das die Gemeindegründung von Anfang an unterstützt. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass es innerhalb des Kernteams (inklusive Gründungsteam) auch persönlich passt.

Die Sammlung und Einheit der ersten Gemeinde gründeten sich nach Apostelgeschichte 2,42 auf vier zentrale Elemente: die Lehre der Apostel, das Gebet, das Brechen des Brotes und die Gemeinschaft. Wer eine Gemeinde gründen möchte, sollte daher nicht nur eine Kerngruppe sammeln, sondern zugleich sicherstellen, dass dieses Team geistlich auf einer gemeinsamen Grundlage steht und geschlossen zusammenarbeitet.

Dazu bedarf es eines gemeinsamen Bekenntnisses sowie einer Gemeindeordnung, die nicht nur formuliert, sondern auch gelehrt, verstanden, angenommen und praktisch umgesetzt werden muss. Diese Grundlagen prägen das Selbstverständnis der Kerngruppe und geben ihr Orientierung. Es ist so wichtig, dass alle an einem Strang ziehen. Deshalb ist es ratsam, sich mit dem Kernteam bewusst ausreichend Zeit zu nehmen, um diese Inhalte in regelmäßigen Treffen (auch online möglich) gemeinsam zu erarbeiten und offene Fragen zu klären.

Wiederum sollte man vor allem regelmäßig gemeinsam für die Gemeindegründung beten und schon im Vorfeld so viel Gemeinschaft wie möglich haben. So wächst das Kernteam besser zusammen. In vielen Erfahrungsberichten zeigt sich, dass gerade die Gründungsphase einer Gemeinde besonders angefochten ist. Es gibt viel Arbeit, die auf wenigen Schultern liegt. Dadurch entstehen oft Konflikte innerhalb des Kernteams.

Deswegen ist es wichtig, dass die Mitglieder des Kernteams realistische Vorstellungen mitbringen. Viele Christen haben nämlich eine romantische Sicht auf Gemeindegründung. Die Realität zeigt, dass Gemeindegründung für die Mitglieder des Kernteams oft deutlich anstrengender und angefochtener ist als die Mitgliedschaft in einer bestehenden Ortsgemeinde. Von daher sollte das Kernteam aus Christen bestehen, die bereit sind, mehr zu investieren, als es in einer etablierten Gemeinde nötig wäre und die bereit sind, auf den ‚Luxus‘ einer etablierten Gemeinde zu verzichten.

Bevor ein Gemeindegründer an einem Ort startet, kann er auch Menschen anfragen, ob sie bereit wären, Teil des Kernteams zu werden (und dafür gegebenenfalls umzuziehen). Dafür sind junge Paare ideal, die noch keine Kinder haben und noch kein Haus besitzen – örtlich also noch recht flexibel sind. Bevor man allerdings Christen mit diesem Anliegen anspricht, ist es wichtig, mit der Gemeindeleitung Rücksprache zu halten, ob es in Ordnung ist, Mitglieder für das Gründungsprojekt anzufragen.

Um von Anfang an eine gewisse Stabilität, Verbindlichkeit und Sicherheit zu haben, ist eine Gruppe von sechs Familien/Ehepaaren/Singles ideal. Aber wichtiger als die Größe des Kernteams ist die Einheit. Diese wiederum ist oftmals mit einer kleineren Gruppe leichter zu gewinnen, weshalb man sich nicht scheuen sollte, auch mit drei Familien zu beginnen.

Räumlichkeiten

Viele Gemeindegründungen beginnen im privaten Rahmen, etwa im Wohnzimmer. Das ist häufig der naheliegende erste Schritt. Dennoch sollte man möglichst früh öffentliche Räume suchen. Viele Menschen haben Hemmungen, in eine private Wohnung zu kommen. Zudem ist der Platz begrenzt, und Einladungen sind schwieriger.

Bei der Miete von öffentlichen Räumen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder man mietet öffentliche Räume nur für den Sonntag oder man entscheidet sich für eine dauerhafte Anmietung. Öffentliche Räume nur sonntags zu mieten ist günstiger, bietet jedoch weniger Möglichkeiten für weitere Veranstaltungen. Alle weiteren Treffen müssen dann in privaten Wohnungen stattfinden. Dauerhaft angemietete Räume sind teurer, stehen dafür für weitere Veranstaltungen (unter der Woche) zur Verfügung.

Finanzen

Ohne finanzielle Mittel geht es nicht. Gemeindegründung kostet Geld, oft mehr, als das Kernteam allein aufbringen kann. Zu den größten Posten gehören die Miete für die Räumlichkeiten und das Gehalt des Gemeindegründers. Bei einer Vollzeitstelle für den Gemeindegründer muss man für Miete, Gehalt und weitere kleine Kostenpunkte mit einem Jahresbudget von achtzig- bis einhunderttausend Euro rechnen.

Es gibt Möglichkeiten zu sparen, etwa durch eine Teilzeitstelle für den Pastor oder durch die Anmietung von Räumen nur für den Sonntag. Dennoch bleibt die finanzielle Herausforderung groß. Deshalb ist es wichtig, das Kernteam frühzeitig zum Geben anzuleiten und weitere Unterstützer zu suchen, etwa größere Gemeinden, Missionswerke oder Stiftungen im In- und Ausland. Für die rechtliche und finanzielle Abwicklung ist die Gründung eines Vereins ratsam (siehe den fünften Artikel dieser Serie: „Vereine und Finanzen“ in BK 92 vom März 2023).[2]

Ein guter Rat

Als wir mit unserer Gemeinde in Osnabrück den Schritt aus dem Wohnzimmer in öffentliche Räume wagten, erhielt ich (Ludwig Rühle) von einem Bekannten den hilfreichen Rat, mich den anderen Pastoren der Stadt kurz vorzustellen. Ähnlich wie man sich nach einem Umzug den neuen Nachbarn vorstellt, trägt ein solcher Schritt dazu bei, von Anfang an ein freundliches Neben- und Miteinander zu fördern.

Solche Besuche werden mitunter gescheut, weil die Sorge besteht, als Konkurrenz wahrgenommen zu werden. Doch die Ernte ist groß, während es an Arbeitern – und oft auch an Gemeinden – mangelt. Entsprechend habe ich bei allen Besuchen, die ich sowohl in Osnabrück als auch in Dresden gemacht habe, durchweg freundliche und offene Begegnungen erlebt.

Kinderkrankheiten und Herausforderungen

Herausfordernde Charaktere: Gemeindegründungen sind besonders anfällig für Schwierigkeiten. Charakterlich schwierige Persönlichkeiten, die bereits in mehreren Gemeinden gescheitert sind, suchen manchmal in einer Neugründung ein neues „Opfer“. Ein Gemeindegründer nannte solche Christen einmal „freie Radikale“. Sie suchen Gemeinschaft mit Christen, können sich aber nur schwer ein- und unterordnen. Sie wollen gerne alles mitbestimmen und kommen nicht mit einem von vornherein festgelegten Bekenntnis und einer Gemeindeordnung klar. Dennoch sind sie anfänglich begeistert von dem neuen Projekt und bieten ihre Hilfe an. Schnell gehen sie jedoch den anderen im Kernteam auf die Nerven, beschäftigen den Gemeindegründer und schrecken andere von dem Projekt ab. 

Andere Christen lieben die informelle Atmosphäre einer sehr kleinen (Wohnzimmer-)Gemeinde und fürchten jede Form von Struktur. Wieder andere bringen charismatische oder schwärmerische Tendenzen mit. Auch Irrlehrer stellen eine reale Gefahr dar – besonders für junge Gemeinden. In den kleinen Briefen des Neuen Testaments wird deutlich, dass die jungen Gemeinden durch Irrlehrer stark bedroht waren (2. Petrus; 2. und 3. Johannes; Judas). Es haben sich nämlich etliche Menschen unbemerkt eingeschlichen, die schon längst zu diesem Gericht aufgeschrieben worden sind, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit verkehren und Gott, den einzigen Herrscher, und unseren Herrn Jesus Christus verleugnen (Jud 4). 

Solchen Menschen darf man keine ‚Bühne‘ geben. Man darf aufgrund von Harmoniesucht und falscher Demut nicht die Auseinandersetzung mit ihnen scheuen. Und natürlich darf man keine Kompromisse mit ihnen eingehen (Judas 22–23).

Neben den genannten Anfechtungen gibt es weitere Faktoren, die eine junge Gemeindegründung belasten können:

Tendenz zu Kompromissen: Als Gemeindegründer ist man versucht, alle Besucher und Interessenten zu halten und ihnen entgegenzukommen. Die Gemeinde soll wachsen und weitere Mitarbeiter werden gebraucht. Die häufige Tendenz in der Gründungsphase ist es, dass man versucht, auf alle einzugehen. Das kostet meistens sehr viel Zeit und Nerven. Da man es nicht allen recht machen kann, gehen viele anfängliche Interessenten irgendwann wieder. Solche Erfahrungen können einem Herzlichkeit und Offenheit für andere Besucher rauben.

Viel Arbeit auf wenigen Schultern: Es kann auch zu einer gefährlichen Kettenreaktion kommen. Wenn es durch die viele Arbeit unter den schon wenigen verbindlichen Mitarbeitern zu Streit oder Überlastung kommt, können sich einige zurückziehen. So lastet noch mehr Arbeit auf noch weniger Schultern.

Angriffe auf Gemeinschaft und Familien: Bei Gemeindegründungen kann man beobachten, dass die ehemals herzliche Gemeinschaft des Gründungsteams Angriffen ausgesetzt ist. Schlechte Kommunikation („mich hat wieder keiner informiert“), Rechthaberei (anstrengende Diskussionen), Missgunst („warum steht der andere mehr im Rampenlicht?“), Selbstmitleid („alle Probleme bleiben bei mir hängen“) und ähnliche Gedanken können die Gemeinschaft aufreiben. Auch die Familien werden angegriffen. Immer wieder kommt es z.B. im Zuge von Gemeindegründungen zu Eheproblemen. Oder es passiert, dass die (oft wenigen) Kinder im Kernteam sich abgehängt fühlen, weil es kaum oder gar keine Kinder in ihrem Alter gibt. 

Entmutigung: Durch Rückschläge, Streit, Trennungen und fehlendes Wachstum kann es schnell zur Entmutigung kommen. Manche Gemeindegründer stehen wöchentlich – in manchen Zeiten sogar täglich – vor der Versuchung aufzugeben. Darum muss man von vornherein mit Angriffen und Anfechtungen rechnen und sich geistlich wappnen. Es kann bis zu zehn Jahre und manchmal auch länger dauern, bis eine Gemeinde einigermaßen etabliert und stabil ist. Auf die Frage, welche Qualifikationen ein Gemeindegründer vor allem braucht, haben mir (Ludwig Rühle) Pastoren übereinstimmend geantwortet: Geduld und ein dickes Fell.

Gründung im Rahmen einer Muttergemeinde

Nicht alle der genannten Herausforderungen können vorhergesehen oder verhindert werden. Aber es ist gut, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, wie es gelingen kann, auf die Anfechtungen zu reagieren oder sogar dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst aufkommen. Die wichtigste Stellschraube ist es, Gemeindegründung gemeinsam mit einer Muttergemeinde anzugehen. Dieser Punkt wurde bereits ausführlich im sechsten Teil dieser Serie in BK 93[3] erläutert. Wir wollen nicht alles nochmal aufgreifen, was dort gesagt wurde, sondern vielmehr zeigen, wie die Gründung mit einer Muttergemeinde helfen kann, viele der genannten Herausforderungen abzufangen.

Stichwort Gründer/Pastor: Der Pastor wird von der Muttergemeinde ausgesandt und bleibt unter der Aufsicht der dortigen Ältestenschaft. Regelmäßig nimmt er (gegebenenfalls online) an den Ältestensitzungen der Muttergemeinde teil. Auf diese Weise hat er einerseits einen Ort, wo er selbst rechenschaftspflichtig ist. Andererseits gibt es weitere Leiter, mit denen er im Austausch ist und von denen er sich Rat einholen kann: Seien es interne Herausforderungen im Kernteam oder problematische Gottesdienstbesucher – durch die Einbindung in die Ältestenschaft der Muttergemeinde kann man sich hier im Team beraten und schwierige Gespräche auch mindestens zu zweit führen.

Stichwort Kernteam: Aus der Muttergemeinde sind möglicherweise einige Mitglieder bereit, den Schritt mitzugehen und das Kernteam zu ergänzen. Besonders Menschen, die über längere Zeit Teil der Muttergemeinde waren, sind für ein solches Kernteam von großem Wert, da sie die „DNA“ der Gemeinde bereits über einen längeren Zeitraum kennengelernt und verinnerlicht haben.

Stichwort Finanzen: Die Muttergemeinde unterstützt die Gründung finanziell. Falls sie das nicht allein stemmen kann, kann sie den Kontakt zu Missionsgesellschaften oder Stiftungen herstellen.

Stichwort kleine Gruppe und wenig Kontakte: Die Muttergemeinde kann die Gründung immer wieder besuchen (wenn sie nicht zu weit weg ist). Es ist möglich, Gemeinde- und Jugendfreizeiten gemeinsam zu veranstalten. Dadurch können gerade die wenigen Kinder und Jugendlichen punktuell Kontakte mit Gleichaltrigen bekommen und Freundschaften schließen.

Konkrete Wege der Gemeindegründung

Wie eine Gemeindegründung konkret entsteht, kann sehr unterschiedlich sein. In Gesprächen und eigenen Erfahrungen haben wir erlebt, dass es keinen einheitlichen Weg gibt. Manche Gründungen entstehen durch Einzelpersonen, andere durch Familien oder bestehende Gruppen, wieder andere sind Wiederbelebungen bestehender Strukturen. Diese unterschiedlichen Wege wollen wir zum Ende dieses Artikels und dieser Serie anhand von einigen konkreten Gemeindegründungen deutlich machen. Als Bund Bekennender Evangelisch-Reformierter Gemeinden (BBERG) sind wir derzeit bei vier Gründungen eingebunden. Es ist spannend zu sehen, dass jedes dieser Gründungsprojekte auf einem anderen Weg entstanden ist.

Die Arbeit in Tübingen begann dadurch, dass ein Ältester einer bestehenden Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde(BERG) aus beruflichen Gründen nach Süddeutschland gezogen ist. Er hatte dort bereits Kontakte zu anderen Christen, die an einer Gemeindegründung interessiert waren. Diese Christen bildeten eine Gruppe, mit der wir als BERG-Pastoren online unsere Grundlagen durchgearbeitet haben. Für einige Jahre lag der Großteil der (Leitungs-)Arbeit ehrenamtlich auf den Schultern dieses Ältesten, bis die Gemeinde vor kurzem einen Pastoralreferenten zu 50 % anstellen konnte, der bereits von Anfang an Teil des Kernteams war und derzeit sein Theologiestudium zu Ende bringt.

In Nordhorn war eine Familie nach einem Umzug auf Gemeindesuche, ohne eine Gemeinde zu finden, die theologisch zu ihnen gepasst hätte. Während ihrer Suche lernten sie weitere Familien kennen, die vor ähnlichen Herausforderungen standen. Gemeinsam gingen sie auf eine unserer bestehenden Gemeinden zu, mit der Bitte, sie bei einer Gemeindegründungsarbeit zu unterstützen. Diese bestehende Gemeinde übernahm von da an die Aufgabe einer Muttergemeinde und veranstaltete zunächst monatliche Gottesdienste in Nordhorn. Als deutlich wurde, dass weiteres Interesse bestand, nahmen wir Kontakt zu einem Pastor auf, der in einer BERG tätig werden wollte. Seit Anfang 2025 ist dieser Pastor als Gemeindegründer eingesetzt und leitet die Arbeit vor Ort.

In Burbach-Würgendorf im Siegerland gab es eine landeskirchliche Gemeinschaft, die kurz davor stand, ihre Arbeit aufgrund von Überalterung und geringer Mitgliederzahl einzustellen. Nach einigen Gesprächen haben sich einige junge Familien aus der Gegend, die an der Mitgliedschaft in einer BERG interessiert waren, der Gemeinschaft angeschlossen. Gemeinsam hat man sich dazu entschieden, den Antrag auf Mitgliedschaft im BBERG zu stellen. Es handelt sich hier also nicht um eine klassische Gemeinde(neu)gründung, sondern um eine Art Gemeindewiederbelebung. Ab Sommer 2026 soll dort ein Pastoralreferent mit einer halben Stelle den Dienst aufnehmen. Bis dahin wird der Großteil der Predigtdienste von Mitarbeitern einer bestehenden BERG übernommen.

Dresden ist das jüngste Projekt des BBERG. Hier ging die Initiative tatsächlich von einem Gemeindegründer aus, der aus der Gegend stammt und dem Dresden auf dem Herzen liegt. Nach einigen Jahren des Gebets hat Gott erste Türen geöffnet, die zu weiteren Schritten ermutigt haben. Vor allem Besuche, persönliche Kontakte, und Predigtdienste (in befreundeten Gemeinden oder Hausgottesdienten) vor Ort waren weitere Schritte zur Gemeindegründung. Von Anfang an war klar, dass die neue Gemeinde innerhalb eines Gemeindeverbandes und mit einer Muttergemeinde gegründet werden soll. Das gab die nötige Klarheit in Gesprächen mit Interessierten. Die ersten Gottesdienste sollen nun mit einem Aufnahmekurs mit den Familien des entstehenden Kernteams verbunden sein. [LS1] 

Gemeindegründung: unterschiedliche Wege – ein Ziel

Diese kurzen Berichte geben einen kleinen Einblick, wie Gemeindegründungen auf den unterschiedlichsten Wegen entstehen können. Das Ziel ist aber in jedem Fall dasselbe: die Gründung einer Gemeinde, die Christen auf Christus hinweist und zu ihm wachsen lässt, während sie gleichzeitig nach außen strahlt, um Menschen zum Glauben zu rufen.

Mit diesem Artikel endet unsere Artikelreihe zu Gemeinde und Gemeindegründung. Es gäbe noch viele weitere Themen und Fragen, die in diesem Zusammenhang bedacht werden könnten. Nach unserer Erkenntnis und Erfahrung sind dies jedoch die grundlegenden Aspekte. Unser Anliegen war es, aufzuzeigen, was die Bibel zu diesem Thema lehrt, und zugleich die Situation im deutschsprachigen Raum in den Blick zu nehmen.

Bei allen strategischen Überlegungen ist es jedoch wichtig, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren: Jesus Christus ist der Herr seiner Gemeinde. Er selbst baut und erneuert sie. Letztlich hängt Gemeindegründung nicht von unserer Kraft, Erfahrung oder Strategie ab, sondern von ihm. Gerade deshalb können wir Gemeinden mit Zuversicht und Mut gründen und bauen.

Ludwig Rühle ist Pastor der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Osnabrück und unterrichtet als Lehrbeauftragter Praktische Theologie an der Akademie für Reformatorische Theologie. Er ist verheiratet mit Katharina und Vater von vier Kindern.

Jochen Klautke ist Pastor der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen und Dozent für Systematische und Historische Theologie an der Akademie für Reformatorische Theologie. Er ist verheiratet mit Natalie und Vater von drei Kindern.


[1] Nathan Knight: Pastor, nicht Entrepeneur, abgerufen am 2.2.2026 unter https://www.evangelium21.net/media/4122/pastor-nicht-entrepreneur.

[2] Online abrufbar unter: https://bekennende-kirche.de/artikel/verein-und-finanzen-teil-5-der-serie-gemeinde-und-gemeindegruendung/.

[3] Online abrufbar unter: https://bekennende-kirche.de/artikel/begleitende-gemeinden-gemeinde-und-gemeindegruendung-teil-6/.