In der ehemaligen DDR wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die erste sozialistische Stadt geplant und gebaut: Stalinstadt, das heutige Eisenhüttenstadt. Sie sollte zeigen, dass Sozialismus und Kommunismus eine vollkommene Welt schaffen können – selbstverständlich ohne Gott.
Zu dieser Vision gehörte auch die Verdrängung des christlichen Glaubens. Kirchen hatten keinen Platz. Walter Ulbricht sagte 1953 in seiner berüchtigten „Turmrede“: „Ja! Wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen.“ Durch das SED-Regime wurden in Ostdeutschland im Laufe der Jahre mehr als 60 Kirchen gesprengt. Sie passten nicht in den neuen Städtebauplan der Kommunisten. Die wenigen Christen in Stalinstadt trafen sich erst in einer Gaststätte, dann in einem Bauwagen, in einem Zelt und in einer Baracke. Erst Jahrzehnte später durfte ein Gemeindezentrum gebaut werden.
Stalinstadt sollte der Welt zeigen, wie eine neue Gesellschaft ohne Gott aussieht.
Philippi war das Stalinstadt des Römischen Reiches.
Umso erstaunlicher, dass Paulus seinen Brief an die christliche Gemeinde in Philippi mit diesen Worten beginnt: Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch gedenke (Phil 1,3). Dieser Dank ist kein höflicher Einstieg, keine geistliche Floskel. Er ist Ausdruck einer tiefen geistlichen Erkenntnis: Diese Gemeinde ist ein Werk Gottes. Und darum kann Paulus danken – selbst dann, wenn er aus dem Gefängnis schreibt, selbst dann, wenn diese Gemeinde nicht frei von Problemen ist.
Gerade Gemeindegründer und Gemeindeleiter brauchen diese Perspektive. Wer Gemeinde baut, wird schnell durch die kleinen Anfänge, das langsame Wachstum und die vielen Probleme entmutigt. Paulus aber blickt auf die Gemeinde in Philippi – und sieht vor allem Gottes gnädiges und mächtiges Handeln. Um diesen Dank zu verstehen, müssen wir die Geschichte dieser Gemeinde und ihre strategische Bedeutung kennen.
1. Philippi – eine römische Planstadt
Philippi war das Stalinstadt des Römischen Reiches. Denn: Auch Philippi war eine Planstadt – eine Stadt, die nach Kriegen zerstört und dann bewusst als römische Vorzeigestadt wieder aufgebaut wurde. Ehemalige römische Soldaten wurden dort angesiedelt – staatstreue Männer, Träger römischer Ordnung. Die Stadt erhielt höchste Privilegien. Es galt römisches Recht, die Bewohner waren römische Bürger. Architektur, Sprache, Geld, Kleidung – alles in Philippi sollte an Rom erinnern. Wer dort einen Spaziergang machte, sollte sich fühlen, als ginge er durch Rom.
Eine römische Vorzeigestadt, in der nicht nur römische Gottheiten, sondern der Kaiser selbst angebetet wurden – für eine Synagoge war kein Platz vorgesehen. Philippi war ein römisches Machtzentrum! Aber genau an diesem Ort wollte Gott etwas anderes deutlich machen: die Macht seiner Gnade. Philippi war eine römische Planstadt, die auf dem Missionsplan Gottes stand.
2. Philippi – Eine Stadt auf Gottes Missionsplan
Die Apostelgeschichte zeigt uns, wie Paulus nach Europa kam (Apg 16). Bemerkenswert ist dabei: Gottes Führung geschieht nicht nur durch offene Türen. Der Heilige Geist schließt Türen: Pläne scheitern und manche Richtungen werden versperrt – auch das gehört zu Gottes Leitung.
Dann kommt der Traum vom Mann aus Mazedonien. Eine klare, konkrete Weisung Gottes. Solche direkten Eingriffe markieren in der Heilsgeschichte oft strategische Schritte: Philippus wird gezielt zum äthiopischen Kämmerer gesandt, Petrus gezielt zum römischen Hauptmann Kornelius – und Paulus gezielt nach Europa.
Die erste Stadt, in der Paulus dort tätig wird, ist Philippi. Menschlich gesehen hätte man sich wohl eine andere Stadt ausgesucht. Gott aber setzt bewusst ein Zeichen: Gerade dort, wo Rom zeigen will, wie es sich die Zukunft der Welt vorstellt, zeigt Gott, was sein Plan für diese Welt ist –, und dass er diesen Plan auch erfüllen kann. Wir sehen das konkret an den drei Personen, denen Paulus in Apostelgeschichte 16 begegnet.
Die Purpurhändlerin – Kleine Anfänge
Der Anfang der Gemeinde ist unscheinbar. Es gibt keine Synagoge, keinen öffentlichen Ort für Verkündigung, also geht Paulus zu einem Gebetstreffen von Frauen an einen Fluss. Was dort genau geschieht, erfahren wir nicht im Detail. Es ist schlicht und unspektakulär. Und doch hatte Gott ganz Europa auf seinem Plan – auch wenn er ganz klein beginnt.
Eine Frau namens Lydia hört zu. Sie ist eine wohlhabende Händlerin, gottesfürchtig und religiös interessiert. Ihre Reaktion? Der Herr tat ihr das Herz auf, sodass sie aufmerksam achtgab auf das, was von Paulus geredet wurde (Apg 16,14).
Paulus redet; Lydia hört; Gott öffnet das Herz – so beginnt Gemeinde.
Für Gemeindegründer ist das eine entscheidende Ermutigung: Lasst euch nicht von kleinen Anfängen entmutigen. Gott sucht nicht zuerst die große Bühne. Er beginnt im Verborgenen. Entscheidend ist nicht unsere Größe, sondern seine Gnade. Gott fing an, seine Gemeinde zu bauen – durch die Worte seiner Diener.
Das Sklavenmädchen – Geistliche Kämpfe
Der nächste Schritt führt in den Konflikt. Paulus befreit ein Sklavenmädchen von einem bösen Geist. Was für dieses Mädchen die Freiheit bedeutete, war für ihre Besitzer ein finanzieller Verlust. Für Paulus und Silas bedeutet es Gefängnis.
Hier wird das sichtbar, was uns sonst oft verborgen bleibt: Gemeindebau ist geistlicher Kampf. Wir kämpfen nicht gegen Menschen, sondern gegen Mächte und Gewalten. Wo das Evangelium wirkt, regt sich Widerstand. Dennoch können wir auf Gott vertrauen, denn letztlich sind auch die übernatürlichen bösen Mächte Gott unterlegen.
Wir sollten uns deshalb über Anfechtungen, Anfeindungen und Schwierigkeiten im Gemeindebau nicht wundern. Sie sind kein Zeichen des Scheiterns, sondern oft ein Hinweis darauf, dass wir auf dem richtigen Weg sind (vgl. 2Thess 1,4–5).
Auch hier gilt: Gott fing an, seine Gemeinde zu bauen – diesmal durch die Taten seiner Diener.
Der Gefängniswärter – mächtige Befreiung
Paulus und Silas sitzen geschlagen und gedemütigt im Gefängnis. Ihre Beine sind im Stock eingezwängt. Sie wussten: Gott ist am Wirken – ganz besonders im Leid. Darum singen sie und loben Gott mitten in der Nacht.
Dann geschieht das Unerwartete:
- Ebenso wie Gott die Erde Europas zum Beben brachte, sollte das Evangelium Europa und das römische Reich zum Erbeben bringen.
- Ebenso wie Gott die Türen des römischen Gefängnisses öffnete, will Gott Gefangene, Menschen, die in den Ketten der Sünde liegen, frei setzen!
Und die Umsetzung dieses Plans beginnt mit dem Gefängnisdirektor selbst! Der Mann, die die Macht des römischen Reiches vor Ort verkörperte, ein harter, römischer Veteran wird zu einem Kind Gottes.
Bei dieser dritten Begegnung fing Gott an seine Gemeinde zu bauen, durch das Vorbild seiner Diener.
Als der Gefängniswärter die offenen Türen sieht, will er sich das Leben nehmen. Doch Paulus ruft ihn zurück. Als der Mann sieht, dass alle Gefangenen noch das sind, fällt er zitternd vor Paulus auf die Knie. Das Wunder für ihn waren nicht das Erdbeben und die geöffneten Türen, sondern dass die Gefangenen, einschließlich Paulus und Silas nicht geflüchtet waren.
Lektionen für den Gemeindebau
1. Gemeindebau beinhaltet Probleme und Leiden
Die Gemeinde in Philippi entsteht nicht unter idealen Bedingungen. Widerstand, Verleumdung, Gewalt und Gefängnis gehören von Anfang an dazu. Doch wie Paulus und Silas dürfen auch wir uns dadurch nicht entmutigen lassen. Denn Leid ist kein Zeichen dafür, dass Gott nicht wirkt. Oft wirkt Gott gerade mitten im Leid.
2. Gott erreicht Menschen auf unterschiedliche Weise
Manche Menschen werden direkt durch die Verkündigung angesprochen. Andere durch unsere Werke der Barmherzigkeit. Wieder andere durch unser christliches Vorbild.
3. Niemand ist außerhalb von Gottes Reichweite
Da ist Lydia – eine reiche, asiatische, fromme Geschäftsfrau. Da ist das Sklavenmädchen – arm, rechtlos, geistlich gebunden. Da ist der Gefängniswärter – ein römischer Veteran und Amtsträger, dem das Evangelium zunächst gleichgültig ist.
Sie alle haben eine unterschiedliche Herkunft, einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Stand und eine unterschiedliche Lebensgeschichte. Und doch gilt für alle drei: Gott kann jeden retten.
Das fordert uns heraus. Wie schnell bilden wir innerlich unsere Kategorien: Für den könnte das Evangelium etwas sein – für den eher nicht. Die Geschichte von Philippi widerspricht diesem Denken. Es gilt: Niemand ist außerhalb von Gottes Reichweite.
Aus kleinen Anfängen wird eine Gemeinde
Paulus und Silas müssen Philippi bald verlassen. Doch bevor sie gehen, besuchen sie Lydia. Dort treffen sie die Brüder (Apg 16,40). In kurzer Zeit ist die Gemeinde gewachsen. Lydias Haus ist zu einer Hauskirche geworden.
Im Philipperbrief sehen wir, was aus diesen kleinen Anfängen, aus der Geschäftsfrau, dem Sklavenmädchen und dem Gefängniswärter geworden ist: Eine Gemeinde,…
- …die Paulus treu unterstützt.
- …die einen Gesandten (Epaphroditus) Paulus zur Hilfe ins Gefängnis schickt.
- …mit Aufsehern und Diakonen, mit Struktur und Mitarbeit.
Paulus schreibt an die Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind. In der römischen Vorzeigestadt leben nun Bürger des Himmelreiches.
Diese Gemeinde kennt auch Probleme: Anfeindungen von außen, Streit von innen, Irrlehren, Trübsal. All das ist nicht ungewöhnlich. Aber zwei Dinge werden schon im Anfang des Philipperbriefes deutlich: Die Gemeinde wurde durch Gottes Gnade gegründet. Und die Gemeinde wird durch Gottes Gnade bewahrt.
Paulus schreibt: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ Diese Gnade kommt vom Kreuz. Keine Strategie, keine Predigt, kein Werk der Barmherzigkeit und auch kein Vorbild hätte ausgereicht. Christus musste unsere Schuld auf sich nehmen und die Strafe dafür tragen. Daraus lebt und wächst die Gemeinde – damals wie heute. Und auf dieser Grundlage dürfen auch wir heute mit Zuversicht Gemeinde bauen.
3. Danke Gott für seinen Plan mit deiner Gemeinde
Durch die Geschichte der Gemeinde in Philippi will Gott uns auch heute zum Gemeindebau motivieren – gerade in schwierigen Zeiten. Gott hat einen Plan, einen Heilsplan, in dem auch die gottlosen Städte unserer Zeit involviert sind.
Wie schauen wir auf unsere Gemeinden und Gemeindegründungen? Mit Sorgen? Mit Klage? Oder mit Dank? Paulus schreibt aus großen Nöten heraus: Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch gedenke. Auch unsere Gemeinden sind Gottes Gnadenwerk. Ihre Entstehung, ihre Geschichte, ihre Zukunft liegen in seiner Hand. Jede Ortsgemeinde ist ein Wunderwerk Gottes. Darum dürfen auch wir auf der Grundlage des Evangeliums mit Zuversicht Gemeinde bauen.
Ludwig Rühle ist Pastor der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Osnabrück und unterrichtet als Lehrbeauftragter Praktische Theologie an der Akademie für Reformatorische Theologie. Er ist verheiratet mit Katharina und Vater von vier Kindern.