Seit Jahrhunderten diskutieren Christen die Frage, ob die Taufe ein persönliches Bekenntnis des eigenen Glaubens voraussetzt oder nicht. Ist letzteres der Fall, dürfen bzw. sollen auch kleine Kinder getauft werden, die den eigenen Glauben noch nicht bekennen können.
Innerhalb der reformierten Theologie wird für die Rechtmäßigkeit der Kindertaufe unter anderem damit argumentiert, dass der Bund mit Abraham auch unmündige Kinder einschloss, was durch das Zeichen der Beschneidung zum Ausdruck gebracht wurde. Dieser Einschluss der Kinder in den Bund Gottes – oder konkret in die sichtbare äußere Bundesgemeinschaft – setzt sich im Neuen Bund fort. Jesus selbst sagt den Kindern das Reich Gottes zu (Mk 10,14), Petrus spricht ihnen die Bundesverheißung Gottes zu (Apg 2,39) und Paulus bezeichnet sie als ‚heilig‘ (1Kor 7,14) und verortet sie ‚in dem Herrn‘ (Eph 6,1).
Baptisten argumentieren dagegen, dass Kinder zwar Teil des Volkes Gottes im Alten Bund waren, aber dass sich dies mit der Einsetzung des Neuen Bundes an Pfingsten geändert habe. Ihnen zufolge dürfen von nun an nur diejenigen getauft werden, die ihren Glauben bekennen.
Eine entscheidende Rolle in dieser Debatte nimmt der Abschnitt aus Jeremia 31,31–34 ein. In düsteren Zeiten verheißt Gott hier dem Volk den Neuen Bund. Baptistische Theologen argumentieren, dass gemäß Jeremia 31 der Neue Bund im Unterschied zum Alten die Wiedergeburt voraussetze, um Teil von Gottes Bundesvolk (der sichtbaren Gemeinde) zu sein.
Mit dieser These setzt sich Guy M. Richard in einem Kapitel seines Buches Die Taufe – Antworten auf häufige Fragen kritisch auseinander. Dieses Kapitel ist im Folgenden abgedruckt.
Wir sehen die wesentliche Übereinstimmung zwischen dem abrahamitischen und dem Neuen Bund z.B. in Jeremia 31,33–34, wo Jeremia den Neuen Bund beschreibt und dabei deutlich macht, wie dieser sich von allen vorausgehenden Bündnissen unterscheidet. Während er diese Unterschiede deutlich macht, nennt er den Satz Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein (V. 33) als eines der Merkmale des Neuen Bundes. Dieser Satz war jedoch ausdrücklich in den Verheißungen enthalten, die Gott dem Abraham bereits in 1.Mose 17,7 gemacht hatte: Und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinem Samen nach dir von Geschlecht zu Geschlecht als einen ewigen Bund, dein Gott zu sein und der deines Samens nach dir. Nach Jeremia 31 wird also genau dieselbe Verheißung, die Teil des abrahamitischen Bundes war, auch Teil des Neuen Bundes bleiben. Dies zeigt ganz offensichtlich, dass es eine große Übereinstimmung zwischen beiden Bündnissen gibt.
Aber wir können die Übereinstimmung auch daran sehen, dass die Formulierung Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk seinim Alten Testament recht häufig vorkommt und sich dabei auf die äußere Bundesgemeinschaft bezieht. In 2.Mose 6,7 zum Beispiel macht Gott der Nation Israel diese Verheißung: Und ich will euch als mein Volk annehmen und will euer Gott sein; und ihr sollt erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin, der euch aus den Lasten Ägyptens herausführt.[1] Diese Verheißung ist nicht nur für die innere Bundesgemeinschaft, also nicht nur für die tatsächlich Gläubigen bestimmt. Sie wird Israel als Nation gegeben, den biologischen Nachkommen Abrahams. Warum sollte man davon ausgehen, dass dieselbe Verheißung jetzt im Neuen Bund nur für wahre Gläubige gelten sollte? Der Satz „Ich will dein Gott sein, und du sollst mein Volk sein“ ist im Alten Testament nicht nur für die Gläubigen reserviert. Er wird der gesamten äußeren Bundesgemeinschaft gegeben, die, zumindest seit der Zeit von Abraham, auch unmündige Kinder miteinschloss. Dieser Punkt sollte an und für sich schon ausreichen, um die These zu widerlegen, dass Jeremia 31 wesentliche Unterschiede zwischen dem abrahamitischen und dem Neuen Bund lehre. Ein weiterer Punkt, der uns eine wesentliche Übereinstimmung zwischen den beiden Bündnissen zeigt, ist der Hinweis auf die Initiative Gottes. Wiederholt wird uns gesagt, dass der Neue Bund von derselben Souveränität Gottes abhängig ist, die auch die älteren Bündnisse gekennzeichnet hat. Im abrahamitischen Bund wird uns siebenmal gesagt, dass Gott den Bund aufrichten wird und dass Er selbst alle Verheißungen in Erfüllung gehen lassen wird (1.Mos. 17,2.5.6.7.8). Bezeichnenderweise wird uns auch für den Neuen Bund siebenmal gesagt, dass Gott den Bund souverän aufrichten und seine Verheißungen erfüllen wird (Jer. 31,31.33.34). Auch hier sehen wir, dass der Neue Bund sich im Kern nicht von den vorhergehenden Bündnissen unterscheidet.
Umgang mit den offensichtlichen Unterschieden
Wie sollen wir aber die Aussagen (in Jer. 31,33–34) verstehen, die anzudeuten scheinen, dass der Neue Bund anders sein wird als alle vorherigen Bündnisse? Wir erfahren dort, dass (1) alle Mitglieder des Neuen Bundes das Gesetz auf ihren Herzen geschrieben haben werden (V. 33), dass (2) sie alle Gottes Volk sein werden (V. 33) und dass (3) sie alle den Herrn kennen werden und ihnen ihre Sünden vergeben werden (V. 34).
Zunächst sollten wir uns daran erinnern, dass die wahren Mitglieder – d. h. die Mitglieder der inneren (unsichtbaren) Bundesgemeinschaft (sowohl die des abrahamitischen Bundes als auch die des Neuen Bundes) – diejenigen sind, die wirklich glauben, wie Abraham es tat. Sie sind somit „in Christus“, der der Nachkomme Abrahams schlechthin ist. Es sollte uns daher nicht überraschen, dass wir bei beiden Bündnissen Formulierungen finden, die nur auf echte Gläubige zutreffen. Wir haben bereits auf das Beispiel des Satzes „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“ im Alten Testament hingewiesen. Dieser Satz, der der äußeren Bundesgemeinschaft gegeben wird, benutzt Begriffe, die ausschließlich auf die innere Bundesgemeinschaft zutreffen. Nur diejenigen, die wirklich glauben, wie Abraham es tat, haben ein Recht auf die Verheißung „Ich werde dein Gott sein, und du wirst mein Volk sein“. Aber die Verheißung wird sowohl den Gläubigen als auch den Ungläubigen in Israel gegeben. Das Gleiche gilt auch in Jeremia 31. Gott spricht hier von der äußeren Bundesgemeinschaft und gebraucht dabei Begriffe, die der inneren Gemeinschaft vorbehalten sind.
Der Kontext von Jeremia 31
Wenn wir Jeremia 31 richtig verstehen wollen, dann müssen wir auch den unmittelbaren Zusammenhang des Abschnitts im Auge behalten. Im Zusammenhang wird gerade nicht der abrahamitischen Bund dem Neuen Bund gegenübergestellt. Es geht vor allem um den Bund mit Mose, der mit dem Neuen Bund verglichen und diesem gegenübergestellt wird. Jeremia sagt damit, dass der Neue Bund sich vom mosaischen Bund in dreierlei Hinsicht unterscheiden wird („nicht wie“; V. 32): (1) Das Gesetz wird auf das Herz des Volkes geschrieben sein, (2) alle werden den Herrn kennen, vom Geringsten bis zum Größten, und (3) Gott wird nicht mehr an ihre Sünden gedenken. Der Zusammenhang ist also wichtig, um zu verstehen, in welcher Weise der Neue Bund sich jeweils unterscheidet. Wir sehen dadurch, dass der Neue Bund sich in seiner Form, also seiner äußeren Gestalt, von den früheren Bündnissen unterscheidet, nicht aber in seinem Kern bzw. seinem Wesen.
Wir sehen das erstens an der Verheißung, dass Gott im Neuen Bund das Gesetz auf die Herzen der Menschen schreiben wird (V. 33). Das Gesetz, das im mosaischen Bund auf Steintafeln geschrieben war, wird nun auf die Herzen der Menschen geschrieben werden. Es ist nicht so, dass das Gesetz nicht mehr gelten würde oder dass es durch ein neues Gesetz ersetzt werden würde. Das Gesetz, das ein Teil des mosaischen Bundes war, wird immer noch ein Teil des Neuen Bundes sein. Der einzige Unterschied besteht in der Form, die das Gesetz annehmen wird.
Zweitens sehen wir diesen Unterschied in Bezug auf die Form an der Verheißung, dass alle im Neuen Bund den Herrn erkennen werden (V. 34). Auch hier zeigt uns der Zusammenhang, dass dieser Vers nicht bedeutet, dass nur Gläubige Teil des Neuen Bundes sein werden. Er zeigt uns vielmehr, dass der Neue Bund sich vom mosaischen Bund dadurch unterscheidet, dass er klarer und umfassender ist. Der Neue Bund ist deshalb klarer, weil Gott jetzt klar und deutlich zu seinem Volk spricht und nicht unter einer „Decke“, wie er es unter dem mosaischen Bund getan hatte (siehe 2.Kor. 3,12–16). Das Evangelium, das definitiv zum mosaischen Bund dazugehörte, war dennoch durch Schatten verdunkelt und in Finsternis gehüllt. Im Neuen Bund jedoch hat Gott im übertragenen Sinn das Licht angeschaltet. Er hat die Botschaft des Evangeliums, die bereits im Bund mit Mose enthalten war, klarer und deutlicher gemacht. Er hat uns im Neuen Bund weder ein anderes Evangelium noch ein besseres Evangelium gegeben als im mosaischen Bund. Er hat uns das gleiche Evangelium gegeben, aber er hat es uns klarer und deutlicher geschenkt. Die Decke ist entfernt worden. Der Kern bzw. das Wesen des Bundes hat sich nicht geändert, die Form allerdings schon.
Der Umfang des Bundes
Wir lesen auch, dass der Bund umfassender sein wird, denn „alle“ werden den Herrn kennen vom Kleinsten … bis zum Größten (Jer. 31,34). Auch dies ist kein Hinweis darauf, dass jedes Mitglied des Neuen Bundes ein echter Gläubiger sein wird. Es ist vielmehr eine Aussage über die Änderung der Form bzw. der äußeren Gestalt. Während im mosaischen Bund die Erkenntnis Gottes und seines Willens nur wenigen Auserwählten – den Propheten und Priestern – vorbehalten war, werden im Neuen Bund alle, vom Kleinsten bis zum Größten, den gleichen Zugang und die gleiche Möglichkeit haben, Gott und seinen Willen zu erkennen. Deshalb kann Jeremia sagen, dass Lehrer im Neuen Bund nicht mehr notwendig sein werden. Alle werden Zugang zu Gottes Offenbarung haben, was vorher nur wenigen vorbehalten war. Im Neuen Bund werden die Lehrer mehr mit Leitern gemeinsam haben als mit Propheten oder Priestern. Sie werden andere an die Hand nehmen und sie zum Herrn führen, damit sie von ihm gelehrt werden (siehe Jes. 2,2–3). Sie werden anderen helfen, den offenbarten Willen Gottes für sich selbst zu verstehen, aber sie werden nicht mehr dafür verantwortlich sein, ihnen Gottes Willen zu offenbaren. Alle werden für sich selbst Zugang zu Gottes Offenbarung haben. Wir sehen also, dass Jeremia 31 die Mitgliedschaft im Neuen Bund nicht auf Gläubige beschränkt. Vielmehr erweitern diese Verse die Verheißungen und Segnungen, die im Alten Testament Abraham und Mose gegeben worden waren.
Der Neue Bund ist besser
Wir sehen drittens einen weiteren Unterscheid in Bezug auf die Form bzw. die äußere Gestalt des Neuen Bundes, wenn wir uns die letzte Verheißung anschauen, die in Jeremia 31 gegeben wird. Dort heißt es, dass Gott sich nicht mehr an Sünden erinnern wird (V. 34). Auch hier hilft der Zusammenhang beim Verständnis. Denn auch hier geht es nicht darum, dass der Neue Bund nur für Gläubige gelten wird. Der Punkt ist, dass der Neue Bund dem mosaischen Bund weit überlegen sein wird. Im mosaischen Bund mussten die Menschen immer und immer wieder für ihre Sünden Opfer bringen. Das lag daran, dass Gott sich im mosaischen Bund immer noch an die Sünden erinnerte. Wie uns der Schreiber des Hebräerbriefes sagt, kann das Blut von Stieren und Böcken jedoch die Sünden nicht wegnehmen (Hebr. 10,4). Das war auch nie beabsichtigt. Die Opfergesetze waren lediglich als Überbrückungsmaßnahme gedacht, bis Jesus zum einmaligen Opfer geworden war. Mit dem Opfer Jesu sind alle anderen Opfer unnötig und überflüssig geworden. Durch das Opfer Jesu erinnert sich Gott nicht mehr an unsere Sünden. Er bestraft sie ein für alle Mal in und durch das Kreuz Christi und „vergisst“ sie für immer.[2] Ein weiteres Mal hilft uns der Zusammenhang zu verstehen, dass der Unterschied zwischen dem mosaischen Bund und dem Neuen Bund nicht den Kern bzw. das Wesen des Bundes betrifft, sondern die Form bzw. die äußere Gestalt. Der Kern bleibt bei beiden Bündnissen der gleiche. Aber die äußere Gestalt, die dieser Kern im Neuen Bund enthält, ist viel besser als in den früheren Bündnissen.
Jeremia 31 lehrt also nicht, dass der Neue Bund nur aus Gläubigen besteht. Wir lernen dort vielmehr, dass der Neue Bund im Kern mit allen anderen Bündnissen übereinstimmt, die ihm vorausgegangen sind. Natürlich ist er nicht identisch mit dem mosaischen Bund oder dem abrahamitischen Bund. Er ist anders. Aber dies ist nur ein formaler Unterschied. Der Zusammenhang von Jeremia 31 hilft uns, das zu erkennen. Auch die Tatsache, dass der abrahamitische Bund im Kern ein geistlicher Bund ist, zeigt uns das. Römer 4,11–12 und Galater 3,16 helfen uns, Jeremia 31 in einem anderen Licht zu sehen: Wir entdecken keine Unterschiede beim Wesen bzw. beim Kern der Bündnisse, sondern lediglich bei der Form bzw. der äußeren Gestalt.
Fazit
Aus diesen Überlegungen schließen wir – im Unterschied zu unseren baptistischen Brüdern und Schwestern –, dass der Unterschied zwischen dem Neuen Bund und allen anderen alttestamentlichen Bündnissen nicht darin besteht, dass der erste nur mit echten Gläubigen geschlossen wird, während die letzteren sowohl mit Gläubigen als auch mit Ungläubigen geschlossen wurden. Der Neue Bund wird in der Form anders sein, aber der Kern wird derselbe bleiben. Das liegt daran, dass alle Verheißungen Gottes ihr Ja finden in Christus Jesus (2.Kor. 1,20). Er ist das Band, das alle Bündnisse zusammenhält. Die Form unterscheidet sich jedoch von Bund zu Bund, wie Jeremia 31 deutlich macht. Der Neue Bund ist jedem anderen Bund überlegen (Hebr. 8,6–7). Er ist überlegen, weil der lang erwartete „Nachkomme“ Abrahams endlich da ist (Gal. 3,16). Alle alttestamentlichen Prophezeiungen, Typen und Vorschattungen haben sich nun endlich in der Person und dem Werk Christi erfüllt. Die Form bzw. die äußere Gestalt des Neuen Bundes ist also offensichtlich anders – so sehr, dass es überhaupt keinen Grund gibt, zu den früheren Bündnissen zurückzukehren. Sie sind jetzt „überholt“ (Hebr. 8,13). Aber der Neue Bund ist im Wesentlichen derselbe wie der abrahamitische Bund, weil er mit Christus geschlossen wurde, und alle, die in Christus sind, sind Kinder Abrahams und Mitglieder des Bundes, den Gott mit ihm geschlossen hat.
Weil es eine wesentliche Übereinstimmung zwischen dem abrahamitischen Bund und dem Neuen Bund gibt, besteht auch eine wesentliche Übereinstimmung zwischen den äußeren Zeichen der beiden Bündnisse und der Art und Weise, wie sie praktiziert werden. Wenn es im Neuen Testament keine gegenteiligen Anweisungen gibt, bedeutet das, dass die Taufe auf dieselbe Weise durchgeführt werden sollte wie die Beschneidung unter dem abrahamitischen Bund. Daraus können wir schließen, dass unsere Kinder auf jeden Fall das Recht haben, das äußere Zeichen der Aufnahme in Gottes Bundesgemeinschaft zu bekommen.
Das gesamte Buch kann unter cbuch.de oder direkt bei der Geschäftsstelle des VRP bestellt werden.[3]
Dr. Guy M. Richard ist seit 2021 Präsident und bereits seit 2010 Professor für Systematische Theologie am Reformed Theological Seminary in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. Zuvor war er 12 Jahre lang Pastor der First Presbyterian Church in Gulfport, Mississippi.
[1] Für andere Stellen, wo dieser Ausdruck vorkommt und er zur äußeren Bundesgemeinschaft gesprochen wird, siehe auch 2.Mose 20,2; 29,45; 3.Mose 11,45; 22,33; 25,38; 26,44–45; 4.Mose 15,41.
[2] Gott „vergisst“ unsere Sünden nicht in dem Sinne, dass er die Daten irgendwie aus seinem Speicher löscht, sondern in dem Sinne, dass er uns diese Sünden nicht länger vorhält und nicht mehr zulässt, dass unsere Sünden die Art und Weise beeinflussen, wie er über uns denkt und mit uns umgeht. Er hält uns unsere Sünden nicht vor. Er behandelt uns so, als hätten wir nie eine von ihnen begangen.