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Wortverkündigung aus Daniel 6: Die Grenzen der Unterordnung: Götzendienst und Gottesdienst

Im sechsten Kapitel des Buches Daniel ist das Babylonische Weltreich bereits Geschichte. Das zweite Weltreich aus Nebukadnezars Traum ist inzwischen Wirklichkeit geworden. Darius, der Meder, wird im vergleichsweise hohen Alter von 62 Jahren König, und auch Daniel ist nicht mehr der junge Held, sondern nun ein hochbetagter Mann. Doch noch immer sind seine Arbeit, seine Weisheit und sein Charakter so überzeugend, so integer, dass selbst der neue König ihn über das Medo-Persische Reich setzen will, das heißt nicht nur über die 120 Statthalter, sondern auch noch über die zwei anderen Superminister.

Stellen Sie sich vor, dass Angela Merkel einen zwar bewährten, aber ausländischen Beamten als ihren Stellvertreter und Chef der Ministerpräsidentenrunde einsetzen würde. Da sind sicher Neid und Missgunst vorprogrammiert.

Daniel im Visier

Daniels Feinde begannen fieberhaft, einen Anklagepunkt in seinem Leben zu suchen. Irgendeine „Leiche“ hat schließlich jeder im Keller. Falls es diese nicht geben würde, hatte er vielleicht mit den falschen Leuten Umgang gehabt, irgendwann einmal etwas Unpassendes gesagt oder, wie allgemein üblich, in die eigene Tasche gewirtschaftet. Doch bei Daniel war einfach nichts zu finden. Daniel hatte nur eine einzige „Schwäche“: Er war sehr religiös, und er glaubte an diesen Gott der Juden. Das war allerdings im Persischen Reich an sich nicht verboten. Also dachten seine politischen Gegenspieler: Was nicht ist, kann ja noch werden.

Da diese skrupellosen Politiker nicht dumm waren, erkannten sie scharf den Zusammenhang in Daniels Leben zwischen einerseits seiner Treue zu seinem Gott und andererseits der Treue zu seinem heidnischen König: „Es ist seine Frömmigkeit, die seine Glaubwürdigkeit garantiert“, schreibt Stuart Olyott.[1] Um Daniel zu diskreditieren, mussten sie ihn in eine Lage manövrieren, in der er sich zwischen seinem König und seinem Gott entscheiden musste.

Diesen Weg schlagen die Feinde des Volkes Gottes bzw. der Teufel bis heute ein. Satan versucht gläubige Menschen in Zwangssituationen zu bringen, in denen sie entweder Gott treu bleiben, dabei aber Gefahr laufen, benachteiligt zu werden oder sogar alles zu verlieren. Oder aber sie behalten alles, verlieren jedoch ihre geistliche Integrität und damit ihr wirksames Zeugnis.

Dem König wurde empfohlen, für eine bestimmte Zeit von 30 Tagen als irdischer Stellvertreter aller existierender Götter zu fungieren. Die verschiedenen Religionen und Götter wurden zwar nicht verboten oder geächtet, aber man sollte während dieser Zeitperiode nicht mehr direkt zu seinem Gott beten dürfen, sondern eben nur noch zu Darius. Durch diesen listigen Schachzug – so ihre Gedankenführung – werde sich neben der außergewöhnlichen Schmeichelei für Darius auch eine Stärkung des neuen Königs und des jungen Reiches ergeben. Wenn der weltliche Herrscher auch der religiöse Führer oder sogar der Stellvertreter Gottes sein würde, werde das doch alle ungemein zusammenschweißen.

Um diesem Gesetz die nötige Durchsetzungskraft zu verleihen, sollte noch eine Empfehlung hinzugefügt werden: Anstelle eines Bußgeldkataloges hieß es: Wer das Gesetz in der festgelegten Zeit bricht, soll zu den Löwen in die Grube geworfen werden.

Darius hätte sich doch die Frage stellen müssen, warum sein wichtigster Minister dieses neue Gesetz nicht persönlich vorlegte. Doch als einer, der durch Schmeichelei und Lügen verführbar war, unterschrieb er das Gesetz. Damit stand die Sache fest. Kein Mensch, einschließlich des Königs selbst, konnte das Gesetz der Meder und Perser widerrufen (Dan. 6,9.13.16).

Daniel in der Zwickmühle

Zwickmühle? Wir lesen in Vers 11: Als nun Daniel erfuhr, dass das Edikt unterschrieben war, ging er hinauf in sein Haus, wo er in seinem Obergemach offene Fenster nach Jerusalem hatte, und er fiel dreimal täglich auf die Knie nieder und betete und dankte vor seinem Gott, ganz wie er es zuvor immer getan hatte. Dass Daniel die neueste Verordnung nicht gekannt hatte, ist auszuschließen. Warum machte er sich trotzdem auf, um zu beten, so wie er es gewohnt war? Handelte er aus dem Bauch heraus in der Hoffnung, dass ihm, dem großen Daniel, schon nichts passieren werde? Wusste er nicht, dass er sich und auch andere in Lebensgefahr bringen konnte, da natürlich zu erwarten war, dass einige seiner gläubigen Volksgenossen seinem Beispiel folgen und sich damit ebenfalls strafbar machen würden?

Wir können uns sicher sein, dass Daniel genau wusste, was er tat. Er hatte einen tieferen Einblick als alle anderen Menschen in die Verhältnisse der Reiche dieser Welt und auch in Gottes Reich und in welcher Beziehung diese beiden Bereiche zueinander stehen. Das war das große Thema seines Lebens, und zwar nicht nur in der Theorie.

Auch in der Gesetzgebung kannte er sich durch jahrzehntelange Regierungs- und Verwaltungserfahrung aus. Er selbst hatte unter den verschiedensten Herrschern unzählige Gesetze erlassen. Er wusste, dass ein Gesetz der Perser und Meder unwiderruflich feststand. Da half ihm sein an sich gutes Verhältnis zum König nichts. Auch in der juristischen Auslegung des Gesetzes gab es keinerlei Spielraum. Dies wurde dadurch unterstrichen, dass er schließlich in die Löwengrube geworfen wurde, und ein doppelt versiegelter Stein auf die Öffnung gelegt wurde (Dan. 6,18).

Was hätte Daniel tun können? Protestieren und Widerstand organisieren? Auf der Gesetzesgrundlage war das, wie schon gesagt, aussichtslos. Ich erwähne es aber, weil es für Christen nicht grundsätzlich ausgeschlossen ist. Zum Beispiel hat Paulus sich, wenn es hilfreich war und auch Gottes Willen entsprach, auf die römischen Gesetze berufen (Apg. 16,37; 22,25; 28,19).

Daniel hätte seinen Dienst quittieren und sich aufs Altenteil zurückziehen können, oder vielleicht noch besser, sich irgendwo ins Ausland absetzen können. Er hätte auch einfach beim Gebet das Fenster schließen, in den Keller gehen oder das Beten mit einem Spaziergang am Euphrat verbinden können. Aber er verzichtete nicht darauf, in aller Öffentlichkeit zu beten. Warum?

Daniel in der Löwengrube

In Vers 11 werden dafür zwei Gründe angegeben: 1. Er wollte Gott danken! 2. Es war seine Gewohnheit. Indirekt erfahren wir noch einen dritten Grund: Er betete in Richtung Jerusalem.

Dank: Was gab es in seiner Lage zu danken? Dankte Daniel für die Gelegenheit, Zeugnis für seinen Gott ablegen zu dürfen? Wahrscheinlich. Wir danken bzw. loben Gott aber auch, indem wir ihn um Hilfe anflehen. Auf diese Weise bekennen wir unsere Abhängigkeit von ihm und geben ihm die Ehre. So finden Daniels Widersacher ihn bittend und flehend vor seinem Gott (Dan. 6,12).

Gewohnheit: Durch staatliche Verordnungen und (zeitlich begrenzte) Maßnahmen ließ Daniel sich nicht von seinem gewohnten Gottesdienst abbringen. Wer weiß, wie oft Daniel schon in entsprechenden Versuchungen stand? Doch von Jugend an hatte er eine so feste Gewohnheit entwickelt, das Böse abzulehnen und auch keinerlei Kompromisse einzugehen, dass selbst die „Todesgefahr ihn nicht davon abhielt, das zu tun, was richtig war.“[2] Daniel, der kurz davorstand, der höchste Minister zu werden, und dem man nun wirklich keine fehlende Unterordnung vorwerfen konnte, – Darius selbst sah in ihm einen Mann, dem er vor allen anderen vertrauen konnte – diesem treuesten Staatsdiener war völlig klar: Der Staat hat nicht über den Gottesdienst zu bestimmen. Hier hat er die Grenze überschritten!

Sich unterordnen heißt nicht, sich allem zu unterwerfen. Es gibt zwei Grenzen für unsere Unterordnung unter die Obrigkeit, und diese Grenzen zeigt das Buch Daniel auf:

  1. Götzendienst: nicht beteiligen!
  2. Gottesdienst: nicht einschränken!

Daniel und seine Freunde dienten treu in dem Land ihrer Gefangenschaft. Aber sie aßen nicht vom Götzenopferfleisch, und sie warfen sich nicht vor dem goldenen Standbild nieder (Dan. 3). Sie ordneten sich unter. Aber sie wollten sich unter keinen Umständen am Götzendienst beteiligen. Hier in Kapitel 6 werden wir auf die zweite Grenzlinie aufmerksam gemacht: Daniel ließ sich nicht von seinem Gottesdienst abbringen! Keinen Millimeter!

Es ist bemerkenswert, dass selbst der König voller Anerkennung bezeugte: Daniel, du Knecht des lebendigen Gottes, hat dein Gott,dem du ohne Unterlass dienst, dich von den Löwen retten können? (Dan. 6,21). Daniel war der wichtigste Staatsdiener des medo-persischen Weltreiches, Er war Darius‘ bester Mann! Doch in erster Linie war er ein Diener Gottes. Darum galt seine Loyalität vor allem Gott. Für Darius erledigte Daniel sicherlich einen sehr guten Job. Aber sein ganzes Leben, all seine Kraft, sein Verstand und sein Herz gehörten Gott.

Jerusalem: Daniel betete gewohnheitsmäßig in Richtung Jerusalem. Damit brachte er sein Vertrauen auf die Verheißungen Gottes zum Ausdruck: Nicht nur wird Gottes Volk wieder in seine Heimat zurückkehren, sondern Gott wird sein Reich aufrichten. Und dieses Reich wird alle Reiche der Welt überdauern. Es wird ewig währen.

All das wird uns in einem einzigen Vers mitgeteilt. Aber stellen Sie sich bitte den inneren Kampf Daniels bei jedem seiner Gebete vor. Hier in seinem Gebetsraum befand er sich bereits mitten in der Löwengrube, und er kämpfte gegen den Satan, der bereits hier wie ein brüllender Löwe umherging und suchte, wen er verschlingen kann (1Petr. 5,8). Sein Blick war nach Jerusalem gerichtet, aber in seiner Gedankenwelt sah er auch die ausgehungerten Löwen, die nach ihm lechzten.

Sollte er sein Leben verlieren oder seine geistliche Integrität? Was mag in seinem Kopf vorgegangen sein? Stuart Olyott schreibt über Satans Einflüsterungen: „Warum machst du dir die Dinge nicht leichter? Sieh dir die Stellung an, die du innehast, und die Privilegien, die du genießt. Sieh dir den Einfluss an, den du weiter ausüben kannst, wenn du an deiner gegenwärtigen Stellung festhältst. Sichere dir deine Zukunft, indem du in den nächsten dreißig Tagen nicht zu Gott betest! […]. Bete doch einfach ganz für dich in deinem Herzen, wenn du möchtest, aber warum solltest du es so tun, wie du es immer getan hast? Man wird es bemerken, und du wirst alles verlieren. Handelt es sich denn wirklich um eine solch prinzipielle Angelegenheit? Ist sie dessen wirklich wert? […]. Warum machst du so eine wichtige Sache daraus, beim Gebet gesehen zu werden? Schließlich wird die Gefahr in nur dreißig Tagen vorüber sein, und dann kannst du so fortfahren, wie du es immer getan hast.“[3]

Ich weiß nicht, wie viele Tage sich Daniel äußerlich noch in Freiheit befand, aber innerlich kniete er dreimal am Tag in größten Kämpfen. Als es offenkundig wurde, dass er mit dem Beten fortfuhr, so wie er es gewohnt war, dass sich zwar die Umstände geändert hatten, Daniel aber nicht, gaben die Spitzel Meldung, und die Minister konnten Daniel vor Darius anklagen. Nun war er plötzlich kein angesehener Minister mehr, sondern nur noch einer der Weggeführten von Juda, das heißt einer, dem man sozusagen noch nie richtig trauen konnte.

Jetzt erkannte Darius seinen Fehler, und er durchschaute ihren Komplott. Doch nun war er in der Zwickmühle und konnte letztlich nichts mehr für Daniel tun. Außer – welche Ironie – ihn seinem Gott anbefehlen: Da befahl der König, dass man Daniel herbringe und in die Löwengrube werfe. Der König begann und sprach zu Daniel: Dein Gott, dem du ohne Unterlass dienst, der rette dich!

Als Daniel schließlich in die Löwengrube geworfen wurde, war er unzweifelhaft in größter körperlicher Gefahr. Doch den gefährlicheren Kampf hatte er bereits siegreich überstanden.

Christus in der Löwengrube

Als Darius angstvoll und sicher ohne jede Hoffnung durch das Deckenloch der Grube nach Daniel rief, vermutlich nur, um seinen Tod festzustellen und zu beklagen, da gab der, den alle für tot hielten, Antwort. Daniel wünschte dem König nicht nur einen guten Morgen, sondern Leben: O König, mögest du ewig leben! Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen, dass sie mir kein Leid zufügten (Dan. 6,22.23a).

Daniel widerstand dem Teufel, und er erlebte dadurch die Gemeinschaft mit Christus. Gott hat seinen Knecht nicht vor, sondern in den Schwierigkeiten gerettet. So verhält es sich meistens: Jesus hat nicht versprochen, uns vor Schwierigkeiten oder vor schmerzlichen Erfahrungen zu bewahren: Alle, die gottesfürchtig leben wollen in Christus Jesus, werden Verfolgung erleiden (2Tim. 3,12, vergleiche auch Joh. 17,15). Aber er will uns in den Zerreißproben retten. Selbst wenn wir für Jesus sterben sollten, werden wir daraus lebendig hervorgehen, denn Jesus Christus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt (Joh. 11,25).

Der Engel, von dem Daniel hier berichtet, hatte bereits zuvor seine Freunde im Feuerofen errettet. Dieser Engel des Herrnbegegnet uns mehrfach im Alten Testament. In dieser Weise trat im Alten Testament Christus in Erscheinung. Daniel 6,23a wird so zu einer gewaltigen Vorschattung auf das Kreuz. Dort hat der Löwe aus Juda, der Messias, den brüllenden Löwen, den Teufel, ganz und gar besiegt. Der Teufel kann uns nicht mehr von Gott trennen, selbst wenn er uns zur Sünde verführen sollte und wir nicht so treu und fest wie Daniel sind. Jesus hat den Teufel besiegt, weil er zum Opferlamm wurde, das alle unsere Sünden auf sich nahm und die Strafe an unserer statt trug. Und darum wird er immer bei uns sein und uns durch jede Gefahr hindurchführen.

Theo Lehmann, der genau wusste, dass bei vielen seiner Predigten auch die Spitzel der Staatssicherheit der DDR mit in der Kirche saßen, dichtete und sang: „Die Mächtigen kommen und gehen und auch jedes Denkmal mal fällt, bleiben wird nur, wer auf Gottes Wort steht, dem mächtigsten Standpunkt der Welt. Vertraut auf den Herrn für immer, denn er ist der ewige Fels!“

Ist die Gemeinde Jesu durch die Corona-Maßnahmen in einer Zwickmühle?

Der Grund für Daniels übernatürliche Errettung wird uns in Vers 23 mitgeteilt: Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen, dass sie mir kein Leid zufügten, weil vor ihm meine Unschuld offenbar war und ich auch dir gegenüber, o König, nichts Böses verübt habe! Der König sollte die Unschuld Daniels erkennen. Er hatte sich weder gegen seinen König noch gegen Gott versündigt, sondern sich in dieser schwierigen Lage richtig verhalten.

Gott sagt uns, dass wir ihm in allen Dingen gehorsam sein sollen. Und er sagt uns auch, dass wir uns der weltlichen Obrigkeit unterordnen sollen. Was tun wir jedoch, wenn die Obrigkeit uns etwas gebietet, was Gottes Geboten widerspricht? Wenn sie zum Beispiel Gottesdienste verbietet, die uns Gott unmissverständlich gebietet? Hier gilt: Man muss Gott mehr gehorchen als dem Menschen (Apg. 4,19; vgl. Dan. 3,28).

Unterordnung unter die Obrigkeit heißt also keineswegs vorbehaltlose Unterwerfung. Vielmehr geht es um Unterordnung in dem ihr von Gott bestimmten und begrenzten Herrschaftsbereich. Christus ist nicht nur der Herr über die Gemeinde, sondern er ist Herr über alles, also auch über den Staat: Und Gott der Vater hat alles unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles (Eph. 1,22). Im Buch Daniel lesen wir wiederholt: …dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es gibt, wem er will (Dan. 4,14; vgl. 2,47; 4,22.23.29; 5,21). Für die Völker hat Gott die Obrigkeit eingesetzt, damit sie als seine Diener das Erhaltungsregiment ausüben. Zur Leitung der Gemeinde hat er Älteste eingesetzt (1Kor. 12,28; 16,15.16; Hebr. 13,17; 1Th. 5,12.13).

Was ist nach Gottes Wort der Autoritätsbereich der Staatsgewalt? Die Obrigkeit ist eine Dienerin Gottes. Sie soll gemäß Römer 13 und 1.Petrus 2,13.14 für Recht und Ordnung sorgen und die Bürger vor Kriminalität und gesetzlosen Angriffen schützen. Die Obrigkeit soll, was die äußere Ordnung anbelangt, das Zusammenleben der Menschen sichern. In diesem Bereich sollen wir dem Staat geben, was des Staates ist (Röm. 13,7).

Unter anderem durch Offenbarung 13 wird jedoch deutlich, dass die Obrigkeit bzw. der Staat auch ein Handlanger des Teufels ist. (Dort erscheint der Staat als das Tier aus dem Meer, das dem Drachen, also dem Teufel, dient.) Der Teufel benutzt die staatliche Autorität, um sich an Gottes Stelle zu setzen und gegen Gottes Volk vorzugehen. Es gibt in der Welt gute und schlechte Staatgewalten, einige, die mehr bei Römer 13 stehen, andere, die sich näher bei Offenbarung 13 befinden. Johannes sieht jedoch voraus, dass alle Staaten in Richtung auf Offenbarung 13 tendieren werden. Daniel zeigt zudem auf, dass die Reiche dieser Welt in allen Zeiten dazu neigen, sich gegen Gott und seine Herrschaft aufzulehnen (vergleiche Dan. 1 und 7). Wir müssen also damit rechnen, dass der Staat über seinen von Gott gegebenen Zuständigkeitsbereich hinaus herrschen will.[4]

Die erste Frage lautet, ob es zur Verantwortung der von Gott bestimmten Staatgewalt gehört, für unsere Gesundheit Sorge zu tragen, also in Fällen von Krankheit und Ansteckungsgefahr.[5]

Die Heilige Schrift hat zunächst einiges über ansteckende Krankheiten und Quarantäne bzw. Isolation zu sagen (bei Aussatz, Unreinheit vgl. u.a. 3Mos. 13,45.46; 4Mos. 5,1–4; 12,14.15). Die Obrigkeit hat auch in diesem Bereich eine gewisse Verantwortung, jedoch nicht die Hauptverantwortung. Diese liegt beim Einzelnen und bei der Familie. Es geht also um das, was wir heute als „Eigenverantwortung“ bezeichnen.

Selbst im Fall einer hochansteckenden und gefährlichen Krankheit hat der Staat nicht die Befugnis, in den Bereich der Kirche hineinzugreifen. Fragen wie, Wer darf Pastor werden? Was wird gepredigt?, liegen allein im Verantwortungsbereich der Kirche und ebenso die Frage, wie und ob man Gottesdienst feiert. Wenn folglich eine Krankheit so gefährlich ist, dass man Hygienemaßnahmen auch im Gottesdienst ergreifen muss (was durchaus denkbar ist), dann liegt es bei den Kirchen- bzw. Gemeindeleitern, darüber die Entscheidung zu treffen. Kirchen können natürlich staatliche Maßnahmen übernehmen, sofern sie ihnen als angemessen erscheinen. Sie können aber auch entscheiden, die staatlichen Verordnungen einzuhalten, weil sie, solange es irgend möglich ist, den Gottesdienst als öffentliche Veranstaltung aufrechterhalten wollen. Sie nehmen dann Einschränkungen in Kauf, um das Wort Gottes weiterhin in der Öffentlichkeit verkünden zu können, nicht aber, weil sich die Gemeinde Gottes dem Staat zu unterwerfen hat.

In entsprechender Weise hat auch die Kirche nicht das Recht, in den Bereich des Staates einzugreifen. Die Kirche hält sich aus politischen Entscheidungen, die die öffentliche Ordnung betreffen, wie zum Beispiel die Regelung des Verkehrs oder den Bau eines neuen Schwimmbads heraus. In solchen Fällen gehört Politik nicht auf die Kanzel. Etwas anderes ist es, wenn der Staat eindeutig gegen Gottes Gebote vorgeht oder seine ihm von Gott gegebene Machtbefugnis überschreitet. Dies ist der Fall, wenn die Staatsgewalt nicht das äußere Zusammenleben, sondern auch Belange des Inneren (Persönlichen) des Menschen regeln will. Hier hat die Kirche ihr Wächteramt auszuüben. Sie ist aufgerufen, die Maßnahmen des Staates zu hinterfragen und gegebenenfalls mit Gottes Wort und Gebot zu ermahnen. Konkret: Bei Bereichen wie Genderbestimmungen, Abtreibung oder Sterbehilfe (Euthanasie) müssen Prediger und Pastoren ihre Stimme erheben und klar mit Gottes Wort auf Gesetzgebungen reagieren, und zwar auch von der Kanzel. Sie müssen es ebenfalls tun, wenn die Staatsgewalt meint, sie dürfe sich in Verantwortungsbereiche einmengen, die Gott ihr nicht übertragen hat. Das betrifft zum Beispiel die Familie, in deren Zuständigkeitsbereich der Gesetzgeber mit der Aufnahme von „Kinderrechten“ ins Grundgesetz unzweideutig eingreift, ebenso wie die Gemeinde, deren Gottesdienste er durch Corona-Verordnungen empfindlich einschränkt.

Die immer wieder an mich herangetragene Kritik zu dieser Argumentation beim Thema Corona lautet, dass Älteste keine Ärzte sind und so schwerlich die tatsächliche Gefahr einer Krankheit einschätzen oder über etwaige Hygienemaßnahmen entscheiden könnten. Wie ist darauf zu antworten? Gott fordert von Ältesten nicht, alle möglichen medizinischen Daten zu verstehen und auszuwerten, und meist können sie dies auch gar nicht. Aber auch wenn sie das nicht vermögen, gilt für sie, dass sie im Wort Gottes alle nötigen Anweisungen, Gebote und Richtlinien finden, um auch in solch einer extremen Situation wie einer Pandemie die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ihre Aufgabe ist und bleibt es demnach, auf Grundlage des Wortes Gottes die Gemeinde zu leiten (nicht auf Grundlage der Zahlen des Robert-Koch-Instituts).

So waren Christen und Gemeinden auch in den Jahrhunderten, bevor es die moderne Wissenschaft und Medizin gab, in der Lage, weise und entsprechend der jeweiligen Situation angemessene Entscheidungen zu treffen.

Dass man bei einer ansteckenden Krankheit zu Hause bleibt, oder bei einer Erkältung aufs Händeschütteln verzichtet, ist im Gebot der Nächstenliebe und des Schutzes des Leibes und Lebens klar vorgegeben. Die Verordnungen des Social Distancingvon Gesunden greifen jedoch einen wesentlichen Bestandteil unseres Glaubens an: die Gemeinschaft der Heiligen.

Gemeinschaft entsteht durch Kommunikation mit Gott im Hören auf sein Wort, durch das Empfangen der Sakramente, durch das Singen und Beten sowie durch Gesprächsaustausch miteinander. Diese Gemeinschaft benötigen wir, um geistlich zu überleben (1Kor. 12; Hebr. 10,24.25). Sie ist nicht ein beliebiges Beiwerk, sondern wesentlicher Bestandteil unseres Glaubens! Darum ist der Gottesdienst unsere wichtigste Veranstaltung.

Wenn jemand aufgrund einer langanhaltenden Krankheit nicht zum Gottesdienst kommen kann, soll er die Ältesten rufen, damit sie zu dem Kranken gehen, um mit ihm geistliche Gemeinschaft zu haben (Jak. 5,14). Darum sollen Christen generell bereit sein, zu den Kranken zu gehen, um ihnen zu dienen (Mt. 25,36), so wie es Jesus vorgemacht hat (u.a. Lk. 4,38–40; 5,12.13).[6]

Sicherlich werden die Entscheidungen, die Älteste in dieser Krise treffen, von Gemeinde zu Gemeinde nicht identisch sein. Bis zu einem gewissen Grad sind sie von der jeweiligen Situation und auch von Größe der Gemeinde abhängig. Ähnlich verhält es sich bei den persönlichen Entscheidungen der einzelnen Mitglieder. Aber Christen und Gemeinden werden sich immer darüber bewusst sein, dass es ihre Hauptaufgabe ist, Gott anzubeten, ihm die Ehre zu geben, ihn um Hilfe anzuflehen und die Menschen zur Umkehr zu ihm aufzurufen. Und das soll allezeit geschehen. Gott ist der Herr über alles: über Regierungen, über Krankheiten und über Seuchen, über Naturgewalten und natürlich über seine Gemeinde! Das hat Daniel nicht nur geglaubt, sondern er hat es öffentlich bezeugt. Ebenso sollen auch wir vertrauen und Zeugnis von der Herrschaft Gottes ablegen. Und wenn wir dadurch in Schwierigkeiten geraten, brauchen wir keine Angst zu haben, denn Jesus, der Herr, ist bei uns. Er wird uns bewahren, so wie er es will.

Amen.


Die hier abgedruckte Predigt wurde vor wenigen Wochen in der Bekennenden Evangelischen Gemeinde Osnabrück gehalten und für die Veröffentlichung geringfügig überarbeitet. Bitte lesen Sie zuvor das gesamte Kapitel 6 des Buches Daniel in einer guten Bibelübersetzung

[1] Stuart Olyott, Unbestechlich! Daniel – Treue um jeden Preis. Friedberg [3L-Verlag] 2001, S. 102.

[2] Stuart Olyott, Unbestechlich! Daniel – Treue um jeden Preis. Friedberg [3L-Verlag] 2001, S. 107.

[3] Stuart Olyott, Unbestechlich! Daniel – Treue um jeden Preis. Friedberg [3L-Verlag] 2001, S. 108.

[4] Vor allem durch die Ausbreitung des Christentums, durch die Verbreitung und den Einfluss der Bibel und dem Wirken treuer Christen hat Gott dem teuflischen Trachten der Reiche und Herrscher dieser Welt entgegengewirkt. Vishal Mangalwadi weist in seinem Buch Das Buch der Mitte – Wie wir wurden, was wir sind: Die Bibel als Herzstück der westlichen Kultur eindrucksvoll nach, wie die Heilige Schrift maßgeblich unsere westliche Welt geprägt hat.

[5] Sicherlich gibt es Bereiche, in denen die Verantwortlichkeiten der einzelnen Institutionen überlappen, aber hier gibt es dann meistens eine Seite, die die Hauptverantwortung trägt und damit die letzte Entscheidung zu fällen hat. Beispiel: Gebäudeschutz und Feuermelder in einem Gemeindehaus betrifft mehr das äußerliche Zusammenleben. Hier trägt der Staat die Hauptverantwortung.

[6] In diesem Sinne sollte es der Gemeinde auch ein Anliegen sein, dass die medizinische Versorgung zum Beispiel in Krankenhäusern gewährleistet bleibt.

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