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Die (Heils–)Notwendigkeit der Kirche [Gemeinde]: römisch oder reformatorisch?

Vielleicht haben sich Ihnen bereits beim Lesen der Überschrift die Nackenhaare gesträubt: Die Kirche soll notwendig sein für unser Heil, für unsere Erlösung?

Unsere emotionale, instinktive Reaktion gegen solch eine Aussage sagt allerdings etwas über uns aus, nämlich dass wir nicht (mehr) „katholisch“ sind. Und zwar in einem doppelten Sinne nicht.

Wir sind erstens nicht „katholisch“ im Sinne von „römisch–katholisch“. In der römisch–katholischen Kirche gilt seit jeher der Satz: „Außerhalb der Kirche ist kein Heil!“ Dies hat sich auch nach den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils nicht grundlegend geändert. In der Verlautbarung dieses Konzils über das Wesen der Kirche, Lumen Gentium (1964), heißt es, dass „diese pilgernde Kirche zum Heile notwendig sei“.2 Das bleibt bestehen, auch wenn man nachher diese Exklusivität wieder zurücknimmt und selbst den Muslimen sowie denen, die aus Unwissenheit noch nicht gläubig geworden sind, das Heil zuspricht. 3

Wir sind aber, falls wir angesichts der Überschrift dieses Artikels zusammenzucken, auch in einem zweiten Sinne nicht mehr „katholisch“. Der Begriff „katholisch“ (lateinisch: catholica) bezeichnet das, was die christliche Kirche insgesamt als Glaubensgut gemein hat. Es ist das „allgemein Christliche“. In diesem Sinne bekennt die weltweite Christenheit – auch die evangelische! – gemeinsam im dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube eine heilige allgemeine Kirche (sanctam ecclesiam catholicam)!“ Diese allgemeine Kirche ist die „katholische“ Kirche. Es ist die eine und einzige Kirche Jesu Christi, von der die Heilige Schrift spricht.

Selbstverständlich können und wollen Evangelische nicht im ersten Sinne katholisch sein. Es ist jedoch eine gefährliche Entwicklung, dass immer mehr evangelische Kirchen und „evangelikale“ Gemeinden auch nicht mehr im zweiten Sinne katholisch sind oder sein wollen.

Die wahre „katholische“ Kirche

Protestanten leben und reden manchmal so, als hätte Martin Luther das Evangelium erfunden und als wären die reformatorischen Kirchen des 16. Jahrhunderts eine „Schöpfung aus dem Nichts“. So haben die Reformatoren allerdings nicht gedacht. Für sie war ein Prinzip der Reformation die Rückkehr zu dem wahrhaft katholischen Glauben der Alten Kirche, und durch sie zur Heiligen Schrift.

Wenn wir als reformatorische Christen weiterhin unseren Glauben an die „eine heilige allgemeine“ [das heißt: „katholische“] Kirche bekennen und nicht zu Spaltern und Sektierern werden wollen, dann müssen wir uns – zusammen mit den Reformatoren – fragen: Welches ist diese Kirche? Oder besser: Wo ist sie zu finden?

Wir können hier keine Lehre von der Kirche [Gemeinde] im Einzelnen durchbuchstabieren. Doch die Reformatoren mussten von Beginn an die „wahre katholische“ Kirche von der falschen, das heißt römischen Kirche abgrenzen. Und deshalb sammelten sie hilfreiche und praktische Merkmale aus der Heiligen Schrift, anhand derer die wahre „katholische“ Kirche Jesu Christi zu erkennen ist.

Das Augsburger Bekenntnis (CA) von 1530 fasst zusammen: „Es wird auch gelehrt, dass alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.“

Von reformierter Seite lesen wir etwa im Niederländischen Glaubensbekenntnis (1561) in Artikel 29: „Die Kennzeichen, durch welche die wahre Kirche sich [von den Sekten] unterscheidet, sind diese: wenn sich die Kirche der reinen Predigt des Evangeliums und der lauteren Verwaltung der Sakramente nach der Einsetzung Christi bedient; wenn sie sich der Kirchenzucht recht zur Besserung der Fehler bedient; wenn sie schließlich (damit wir alles mit einem Wort zusammenfassen) alles nach der Vorschrift des Wortes Gottes tut und alles, was ihm widerstreitet, von sich weist und Christus als einziges Haupt anerkennt. An diesen Kennzeichen kann die wahre Kirche, von der sich keiner trennen darf, mit Sicherheit erkannt werden.“

Im letzten Satz wird bereits angedeutet, worum es in diesem Artikel geht: Kein Christ darf sich von der wahren, allgemeinen (das heißt: „katholischen“) Kirche [Gemeinde] trennen, sie für nutzlos ansehen, sondern muss sich ihr anschließen und ihr sein ganzes Leben lang äußerlich und innerlich verbunden bleiben. Dieser Gemeinde anzugehören ist keine Formalität, keine Kleinigkeit oder Nebensächlichkeit.

Kein Heil außerhalb der Kirche [Gemeinde]

In der Apostelgeschichte hören wir einen immer wiederkehrenden Refrain: „Diejenigen, die nun bereitwillig sein Wort annahmen, ließen sich taufen, und es wurden an jenem Tag etwa 3000 Seelen hinzugetan“ (Apg. 2,41; vergleiche 5,14; 11,24 etc.).

Darum geht es im Neuen Testament: „hinzugetan“! Heute hört man immer wieder, nicht zuletzt in evangelikalen Kreisen: „Eine formale Zugehörigkeit zur Gemeinde finden wir im Neuen Testament nicht.“ Das ist teilweise richtig! Sicherlich finden wir diese nicht als isoliertes Phänomen; und zwar deshalb nicht, weil die formale, äußerliche Zugehörigkeit zur Gemeinde nicht von der inneren, verborgenen, „geistlichen“ Zugehörigkeit zum Leib Christi getrennt worden ist. Wer glaubt, wurde der Gemeinde, und zwar der Gemeinde vor Ort, „hinzugetan“. Die Gläubigen waren niemals „unsichtbar“. Man konnte sie und ihre Gemeinde „im Hause des Soundso“ besuchen (vergleiche Röm. 16,5; 1Kor. 16,19; Kol. 4,15; Phil. 1,2).

Ein Gegensatz zwischen „innerlich–geistlich“ und „äußerlich–formal“ ist eine zutiefst gnostisch–platonische Konstruktion, wenn sie auch heute wieder sehr modern ist.

Sicherlich, gerade das Neue Testament geht davon aus, dass die Gemeinde Jesu in ihrer sichtbaren Form immer unrein (corpus permixtum) ist, also eine Mischung aus Unkraut und Weizen. Sie besteht aus wahrhaft Gläubigen und aus Heuchlern (vergleiche Mt. 3,12; 13,38-40). Doch das Andere kennt die Heilige Schrift eben nicht: wahrhaft Gläubige ohne Gemeinde!

Dies haben die Christen immer gewusst und bekannt. Der bereits zitierte Spitzensatz „Außerhalb der Kirche [Gemeinde] ist kein Heil!“ (extra ecclesiam salus non est) geht zurück auf den Kirchenvater Cyprian, Bischof von Karthago, der im 3. Jahrhundert lebte. Zu seiner Zeit gab es, hervorgerufen durch die Christenverfolgung unter Kaiser Decius (ca. 250 n.Chr.), innerkirchliche Auseinandersetzungen, die dazu geführt hatten, dass neue Glaubensgemeinschaften, ja sogar ein Gegenbischof in Rom auf den Plan traten. Vor diesem Hintergrund ist der Satz von Cyprian als eine Absage an die Aufspaltung der einen wahren Kirche zu verstehen und zu würdigen.

Was Cyprian damit nicht gesagt hat, ist, dass die Kirchenmitgliedschaft an und für sich rettet. Aber er bestand darauf, dass es Gott selbst ist, der für die Verkündigung der heilbringenden Botschaft und damit auch deren Annahme und Bewahrung zum Heil, einen Ort vorgesehen hat: die Kirche bzw. die Gemeinde.

Der Satz des Cyprian wurde bereits von den Kirchenvätern mehrfach aufgegriffen, so zum Beispiel von Origenes und Augustinus. Es kann auch nicht überraschen, dass die Reformatoren in ihrem Anliegen, zu der wahrhaft „katholischen“ Theologie der Kirchenväter zurückzukehren, ebenfalls reichlich Gebrauch von diesem Ausspruch machten. Kaum einer von ihnen unterließ es, ihn zu zitieren. Martin Luther verkündete: „Denn außer der christlichen Kirche ist keine Wahrheit, kein Christus, keine Seligkeit.“4

Unsere reformatorischen Bekenntnisse sprechen diese biblische Wahrheit wie ein Echo nach. Mit einer Verbeugung vor Cyprian greifen sie immer wieder diesen Refrain auf: Kein Heil außerhalb der Kirche!

Im Niederländischen Glaubensbekenntnis beispielsweise hören wir in Artikel 28 – er trägt den Titel: Von der Notwendigkeit der Kirchenmitgliedschaft, – „dass, weil diese heilige Gemeinschaft und Versammlung aus denen besteht, die gerettet werden, …außer ihr kein Heil ist…“.

Die Kirche als „Gnadenmittel“

Wir erwähnten bereits, dass sich neben den reformatorischen Kirchen auch die römisch–katholische Kirche bis heute auf den Satz Cyprians beruft. Sie versteht den Satz, außerhalb von ihr sei kein Heil zu finden, so, als gehe es bei dieser Aussage Cyprians darum, dass die Kirche eine sakramentale Heilsanstalt sei: Sie könne nach eigenem Ermessen Gnade wie eine medizinische Substanz austeilen oder auch verweigern.

Nach biblischem und reformatorischem Verständnis ist dies völlig undenkbar! Die Gnade Gottes, das Heil, bleibt grundsätzlich für den Menschen, auch für die Kirche bzw. für die Gemeinde unverfügbar. Gott bleibt frei in seiner gnädigen Zuwendung (vergleiche: 2Mos. 33,19; Röm. 9,15).

Diese reformatorische Einsicht wurde dann allerdings von Schwärmern missverstanden. Sie folgerten nämlich daraus, dass die Kirche [Gemeinde] samt ihrer „Gnadenmittel“ (mediae), also Taufe und Abendmahl, überflüssig sei. Mehr noch: Sie lehnten einen „vermittelten Glauben“ schlechthin ab. Ihr Gedankengang war: Wenn Gott frei ist, durch seinen Geist zu wirken, dann sei er auch frei, direkt, das heißt ohne Mittel zu wirken. Dabei wird übersehen, dass sich Gott selbst an bestimmte Mittel gebunden hat. Zum Beispiel an die Predigt des Evangeliums in den Gottesdiensten der örtlichen, „sichtbaren“ Gemeinde Jesu sowie an die Darreichung der Sakramente.

Um nicht missverstanden zu werden: Gott ist nicht absolut gebunden! Er braucht keine Diener, die ihm mit ihren Menschenhänden dienen (Apg. 17,25). Er könnte durchaus einem Menschen den Glauben direkt ins Herz hauchen, ohne jede Verkündigung durch ein „menschliches Sprachrohr“. Doch er hat es so nicht gewollt und auch nicht verheißen. Die Erwartung, dass Gott für gewöhnlich unmittelbar an uns wirkt, ist ein untrügliches Zeichen für das, was die Reformatoren „Wahngeist“ oder „Schwärmerei“ nannten. Demgegenüber hatten die Reformatoren in der Heiligen Schrift wiederentdeckt, dass der Glaube vermittelt ist; dass Gott Mittel gebraucht, um uns zum Glauben zu rufen und uns beim Glauben zu halten; dass der Heilige Geist durch das gepredigte Wort wirkt und nicht ohne es.

Ja, die Gemeinde selbst ist solch ein „Mittel“. Johannes Calvin widmet den „äußeren Mitteln oder Beihilfen, mit denen uns Gott zur Gemeinschaft mit Christus beruft und in ihr erhält“5 ein ganzes Buch. In diesem Buch IV der Institutio geht es um Die wahre Kirche, mit der wir die Einheit halten müssen, weil sie die Mutter aller Frommen ist.6

Die Kirche ist der Leib Christi auf Erden. Deshalb ist das Besondere an ihr nicht, dass sie „unsichtbar“ ist, sondern dass sie sichtbar, irdisch, äußerlich und konkret ist. Sie ist unverzichtbare Stütze für unseren schwachen Glauben, Hilfsmittel, ja Gnadenmittel.7 Calvin schreibt im Sinne Cyprians von der Notwendigkeit, die sichtbare Kirche [Gemeinde] zur Mutter zu haben, zu kennen und ihr anzugehören:

„Aber wir haben ja jetzt die Absicht, von der sichtbaren Kirche zu sprechen, und da wollen wir schon daraus, dass sie mit dem Ehrennamen ‚Mutter‘ bezeichnet wird, lernen, wie nützlich, ja, wie notwendig es für uns ist, sie zu kennen. Denn es gibt für uns keinen anderen Weg ins Leben hinein, als dass sie uns in ihrem Schoße empfängt, uns gebiert, an ihrer Brust nährt und schließlich unter ihrer Hut und Leitung in Schutz nimmt, bis wir das sterbliche Fleisch von uns gelegt haben und den Engeln gleich sein werden (Mt. 22,30). Denn unsere Schwachheit erträgt es auch nicht, dass wir von der Schule entlassen werden, ehe wir im ganzen Lauf unseres Lebens Schüler gewesen sind. Zudem ist außerhalb des Schoßes der Kirche keine Vergebung der Sünden zu erhoffen und kein Heil…“8 (Hervorhebung hinzugefügt.)

Für Calvin ist die Gemeinde also nicht heilsnotwendig im Sinne einer sakramentalen Heilsanstalt, die – wie Rom! – über das Heil verfügt. Aber im Sinne einer Mutterbrust, an der wir zeitlebens hängen müssen, um gestärkt und ernährt zu werden, kann allerdings kein Christ ohne sie auskommen. Insofern gilt: Kein Heil außerhalb der Kirche [Gemeinde]!

Das Niederländische Glaubensbekenntnis greift im bereits zitierten Artikel 28 diese Wahrheit auf: „Wir glauben, dass, weil diese heilige Gemeinschaft und Versammlung aus denen besteht, die gerettet werden, und außer ihr kein Heil ist, keiner (welche Würde oder welchen Namen er auch haben mag) sich ihr entziehen oder von ihr trennen darf, um, nur mit seinem eigenen Umgang zufrieden, allein und abgesondert zu leben, sondern dass alle und jeder verpflichtet sind, sich mit dieser Gemeinschaft zu verbinden und zu vereinigen, die Einheit der Kirche sorgfältig zu bewahren und sich ihrer Lehre und Zucht zu unterwerfen, den Nacken endlich freiwillig unter das Joch Christi zu beugen und gleich wie gemeinsame Glieder desselben Leibes der Erbauung der Brüder zu dienen, wie Gott einem jeden seine Gaben verliehen hat.“

Sich der wahren Kirche [Gemeinde] zu „entziehen“ und „mit seinem eigenen Umgang zufrieden“ zu sein, sind die Zeichen der „Schwärmer“, der radikalen spiritualistischen Sekten. Das Zeichen des reformatorischen Christen hingegen ist, sich der „heiligen Gemeinschaft und Versammlung“ anzuschließen.

Calvin verbindet die Kennzeichnung der wahren „katholischen“ Gemeinde mit der geistlichen Notwendigkeit, sich ihr verbindlich anzuschließen:

„Der reine Dienst am Wort und die reine Übung bei der Feier der Sakramente, so sagen wir, ist ein geeignetes Pfand und Unterpfand, so dass wir eine Gemeinschaft, in der beides zu finden ist, mit Sicherheit als Kirche [Gemeinde] ansprechen können. Dies hat nun so weit Geltung, dass solche Kirche [Gemeinde], solange sie dabei bleibt, niemals zu verwerfen ist, selbst wenn sie sonst über und über mit vielen Gebrechen bedeckt ist.“9

„Mutter Kirche“

Hier wird deutlich, dass die Zugehörigkeit zu dieser Kirche [Gemeinde] auch immer eine Schule der Demut ist. Man muss „seinen Nacken freiwillig unter das Joch Christi beugen“, denn wie unvollkommen ist doch diese Kirche nach dem äußerlichen Schein! Wie unvollkommen ihre Lehrer! Wie unvollkommen scheinen doch ihre Sakramente und äußerlichen Zeremonien! „…über und über mit vielen Gebrechen bedeckt.“ Kein Wunder, dass wir denken, wir könnten im stillen Kämmerchen bessere Christen sein.

Calvin greift das in der Institutio auf: „Paulus schreibt, dass Christus, ,auf dass er alles erfülle‘, ,etliche zu Aposteln gesetzt‘ hat, ,etliche aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern, dass die Heiligen zugerüstet werden, bis dass wir alle hingelangen zu einerlei Glauben und Erkenntnis des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, der da sei im Maße des vollkommenen Alters Christi‘ (Eph. 4,10-13). Wir sehen da, wie Gott, der die Seinigen in einem einzigen Augenblick zur Vollendung kommen lassen könnte, dennoch den Willen hat, dass sie allein durch die Erziehung der Kirche zum Mannesalter heranwachsen. […] Daraus folgt, dass alle, die diese geistliche Seelenspeise verschmähen, die ihnen von Gott durch die Hand der Kirche dargereicht wird, wert sind, dass sie an Hunger und Mangel zugrundegehen.“10

Und etwas später: „Wer aber meint, die Autorität der Lehrer werde durch die Verächtlichkeit der Menschen, die zur Unterweisung berufen sind, zunichte gemacht, der legt damit seine Undankbarkeit an den Tag; denn unter all den vielen hervorragenden Gaben, mit denen Gott das Menschengeschlecht geziert hat, ist doch dieses Vorrecht ganz einzigartig, dass er sich herbeilässt, den Mund und die Zunge von Menschen für sich zu weihen, damit in ihnen seine Stimme erschalle! Deshalb wollen wir es uns nicht verdrießen lassen, auch unsererseits die Lehre des Heils, wie sie uns auf sein Geheiß und durch seinen Mund vorgetragen wird, gehorsam anzunehmen…“.11

Diesen äußerlichen Charakter der Kirche [Gemeinde], samt ihren Institutionen und Ämtern, haben die „Übergeistlichen“, die Schwärmer und Enthusiasten, immer schon abgelehnt. Es hat sie zu allen Zeiten der Geschichte der Kirche gegeben. Es gab sie in Form der Montanisten in der Alten Kirche. Es gab sie im Mittelalter. Es gab sie in der radikalen Reformation. Es gab sie in mystisch-schwärmerischen Strömungen der Neuzeit. Kurzum: Alle jene, die einen rein „geistlichen“ Glauben wollen; eine Religion, die ohne „irdene Gefäße“ (Prediger, Pastoren, Älteste, Diakone etc.) und physische Elemente (Wasser, Brot und Wein) auskommt; eine Religion, die nicht an den „Buchstaben des Wortes“ gebunden, sondern allein dem „Geist“ verpflichtet ist. Das Ideal ist stets der reine, unvermittelte Glaube; der Glaube, der der Kirche auf Erden nicht mehr bedarf.

Die Abschaffung der Notwendigkeit der Kirche

Drei Faktoren haben dazu geführt, dass wir heute die sichtbare Kirche [Gemeinde] mit ihren Institutionen für weitestgehend überflüssig halten, zumindest nicht für notwendig für unser Heil. Erstens, mystisch–schwärmerische Strömungen, die zum Teil dem Pietismus nicht fernstanden; zweitens, die Aufklärung; drittens die Romantik. Dazu im Einzelnen:

Es gab in der frühen Neuzeit mystisch-schwärmerische Strömungen, die Christen wegführten von einem kollektiven, wahrhaft „katholischen“ Glauben, der im kirchlichen Bekenntnis sowie in festen kirchlichen äußerlichen Formen Ausdruck findet. Diese Christen pflegten eine privatisierte, individualistisch-religiöse Erfahrungsfrömmigkeit. Diese steht stets in der Gefahr, den Charakter der Unfehlbarkeit anzunehmen, denn: „Wer darf es wagen, mich zu kritisieren, wenn doch Gott direkt mit mir geredet hat?“

Die Aufklärung – sie war auch die Triebfeder hinter der liberalen Theologie – verlagerte die höchste Autorität in Glaubensdingen von der Kirche hinein ins „Ich“, in das individuelle Denken und Meinen. Damit ist man den Papst nicht losgeworden, man hat ihn nur nach innen, ins „Ich“ verlegt.

In der Romantik schließlich gab es eine starke Bewegung, das „individuelle Denken und Meinen“ durch das individuelle „Gefühl“ zu ersetzen.

Diese drei Stufen führten dazu, dass eine äußerlich sichtbare Kirche [Gemeinde] mit äußerlich sichtbaren Institutionen, Ämtern und Sakramenten praktisch ersetzt wurde durch die private, unfehlbare, schwärmerisch–geistliche Erfahrung in der „Stillen Zeit“ oder im Wald oder wo auch immer die Gemeinde nicht ist.

In einer Art geistlicher „Aufwärtsentwicklung“ halten sich viele Christen heute gegenüber ihren „unreifen“ Geschwistern anderer Jahrhunderte für so „geistlich“, dass sie der äußerlichen Mittel, die Gott den Seinen gegeben hat, nicht mehr bedürfen. Die Gemeinde selbst scheint überflüssig geworden zu sein.

Der Apostel Paulus muss wohl solch ein „unreifer“, „unaufgeklärter“, „unromantischer“ Christ gewesen sein. Hat er nicht in Römer 10,8 gesagt: „‚Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund und in deinem Herzen!‘ Dies ist das Wort des Glaubens, das wir verkündigen.“ … ein Wort, das erst verkündigt werden muss? Warum betont Paulus hier so stark die Verkündigung des Wortes? Hatte der Apostel denn noch nicht das Geheimnis einer mystischen, unmittelbaren Erfahrung mit Gott entdeckt, die doch die Gemeinde samt ihres Gottesdienstes irgendwie überflüssig, vielleicht sogar langweilig macht?

In Bezug auf den Unglauben Israels kam Paulus sogar zu einer erstaunlich unspektakulären Aussage: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden? Wie geschrieben steht: ,Wie lieblich sind die Füße derer, die Frieden verkündigen, die Gutes verkündigen!‘ … Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.“ (Röm. 10,14-18).

Das widerstrebt vielen Christen heutzutage. Paulus bleibt hier scheinbar hängen an lauter Formalitäten, an Äußerlichkeiten. Wieso ist das so anstößig für viele? Calvin würde antworten: Weil sie „Schwarmgeister“ sind, nicht bereit, Gott beim Wort zu nehmen.

„…denn obwohl Gottes Kraft nicht an solche äußeren Mittel gefesselt ist, so hat er doch uns an diese geordnete Art der Unterweisung gebunden, und wenn die Schwarmgeister sich weigern, sich daran zu halten, so verwickeln sie sich in viele verderbliche Stricke. Viele treibt der Hochmut, die Aufgeblasenheit oder der Ehrgeiz dazu, dass sie sich einreden, wenn sie für sich allein die Schrift läsen und darüber nachdächten, so könnten sie genug Fortschritte machen, und dass sie auf solche Weise die öffentlichen Versammlungen missachten und die Predigt für überflüssig halten. Da aber solche Leute das heilige Band der Einheit, soviel an ihnen ist, auflösen und zerreißen, so entgeht keiner der gerechten Strafe für solche gottlose Absonderung, sondern sie begeben sich alle in den Zauberkreis von verderbenbringenden Irrtümern und greulichen Wahnvorstellungen. Damit also die reine Einfalt des Glaubens bei uns herrsche, sollen wir keine Beschwernis darin finden, diese Übung der Frömmigkeit zu gebrauchen; denn Gott zeigt uns ja durch ihre Einsetzung, dass sie notwendig ist, und er empfiehlt sie uns so nachdrücklich!“12

Fazit

Wir sind keine Inseln! Christsein gibt es nicht im Singular! Es mag uns ein Ärgernis sein, dass wir nicht geistlich autark sind, keine kleinen Päpste oder spirituellen Selbstversorger sind. Aber das ist das Bild des Gläubigen nach der Heiligen Schrift: Wir sind immer noch fleischlich (Röm. 7,14) und brauchen Milch (1Kor. 3,1.2; 1Petr. 2,2.3). Darum sind wir angewiesen auf Gottes gnädige Selbsterniedrigung, die auch und gerade in den Gnadenmitteln, in der Kirche [Gemeinde] stattfindet. Auf unserer Pilgerschaft zum himmlischen Jerusalem (Hebr. 11,8 – 12,23) dürfen wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass keiner von uns bei diesem Glauben bleibt, dass keiner in ihm ausharren wird „bis ans Ende“ (Mt. 10,22) ohne die äußeren Mittel, ohne die Hilfsmittel, die Gott uns gegeben hat.

Hätte uns der auferstandene und erhöhte Herr Gaben und Ämter für die sichtbare Gemeinde gegeben (vergleiche Eph. 4,11-15), wenn diese nicht notwendig gewesen wären? Hätte uns Gott Botschafter, Prediger, Pastoren gegeben, die uns das Evangelium sagen, „und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt“ und dass sie „stellvertretend für Christus“ sprechen (2Kor. 5,20), wenn Gott genauso gut auch direkt im stillen Kämmerchen in unser Hirn und Herz hätte flüstern können und wollen? Hätte uns der Herr Jesus Christus zwei Sakramente als „sichtbare Zeichen und Siegel“ gegeben, ja mit göttlicher Autorität eingesetzt (Mt. 28,19; Lk. 22,17-20 etc.), wenn diese Stützen nur „Luxus“ wären und nicht vielmehr Notwendigkeit des Glaubens?

Nein, wir dürfen davon ausgehen, dass der Herr keine Fehler macht. Was er zu unserem Besten, zum Wohl der Gemeinde gibt und schenkt und einsetzt, das sollen wir nicht mit Füßen treten, sondern das wollen wir gerne und in aller gebotenen Demut gebrauchen – wohlwissend, dass wir nicht „zu geistlich“ sind für die Pflege der Gemeinde, sondern dass wir sie auf dem Weg zu unserem ewigen Heil benötigen, „bis wir das sterbliche Fleisch von uns gelegt haben und den Engeln gleich sein werden“ (Calvin).

So schließen wir mit Calvin:

„Die Kirche wird nicht anders als durch die äußerliche Predigt erbaut, und die Heiligen sind durch kein anderes Band miteinander zusammengehalten, als wenn sie einhellig lernend und weiterschreitend die Ordnung der Kirche [Gemeinde] wahren, die Gott vorgeschrieben hat“.13

Eine hohe Sicht der Bedeutung der Kirche für das Leben des Christen ist keine römisch–katholische Eigenart. Nein, es ist ein Merkmal des wahren „katholischen“ Glaubens. Deshalb lassen Sie uns wieder neu die „eine heilige allgemeine Kirche“ glauben! Lassen Sie uns neu begreifen, dass „außerhalb der Kirche kein Heil“ zu finden ist, weil die Kirche [Gemeinde] die „Mutter der Frommen“ ist! Lassen Sie uns nicht die „geistliche Seelenspeise verschmähen, die [uns] von Gott durch die Hand der Gemeinde dargereicht wird“, damit wir nicht „an Hunger und Mangel zugrundegehen.“ (Calvin).


1) Lumen Gentium 14. Vergleiche dazu auch: Katechismus der katholischen Kirche, § 846.
2) Lumen Gentium 16.
3) Luther, Martin, Sämtliche Werke, Erlanger Ausgabe, I. Abt., Bd. 10, S. 162; Vergleiche auch den Großen Katechismus Martin Luthers zum dritten Artikel des Credos: „die christliche Kirche …, außer welcher niemand zu dem Herrn Christo kommen kann.“
4) So der Titel von Buch IV der Institutio Calvins.
5) Calvin, Institutio IV,1,1.
6) Vergleiche Calvin, Institutio IV,1,1.
7) Calvin, Institutio IV,1,1.
8) Calvin, Institutio IV,1,12.
9) Calvin, Institutio IV,1,5.
10) Calvin, Institutio IV,1,5.
11) Calvin, Institutio IV,1,5.
12) Calvin, Institutio IV,1,5.
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