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Das Buch Esther (Teil 1): Drei ermutigende Antworten auf drei herausfordernde Fragen

Das Buch Esther hat es nicht immer leicht gehabt.[1] Tatsächlich wird der Leser dieses Buches vor herausfordernde Fragen gestellt:

► Warum wird „Gott“ in diesem Buch nicht erwähnt?

► Warum wird „Rache“ in dem Buch gutgeheißen?

► Warum werden „zweifelhafte Handlungen“ in dem Buch toleriert?

Diese Fragen fordern unser Denken über Gott heraus.

In drei Artikeln sollen darauf Antworten gefunden werden. Dabei wird deutlich: Was anfänglich möglicherweise als eine Herausforderung empfunden wird, kann zu einer Quelle großer Ermutigung werden.

Die erste und naheliegendste Frage, die sich beim Lesen des Buches Esther stellt, lautet: Warum wird Gott in diesem Buch kein einziges Mal erwähnt?

Natürlich könnte man einwenden, dies sei kein Maßstab, an dem ein Buch der Heiligen Schrift bewertet werden solle. Aber nicht nur der Name Gottes bleibt unerwähnt. Auch die Themen, die bis dahin dem Volk Gottes wichtig waren, wie „Gesetz“, „Opfer“, „Gebet“ oder „Tempel“, werden überhaupt nicht genannt.

Der einzige Grund für die Aufnahme in den biblischen Kanon scheint der Bezug zum Volk der Juden zu sein. Statt Gott ist eine andere Person im Buch Esther überall präsent: der persische König Ahasveros (oder Xerxes I.). Er wird 175-mal genannt.

Auf den ersten Blick ist damit unübersehbar deutlich, dass es ein menschlicher Herrscher ist, der in den Geschehnissen das Sagen hat, während der göttliche Regent unsichtbar bleibt. Aber entspricht das der Wirklichkeit?

Ähnlich wie bei einer optischen Täuschung werden manche Dinge erst auf den zweiten Blick sichtbar. Die weltberühmte Zeichnung des amerikanischen Cartoonisten William Ely Hill (siehe das untenstehende Bild) zeigt das Bild einer alten Frau. Wirklich? Ist es nicht das Bild einer jungen Frau? Nun, das kommt darauf an. Denn das Bild lässt zwei Sichtweisen zu. Manche Menschen erkennen zunächst lediglich die alte Frau. Andere nehmen erst einmal allein die junge Frau wahr. Es ist unbedingt ein zweiter Blick erforderlich, damit wir auch die andere Person erkennen. Entsprechend bedarf es des bewussten Blicks, um Gott im Buch Esther wahrzunehmen.

Auf den ersten Blick erscheint Gott abwesend. Aber so wie es aussieht, verhält es sich nicht. Folglich lädt das Buch den Leser ein, bewusst zwei Schritte zu gehen.

 

Der erste Schritt: Wahrnehmen, wonach es auf den ersten Blick aussieht

Das Buch Esther behandelt den Zeitraum zwischen den Jahren 483 und 473 vor Christi Geburt. Im Jahr 586 vor Christi Geburt waren Jerusalem und der Tempel zerstörten worden, und das Volk der Juden wurde daraufhin in die Gefangenschaft verschleppt. Seitdem lebte es als religiöse Minderheit im Babylonischen und später im Persischen Reich. Auch als die Rückkehr des Volkes Gottes nach Jerusalem ab dem Jahr 539 vor Christi Geburt möglich geworden war und der Wiederaufbau des Tempels im Jahr 515 abgeschlossen war, waren viele Juden nicht nach Jerusalem heimgekehrt. Stattdessen waren sie in Persien sesshaft geworden. Wie lebt Gottes Volk in einer solchen Umgebung? Welche Möglichkeiten hat es in diesem Umfeld, um zu überleben? Auf den ersten Blick bieten sich folgende Möglichkeiten:

  1. a) Das Volk Gottes könnte sich von der Macht und dem Reichtum des Reiches beeindrucken lassen.

Das Persische Reich war in jener Zeit die dominierende Macht im Nahen Osten. Ihr Gebiet erstreckte sich über den größten Teil der damalig bekannten Welt (Est. 1,1). Sage und Schreibe 180 Tage lang ließ der König ein Fest für seine Militärführer und für die Gouverneure der 127 Provinzen ausrichten. Die Bevölkerung innerhalb der Burg Susa durfte ebenfalls auf Kosten des Königs ein Fest veranstalten (Est. 1,3–5). Der König demonstrierte damit seine Machtfülle und auch seine Bereitschaft, alle diejenigen zu belohnen, die ihn unterstützten.

Es verwundert, dass der biblische Autor so viel Tinte darauf verwendet, um bis ins kleinste Detail die Feierlichkeiten zu beschreiben: die Vorhänge, die Säulen und die Gefäße (Est. 1,6.7). Dem Leser drängt sich als Parallele die Errichtung der Stiftshütte sowie des Tempels auf. Aber hier ging es nicht um den Ort, an dem Gott unter seinem Volk wohnen wollte, sondern um einen heidnischen König und seine Prunkveranstaltungen. Ja, das Volk konnte sich von der zur Schau gestellten Pracht des Persischen Reiches blenden lassen. Teil eines solchen Reiches zu sein, klingt verlockend. Anpassung an dieses System erscheint eine bestrickende Möglichkeit zu sein.

  1. b) Das Volk Gottes könnte empört sein über die Ungerechtigkeit.

Die Feierlichkeiten boten das Feinste vom Feinsten auf. Auch beim Alkoholkonsum gab es keinerlei Limit (Est. 1,8).

Was aber war mit den Menschen, die nicht dazugehörten? Hätte man das Geld nicht für andere Zwecke verwenden können? Wie viele menschliche Nöte hätten damit gestillt werden können! Bei einer solchen Verschwendung gibt man sich schnell empört. Rebellion bot sich als eine weitere Möglichkeit an.

  1. c) Das Volk Gottes könnte angesichts des Machtmissbrauchs in Verzweiflung verfallen.

Der Charakter des Königs wird als willkürlich und als unberechenbar beschrieben. Nach sieben Tagen Alkohol war Ahasveros in Hochstimmung. Nicht weniger als sieben der königlichen Eunuchen sollten sich nun darum kümmern, dass die Königin Vasti vor ihnen erscheint. Wie eine Puppe wollte er seine Frau vorführen und sie von den betrunkenen Männern begaffen lassen. Die Königin weigerte sich, dies mit sich machen zu lassen. Sie widersetzte sich der Anordnung des Königs (Est. 1,10–12). Die gereizte Reaktion des Königs führte dazu, dass sie ihrer Stellung enthoben wurde (Est. 1,19).

Macht ohne Charakter ist eine gefährliche Kombination. Da der König aufgrund seiner eigenen Entscheidung ohne Königin dastand, ließ er nach Ersatz suchen. Erneut zeigt sich darin die Willkür der weltlichen Gewalt: Die schönsten Jungfrauen wurden gecastet, egal ob sie es selbst wollten oder nicht, sie wurden ein ganzes Jahr lang für eine einzige Nacht mit dem König vorbereitet (Est. 2,12). Eigene Pläne des Mädchens oder Pläne der Eltern für ihre Tochter spielten keine Rolle, wenn der König beschließt, Brautschau zu halten. Und keine von den Kandidatinnen konnte nach dem Wettbewerb ohne weiteres nach Hause zurückkehren. Der persische König wollte die Sammlung seiner lebenden Puppen erweitern. Für den Rest ihres Lebens mussten sie in der Abgeschiedenheit eines Harems leben (Est. 2,14). Es überrascht wohl kaum, dass das Volk Gottes in einem solchen Umfeld in Angst und Panik geriet.

Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob das Persische Reich mit dem König Ahasveros an seiner Spitze dominiert. Die Weltgeschichte scheint völlig ohne Gott auszukommen. Sogar von Gottes Volk ist im ersten Kapitel nichts zu lesen. Man könnte meinen, dass dies eine Schwäche des Buches sei. Aber könnte es sein, dass gerade dadurch, dass der ausdrückliche Bezug zu Gott fehlt, die Parallele zur heutigen Zeit deutlicher vor Augen tritt?

Auch heute kann das Volk Gottes beeindruckt sein vom Reichtum und von der Macht dieser Welt. Zu welchen „Schönheitsoperationen“ lässt man sich im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn verleiten, um körperlich, sozial oder beruflich attraktiver zu wirken. Auch heute fällt es nicht schwer, empört über die Verschwendung zu sein, wenn Hollywood-Größen mehrtägige Hochzeiten veranstalten oder wenn königliche Hochzeiten, finanziert aus der Staatskasse, Millionen verschlingen. Und die Verzweiflung ist nicht weit, wenn Mobbing und Schikanen am Arbeitsplatz oder wenn der Bürger Vorschriften als unangemessene Bevormundungen erlebt.

Bei alledem wird Gott nicht wahrgenommen. Denn schließlich greift er ja auch nicht ein. Auf den ersten Blick dominieren Menschen, und so verfällt das Volk Gottes rasch in Angst, Kleinmut und Verzweiflung.

Der zweite Schritt: Wahrnehmen, wonach es auf den zweiten Blick aussieht

Welche Möglichkeiten bietet ein zweiter Blick auf diese Ereignisse? Die Ausgangslage bleibt auch nach dem zweiten Blick unverändert: Gottes Volk lebte als religiöse Minderheit im Persischen Reich. Und dennoch offenbart ein zweiter Blick auf die Geschichte tiefere Einsichten:

  1. a) Das Volk Gott könnte das weltliche Reich so sehen, wie es tatsächlich ist.

Schon immer haben Menschen mit Humor auf leidvolle Erfahrungen wie Unterdrückung und Konflikte reagiert. Man sagt dem jüdischen Humor nach, er stamme aus den schwierigen Lebensbedingungen während der jüdischen Diaspora. Das Buch Esther bildet Derartiges bereits Jahrhunderte zuvor vor.

Auf eine bestimmte Art stellt das Buch eine historische Komödie dar. Die Pointe dieses Buches ist der auf den ersten Blick so allmächtig wirkende Herrscher Ahasveros. Er machte sich am laufenden Band lächerlich: Kann ein König wirklich als allmächtig bezeichnet werden, der zwar die Kontrolle über Tausende Soldaten ausübt, aber nicht über die Person, die ihm am nächsten steht? Ahasveros war ein König, dessen Macht durch den Unwillen einer einzigen Person gefährdet erscheint (Est. 1,12); er war ein König, der aus einem Familienstreit eine Staatsaffäre machte (Est. 1,13–20); er war ein König, der peinliche Geschichten über sich selbst im ganzen Land verbreiten ließ (Est. 1,19.20); er war ein König, der per Gesetz versuchte, die innere Haltung seiner Bürger zu bestimmen (Est. 1,20); er war ein König, der im gesamten Buch kaum eine einzige Entscheidung allein traf (Est. 1,21; 2,2.3; 3,11; 6,6); er war ein König, der sein eigenes Gesetz nicht umsetzte und sich von seiner Frau Esther immer wieder Vorgaben machen ließ (Est. 8,4; 9,13). Kann ein solcher König Gottes Volk wirklich in Aufregung und in Angst versetzen?

Das Buch Esther veranschaulicht, dass die Mächtigen und Reichen dieser Welt nicht wirklich mächtig und reich sind und dass alle ihre Gesetze einer gewissen Komik nicht entbehren. Auch heutzutage ist es skurril, dass auf eine Art und Weise Toleranz gefordert wird, die in Wahrheit intolerant ist. Ist es nicht sonderbar, dass man die Meinung vertritt, Sprachregelungen könnten in den Köpfen der Menschen Diskriminierungen unterbinden? Ist es dem Volk Gottes möglich, die Autoritäten dieser Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich sind, anstatt sich anzupassen oder sich zu empören oder in Verzweiflung zu geraten? Nein, die Mächte in der Welt sind keinesfalls allmächtig.

  1. b) Das Volk Gottes kann den tatsächlichen König sehen.

Das Buch Esther zeigt den Kontrast zwischen dem menschlichen Herrscher und dem göttlichen Herrscher auf. Während der menschliche König unübersehbar in den Vordergrund tritt, ist der göttliche Regent derjenigen, der nirgendwo wahrzunehmen ist. Aber das täuscht. Die Geschichte im Buch Esther wird abgelöst von einem „Zufall“ nach dem anderen:

► Als die Diener des Königs alle schönen Mädchen im Land ausfindig gemacht hatten, trafen sie „zufällig“ auf die Jüdin Esther (Est. 2,8). Ihre jüdische Abstammung blieb zunächst unbekannt (Est. 2,10). Ihre Schönheit begeisterte alle und besonders den König. So wurde sie zur Königin ernannt (Est. 2,15–17).

► „Zufällig“ war es Mordechai, Esthers Vormund, der einen hohen Posten im Persischen Reich bekleidete, und ausgerechnet er hatte von einer Verschwörung gegen den König erfahren und diesen Komplott der Esther gemeldet (Est. 2,19–23).

► „Zufällig“ wurde aber damals nicht Mordechai Ehre zuteil, sondern ausgerechnet Haman wurde zum zweiten Mann im Reich ernannt (Est. 3,1).

Haman ärgerte sich über Mordechai, der ihm nicht genügend Ehre erwies, und er beabsichtigte, ihn und das gesamte Volk der Juden töten zu lassen (Est. 3,2–8). Geschickt gelang es ihm, dem König dieses Anliegen unterzujubeln, sodass die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossene Sache zu sein schien: durch ein Gesetz, das nicht widerrufen werden konnte (Est. 3,8–15). Das Schicksal der Juden und damit auch das von Esther und Mordechai schien besiegelt zu sein.

In dieser Lage schmiedeten Mordechai und Esther einen Plan (Est. 4,1–17). Unter Lebensgefahr wagte es Esther, vor den König zu treten. Sie lud den König und auch Haman zu einem Festmahl ein (Est. 5,1–4). Gespannt wartet der Leser darauf, dass Esther ihr Anliegen dem König vortrug. Aber zunächst schwieg sie. Sie ließ die Gelegenheit verstreichen. Stattdessen lud sie die beiden zu einem weiteren Abendessen ein (Est. 5,5–8).

► „Zufällig“ begegnete Hamann auf seinem Heimweg seinem Rivalen Mordechai. Hamans Wut steigerte sich ins Unermessliche, und er träumte von einem Mordechai, den er in seiner Vorstellung wohl schon am Galgen baumeln sah. Dafür ließ er einen riesigen Stamm errichten. Am nächsten Morgen wollte er den König bitten, diesen „elenden“ Mordechai hängen zu lassen (Est. 5,9–14).

► „Zufällig“ in genau dieser Nacht fand der König keinen Schlaf (Est. 6,1).

► „Zufällig“ ließ Ahasveros sich deshalb die Chroniken vorlesen, obwohl ihm zur Ablenkung vermutlich spannenderer Lesestoff zur Verfügung stand.

► „Zufällig“ traf er auf den Bericht über die Ereignisse der Verschwörung, die inzwischen schon mehrere Jahre zurücklagen. Er stellte fest, dass Mordechai für seine Loyalität damals nicht belohnt worden war (Est. 6,2.3). Auf einmal konnte der König es gar nicht mehr aushalten, das seinerzeit Verpasste nachzuholen. Aber wer könnte seinen Willen in dieser frühen Morgenstunde ausführen?

► „Zufällig“ befand sich gerade Haman im Hof. Er war auf dem Weg zum König, um ihm von dem Galgen für Mordechai zu berichten (Est. 6,5). Der König ergriff sogleich das Wort und stellte Haman die Frage, wie mit jemandem zu verfahren sei, den der König ehren möchte.

► „Zufällig“ vermied der persische König dabei den Namen „Mordechai“ zu erwähnen, und so folgerte Haman, nur er selbst könne gemeint sein (Est. 6,6). Von daher sparte Haman nicht mit besonders hervorstechenden Vorschlägen.

► Doch dann beauftragte der König „zufällig“ ausgerechnet Haman mit den Vorbereitungen für die Ehrerweisungen für Mordechai.

Was für eine Umkehrung der Dinge! Am Ende des Buches sind alle Dinge anders: Statt Trauer herrschte unter dem Volk Gottes Freude. Statt Mordechai hing Haman am Galgen. Auf diese Weise wird deutlich, dass dies alles keine „Zufälle“ sind. Es war Gott, der hinter diesen Ereignissen stand.

Jemand sagte einmal: „Zufälle sind das, was Gott einem zufallen lässt.“ Ohne Frage: Alle diese Ereignisse erscheinen zunächst nicht das Wirken Gottes zu sein.

Das Volk Gottes war schon früher einmal von der Vernichtung bedroht gewesen. Damals hatte der Pharao angeordnet, alle männlichen Neugeborenen zu ertränken (2Mos. 2). Gott hatte seinerzeit machtvoll eingegriffen: Die zehn Plagen in Ägypten, die Teilung des Meeres oder das Brot vom Himmel schildern die Zeichen und die Wunder, die Gott einst gewirkt hatte.

Im Buch Esther war das Volk Israel erneut bedroht. Und wo ist Gott jetzt? Er scheint abwesend zu sein. Weder wird Gott erwähnt, noch gibt es Visionen, Träume, Prophezeiungen, Gebete oder Wunder. Und trotzdem war Gott am Werk. Aber der allmächtige Gott wirkte souverän hinter den Kulissen. Er handelte in den Geschehnissen des Buches Esther wie ein Regisseur, der im Film selbst zwar nicht zu sehen ist, aber dennoch jedes Detail bestimmt.

Nicht nur die „zufälligen“ Ereignisse in Kapitel 6, sondern auch die unschönen Begebenheiten in Kapitel 1 sind Teil der Regieanweisungen Gottes. Für das Volk Gottes schien eine Feier der Großen und Reichen bedeutungslos und das Austauschen der Königin reichlich uninteressant zu sein. Als Ahasveros nach sieben Tagen Alkoholkonsum betrunken war und mit seinem Reichtum prahlte, schien Gott vielleicht auch für sein Volk abwesend zu sein. Aber genau vor diesem Denkfehler warnt uns das Buch Esther.

Das erste Kapitel im Buch Esther zeigt, dass wir gelegentlich warten müssen, um zu sehen, was Gott tut und wie er handelt. Dass Gottes Handeln nicht sichtbar ist, heißt nicht, dass er nicht am Werk ist. Es sind gerade die kleinen Details, die das große Ganze vermitteln.

Der Blick auf das eigene Leben bestätigt diese Wahrheit: Ein kleines, zunächst unscheinbar wirkendes Ereignis führte zu der aktuellen Arbeitsstelle oder zum Ehepartner. Es ist die Vorsehung Gottes, die alle Ereignisse und Umstände durch den gewöhnlichen Verlauf des menschlichen Lebens lenkt.

Aber war am Ende des Buches Esther wirklich alles anders geworden? Nein! Am Ende des Buches ist vieles anders. Aber eines blieb unverändert: Es regierte nach wie vor der menschliche König Ahasveros (Est. 10,1.2). Ja, die Juden hatten überall von ihren Feinden Ruhe erhalten … bis auf einen, der sich gegen sie gestellt hatte: Ahasveros. Es waren gute Nachrichten, dass von nun an das Schicksal des jüdischen Volkes auf den Schultern Mordechais ruhte (Est. 10,3). Aber das waren und sind noch längst nicht die besten Nachrichten. Das Volk Gottes wartete auf den göttlichen König, der ihnen in Wahrheit die Ruhe bringen wird.

Vielleicht fällt es auch heutzutage schwer, Gott in den politischen Entscheidungen in Berlin, Brüssel oder Washington wahrzunehmen. Allzu leicht fühlt man sich auch von der Macht der Großkonzerne bedroht.

Das Buch Esther fordert auf, einen zweiten Blick auf alles zu werfen und nach Gottes Handeln Ausschau zu halten, auch wenn er nicht durch Zeichen und Wunder in Erscheinung tritt und auch wenn sein Name nicht erwähnt wird.

Gleichzeitig warnt das Buch Esther davor, sich von der Größe, Schönheit und Macht menschlicher Autoritäten blenden zu lassen. Stattdessen ermutigt es, den göttlichen König zu erblicken. Es ist der allmächtige Gott, der alles unter seiner Kontrolle hat. Das macht es möglich, dass Gottes Volk sich selbst in schwierigen Zeiten freuen darf. Der ewige Gott schenkt Glaubensgelassenheit, weil nicht Menschen, sondern weil er selbst auf dem Thron sitzt und alles zu einem guten Ende führt.

Dass Gott dazu willig und fähig ist, hat er bereits demonstriert, als er seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde sandte. In den Augen der Menschen war dieser Jesus unbedeutend. Und es sah danach aus, dass Christus am Kreuz mit seinem Tod verloren hatte. Aber das alles musste geschehen, weil es Gottes Plan war, um uns so von unserer Schuld zu erlösen, der allerschlimmsten Knechtschaft des Menschen. Aber damit war Gottes Plan nicht abgeschlossen. Dieser Jesus Christus wird wiederkommen. Darauf wartet das Volk Gottes. Christen leben im Vertrauen darauf, dass alle Details ihres Lebens dem Plan Gottes dienen.

[1] Für die folgenden Artikel habe ich dankbar verwendet: Duguid, Iain M., Esther and Ruth. In: Reformed Expository Commentary. Phillipsburg, NJ [P&R Publishing] 2005. Gregory, Bryan R., Inconspicuous Providence. The Gospel according to Esther. Phillipsburg, NJ [P&R Publishing] 2014. Jenkins, Bethany, Esther and the Silent Sovereignty of God. (https://www.thegospelcoalition.org/article/esther-the-silent-sovereignty-of-god/) [abgerufen 2.2.2021]. Jobes, Karen H.: Esther. The NIV Application Commentary. Grand Rapids, MI [Zondervan] 1999.

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