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Einige Anmerkungen zu Martin Grabes Buch, Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama

1. Ein Buch erregt Aufmerksamkeit

„Das Buch solltest Du unbedingt lesen und etwas dazu schreiben. Dadurch ist im Evangelikalismus wieder ein Damm gebrochen.“ Mit dieser Bemerkung machte mich vor wenigen Wochen jemand auf das obengenannte Buch[1] aufmerksam. Damit verband er gleichzeitig einen Arbeitsauftrag, den ich mir nach dem Lesen des Buches zu eigen machte.

Der Autor, Martin Grabe, ist nicht irgendwer, sondern er ist der Ärztliche Direktor der Klinik Hohe Mark in Oberursel und Chefarzt der dortigen Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik. Bekanntlich untersteht diese Klinik dem Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD). Von daher genießt diese Einrichtung in evangelikalen Kreisen wohl noch immer eine gewisse Reputation. Da Grabe außerdem die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS) leitet und nicht zuletzt die Zeitschrift P&S – Magazin für Psychotherapie und Seelsorge herausgibt, fungiert er im deutschsprachigen evangelikalen Raum ohne Zweifel als Multiplikator.

Als Antwort auf die Frage, was die Aussage Grabes ist bzw. was er mit seiner Veröffentlichung beabsichtigt, hören wir ihn am besten selbst: „Aus Sicht des Glaubens, so wie Jesus ihn vorstellt, kann man festhalten: Wenn ein Mensch homosexuell ist, hat Gott ihm diese Eigenschaft als Gabe und Aufgabe mit auf den Lebensweg gegeben. Wie anderen ihre Heterosexualität“ (S. 58).

Diese These führt ihn etliche Seiten später zu der Frage: „Damit kommen wir jetzt zur Gretchenfrage. Wie sollte und darf die Lebenspraxis homosexueller Menschen in christlichen Gemeinden aussehen?“ (S. 71). Wenn man nun allerdings erwartet, dass er seine Antwort gibt, sieht man sich enttäuscht. Zunächst wiederholt er sich seitenlang. Dabei treibt ihn möglicherweise die Hoffnung an, eine Verdoppelung würde seine These beim Leser überzeugender machen. Schließlich aber spricht er in Richtung auf Gemeinden und Gemeindeleiter die Empfehlung aus: „Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen“ (S. 76).

2. Grundlage der Gedankenführung Grabes

Wenn man sich eine Publikation zum Thema „Homosexualität“ aus einem Verlag bestellt, der sich selbst wohl als christlich-evangelikal versteht, erwartet man, dass man zügig mit den Aussagen aus dem Wort Gottes zu dem betreffenden Thema vertraut gemacht wird. Zumindest erwartet man, dass man den biblisch-theologischen Bezugsrahmen erfährt, in dem der Verfasser argumentiert. Aber auf die Aussagen der Heiligen Schrift kommt Grabe erst im zweiten Drittel seines Buches zu sprechen. Zunächst liegt es dem Autor daran, dem Leser etwas anderes nahezubringen.

Zuerst erinnert Grabe in der Einleitung daran, dass das Thema „Homosexualität“ in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft einen Paradigmenwechsel durchgemacht hat. Bis 1989 wurde Homosexualität als psychische Krankheit beurteilt, seit 2006 wird diese Lebensform im Rahmen des Antidiskriminierungsgesetzes geschützt. Grabe macht dann darauf aufmerksam, dass auch bei Christen inzwischen eine andere Einstellung zu dieser Thematik zu beobachten sei. Dazu verweist er auf das Buch von Timo Platte, der Lebensbeschreibungen von „vielen tiefgläubigen Christinnen und Christen“ (S. 7) zusammentrug, die „irgendwann realisiert haben, dass sie offensichtlich homosexuell empfinden“ (S. 7). Die Frage, die Grabe daraufhin stellt, lautet: „Warum entstehen in christlichen Gemeinden gerade im Bereich Homosexualität diese massiven Aversionen, Schuld und Versündigungsängste?“ (S. 7).

Im ersten Kapitel, das er dann unter die Frage stellt „Warum hat unsere Gesellschaft eigentlich immer etwas gegen Schwule gehabt?“, gibt er eine Antwort, allerdings ausdrücklich nicht aus biblisch-theologischer, sondern aus „tiefenpsychologischer Sicht“ (S. 9). Dabei stellt er von vornherein fest: Wer etwas gegen homosexuelle Menschen habe, sei durch die „Abwehr eigener homoerotischer Anteile“ bestimmt (S. 9). Das soll wohl heißen: Jeder Mensch, wenn auch graduell unterschiedlich, sei homosexuell. Etwas später erfährt der Leser dann auch, dass die „Schwulenfeindlichkeit“ in den Psychen der jeweilig Ablehnenden verankert sei.

Wohlgemerkt: Diese These begründet er mit der „Tiefenpsychologie“. „Die tiefenpsychologische Sicht“ selbst begründet er nirgendwo, geschweige denn dass er sie auch nur einziges Mal in Frage stellt. Offenkundig steht sie ihm axiomatisch fest. Denn von diesem Boden aus scheint ihm nunmehr geklärt zu sein, dass jeder, der es unternimmt, diese seine Beurteilung zur Homosexualität in Frage zu stellen, unter das Urteil gerät, er mache dies „aus Abwehr eigener homoerotischer Anteile“ (S. 9). Mit anderen Worten: Ein Nein zur Homosexualität sei nichts anderes als ein geradezu irrationaler Kampf gegen sich selbst. Es ist also in etwa das, was man seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert als „Homophobie“ bezeichnet.[2]

Als ich diese „tiefenpsychologische Sicht“ las, kam mir unwillkürlich meine gymnasiale Oberstufenzeit in Erinnerung. Es war in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die Ideen der 68er-Bewegung hatten sich rasend schnell in den Klassenzimmern verbreitet und wurden natürlich als absolute Wahrheit vertreten. Unter anderem war es die neomarxistische These, dass Eltern und nicht zuletzt natürlich Lehrer, die es immer noch wagen würden, Leistung, Ordnung und Disziplin einzufordern, dies nur deswegen verlangten, weil sie bedauerlicherweise sexuell verklemmt und unbefriedigt seien. Dieser an S. Freud gebildete tiefenpsychologische Blödsinn machte natürlich die Schüler gegenüber jeglichen Erziehungsbemühungen immun. Auf diese Weise drängte man geschickt die betreffende Autoritätsperson in die Defensive. Bekanntlich haben sich seitdem diese Auffassungen so schnell und so tief in das allgemeine Denken eingeprägt, dass diese tiefenpsychologische „Einsicht“ bis heute nicht restlos überwunden ist.

Auf jeden Fall wird Grabe sich die Frage gefallen lassen müssen, ob seine tiefenpsychologische Weisheit, die irgendwo im 19. und 20. Jahrhundert ihre geistigen Wurzeln hat,[3] gerade deswegen heutzutage angesagt ist, weil sie sich so nahtlos in die gegenwärtige Genderideologie einfügen lässt. Auf jeden Fall wird damit deutlich, auf welche Reise der Ärztliche Direktor einer Klinik, die dem Deutschen Gemeinschaftsverband untersteht, den Leser mitnehmen will.

Aber neben dieser Frage stellt sich unwillkürlich noch eine weitere: Wie kann Grabe vom Boden eines solchen Menschenbildes jemandem überzeugend entgegentreten, der pädophile Verhaltensweisen propagiert, namentlich dann, wenn dieser entsprechende „Anteile“ in sich verspürt? Um jedes Missverständnis auszuräumen: Grabe lehnt Pädophilie strikt ab (S. 20 und 41). Aber die Frage bleibt: Welche Möglichkeiten sieht Grabe vom Boden seines vorgetragenen tiefenpsychologischen Menschenbildes aus, Leuten argumentativ entgegenzutreten, wenn diese in sich verstärkt „pädophile Neigungen“ verspüren?

Nicht zuletzt wird man Grabe darauf hinweisen müssen, dass das von ihm wohl als gesichertes wissenschaftliches Forschungsergebnis zur Homosexualität Vorgetragene von vielen, vielen anderen Psychologen, Pädagogen und sonstigen Humanwissenschaftlern in keiner Weise geteilt wird.

Im Rahmen dieser Buchbesprechung will ich lediglich auf eine einzige andere Deutung zur Homosexualität hinweisen, die in anderen Gegenden dieser Welt auf relativ breite Zustimmung gestoßen ist. Ich denke an das im angelsächsischen Raum erschienene Buch von George Hobson, The Episcopal Church, Homosexuality and the Context of Technology. In diesem Buch sucht der Autor einen völlig anderen Einstieg zu den gegenwärtigen sexuellen Wirrnissen zu finden, zu denen er Sexsucht, Hypersexualität, Asexualität, Bisexualität, Pansexualität, Pornographiesucht, Exhibitionismus, Fetischismus, Voyeurismus, Pädophilie und eben auch Homosexualität zählt. Er findet den Zugang im Rahmen des gegenwärtig schier alles beherrschenden, wertfreien Technologiedenkens.

Ich fasse einmal seine Überlegungen in eigenen Worten zusammen: Im Vergleich zur gottgegebenen Schöpfung hat die Technisierung und Digitalisierung unserer Lebenswelt in unserem Denken zu einer normlosen Beliebigkeit gegenüber den Schöpfungsgegebenheiten geführt. Alles was machbar ist, will man auch ausprobieren. Auf diese Weise hat der Mensch seine eigene Lebenswelt konsequent entsakralisiert und von Gott entkoppelt. Die Frage, was Gott, der Schöpfer will, kommt gar nicht mehr vor, zumal es ja außerhalb des Wirklichkeitsgeflechts des technisch Machbaren nichts mehr zu geben scheint. Als „Recht“ gilt in einer solchen Gesellschaft dann das, was übrigbliebt, wenn die Furcht Gottes verdampft ist, sodass der Mensch sich anschickt, „Recht“ nach seinen Vorstellungen zu konstruieren.

Hobson jedenfalls weigert sich, die im Blick auf die Schöpfung außer Rand und Band geratenen sexuellen Beliebigkeiten unter Absehung der allgemeinen geistig-kulturellen Dynamik zu deuten. Aus dieser Perspektive tritt er einem aus den Fugen geratenen Verständnis von Liebe und Geschlechtlichkeit, die man mit Begrifflichkeiten wie Orientierung“, „Disposition“ oder „Veranlagung“ zu bekräftigen sucht, entgegen. Er passt sich nicht an.

3. Geschichte und Zeitgeschichte in Grabes Optik

Zu Ausflügen Grabes in die Geschichte und in die Gegenwart homosexueller bzw. homoerotischer Verhaltensweisen wäre sehr viel Kritisches anzumerken. Aber man zögert, sich hier mit Aussagen des Verfassers zu konfrontieren, weil seine Ausführungen zu oberflächlich und zu substanzlos sind.

Zum Beispiel meint Grabe die Einstellung in Griechenland zur Homosexualität mit einem Hinweis auf einen einzigen Dialog des athenischen Philosophen Platon beantworten zu können. Er erläutert dazu, dass es in der klassischen Antike offensichtlich keine mit uns heute vergleichbare Ächtung homoerotischer Impulse gegeben habe. Platon habe „die Homoerotik sogar als reifste Form menschlicher Sexualität beschrieben“ (S. 12).

Richtig daran ist, dass Platon in einem einzigen Dialog, und zwar im Gastmahl (Symposion), positive Aussagen zur Homosexualität machte. Übrigens pries er vor allem in diesem Dialog die Knabenliebe (Päderastie), also homosexuellen Verkehr mit minderjährigen [!] Teenagern, „ab Beginn des Bartwuchses“.[4] Auch promiskuitives homosexuelles Verhalten wird in diesem Dialog ausdrücklich nicht verurteilt, im Gegenteil.[5] Dass Grabe darüber kein einziges kritisches Wort verliert, mag möglicherweise den einen oder anderen Leser irritieren, wenn er so etwas kommentarlos in einem Buch aus einem evangelikalen Verlag liest. Aber unterstellen wir einmal zu Grabes Gunsten, dass sein Schweigen nicht so interpretiert werden muss, dass er derartige Praktiken für beherzigenswert hält.

Übrigens erklärt Platon in diesem Dialog, dass homosexuelle Handlungen im Widerspruch zum Begriff des Eros stünden, da die Liebe nur „im Unterschied“ fruchtbar sei und zeugen könne: Im Gegensatz zu homosexuellen Kontakten sei das Verhältnis von Mann und Frau als Verhältnis von Ungleichen etwas Heiliges, denn es sei offen hin auf einen Dritten, auf ein Kind.[6] Schade dass Grabe auch das vergisst, anzuführen.

Abgesehen von diesem Dialog (Symposion) verurteilt Platon übrigens homosexuelle Praktiken wie Päderastie („Knabenliebe“) ausdrücklich.[7] In seinem Spätwerk, den Gesetzen (Nomoi), forderte der Philosoph den generellen Ausschluss homosexueller Handlungen aus einem vernünftig geordneten Gemeinwesen: In der Homosexualität drücke sich die „Zügellosigkeit der Lust“ aus.[8]

Platon als Beleg für die Akzeptanz homosexueller Partnerschaft in der Antike anzuführen, ist zwar verbreitet, kann aber nicht wirklich überzeugen.

Aber nehmen wir einmal an, man könne Platons Ausführungen zur Homosexualität auf das Symposion [Gastmahl] eingrenzen. Nehmen wir weiter an, man ließe die dort gelieferten Vorbehalte gegen homosexuelle Handlungen außer Acht. Tun wir also einmal so, als ob der griechische Philosoph eine uneingeschränkt positive Einstellung zu homosexuellen Praktiken vertrat. Selbst dann darf man eben nicht übersehen, dass Platon (der selbst aus der athenischen Adelsschicht stammte) gerade im Dialog Symposion keineswegs die normativen Sitten des durchschnittlichen Griechen im Auge hatte, sondern diejenige einer relativ kleinen Oberschicht von höchstens 10 Prozent.

Homosexuelle Kontakte kamen in Griechenland vornehmlich in den philosophischen Schulen zwischen Lehrern und Schülern vor („edukative Päderastie“) und im Heer während der oft jahrelangen Kriegsdienstzeit („militärische Päderastie“).[9] Im Übrigen gab es in Athen wie auch in vielen Gegenden Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellten.[10]

Kurzum, der Versuch den Eindruck zu erwecken, im gesamten antiken Griechenland hätte eine prinzipiell positive Einstellung zur Homosexualität geherrscht, ist entweder ein Zeichen historischer Unkenntnis oder zeugt von bewusster, möglicherweise durch bestimmte Interessen geleitete Geschichtsverfälschung.

Auch in der römischen Welt gab es große Vorbehalte gegenüber homosexuellen Handlungen.[11] Andererseits aber ist nicht nur aus Römer 1,24ff bekannt, dass in der Kaiserzeit homosexuelle Praktiken vielfach übliche Lebensformen waren.[12] Das wohl bekannteste, aber wahrlich nicht einzige Beispiel ist der römische Kaiser Hadrian, der zu dem jungen Antionos eine dermaßen intensive homoerotische Zuneigung pflegte, dass als dieser im Nil ertrunken war, der Kaiser zu seinen Ehren einen Tempel und zahlreiche Statuen errichten ließ.[13]

Das Judentum verstand in der Antike homosexuelle Handlungen nicht als Bagatellen, sondern erachtete derartigen Praktiken als Ausdruck chaotischer kosmischer Unordnung.[14]

Aber lassen wir die Antike hinter uns. Der vom Geist Gottes inspirierte Apostel Paulus schildert nicht nur derartige Sünden, sondern er bewertet sie ausdrücklich in Römer 1 als „unnatürlich“ und als „Verirrungen“.

Wenn Grabe seinen Streifzug durch die Geschichte fortsetzt und zur Gegenwart kommt, entdeckt er für Europa „ein Nord-Süd-Gefälle“ (S. 13), und zwar in dem Sinn, dass im Norden die Ächtung der Homosexualität massiver (gewesen) sei als im Süden. Die Ursache dafür findet der Autor in der „preußisch-soldatischen Herkunft“ unseres jetzigen Staatswesens (S. 13). Im Vergleich dazu weist er auf türkische Männer hin, die „sich gegenseitig in den Arm nehmen“, oder er erinnert an Frauen, die „im türkischen Bad sich gegenseitig liebevoll den Körper pflegen“ (S. 8/9).

Will er mit diesen Hinweisen aus der türkischen Kultur den Eindruck erwecken, es lägen hier homosexuelle oder homoerotische Verhaltensweisen vor? Auf jeden Fall ist die Realität nach wie vor die, dass was auch immer die Gesetzgebung sagt, in der türkischen Öffentlichkeit homosexuelle Praktiken als Perversion beurteilt werden.[15]

Zu seinen Ausführungen, dass das Homosexualitäts-Tabu nördlich der Alpen stärker ausgeprägt sei als südlich davon, wird man als Gegenargument daran erinnern dürfen, dass in Westeuropa die ersten Legalisierungen von „Homoehen“ in den Niederlanden und in Dänemark erfolgten, während Italien das letzte westeuropäische Land war, in dem es keinerlei gesetzliche Grundlagen für homosexuelle Partnerschaften gab. Ferner fällt einem natürlich der italienische Politiker Matteo Salvini ein, der mit seiner Ablehnung der Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare in seinem Heimatland auf große Zustimmung stieß, und zwar weit über seine eigene Partei (Lega Nord) hinaus. Demgegenüber waren es Brüsseler Politiker, nicht zuletzt deutsche „Grüne“, die in massivster Weise bei diesem Politiker „Homophobie“ diagnostizierten.[16]

Lassen wir Grabes diesbezügliche Geschichtsdeutungen auf sich beruhen. Denn was auch immer er aus Historie und Zeitgeschichte weiß, ihm ist sowieso klar: Wer gegen Homosexualität ist, ist von eigenen „neurotischen Mechanismen“ bestimmt, die dazu führen, dass es „salonfähig“ wurde, „bestimmte Bevölkerungsgruppen pauschal auszugrenzen und zum Ziel unkontrolliert verteufelnder Projektionen und Übertragungen zu machen“ (S. 15).

4. „Wiedergutmachung“ im Sinn Grabes

Im zweiten Kapitel, das den Titel trägt „Wie gehen Christen mit dem Thema Homosexualität um?“, stellt Grabe sich dann hinter die Forderung einer „Wiedergutmachung bisheriger Diskriminierungen“ (S. 17). Konkret verlangt er, diese Bürger müssten politisch die gleichen Rechte haben.

Dabei hält er sich insofern eine Hintertür offen, als er zwischen „politischer Überzeugung“ und „christlicher Überzeugung“ unterscheiden möchte.

Das dürfte aber geistesgeschichtlich ungefähr dem entsprechen, wie im 19. und 20. Jahrhundert das liberale Luthertum zwischen christlicher und politischer Einstellung meinte unterscheiden zu dürfen. Dem einen Bereich, dem christlichen, wies es die private Innerlichkeit zu, während es dem äußeren Bereich die politischen und ökonomischen „Eigengesetzlichkeiten“ zuerkannte.

Für Grabes Themenstellung klingt das bei ihm folgendermaßen: „Ich weiß z. B. nicht, ob es von einem neutralen Standpunkt aus gesehen wirklich gerecht ist, Ehepaare steuerlich zu bevorzugen. Sie verstehen mich richtig, aus christlicher Sicht bin ich starker Befürworter der Institution Ehe. Aber Aufgabe eines demokratischen Staates ist es vor allem, dafür zu sorgen, dass alle Bürgerinnen und Bürger gerecht behandelt werden, und nicht, dass Menschen, die bestimmten Traditionen anhängen, gegenüber anderen bevorzugt werden“ (S. 18).

Unter einem „neutralen Standpunkt“ versteht Grabe offenkundig das aus der Französischen Revolution stammende Egalitätsdenken. Daraus folgert er dann, dass auch alle geschlechtlichen Beziehungen auf eine Ebene zu stellen sind. Das kann in diesem Kontext ja wohl nur heißen: Ehe für alle.

Von seiner Voraussetzung aus ist natürlich an Grabe ferner die Frage zu stellen, wie ein Staat polygame Verbindungen weiterhin verbieten will, jedenfalls in Fällen entsprechender „Veranlagung“? Warum kann dann nicht auch eine „Ehe auf Zeit“ legalisiert werden, wie es etwa im Iran der Mullahs der Fall ist?

Gemäß dem allgemein bekannten Ausspruch des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgericht, E.-W. Böckenförde, lebt jedes politische Gemeinwesen aus Voraussetzungen, die es selbst nicht herstellen kann. Die Wurzeln unseres Gemeinwesens entstammen, auch wenn sie bereits weitestgehend erodiert sind, der biblischen Offenbarung. Das heißt, den Zehn Geboten, und dann eben auch dem, was das Neue Testament unter Ehe und Familie versteht.

Wenn dieser Auflösungsprozess noch weiter voranschreitet, dann wird Grabe eines Tages selbst realisieren müssen, dass es so etwas wie einen „neutralen Standpunkt“ nicht gibt. Er wird dann erkennen, dass in dieses geistige Vakuum antichristliche Ideologien fließen. Biblisch gesprochen: Die Gesetzlosigkeit wird überhandnehmen. Und in dem Maße, wie diese zunimmt, wird, wie es der Sohn Gottes vorausgesagt hat, die Liebe (nicht ihre wahre Glut entfalten, sondern das Gegenteil wird der Fall sein, sie) wird erkalten (Mt. 24,12). Mit anderen Worten: Es gibt im Licht des Wortes Gottes keinen „neutralen Standpunkt“.

Dem Staat steht es einfach nicht zu, die Schöpfungsordnung der Ehe immer mehr einzuebnen in eine „Ehe für alle“, und mittlerweile versucht er auch die Familie immer mehr durch sogenannte „Kinderrechte“ auszuhebeln.[17] Als Folge werden in dieser Gesellschaft am Ende nur noch beziehungsunfähige Individuen übrigbleiben. Wir möchten gerne annehmen, dass dies nicht die Absicht eines Chefarztes für Psychotherapie und Psychosomatik sein kann.

In Kapitel 3 lehnt Grabe strikt Therapiebemühungen mit „Konversionsabsicht“ ab. Er begründet dies: „In der Fachwelt besteht heute Einigkeit darüber, dass in den meisten Fällen Homosexualität eine Persönlichkeitsausprägung ist, die tief im Wesen eines Menschen verankert und ebenso wenig änderbar ist wie Heterosexualität“ (S. 24.25). Weiter führt er unter Berufung auf eine US-amerikanische Studie aus: „Inzwischen weiß man, dass es bei der Entstehung der sexuellen Orientierung zu einem komplexen Zusammenspiel mehrerer Genorte kommt, die z.T. auch andere Aufgaben haben“ (S. 25).

Ob darüber „in der Fachwelt“ wirklich eine solche Einmütigkeit gegenüber den Konversionstherapien besteht, lassen wir einmal dahingestellt. Bis zum heutigen Tag findet man immerhin auch gegenteilige Auffassungen. Nur werden sie eben in Deutschland nur noch unter vorgehaltener Hand verbreitet.

Ich selbst habe vor über 20 Jahren einiges über das Thema der Homosexualität veröffentlicht.[18] Darauf erhielt ich Reaktionen von Ärzten, Psychologen und Psychotherapeuten, die mir von Erfolgen ihrer „Konversionstherapien“ berichteten.[19] Haben diese Männer gelogen? Diese nach meinem Urteil qualifizierten Fachleute fügten bereits damals hinzu, dass sie sich mit ihren Einsichten nicht mehr an die Öffentlichkeit trauten, denn dann würden sie mit beruflichen Sanktionen zu rechnen haben. Das war vor mehr als zwei Jahrzehnten!

Dass diese geäußerten Befürchtungen ganz sicher heute, nach Durchsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes nicht geringer geworden sind, beweist der Gerichtsprozess gegen den Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera. Kutschera hatte im Jahr 2017 erklärt: „Sollte das Adoptionsrecht für Mann-Mann- bzw. Frau-Frau-Erotikvereinigungen kommen, sehe ich staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen.“[20] Kutschera erklärte vor Gericht, dass für ihn das Kindeswohl im Mittelpunkt stehe. Aber das sah das Kasseler Amtsgericht anders. Es erblickte in Kutscheras Äußerungen eine „Herabwürdigung Homosexueller“ und verurteilte ihn kürzlich zu einer Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 100 Euro. Allerdings ist dieses Urteil nach meinem Kenntnisstand noch nicht rechtskräftig.

Grabe lehnt Konversionstherapien deswegen ab, weil es für ihn eine „genetische Disposition aber keine direkte Erblichkeit“ (S. 25) zur homosexuellen Orientierung gibt. Er ist der Ansicht, dass es bei der „Entstehung der sexuellen Orientierung zu einem Zusammenspiel mehrere Genorte kommt“ (S. 25).

Der Apostel Paulus führt homosexuelle „Orientierung“ dagegen auf eine entsprechende Verhaltensweise zurück, indem er darauf hinweist, dass diese Einstellung der verdiente Lohn ihrer Verirrung ist (Röm. 1,27). Offenkundig scheint Paulus also nicht der Ansicht zu sein, dass jemand als homosexuell Orientierter auf die Welt kommt, sondern erst durch entsprechende Handlungsweisen. Diese Aussage des Apostels wurde mir seinerzeit von besagten Ärzten, Psychologen und bibeltreuen Seelsorgern mehrfach bestätigt.

5. Biblisches zum Thema in Grabes Verständnis

In Kapitel 4 beschäftigt Grabe sich dann – endlich – mit den Aussagen des Wortes Gottes zur Thematik. Er beginnt mit dem Satz: „Die Kirche ist in der Geschichte immer wieder in der Gefahr gewesen, in vielen Fragen keine eigenständige, auf den christlichen Glauben gegründete Haltung zu entwickeln, sondern in ihren Aussagen nicht viel mehr zu sein als ein verdünnter Aufguss ohnehin herrschender gesellschaftlicher Strömungen“ (S. 34). Nach dieser Ansage ist der Leser gespannt, wie nun Grabes Umgang mit der Heiligen Schrift sein wird. Wir können das Ergebnis gleich vorwegnehmen: Grabe kommt zu dem Ergebnis, dass die Bibel nichts zu der von ihm behandelten Thematik sage.

Verfolgen wir seine Argumentation im Einzelnen.

Zunächst fällt auf, dass er Schriftstellen wie die Ereignisse von Sodom und Gomorra (1Mos. 19) und Gibea (Ri. 19) gar nicht behandelt. Die ersten beiden Aussagen, auf die der Autor zu sprechen kommt, sind 3.Mose 18,22 und 3.Mose 20,13. Hierzu stellt er fest, diese Aussagen stünden in einer langen Reihe von „Gräueln vor dem Herrn“ (S. 37). Dem ist nicht zu widersprechen. Dann fügt er jedoch hinzu: „Wer diese Stellen zufällig aufschlägt, nicht weiter von der Frage betroffen ist und sich bisher nicht besonders mit der Bibel beschäftigt hat, könnte sagen: Okay, das ist ja deutlich, Gott verbietet also offensichtlich homosexuellen Geschlechtsverkehr bei Männern“ (S. 37).

Nun ja, auch derjenige, der diese Schriftstellen nicht „zufällig aufschlägt“, sondern gezielt nachschlägt, so wie es Juden und Christen jahrhundertelang taten, ist bisher zu dem von ihm beschriebenen Ergebnis gekommen. Erst in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts kam D.S. Bailey auf den Gedanken, diese beiden Gebote auf die sogenannte „kultische Homosexualität“ einzugrenzen. Dieser Idee sind viele bis zum heutigen Tag gefolgt.[21]

Grabe selbst vertritt diese Interpretation nicht. Aber er schränkt das göttliche Verbot auf „verheiratete Männer“ ein (S. 37): Was hier verboten werde, sei Ehebruch, zu dem häufig Missbrauch und Gewaltanwendung gehöre. Auf jeden Fall gehe es, so weiß Grabe, nicht um „homosexuelle Partnerschaften“.

Der Grund dafür, dass Grabe meint, hier nur an verheiratete Männer denken zu sollen, die überdies häufig noch Gewalt anwendeten, verrät er nicht. Aus den Versen selbst geht jedenfalls etwas anderes hervor. Der Zusammenhang, in dem 3.Mose 18,22 steht, machen die einleitenden Aussagen (3.Mos. 18,1–5) sowie der diesen Abschnitt abschließende Vers (3.Mos. 18,24) deutlich: Die Israeliten sollen sich in ihrem Verhalten nicht den umliegenden Völkern anpassen. Vielmehr sollen sie sich in jedem Bereich bis hinein in die Dimension ihrer Geschlechtlichkeit anders als die Heiden verhalten. Sie sollen sich anders verhalten als die Ägypter, also dem Volk, von dem sie weggezogen waren, und sie sollen sich auch anders als die Kanaaniter benehmen, in deren Land sie einziehen werden.

In 3.Mose 18,6–23 geht es um Verhaltensnormen in einer Großfamilie: Obwohl häufig mehrere Generationen auf sehr engem Raum zusammenlebten (während der Wüstenwanderung oft unter einem einzigen Zeltdach), musste man dennoch Grenzen im Blick auf Eltern, Schwiegerfamilie und Kinder beachten. Auch mit den sich häufig außerdem noch im Zelt herumtreibenden Tieren durfte man sich nicht sexuell abgeben.

Der Bezugsrahmen, in dem 3.Mose 18,22 steht, ist also nicht homosexuelle Vergewaltigung, sondern Beachtung und Einhaltung der Ordnungen Gottes, und zwar im Blick auf den sexuellen Bereich.

Auch in 3.Mose 20,13 geht es um den Schutz der mit und in der Schöpfung gegebenen Ordnungen für das Geschlechtsleben und damit um Bewahrung vor dem Untergang von Ehe und (Groß-)Familie.[22] Dabei ist der Fokus ausdrücklich gerade nicht auf brutale Gewaltanwendungen gerichtet, sondern auf jegliche gleichgeschlechtliche Handlungen, bei denen ein Mann bei einem Mann liegt wie man bei einer Frau liegt. Diese hier anzutreffende Formulierung erlaubt es nicht, hier ausschließlich an homosexuelle gewaltsame Übergriffe zu denken, sodass „homosexuelle Partnerschaften“ damit erlaubt wären.

Die Botschaft dieser Verse ist vielmehr klar: Auch im Fall, dass beide Partner einwilligen, lehnt die Heilige Schrift die Form gleichgeschlechtlicher Beziehung als Gräuel ab. Offenkundig nimmt Gott bei der Beurteilung gleichgeschlechtlicher Praktiken keine Rücksicht auf menschliche Voraussetzungen, Motive oder Umstände.

Wenn Grabe meint, dass hier nicht der homosexuelle Geschlechtsverkehr an sich verboten sei, sondern nur der Missbrauch bzw. der Ehebruch, stellt sich an ihn die Frage, was er zu dem in dem folgenden Vers stehenden Verbot der Sodomie (Bestialitas) denkt (3Mos. 18,23; 3Mos. 20,15): Wäre für ihn diese Praxis dann erlaubt, wenn man dem Tier keinen Schaden zufügt, sondern „partnerschaftlich“ mit ihm verkehrt? Vermutlich nicht, denn andernfalls würde Grabe mit Tierschutzorganisationen in Konflikt geraten.

Ferner stellt Grabe die Behauptung auf: „Aus christlicher Sicht haben diese Gesetze keine Geltung mehr für uns. Das wird im Neuen Testament ausführlich und wiederholt erklärt“ (S. 39). Auch diese Aussage Grabes ist in dieser Pauschalität für die christliche Ethik nicht haltbar. Es ist zwar richtig, dass zum Beispiel der aaronitische Priesterdienst und die Speisegebote in Christus erfüllt sind (Apg. 10,9ff; Kol. 2,16ff; Hebr. 7,28; 9.10), aber damit ist keineswegs alles, was das Alte Testament gebietet, für Christen irrelevant geworden.

Bleiben wir nur einmal bei den Kapiteln, in denen die beiden Verbote zur Homosexualität stehen, also die Kapitel 18 bis 20 des dritten Buches Mose. Diese enthalten zahlreiche Gebote, die im Neuen Testament direkt und indirekt zitiert werden: 3.Mose 19,2: 1.Petrus 1,16 // 3.Mose 19,18: Matthäus 5,43 // 3.Mose 19,18: Matthäus 22,39; Markus 12,31.33; Lukas 10,27; Römer 13,9; Galater 5,14; Jakobus 2,8 // 3.Mose 20,9: Matthäus 15,4; Markus 7,10. Beachte ferner: 3.Mose 18,8: 1.Korinther 5,1 // 3.Mose 18,16: Matthäus 14,4; Markus 6,17.18 // 3.Mose 19,13: Jakobus 5,4 // 3.Mose 19,15: Jakobus 2,9 // 3.Mose 19,17: Matthäus 18,15 // 3.Mose 20,26: 1.Petrus 1,16.

Abgesehen von dieser im Neuen Testament anzutreffenden Vielzahl von direkten und indirekten Zitaten aus dem Kontext des Homosexualitätsverbotes bezeugt das Neue Testament ausdrücklich, dass das alttestamentliche Verbot homosexueller Beziehungen nach wie vor in Kraft ist: 1.Timotheus 1,10. Von daher sind die von Grabe angeführten Gegenbeispiele, wie zum Beispiel, man würde sich ja schließlich heute auch nicht an das Verbot eines sexuellen Kontaktes mit einer menstruierenden Frau halten (S. 39), hinfällig, und zwar selbst dann, wenn ein Ehemann meint, er brauche sich heutzutage nicht an diesem Verbot zu orientieren.

Das kategorische Verachten des alttestamentlichen Gesetzes, wie es in der Frühen Kirche der Häretiker Marcion oder in der jüngsten Vergangenheit es die Deutschen Christen taten, ist irrig, selbst wenn man bis zum heutigen Tag dies immer und immer wieder zu hören bekommt, wie jetzt wieder einmal von Martin Grabe.

Dass homosexuelle Handlungen mit dem Tod bestraft werden sollen (3Mos. 20,13), übrigens genauso wie Ehebruch, Inzest und sexueller Verkehr mit Tieren (siehe: 3Mos. 20,10–21), begründet Gott damit, dass ein Gemeinwesen, das sich über die Normen Gottes im Bereich der Geschlechtlichkeit hinwegsetzt, zugrunde gehen wird (3Mos. 20,22). Bei allen diesen Geboten bzw. Verboten geht es Gott also gerade um den Erhalt des menschlichen Zusammenlebens. Dass die neutestamentliche Kirche heute in einer heilsgeschichtlich anderen Ära lebt und das Schwert nicht führen darf, ist so selbstverständlich, dass es nicht weiter betont zu werden braucht.

Zu 1.Korinther 6,9.10 und 1.Timotheus 1,8–10 führt Grabe zunächst aus, dass es sich um Sexualkontakte mit minderjährigen Jugendlichen handelt. Dabei legt er den Finger auf die „katastrophalen Folgen pädophiler Übergriffe oder auch Prostitution im Jugendalter“ (S. 41). Seinem Urteil ist natürlich uneingeschränkt zuzustimmen. Aber dann weist er im Folgenden selbst darauf hin, dass die hier verwendeten griechischen Begriffe nicht ausschließlich auf Jugendliche zu beziehen sind (S. 42). Auch das ist richtig. Man fragt sich nur, warum er sich dann bei diesen Versen so lange über pädophile Homosexualität ausgelassen hat.

Trotzdem kommt er zu der Behauptung: „Mit der uns hier beschäftigenden Frage nach einer biblischen Beurteilung der Homosexualität an sich hat dieser Text jedenfalls auch in dieser Lesart nichts zu tun“ (S. 43). Auch dazu ist zunächst einmal schlicht festzuhalten, dass dies nahezu zweitausend Jahre lang Christen, die ihre Bibel lasen, anders sahen. Sie verstanden diese Aussagen genauso, wie sie in der Neuen Genfer Übersetzung übersetzt sind, nämlich dass hier alle „homosexuellen Beziehungen“ verboten werden. Dabei ließen sich die Christen nicht von „Verwirrspielen“ beeindrucken, die Grabe meint, anderen vorwerfen zu müssen (S. 43).

Dann kommt er zu Römer 1,26.27. Hierzu weiß er einführend zu sagen, dass es hier nur um Homosexuelle geht, „die sich gegenseitig quälen und anderen ihr Leben zur Hölle machen“ (S. 44). Weiter erfährt der Leser: „Es ist überhaupt nicht die Intention des Paulus, eine grundsätzliche Aussage zur Homosexualität zu machen“ (S. 45).

Aber wenn wir einmal den Bezugsrahmen beachten, in dem Paulus hier spricht, dann ist deutlich, dass der Apostel hier nicht die Frage thematisiert, ob Menschen „sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen“ (S. 44). Das ist allenfalls eine Folge davon. Vielmehr geht es hier um die Ablehnung von Gott, dem Schöpfer. Dieser Abfall von dem unsichtbaren, ewigen Gott führt die Menschen einerseits zu einem götzendienerischen Bilderkult (Röm. 1,21–23) und andererseits zu Verirrungen im Blick auf die von diesem Gott gegebenen Schöpfungsordnungen, namentlich im Bereich der Sexualität (Röm. 1,24–28): Frauen und Männer haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen vertauscht.

Wenn der Apostel hier das Wort „natürlich“ verwendet, denkt er nicht an die „großartige Schöpfung“ (S. 45), wie man sie heute vorfindet, sondern bei „natürlich“ geht es ihm darum, wie es von Anfang an war. Vor dem Sündenfall war der Mensch im Bild Gottes geschaffen (1Mos. 1,26.27). Er spiegelte seinen Schöpfer wider. Nachdem dann der Mensch von Gott abfiel, sodass er Gott nicht mehr kennen wollte, wandte er sich einerseits Götzenbildern von Menschen und Tieren zu (Röm. 1,23), und andererseits hat dieser Abfall Konsequenzen für sein Sexualverhalten.

Mit anderen Worten: Paulus macht in Römer 1 nicht eine individuelle Aussage über Menschen, die anderen „das Leben zur Hölle machen“, sondern er trifft mit seiner Aussage zu gleichgeschlechtlichem Umgang eine grundsätzliche Aussage über die abgefallenen Menschen. Es geht dem Apostel nicht um persönliche Promiskuität (das ist lediglich impliziert), sondern es geht darum, in aller Grundsätzlichkeit aufzuzeigen, wohin eine Menschheit gerät, die Gott den Schöpfer ignoriert hat und seine Ordnungen mit Füßen tritt.

Damit ist auch bereits das Notwendige zu Grabes Ausführungen über die Schöpfungsordnungen gesagt (Kapitel 5). Im Unterschied zu Grabes Interpretation, der offenkundig sämtliche sexuellen „Dispositionen“ und „Veranlagungen“, die ein Mensch heute in sich verspürt, als Schöpfungsordnungen behandeln möchte, ist bei dem Begriff „Schöpfungsordnung“ an das zu denken, was von Anfang war (vergleiche dazu in anderem Zusammenhang Mt. 19,8).

Während im Alten Testament gelegentlich noch die Vielehe gelebt wurde (S. 50), ist festzuhalten, dass sie auch dort nirgends geboten wurde. Grabe verwechselt damit beschreibende mit vorschreibenden Aussagen in der Bibel. Gott hatte die Polygamie zeitweise lediglich toleriert. Das Neue Testament betont ausdrücklich, dass diese Zeit des göttlichen Ertragens jetzt vorbei ist. Unter Ehe ist ausschließlich die Beziehungsform zu verstehen, die „von Anfang war“. Es ist aufschlussreich, dass das Neue Testament durchgehend bei Ehe von einer Beziehung zweier Personen spricht, und zwar von einem Mann und einer Frau: Die zwei [!] werden ein Fleisch sein. In allen neutestamentlichen Stellen, die das Wort aus 1.Mose 2,24 zitieren, wird das Wörtlein „zwei“ in unmissverständlicher Klarheit hinzugefügt (zum Beispiel: Mt. 19,5; Mk. 10,8; Eph. 5,1). Spätestens seit dem Kommen Christi gilt für die Ehe die [ursprüngliche] Schöpfungsnorm.

Zusammenfassend muss konstatiert werden: Selten ist mir ein Buch zur Homosexualität aus einem christlichen Verlag unter die Augen gekommen, das derartig fragwürdige Exegesen bietet.

Allerdings ist zu befürchten, dass Grabe sich nicht sehr durch Kritik an seiner unzureichenden Auslegung einiger Stellen der Heiligen Schrift beeindrucken lässt. Ihm geht es ohnehin ums Praktische, also um den Umgang mit Homosexuellen und deren Integration in christliche Gemeinden. Und vom Boden dieses Interesses kommt er dann eben zu solchen verqueren Auslegungen.

6. Umgang mit und Integration von Homosexuellen in die Gemeinde nach Grabe

Grabes Therapieansatz besteht darin, „Betroffene in ihrem Selbstwert zu stärken“ (S. 27). Das heißt, er arbeitet mit dem Therapieziel, dass die betreffenden Menschen ihre Homosexualität als „Grundbedingungen ihres Lebens akzeptieren und annehmen“ (S. 27) und dass ihr „Selbstgefühl“ gestärkt wird. Das weitere Ziel ist dann, dass homosexuell Lebende in der Gemeinde akzeptiert werden, sodass sie „ihren Platz in unseren Gemeinden finden“ (S. 96). Theologisch begründet Grabe diese These mit der Souveränität Gottes: Schließlich habe Gott selbst den Homosexuellen geschaffen und somit sei ein Nichtakzeptieren ein Herummäkeln an Gott (S. 65–66).

Es ist offenkundig, dass Grabe hier den souveränen Willen mit dem moralischen Willen Gottes verwechselt bzw. bewusst durcheinanderbringt. Die Heilige Schrift beurteilt Homosexualität eben nicht als eine Schöpfungsvariante, sondern als Verirrung (Röm. 1,27).

Von daher muss man natürlich nun gegenüber Grabe darauf bestehen, dass Konversionstherapien nicht einfach vom Tisch gefegt werden dürfen. Der Apostel Paulus ist jedenfalls genauso wenig bereit, Homosexualität in der Gemeinde Gottes hinzunehmen, wie er bereit ist, einem Dieb zuzugestehen, dass er von Gott als Kleptomane geschaffen sei und deswegen seine „Veranlagung“ so akzeptiert werden müsse. Paulus schreibt an die Korinther, dass einige von ihnen unter anderem Homosexuelle und Diebe waren [!] (1Kor. 6,9). Sie sind es also nicht mehr. Man kann frei werden.

Selbstverständlich wäre auch die Frage zu erörtern, wie man hier in Deutschland mit Homosexuellen umgehen soll, die sich nicht einreden lassen wollen, dass ihr Leben in Ordnung sei, sofern sie sich nur endlich einmal selbst annehmen würden.

Wir lassen diese Themenkomplexe beiseite und stellen die Frage: Was ist dann, wenn keine Änderung in der homosexuellen Orientierung eintritt? Ist es dann im Licht der Heiligen Schrift angemessen, dem Betreffenden zu sagen, es sei in seinem Leben alles in Ordnung?

Grabe betont durch das gesamte Buch hindurch, es gehe ihm darum, dass der Betreffende seine „Identität“ findet (S. 24.51.65.73.92).

Ohne Frage ist dieser Begriff in mancher Hinsicht nicht eindeutig. Was meint er genau? Wie auch immer man diesen Begriff füllt, theologisch wird man darauf bestehen müssen, dass „Identitätsfindung“ das Ziel eines humanistisch geprägten Menschenbildes ist. Es ist nicht das Ziel christlichen Denkens. Darum kann es auch niemals als Endergebnis einer biblischen Seelsorge gelten.

Vielmehr geht es wie in der christlichen Verkündigung so auch in der christlichen Seelsorge immer um Umkehr und Buße. Es geht um ein Leben in Christus, um einen Wandel im Heiligen Geist. Das heißt: Es geht um eine Lebensführung gemäß den Geboten Gottes. Im Blick auf die Sexualität heißt das, dass sie ausschließlich in einer Ehe ausgelebt werden darf, wobei dem Wort Gottes selbstverständlich ist, dass eine Ehe eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau ist.

Und wenn es einem Menschen nicht gegeben ist, seine Sexualität auszuleben, etwa, weil er alleinstehend ist oder weil er aus welchen Gründen auch immer nicht zur Ehe fähig ist? Dann wird eine biblisch-christliche Seelsorge ihm nicht einreden, für ihn gebe es auch andere Möglichkeiten. Vielmehr wird sie ihn darauf hinweisen, dass jeder [!] Christ als jemand, der den Geist Gottes empfangen hat, dazu aufgerufen ist, gegen seine Lüste und Begierden zu kämpfen und die fleischlichen Begierden und Handlungen des Leibes zu kreuzigen (Gal. 5,16–26; Röm. 8,12–14). Das heißt dann gegebenenfalls seine sexuellen, auch homosexuellen Bedürfnisse zu unterdrücken (sublimieren).

Damit dürfte auch die Frage beantwortet sein, mit der Grabe das Kapitel 7 seines Buches überschreibt: „Warum können so viele Christen nicht glauben, was sie eigentlich verstanden haben?“ Die Antwort lautet: Weil es immer noch Wortverkündiger und Seelsorger gibt, die verstanden haben, was das Gebot meint, vor Gott im Heiligen Geist zu wandeln. Niemand behauptet, dies sei ein einfacher Weg. Wahrlich nicht! Aber es ist der einzige Weg der Nachfolge Christi.

Die Bergpredigt, in der uns der Sohn Gottes die Regeln für das Reich Gottes skizziert, beginnt bekanntlich mit den Seligpreisungen. Nirgendwo geht es da um eine „Identitätsfindung“. Stattdessen werden wir bei sämtlichen Seligpreisungen in eine Glaubensspannung gestellt. Diese entspricht in etwa dem, was Paulus über sein Leben schreibt: als Sterbende und siehe wir leben (2Kor. 6,9).

Darum wird biblisch-christliche Seelsorge nicht darauf verzichten können, Menschen zu sagen: „Sitzt du in tiefster Finsternis, so glaube, dass der Herr trotzdem dein Licht ist“ (Mi. 7,9). „Es mag sein, dass dein ganzes Leben von Finsternis bedeckt ist, aber trotzdem darfst du im Glauben das Licht erblicken, das wegen Christus auch über dir aufgegangen ist“ (vergleiche Jes. 60,1.2).

Dieser Glaubensweg ist für denjenigen, der sich mit jeder Faser seines Seins nach einem anderen Menschen auch körperlich sehnt, hart. Aber ich sehe in der Heiligen Schrift keinen anderen Weg als diesen Glaubensweg. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass man in aller eigenen Hilflosigkeit und Unfähigkeit sich im Glauben auf Gott den Herrn und den Heiland Jesus Christus wirft.

Wer diesen Aufruf zum Glaubensgehorsam mit der Bemerkung vom Tisch wischt, so etwas sei nicht zumutbar, es sei lebensfremd oder irrelevant, der wird sich die Frage gefallen lassen müssen, ob er nicht das Kreuz in der Seelsorge ausblendet. Bietet ein solcher Seelsorger dem Beladenen nicht bestenfalls nur humanistischen Trost, aber keinen wahren auf die Ewigkeit gerichteten Trost? Steht dann noch Jesus Christus im Zentrum, unser Hohepriester, der heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sünden abgesondert und höher als die Himmel ist und sich selbst für uns zum Opfer dargebracht hat (Hebr. 7,26.27)?

Ausdrücklich sei hier noch einmal betont: Eine geistliche Lebensführung gilt keineswegs nur für den Homosexuellen, sondern für jeden. Bei jedem geht es in seinem Leben um Gericht und um Gnade. Dann ist durchaus auch daran zu erinnern, dass es im Gericht Gottes Abstufungen gibt, und – wohlgemerkt – dass es Sodom und Gomorra besser ergehen wird als einer Stadt wie Kapernaum, die das Evangelium verschmäht hat (Mt. 11,23.24).

Die Sünde reicht tiefer als es jede Tiefenpsychologie auszuloten vermag, zumal Letztere die Sünde in Wahrheit nur verharmlosen, aber nicht wegnehmen kann. Außerdem greift die Gnade Gottes in Christus in ganz andere Dimensionen unseres Lebens als in menschliche Identitätsfindungsbemühungen. Darum werden wir jeden Menschen und damit auch den homosexuell Orientierten auf den Weg des Glaubensgehorsams hinweisen.

Und dieser Weg ist bei jedem ein Weg der Buße, des Sterbens und des Auferstehens in ein neues Leben. Ein homosexuell Orientierter, der diesen Weg der Selbstverleugnung zu gehen bereit ist, muss in jeder Gemeinde von Herzen willkommen sein.

Dies aber ist das genaue Gegenteil von psychotherapeutischen Identitätsfindungsbemühungen. Denn diese haben immer die Absicht, dass der Mensch sein eigener Herr ist und bleibt. Genau das aber widerspricht dem Glaubensweg, der in diesem Zeitlauf, solange wir im Fleisch leben, immer auch ein Weg des Kreuzigens unserer Lebensziele ist.

7. Fazit

Kommen wir auf die Frage zurück, ob das Buch Grabes als ein (weiterer) Dammbruch im Evangelikalismus zu bewerten ist. Dieses Urteil ist insofern richtig als Grabe selbst einschätzt, vor einigen Jahren hätte ein solches Buch in einem evangelikalen Verlag nicht erscheinen können (vergleiche S. 75ff).

Aber das heißt nicht, dass dieses Buch als eine Weichenstellung verstanden werden sollte. Fest steht doch, dass dieses Buch nicht deswegen so aufsehenerregend ist, weil es neuere tiefenpsychologische Einsichten verkündet oder gar wegen der sensationellen Auslegungen der biblischen Aussagen.

Eher scheint das Buch ein erneuter Beleg für einen Zugang (Hermeneutik) zur Heiligen Schrift zu sein, die sich weite Teile der Evangelischen Allianz inzwischen zu eigen gemacht haben. Wenn wir dieses Verständnis über die Heilige Schrift auf den Punkt bringen wollen, dann geht es um Folgendes: Man behauptet, wenn die Bibelschreiber heute leben würden, dann würden sie anders schreiben, als sie einst geschrieben haben. Konkret: Wenn Paulus heute leben würde, hätte er nicht die Frauenordination verboten; wenn die Bibelschreiber so viel tiefenpsychologische Ahnung hätten wie es Grabe hat, und wenn sie unsere gesellschaftliche Situation im Blick gehabt hätten (ist die so anders als sie in Korinth war?), dann würden sie heutzutage genauso argumentieren, wie es Grabe tut. Die neutestamentlichen Schreiber würden heute „um der Liebe willen“, „um der Identität des Betreffenden willen“ und nicht zuletzt wegen der Erkenntnisse der Genderideologie über die unterschiedlichen Mann/Frau-Anteile heute genauso schreiben, wie es bei Grabe zu lesen ist. Die Apostel würden sich heute gegen christliche Verlage wenden, die Bücher zu Konversionstherapien auflegen würden, und sie würden natürlich entsprechende Konversionsvideos aus dem Netz nehmen.

Kurzum: Das Buch Grabes illustriert, was gegenwärtig im Trend unserer Kultur liegt, der man die Heilige Schrift und die über zweitausend Jahre lang geltenden Einsichten anpasst.

In der evangelikalen Presse konnte man inzwischen das eine oder andere zu Grabes Buch lesen. Wie zu befürchten war, kam viel Zustimmung. Aber auch Vorbehalte und manche Ablehnung waren dankenswerter Weise zu lesen. Einiges davon habe ich in den sozialen Medien sowie im Nachrichtenmagazin ideaSpektrum zur Kenntnis genommen. Ich verzichte darauf, dies im Einzelnen zu kommentieren. Mir fiel auf, dass trotz Variationen und unterschiedlichen Beurteilungen jeder dem anderen seine persönliche „Wertschätzung“ im Blick auf dessen Auffassung zusichert, und sich auch weitere „Dialoge“ vorstellen kann. Abgesehen von der Stellungnahme Ulrich Parzanys fand ich keine Stellungnahme, die das Buch Grabes klipp und klar als das bewertet, was es ist: Häresie.


[1]) Martin Grabe, Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama. Marburg [Francke] 2020.

[2])Siehe dazu: Gregory M. Herek: Beyond Homophobia”: Thinking About Sexual Prejudice and Stigma in the Twenty-First Century. In: Sexuality Research & Social Policy 1, Nr. 2, April 2004, S. 6–23. In: https://psychology.ucdavis.edu/rainbow/html/Beyond_Homophobia_2004.PDF (abgerufen: 28.8.2020).

[3]) Zu denken ist hier an Eduard von Hartmann und natürlich C.G. Jung und seine Schüler. Im Kern geht diese auf den platonischen Mythos vom ursprünglichen Menschengeschlecht zurück: Siehe dazu: Symposion [Das Gastmahl] 189d–191d. Demgegenüber stellt die Bibel klar, dass Gott den Menschen verschieden schuf, als männlich und als weiblich (1Mos. 1,27; Mt. 19,4).

[4]) Platon, Symposion 181d.

[5]) Platon, Symposion 222a–223a

[6]) Platon, Symposion 206c–e.

[7]) Platon, Gorgias 494e.

[8]) Platon, Nomoi 636b-d.

[9]) Siehe dazu: U. von Wilamowitz-Moellendorf, Platon. Bd. 1: Leben und Werke. Berlin 1919, S. 47–48. E. Bethe, Die dorische Knabenliebe. Ihre Ethik und ihre Idee. In: Rheinisches Museum 62. 1907, S. 438–475. Die militärische Knabenliebe begegnet im griechischen Raum bereits recht früh, namentlich bei den Dorern. Hier stand die Homosexualität im Rahmen der Initiation zum Soldatensein. Zur Zeit des Sokrates und des Platon versuchten im (ursprünglich ionischen) Athen einige elitäre Kreise ihre aristokratische Stellung durch Übernahme der dorischen Praktiken zur Schau zu stellen. Also Homosexualität, allerdings auch Schein-Homosexualität, als Mittel zur Profilierung. Vergleiche zu dem Thema insgesamt: Carola Reinsberg, Ehe, Hetärentum und Knabenliebe im antiken Griechenland. 2. Aufl. München 1993, passim.

[10]) Darauf weist Platon selbst hin: Symposion 182a–d. Siehe weitere Belege bei: M. Eck, Homoseksualiteit. Antwerpen 1969, S. 53 und 370.371.

[11]) Siehe dazu: H. Herter, Effeminatus (Artikel). In: RAC. Bd. 2. Stuttgart 1959, S. 620–650.

[12]) Siehe dazu die zusammengetragenen Belege bei: H. Hartfeld, Homosexualität im Kontext von Bibel, Theologie und Seelsorge. Wuppertal, Zürich 1991, S. 77–79. Vergleiche auch: J. Boswell, Christianity, Social Tolerance and Homosexuality: Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century. Chicago, London 1980, S. 67–87.

[13]) Die gewaltige rückwärtige Fassade eines entsprechenden Bauwerkes ist noch heute in Rom zu besichtigen. Zur Auseinandersetzung mit diesem Ereignis in der Frühen Kirche vergleiche: Athenagoras, Bittschrift 30; Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 10,4; Theophilus, An Autolykus 8; Athanasius, Gegen die Heiden 9.

[14]) Vergleiche: K. Hoheisel, Homosexualität (Artikel). In: Reallexikon für Antike und Christentum (RAC.) Bd. 16. Stuttgart 1954, Sp. 333–337. H. Strack, P. Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. Bd. 3. München 1922ff, S. 68ff. Siehe zu diesem Thema ferner den Artikel von: D. Prager (Los Angeles), Die Ablehnung der Homosexualität im Judentum. In: Homosexualität und Seelsorge (Brennpunkt Seelsorge 97/4), S. 88–91. Reichelsheim 1997.

[15]) Siehe dazu https://www.sueddeutsche.de/politik/tuerkei-islam-homosexualitaet-1.4893182

und den Wikipedia-Artikel: „Homosexualität in der Türkei“ In: https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_der_T%C3%BCrkei (abgerufen: 28.8.2020).

[16]) Siehe zum Beispiel  https://www.zeit.de/politik/2018-06/matteo-salvini-fluechtlinge-helfer-italien (abgerufen: 28.8.2020).

[17]) Sehr deutlich hat die dahinterstehende Absicht der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz auf den Punkt gebracht, als er noch Innensenator in Hamburg war: „Die Regierung will mit dem Ausbau der Ganztagsbetreuung eine ‚kulturelle Revolution‘ erreichen. Wir wollen die ‚Lufthoheit über unsere Kinderbetten‘ erobern!“ So im Deutschlandfunk am 3. November 2002.

[18]) Jürgen-Burkhard Klautke, Gegen die Schöpfung. Homosexualität im Licht der Heiligen Schrift. Neuhofen [Evangelisch-Reformierte Medien] 1998. Von diesem Buch sind weitere (gekürzte) Auflagen erschienen. So zum Beispiel unter dem Titel: Homosexualität – Orientierung oder Desorientierung. Lage 2000ff.

[19]) Im Wesentlichen waren bei den „Konversionstherapien“ zwei Ansätze sehr aktuell:

Erstens: Die eine stammte von dem niederländischen Psychologen und Psychotherapeuten Gerard J.M. van den Aardweg, der auf zahlreiche Heilungen homosexuell orientierter Menschen verweisen kann. Für ihn ist die Neigung zur Gleichgeschlechtlichkeit nicht eine normale Variante menschlicher Sexualität, sie ist keine Veranlagung der Natur, keine Degeneration, keine Krankheit, sondern eine funktionale Störung in einem grundsätzlich gesunden Individuum: eine sexuelle Neurose. Seiner Erfahrung nach ist sie nahezu immer durch Erziehungsfehler und einer daraus resultierenden Fixierung auf eine zwanghafte Klagesucht verursacht. Einen derartig krankhaften Mechanismus zu zwanghafter Selbstbemitleidung hätten homosexuell Orientierte mit Angst-, Zwangs- u.a. Neurotikern gemein. Von daher könne Gleichgeschlechtlichkeit als eine Variante aus dem großen Bereich der Neurosen angesehen werden. Die homosexuell Orientierten, so van den Aardweg, würden teilweise fühlen, denken, handeln wie ein Kind, das sich selbst bemitleidet: Auf der einen Seite stehe ihr „Erwachsenen-Ich“ mit seinem normalen Denken und Handeln, auf der anderen das Kind im Erwachsenen, mit dem Zwang zu einer infantilen Selbstdramatisierung im Sinn von: mein armes, gequältes, einsames, unschuldiges, liebebedürftiges Ich! Minderwertigkeitskomplexe im Blick auf die eigene geschlechtsspezifische Rolle würden zu einem psychosexuellen Infantilismus führen, der in pubertärem Schwärmen für Idealgestalten des eigenen Geschlechts stecken geblieben sei.

Van den Aardwegs Behandlungsmethode kann am ehesten als Anti-Selbstmitleids-Therapie beschrieben werden: Der Betreffende muss es lernen, sein „inneres Kind“ zu erkennen und dessen Klagesucht mit humorigen, hyperdramatisierenden Selbstgesprächen entgegenzutreten. Diese Selbstbehandlung ist relativ langwierig. Gleichwohl kann van den Aardweg auch bei schweren Fällen von völliger Befreiung berichten. Siehe dazu: G.J.M. v.d. Aardweg, Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen. Analyse und Therapie. Neuhausen-Stuttgart 1985, passim. Siehe auch: G.J.M. v.d. Aardweg, Die Veränderbarkeit homosexueller Gefühle. In: Homosexualität und Seelsorge (Brennpunkt Seelsorge 97/4) S. 88–91. Reichelsheim 1997, S. 29–34. G.J.M. v.d. Aardweg, Selbsttherapie von Homosexualität. Leitfaden für Betroffene und Berater. Neuhausen-Stuttgart 1996, passim. Diese Veröffentlichungen gibt es heute nicht mehr im Buchhandel. Sie werden auch nicht mehr aufgelegt. Wenn überhaupt findet man sie nur noch in Second-Hand-Bookshops.

Zweitens: Der amerikanische Theologe und Psychotherapeut Jay Adams, er leitete jahrelang ein bekanntes und stark frequentiertes Lebenshilfezentrum in den USA, verweist ebenfalls auf zahlreiche Erfolge. In einem persönlichen Gespräch äußerte er einmal, dass er bis jetzt nur von drei Misserfolgen bei der Behandlung von zig homosexuell orientierten Menschen wisse. Diese seien ausnahmslos auf mangelnde Bereitschaft der Ratsuchenden zur Mitarbeit zurückzuführen. Adams lehnt es ab, die Ursache der Homosexualität in einer wie auch immer genetisch bedingten Veranlagung zu suchen. Er findet sie darin, dass jemand homosexuelle Praktiken ausübt, die dann zur Lebensgewohnheit werden: „Man ist nicht ein konstitutioneller Homosexueller, genauso wenig wie man wesensmäßig ein Ehebrecher ist. Homosexualität ist kein Zustand, sondern eine Tat, die wiederholt zur Lebensgewohnheit werden kann“. Adams schlägt folgende Therapie vor: Wie andere sündhafte Verhaltensmuster müsse auch die Homosexualität abgelegt werden und durch neue, biblische ersetzt werden. Diese Veränderung vollzieht sich, so Adams, in mehreren Schritten: Als erstes muss der Homosexuelle alle Beziehungen und Freundschaften mit anderen Homosexuellen abbrechen. Sofern irgend möglich, hat er umgehend seine diesbezüglichen Bekannten darüber telefonisch zu informieren, dass er keinerlei Umgang mehr mit ihnen wünsche. Dass die Trennung sofort und kompromisslos geschieht, hält Adams für entscheidend. Von da an hat der homosexuell Orientierte sein Leben so zu gestalten, dass er keinen Kontakt mehr mit früheren Freunden bekommt (entsprechende Orte meiden usw.). Um dieses zu erreichen, hat er sich einen detaillierten Tages- und Wochenplan zu erstellen. Parallel dazu wird dem Klienten in Gesprächen gezeigt, dass bis zu dem jetzigen Zeitpunkt die Homosexualität jeden Bereich seines Lebens dominiert hat. Von nun an muss es darum gehen, die Auswirkungen der Homosexualität auf sämtliche Lebensbereiche, wie Freunde, Ehe, Arbeit, Gesundheit, Geld abzubrechen und die gesamte Lebensweise nach biblischen Normen neu zu gestalten. Wenn nicht konsequent jeder Bereich vor Gott geklärt werde, so Adams, werde man trotz aller guten Vorsätze wieder in die alte Sünde zurückgleiten. Auch zur Sexualität müsse der Betreffende eine völlig neue Einstellung finden: Es dürfe ihm nicht mehr darum gehen, seine eigene Befriedigung zu suchen, sondern diejenige seines Ehepartners: Ein Leben des Begehrens muss ersetzt werden durch ein Leben der Liebe. J. Adams, Handbuch zur Seelsorge. Gießen, Basel [Brunnen] 1976, S. 292–298.

Unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen einer Therapie ist, dass der homosexuell Orientierte seine Eigenverantwortlichkeit nicht zurückweist und seinen gleichgeschlechtlichen Begierden nicht nachgibt, sondern eine Veränderung hin auf eine heterosexuelle Empfindungsfähigkeit will. Dazu muss der Betreffende zu der Einsicht gelangt sein, dass sein bisheriger Weg nicht wirklich zur Lebenserfüllung geführt hat. Der Seelsorger wird ihn bei der Überwindung seines Kampfes unterstützen. Nämlich dann, wenn er in der Gefahr steht, sein Problem zu verdrängen oder zu verleugnen. Dies geschieht, wenn er angesichts seines Wunsches durch Versagensängste, Minderwertigkeitskomplexe oder sonstige seelische Störungen in seinem Denken, Fühlen und Verhalten nicht genügend Eigenmotivation aufbringt. Auf dem Weg hin zu einer Neuorientierung des gesamten Lebens wird er darauf dringen, dass der homosexuell Orientierte die eigene Situation so sieht, wie sie im Licht Gottes ist, also wie sie wirklich ist. Er wird ihm Vertrauen auf den dreieinigen Gott nahebringen und ihn auf die Möglichkeit hinweisen, das eigene Leben nach den Normen Gottes zu gestalten. Im Kern ist die Begleitung eines homosexuell Orientierten nicht wesentlich anders als bei Menschen, die durch andere sexuelle Abweichungen von der Norm des Schöpfers abgeirrt sind. Man denke an Sexsucht, Hypersexualität, Asexualität, die Meinung, man sei nicht monogam veranlagt, Sucht nach pornographischer Lektüre, Fetischismus, Exhibitionismus, Voyeurismus.

Es soll im Rahmen dieser Buchbesprechung nicht um eine Auseinandersetzung mit den genannten Auffassungen und Therapien erfolgen. Siehe dazu: Homosexualität und christliche Seelsorge. H.-K. Hofmann, U. Parzany, C. Vonholdt, R. Werner (Hrsg.) Christen in der Offensive e.V. Postfach 1220, D-64382 Reichelsheim.

[20]) Siehe dazu: https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2020/der-fall-kutschera/ (abgerufen: 28.8.2020).

[21]) D.S. Bailey Homosexuality and the Western Christian Tradition. London 1955; Reprint: Hamden 1975. Dieses Buch wurde schnell zu einem Standard-Werk für die Pro-Homosexuellen-Sichtweise. In seiner Nachfolge stehen unter anderem: H.K. Jones, Toward a Christian Understanding of the Homosexual. New York 1966; C.J. Labuschagne, De bijbel en het probleem van de homofilie. In: Kerk en Theologie. 21 Jg. (1970). S. 58ff; J. Boswell, Christianity, Social Tolerance and Homosexuality. Chicago 1980. Nahezu völlig abhängig von diesen exegetischen Argumentationen war in Deutschland zum Beispiel: H.G. Wiedemann, Homosexuelle Liebe. Für eine Neuorientierung in der christlichen Liebe. Stuttgart, Berlin 1982, S. 84–90; L. Quinones-Roman, The prohibition against certain sexual practices – „Homosexuality” in the Holiness Code Leviticus 18,22 & 20,13. In: https://www.academia.edu/35653542/THE_PROHIBITION_AGAINST_CERTAIN_SEXUAL_PRACTICES_HOMOSEXUALITY_IN_THE_HOLINESS_CODE_LEVITICUS_18_22_and_20_13. [abgerufen: 28.08.2020].

[22]) Vergleiche dazu auch: G. Strecker, Homosexualität in biblischer Sicht. In: Kerygma und Dogma. Bd. 28. Göttingen 1982, S. 127ff, bes. S. 132; H. Balz, Biblische Aussagen zur Homosexualität. In: ZEE 31. 1987, S. 60ff.

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