Denn es ist wie bei einem Menschen, der außer Landes reisen wollte, seine Knechte rief und ihnen seine Güter übergab. Dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Kraft, und er reiste sogleich ab. Da ging der hin, welcher die fünf Talente empfangen hatte, handelte mit ihnen und gewann fünf weitere Talente. Und ebenso der, welcher die zwei Talente [empfangen hatte], auch er gewann zwei weitere. Aber der, welcher das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit aber kommt der Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Und es trat der hinzu, der die fünf Talente empfangen hatte, brachte noch fünf weitere Talente herzu und sprach: Herr, du hast mir fünf Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen fünf weitere Talente gewonnen. Da sagte sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! Und es trat auch der hinzu, der die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Talente übergeben; siehe, ich habe mit ihnen zwei andere Talente gewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! Da trat auch der hinzu, der das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine! Aber sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld den Wechslern bringen sollen, so hätte ich bei meinem Kommen das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluss hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird das Heulen und Zähneknirschen sein.
Matthäus 25,14–30
Eine der folgenreichsten Wiederentdeckungen der Reformation war die biblische Lehre von der Berufung. Im Mittelalter galt das geistliche Leben vielerorts vor allem als Sache der Priester, Mönche und Nonnen. Wer Gott besonders dienen wollte, sollte sich besser aus dem gewöhnlichen Leben zurückziehen. Die Reformatoren widersprachen entschieden. Sie zeigten aus der Heiligen Schrift, dass jeder Christ von Gott berufen ist, ihm in seinem gesamten Leben zu dienen. Der Bauer auf dem Feld, die Mutter in ihrer Familie, der Handwerker in seiner Werkstatt, der Kaufmann in seinem Geschäft und der Prediger auf der Kanzel stehen gleichermaßen unter dem Auftrag Gottes. Es gibt keine Trennung zwischen einem „geistlichen“ und einem „weltlichen“ Leben: Das ganze Leben gehört dem Herrn. Die Heilige Schrift betont, dass alles, was ein Mensch besitzt und ist, von Gott stammt. Der Christ ist nicht Eigentümer seines Lebens, sondern Verwalter. Seine Zeit, seine Kraft, sein Besitz, seine Fähigkeiten und seine Möglichkeiten sind ihm von Gott anvertraut worden und eines Tages wird er darüber Rechenschaft ablegen müssen.
Gerade dieser Gedanke durchzieht das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Jesus erzählt es nicht zufällig in den letzten Tagen vor seinem Kreuzestod. Während sein irdischer Dienst dem Ende entgegengeht, bereitet er seine Jünger auf die Zeit seiner Abwesenheit vor. Er wird sterben, auferstehen, zum Vater zurückkehren und eines Tages in Herrlichkeit wiederkommen. Die Frage lautet daher: Wie soll die Gemeinde in der Zwischenzeit leben? Oder persönlicher: Wie soll ich als Kind Gottes leben?
Die Tage vor dem Kreuzestod
Diese Frage verbindet das Gleichnis von den Talenten mit den anderen Abschnitten in Matthäus 25. Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen fordert Christus seine Gemeinde zur Wachsamkeit auf. Der Bräutigam kommt unerwartet. Im Gleichnis von den Talenten ruft er dieselbe Gemeinde zur Treue im Dienst auf. Die Nachfolger Jesu sollen nicht nur auf ihren Herrn warten, sondern ihm während seiner Abwesenheit treu dienen. Schließlich zeigt die Trennung von Schafen und Böcken die endgültige Offenbarung dessen, was wahrer und falscher Glaube hervorbringt. Diese Abschnitte bilden gemeinsam eine eindringliche Warnung. Christus geht dem Kreuz entgegen, doch sein Blick richtet sich bereits auf den Tag seiner Wiederkunft. Er erinnert seine Jünger daran, dass das Gericht kommen wird. Niemand wird diesem Tag entgehen. Deshalb genügt es nicht, den Namen Christi zu bekennen. Entscheidend ist die Frage, ob wir als treue Verwalter dessen leben, was unser Herr uns anvertraut hat.
Das Gleichnis von den Talenten ruft uns dazu auf, unser ganzes Leben im Licht dieser kommenden Begegnung mit Christus zu betrachten. Es erinnert uns daran, dass wir nicht uns selbst gehören. Wir leben von Gottes Gnade, wir verwalten Gottes Gaben und wir erwarten Gottes Sohn. Darum soll unser Leben von Treue geprägt sein, bis der Herr wiederkommt. Die letzten Tage vor dem Kreuz gehören zu den eindringlichsten Lehrabschnitten unseres Herrn Jesus Christus. In den Kapiteln 24 und 25 richtet er den Blick seiner Jünger auf seine Wiederkunft und das kommende Gericht. Gerade hier begegnen uns die Heiligkeit und die Barmherzigkeit Christi in besonderer Weise. Aus Liebe warnt er sein Volk vor den Gefahren geistlicher Gleichgültigkeit. Aus Liebe bereitet er seine Jünger auf den Tag vor, an dem sie vor ihrem Herrn stehen werden.
Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten bildet den letzten Teil dieser ernsten Belehrungen. Es steht nicht isoliert da, sondern gehört untrennbar zu den Gleichnissen und Bildern, die ihm unmittelbar vorausgehen und folgen. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen ruft die Gemeinde zur Wachsamkeit auf und die Trennung von Schafen und Böcken beschreibt das endgültige Gericht Gottes über die Menschheit. Dazwischen steht das Gleichnis von den Talenten und beantwortet die Frage: Wie soll die Gemeinde leben, während sie auf die Wiederkunft ihres Herrn wartet?
Die Antwort lautet: Gottes Volk soll nicht nur wachen, sondern auch wirken. Christen sind dazu berufen, treue Verwalter dessen zu sein, was ihnen von ihrem Herrn anvertraut wurde.
Christus vertraut seinen Knechten große Güter an
Das Gleichnis beginnt mit einem Herrn, der vor einer Reise seinen Knechten sein Vermögen anvertraut. Dem einen gibt er fünf Talente, dem anderen zwei und dem dritten ein Talent. Für moderne Leser besteht die Gefahr, die Bedeutung eines Talents zu unterschätzen. Ein Talent war keine geringe Geldsumme, es entsprach ungefähr dem Lebensverdienst eines Arbeiters. Selbst der Knecht mit nur einem Talent erhielt also einen außerordentlichen Reichtum anvertraut: Niemand im Gleichnis bekommt wenig. Bemerkenswert ist außerdem, dass der Herr seinen Knechten keine detaillierten Anweisungen gibt. Er legt weder eine bestimmte Gewinnquote fest noch schreibt er konkrete Handelsstrategien vor. Er vertraut ihnen sein Eigentum an und überlässt ihnen die Verantwortung, treu damit umzugehen.
Hier wird deutlich, worauf Jesus hinauswill: Die Frage lautet nicht, ob die Knechte überhaupt Verantwortung tragen, sondern wie sie mit dieser Verantwortung umgehen. Der entscheidende Unterschied zwischen den Knechten besteht nicht darin, dass zwei Erfolg haben und einer Verlust macht. Der dritte Knecht verliert nichts. Sein Problem besteht darin, dass er überhaupt nichts tut. Sein Versagen liegt nicht im Fehlversuch, sondern in seiner Untätigkeit. Damit trifft das Gleichnis einen Nerv unserer menschlichen Natur. Bereits Spr 6,6–8 warnt vor der Faulheit: Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise: Obwohl sie keinen Anführer hat, weder Vorsteher noch Herrscher, bereitet sie dennoch im Sommer ihr Brot und sammelt in der Erntezeit ihre Speise. Die Ameise arbeitet auch dann treu, wenn kein Vorgesetzter sichtbar über ihr steht. Genau darin liegt die Herausforderung des Gleichnisses. Der Herr ist fortgegangen: Wie werden seine Knechte nun leben?
Was sind Talente?
Ich komme aus einem Hintergrund – und das liegt inzwischen viele Jahre zurück –, in dem bewusst oder unbewusst eine ganz bestimmte Vorstellung von „Talenten“ verbreitet war. Unter Talenten verstand man vor allem besondere Begabungen, die einige Christen besitzen und andere eben nicht.
Da ist zum Beispiel Clara. Sie hat eine wunderbare Stimme, trifft jeden Ton und singt, als wäre sie nur dazu geboren worden. Offensichtlich ist ihr Talent das Singen. Also gehört sie in den Chor der Gemeinde; wenn möglich, soll sie das Solostück vor dem Altarruf singen. Wenn Clara singt, sind alle begeistert und bewegt. Dann gibt es Felix. Er kann reden, trägt seine Bibel sichtbar unter dem Arm und veröffentlicht gelegentlich fromme Gedanken auf Instagram. Nicht jeder versteht, was er schreibt, aber es klingt tiefgründig. Sein Talent muss also das Predigen sein. Und dort ist Sofia. Sie kann Gedichte vortragen – mit einer Stimme, bei der man nie genau weiß, ob sie gerade spricht oder gleich in Tränen ausbricht. Nach wenigen Minuten sind die ersten Taschentücher im Einsatz. Auch ihr Talent ist offensichtlich. Und schließlich kommt Karl. Karl kann weder singen noch predigen noch Gedichte vortragen. Er hat keinen Instagram-Kanal, keine besondere Bühnenpräsenz und ist bei Gemeindeveranstaltungen eher unauffällig. Kurz gesagt: Karl scheint talentfrei zu sein. Man weiß zwar nicht so recht, wofür man ihn einsetzen soll, aber es ist schön, dass er da ist. Solche Leute braucht man schließlich auch.
Zugegeben, das ist etwas überspitzt dargestellt. Doch im Kern entspricht dieses Beispiel einer weit verbreiteten Vorstellung. Die einen gelten als besonders „begabt“, die anderen sind eher Zuschauer im Reich Gottes. Das Gleichnis wird dann zu einer Aufforderung, seine natürlichen Fähigkeiten zu entdecken und einzusetzen. Doch gerade hier liegt ein grundlegendes Missverständnis vor. Denn die Talente, von denen Jesus spricht, sind nicht in erster Linie natürliche Begabungen, sondern anvertraute Güter des Herrn. Der Schwerpunkt liegt nicht auf außergewöhnlichen Fähigkeiten, sondern auf treuer Verwaltung. Die Talente werden den Knechten gegeben – sie besitzen sie nicht von Natur aus. Der Herr vertraut ihnen sein Eigentum an. Deshalb können die Talente nicht lediglich natürliche Begabungen darstellen. Vielmehr stehen sie für alles, was Gott seinen Kindern anvertraut hat.
Dazu gehören selbstverständlich auch unsere geistlichen Gaben. Doch das Bild reicht weit darüber hinaus. Unsere Zeit, unsere Kraft, unsere Gesundheit, unser Besitz, unsere Bildung, unsere Beziehungen, unser Einfluss, unsere Fähigkeiten, unsere Sprache, unser Verstand, unser Erinnerungsvermögen – all dies sind Gaben Gottes. Nichts davon gehört letztlich uns selbst. Der Christ erkennt: Alles, was ich bin und habe, stammt aus der Hand Gottes. Ich bin nicht Eigentümer, sondern Verwalter.
Dieses Bewusstsein verändert das ganze Leben. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Was darf ich mit meinem Leben tun?“ Sondern: „Wie kann ich das, was Gott mir anvertraut hat, zu seiner Ehre einsetzen?“ Es gibt keine „talentfreien“ Christen. Jeder Gläubige hat von Gott Vorrechte und Möglichkeiten empfangen. Die Unterschiede mögen groß sein, doch niemand steht mit leeren Händen vor seinem Herrn. Darum fordert uns das Gleichnis auf, alles zur Ehre Gottes einzusetzen. Unsere Zeit, unser Geld, unsere Gesundheit, unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere Vorteile, unser Besitz und unsere Beziehungen sollen kein Selbstzweck sein. Sie sind uns gegeben worden, damit wir Gott mit ihnen dienen.
Leben im Bewusstsein der kommenden Abrechnung
Ein zweiter Schwerpunkt des Gleichnisses liegt auf der Rückkehr des Herrn. In Vers 19 heißt es: Nach langer Zeit aber kommt der Herr dieser Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Dieser Satz beschreibt eine Wahrheit, die der moderne Mensch nur ungern hört. Die Bibel lehrt nicht nur, dass Christus wiederkommen wird. Sie lehrt auch, dass jeder Mensch Rechenschaft ablegen muss. Unsere Zeit beschäftigt sich mit vielen Krisen und Sorgen. Fast täglich wird uns erklärt, was nun das dringendste Problem der Menschheit sei. Doch die größte Frage des Menschen bleibt dieselbe wie vor zweitausend Jahren: Wie werde ich vor dem heiligen Gott bestehen? Die meisten Menschen leben, als gäbe es keinen Tag der Abrechnung. Viele rechnen mit einem angenehmen Leben nach dem Tod oder verdrängen die Frage völlig. Doch die Schrift spricht unmissverständlich vom kommenden Gericht. Dabei zeigt gerade die gegenwärtige Welt die Notwendigkeit dieses Gerichts. Überall begegnen uns Ungerechtigkeit, Gewalt und Sünde. Oft scheinen die Gottlosen ungestraft davonzukommen, während die Gerechten leiden. Nicht selten wird daraus der Schluss gezogen, Gott existiere nicht oder kümmere sich nicht um seine Welt.
Die Bibel zieht den gegenteiligen Schluss: Dass das Gericht noch nicht vollzogen wurde, bedeutet nicht, dass es niemals kommen wird. Vielmehr zeigt die gegenwärtige Geduld Gottes, dass der Tag der Abrechnung noch aussteht. Der Herr der Welt ist zugleich ihr Richter. Jeder Mensch wird vor dem erscheinen müssen, der nicht nur die äußeren Taten, sondern auch die Gedanken und Motive des Herzens kennt. Darum ist die wichtigste Frage nicht, wie Menschen uns beurteilen, sondern ob wir in Christus gefunden werden. Nur seine Gerechtigkeit kann vor Gottes Gericht bestehen.
Der Unterschied zwischen treuen und untreuen Knechten
Als der Herr zurückkehrt, treten die Knechte vor ihn. Die ersten beiden Knechte haben das ihnen Anvertraute eingesetzt. Obwohl sie unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen hatten, hören beide dieselben Worte:
Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! (Mt 25,21.23).
Bemerkenswert ist, dass der Herr nicht die Größe ihres Erfolges hervorhebt, sondern ihre Treue. Das Gleichnis fordert nicht dazu auf, möglichst spektakuläre Ergebnisse zu erzielen. Jesus verlangt nicht von jedem dieselbe Leistung. Er hat selbst die Talente unterschiedlich verteilt. Entscheidend ist vielmehr die Herzenshaltung: Leben wir für die Ehre Gottes? Suchen wir sein Reich? Nutzen wir das, was er uns gegeben hat, für seine Ziele? Treue Verwalterschaft bedeutet nicht Perfektion. Sie bedeutet Hingabe.
Die Gefahr eines falschen Gottesbildes
Besonders aufschlussreich ist die Haltung des dritten Knechtes. Er begründet seine Untätigkeit mit seinem angeblichen Wissen über den Herrn:
Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist (Mt 25,24).
Seine Argumentation ist bemerkenswert. Er behauptet, den Herrn zu kennen, und benutzt dieses vermeintliche Wissen als Entschuldigung für seinen Ungehorsam. Doch genau darin liegt sein Problem: Sein Bild vom Herrn ist verzerrt. Der Meister des Gleichnisses ist keineswegs ungerecht oder hartherzig. Im Gegenteil: Er vertraut seinen Knechten großzügig enorme Werte an. Er fordert keine unrealistischen Leistungen. Er begegnet ihnen mit Vertrauen und gibt ihnen große Freiheit in der Verwaltung seines Eigentums. Doch selbst wenn die Beschreibung des Knechtes zutreffen würde, wäre seine Entschuldigung nicht überzeugend. Denke an einen Vorgesetzten, von dem du weißt, dass er hohe Ansprüche stellt und großen Wert auf Zuverlässigkeit legt. Würdest du deshalb sagen: „Weil ich weiß, wie streng mein Chef ist, mache ich lieber gar nichts“? Natürlich nicht. Gerade die Kenntnis seiner Erwartungen würde dich dazu antreiben, deine Aufgabe besonders gewissenhaft zu erfüllen. Genau diesen Gedanken greift der Herr auf. Sinngemäß sagt er: „Angenommen, ich wäre tatsächlich so, wie du mich beschreibst. Hätte dich das dann nicht erst recht dazu bewegen müssen, mit meinem Eigentum sorgfältig umzugehen?“ Die eigene Begründung des Knechtes spricht gegen ihn. Seine Entschuldigung wird zu seiner Anklage.
Damit wird deutlich, dass sein eigentliches Problem nicht Angst vor dem Herrn ist. Sein Verhalten offenbart vielmehr mangelnde Liebe und mangelndes Interesse an den Anliegen seines Meisters. Nicht Furcht bestimmt ihn, sondern Selbstbezogenheit. Er möchte keine Mühe investieren. Er möchte bequem und ohne Verantwortung leben. Heute handeln wir oft genauso. Nicht selten werden sogar biblische Wahrheiten missbraucht, um geistliche Trägheit zu rechtfertigen. Die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben wird zur Ausrede für mangelnde Heiligung. Die Lehre von der Erwählung wird als Begründung benutzt, sich nicht für Evangelisation einzusetzen. Die Lehre vom Ausharren der Heiligen wird zum Vorwand für geistliche Nachlässigkeit.
Doch keine dieser Ausreden wird vor Christus Bestand haben. Wer Gottes Gaben vergräbt und die Anliegen seines Herrn dauerhaft ignoriert, offenbart damit nicht ein Problem bei Gott, sondern ein Problem im eigenen Herzen. Wer nur für sich selbst lebt und das ihm Anvertraute nicht zur Ehre Gottes einsetzt, zeigt, dass sein Herz nicht auf den Herrn ausgerichtet ist.
Wahre Werke als Frucht des Glaubens
Für Christen, die mit Überzeugung an der Rechtfertigung allein aus Gnade durch den Glauben festhalten, kann dieses Gleichnis zunächst herausfordernd wirken. Denn Jesus spricht hier so deutlich von Treue, Verantwortung und Gericht, dass leicht der Eindruck entstehen könnte, die Werke seien die Grundlage unseres Heils. Doch Jesus lehrt hier keineswegs Werkgerechtigkeit. Das gesamte Kapitel macht deutlich, dass die Frage des Glaubens zentral bleibt. Die klugen Jungfrauen warteten und hielten Ausschau nach dem Bräutigam. Die Schafe gehören ihrem Hirten. Die Knechte stehen in Beziehung zu ihrem Herrn. Die Werke sind nicht die Grundlage der Rettung, sondern ihr Beweis. Genau diese Wahrheit entfaltet später Jakobus: So ist es auch mit dem Glauben: Wenn er keine Werke hat, so ist er an und für sich tot (Jak 2,17).
Wahrer Glaube bleibt nicht fruchtlos. Wer durch Gottes Geist wiedergeboren wurde, empfängt eine neue Natur. Daraus folgt notwendig ein neues Leben. Nicht die Werke retten den Menschen, aber der rettende Glaube bleibt niemals allein. Darum ist die Untätigkeit des dritten Knechtes so schwerwiegend. Sie offenbart nicht nur mangelnde Leistung, sondern das Fehlen echter Hingabe und echter Liebe zum Herrn. Es ist dieselbe Wahrheit, die Jesus bereits im Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht lehrt: Wer selbst große Gnade empfangen hat, wird anderen Gnade erweisen. Wer Vergebung erfahren hat, wird bereit sein zu vergeben. Die Frucht unseres Lebens offenbart, ob die Gnade Gottes unser Herz verändert hat oder ob unser Bekenntnis letztlich nur äußerlich geblieben ist.
Treue Verwalter bis zum Ende
Das Gleichnis der Talente ruft uns zu einer nüchternen Selbstprüfung auf. Christus hat seiner Gemeinde unermessliche Güter anvertraut. Jeder Gläubige hat von Gott empfangen. Niemand besitzt alles, niemand besitzt nichts. Deshalb sollen wir weder neidisch auf die Aufgaben anderer schauen noch vorschnell über ihre Treue urteilen. Wie Paulus schreibt: Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn (Röm 14,4).
Zugleich dürfen wir uns niemals mit einem bloßen christlichen Bekenntnis zufriedengeben. Der Herr sucht keine bloßen Hörer seines Wortes, sondern treue Verwalter seiner Gaben. Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass Gott uns nicht nur einen Auftrag gegeben hat, sondern auch alles, was wir zu seiner Ausführung benötigen. Petrus schreibt: Da seine göttliche Kraft uns alles geschenkt hat, was zum Leben und zum Wandel in Gottesfurcht dient (2Petr 1,3). Niemand kann sagen, er sei für den Dienst an Christus unzureichend ausgerüstet. Der Herr, der die Talente austeilt, gibt auch die Kraft, sie zu gebrauchen. Darum beginnt treue Verwalterschaft damit, dass wir in Christus bleiben und uns in seinem Wort verwurzeln. Nur aus der Gemeinschaft mit ihm erwächst die Frucht eines Lebens zu seiner Ehre.
Zugleich ruft uns Gott nicht dazu auf, alles für alle Menschen zu sein. Jeder Christ hat einen von Gott gegebenen Wirkungskreis: die eigene Familie, die Gemeinde, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen oder Glaubensgeschwister. Gerade dort sollen wir treu sein. Oft suchen wir nach außergewöhnlichen Aufgaben und übersehen die Menschen, die Gott bereits in unsere unmittelbare Nähe gestellt hat. Treue zeigt sich dabei nicht zuerst in großen Taten, sondern in bereitwilligem Gehorsam. Ein ermutigendes Wort, ein Besuch, ein Anruf, ein Gebet oder eine helfende Hand mögen unscheinbar sein, doch Gott gebraucht häufig gerade die kleinen Dinge. Viele Werke, die bleibende Frucht bringen, entstehen nicht auf öffentlichen Bühnen, sondern im verborgenen Dienst des Alltags.
Darum sollten wir lernen, die Gelegenheiten zu nutzen, die Gott uns schenkt. Je treuer wir in kleinen Dingen sind, desto mehr werden wir erkennen, wie der Herr selbst weitere Türen öffnet. Nicht außergewöhnliche Begabungen machen einen treuen Knecht aus, sondern ein gehorsames Herz, das seinem Herrn dienen möchte. Dabei bleibt Christus selbst unser großes Vorbild. Er sah die Nöte der Menschen, nahm Anteil an ihrem Leid, diente ihnen in Liebe und richtete ihren Blick auf die Hoffnung Gottes. Wer ihn betrachtet, lernt, wie wahre Verwalterschaft aussieht. Zugleich dürfen wir von den Glaubensgeschwistern lernen, die Gott uns als Vorbilder geschenkt hat.
Die Gemeinde wartet auf die Wiederkunft ihres Herrn. Doch sie wartet nicht untätig. Sie wacht. Sie dient. Sie wirkt. Und sie tut dies in der Hoffnung, eines Tages die Worte ihres Herrn zu hören: Recht so, du guter und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über vieles setzen; geh ein zur Freude deines Herrn! (Mt 25,21)
Andreas Repp ist Mitgründer und Pastor der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Villingen-Schwenningen und zudem beruflich als Auditor tätig. Nebenbei arbeitet er derzeit an seinem Master of Theology am Puritan Reformed Theological Seminary. Er ist verheiratet mit Alice und Vater von vier Kindern.