Matthäus 1,1-17: Der lang erwartete Messias

Matthäus 1,1-17: Der lang erwartete Messias

Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. […] Jakob zeugte den Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren ist, der Christus genannt wird. So sind es nun von Abraham bis zu David insgesamt vierzehn Generationen und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Wegführung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen.                                                               

Matthäus 1,1.16.17

Weihnachten verbinden die meisten von uns mit den ersten Kapiteln im Lukasevangelium und den Berichten, die wir dort lesen: die Ankündigungen der Geburt von Johannes und Jesus, die Reise nach Bethlehem, die vollen Herbergen und die Geburt in einem Stall, die Hirten auf dem Feld und der Engelschor, der ihnen die Ankunft des Messias verkündet. All das sind die wunderbaren Berichte, die für uns zu Weihnachten gehören. Beim Matthäusevangelium ist das schon schwieriger. Vielleicht denken wir höchstens an den Bericht von den Weisen aus dem Morgenland.

Weihnachtsverse?!

Doch gerade die ersten Verse im Matthäusevangelium sind Weihnachtsverse. Sie enthalten die Bestätigung, dass der lang erwartete Messias endlich gekommen ist. Wir könnten sagen, dass unsere Verse die jüdische Weihnachtsgeschichte sind. Sie sind die konsequente Weiterführung alttestamentlicher Erzählweise. Die Juden im ersten Jahrhundert wussten sofort, dass jetzt etwas Wichtiges und Großes beginnt. Das wird vor allem deutlich, wenn wir betrachten, wer in dem Geschlechtsregister alles erwähnt wird.

Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams (Mt 1,1). Wir müssen nicht viel vom Alten Testament kennen, um zu wissen, dass sowohl David als auch Abraham wichtige Persönlichkeiten waren. Am Ende unseres Abschnitts finden wir noch einen Hinweis, dass das, was jetzt kommt, wichtig ist: So sind es nun von Abraham bis zu David insgesamt vierzehn Generationen und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Wegführung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen (Mt 1,17). Hier haben wir nicht nur Abraham und David, es wird jetzt auch noch die babylonische Gefangenschaft erwähnt.

All das nährt die Hoffnung, die uns im Alten Testament immer wieder vor Augen geführt wird: Die Hoffnung auf einen Messias, der das Volk endgültig retten wird. Der wahre Same Abrahams, in dem alle Völker gesegnet werden, ist bis jetzt noch nicht aufgetreten. Der Sohn Davids, der ewig auf dem Thron Davids sitzen wird und dessen Reich kein Ende hat, ist noch nicht erschienen. Und obwohl viele Israeliten aus Babylon zurückgekehrt sind, sind sie nicht alle zurückgekommen. Und: Israel war immer noch Besatzungsgebiet.

Doch all dies kommt zu seinem Ziel und erfüllt sich in Christus. Von Abraham über David und über die Weggeführten lässt sich eine Linie bis hin zu Jesus ziehen.

Diese Linie werden wir in der Predigt verfolgen. Der Titel lautet somit: Der lang erwartete Messias. Als erstes sehen wir den versprochenen Samen, als zweites den versprochenen König und zuletzt den versprochenen Exodus.

1. Der versprochene Same

Ich werde chronologisch vorgehen, also nicht bei David starten, sondern bei Abraham. Er war der große Erzvater, in dem das Volk Gottes erwählt wurde. Wir kennen den Gott der Bibel auch als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. In 1. Mose 12 sehen wir, wie Gott aus allen Menschengeschlechtern gerade Abraham erwählt hat. Abraham hat die große Verheißung Gottes erhalten: Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf der Erde! (1Mos 12,2-3).

Abraham – der Vater des Bundes

Mit Abraham hat Gott den Bund geschlossen. Dieser Bundesschluss war eine Erneuerung des Gnadenbundes, den wir in 1.Mose 3,15 das erste Mal sehen: die große Verheißung, dass aus dem Samen der Frau der Erlöser kommen wird. Bei Abraham wird diese Verheißung einer speziellen Familie zugesprochen: Aus dem Samen Abrahams wird der Erlöser kommen.

In 1.Mose 22 lesen wir die große Verheißung. Abraham war Gott gehorsam und bereit, seinen einzigen Sohn zu opfern. Er ging mit ihm den Berg hinauf, baute einen Altar, stapelte Holz darauf, fesselte seinen Isaak und legte ihn auf den Altar. Gerade als er das Messer fallen lassen wollte, um sein eigenes Kind zu opfern, stoppte ihn Gott. Dieser Gehorsam, der durch den Glauben gewirkt war, führte dazu, dass Gott ihm das große Versprechen gab: Und in deinem Samen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorsam warst! (1Mos 22,18).

Mehr als alte Geschichten

„Das sind alles alte Kamellen“, könnte man jetzt sagen. Wieso sollten wir uns damit beschäftigen? Viele von uns kennen diese Geschichte auswendig. Das ist gut. Die ersten Leser des Matthäusevangeliums kannten diese Geschichten auch auswendig. Doch sobald sie die ersten Zeilen lasen, wurden sie von Begeisterung gepackt.

Jedes Jahr hörten sie von diesen Verheißungen, jedes Jahr dieselben Geschichten, immer und immer wieder. Doch bisher war nichts passiert. Der Sohn Abrahams, in dem alle Welt gesegnet werden sollte, war noch nicht da. Doch plötzlich lesen sie die Geschichte von Jesus Christus, dem Sohn Davids, dem Sohn Abrahams.

Ein ununterbrochener Stammbaum

Matthäus macht eben gleich zweimal deutlich, dass Jesus aus Nazareth dieser lang erwartete Messias ist. Wir leben in einer Zeit und Gesellschaft, in der die Familie immer mehr zerfällt. Kaum einer von uns kann seine Vorfahren bis vor den Zweiten Weltkrieg nachverfolgen, geschweige denn ins 19. Jahrhundert. Doch die Geschlechtsregister im Alten Testament zeigen uns Gottes Treue. Lukas kann Jesu Vorfahren bis Adam zurückführen (Lk 3,23-38). Der versprochene Same kommt. Jetzt in Jesus Christus ist er da.

Was für ein Grund zur Freude! Endlich ist die Erlösung gekommen. Es ist eindeutig. Denn die Linie von Abraham bis Christus ist ununterbrochen. Genau darum geht es an Weihnachten. Weihnachten ist das Fest, an dem wir uns daran erinnern, dass unser Erlöser gekommen ist. Gerade die Geschlechtsregister unseres Herrn sind ein eindeutiges Zeichen, dass die Verheißungen des Alten Testaments in Erfüllung gegangen sind.

Christus ist der versprochene Messias. Er wurde uns verheißen als der große Erlöser, in dem alle Welt gesegnet wird. Dieser Segen ist vor allem die Vergebung unserer Sünden, die Rechtfertigung durch sein Werk und die Heiligung durch sein Wort und seinen Geist. Doch darüber hinaus versichert uns Paulus, dass wir in Christus alle Segnungen des Geistes in den himmlischen Regionen haben (Eph 1,3). Als Christus an Weihnachten in einem Stall in Bethlehem geboren wurde, da wurde unser Erlöser geboren.

2. Der versprochene König

Matthäus beginnt aber nicht mit Abraham, sondern mit David. Jesus ist der Sohn Davids. Die meisten von uns kennen die Geschichte Davids. Er ist der Prototyp des Königs. Dabei war er nicht ohne Fehler. Wir müssen nur an seinen Ehebruch mit Bathseba denken. Es ist kein Zufall, dass Matthäus schreibt: Der König David zeugte den Salomo mit der Frau des Uria (Mt 1,6b). Uria war der Gerechte, während David in seinem sündigen Herzen einen bösen Plan schmiedete, um seine Sünde zuzudecken. Dennoch wird er ein Mann nach dem Herzen Gottes genannt (1Sam 13,14). David liebte den Herrn und war zutiefst über seine Sünde bestürzt, als der Prophet zu ihm kam. Wir sehen seine Buße in Psalm 51. Er liebte sein Volk und war immer darum bemüht, dass es diesem gut geht. David war vor allem ein Mann nach dem Herzen Gottes, weil er Gottes Gesetz liebte und trotz seiner Fehler bemüht war, danach zu leben.

Der Maßstab eines guten Königs

Deshalb ist David auch der Maßstab, an dem alle anderen Könige gemessen wurden. Entweder sie wandelten in den Wegen Davids, dann waren sie gute Könige, oder sie wandelten nicht in Davids Wegen, dann waren sie schlechte Könige. Immer dann, wenn ein guter König auftrat, wie zum Beispiel Hiskia oder Josia, kam ein wenig Hoffnung auf: ein wenig Hoffnung auf das ewige Königreich. Aber diese Hoffnung wurde immer wieder zerstört.

David war nicht nur ein Mann, der nach Gottes Gesetz lebte. Er war der König, dem Gott versprochen hatte, ihm ein Haus zu bauen. David hatte die Bundeslade nach Jerusalem bringen lassen und bemerkte dabei, dass etwas fehlte: ein Haus Gottes. Der König hatte einen wunderschönen Palast, doch Gott wohnte in einem Zelt. David wollte Gott ehren und einen steinernen Tempel bauen. Doch Gott stoppte ihn.

Ein Haus für Gott?

Der Prophet Nathan war begeistert von der Idee. Gott hatte aber einen anderen Plan. So musste Nathan am nächsten Morgen zu David gehen und ihm sagen: So spricht der Herr: Solltest du mir ein Haus bauen, dass ich darin wohne? Denn ich habe in keinem Haus gewohnt von dem Tag an, als ich die Kinder Israels aus Ägypten heraufführte, bis zu diesem Tag, sondern ich bin stets in einem Zelt und in einer Wohnung umhergezogen! Wo ich auch immer umherzog mit allen Kindern Israels, habe ich auch jemals ein Wort geredet zu einem der Stammeshäupter Israels, denen ich gebot, mein Volk Israel zu weiden, und gesagt: Warum baut ihr mir kein Haus aus Zedernholz? (2Sam 7,5-7). Gott hatte sich niemals beschwert, dass er in einem Zelt wohnte. Schließlich hatte er selbst den Auftrag gegeben, die Stiftshütte zu errichten. Warum sollte also David ihm ein Haus bauen?

Ein ewiger Bund

Doch der Höhepunkt dieser Geschichte ist ein anderer: Gott schließt einen Bund mit David. Er erinnert ihn daran, wer David war (ein kleiner Hirtenjunge), was er aus David gemacht hat (einen der mächtigsten Könige) und dann verspricht er dem König einen ewigen Bund: Wenn deine Tage erfüllt sind und du bei deinen Vätern liegst, so will ich deinen Samen nach dir erwecken, der aus deinem Leib kommen wird, und ich werde sein Königtum bestätigen. Der wird meinem Namen ein Haus bauen, und ich werde den Thron seines Königreichs auf ewig befestigen (2Sam 7,12-13).

Anfangs sah alles vielversprechend aus. Davids Sohn Salomo wurde König. Er war weiser als alle Gelehrten. Er baute dann tatsächlich den Tempel. Doch er war nicht der versprochene Same. Er hatte viel zu viele Frauen, die ihm später zum Fallstrick geworden sind. Nach seinem Tod zerbrach das Königreich. Jedes Mal, wenn ein guter König auftrat, gab es ein wenig Hoffnung, dass das Versprechen an David sich erfüllen würde und jedes Mal kam die Enttäuschung: Dieser König ist es auch nicht.

Ein Sohn des Königs

Matthäus beginnt sein Evangelium mit einem Paukenschlag: dem Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids. Jesus stammt also von David ab. Er ist in der königlichen Linie. Die Hoffnung blüht wieder auf: Ist Jesus Christus wirklich der versprochene Same Davids? Und mit dieser Frage verbunden war die Hoffnung, dass dieser neue David die Römer aus dem Land vertreiben würde.

Doch Christus ist nicht gekommen, um Rom zu besiegen, sondern den Teufel, die Sünde und den Tod. Er ist der wahre König Israels, der König, der sein Volk liebt, verteidigt und für sein Volk siegt.

Der Kleine Westminster Katechismus fragt in Frage 26: Wie übt Christus das Amt eines Königs aus? Antwort: Christus übt das Amt eines Königs aus, indem er uns sich selbst unterordnet, uns regiert und verteidigt und all seine und unsere Feinde zurückhält und besiegt. Christus ist der wahre König, der uns zu seinem Volk gemacht hat, der uns regiert, der uns verteidigt und der alle Feinde besiegt. Im Epheserbrief sehen wir sogar, dass Christus das einzige Haupt der Kirche ist (Eph 1,10).

Der König erfährt Widerstand

Es ist also nicht überraschend, dass Herodes das Kind umbringen wollte (Mt 2,16-18), weil er verstanden hatte, wer dieser verheißene König ist: der rechtmäßige, gerechte König Gottes. Doch Weihnachten ist nicht in erster Linie die Geschichte, wie ein kleiner Junge dem Tod entronnen ist. Es ist die Geschichte, wie der König der Ewigkeit Mensch wurde. Es ist die Geschichte, wie die zweite Person der ewigen Gottheit menschliche Natur annahm, um zu leiden und zu sterben und anschließend den Thron zu besteigen. Matthäus beginnt sein Evangelium damit, uns zu sagen, dass Christus aus dem Geschlecht Davids stammt und er endet damit, uns zu zeigen, wie Jesus seiner Kirche seinen Schutz als ihr König zusichert: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. … Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! (Mt 28,18.20).

3. Der versprochene Exodus

So sind es nun von Abraham bis zu David insgesamt vierzehn Generationen und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Wegführung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen (Mt 1,17).

Wir könnten jetzt seitenlang darüber nachdenken, warum gerade 14 Generationen aufgelistet werden und ob es wirklich nur 14 Generationen waren. Doch darum geht es Matthäus gar nicht. Bis jetzt wurden uns zwei Höhepunkte in der Geschichte Israels gezeigt: zum einen Abraham, der Vater des Volkes, in dem Israel erwählt wurde und zum anderen David, der König Israels, dem das ewige Königreich versprochen wurde. Doch nach ihnen kommt der große Tiefpunkt der Geschichte Israels: die Wegführung nach Babylon.

Die Gefangenschaft

In den Jahrhunderten nach David hatten die Israeliten in konstantem Ungehorsam gelebt. Weder die gottesfürchtigen Könige noch die Propheten hatten das Volk zu einer wahren Umkehr geführt. Da tat Gott, was er versprochen hatte: Er bestrafte den Ungehorsam seines Volkes. Die Babylonier nahmen Israel ein, zerstörten Jerusalem, plünderten den Tempel, und verschleppten das Volk in die Gefangenschaft. Seitdem ging es dem Volk schlecht.

Die Rückkehr

Doch was ist mit Esra und Nehemia, mit Haggai und Sacharja? Ist das Volk nicht zurückgekehrt? Die Israeliten lebten doch nach einigen Jahrzehnten wieder in ihrem Land. Sie bauten sogar den Tempel wieder auf.

All das hatte Gott tatsächlich geschenkt und doch war das Volk nicht wirklich frei. Als Israel aus Ägypten auszog, im ersten Exodus, nahmen sie das Land ein. Als sie jedoch aus Babylon zurückkehrten (dem zweiten Exodus), waren sie kein freies Volk. Die Perser hatten immer noch die Oberherrschaft. Alexander der Große breitete sein griechisches Reich über Israel hinweg aus und die römische Herrschaft gab den Juden zwar Sonderrechte, aber faktisch war ihr Land besetzt.

Die wirkliche Befreiung

Der wahre Exodus in die Freiheit war noch nicht geschehen. Israel wartete immer noch. Doch Matthäus sagt uns: 14 Generationen nach der Wegführung kam der Befreier: Christus. Es ist nur eine Andeutung, aber es ist offensichtlich, was er damit sagen will: In Christus erfahren wir wirkliche Freiheit.

Die Juden hatten ununterbrochen gehofft, dass endlich der große König kommt, der die Besatzungsmacht vertreibt. Christus kam, um das wahre Reich zu predigen, das Reich der Himmel. Jesus kam als der Sohn Abrahams und als der Sohn Davids, um wahre Freiheit zu bringen.

Im Reich Gottes herrscht Freiheit. Freiheit von Sünde, Schuld und Tod. In dieser Welt wirkt das Reich der Himmel fast schon lächerlich klein. Doch wenn es in Fülle kommen wird am Ende der Zeiten, wird es herrlicher sein als alles andere.

Der Anfang vom Ende

Im Reich der Himmel befinden sich nur die wahren Kinder Abrahams, also die, die glauben. In diesem Reich herrscht der einzig gerechte König: Christus selbst. Im Reich Gottes sind wir von aller Sklaverei und Unterdrückung befreit, weil Christus wahre Freiheit gebracht hat.

Weihnachten ist der Anfang vom Ende der Erfüllung. Während das gesamte Alte Testament auf diesen Moment hinweist, an dem Gott sein Volk endgültig erlöst, sehen wir jetzt, in diesem Geschlechtsregister, dass die letzten Tage angebrochen sind: Der Same Abrahams ist endlich da. Der ewige Sohn Davids sitzt auf dem Thron und das ewige Friedensreich ist angebrochen. Amen.


Johannes Müller ist Pastor der Presbyterianischen Kirche Berlin. Er ist verheiratet mit Ayten und Vater von zwei Kindern.