Den Propheten wurde geoffenbart, dass sie nicht sich selbst, sondern uns dienten mit dem, was euch jetzt bekannt gemacht worden ist durch diejenigen, welche euch das Evangelium verkündigt haben im Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde — Dinge, in welche auch die Engel hineinzuschauen begehren.
1.Petrus 1,12
„Warum hat Gott die Sünde zugelassen?“
Diese Frage begegnet mir im pastoralen Dienst immer wieder. Wenn Gott wirklich allmächtig ist und alles in seiner Hand hält – warum hat er den Menschen dann nicht gleich ins Neue Jerusalem gesetzt? Warum der Garten, der Sündenfall, das lange Warten, die Menschwerdung Christi und schließlich das Kreuz von Golgatha? Diese Frage gehört zu den theologisch schwierigsten überhaupt, denn sie betrifft Gottes Wesen, seinen Ratschluss und zugleich unser eigenes Leiden in einer gefallenen Welt.
Gottes Wort macht eindeutig klar: Die Geschichte von Sünde, Leid und Erlösung ist für unseren Schöpfer kein Plan B. Die Schrift bezeugt, dass Christus das Lamm ist, das von Grundlegung der Welt an geschlachtet ist (Offb 13,8). Gottes Erlösungsplan ist von Ewigkeit her geplant worden – und er beinhaltet auch den Sündenfall.
Warum der Umweg über Sünde und Kreuz?
Zumindest eine Teilantwort auf die Frage nach dem „Warum“ finden wir in 1. Petrus 1,12. Dort spricht der Apostel von Dingen, in die Engel hineinzuschauen begehren. Mit diesen Dingen meint er das Evangelium vom Tod und der Auferstehung Jesu Christi. Aber warum verstehen die Engel dieses Evangelium nicht wirklich, während es uns Menschen bekannt gemacht worden ist?
Engel kennen Gott in seiner Heiligkeit und Macht. Sie loben ihn ohne Unterbrechung (Offb 4,8). Sie sind vollkommen gehorsam (Ps 103,20). Und doch gibt es etwas, das sie nicht verstehen. Sie würden es gerne verstehen, sagt Petrus hier, aber sie können es nicht – zumindest nicht vollständig.
Auch die Engel kennen einen Sündenfall. Der eine Teil der Engel fiel durch seine Rebellion ein für alle Mal von Gott ab. Ein anderer blieb Gott gegenüber treu. Erlösung aus Gnade durch einen Stellvertreter hat allerdings keiner von ihnen erlebt. Kein Engel kann sagen: „Ich war verloren und bin gefunden worden.“ Kein Engel kann singen: „Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung deren ich nicht wert.“
Ein Lied für erlöste Sünder
Wenn uns die Bibel einen Blick in den Himmel gewährt, sehen wir die Engel „Heilig, heilig, heilig“ singen (Jes 6,3). In dieses Lob werden auch wir einmal einstimmen. Doch es gibt vor dem Thron Gottes auch ein anderes Lied – das Lied des Lammes (Offb 5,9; 14,3; 15,3). Dieses Lied können die Engel zwar auch singen, aber aus eigener Erfahrung können es nur erlöste Menschen singen. Denn nur sie wissen, was es heißt, aus Schuld gerettet und aus dem Tod ins Leben gerufen worden zu sein.
Wenn ein Engel die Male in den Händen des auferstandenen Christus sieht, kann er sie erklären. Er kann sie anbetend bestaunen. Aber er kann sie nicht aus eigener Erfahrung verstehen. Er kann niemals sagen: „Das war für mich.“
Darin finden wir auf zumindest eine Teilantwort auf die Frage nach dem „Warum“ der Sünde. Gott bestimmt in seinem Ratschluss, dass Menschen durch Sünde und Erlösung gehen, damit sie ihn in einer Weise erkennen, in der ihn sonst niemand kennt. Gerade vor dem finsteren Hintergrund unserer Sünde strahlt Gottes Herrlichkeit in unserem Leben auf besondere Weise.
Das Evangelium erfahren
Das beantwortet nicht alle Fragen des Leids. Es erklärt nicht jedes „Warum“. Und es nimmt nicht die Spannung, dass viele Menschen gerade wegen der menschlichen Sünde verloren gehen. Aber es gibt uns eine neue Perspektive: Als Christen dürfen wir Gott für eine Herrlichkeit preisen, die wir nur deshalb aus Erfahrung kennen, weil wir – im Gegensatz zu den Engeln – erlöste Sünder sind.
Vielleicht kann dieser Gedanke uns helfen, wenn wir unter der eigenen Sünde leiden oder an der Gebrochenheit dieser Welt verzweifeln: Gott sagt uns nicht nur, dass er uns liebt, sondern er hat uns diese Liebe erfahren lassen – durch das Kreuz und die Auferstehung seines Sohnes.
Ich wünsche Ihnen beim Lesen dieser Ausgabe einen neuen Blick auf Gottes Gnade, die wir – anders als die Engel – nicht nur von außen kennen, sondern wirklich erfahren haben.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Jochen Klautke