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Wortverkündigung aus 1.Mose 41,50–52: In der Welt leben heißt in der Fremde leben

Einleitung[1]

Der Abschnitt, unter den wir uns in der Wortverkündigung stellen, schildert einen Ausschnitt aus dem Leben Josephs. Es ist ein Ereignis, ziemlich bald nachdem er zum zweiten Mann in Ägypten erhöht worden war.

In der gesamten Bibel haben wir wohl keinen anderen Menschen, über dessen Leben wir so viele Details erfahren wie über Joseph. Angefangen von seiner Jugend, seinem jungen Erwachsenenalter bis hin zu seinem Tod gibt uns die Heilige Schrift einen Gesamtabriss von Josephs Lebens. Wenn ich recht sehe, bekommen wir in dieser Ausdehnung dies von keinem anderen Menschen.

Hier in Kapitel 41 wird uns der Höhepunkt der Karriere Josephs berichtet. Wir wollen diese Verse im Rahmen der Gesamtbiographie Josephs bedenken.

Ich verkündige Ihnen das Wort Gottes unter dem Thema: In der Welt leben heißt, in der Fremde leben.

1. In der Welt leben heißt, unter Neidern, Rivalen und Intriganten leben

2. In der Welt leben heißt, nicht dazugehören

3. In der Welt leben heißt, sein Leben im Licht der Ewigkeit führen.

1. In der Welt leben heißt, unter Neidern, Rivalen und Intriganten zu leben

Bis zu seinem Aufstieg in Ägypten war Josephs Leben nicht leicht. Wenn wir es so sagen, dann formulieren wir es sehr zurückhaltend.

Geboren wurde Joseph als zweitjüngstes Kind in eine große Familie. Man könnte meinen, seine Kindheit und Jugend sei idyllisch verlaufen. Das war anfangs wohl auch so. Aber als Joseph 17 Jahre alt war, hatte er Träume. Es soll vorkommen, dass man mit 17 Jahren Träume hat, meistens Lebensträume. Aber der Teenager Joseph hatte tatsächlich Träume, und zwar gleich zwei. Beide liefen merkwürdigerweise auf dasselbe hinaus. Joseph träumte, dass sich seine Eltern und seine Geschwister vor ihm verneigen. Und Joseph war so naiv, dass er dies brühwarm überall herumerzählte (1Mos. 37,5–7).

Natürlich waren seine Brüder über diesen „Traumtänzer“ empört: „Abgedreht“, so beurteilten sie ihren kleinen Bruder. Auch sein Vater schüttelte über Joseph den Kopf. Er nahm ihn zur Seite und empfahl ihm dringend, seinen Mund zu halten: Joseph, merkst du gar nicht, was du in deiner Umgebung mit deinem Geschwätz anrichtest? (1Mos. 37,8–10).

Joseph war gegenüber seinen Brüdern nicht im eigentlichen Sinn boshaft. Das wäre vermutlich auch nicht ratsam gewesen. Denn schließlich waren sie älter als er und damit stärker. Aber wenn seine älteren Brüder etwas Böses ausgeheckt hatten und dann durchführten, machte er nicht mit. Wenn sie über Leute aus ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis lästerten, dann lief er sogar zu seinem Vater und verpetzte sie. Natürlich führte das dazu, dass seine Brüder ihn ausgrenzten und eine immer tiefgreifendere Abneigung gegen ihn entwickelten (1Mos. 37,2.11). Nein, man wird von Joseph nicht behaupten können, dass er eine besondere Begabung dafür hatte, sich bei seinen großen Brüdern beliebt zu machen.

Eines Tages kam noch etwas hinzu: Vater Jakob schenkte Joseph einen bunten Leibrock. Als einziger von seinen Brüdern bekam er dieses prächtige Gewand. Offenkundig zog Jakob also seinen Sohn Joseph den anderen Söhnen vor (1Mos. 37,3).

Pädagogisch geschickt war das gewiss nicht. Jakob mochte dafür seine Beweggründe gehabt haben. Manche der älteren Söhne Jakobs hatten inzwischen so einiges auf dem Kerbholz: Ruben hatte herumgehurt: Er hatte mit Jakobs Nebenfrau geschlafen (1Mos. 35,22; 49,3.4). Andere hatten gemordet, wie Simeon und Levi. Sie hatten Sichem hinterrücks getötet, weil der ihre Schwester Dina vergewaltigt hatte (1Mos. 34). Kurzum: Die Kriminalitätsrate im Hause Jakob war beträchtlich.

So mag Jakob erleichtert gewesen sein, dass Joseph bei dem allen nicht mitmachte. Hinzu kam, dass Joseph der Sohn von seiner geliebten Rahel war. Rahel war bei der Geburt des jüngsten Sohnes, Benjamin, inzwischen verstorben (1Mos. 35,16–20).

Der Bruderzwist entflammte sich an einem T-Shirt. Manche von uns Älteren mögen denken: Es ist doch nicht so wichtig, ob das Outfit, das man anhat, vom Wühltisch irgendeines Discounters stammt oder ob es in einer Marken-Boutique erworben wurde. Hauptsache, man findet etwas im Kleiderschrank um seine Nacktheit zu verbergen. Aber bei Teenagern spielen gerade auch heutzutage Marken-Klamotten eine große Rolle. Und nicht wesentlich anders wird es damals gewesen sein. Auf jeden Fall: Wegen dieses Leibrocks steigerte sich die Missgunst der Brüder zu abgrundtiefem Hass. Spätestens seit diesem Ereignis warteten die Brüder auf eine günstige Gelegenheit, um ihrem Brüderlein einmal so richtig zu zeigen, was sie von dessen Träumereien und dem Sich-bei-Papa-Einschmeicheln hielten.

Die Gelegenheit dazu kam recht bald. Die Brüder waren mit ihren Herden nach Sichem gezogen und dann weiter nach Dotan. Diese Orte lagen von Hebron mehr als eine Tagereise entfernt. Joseph selbst zog nicht mit. Er blieb bei seinem Vater und sollte sich daheim mit dem Kleinvieh abgeben. Aber eines Tages schickte ihn Jakob zu seinen Brüdern, um ihnen Lebensmittel zu bringen.

Als die Brüder aus der Ferne Joseph erspähten, riefen sie: Seht da kommt der Träumer. Ausgerechnet bei dieser Gelegenheit hatte Joseph das bunte, farbenfrohe Hemd an. War es nur Unachtsamkeit? Oder steckte dahinter nicht doch zumindest so ein wenig Provokation? Wie auch immer. Von Weisheit und Lebenserfahrung zeugte Josephs Auftreten nicht.

Bei den Brüdern kam sogleich der tiefsitzende Groll hoch. Weit und breit war kein Mensch zu sehen: Wir töten ihn! (1Mos. 37,18–20). Die Überrumpelung Josephs, der inzwischen sorglos herangetrabt war, wurde für sie zu einem Vergnügen: Zehn gegen einen. Natürlich hatte Joseph keine Chance. Nur durch Intervention Rubens unterließen es die anderen, Joseph zu töten. Aber sie rissen ihm das bunte Gewand vom Leib und warfen ihn in eine Zisterne (1Mos. 37,21–24): Soll er doch klagen! Soll er wimmern! Hier hört ihn doch keiner! Und wenn er da unten verreckt: Was geht uns das an?! Gleich der nächste Satz lautet: Darauf setzten sie sich nieder, um zu essen (1Mos. 37,25). „Prost Mahlzeit!“ Wenige Schritte von der Grube entfernt, in der Joseph unbekleidet und in Lebensangst jammerte, verspeisten sie die Leckerbissen, die er ihnen mitgebracht hatte.

In vieler Hinsicht schattet dieses Ereignis das ab, was knapp 2000 Jahre später Jesus von seinen Brüdern widerfuhr: Die schrien: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Dann am Kreuz verspotteten sie den Sohn Gottes: Wenn du König bist, dann steige vom Kreuz herab…

Kurz darauf zog eine Karawane vorbei. Sie kam aus Gilead und war unterwegs nach Ägypten. Was lag näher als den lästigen Joseph loszuwerden und durch den Verkauf an die Händler sogar noch ein Geschäft zu machen?

Während die Brüder das Hemd Josephs mit Tierblut tränkten, fand Joseph sich im Sklaventreck wieder, unterwegs durch die glutheiße Wüste in Richtung Ägypten.

Die Brüder schickten eine Nachricht an ihren Vater: Papa, das haben wir zufällig in der Wüste gefunden. Könnte das möglicherweise der Leibrock deines Sohnes Joseph sein? Es scheint, dass ein Löwe ihn gerissen hat. Herzliches Beileid. Wir trauern mit Dir, und selbstverständlich werden ihn für immer in Erinnerung behalten. Deine lieben Söhne.

So geht es in dieser Welt unter Neidern und Rivalen ab…

In Ägypten kam Joseph in das Haus Potiphars. Dort bekam er bald die Stelle eines Hausmeisters. Angesichts der Umstände schien es Joseph damit noch nicht einmal so schlecht getroffen zu haben. Jedenfalls hätte es schlimmer kommen können. Gott war mit Joseph, so lesen wir (1Mos. 39,2). Doch dann warf die hinterhältige Frau Potiphars ein Auge auf ihn. Joseph hatte nicht die geringste Chance, aus ihrer durchtrieben, verlogenen „Me-Too-Nummer“ herauszukommen. Alle Indizien sprachen gegen ihn.

So läuft es im Intrigantenstadl dieser Welt…

Joseph wurde eingekerkert. Einer der Psalmen schildert, was er dort durchmachte: Sie zwangen Josephs Fuß in den Stock. Sein Hals kam ins Eisen – Bis zu der Zeit, dass sein Wort eintraf, und der Ausspruch [das Wort] des Herrn ihn geläutert hatte (Ps. 105,17–19). Gleichwohl lesen wir bei dieser Gelegenheit erneut: Gott der Herr war mit ihm (1Mos. 39,21). Spätestens jetzt mag manchem Leser diese Aussage wie Hohn erscheinen.

Nach einer gewissen Zeit erfolgte dann so eine Art Aufstieg. Aber wohlgemerkt: Es war ein Aufstieg innerhalb des Gefängnisses. Man ernannte Joseph zu einem Funktionshäftling, also zu einer Art Kapo. Solche Leute hatten für die Aufseher die Drecksarbeiten zu erledigen. Wenn sie das halbwegs gut verrichteten, konnten sie wohl etwas mehr „Frei“raum als die anderen Gefangenen bekommen, aber eben: Freiraum innerhalb der Kerkermauern.

Eines Tages wurde der Mundschenk des Pharaos eingeliefert. Joseph deutete den Traum dieses Mannes. Der Mundschenk kam bald wieder frei, so wie Joseph es ihm gesagt hatte. Natürlich setzte Joseph in den darauffolgenden Tagen und Wochen große Hoffnungen auf ihn. Aber nachdem der Mundschenk wieder am Hof des Pharaos in seine Funktion eingesetzt worden war, vergaß er Joseph. Joseph begriff erneut, wie es unter Menschen zugeht: Aus dem Auge, aus dem Sinn! Undank ist der Welt Lohn!

So verhält es sich in dieser Welt, in der als Lebensdevise gilt: Jeder muss selbst sehen, wo er bleibt.

2. In der Welt leben heißt, nicht dazugehören

Zwei weitere Jahre strichen ins Land, für Joseph vermutlich endlos lange Jahre. Dann war es der Pharao, der zwei Träume bekam. Der Pharao träumte von fetten und von mageren Kühen und außerdem von sieben fetten Ähren und sieben mageren Ähren, die die jeweils fetten Ähren verschlangen. Pharao bestand darauf, dass ihm seine beiden Träume ausgelegt werden. Der ganze Hof geriet in Panik. Plötzlich erinnerte sich der Mundschenk an den Traumdeuter, der ihm damals im Gefängnis seinen Traum ausgelegt hatte. Er berichtete dies dem Pharao. Der Herrscher Ägyptens befahl, Joseph kommen zu lassen. Er kam und legte die Träume des Pharaos aus (1Mos. 41,1–36). Das war für Joseph der Anfang eines geradezu kometenhaften Aufstiegs.

Als Minister zur Versorgung der Bevölkerung erhielt Joseph das zweithöchste Amt in Ägypten. Aber damit nicht genug: Der Pharao überließ dem Joseph seinen Siegelring, sodass er alle Verordnungen und jedes Gesetz, jeden Erlass beglaubigen und unterzeichnen durfte. Joseph wurde ferner in ein weißes, sehr kostbares Gewand gekleidet: aus reinster, weichster Baumwolle. Der Pharao selbst legte ihm eine goldene Kette um den Hals, und Joseph erhielt die Ehre, in einem Wagen gleich hinter dem Pharao zu fahren. Joseph bekam vom Pharao persönlich auch einen neuen Namen: Zachnath Paneach. Ferner bekam er von ihm eine Frau: Asnath, die Tochter des Priesters von On. Diese Stadt ist uns als Heliopolis bekannt. Das war in jener Zeit die Hauptstadt Ägyptens. Das heißt, Josephs Schwiegervater Potiphera war der Oberpriester in Ägypten (1Mos. 41,45).

Als Versorgungsminister hatte Joseph außerordentlich viel zu tun: Vorratsstädte mussten geplant und errichtet werden, und dann mussten natürlich die Speicher mit Getreide gefüllt werden (1Mos. 41,47–49). Aber jetzt war er es, der festlegte, was und wie alles zu geschehen hatte. Joseph war zu jener Zeit erst 30 Jahre alt.

Schließlich wurden Joseph sogar zwei Söhne geboren (1Mos. 41,50–52). Was wollte er mehr? Das könnte man als den endgültigen Höhepunkt seines Lebens bezeichnen. Sein Leben schien absolut glatt zu laufen.

Aber wir wollen einmal auf die Namen achtgeben, die Joseph seinen beiden Kindern gab. Denn mit den Bedeutungen dieser Namen gibt er uns Einblick in seine Seele, in das, was ihn während dieser Tage wirklich beschäftigte. Joseph ging es bei der Namensgebung nämlich nicht um den Klang der beiden Namen, sondern um deren Bedeutung.

Die Heilige Schrift spricht oft über Namensgebungen und deren Bedeutung. Aus diesem Grund kam es sogar zu Namensänderungen. Denken wir an Abraham: Abram, wie er anfangs hieß, meint Hoher Vater. Dann sagte Gott: Du sollst nicht länger Abram (Hoher Vater) heißen, sondern AbrahamVater der Menge. Denn ich werde dich zu einem Vater vieler Völker machen.

Als allerdings Joseph sich über die Wiege beugte und seinen beiden Kindern Namen gab, hatte er nicht (vorrangig) die Namensträger im Sinn, also seine Söhne, sondern ihm stand sein eigenes Leben vor Augen. Indem Joseph die beiden Namen vergab, reflektierte er seine eigene Lebenssituation. Was ihn da in seiner Seele beschäftigte, können wir aus den Namensgebungen erkennen. Wir blicken hinein in Josephs Seele, und zwar am Gipfelpunkt seiner Karriere. Er zeigt uns damit seine tatsächliche Gemütslage.

Bevor wir uns dem inneren Zustand Josephs zuwenden, werfen wir noch einen Blick auf die Mutter der beiden Söhne. Denn außer Joseph, dem Vater, hatten die beiden Jungen ja auch eine Mutter. Das war die Ägypterin Asnath, die Tochter von Potifera, dem ägyptischen Oberpriester. Diesen Sachverhalt teilt uns das Wort Gottes zweimal mit: Sie war die Tochter von Potifera, des Priesters von On (1Mos. 41,45 und 50).

Offenkundig will der Heilige Geist, dass wir den Umstand dieser Mischehe nicht überlesen. Der zweifache Hinweis trägt uns auf: Lies nicht zu schnell über diese Merkwürdigkeit hinweg! Beachte sie!

Tatsächlich: Irritiert es uns nicht, dass Joseph die Tochter eines ägyptischen Götzenpriesters zur Frau hatte? Die Heilige Schrift belehrt doch immer wieder, dass ein Gläubiger keinen ungläubigen Ehepartner heiraten soll? Denken wir in diesem Zusammenhang an die verhängnisvollen Folgen, als König Salomo sich mit heidnischen Frauen verband.

Man könnte einwenden: Bei Joseph geschah diese Eheschließung nicht freiwillig. Es war der Pharao, der ihm eine solche Frau gab. Joseph hatte zwar eine hohe Stellung, aber er war wohl kaum in der Position, die Gabe Pharaos zurückzuweisen.

Andererseits aber bleibt der Leser unwillkürlich mit der Frage zurück: Wie soll angesichts der aus höchsten götzendienerischen Kreisen stammenden Mutter die Erziehung der beiden Söhne gelingen? Anders gefragt: Wie kann eine solche Mutter dem Manasse und dem Ephraim den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs lieb und teuer machen? Denn darum geht es doch im Kern bei der Erziehung unserer Kinder. War es bei dieser Ehekonstellation nicht geradezu vorprogrammiert, dass Josephs Kinder für den Bund Gottes verloren gingen?

Die äußeren Umstände, in denen Joseph in Ägypten lebte, waren tatsächlich alles andere als günstig für den Glauben seiner Kinder und auch für seinen eigenen. Denken wir in diesem Zusammenhang an den Namen, den Joseph erhielt: Zachnath Paneach. Das meint so viel wie Retter der Welt oder Erhalter des Lebens oder auch Sprachrohr Gottes. So ein Name klingt imposant. Aber unwillkürlich kommt angesichts des in Ägypten herrschenden Religionsmischmaschs die Frage bei uns auf: Von welchem Gott ist hier eigentlich die Rede? Welcher Gott ist gemeint, dessen Sprachrohr Joseph gewesen sein soll?

Nun sind uns allen die Versuchungen nicht fremd, die in einer gottlosen Gesellschaft für den Gläubigen lauern. Und das vor allem dann, wenn man eine so hohe Stellung bekleidet wie Josef: Gehört es angesichts einer so herausragenden Position nicht geradezu als notwendige Begleiterscheinung dazu, dass man sich an die herrschende Kultur anpasst, dass man sich anbiedert, um sich so eine Lobby zu schaffen. Anders gefragt: Hängt an der Karriereleiter Josephs nicht gewissermaßen als Preisschild, dass man mit den elitären Kreisen Ägyptens mitlaufen muss und damit von selbst der wahre Gott in den Hintergrund geschoben wird? 

Bei der Vorbereitung auf diese Predigt kamen mir eine Reihe von Menschen in den Sinn, die aus der christlichen Gemeinde in die Welt zogen oder sich recht bereitwillig dorthin ziehen ließen. Sie stiegen in der Welt empor. Sie brachten es zu Ansehen, sei es in einer Behörde, in einer Firma, in einem Betrieb, an der Universität oder auch in der Politik. Als ich einmal einen ehemaligen Kommilitonen darauf ansprach, der an eine staatliche Universität gehen wollte, um dort im theologischen Bereich eine „wissenschaftliche“ Karriere zu starten und ich ihn fragte: Wie willst du denn mit der dort herrschenden Schriftkritik klarkommen? D a blickte er mit einem Verlegenheitslächeln zur Seite und erwiderte: „Na ja, da muss man halt mitmachen!“ Bei diesem jungen Mann kam es übrigens nie zu einer Karriere. Sein gesamtes Leben zerschellte.

Morgen ist wieder Montag. Nicht jeder von uns hat das Vorrecht, in einem christlichen Umfeld seine Ausbildung zu machen oder seiner Arbeit nachzugehen. Man kann da auch nicht einfach weglaufen. Und das gegenwärtige Homeoffice erscheint mittlerweile auch kaum jemandem als Ideallösung. Heißt das dann, dass man seine Skrupel überwinden soll/muss/kann und eben in der Gesellschaft mitmacht. Wenn ja, wie weit? Gibt es Grenzen?

Aber um diese Frage zu beantworten, erscheint es zunächst einmal wichtig, dass jeder sich selbst eine Antwort auf die folgende Frage gibt: Habe ich überhaupt die Gefahr im Blick, die mit meinem Leben in dieser Welt verbunden ist? Oder blende ich sie von vornherein aus?

Als viele Jahre später Vater Jakob nach Ägypten umgezogen war, nahm dieser inzwischen gebrechliche und sterbende Opa seine beiden Enkel, Manasse und Ephraim zur Seite, und er segnete sie. Der Schreiber des Hebräerbriefes legt seinen Finger auf diese Auffälligkeit: Durch den Glauben segnete Jakob, als er im Sterben lag, einen jeden der Söhne Josephs (Hebr. 11,21).

Jakob segnete also durch Glauben. Tatsächlich war das Segnen dieser beiden Jungen eine Tat großen Vertrauens. Es sprach Glaube daraus, dass Gott diese in einer heidnischen Umgebung aufwachsenden Kinder festhalten wird, diese Jungen mit einer ägyptischen Mutter und deren anderer Opa ein heidnischer Oberpriester war. Jakob vertraute Gott. Er vertraute darauf, dass Gott seine Enkel auch am Hof des Pharaos im Bund Gottes bewahren wird. Das war der Grund, dass er sie segnete. Tatsächlich wurden Ephraim und Manasse später respektierte Väter zweier Stämme des Volkes Gottes. Bis zur Zeit Davids kamen aus diesen beiden Stämmen führende Männer: Denken wir an Josua, der bekanntlich das Volk ins verheißene Land führte: Er stammte aus dem Stamm Ephraim. Erinnern wir uns auch an Gideon, dessen Stammbaum auf Manasse zurückging.

Ich habe inzwischen einige Enkelkinder. Sie sind noch klein. Was für ein Glück ist es, sie zu beobachten, wie sie auf meinen Knien sitzen oder bereits herumkrabbeln, die Küchenschränke ihrer Mama ausräumen oder sonst wie versuchen, die Welt um sich herum zu erkunden. Aber gelegentlich steigt eine mich beunruhigende Frage auf: Was wird mit ihnen werden, wenn sie groß sind? Sie, die in einer gottlosen und gottfeindlichen Welt aufwachsen und die bis zum heutigen Tag nicht einmal den Hauch einer Ahnung davon haben, welche Gefahren und welche Versuchungen auf sie lauern.

Blicken wir uns hier in der Gemeinde um. Was wird mit den jungen Leuten, die begeistert auf die Josia-Konferenzen gezogen waren, wenn sie in die Mühlen ihrer Berufslaufbahn kommen? Werden sie sich dann noch Zeit nehmen, in der Gemeinde mitzuarbeiten, um die Lasten dort mitzutragen und danach zu streben, sich selbst und ihre Geschwister in ein christusgemäßes Leben zu ziehen? Oder wird man von ihnen irgendwann nur noch zu hören bekommen: Ich habe leider dafür keine Zeit, denn ich muss… Und dann folgt nicht selten irgendein Wortschwall, der verrät, wie sehr sie sich inzwischen den Götzen ihrer Karriere und der Ökonomie ausgeliefert haben.

Großvater Jakob vertraute Gott. Er segnete seine beiden Enkel. Aber das ereignete sich viele Jahre später.

Wie aber beurteilte Joseph seine Situation in Ägypten, unmittelbar nachdem die beiden Jungen geboren waren? Das Erstaunliche ist, dass der zweite Mann Ägyptens die geistlichen Gefahren, die von einem Leben in Ägypten ausgehen, im Blick hatte. Es war Joseph nicht möglich, sich sämtlichen damit verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entziehen. Aber gleichwohl wollte er die Beziehung zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs unter keinen Umständen verlieren.

Genau das wird daran deutlich, welchen Namen Joseph seinem ersten Sohn gab: Manasse. Joseph liefert die Erklärung des Namens gleich mit: Gott hat mich alle meine Mühsal vergessen lassen und das ganze Haus meines Vaters (1Mos. 41,51)Joseph leitete den Namen Manasse von dem hebräischen Verb nashaab. Das meint so viel wie vergessen.

Ich umschreibe einmal, was Joseph mit dieser Namensgebung zum Ausdruck brachte: Gott hat mich zwar alle meine Mühsal vergessen lassen, aber auch mein Vaterhaus gerät im Tick-Tack des Alltags in den Hintergrund. Das „und“ in dem Nachsatz und das Haus meines Vaters ist also nicht additiv gemeint, sondern im Sinn eines aber.

Mit anderen Worten: Joseph stellte bei sich selbst fest: „Gott hat mich zwar nun alle meine äußeren Schwierigkeiten vergessen lassen. Um Essen und Trinken und um ein Dach über dem Kopf brauche ich mir keinerlei Sorgen zu machen. Das läuft jetzt alles wie geschmiert. Aber ich stehe in der Gefahr, mein elterliches Heim zu vergessen. Als ich noch Sklave bei Potiphar war und danach in einer ägyptischen Kerkerzelle verkümmerte, da habe ich mich häufig nach Hebron zurückgesehnt. Aber inzwischen droht mir diese Orientierung zu entschwinden.“ Mit dem Wort vergessen bringt Joseph also das Zwiespältige seiner jetzigen Lebenssituation zum Ausdruck.

Die gleiche Zwiespältigkeit ist im Namen Ephraim enthalten: Gott machte mich fruchtbar, aber in dem Land meines Elends. Joseph griff hier zurück auf das hebräische Verb für fruchtbar (fara). Natürlich dachte der Vater bei diesem Wort in erster Linie an den Kindersegen, aber auch an seine glänzende Position mit seiner hohen Verantwortung. Was damit alles so plötzlich über ihn gekommen war, es war super! Aber trotzdem: Dieses Ägypten mit all seinem Prunk bleibt für Joseph das Land seines Elends. Es bleibt das Land der Fremde. Joseph wusste: Ägypten ist nicht meine Heimat.

In den Namensgebungen seiner Söhne stellte Joseph am Zenit seiner Karriere fest: Ich lebe in Zerrissenheit. Es ist einerseits das Staunen über den ökonomischen Wohlstand, in dem ich nun schwelgen kann, andererseits aber die Besorgnis um meine Seele.

Es war einerseits Dankbarkeit für das, was ihm so unverhofft in den Schoß gefallen war, aber eben auch Misstrauen gegenüber sich selbst, ob nicht seine geistliche Kraft auf diesem Posten erlahmen wird. Die Namensgebungen zeigen, dass Joseph mit sehr gemischten Gefühlen sein Leben wahrnahm. Nein, so glatt, wie es nach außen hin erscheinen mochte, beurteilte er selbst sein Leben nicht!

Denn Josephs Orientierung richtete sich nach Hebron. Das war seine Heimat. Nicht Ägypten. Dabei ging es Joseph keineswegs um sentimentale Kindheitserinnerungen, die die Vergangenheit in ihm wachriefen. Die Zelte seines Vaters im Land Kanaan erfüllten ihn nicht deswegen mit Sehnsucht, weil sie das vertraute Nest waren, sondern weil Kanaan der Ort des Bundes Gottes mit seinen Vätern war. Dort hatte Gott sich geoffenbart, als er wiederholt sagte: Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Was hieß das für Joseph praktisch: Es hieß nicht, dass Joseph gegen seine Stellung in Ägypten revoltierte. Aber Joseph passte sich auch nicht an. Zwischen einerseits Rebellion gegen Ägypten (was natürlich absurd und sinnlos gewesen wäre) und andererseits Kollaboration mit Ägypten (was einem Verrat an seinem Glauben gleichgekommen wäre), sah er einen dritten Weg. Dieser wird uns anhand der Namensgebung deutlich.

Ich vermute, wir würden heute sagen, der von Joseph eingeschlagene dritte Weg war der der „inneren Emigration“. Ich denke, dass da viel Richtiges dran ist. Aber dieser Ausdruck trifft den Sachverhalt nicht wirklich. Wesentlich besser erscheint es mir, mit den Worten des Apostels Petrus von einem Widerstand im Glauben zu sprechen (1Petr. 5,9).

Gegenüber dem System Ägypten innerlich zu emigrieren, kann nämlich auch heißen, sich in Richtung auf eine libertäre oder gar anarchische Lebenseinstellung gegenüber dem Land, in dem man lebt, zu bewegen und sich so gegenüber dem Staat und seinen Behörden aufzustellen. „Innere Emigration“ kann durchaus auch bürgerlich gestaltet sein, und das ist es heutzutage wohl auch meistens. Dabei verstehe ich „bürgerlich“ im ursprünglichen Sinn des Wortes: Ein „Bürger“ war jemand, der seine menschliche Freiheit an den Burgherren veräußerte, damit dieser ihn gegebenenfalls in seine Burg aufnimmt und für ihn kämpft, wenn Feinde kommen. Um sich bei Gefahren in die Burg verkriechen zu können, war der „Bürger“ bereit, viele Steuern und sonstige Abgaben zu entrichten und auf viel Freiheit zu verzichten.

Josephs Verhalten war insofern anders, als er nicht vor dem politischen System Ägypten kapitulierte. Sein Sich-Einfügen in Ägypten war eine „Einordnung“ in das politische System, von dem er selbst ein nicht unbedeutendes Glied war. Man könnte bei Joseph eventuell im Sinn von Römer 13 von „Unterordnung“ sprechen.

Auf jeden Fall war es aber ganz gewiss nicht das, was der französische Romanschriftsteller Houellebecq vor Kurzem ziemlich treffend in den Begriff der Unterwerfung fasste.

Das, was Paulus in Römer 13 als Unterordnung einfordert, steht im Horizont des Noachitischen Bundes: Die Obrigkeit ist von Gott mit Schwertgewalt eingesetzt, um die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen.

Im Unterschied dazu ist „Unterwerfung“ ein nachgiebiges, feiges Sich-Ergeben in die Lage. Dies kann man mit der scheinbar erdrückenden Überlegenheit der Weltmacht Ägyptens zu rechtfertigen suchen.

Aber Paulus hat sich dem System der römischen Kaiserzeit nie ausgeliefert, und Joseph hat sich dem System Ägyptens nie ergeben.

Die Namen, die Joseph seinen beiden Söhnen in Ägypten gab, zeigen, dass Josephs Haltung nicht aus einer eindimensionalen Bequemlichkeit erwuchs, sondern aus dem Wissen, dass es Gott selbst war, der ihn in diese Position gebracht hatte und er deswegen verpflichtet war, sie anzunehmen. Dabei handelte er durchaus so, wie es Paulus am Ende von Römer 13 uns allen gebietet: die Werke der Finsternis abzulegen und die Waffen [!] des Lichts anzuziehen und nicht Vorsorge für das eigene Fleisch zu treffen (Röm. 13,12–14).

Indem er mit einer solchen Waffenrüstung angetan war, verweigerte er sich innerlich dem System Ägypten. Das ist das Gegenteil von verzagter und wehleidiger Anpassung. Und diese Einstellung ist sicher besser mit dem Begriff des „Widerstands im Glauben“ zu bezeichnen als mit dem schillernden Begriff der „inneren Emigration“.

Joseph sah scharf die Gefahren, die ihn in Ägypten umschlingen wollten. Umso beharrlicher stellte sich der zweite Mann Ägyptens die Fragen: Wie wird es mit meiner geistlichen [!] Verwurzelung weitergehen? Harre ich im Bund Gottes auch hier in Ägypten aus? Joseph sah: Die Versuchung ist riesengroß, aus der Stellung, die Gott ihm zugewiesen hatte, abzugleiten in eine kleingläubige Kollaboration mit dem götzendienerischen System Ägypten.

Wenn Joseph in den Gängen seines Palastes den Namen „Manasse!“ rief, dann brachte er auf diese Weise sich selbst in Erinnerung, dass dieses Land nicht sein wirkliches Zuhause ist. Und wenn er am Nil spazieren ging, und er sich den Namen „Ephraim!“ rufen hörte, trat ihm vor Augen, dass Gott ihn hier in Ägypten zwar fruchtbar gemacht hatte, aber dass hier in Wahrheit das Land seines Elends ist. Ihm war klar: Er führte hier ein reiches und privilegiertes Leben. Die Menschen um ihn herum brachten ihm hohe Achtung entgegen. Aber sie hatten allesamt von den Verheißungen Gottes an Abraham, Isaak und Jakob keinerlei Ahnung. Und darum wussten sie nichts von dem Geheimnis seines Lebens.

Durch die beiden Namensgebungen hatte Joseph sich gleichsam zwei Kerzen angezündet. Indem er die Namen seiner Söhne rief, brachte er sich selbst in Erinnerung, dass auch im Land Ägypten die Ausrichtung seines Lebens auf den Gott gerichtet sein muss, der seinen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob geschlossen hatte. Dies wollte er bei seinen Tagesgeschäften auf gar keinen Fall einbüßen. Er wusste: Auch wenn ich hier in Ägypten verantwortlich meinen Mann zu stehen habe, ich gehöre nicht zum System Ägypten.

3. In der Welt leben heißt, sein Leben im Licht der Ewigkeit führen

Die Ursache dafür, dass Joseph auch im Land seiner Fremdlingschaft die Flamme der Zugehörigkeit zum Bund Gottes brennend hielt, kam nicht aus ihm. Vielmehr war es der Heilige Geist, der dies in seinem Herzen wirkte.

Schon bald veränderte sich die äußere Lage in der Nilebene: Kurz darauf brach eine verheerende Hungersnot aus, und zwar nicht nur in Ägypten, sondern in der gesamten damals bekannten Welt des Nahen Ostens. Indem die Ernten ausblieben, sank die Pracht des Landes dahin. 

Ob die Ökonomie aufwärts oder abwärts verläuft, hängt nicht von uns Menschen ab, sondern von Gott. Vergessen wir dies niemals! 

Im folgenden Kapitel (1Mos. 42) schwenkt der Bericht nach Kanaan zu Vater Jakob und seinen verbliebenen Söhnen. Zehn Brüder machten sich auf, um in Ägypten Getreide zu besorgen. Wir kennen die Ereignisse und wollen sie hier nicht nacherzählen.

In unserem Zusammenhang ist wichtig festzuhalten, dass der Blick Josephs durch alle Ereignisse seines Lebens hindurch für die eine Erkenntnis geschärft wurde, nämlich dass alles in seinem Leben von Gott geführt ist: Sowohl die Tiefen als auch die Höhen seines Lebenswegs hatten und haben ihren Sinn. Mehr noch: Dieser Gott lenkt die gesamte Weltgeschichte. Joseph begriff immer deutlicher: Es waren letztlich nicht Menschen, sondern Gott, der ihn nach Ägypten gesandt hatte, und zwar, wie er im Nachhinein erkannte, um einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Nachkommen Abrahams, also das damalige Bundesvolk Gottes am Leben erhalten bleibt.

Nachdem etliche Jahre später Vater Jakob gestorben war und die Brüder Josephs in Todesangst förmlich zu Joseph gekrochen kamen, weil sie Josephs Rache befürchteten, erwiderte Joseph: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um es so hinauszuführen, wie es jetzt zutage liegt, um ein zahlreiches Volk am Leben zu erhalten (1Mos. 50,20).

Joseph gebrauchte seine politische Position nicht zur Befriedigung persönlicher Rachegelüste und auch nicht zugunsten eigener Interessen. Seine Karriere war ihm nicht zu Kopf gestiegen. Vielmehr hatte er begriffen, dass sein gesamtes Leben unter Gott steht, und darum jedes einzelne Ereignis. Alles Schwere und auch das Schöne waren und sind Führungen Gottes. Joseph wusste inzwischen: Ich bin deswegen nach Ägypten und in diese Position geraten, um für andere da zu sein, nicht zuletzt für meine Brüder, für Gottes Volk.

Dabei blieb in seinem Herzen immer ein Stich. Es war der Schmerz, in der Fremdlingschaft leben zu müssen. Als Joseph alt geworden war und ihm klar wurde, dass sein Sterben bevorstand, wandte er sich an seine Brüder: Ich werde bald in Ägypten begraben werden und natürlich mit all dem Prunk und dem Brimborium, mit dem man in diesem Land den Leichnam von Prominenten mumifiziert und einbalsamiert. Aber, so fügte er hinzu, eines Tages werdet ihr aus Ägypten wegziehen. Und dann nehmt meinen Leichnam mit nach Kanaan. Denn ich will unbedingt, dass ich im Land der Verheißung begraben werde. Mit anderen Worten: Ich will vom Volk Gottes niemals mehr ausgeschlossen bleiben (1Mos. 50,24.25).

Jahrhunderte später, beim Auszug aus Ägypten, schleppte das inzwischen zu einem großen Volk gewordene Israel die Gebeine Josephs in einem Sarkophag mit. Sie brachten Joseph in das Land, dem er sich in Wahrheit immer zugehörig wusste: in das Land, das Gott seinen Vätern und dem Bundesvolk verheißen hatte (2Mos. 13,19).

Viele von euch stehen momentan am Anfang ihrer Berufslaufbahn. Aber durch euer Bekenntnis und eure Anwesenheit habt ihr bezeugt, dass ihr zu Gott dem Herrn gehören wollt. Bleibt dabei! Wie schlecht oder wie gut auch immer es in Zukunft euch ökonomisch ergehen mag: Aus der Perspektive der Ewigkeit ist diese Welt ohnehin ein Land des Elends.

Halte dir Joseph vor Augen, der sich durch seine hohe gesellschaftliche Position vom System Ägypten nicht einseifen ließ! Denke an die Namensbedeutungen der beiden Söhne Josephs! Durch diese brachte der zweite Mann Ägyptens zum Ausdruck, wo sich sein wirkliches Zuhause befand: da, wo Gott seinen Gnadenbund eingegangen war. Auf unsere Situation übertragen heißt das: in der Gemeinde Gottes, also dort, wo du das herrliche Evangelium von Jesus Christus hörst und seine Sakramente empfängst.

Jeder von uns ist vom Zeitgeist umspült. Jeder steht in der Versuchung, sich von den Strömungen und den Trends dieser Welt mitreißen zu lassen. Dabei ist es letztendlich noch nicht einmal so entscheidend, ob man sich dann bereitwillig vom Glitzerkram dieser Welt blenden lässt und sich deswegen dorthin begibt, oder ob man durch die Umstände mehr oder weniger unfreiwillig in die Saugarme der Welt gerät, und so von ihnen verschlungen zu werden droht.

Ich jedenfalls vermute, dass nicht wenige Christen am Ende ihres Lebens zurückblickend sagen werden: Es passierte einfach so… Ich habe überhaupt nicht richtig darüber nachgedacht… Es gab immer so viel zu erledigen, die unzähligen E-Mails und Nachrichten mussten gelesen werden… Und das alles führte schleichend dazu, dass meine Gebetszeiten kürzer wurden; dass das tägliche Bibellesen hastiger und oberflächlicher verlief, und dass die Familienandachten jedenfalls, was die Regelmäßigkeit anbelangte, dem Terminkalender weitgehend zum Opfer fielen. Bestenfalls erfolgten sie noch unregelmäßig, dann, wenn es sich einmal zeitlich einrichten ließ. All das passierte einfach so… unmerklich…

Ich möchte darum jedem von euch, aber besonders denen sagen, die momentan an ihrer beruflichen Karriere basteln: Ja, macht das! Strengt euch in eurer Berufsausbildung an! Aber vergesst niemals, auch nicht in den Stresszeiten eures Arbeitens, wo sich eure wahre Heimat befindet, wo ihr in Wahrheit Zuhause seid und leistet aus dieser Einsicht im Glauben standhaft Widerstand (1Petr. 5,9).

Was für Joseph die Zelte seines Vaters in Hebron waren, das ist für uns heute die Gemeinde Jesu Christi. Es ist mitnichten egal, ob du an den Gemeindeveranstaltungen regelmäßig teilnimmst und wie du dich in die Gemeinde einbinden lässt.

Bei dieser Thematik geht es letztlich um nicht weniger als um deine Seele! Vernachlässige nicht das regelmäßige Kommen zu den Gottesdiensten und Bibelstunden! Denn dort geht es immer darum, dass in deinem Leben die Flamme der herrlichen Gnadenverheißungen Gottes in Jesus Christus brennend gehalten wird. Lass sie nicht verglimmen, sondern lass sie anfachen!

Gelegentlich kannst du dir dann durchaus einmal illusionslos eingestehen und es auch anderen bezeugen: Was man in dieser Welt als Erfolg oder als Karriere bezeichnet, es vollzieht sich sowieso nur immer im Land meines Elends.

Versteht das bitte keinesfalls als einen Aufruf, das Leben hier auf Erden zu verachten. Aber vergiss niemals: Das Leben eines Christen vollzieht sich hier auf fremdem Boden. Der wahre Grund deines Lebens ist Jesus Christus

Dabei brauchen wir nicht zu vergessen, dass Josephs Karriere in Ägypten im Dienst des Reich Gottes stand. Aber das wäre ein anderes Thema, das ich jetzt nicht auswalzen will.

Der Sohn Gottes Jesus Christus dein Heiland stellt dir heute die Frage: Was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele? Was ist – im Licht der Ewigkeit – darauf deine Antwort?

Amen.


[1] Die hier abgedruckte Predigt wurde in der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen gehalten und für die Veröffentlichung ein wenig überarbeitet. Bitte lesen Sie zuvor das gesamte Kapitel 41 des Ersten Buches Mose in einer guten Bibelübersetzung.

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