Wie Kirchgemeinden und Verbände theologisch liberal werden

Theologischer Liberalismus: Eine Charakterisierung

In diesem Beitrag untersuche ich Gründe, Vorgangsweisen und Argumente, die zur theologischen Liberalisierung in Kirchgemeinden und Verbänden beitragen. Mein eigener Erfahrungsraum erstreckt sich auf den deutschsprachigen Raum seit Mitte der 1990er-Jahre.

Natürlich bin ich gleich aufgefordert, den Begriff „Theologischer Liberalismus“ zu definieren. Es geht um eine Strömung innerhalb der Theologie, die im 19. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt erreichte und seither in unterschiedlichen Formen in den Volks- und neuerdings auch in den Freikirchen aufgekommen ist. Es gibt verschiedene grundlegende Annahmen:[1]

– Christlicher Glaube basiert nicht auf externen Autoritäten.

– Das Christentum ist eine Bewegung zur gesellschaftlichen Wiederherstellung.

– Das Christentum muss gesellschaftlich relevant sein und entsprechend glaubwürdig erscheinen.

– Die Wahrheit kann nur durch wechselnde Symbole und Formen erkannt werden.

– Bei theologischen Kontroversen geht es um die Sprache, nicht um Wahrheit.

– Die historischen Genauigkeiten der biblischen Fakten und Ereignisse sind nicht entscheidend.

– Die wahre Religion ist der Weg Christi, nicht irgendwelche besonderen Lehren über Christus.

Der erste Punkt ist der entscheidende. Der US-amerikanische Theologe und Sozialethiker Gary Dorrien schreibt, dass jede Berufung auf Wahrheit im menschlichen Verstand und seiner Erfahrung verortet sein muss, nicht in externer Autorität (also der Bibel im Sinn einer von Gott gegebenen Offenbarung).[2] Der Philosoph Hans-Georg Gadamer meinte zu Recht: „Nun ist es die allgemeine Tendenz der Aufklärung, keine Autorität gelten zu lassen und alles vor dem Richterstuhl der Vernunft zu entscheiden. So kann auch die schriftliche Überlieferung, die Heilige Schrift wie alle andere historische Kunde, nicht schlechthin gelten, vielmehr hängt die mögliche Wahrheit der Überlieferung von der Glaubwürdigkeit ab, die ihr von der Vernunft zugebilligt wird. Nicht Überlieferung, sondern die Vernunft stellt die letzte Quelle aller Autorität dar.“[3]

Mein Untersuchungsgegenstand ist vielschichtig.[4] Ich unterteile darum in mehrere Etappen und dann nochmals in mehrere Argumente bzw. Gesichtspunkte.

Sieben gesellschaftliche Faktoren, die den theologischen Liberalismus begünstigen

Zuerst ist zu untersuchen, weshalb das Anliegen, sich auf interne Autorität und innerweltliche Veränderung abzustützen, auch in Freikirchen auf dermaßen fruchtbaren Boden gefallen ist.

Die Kernangelegenheiten des Lebens sind theologischer Art. Die Gesamtheit unserer Handlungen unterliegt unserem letzten Streben. Worauf sind unsere Aktivitäten gerichtet? Wem dienen sie? Es geht um unsere Motive. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang vom „Herz“, dem Zentrum der Entscheidungen (Spr. 4,23). Alles, was nicht auf Gott ausgerichtet ist, sondern auf einen Ersatz von ihm, bezeichnet die Heilige Schrift als Götzendienst (Röm. 1,23-25). Damit ist klar, weshalb das Thema Götzendienst einen derart breiten Raum im Alten und Neuen Testament einnimmt. Als ausgewähltes Beispiel mag das dienen, was ich als „Gefühlsgötzendienst“ bezeichne: Für welche Gefühle bin ich bereit alles zu opfern? In unserer Zeit dominiert das Kriterium der Stimmigkeit mit sich selbst. Unsere Gefühle treten als Entscheider auf. Das kann sich beispielsweise folgendermaßen äußern: „Nur wenn ich von … angenommen bin, kann ich zufrieden sein.“ Wir machen also die Sinnhaftigkeit unseres Lebens davon abhängig, ob wir von unserem Ehepartner, von den Kindern, von den Eltern, Freunden oder Vorgesetzten das bekommen, was wir in der Beziehung erwarten. Wir richten Erwartungen an Mitmenschen, die wir richtigerweise nur von unserem Schöpfer selbst erwarten dürften.[5]

Der moderne Mensch hat wenig Respekt vor Theologie. Sie ist ihm kaum etwas wert. Für einen Kinobesuch oder ein Essen ist er bereit, ein Mehrfaches auszugeben als für ein Buch oder eine christliche Veranstaltung. Theologen haben ihre Glaubwürdigkeit längst eingebüßt. Man hört auf Psychologen, auf Ökonomen und seit neuerem auf Philosophen.

Die meisten ordnen unbewusst die (Gegenwarts-)Kultur dem christlichen Glauben als eine Art von Filter vor. Die Aussagen der Bibel werden auf dem Hintergrund der Kultur neu gedeutet, statt dass man umgekehrt die Dogmen der Gegenwartskultur einer kritischen Überprüfung durch das Wort Gottes unterwirft.[6]

Das normale Gemeindemitglied verkennt den Kampf zwischen zwei mächtigen Religionen: Christentum und Säkularismus.[7] So vermischen sich christliche mit säkularen Überzeugungen.

In den christlichen Gemeinden wird das meiste in mündlicher Form besprochen und selten genau dokumentiert. Je kontroverser jedoch die Interpretation ist, desto nötiger ist die Dokumentation! Eine indirekte Anleitung über die populären Ansichten erhält man übrigens durch die christlichen Ratgeber.

Einzelnen Predigten, Vorträgen und Büchern bekannter Redner wird überdurchschnittlich große Beachtung geschenkt. Dabei wäre es notwendig zu beobachten, was jemand tut, nicht was jemand sagt.

Nicht jedermann ist befähigt und aufgefordert, die Detailarbeit der Analyse von Predigten und Büchern zu verrichten und die daraus sich ergebenden Schlussfolgerungen zu ziehen. Das heißt: Die Lehrer, denen diese Aufgabe zukommt, tragen eine hohe Verantwortung vor Gott. Die meisten Menschen denken die Dinge nicht selber durch. Vielmehr sind sie abhängig von anderen, die dies tun. Um ein (für mich erschreckendes) Beispiel zu nehmen: Manche Gesprächspartner stützen einen wichtigen Teil ihrer Lehre über Gott auf ein Buch wie „Die Hütte“, das gleichzeitig die Lese-Jahresration darstellt.[8]

Vier Gründe für die Anfälligkeit von Freikirchen

Weshalb sind auch Freikirchen anfällig für falsche Lehre? Man mag einwenden: Die Kirche war doch jederzeit angreifbar; jede Zeit hatte ihre eigenen Irrtümer. Das trifft sicherlich zu. Hier geht es mir jedoch darum, die Verwundbarkeit einer Gemeinde zu beleuchten, die sich auf dem Papier zur Autorität der Bibel als einer externen, objektiven, unserem Verstand übergeordneten Offenbarung bekennt.

Hier ist zunächst festzustellen, dass uns das Bewusstsein für unsere Vergangenheit fehlt. Wir leiden an Geschichtsvergessenheit. Das birgt eine enorme Gefahr in sich. Wer die Vergangenheit übergeht, stolpert in die Zukunft. Wer die Irrtümer der Vergangenheit nicht (er)kennt, wird von ihnen erneut gefangen werden.

Innerhalb von Gemeinden und Verbänden werden die Entscheide letztlich nicht von den Lehrern und Pastoren oder von Leitungsgremien gefällt. Wer ist dann Entscheidungsträger? Es sind die 80 bis 90 Prozent der Gemeindemitglieder, die ihren persönlichen Frieden letztlich vor den Kampf um gesunde Lehre stellen.

Manche mögen mir an dieser Stelle die unterschiedlichen Strukturen von Gemeindeverbänden vor Augen halten wollen. Das ändert jedoch letztlich wenig an der Tatsache, dass wir vor die Frage gestellt sind: Wollen wir Frieden um den Preis der Rechtgläubigkeit? Hier vermischt sich ein Restwert der Konsumgesellschaft mit einem anscheinend geistlichen Anliegen. Europäer haben es sich behaglich eingerichtet und wollen nicht gestört werden. Sie werden erst dann tätig, wenn diese störungsfreie Umgebung in Gefahr gerät.

Wir unterschätzen die Wirkung längerfristiger Prozesse. Entwicklungen dauern über Jahrzehnte an. Doch in den Anfängen wollen wir nicht darauf aufmerksam gemacht werden. Die Vorgeschichte dauert immer viel länger, als wir es uns dachten. Damit ist sie tiefer in den Gewohnheiten und Denkvoraussetzungen der Gemeindemitglieder verankert. Kaum jemand hat zum Beispiel auf die Kämpfe an theologischen Ausbildungsstätten Acht gegeben oder sich eingehend damit auseinandergesetzt, mit welchen Inhalten die meistverkauften christlichen Bücher gefüllt waren.

Eine zentrale Rolle kommt der Auswahl der Pastoren zu. Das Prozedere, wie diese ausgewählt werden, ist keine Nebensächlichkeit. Auf was achtet man bei ihrer Auswahl? Wird die Herkunft (Ausbildungsstätte) berücksichtigt? Hat die Person Rechenschaft über ihre eigenen Lehrer bzw. Beeinflusser abgegeben? Wird sie auf ein Bekenntnis verpflichtet und dazu genau befragt?

Wie das Verständnis der Gegenwartskultur hineinspielt

Der Einfluss des Verständnisses der Gegenwartskultur auf die Verkündigung des Evangeliums ist kaum zu unterschätzen. Deshalb stellt sich die wichtige Frage: Wie steht eine Kirchgemeinde bzw. ein Gemeindeverband zur (Gegenwarts-)Kultur? Es sind zwei Extreme auszumachen: Kulturzugewandtheit (Kulturgötzendienst) oder Abschottung (Weltflucht).

Während die einen Gemeinden jedem Trend hinterherhecheln, legen die anderen den Schwerpunkt auf Äußerlichkeiten, anstatt auf die Gesinnung. In unseren Köpfen können wir Beispiele für beide Arten von Gemeinden ausmachen. Für die meisten Gemeinden trifft dies jedoch nicht im Extrem zu, sondern in graduell abgeschwächter Form. Einige haben sich ganz dem Aktivismus und Pragmatismus verschrieben. Sie wollen „modern“, aufgeschlossen und „relevant“ sein.

Andere beschreiten den Weg eines Teilrückzugs durch die gedankliche Trennung des Lebens in geistliche und weltliche Bereiche. Sie unterscheiden zwischen geistlichen Momenten (zum Beispiel: Stille Zeit, Gottesdienst) und ihrem Alltag, der kaum eine Verbindung zu ersterem aufweist.

Bringen wir diese beiden Ausprägungen mit den zwei prinzipiellen Zuständen bezogen auf das Heil in Verbindung: Es gibt gerettete Sünder und sündige Sünder. Sowohl im Kulturgötzendienst wie auch bei der Weltflucht besteht die Gefahr, nicht das rettende Evangelium, sondern eine bestimmte Form sozialer Konditionierung zu verkündigen.

Beim Kulturgötzendienst geht es um Lebensstilmerkmale im Sinne einer Außenorientierung. Beim Weltrückzug dominieren Lebensstilmerkmale im Sinne einer Innenorientierung.[9]

Inhaltliche Differenzen

Die Erstausgabe des Buches von Gresham Machen Christentum und Liberalismus[10] liegt bald 100 Jahre zurück. Die Schrift erschien im Jahr 1923. Das Buch war damals als Entscheidungsaufruf konzipiert worden: „Jeder Mensch muss entscheiden, auf welcher Seite er stehen möchte“ (S. 205). Damals ging es um einen tiefgreifenden Bruch innerhalb der Presbyterianischen Kirche in den USA. Wenige Jahre nach der Publikation wurde die Trennung vollzogen.

  1. Machen stellt die biblische Lehre von Gott, Mensch, Bibel, Christus, Erlösung und Gemeinde der modernen Lehre des „christlichen“ Liberalismus gegenüber. Es handle sich, so sein Kernargument, um zwei völlig verschiedene Religionen. „Indem aufgezeigt wird, was das Christentum nicht ist, soll … erklärt werden, was es ist, damit die Menschen sich abkehren von den schwachen und kümmerlichen Konzepten und wieder zurückkehren zur Gnade Gottes“ (S. 27). Machen stellt fest, dass ein Zerrbild Gottes gerade in der Realität versage. „Religion wird nicht dadurch freudenvoll, dass man nur die angenehmen Facetten Gottes akzeptiert. Denn ein solch einseitiger Gott ist nicht real, und nur der reale Gott kann das Sehnen unserer Herzen stillen“ (S. 157). Ich habe die inhaltlichen Hauptpunkte überblicksartig dargestellt:
Seite Liberalismus Christentum
62 Imperativ: Appell an den Willen des Menschen Indikativ: Verkündigung eines Gnadenaktes Gottes
160

 

 

168

Böses in der Welt durch das Gute in der Welt überwinden;

keine Hilfe von außerhalb nötig;

Emanzipation vom Willen Gottes.

Lösung „extra nos“ (außerhalb von uns): Wir fallen in Gottes Hände.
33 Leben gegen Lehre: „Lehre ist unbedeutend, es kommt auf den Lebensstil an.“ Lehre gegen falsche Lehre: Leben, das nicht auf bloßen Gefühlen, sondern auf Fakten bzw. Lehrsätzen beruht.
Lehre über Gott
80, 178 Aufhebung der Transzendenz Gottes;

Gott existiert um des Menschen willen.

Ausgewogenes Verhältnis zwischen Transzendenz und Immanenz;

der Mensch existiert um Gottes Willen.

Lehre über den Menschen
81, 85, 161f Gerechte zur Buße rufen;

helfen, die Sündenerkenntnis zu vermeiden;

„Ihr seid richtig gut! Ihr kümmert euch um das Wohl der Gesellschaft.“

Der Mensch ist tot durch seine Sünde.

Was er wirklich braucht, ist neues Leben.

Lehre über die Bibel
94-97 Autorität ist das individuelle Erlebnis.

Denken und Leben beruhen auf wechselhaften Emotionen sündiger Menschen.

Offenbarung Gottes ist auf den objektiven, fehlerlosen Bericht der Bibel gegründet (Selbstzeugnis der Bibel).
Lehre über Christus
133, 115 Christus unterscheidet sich durch Rang, nicht durch sein Wesen vom Rest der Menschen. Jesus ist Messias und Retter der Welt.

Er bietet nicht primär Rat an, sondern bringt Erlösung.

Er ist nicht nur Vorbild, sondern Objekt des Glaubens.

Botschaft der Erlösung
146, 153, 159 Die Botschaft vom Sühnopfer Jesu ist überholt.

Umkehren und vergessen.

Gottes Geist wirkt durch das im Menschen befindliche Gute.

Elend (Sünde als objektive Schuld, nicht nur Beziehungsstörung oder Schuldgefühle).

Erlösung (Rechtfertigung durch das stellvertretende Opfer von Jesus).

Dankbarkeit (Heiligung setzt mit Erlösung ein, ist zwangsläufiges Ergebnis).

Notwendigkeit der Evangelisation
172, 176 Konzentration auf innerweltliche Veränderung.

Gott als Mittel, um die Veränderung der Gesellschaft im Hier und Jetzt zu erreichen.

Ausgehend von dem jenseitigen Ziel rufen wir Menschen auf: Lasst euch versöhnen mit Gott!
Lehre der Gemeinde
183, 185, 206-207 Alle Menschen sind Brüder.

Ungläubige in Lehranstalten und in Gemeindeleitungen.

„Aufruhr der Welt“ wird kopiert.

bibel- und christuszentrierte Predigt.

Herrlichkeit des Kreuzes Christi steht im Vordergrund.

 

Fünf Killerargumente

Bezeichnenderweise können diese inhaltlichen Differenzen öffentlich nicht oder nur mit Mühe angesprochen werden. Vertreter der liberalen Theologie entwickeln eine bestimmte Gesprächstaktik, um die Diskussion zu unterbinden.

  • Die Forderung nach Toleranz: Wer theologisch gegensätzliche Positionen nicht akzeptiert, gilt als intolerant. Das entspricht der Botschaft der spätmodernen Erkenntnistheorie, in der das Prinzip des Widerspruchs außer Kraft gesetzt wird. Mit diesem Argument verwahrt sich derjenige, der es einsetzt, gegen eine inhaltliche Diskussion. Dies muss in Fragen der Theologie stets über eine gründliche Auswertung der biblischen Offenbarung, also der Bibel, geschehen.
  • Die Beanspruchung der Demarkationslinie Ich glaube auch: Wer kann etwas dagegen vorbringen, wenn der Einwand kommt, der Betreffende habe auch eine Beziehung zu Gott? Gemäß den säkularen Spielregeln ist der Glaube an sich eine intime, höchst persönliche Angelegenheit. Er darf nicht hinterfragt werden und hat darum die Funktion einer Rückzugslinie.
  • Die Deklaration verschiedener Herangehensweisen an die Bibel: Der Meinungspluralismus wird selbstverständlich für die Auslegung der Bibel beansprucht. Es wird von vornherein unterstellt, dass – offensichtlich bei zentralen Fragen des Glaubens – keine Klarheit zu erringen sei. Dies zu behaupten sei Teil eines „Bibelfundamentalismus“. Nicht selten wird dann ein Strohmann aufgebaut mit Beispielen, die angeblich wörtlich genommen werden müssten.
  • Bei Bekenntnisfragen wird „Weite“ beansprucht. Durch den Einwand, man dürfe etwas „nicht so eng“ sehen, wird ein inhaltlich neuer Raum erschlossen. Die Interpretation des Bekenntnisses wird erweitert (und damit außer Kraft gesetzt).
  • Sich beim Vorwurf von falscher Lehre der Rechenschaftspflicht entziehen. Es ist problemlos möglich, sich dem Vorwurf zu entziehen, falsch zu lehren. Drei Wege sind denkbar: Man ist in keiner Gemeinde verbindlich dabei und entzieht sich so der Rechenschaftspflicht. Oder man wechselt den Gemeindehafen. Manche Orte sind weniger gut informiert, tolerieren schweigend oder propagieren gar den Standpunkt. Drittens ist es möglich, ein Buch, einen Artikel oder einen Vortrag (oft aus dem Internet) als Beweismittel anzuführen und Verbündete in der Gemeinde zu suchen. Um des lieben Friedens willen schweigen Gemeindeleitungen.

Drei Hauptreaktionen

Jedes Mitglied ist gefordert, weise auf theologische Verschiebungen zu reagieren.

  • Option 1: In der Denomination bleiben. Ich habe selbst drei Reaktionen beobachtet, wovon nur die dritte (und diese oft nur für eine bestimmte Zeit) zielführend ist. Man passt sich selbst an, indem man sich innerlich vor sich selbst rechtfertigt. Dies führt mit der Zeit zu einer Veränderung der eigenen theologischen Position. Oder es kommt zu einem innerlichen Rückzug. Die Langzeitfolge davon ist Resignation verbunden mit dem Potenzial der Verbitterung. Man will ein Kirchlein in der Kirche sein. Man gründet einen eigenen Hauskreis oder lanciert sogar einen eigenen Gottesdienst.
  • Option 2: Protest innerhalb der eigenen Denomination. Der Protest kann verschiedene Formen annehmen. Er zielt auf eine Veränderung in absehbarer Zeit. Man gibt Rückmeldungen an die Pastoren oder an die Ältesten (die allerdings sehr gezielt und inhaltlich gut gewählt sein müssen). Man bildet einen Bekenntniskreis im eigenen Gemeindeverband (um schriftlich Stellung zu beziehen). Es folgen Briefwechsel, Debatten und Veröffentlichungen von Literatur (mit der Gefahr der Absorbierung von Energie, der Ausbildung von Streitsucht und Parteiungen).
  • Option 3: Austritt, Trennung und Neugründung. Langfristig bleibt oft nur die Option des Austritts. Das Gemeindeglied oder die Gemeinde wechselt die Verbandszugehörigkeit. Ein Teil der Gemeinde trennt sich ab und bildet eine neue Gemeinde (mit der Gefahr, Altes mitzunehmen). Einzelne Gemeindeglieder oder Teile von einzelnen oder verschiedenen Gemeinden gründen neue Gemeinden (mit dem Ziel, neue Menschengruppen zu erreichen).

Wie wir persönlich reagieren können

Hier sind 10 konkrete Ideen, die für uns alle gelten, egal, ob Single oder Familie, jung oder alt, neu oder alteingesessen:

– Betet täglich um Erneuerung in der Gemeinde.

– Lest für euch selbst und in den Familien täglich fortlaufend die Bibel.

– Nutzt Hauskreise, Seminare und Freizeiten konsequent zum Studium des Wortes Gottes.

– Wenn ihr einander besucht, schlagt das Wort Gottes auf und sprecht darüber.

– Besucht eure Gemeindeversammlungen, und fragt bei Dingen kritisch nach, die Gottes Offenbarung widersprechen.

– Entwerft auf den Gemeindeversammlungen Memoranden, die auch an die Verbandsleitungen gehen.

– Pastoren, stellt das biblische Wort in den Vordergrund und arbeitet intensiv an den Anwendungen.

– Pastoren, Älteste und Verbandsvertreter, besucht eure theologischen Seminare und stellt kritische Fragen.

– Studenten in den Seminaren, widersprecht in den Vorlesungen, schreibt Briefe und verfasst Ausarbeitungen.

– Nicht zuletzt: Nehmt mit Netzwerken Kontakt auf wie dem Rat der Bekennenden Evangelischen Gemeinden (RBEG).

 

[1]) Vergleiche Kevin DeYoung, 7 Merkmale liberaler Theologie. http://www.lgvgh.de/wp/7-merkmale-liberaler-theologie/7320 (abgerufen: 13.03.2018).
[2]) Gary Dorrien, Kantian Reason and Hegelian Spirit: The Idealistic Logic of Modern Theology. Wiley-Blackwell, 2012. Kapitel 1.
[3]) Hans-Georg Gadamer. Wahrheit und Methode. Tübingen [Mohr] 1999. S. 277.
[4]) Manche Argumente sind dem Werk von Gary North, Crossed Fingers. Tyler (Texas), 2005, insbesondere S. 8-72, entnommen. Freier Download unter https://www.garynorth.com/freebooks/docs/a_pdfs/gncf.pdf (abgerufen: 13.03.2018). Dieser Rückgriff bedeutet nicht, dass ich seinen theologischen Positionen sowie seinen wirtschaftlichen und politischen Theorien insgesamt zustimme.
[5]) Ausführlicher in meinem Beitrag Beziehungsgötzen entlarven. http://hanniel.ch/2017/02/01/kolumne-beziehungsgoetzen-entlarven/ (abgerufen: 14.03.2018). Sehr gut dargestellt in Timothy Keller. Es ist nicht alles Gott, was glänzt. Basel [Brunnen] 2018.
[6]) So Francis Schaeffer in seinem letzten Buch Die große Anpassung. Bielefeld [CLV] 1984. „Die ruhigen Zeiten der Evangelikalen gehören der Vergangenheit an, und nur ein fester Blick auf die Bibel wird es uns ermöglichen, dem alles durchdringenden Druck einer Kultur zu widerstehen, die sich auf den Relativismus und auf relativistisches Denken gründet“ (S. 57). Wie geht dieser feste Blick verloren? Schaeffer sieht die Gefahr in einer Zweiteilung der Bibel in einerseits „Quelle für religiöse Erlebnisse“ (valide) und andererseits „überprüfbare Gebiete“ (fehlerhaft). Die fatale Folge davon ist, dass die innere Empfindung von der objektiven Wahrheit abgeschnitten wird (S. 61). Wahrheit wird letztlich etwas Subjektives. Damit hängt zusammen: „Die Kultur muss ständig aufgrund der Bibel beurteilt und nicht etwa die Bibel ständig der sie umgebenden Kultur unterworfen werden“ (S. 66).
[7]) Dass es sich dabei um zwei Religionen handelt, hat Gresham Machen in Christianity and Liberalism (1923) sehr gut dargestellt. Näher ausgeführt habe ich dies in meiner Rezension: http://hanniel.ch/2015/09/14/christentum-und-liberalismus-zwei-verschiedene-religionen/ (abgerufen: 14.03.2018).
[8]) Mehr dazu siehe Die Hütte ist ein Test für die Rechtgläubigkeit. http://hanniel.ch/2017/05/06/kolumne-die-huette-ist-ein-test-fuer-die-rechtsglaeubigkeit/ (abgerufen: 14.03.2018).
[9]) Mehr dazu in Hanniel Strebel, Zwei Schamkulturen und der Mechanismus der Selbsterlösung. http://hanniel.ch/2015/03/25/zwei-schamkulturen-und-der-mechanismus-der-selbsterloesung/ (abgerufen: 29.03.2018).
[10]) J. Gresham Machen. Christentum und Liberalismus. 2. Auflage, Friedberg [3L Verlag] 2013.

-->