In Zeiten höchster Eitelkeiten: Die Aktualität von Luthers Auslegung des Buches Prediger (Teil 2)

Ziemlich am Anfang des ersten Korintherbriefes stellt uns der Apostel Paulus eine Reihe von Fragen: Wo ist nun der Weise? Wo ist der Schriftgelehrte? Wo ist der Wortgewaltige dieser Weltzeit? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? (1Kor. 1,20). Es ist gut möglich, dass wir gerade über die zweite Frage stolpern oder dass sie uns sogar erschreckt: Werden hier nicht die Schriftgelehrten in eine Reihe mit den Weisen und den Wortgewaltigen dieser Weltzeit gestellt?
Dass diejenigen, die sich der Weisheit dieser Welt rühmen, vor Gott nicht bestehen können, akzeptieren wir. Aber schockiert es uns nicht, wenn mit solchen Leuten in gleichem Atemzug auch die Schriftgelehrten erwähnt werden?
Aus den Berichten der vier Evangelien ist uns bekannt, dass es unter den Juden sehr fragwürdige Vertreter der Schriftgelehrten gab. Aber ist Schriftgelehrsamkeit an sich nicht etwas Positives?
Selbstverständlich stellt der Apostel hier nicht eine gute Bibelkunde in Frage. Aber er weist darauf hin, dass es eine Schriftgelehrsamkeit gibt, die nichts zu tun haben will mit dem Wort vom Kreuz. Davon hatte Paulus kurz zuvor geschrieben (1Kor. 1,18). Es handelte sich um Leute, die das Wort vom Kreuz als Torheit bewerteten und verachteten, also die gleiche Botschaft, die den Erwählten Gottes eine Kraft ist.
Mit anderen Worten: Es ist möglich, bei eifrigem Erlernen der biblischen Sprachen, bei intensivem, grammatikalischem Sich-Mühen um den „Text“ und nicht zuletzt bei fleißiger Erforschung der Umwelt zwischen sich selbst und dem Wort vom Kreuz eine Distanz aufzurichten. Es gibt ein theologisches Arbeiten, das ein Ausweichen vor dem Evangelium ist.
Um keinerlei Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es ist für einen Christen unverzichtbar, die Heilige Schrift gründlich zu lesen und genau zu studieren. Auch Paulus tat das (2Tim. 4,13b). Welch ein Schatz für das gesamte Leben geben Eltern ihren Kindern mit, wenn sie sie von klein auf in der Bibel unterweisen und sie dann später zu eigenständigem Bibellesen anregen (2Tim. 3,14). Aber es gibt auch eine Art von Wissensvermehrung im Blick auf die Heilige Schrift, die nicht zur Erkenntnis Christi führt. Es gibt Leute, die fortwährend lernen, aber die niemals zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (2Tim. 3,7).
In diesem Zusammenhang sprach Augustinus einmal von der „Neugier“, die Menschen zum Studium der Bibel bewegen kann. Das, so der nordafrikanische Theologe, ist dann der Fall, wenn das Bibellesen nicht von der Absicht geleitet ist, Gott erkennen zu wollen. Jahrhunderte später bezeichnete Sören Kierkegaard ein derartiges „Betrachten“ der Bibel als „ästhetisches Lesen“. Das liege dann vor, wenn man sich beim Lesen des Wortes Gottes nicht in das Licht des dreieinen Gottes gestellt weiß.
Im ersten Teil dieser Artikelserie sahen wir, dass Luther einen solchen distanzierten Verstehenszugang zur Heiligen Schrift bei Erasmus von Rotterdam wahrnahm. In den Augen des Reformators ist namentlich die Art und Weise, wie dieser Humanist den freien Willen des Menschen aus der Bibel meinte ableiten zu können, ein Symptom des menschlichen Hochmuts. Gerade dieser Größenwahn ist Ausdruck der Gottfeindlichkeit des Sünders.
Diese Geisteshaltung, die seit dem Sündenfall die Menschen in den Griff genommen hat, erschien dem Reformator seit der Renaissance in eine geradezu apokalyptische Stromverschnellung geraten zu sein. Von dieser einst in Italien aufgekommenen, auf Autonomie und menschliche Souveränität („Freiheit“) gerichteten Denkweise waren nach seinem Urteil inzwischen nahezu überall die Kulturschaffenden befallen. Doch nicht nur die Gelehrten und Künstler, auch die Landesfürsten, die Stadtbewohner und nicht zuletzt die Bauern waren durch diese geistige Großwetterlage in ihrem Innern vergiftet worden. Die seit dem Sündenfall jeden Menschen bestimmende Denkweise herrschte mittlerweile in Potenz. Um es mit der Formulierung aus dem Buch Prediger zu sagen: Es regierte – in höchster Weise – Eitelkeit der Eitelkeiten, Nichtigkeit der Nichtigkeiten.

2. Höchste Eitelkeit in der Politik
Die Situation innerhalb des Deutschen Reiches

Als Luther im Sommer 1526 mit der Auslegung des Buches Prediger begann, stand ihm diese Einstellung in besonderer Weise bei den politischen Entscheidungsträgern vor Augen. Es war eine Zeit, in der die Lage im Deutschen Reich in vieler Hinsicht bis zum Äußersten angespannt war. Verschiedene Entwicklungen, die sich über Jahre hindurch angebahnt hatten, hatten sich gerade in diesen Monaten zu einer Mischung zusammengebraut, die nach menschlichem Ermessen auf eine gigantische Explosion hinauslaufen musste.

Zum einen waren es die reformatorischen Einsichten, die durch Flugblätter und durch Schriften Luthers in weiten Teilen des Reiches und darüber hinaus verbreitet worden waren. In den Gegenden, in denen römisch-katholische Landesherren dem Aufkeimen der reformatorischen Saat nicht unerbittlich entgegengetreten waren, führte dies bei großen Teilen der Bevölkerung zur Absage an die römische Messe. Überall führte man Gottesdienstformen ein, die endlich wieder dem Evangelium entsprachen. In zahlreichen Gemeinwesen verursachten unzählige Austritte aus Klöstern sowie aus dem Priesterstand erhebliche Unruhen, also keineswegs nur in Wittenberg.
Die Verbreitung der reformatorischen Erkenntnisse erfolgte seit dem Wormser Edikt (1521) in der Illegalität. Zwar wurde auf sämtlichen Reichstagen der darauffolgenden Jahre diese Thematik auf die Tagesordnung gesetzt, aber jeder Vorschlag für einen Kompromiss wurde niedergebügelt und besonders von Vertretern Roms rigoros torpediert.1
Aber das kaiserliche Edikt war nicht alles. Als Kaiser Karl V. wegen eines Krieges gegen Frankreich jahrelang im Ausland weilte, fungierte sein Bruder Erzherzog Ferdinand als sein Stellvertreter. Auf dessen Initiative hin schlossen sich in Regensburg die Bayernherzöge und einige süddeutsche Reichsbischöfe zu einem Bündnis zusammen (Sommer 1524). Der gegen die Reformation gerichtete Zweck dieses Zusammenschlusses wurde unmissverständlich formuliert: Das Wormser Edikt soll unnachgiebig durchgesetzt werden.
Genau in diesen Monaten brach der Bauernkrieg aus. Er war nicht auf die Gebiete beschränkt, die von der Reformation erfasst waren, aber dort tobte er am intensivsten. Nachdem der Aufstand der Bauern niedergeschlagen war, waren dadurch auch diese Landstriche am katastrophalsten verwüstet.
Den Bauernaufstand lasteten die Gegner der Reformation natürlich Luther an. Dieser tat sein Bestes, um darzulegen, dass die Ideen und Ziele der Empörer mit dem von ihm wiederentdeckten Evangelium nichts zu tun hätten. Das machte er so nachdrücklich, dass man ihn, der in Worms vor Kaiser und Reichsständen so furchtlos das Evangelium verteidigt hatte, später als „Fürstenknecht“ diffamierte.
Angesichts der Katastrophe des Bauernkrieges kamen in Dessau weitere römisch-katholische Fürsten zusammen, um sich gemeinsam dem Bündnis der süddeutschen Fürsten anzuschließen. Damit fühlten sich diese Stände militärisch den evangelischen Fürsten so überlegen, dass sie schon aus diesem Grund an einer Übereinkunft oder auch nur an geringfügigen Zugeständnissen gegenüber ihnen keinerlei Interesse zeigten.
Als es am 25. Juni 1526 zum Reichstag in Augsburg kam, stand am Anfang eine einzige Frage zentral: Wie soll man es mit der Kirche und den Glaubensangelegenheiten bis zu einem freien Konzil halten?
Karl V., der im Februar 1526 bei Pavia einen triumphalen Sieg über Frankreich errungen hatte, war nicht persönlich erschienen. Es war Erzherzog Ferdinand, der die Zusammenkünfte auf dem Reichstag leitete. Als dort aber dermaßen viele Reformbegehren beantragt wurden, ließ Ferdinand eine Geheiminstruktion verlautbaren, die ihm Karl V. mitgegeben hatte:
Wenn die Religionsdebatte eine Entwicklung nehme, die den Absichten des Kaisers entgegenlaufe, solle Ferdinand jede weitere Verhandlung abbrechen. Der Kaiser selbst habe sich vorgenommen, nach Italien zu reisen und mit dem Papst über ein allgemeines Konzil zu sprechen, das die Ketzerei ausrotten und alle Missstände und Beschwerden behandeln solle. Dann werde er nach Deutschland kommen und seine Pflicht als christlicher Kaiser erfüllen. Bis dahin solle der Reichstag nichts beschließen was dem Herkommen, der Lehre und der Ordnung der Kirche zuwider sei. Ein Konzil werde dann eine einhellige christliche Reformation vornehmen. Aus partikularen Abmachungen entstehe nur Verwirrung und Ungehorsam.
Nach Bekanntwerden dieser Anweisung war die Empörung groß. Die evangelischen Fürsten sahen sich massiv vor die Frage gestellt, ob angesichts des offenkundig zelebrierten Reichstagstheaters nun nicht doch ein militärisches Gegenbündnis geknüpft werden müsse. Aber plötzlich gingen auch viele römisch-katholische Fürsten auf Distanz zum Kaiser. Der Grund war, sie nahmen diese Instruktion als Ausdruck absolutistischer Bestrebungen des Kaisers wahr. So kam es am Ende des Reichstages zu einem bemerkenswert moderaten Reichstagsabschied (27. August 1526): Jeder Reichsstand möge vorläufig so mit dem Edikt von Worms umgehen, „wie ein jeder solches gegen Gott und Kaiserliche Majestät hoffet und vertraut zu verantworten“.

Die Bedrohung durch den heranflutenden Islam

Angesichts des über Wochen turbulent verlaufenden Reichstages war eine solch maßvolle Formulierung kaum prognostizierbar. Der Grund dafür lag aber nicht nur in innenpolitischen Interessen. Vielmehr war sie maßgeblich durch eine Bedrohung verursacht, die von außen auf das Deutsche Reich zurollte. Ende August 1526 hatten die Türken bei Mohács den ungarischen König Ludwig II. vernichtend geschlagen. Damit standen sie nur noch wenige Tagesmärsche vor Wien.
Die Bedrohung durch den Islam war nicht schlagartig gekommen. Bereits seit Jahrhunderten hatte sich das Abendland gegenüber dieser auf Gewaltexpansion ausgerichteten antichristlichen Macht zur Wehr zu setzen. Es lag bereits weit über 800 Jahre zurück, dass muslimische Heere den Nahen und den Mittleren Osten sowie Nordafrika überrannt hatten, dann Spanien unter ihre Herrschaft gebracht hatten und bis hinein nach Frankreich eingefallen waren. Erst bei Tours und Poitiers, also mitten in Frankreich, konnte Karl Martell unter größter militärischer Anstrengung den islamischen Truppen Einhalt gebieten und sie zurückwerfen (732). Spätestens seit dieser Zeit war Europa die Bedrohung durch den Islam bewusst.
Auch in den folgenden Jahrhunderten war es völlig unmöglich, die Gefahr, die vom Islam ausging, zu ignorieren. Wollte die Christenheit es vergessen, riefen die unzähligen Massaker an Christen, die friedlich nach Jerusalem pilgern wollten, sowie die zahllosen Eroberungszüge der Muslime diese Gefährdung immer wieder in ihre Erinnerung, bis dann der Papst als Antwort auf diese Aggressionen mit dem Aufruf zu Kreuzzügen reagierte.
Um zu verstehen, wieso die Osmanen im August 1526 an der Grenze des Deutschen Reiches standen, ist auf ein dafür ursächliches Ereignis zu weisen, das gut 70 Jahre zurücklag. Im Jahr 1453 war Konstantinopel den Muslimen in die Hände gefallen. Konstantinopel war nicht irgendeine Stadt. Sie galt seit über 1000 Jahren als das Bollwerk der Christenheit. Zentrale Lehrentscheide wurden in dieser Stadt oder in deren Vororten erörtert und geklärt. Man denke an das Dogma der Dreieinheit (Nicäa, 325; 381) oder auch daran, dass Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch dort bekannt wurde (Chalcedon, 451).
Aber als am 20. Mai 1453 Sultan Mohammed II. nach tagelangen Belagerungsstürmen den Einsatz der Janitscharen befahl, war das Ende dieser „von den Engeln behüteten Stadt“ gekommen. Die Janitscharen waren die Elitetruppe des Sultans. Sie bestand weitgehend aus ehemaligen Christen. Zum Teil hatte man diese Leute zwangsislamisiert, indem man sie bereits als Kinder ihren Eltern weggenommen hatte, um sie dann streng muslimisch zu indoktrinieren. Zum Teil aber bestand diese Garde auch aus Männern, die sich selbst ganz bewusst vom christlichen Glauben abgekehrt und dem Islam zugewandt hatten. Dieser Religionswechsel war bei nicht wenigen von ihnen dadurch motiviert, dass sie sich durch den Übertritt zum Islam bessere Aufstiegschancen ausrechneten. Mohammed II. wusste, dass er sich auf diese Apostaten verlassen konnte. Sie waren es dann auch, die man als Erste auf den Mauern Konstantinopels erblickte und die an vorderster Linie zur Hagia Sophia hasteten, dort das Kreuz von der Wand rissen und dafür sorgten, dass noch am selben Tag ein Muezzin seine Allahu akbar-Rufe über die Stadt ertönen ließ.
In den darauffolgenden Jahrzehnten waren es immer wieder diese Janitscharen, die die größte Entschlossenheit aufbrachten, um den Südosten Europas unter die Herrschaft des Islam zu bringen.
Was seit dem Fall Konstantinopels Europa bis ins Mark erbeben ließ, war der Eindruck eines unmittelbaren Bedrohtseins. Die daraufhin in den westlichen Ländern hektisch einsetzende Suche nach dem Seeweg nach Indien war aus der Angst geboren, der Islam würde das Abendland in den Zangengriff nehmen und erdrosseln. Zwar hatte man inzwischen bei der Rückeroberung Spaniens (Reconquista) nicht unbeträchtliche Erfolge erzielt. Aber zum einen war die Befreiung der iberischen Halbinsel unter einem enormen Blutzoll errungen worden und zum anderen konnte niemand sicher prognostizieren, dass dieser Rückgewinn von Dauer sein werde. Und wie gesagt: Von der anderen Seite Europas fluteten nun die Osmanen über den Balkan in Richtung Mitteleuropa. Ihr gewaltiger Sieg bei Mohács (29. August 1526) war somit lediglich das letzte Signal, um jedem verantwortlichen Politiker die unerhörte Bedrohung durch diese Eindringlinge vor Augen zu führen. Natürlich hieß das damals für die Fürsten, dass es ihre oberste Pflicht war, die Grenzen zu schützen. Genau das war ebenfalls ein Grund, warum der Augsburger Reichstagsabschied so moderat ausfiel.

Luthers Stellungnahmen zu den aktuellen politischen Fragen

Während Luther in diesen Wochen an der Auslegung des Buches Prediger arbeitete, verfolgte er natürlich die politischen Abläufe. Außerdem erreichten ihn mehrere Bitten, zu den aktuellen politischen Fragen Stellung zu nehmen.
Zum einen ging es natürlich um die Frage, ob die evangelischen Fürsten ein Gegenbündnis schließen dürfen. Luthers Antwort: Aufgrund von Bibelstellen wie Römer 12,19; 13,1ff und 1.Petrus 2,13 ist es nicht erlaubt, sich gegen die Obrigkeit zu verbünden, sich selbst zu rächen oder sich gegen sie zur Wehr zu setzen. Äußerstenfalls sei es statthaft, ein Bündnis zu schließen, sofern dieses sich nicht gegen einen bestimmten Gegner richte. Schon ein solcher Zusammenschluss könne auf einen möglichen Gegner abschreckend und einschüchternd wirken.2
Die Voraussetzung, unter der Luther dieses Urteil abgab, war, dass auch die Landesfürsten unter dem Kaiser stehen, also seine Untertanen sind. Von daher, so der Reformator, würde ein solches Bündnis einem Widerstand von Untertanen gegen die Obrigkeit gleichkommen: Das aber untersagt die Heilige Schrift (Röm. 13,2).
Später kam der Reformator in dieser Frage zu einem anderen Ergebnis. Aber in jener Zeit unterstrich Luther seine Überzeugung mit der Warnung: Wenn die evangelischen Fürsten um des Schutzes des Evangeliums willen sich gewaltsam zur Wehr setzen würden, würden sie die von Gott streng unterschiedenen Reiche vermischen, also das geistliche Reich, in dem Gott durch sein Evangelium regiert, und das weltliche Reich, in dem Gott durch das Schwert regiert.3
Eine andere Frage, die an Luther herangetragen wurde, war die Berechtigung zum Kriegsdienst.4 Luthers Antwort kam im Herbst 1526 unter dem Titel in den Druck: „Ob Kriegsleute auch in seligem [gottwohlgefälligem] Stande sein können“.5 Zusammengefasst lautete die Antwort des Reformators: Genau wie Gott den Richterstand gestiftet hat, so ist auch der Kriegsdienst zur Durchsetzung der weltlichen Gerechtigkeit unverzichtbar.6 Weil Krieg zu führen den Zweck verfolgt, Unrecht und Böses zu bestrafen, ist im Prinzip eine Teilnahme von Christen daran gottwohlgefällig.7
In dieser Schrift steckte der Keim für eine weitere Schrift. In ihr ging es um den Krieg gegen die Türken. Nach dem Sieg über die Ungarn war Sultan Süleiman II. überraschenderweise nicht auf Wien marschiert, sondern war umgekehrt. Von daher war Luthers Stellungnahme dazu nicht dringend erforderlich. Tatsächlich veröffentlichte Luther erst zwei Jahre später seine Beurteilung. Allerdings hatte er sich schon vorher mehrfach zu dieser Thematik geäußert. Bereits in den Resolutionen zu den Ablassthesen (1518) hatte Luther zu seiner fünften These erklärt: Die meisten Großen in der Kirche träumten von nichts anderem als dem Türkenkrieg, also davon, „nicht gegen die Sünden, sondern gegen die Sündenrute zu kämpfen und Gott zu widerstreiten, der, wie er sagt (Jes. 10,5), durch diese Rute unsere Sünden heimsucht, weil wir es nicht selbst tun“.8
Mit dieser Aussage wandte sich der Reformator gegen Überlegungen Roms, zu einem Kreuzzug gegen die über den Balkan nach Europa strömenden Muslime aufzurufen. Aber das hieß nicht, dass Luther den Islam willkommen hieß. Für ihn war das Kommen der Türken Gericht Gottes. Mit anderen Worten: Hätte man Luther gefragt, ob der Islam zu Deutschland gehöre, hätte er geantwortet: Ja, aber nicht im Sinn irgendeiner realitätsfernen „Kulturbereicherung“, sondern als Rute für die Sünden und die Unbußfertigkeit der Deutschen.
Was Luther im Jahr 1518 ausgesprochen hatte, entsprach dann inhaltlich seiner Schrift „Vom Krieg gegen die Türken“:9 Ein Krieg auf päpstliches Geheiß und um des Glaubens und der Kirche willen, durch deren Teilnahme man später im Fegefeuer Ablässe von Sündenstrafen erhalte, hat in der Bibel keinerlei Grundlage. Es wäre eine Vermischung des geistlichen Bereiches mit dem weltlich-politischen. Nicht der Papst, sondern der Kaiser hat den Auftrag, das Deutsche Reich gegen die Türken zu schützen. In dessen Dienst aber ist ein Christ berufen, sich daran zu beteiligen.10

Luthers Ablehnung der bisherigen Auslegungsweisen des Buches Prediger

Bei diesen Stellungnahmen ging es Luther im Kern also um die Abwehr der Vermischung der beiden Reiche. Diese Thematik begleitete den Reformator, als er über dem Buch Prediger arbeitete.11
Das Verstehen dieses Buches bereitete ihm große Mühe. Mehrfach seufzte er darüber.12 Im September 1526, als er an der Auslegung von Prediger 7 saß, lief bei ihm wochenlang gar nichts mehr, so dass er sich veranlasst sah, die Prediger-Vorlesungen für einige Zeit zu unterbrechen.
Im Kern waren es zwei Schwierigkeiten, vor die Luther sich bei der Auslegung des Buches Prediger gestellt sah. Zum einen betraf es die Gestalt, den Stil dieses Buches. Dieser erschien Luther wesentlich kunstvoller, höfischer als zum Beispiel die Weise, in der David geschrieben hatte.13 Aber gerade diese gedrängten Aussprüche (Aphorismen) und Redewendungen bereiteten ihm nicht unerhebliche Verständnisprobleme. Zum Beispiel, was genau gemeint ist mit: Es gibt nichts Neues unter der Sonne (Pred. 1,9); alles ist nichtig und ein Haschen nach Wind (1,14); alles hat seine bestimmte Stunde und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit (Pred. 3,1-8); es ist besser zu zweit zu sein, als alleine (Pred. 4,9-12); besser ein guter Name als Parfum (Pred. 7,1); die Weisheit macht den Weisen stärker als zehn Mächtige, die in der Stadt sind (Pred. 7,19); bitterer als der Tod ist eine Frau, die Fangnetzen gleicht (Pred. 7,26); alles was deine Hand zu tun vorfindet, das tue mit deiner ganzen Kraft, denn im Totenreich, in das du gehst, gibt es kein Wirken mehr und kein Planen, keine Wissenschaft und keine Weisheit (Pred. 9,10); wer eine Grube gräbt, kann hineinfallen (Pred. 10,8); freue dich in deiner Jugend […], aber du sollst wissen, dass Gott dich am Ende richten wird (Pred. 11,9); des vielen Büchermachens ist kein Ende (Pred. 12,12) usw.
Wo ist der innere Zusammenhang aller dieser Aussagen? Offensichtlich, so erkannte Luther bald, geht es in dem Buch nicht um eine systematisch- strukturierte Darlegung. Vielmehr lassen die knappen, scheinbar ungeordneten Aneinanderreihungen von Beobachtungen aus dem Alltag und die häufig unvermittelt daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen an Notizen eines Tagebuches denken. Solche scheinbar unzusammenhängenden Aussagen spiegeln zwar insofern das menschliche Leben wider, als auch dieses nicht selten zusammenhanglos und häufig verworren erscheint. Aber das rechte Verstehen der jeweiligen Einzelaussage wird dadurch nicht erleichtert.
Damit ist die zweite Schwierigkeit angesprochen, vor die Luther sich bei der Auslegung dieses Buch gestellt sah: Worum geht es in diesem Buch? Was ist die Botschaft (scopus), der Inhalt des Predigerbuches?
In der Einleitung zu seiner Auslegung erörtert Luther zunächst drei Möglichkeiten. Zum einen fragt er, ob dieses Buch eine mehr oder weniger epikuräische Lebenseinstellung verkündet. Ruft es zu einer Lebensweise gemäß dem Grundsatz auf: Genieße den Tag, alles Wirken ist ohnehin eitel, und morgen bist du sowieso tot!? Zur Untermauerung dieser Deutung könnte man, so Luther, an die Aussage denken: Denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs ist ein und dasselbe. Die einen sterben so gut wie die anderen, und sie haben alle denselben Odem, und der Mensch hat dem Vieh nichts voraus (Pred. 3,19).
Eine andere Interpretation, die Luther anspricht, ist, das Buch Prediger fatalistisch zu deuten: Das Leben hat keinen Sinn, denn der Mensch weiß weder um Liebe noch um Hass im Voraus, sondern ihm ist alles verborgen (Pred. 9,1). Ja, alles menschliche Vornehmen ist von Zeit und Umständen abhängig (Pred. 9,11). Also könne man auch gleich alles laufen lassen und sich im Strom der Geschichte treiben lassen… Will das Buch diese Botschaft vermitteln?
Oder ist der folgende Zugang, das Buch Prediger verstehen zu wollen, der Richtige? Ist das Buch ein Aufruf, die Welt zu meiden, gewissermaßen aus ihr zu emigrieren? Legen das nicht Aussagen nahe, die verkünden, dass das Irdische den Menschen niemals wirklich zufriedenstellen kann? Zum Beispiel: Das Auge sieht sich nicht satt, und das Ohr hört nie genug (Pred. 1,8); alle Arbeit des Menschen ist für seinen Mund, die Seele aber wird nicht gesättigt (Pred. 6,7). Heißt das nicht in der Konsequenz: Raus aus der Welt!? Verlasse sie!?

Luthers eigene Lage

Wenn man an die Lebenssituation denkt, in der Luther sich in diesen Monaten befand, hätte er allen Grund gehabt, seine persönlichen Enttäuschungen im Buch Prediger zu suchen. Nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes hatten sich viele seiner ihn bis dahin bewundernden Anhänger von ihm abgewandt. Auch seine Landesfürsten waren inzwischen wohlweislich auf Distanz zu ihm gegangen, indem sie sich bemühten, ihn bei ihren bündnispolitischen Überlegungen außen vor zu lassen.
Hinzu kam, dass in diesen Wochen die Pest Wittenberg erreichte. Daraufhin wichen die meisten Studenten nach Jena aus. Luther selbst blieb zusammen mit seiner Frau und seinem gerade geborenen ersten Sohn Johannes in Wittenberg zurück. Aber seine Vorlesungen waren mager besucht.
Hinzu traten verstärkt bei ihm quälende Schwermutattacken auf. Diese Grübeleien wurden zum Teil so heftig, dass sie ihn an den Rand körperlicher Erschöpfung brachten.14 Seit seiner Rückkehr von der Wartburg hatten ihn immer wieder Depressionen überfallen. Aber in der zweiten Hälfte des Jahres 1526 wurden sie intensiver, und es dauerte länger bis sie abklangen. Wenige Monate später, im Jahr 1527, steigerten sie sich dermaßen dramatisch, dass sie Luther an den Rand tiefster Todesverzweiflung führten. Lag es da für Luther nicht nahe, das Predigerbuch als einen indirekten Aufruf zu interpretieren, sich in trübsinnigem Lebensüberdruss aus allem zurückzuziehen und der Öffentlichkeit den Rücken zuzukehren?
Eine solche Deutung des Buches hätte auch insofern nahegelegen, als sie der bisherigen Grundausrichtung der Auslegung dieses Buches entsprach. Es war Hieronymus (347-420), dessen Prediger-Auslegung für die folgenden Jahrhunderte richtungsweisend wurde. Hieronymus verstand das Buch als eine Darstellung der Eitelkeit/Nichtigkeit des Lebens in dieser Welt und von daher als Aufforderung, das irdische Leben zu verachten und stattdessen ein Leben in Einsamkeit, Armut und Keuschheit zu führen. Für Hieronymus war das Buch Prediger also ein Appell, das Leben so zu verbringen, wie es die Mönche sowie die Nonnen in den Abteien dann später taten. Die Idee, durch ein Leben im Kloster der Eitelkeit des irdischen Daseins zu entfliehen, wurde später im Mittelalter noch durch die Lehre eines Bonaventura und eines Thomas von Aquin überhöht, die das Ablegen entsprechender Gelübde als Weg zur „christlichen Vollkommenheit“ anpriesen.15

Wie groß das geistige Gewicht war, das von diesem Verständnis des Buches Prediger ausging, kann eine Schrift veranschaulichen, die rund tausend Jahre nach Hieronymus verfasst worden war und im späten Mittelalter einen unerhört prägenden Einfluss ausübte. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verfasste der Mystiker Thomas a Kempis das Buch Von der Nachfolge Christi. Gleich auf den ersten Seiten dieser Publikation ist Folgendes zu lesen: „Hättest du die ganze Bibel und alle Sprüche der Philosophen im Kopf, aber dabei keine Liebe und Gnade Gottes in deinem Herzen, was würde dir all jenes helfen? O Eitelkeit der Eitelkeiten – alles ist Eitelkeit, außer Gott lieben und ihm allein dienen. Das ist die höchste Weisheit: die Welt zu verschmähen und nach dem Himmelreich zu trachten. Eitelkeit ist es, vergängliche Reichtümer zu suchen und darauf seine Hoffnung zu setzen. Eitelkeit ist es, nach hohen Ehrenstellen zu trachten, und sich über andere hoch emporschwingen zu wollen […]. Gedenke doch recht oft an jenen weisen Spruch: Nicht satt wird das Auge vom Sehen, nicht satt vom Hören das Ohr (Pred. 1,8). So bestrebe dich darin, dein Herz von der Liebe zum Sichtbaren los zu reißen, und es zum Unsichtbaren zu erheben. Denn die ihrer Sinnlichkeit blind folgen, beflecken ihr Gewissen und verlieren die Gnade Gottes.“
Ohne Übertreibung wird man feststellen können: Die Schrift von Thomas a Kempis ist eine systematische Ausarbeitung der Predigerinterpretation des Hieronymus.

Die Eitelkeit liegt im Herzen

Als Luther sich vor die Aufgabe gestellt sah, das Predigerbuch auszulegen, stand er vor der Frage: Ruft dieses biblische Buch dazu auf, diese Welt zu meiden, ihr den Rücken zuzukehren? Nach hartem geistigem Ringen erfasste Luther, dass eine derartige Deutung den Sinn des Buches Prediger verfehlt, übrigens genauso wie die epikuräische oder die fatalistische Deutung dieses Buches.
In der Einleitung zu seiner Predigerauslegung äußerte Luther sich darüber folgendermaßen: „Hier muss von Anfang an der Irrtum und schädliche Wahn sehr vieler Leute ausgerottet werden, dass wir ja nicht meinen, der Verfasser rede von der Verachtung der Kreaturen, die die Schrift keineswegs verachtet und verdammt wissen will. Denn alles, was Gott gemacht hat, ist sehr gut und zum Gebrauch der Menschen gemacht, was Paulus mit ganz klaren Worten sagt: Alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet (1Tim. 4,4.5). Darum ist es töricht und gottlos, dass sehr viele Prediger ihre Angriffe richten gegen die Obrigkeit, die Macht, die Würde, den Reichtum, das Gold, die Ehre, die Schönheit, die Frauen, indem sie öffentlich Gottes Kreatur verdammen. Die Obrigkeit und die Schwertmacht ist eine göttliche Einrichtung. Das Gold ist gut, und der Reichtum ist eine Gabe Gottes. Auch die Frau ist ein großes Gottesgeschenk und dem Mann zur Gehilfin gegeben. Gott hat das alles gemacht, damit es für den Menschen gut sein soll und ihm dient.“
Etwas später in der Einleitung weist er die herkömmliche Deutung des Buches Prediger noch nachdrücklicher zurück: „Dadurch dass einige dumme Leute dieses nicht verstanden, haben sie mit diesem Bibelbuch die ungereimte Lehre der Weltverachtung und der Weltflucht aufgebracht, und sie haben deswegen viel ungereimte Dinge getan, wie man in Lebensbeschreibungen der Kirchenväter nachlesen kann: Da habe es Leute gegeben, die noch nicht einmal die Sonne erblicken wollten. Sie hätten verdient, dass man ihnen deswegen die Augen ausgerissen hätte. Es gab andere, die aus religiösen Gründen sich außerordentlich kärglich ernährten. Es kann deutlich sein, wie wir darüber zu urteilen haben. Denn nicht der Mensch verachtet auf die rechte Weise die Welt, der wie ein Einsiedler lebt und sich von den Menschen absondert. Nicht der verachtet das Gold, der es wegwirft oder der sich fernhält von Gold oder Gut, wie die Franziskaner, nein, der tut es, der inmitten aller dieser Dinge lebt und sein Herz doch nicht daran hängt. Das ist das Vornehmste, was Salomo unter die Aufmerksamkeit seiner Leser bringen will.“
Mit anderen Worten: Luther fand in den traditionellen Auslegungen dieses Buches keinerlei Hilfe. Er musste sich das Verstehen dieses Buches von Grund auf selbst erarbeiten. Dabei erkennt er als Kernproblem der herkömmlichen Sichtweise das grundfalsche Verständnis von dem, was mit Eitelkeit/Nichtigkeit im Predigerbuch gemeint ist: „Eitelkeit der Eitelkeiten ist eine hebräische Ausdrucksweise. […] Dieses Wort verwendet Salomo jedoch nicht gegen die Dinge selbst, sondern gegen das menschliche Herz, das alle Dinge zum eigenen Schaden missbraucht […]. Er gibt mit den ersten Worten bereits das Thema des ganzen Buches an und worüber er sprechen will. Er sagt nämlich, dass er sprechen wird über die größte und höchste Eitelkeit, die Eitelkeit des menschlichen Herzens, die ganz und vollständig eitel ist in allen ihren Vorhaben, sodass die Menschen niemals zufrieden sind mit dem Gegenwärtigen, das sie nicht dankbar gebrauchen. Aber auch das Zukünftige können sie nicht genießen. Der Mensch ist überhaupt nicht in der Lage zu gebrauchen und zu genießen, sondern er verkehrt alles, auch das Beste, in Elend und Eitelkeit. […] Die Schuld liegt also im Menschen, nicht in den Dingen“.16

Dieses Buch aufzufassen als Aufruf, der Welt zu entfliehen und die Schöpfung zu verachten, hat, so lehrt Luther, in eine geistige Verdunklung und dadurch zu zahlreichen Irrwegen geführt. Dieses Buch fordert nicht dazu auf, die äußeren Dinge zu meiden, sondern es geht darum, das Herz nicht an sie zu hängen.
In seiner einleitenden Vorlesung stellt er fest: „Thema und Absicht dieses Buches ist es also, dass es uns unterweist, die gegenwärtigen Wohltaten Gottes und seine Schöpfung mit Danksagung zu gebrauchen. Sie sind uns durch Gottes Güte in reichem Maß geschenkt worden, ohne Sorge um die künftigen Dinge, nur dass wir ein ruhiges und stilles Herz haben und ein fröhliches Gemüt, nämlich indem wir zufrieden sind mit dem Wort und dem Werk Gottes […]. So werden wir ermuntert, zu essen und zu trinken und auch um fröhlich zu sein mit der Frau unserer Jugend. Ferner sollen wir unserm Haupte Salbe nicht mangeln lassen. Auch Christus sagt: Jeder Tag hat genug an seinem eigenen Übel (Mt. 6,34), und Paulus lehrt: Pflegt das Fleisch nicht, damit eure Begierden nicht erregt werden (Röm. 13,14). Wenn der Mensch diesen Rat befolgt, wird er ein zufriedenes und ruhiges Herz haben, während Gott reichlich vorsorgen wird für alles, was er benötigt.“

In der Öffentlichkeit Verantwortung tragen

Aber Luther weist nicht nur die traditionelle Weltflucht-Deutung des Buches Prediger entschieden zurück. Seines Erachtens besteht die Botschaft dieses Buches in einer zu dieser Auslegung geradezu entgegengesetzten Lebensführung. Anstatt zu einem Leben in außerweltlicher Askese aufzurufen, gebietet das Buch Prediger, der Verantwortung nicht zu entfliehen, in die Gott den Menschen gestellt hat. Gerade dann, wenn man endlich anfängt, das Buch Prediger sprachlich, grammatisch und auch historisch ernst zu nehmen, gelangt man, so Luther, unweigerlich zu der Einsicht, dass es dazu aufruft, in dieser Welt vor dem Angesicht Gottes zu handeln.
Das erschließt sich Luther bereits aus der Verfasserschaft: Das Buch ist eben nicht die Lebensklage irgendeines unbekannten Israeliten aus einer schwer bestimmbaren Epoche Israels, sondern es ist von Salomo. Das heißt: Hier spricht jemand, der mitten in der Öffentlichkeit steht und dessen Pflicht es ist, im Gemeinwesen Verantwortung für andere zu übernehmen.
Luther lässt die Möglichkeit offen, ob das Predigerbuch von Salomo selbst so abgefasst wurde, wie wir es heute haben. Möglicherweise haben Leute aus seiner unmittelbaren Umgebung seine Aussagen zusammengetragen und dann schriftlich festgehalten. Dann wäre die Entstehung dieses Buches vergleichbar mit dem, wie auch ein Teil des Buches der Sprüche entstanden ist (Spr. 25,1). Auf diese Weise wäre der über weite Strecken aphoristische Charakter des Predigerbuches einsichtig.

Der Titel des Buches Prediger lautet im Hebräischen Koheleth. Dies meint nicht so sehr einen Pastor, sondern jemanden, der eine Versammlung einberuft und auf ihr als Vorsitzender das Wort führt.

Aus der Zeit des Endes des zweiten Jahrtausends und dem Anfang des ersten Jahrtausends vor Christi Geburt ist heute bekannt, dass am ägyptischen Hof derartige Zusammenkünfte von Ratsleuten stattfanden. Salomo könnte also von dorther Anregungen für ein solches Beratungsinstitut bekommen haben, in dem er die Probleme des Regierens in vertrauter Runde erörtert. Aber wie auch immer das Buch Prediger genau entstanden ist: Für Luther ist eines klar: Das Buch Prediger gibt authentisch die Gedanken des Königs Salomo wieder.
Salomo hatte bekanntlich eine besondere Berufung in der Geschichte. Gott rüstete ihn mit großer Weisheit aus, die mit Gerechtigkeitssinn verwoben war. So wurde er geradezu zum Prototyp eines guten Regenten. Indem Luther darauf hinweist, übersieht er nicht die Sünden, in die Salomo geraten war. Der Reformator fügt hinzu: „Wo es göttlich zugeht, da bleiben die teuflischen Angriffe nicht aus, der Unglaube und die Begierde der Welt können es nicht ansehen oder zulassen, dass man so lehrt und lebt.“
Für das Verstehen des Buches Prediger ist aber Luther nicht wichtig, dass Salomo schwere Schuld auf sich geladen hat, sondern dass sogar einem in seinem Amt so weisen und gerechten Mann vieles misslingt. Man denke an die von Salomo wahrlich nicht beabsichtigte Spaltung seines Reiches unmittelbar nach seinem Tod.
Jeder Mensch, der in der Geschichte verantwortlich handelt, scheitert immer wieder und steht vor den Scherben seiner Pläne. Beispiele solcher Erfolglosigkeit von Plänen findet Luther überreichlich in der Geschichte. In seiner Auslegung des Buches Prediger weist er auf solche Exempel immer und immer wieder hin. Aus den biblischen Berichten erinnert er neben Salomo an Esau, David, Joab, Absalom, Josia, Manasse und Zedekia. Aus der griechischen und römischen Antike stehen ihm Männer vor Augen wie Homer, Lykurg, Timon, Sokrates, Platon, Philipp von Mazedonien, Aristoteles, Alexander der Große, Demosthenes sowie Scipio, Cicero, Cato, Caesar, Antonius, Brutus, Kaiser Augustus, Vergil, Ovid, Kaiser Commodus usw.17 Aus der deutschen Geschichte sieht er die Regierungszeiten sämtlicher Kaiser als Belege für deren durchgängiges Scheitern ihrer ursprünglichen Absichten. Im Blick auf Frankreich verweist er auf das Misslingen des kürzlich besiegten Franz I. sowie auf den gerade in der Schlacht gegen die Osmanen gefallenen ungarischen König Ludwig II.
Aus seiner unmittelbaren Umgebung erinnert Luther einmal an die Namensparallele zwischen dem weisen Salomo („Friedsam“) und seinem gerade verstorbenen Kurfürsten „Friedrich“ dem Weisen. Der Reformator zitiert seinen sehr verehrten Fürsten mit dem Ausspruch: „Je länger ich regiere, je weniger ich regieren kann“ (das heißt: verstehe ich zu regieren). Und ferner mit der resignierenden Frage: „Wem soll ich noch vertrauen?“18
In seinem Kommentar zu Prediger 1,14.15 (Ich beobachtete alle Werke, die getan werden unter der Sonne, und siehe, es war alles nichtig und ein Haschen nach Wind!) verweist der Reformator auch auf sein eigenes Leben: „Nicht allein an meinem eigenen Beispiel habe ich diese Eitelkeit erfahren, sondern habe auch alle anderen betrachtet, und habe erkannt, dass ihre Ratschläge genauso wie die meinen fehlschlugen. Wie mir meine eigenen Ratschläge nicht wohl gelangen, so habe ich gesehen, dass sie keinem in der ganzen Welt wohl gelangen. […] Es wird daher mit diesen Worten die Einstellung verworfen, die man ‚das Gute meinen‘ nennt, wie man gewöhnlich sagt: ‚Ich habe es gut gemeint.‘ Aber es ist gar nichts eine gute Meinung außer der, die durch das Wort Gottes bestimmt wird und die beim Glauben anfängt. Alle übrigen Meinungen, auch die dem Schein nach überaus gut sind, sind trügerisch und sehr schädlich. Dies bezeugt auch Cicero, der es selbst erfahren hat, dass das am besten Ausgedachte aufs Übelste hinausläuft. Und Gott tut ganz recht, wenn er auf diese Weise unsere Ratschläge vereitelt, weil, wenn den Menschen auch nur ein Weniges wohl gelingt, sie bald aufgeblasen werden und sich die Ehre anmaßen, was gegen die Ehre Gottes ist, der allein geehrt werden will.“
Zu der gleich darauffolgenden Aussage Salomos (Das Krumme kann man nicht gerade machen, und die, welche fehlen, kann man nicht zählen) kommentiert Luther: „Salomo fügt die Ursache hinzu, warum durch vergebliche Sorge und Bekümmernis alles zum Jammern führt. Denn, sagt er, die Missetaten sind unzählig, und sie können nicht abgestellt werden. Ihre Größe und ihre Menge macht alle menschlichen Ratschläge zunichte. Salomo will hier also sagen: Ich erkenne zwar durch meine Weisheit genugsam, was nützlich ist und geeignet. Aber was kann ich gegen die Dinge tun? Das Krumme und die Verderbtheit in menschlichen Angelegenheiten ist so groß, dass sie niemals zurechtgebogen werden können.“
Das heißt: Die Antwort auf die Frage, woran es liegt, dass Menschen mit den zuweilen besten Absichten etwas planen und dann ihr Konzept gründlich missrät oder gänzlich in Scherben zerfällt, lautet: Angesichts der unausrottbaren Sündhaftigkeit (Eitelkeit/Nichtigkeit) des Menschen, der sein Leben führt, so als ob es keinen Gott gäbe, ist dies Gericht Gottes.
Für diese Einschätzung sind ihm der Verlauf der Reichstage in Deutschland ein anschaulicher Beleg: „Daher macht Gott da, wo die scheinbarste Weisheit und das fleißigste Wirken ist, am meisten die Anschläge zunichte, was offenkundig in unseren Zeiten geschieht, in dem die Fürsten und Bischöfe Deutschlands durch so viele Reichstage, so viele Ratschläge nichts ausgerichtet haben. Selbst dadurch aber kann uns Gott nicht dahin bringen, dass wir ihm unsere Ratschläge unterwerfen. Darum wird es eine unselige Mühe genannt, das heißt, die da quält und martert.“19

Unterscheidung: Unter der Sonne – über der Sonne

Diese Eitelkeit/Nichtigkeit des Herzens, die sich im Planen und Wirken des Menschen zeigt, sieht Luther in einer Formulierung Salomos zusammengefasst, die im Buch Prediger sehr häufig vorkommt. Es ist der Ausdruck unter der Sonne.20 Das Mühen unter der Sonne21 spiegelt sich für den Reformator in der vor seinen Augen ablaufenden Geschichte mit allen ihren Turbulenzen wieder. Genau darin entpuppt sich in Deutschland und Europa das Reich der Eitelkeit/Nichtigkeit.22
Das Buch Prediger fungiert also für Luther als eine Brille, mit deren Hilfe er die um ihn herum tobenden scheinbar gigantischen Geschichtskräfte in den rechten Proportionen zu erfassen vermag: Sowohl das päpstliche Rom mit seinen universalen Machtansprüchen als auch der überall sich erhebende Freiheits- und Emanzipationswahn im persönlichen und gesellschaftspolitischen Denken und Treiben des Mannes auf der Straße, und nicht zuletzt der lawinenartig heranrollende Islam enthüllen sich ihm im Licht des Buches Prediger als substanzlose, leere Hülsen: als Eitelkeit der Eitelkeiten, als Nichtigkeit der Nichtigkeiten. Was ist denn in der Geschichte schon jemals von all den hochgestimmten menschlichen Plänen geblieben, sobald sie auf die Wirklichkeit dieser Welt trafen? Gerade auch die anscheinend Allermächtigsten und Allerbegabtesten mussten verstehen lernen, dass in der Perspektive unter der Sonne die Dinge anders laufen als sie sich das vorgestellt hatten. Gerade in dieser Hinsicht, so Luther, gibt es nichts Neues unter der Sonne (Pred. 1,9). Alles ist ein Haschen nach Wind.
Das hatte bereits Adam zu erkennen, der seine Hoffnungen auf Kain setzte: Bekanntlich wurde er von seinem Sohn bitter desillusioniert; Isaak: Er hängte sich in kolossaler Fehleinschätzung an Esau; König Saul: Ohne Rücksicht auf Verluste wollte er seinem Sohn Jonathan das Reich zuschanzen, und er vermochte in seinem Wahn nicht zu begreifen, dass Gott andere Pläne hatte; David: Er beabsichtigte zweifellos das Allerbeste für sein Reich, aber dem machten gerade seine Verwandten, Joab und Absalom, einen Strich durch seine Rechnungen.
Kurzum: Die Geschichte unter der Sonne, das heißt: das menschliche Mühen und Abplagen ist genau das Feld, in dem Gott seinen Spott mit unseren hochmütigen Plänen und selbstherrlichen Berechnungen treibt und uns vor Augen führt, von welcher Eitelkeit/Nichtigkeit wir tagein, tagaus besessen sind. Insofern ist unser eigenes Leben und die Geschichte um uns herum eine Bestätigung des Buches Prediger.
Aber der Bereich unter der Sonne ist eben nicht alles. Dem Bereich unter der Sonne steht der Bereich über der Sonne gegenüber.23 Das ist das Reich Gottes, das ist das Werk Gottes. Wenn das Werk Gottes dem Menschen offenbar wird, hat das Folgen. Dann beginnt er zu verstehen, dass er dem scheinbar blinden, grausamen Kräftespiel der Geschichtsmächte nicht schutzlos ausgeliefert ist. Dann begreift er im Glauben, dass die Geschichte keine eigenständige Größe ist. Gleichgültig, wie selbstgefällig, übermächtig und anmaßend auch immer sie sich ihm präsentiert, sie steht in Abhängigkeit von Gott.
Um dies zu verdeutlichen, greift Luther auf ein Wort aus der Bergpredigt zurück: Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute (Mt. 5,45). Im Licht des Predigerbuches heißt das für Luther, dass Gott seine Sonne über dem Reich der Eitelkeit/Nichtigkeit scheinen lässt.
Das ist der Grund, warum der Gottesfürchtige in dieser Welt getrost sein darf: „Salomo will, dass wir inmitten der Menschen tätig bleiben und sie erkennen lernen und von unserem Tun uns nicht abschrecken lassen sollen durch ihre Undankbarkeit, sondern treu unserem himmlischen Vater nachfolgen, der täglich seine Sonne aufgehen lässt über die Guten und die Bösen.“24

Mit anderen Worten, für Luther fungiert die Sonne als eine Art Schranke zwischen einerseits den nichtigen Plänen und Werken des Menschen und andererseits dem Werk Gottes. Sie ist aber gleichzeitig auch eine Art Kanal, durch den Gott in Beziehung zu dieser Welt tritt. Denn diese Welt ist und bleibt auch Gottes Schöpfung, egal was auch immer der Mensch darin anrichtet.
Zu Prediger 1,3 (Was bleibet dem Menschen von all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?) kommentiert er: „Es sind zwar die Kreaturen der Eitelkeit unterworfen, wie Paulus bezeugt (Röm. 8,20), aber dennoch sind sie gute Dinge. Sonst würde er gesagt haben, dass die Sonne eitel sei. Aber er nimmt die Sonne aus, weil er sagt: unter der Sonne. Er spricht also nicht von den Werken Gottes, die gut, wahr und über der Sonne sind, sondern von den Werken, die unter der Sonne sind, wie wir in diesem leiblichen Leben auf Erden tun.“
In der Auslegung zu den darauffolgenden Versen (Pred. 1,4-7) führt der Reformator aus, dass Salomo hier nicht von den Werken unter der Sonne spricht, also über die eitlen, nichtigen Geschäftigkeiten des Menschen, sondern von dem, was Gott geschaffen hat und trotz aller menschlichen Eitelkeiten erhält: Die von Salomo in diesem Abschnitt angesprochenen Größen, „Geschlechter der Menschen“, „Sonne“, „Erde“, „Luft“, „Wasser“, bezeichnen die Ordnungen, in die Gott den Menschen hineingestellt hat, um in ihnen zu leben und zu weben.
Diese Elemente sind nicht etwas Statisches, Unbewegliches. Vielmehr vollziehen sich in ihnen pausenlos Wandlungen: Abgesehen von den aufeinander folgenden Geschlechtern ist es die Sonne, die auf- und untergeht (Pred. 1,5); es ist die Luft (Winde), die sich hin und her bewegt (Pred. 1,6); die Flüsse fließen unaufhörlich ins Meer (Pred. 1,7).
Aber diese Grundelemente (über die auch „die Philosophen“ sprachen) sind in allen ihren Wechselhaftigkeiten beständig, so dass sie dem Menschen ein berechenbares, festes Umfeld gewähren, in dem er leben und wirken kann.
Dabei fungiert die Sonne (das Feuerelement) als die Verursacherin der Bewegungen, der Luftströmungen sowie der Wasserkreisläufe.25 Es ist die Sonne, die bewirkt, dass die Atmosphäre, die Luft, ununterbrochen in Bewegung bleibt. Es ist die Sonne, die dafür sorgt, dass die Flüsse, die ins Meer strömen, das Meer nicht zum Überlaufen bringen, sondern dass das Wasser zurückkehrt auf die Berggipfel, um erneut das Land zu bewässern.26 Dass die Tage und Nächte einander abwechseln, die Jahreszeiten aufeinander folgen, sodass die Pflanzen und Bäume wachsen, blühen und schließlich Früchte tragen und die Zeiten von Pflügen, Säen und Ernten nacheinander ablaufen, das ist Gottes Werk, das er maßgeblich durch die Sonne bewirkt: „Wenn die Sonne nicht täglich aufginge, würden wir keinen Tag mehr arbeiten können, sondern es müssten alle Tiere und alle Bäume und alle Kräuter vor Kälte sterben. Darum ist es nur die Sonne, die dafür sorgt, dass die Welt voller Reichtümer ist, ohne dass wir dafür zu bezahlen brauchten. Sowohl Tiere als Menschen können ihre Nahrung suchen, außerdem Hitze und Wärme, wodurch sie am Leben bleiben, wachsen, sich vermehren und nicht umkommen. Kurzum: Es ist einfach nicht aufzuzählen, wie viele Wohltaten Gott uns jede Stunde und jeden Augenblick durch das Mittel der Sonne gibt.“
Von daher ist die Sonne vergleichbar mit dem Regenbogen, den Gott ebenfalls als ein Zeichen seiner Wohltaten und Treue gegeben hat. Der Schöpfer offenbart sich durch die Sonne als der unaufhörlich Wirkende, als der, der niemals müde oder erschöpft ist: „Gott stellt uns überall in der Welt solch ein Beispiel vor Augen, um uns damit zu ermahnen, und uns zuzurufen: Weißt du nicht, wer ich bin und welche Wohltaten ich dir erweise? Schau dann hin zur Sonne, auf den Mond und den Regen und frage sie! Du sollst dann die unzählbaren Wohltaten sehen, die ich nicht nur meinen Christen beweise, sondern die ich auch schenke den Bösen, die von keiner Dankbarkeit wissen wollen […].“
Zwar ist die Welt jetzt nicht mehr so, wie sie vor dem Sündenfall war, als der Mensch in der freien Luft und unter einem offenen Himmel leben konnte. Jetzt benötigt er Kleidung und Bedeckung und noch viel mehr. Aber wichtig ist Luther, dass die Wohltaten, die Gott durch die Sonne bewirkt, nicht nur für die Christen gelten, sondern auch für die Gottlosen. Gott erhält die Erde bewohnbar für jeden Menschen.
Der Unterschied zwischen den Gottesfürchtigen und den Gottlosen besteht jedoch darin, dass die Gottlosen die Güte Gottes nicht erkennen. Zu Prediger 6,3ff erklärt Luther: „Ein Geiziger sieht das Licht nicht an, er betrachtet nicht die Sonne. Das heißt. Er bedenkt nicht, wie gut das Licht ist. Er sieht auch nicht irgendeine Kreatur, sodass er sie genießen und recht gebrauchen kann. Denn bei ihm geht alle Betrachtung der Wohltaten und der Kreaturen Gottes vor seinen Begierden zu Grunde. Er ist nicht in der Lage zu erkennen, eine wie herrliche Gabe Gottes die täglich aufgehende Sonne ist. Der Geizige denkt an nichts, bewundert nichts, trachtet nach nichts als nach Geld. Der Ruhmsüchtige sucht nichts anderes als seine Ehre. Auch ein Hurer sieht seine Frau nicht an, sondern seine Augen wandern stets zu einer Fremden. Das heißt, diese Leute genießen die sie umgebende Schöpfung nicht. So bereiten sich die Gottlosen den Anfang der Hölle in diesem Leben, weil sie sich des Gebrauchens aller Kreaturen und Gaben Gottes berauben, so dass sie nicht die Sonne sehen noch kennen […]. Das heißt, sie freuen sich nicht, der Gaben Gottes. Immer sehen sie auf etwas anderes.“
Wenn jemand die Sonne nicht als Schleuse für die Schöpfungsgaben Gottes sieht, sondern achtlos und gleichgültig unter der Sonne dahinlebt, ohne Dankbarkeit, geschweige denn, dass er sich seinem Schöpfer gegenüber verantwortlich und verpflichtet weiß, beraubt er in seiner Eitelkeit/Nichtigkeit Gott seiner Schöpfungsgaben. Gemäß Prediger 6,3-5 wäre es für so jemanden besser, nie gelebt zu haben.
Diese Eitelkeit/Nichtigkeit ist im Herzen des Menschen. Aber das heißt nicht, dass sie nur eine innerliche, subjektive Angelegenheit wäre. Vielmehr wirkt sie sich in dieser Welt aus. Leute, die davon erfasst sind, offenbaren sich als „Einzelgänger“.27 Das heißt, sie haben keinen Blick für ihren Nächsten. Sie sind gemeinschaftsunfähig.

Trost unter der Sonne im Blick auf die Welt über der Sonne

Auch der Gottesfürchtige führt sein Leben im Reich der menschlichen Eitelkeit und Nichtigkeit, also unter der Sonne. So wird auch er immer wieder an Grenzen stoßen, gerade angesichts der seit dem Sündenfall in der Welt tobenden Mächte, von denen Paulus einmal folgende aufzählt: Tod, Leben, Engel, Fürstentümer, Gewalten, Gegenwärtiges, Zukünftiges Hohes, Tiefes (Röm. 8,38.39).
Aber weil der Gottesfürchtige nicht auf diese Geschichtsmächte wie ein Kaninchen auf die Schlange starrt, sondern seinen Blick auf und über die Sonne hin zu Gott erhebt, weiß er: Die bösen, gottfeindlichen Kräfte, die nach dem Sündenfall in diese Welt eingedrungen sind und hier ihr Unwesen treiben, sodass sie auch ihn scheinbar zu zermalmen drohen, werden letztlich nicht die Übermacht haben. Er weiß, dass diese Schöpfung dem allmächtigen Gott nicht entgleitet. Weil Gott dem Werk seiner Hände treu bleibt, wird sie nicht als Beute des Bösen ins Chaos zurücksinken. Deswegen bleibt der Gottesfürchtige vor Entmutigung, Resignation, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bewahrt.
Genau das ist der Kern der Botschaft des Buches Prediger. Das Buch Prediger ruft nicht zu einer eindimensionalen Weltbezogenheit auf im Sinn von: Genieße das Leben unter der Sonne, denn morgen bist du ohnehin tot. Das Buch Prediger ruft auch nicht auf zu einer fatalistischen Lebenseinstellung, weil die Mächte dieser Welt sowieso jeden Menschen auf die Dauer zertrümmern werden. Das Buch Prediger ruft schon gar nicht auf zu einer Weltflüchtigkeit in eine selbstfabrizierte Askese. Vielmehr proklamiert es die trostreiche Freudenbotschaft: Du darfst wissen, dass in all deinem irdischen Elend, Jammer und Kummer Gott regiert und er das letzte Wort haben wird.
Die Unterscheidung Luthers zwischen einerseits dem Reich unter der Sonne, also dem Reich der menschlichen Eitelkeit mit all dem hochfahrenden, großtuerischen Planen und Machen des Menschen, und andererseits dem Reich über der Sonne, in dem Gott wirkt und diese Welt in seinen Ordnungen erhält, ist ein gewaltiges Heilmittel für unsere Seele. Sie schützt uns vor Verzagtheit, Mutlosigkeit und Verzweiflung.
Damit wir nicht auf unser eigenes permanentes Scheitern blicken, sondern im Glauben auf Gott und auf sein Werk, ist, so Luther, gerade ein Leben in dieser Welt mit seinen tagtäglichen Enttäuschungen, Widerständen, Zerreißproben und Niederlagen wesentlich hilfreicher als ein Leben hinter Klostermauern. Mehr noch: Der Einsiedler, der Klosterling entzieht sich dem Leben, zu dem Gott den Menschen berufen hat, nämlich sein Kreuz innerhalb dieser Welt und deren Ordnungen zu tragen.
Zu Prediger 5,11 (Der Schlaf des Arbeiters ist süß.) kommentiert Luther: „Wenn Salomo sagt, der Schlaf des Arbeiters ist süß, dann befiehlt er doch, dass der Mensch arbeiten soll. Er verbietet auch nicht, dass man sich durch Arbeit Reichtum erwirbt. Aber er fordert auf zu maßvoller Arbeit, sodass der Körper geübt wird, aber nicht verdorben wird. Die Arbeit fordert er, aber die Begierde und die Sorge verwirft er, weil doch jedenfalls nur der Segen des Herrn reich macht (Spr. 10,22). […] So sind Abraham, Isaak, Jakob, David und Salomo reich geworden durch Gottes Gabe und Segen. Ihre Reichtümer haben sie jedoch so gebraucht, dass sie auch anderen damit geholfen haben. Deshalb soll man die Reichtümer nicht wegwerfen, die obrigkeitlichen Ämter nicht abschaffen, wie Epikur gelehrt hat, die Ehefrau nicht verstoßen und die bei uns Angestellten nicht von uns wegjagen, sondern wir sollen arbeiten und leiden. Wir sollen mitten unter Leuten und Gütern sein, die weltlichen Angelegenheiten nicht von uns werfen, sondern leiden, was Gott uns auferlegt. Wo Gott dich hingesetzt hat, da sollst du bleiben. Allerdings sollst du die Dinge nicht durch deinen eigenen Rat regieren wollen. Alles, was dir dann nicht böse hinausgeht, das halte für Gewinn. Denn in diesem Leben verhält es sich so, dass wir täglich Böses erwarten müssen, das Gute aber außer unserer Erwartung da ist und kommt. Wenn es aber kommt, sollen wir Gott dafür danksagen.“
Bei dem, der diese Wahrheit erfassen darf, findet, so Luther, eine „Veränderung“, ein „Durchbruch“, eine „Umsetzung“28 statt. Ein solcher Mensch wird von seinem anmaßenden Hochmut, seiner Eitelkeit und Nichtigkeit bekehrt, sodass er sich zu seinem Schöpfer und Herrn hinwendet und zu ihm heimkehrt, indem er auf Gottes Wort hört und durch das Wort in die neue Richtung hin zu dem Werk Gottes gewiesen wird: „Gott ist eine sehr große Majestät im Himmel, du dagegen bist hier ein Wurm auf Erden. Darum kannst du auch nicht über die Werke Gottes sprechen nach deiner eigenen Einsicht. Lass lieber Gott selbst sprechen. Diskutiere nicht über Gottes Ratspläne, maß dir nicht an, die Dinge richten zu können nach deinen Gedanken. Gott allein ist es, der die Dinge führen kann nach seinem Willen, denn er ist im Himmel […]. Ihr dürft Gott keine Regeln stellen… Höre nur, schweige und tu, was Gott befiehlt und was er dir als Arbeit in die Hände gibt. So nicht, dann wirst du sicher dich an ihm ärgern und ein Träumer und ein Tor werden.“29
Diese Umkehr, die allein Gott im Herzen des Menschen schafft, bewirkt, dass das Reich über der Sonne sich einen Brückenkopf hinein in die irdische Wirklichkeit bahnt. Dann erklingt hier, also in dem Bereich, der unter der Sonne existiert, der bekennende Jubel: „Gott ist unser König. Er hat uns nicht allein gemacht, sondern regiert uns auch beständig, dass für uns alles nach seinem Willen ausschlage. Er allein reicht vom Anfang bis zum Ende und sein Rat und Wille kann von niemand gehindert werden.“30 Das ist die Art und Weise, in der in dieser Schöpfung das Reich der Eitelkeit/Nichtigkeit zurückgedrängt wird.
Für das Leben im Alltag heißt das: „Verlasse nicht die Schlachtordnung!“ 31 Also: Desertiere nicht aus dieser Welt! Weiche nicht zurück, sondern halte in dieser Welt stand!
Was das konkret heißt, und zwar sowohl für den in der Öffentlichkeit Verantwortung Tragenden als auch für den, der in seiner Ehe und Familie und nicht zuletzt bei der Erziehung seiner Kinder sich abmüht, wollen wir uns in der nächsten Ausgabe der Bekennenden Kirche aus Luthers Predigerauslegung zeigen lassen.


1) Auf den Nürnberger Reichstagen von 1523/1524 erreichten die Reichsstände unter zähesten Verhandlungen, dass zumindest das Verbot zur Reformation nicht ausdrücklich wiederholt wurde. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie statthaft war. Vermittler schlugen vor, eine „gemeine Versammlung teutscher Nation“ auf den St. Martinstag (11. November) 1524 nach Speyer einzuberufen und dort über die neue Lehre zu entscheiden und die Beschwerden gegen die römische Kirche zu verhandeln. Die Kirchenfrage sollte erst im Anschluss daran auf einem allgemeinen Konzil geklärt werden.
Aber selbst diesen auf Schlichtung ausgerichteten Vorschlag lehnte der päpstliche Legat Campeggi sowie das Kardinalskollegium der Kurie kompromisslos ab. Als Kaiser Karl V. die geplante Speyrer Versammlung untersagte, und die Beachtung des Wormser Edikts einschärfte (15. Juli 1524), nahmen Papst und Kurie diesen Entscheid mit größter Zufriedenheit auf.

2) Luther, Martin, WAB [Weimarer Ausgabe, Briefe] 3,416,56-79.
3) WAB 4,78,14ff (15. Mai 1526). Siehe dazu die Instruktion Georgs für eine Gesandtschaft an den Kurfürsten, WAB 4,79, Anm. 1.
4) Es war der von Luther sehr geschätzte Kriegsoberste Assa von Kram, der bereits mehreren Kriegsherren gedient hatte, und an ihn diese Frage richtete. Siehe zu Kram: WAB 4,144.
5) WA 19,623-662.
6) WA 19,629,15ff.
7 WA 19,626,15ff.12ff.
8) WA 1,535,29ff.
9) Luther, Martin, Vom Kriege wider die Türken. WA 30/II,107-148. Siehe dazu ausführlich: E. Vogelsang, Luthers Stellung zum Kreuz- und Türkenkrieg. Gießen [Theologische Dissertation] 1940.
10) WA 30/II,129,17ff; 130,27f. 131,8f.
11) Luthers Auslegung des Adressdigerbuches ist zu finden in WA 20,7-203. Eine deutsche Übersetzung findet man in: D. Martin Luthers Sämtliche Schriften. J.G. Walch [Hrsg.] Groß Oesingen [Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms] 1987, Bd. 5, Spalten 1372 -1579. Die Vorrede zur Adressdigerauslegung ist zu finden in WA EB 10,2,106,24.25.
12) Am 28. August schreibt Luther an Link, WAB 4;110,12ff.: Ego Ecclesiasten lego mire invitum et impatientem lectionis. Am 14. Oktober schrieb der Reformator an Hausmann: „Der Adressdiger Salomo macht mir viel Mühe, als wolle er nicht über sich lesen lassen, aber er muss.“ (WAB 4,122,6ff).
13) „Er redet nicht nach der Weise des Volkes, sondern des Fürstenhofes (aulice). Davids Rede ist einfacher und entbehrt doch nicht der geläufigen Bilder. Salomo hat die höfische Weise zu reden eingeführt…“ So im Kommentar zu Adressdiger 1,2.
14) Siehe dazu ausführlich noch immer: F. Küchenmeister, Dr. Martin Luther’s Krankengeschichte. Leipzig 1881. Siehe auch das Urteil von P.J. Reiter, Martin Luthers Umwelt, Charakter und Psychose sowie die Bedeutung dieser Faktoren für seine Entwicklung und Lehre. Bd. 2: Luthers Persönlichkeit, Seelenleben und Krankheiten. Kopenhagen 1941, S. 18 und 79.
15) Vergleiche dazu die Kritik im Augsburger Bekenntnis (CA) Artikel 27.
16) Kommentar zu Adressdiger 1,2.
17) Im Kommentar zu Adressdiger erinnert Luther immer wieder an diese Leute, sodass es überflüssig ist, die Stellen hier aufzuzählen. Siehe aber dazu auch zum Beispiel: WA 29,2,46,4ff; 50,12ff.18; 51,19.
18) Kommentar zu Adressdiger 3,16.17. Siehe ferner dazu: WA 67,10ff;23ff; 40,14ff.35ff.
19) Kommentar zu Adressdiger 1,13.
20) Siehe Adressd. 1,3.9.14; 2,11.17.18.19.20.22; 3,16; 4,1.3.7.15; 5,12.17; 6,1.12; 8,9.15.17; 9,3.6.9.11.13; 10,5.
21) negocium sub sole
22) regnum vanitatis
23) regnum supra solem. Luther spricht auch von „jenseits der Sonne“ (regnum ultra solem)
und sogar von „außerhalb des Sonnenbereiches“ (regnum extra solem).

24) So im Kommentar zu Adressdiger 9,2.3.
25) So im Kommentar zu Adressdiger 1,7.
26) So im Kommentar zu Adressdiger 1,7
27) solitarii.
28) transitus.
29) Kommentar zu Adressdiger 2,12.
30) Kommentar zu Adressdiger 2,12. Den Begriff „König“ bezieht Luther auf Gott.
31) Kommentar zu Adressdiger 7,1.
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