In Zeiten höchster Eitelkeiten: Die Aktualität von Luthers Auslegung des Buches Prediger (Teil 1)

In dieser hiermit anfangenden Artikelserie wollen wir uns mit einigen Einsichten vertraut machen, die sich für Martin Luther aus dem Studium des Buches Prediger Salomo ergaben.

Der Reformator begann seine Vorlesungen über dieses Buch Salomos am 30. Juni 1526. Nirgends hat Luther ausdrücklich mitgeteilt, was ihn dazu veranlasste, in diesem Sommer ausgerechnet zu diesem Buch aus der Heiligen Schrift zu greifen. Er war bereits seit über einem Jahrzehnt Professor an der Universität von Wittenberg. Sein Lehrauftrag bestand in der Auslegung der Bibel. Als er im Jahr 1512 zum Doctor der Heiligen Schrift promoviert wurde, hatte er unter Eid zugesagt, die Heilige Schrift zu erklären. Dieser Auftrag war ihm so wichtig, dass er davon niemals abrücken wollte. Aber welches biblische Buch er jeweils auslegte, war ihm selbst überlassen.

Auch wenn wir die Gründe nicht erfahren, warum er das Buch Prediger auslegte, war es ganz offensichtlich eine Formulierung aus diesem Buch, die ihn massiv anzog: Nichtigkeit der Nichtigkeiten. Man kann diesen Ausdruck auch übersetzen mit: Eitelkeit der Eitelkeiten. So beginnt der König Salomo seinen Prediger (Pred. 1,2), und bekanntlich zieht sich diese Aussage durch die gesamte Schrift hindurch.

Luther war in diesen Monaten gedanklich mit verschiedenen Ereignissen befasst: Zum einen waren es die aufständischen Bauern. Die gewaltsame Erhebung war inzwischen niedergeschlagen. Die Bilanz war ein unvorstellbar hoher Blutzoll. Angetrieben war dieser Aufstand aus Befreiungsideen. Die Wortführer des Bauernaufstandes hatten sich unter anderem auf Luther berufen. Luther betonte von Anfang an: Er werde hier zu Unrecht als Kronzeuge gebraucht. Die Freiheit, die er meinte, zum Beispiel in seiner Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen, sei eine völlig andere.

Außerdem wühlten ihn die Pläne und Aktionen der Landesfürsten auf. In diesen Monaten drängten die evangelischen Herren massiv zu einem militärischen Gegenbündnis gegen die beiden von den römisch-katholischen Regenten geschlossenen Pakte. Die evangelischen Fürsten argumentierten, dass sie durch ihre politische Vereinigung die Reformation vorantreiben wollten, zumindest aber, dass sie das bis dahin Erreichte zu schützen und zu bewahren beabsichtigten. Sie argumentierten also nicht viel anders als heutige Politiker, die Parolen in das Volk tragen wie „Yes, we can“ oder: „Wir schaffen das!“ So waren auch diese Herrscher von Machbarkeitsfiktionen bestimmt. Die Freiheitsideen der Renaissance hatten offensichtlich auch sie erfasst.

Wohlweislich zogen sie zu ihren Beratungen Luther nicht hinzu. Dann konnte er sie in ihren Überlegungen auch nicht stören. Aber Ausgrenzung hin oder her: Luther wusste natürlich, was hinter den für ihn verschlossenen Türen ablief.

Nicht zuletzt war Luther noch immer in seinen Gedanken bei der Auseinandersetzung mit Erasmus.

Als Luther immer wieder im Buch Prediger auf die Formulierung Eitelkeit der Eitelkeiten stieß, stand ihm diese wenige Monate zurückliegende, unerbittlich hart geführte Konfrontation vor Augen. Worum war es bei dieser Auseinandersetzung gegangen?

1. Höchste Eitelkeit bei Erasmus

Über den versklavten [unfreien] Willen [De servo arbitrio] so lautet die ein halbes Jahr zuvor verfasste Schrift gegen Erasmus. Nach eigener Einschätzung war dieses Werk dasjenige, das am eindeutigsten seine reformatorische Erkenntnis zum Ausdruck brachte.

Diese Schrift war eine Antwort auf ein Buch, das Erasmus im Jahr 1524 veröffentlicht hatte. Der Titel dieses Büchleins lautete: Abhandlung über den freien Willen [Diatribe de libero arbitrio]. Obwohl Erasmus darin nirgends den Namen Luther erwähnte, war jedem Leser klar, dass diese Veröffentlichung gegen den Reformator gerichtet war. Erasmus vertrat darin die These: Wenn Gott dem Menschen Gebote gibt, dann vermag der Mensch diese auch zu befolgen. Alles andere wäre unvernünftig.

Luthers Reaktion auf diese Ansicht ließ zwar fast ein Jahr auf sich warten, aber als sie dann kam, erfolgte sie in der denkbar größtmöglichen Schärfe. Einleitend sprach Luther seinem Kontrahenten seinen Dank dafür aus, dass endlich einmal jemand nicht irgendwelche zweitrangigen Fragen thematisiere, wie Ablass oder Heiligenverehrung, sondern auf das zu sprechen komme, um das es im Kern geht: Was ist der Mensch vor Gott?

Luthers Antwort lässt sich kurz folgendermaßen zusammenfassen: Gott allein hat einen freien Willen. Nur er ist frei und souverän. Wollte man dem Menschen einen freien Willen gegenüber Gott zuerkennen, dann würde man ihn zum Partner Gottes machen, ihn gewissermaßen auf gleiche Augenhöhe mit Gott stellen. Dann wäre der Mensch gegenüber Gott nicht nur eigenständig und autonom, sondern er wäre faktisch selbst ein Gott, sozusagen ein zweiter Gott. Genau das aber, so Luther, ist nicht nur ein grenzenloses Hirngespinst, es ist nicht nur Ausdruck eines unbeschreiblich aberwitzigen Hochmuts, sondern es ist das Kennzeichen der Ursünde Adams: Adam, er wollte Gott gleich sein. Genau das, so Luther, ist die Eitelkeit der Eitelkeiten.

Bereits in seinen im Jahr 1524 verfassten Vorreden zu den biblischen Büchern hatte Luther zum Buch Prediger angemerkt: „Dies Buch sollte billig den Titel haben, dass es wider den freien Willen geschrieben wäre, denn alles darin bezeugt, dass aller Menschen Rat, Anschläge und Vornehmen umsonst und vergeblich sind und immer anders hinausgehen, als wir es wollen und denken. Auf diese Weise lehrt Gott uns, gelassen zu stehen und allein Gott alle Ding, über unser, wider unser und ohne unser Wissen und unseren Rat, tun zu lassen.“1

Diese Einsicht bestimmte Luther auch zwei Jahre später, als er zum Buch Prediger griff, um es seinen Studenten auszulegen. Gerade in diesem Buch, so Luther, wird dem Menschen jede Kraft, jede Fähigkeit genommen. Aber vor allem kann der Mensch hier von dem eitlen Wahn befreit werden, sich einzubilden einen freien Willen zu haben, so als könne er sich selbst gewissermaßen als lebende Ranke in den Weinstock Christus einpflanzen oder selbst die Entscheidung treffen, Frucht zu bringen.

In dem Ausdruck Eitelkeit der Eitelkeiten sah Luther also die Deutung des Christentums zusammengefasst, wie es Erasmus verstanden wissen wollte.

In Wahrheit ging es also bei diesem unerbittlich hart geführten Streit zwischen Luther und Erasmus um zwei unterschiedliche, völlig entgegengesetzte Verstehensweisen des Evangeliums. Fragen wir: Worin besteht diese Verschiedenartigkeit?

Unterschiedliches Verstehen der Heiligen Schrift

Für den Humanisten Erasmus war die Bibel im Wesentlichen ein dunkles Buch. Sie war unklar, undeutlich. Diese Überzeugung entsprach im Kern der mittelalterlichen Theologie. Sie begegnet uns bei Thomas von Aquin. Aber noch massiver bei Wilhelm von Occam, einem Theologen des Spätmittelalters. Er galt als einer der Vorreiter der seinerzeit als „modern“ verstandenen theologischen Richtung, die man Nominalismus nannte.

Auch Erasmus war von dieser prinzipiellen Unklarheit der Bibel überzeugt. Aus diesem Grund wollte er beim Studium der Heiligen Schrift genauso wenig auf die päpstliche Lehrautorität verzichten und auf die Konzilsbeschlüsse sowie auf die Aussagen der Kirchenväter und der mittelalterlichen Theologen. Ihm war die Zusammenstellungen der Textauslegungen durch Päpste, Kirchenväter und autoritative Theologen – man nannte sie Glossen [glossa ordinaria] – unentbehrliches Hilfsmittel. Die Bibel ohne diese Quellen auszulegen, wäre dem Gelehrten niemals in den Sinn gekommen.

Luther hatte genau das getan. Spätestens seit seiner zweiten Psalmenauslegung (1518-1521) hatte er die mittelalterlichen Glossen zur Seite gelegt. Dies tat er nicht aus überheblicher Arroganz, sondern zu diesem Schritt wurde er durch die feste Überzeugung geführt, dass die Bibel eben nicht eine dunkle Angelegenheit ist, sondern Licht.

Es fällt auf, dass der Reformator gerade in seiner Antwort an Erasmus, Vom versklavten [unfreien] Willen, immer wieder auf Bilder zurückgreift, die aus der Wirkung des Lichtes entlehnt sind. Er betont nicht nur die „Klarheit der Schrift“, sondern er spricht staunend von dem „außerordentlich großen Geheimnis, das mit und in der Heiligen Schrift ans Licht gekommen ist“. Dieser Lichtcharakter des Wortes Gottes ergab sich für Luther daraus, dass die Heilige Schrift Offenbarung Gottes an den in Finsternis gehüllten Sünder ist.

Zwar war auch Erasmus der Überzeugung, dass die Bibel von Gott kommt, aber er blieb beim Studium der Bibel Historiker, gewissermaßen Archivar. Es ging ihm um das Sammeln und um das Ordnen historischer Dokumente und Quellen (otiosa notitia historiae). Das Evangelium hatte für ihn den Charakter einer frommen Philosophie (philosophia Christi). Sie erschien dem Humanisten als eine vergleichsweise unkomplizierte Lehre und Moral.

Sein Verhältnis zur Bibel bezeichnete Erasmus selbst als das eines Dichters (poeta). An anderer Stelle nannte er sich Sprachgelehrter (grammaticus). Das heißt: Erasmus sah die höchste Erfüllung beim Verstehen der Bibel darin, einen biblisch-historischen Kommentar zu verfassen. Wenn es ihm gelungen war, ein Bibelbuch vom Staub der Jahrhunderte zu befreien, dann war er mit sich und der Welt voll zufrieden.

Für Luther ging es beim Verstehen der Bibel um grundlegend Anderes. Er selbst beschreibt einmal seine Arbeitsweise folgendermaßen: „Ich dürstete und schmachtete danach zu wissen, was hinter den Textworten steht, Tag und Nacht rang ich darum…“.

Das Wort Gottes in dieser Weise verstehen zu wollen war entstanden aus einer abgrundtiefen Angst. Zunächst hatte ihn gerade seine Beschäftigung mit der Bibel in diese Angst gestürzt, in Höllenangst. Als „vereidigter Lehrer der Heiligen Schrift“ war er zum Studieren der Bibel verpflichtet. Das wurde ihm zunächst zu einer qualvollen Not. Las er da nicht von der unerbittlichen Gerechtigkeit Gottes?

Als er dann begriff, was unter der Gerechtigkeit Gottes zu verstehen ist, nämlich die ihm aus Gnaden in Christus zugeeignete Gerechtsprechung Gottes, sodass er wegen dieser ihm geschenkten Gerechtigkeit vor Gott voll bestehen kann, da war ihm genau diese Erkenntnis höchste Freude und Glückseligkeit.

Als er aus der Perspektive des verlorenen Sohnes, sozusagen senkrecht von unten, die Gnade Gottes in Christus im Glauben erfasste, konnte er nur noch eines rühmen: das souveräne Erbarmen Gottes, das ihn gefunden hatte, angesichts dessen alles andere, auch seine besten Werke, nichts anderes sind, als Eitelkeit der Eitelkeiten.

Um nicht missverstanden zu werden: Luther bemühte sich beim Verstehen dessen, was geschrieben steht, selbstverständlich auch um die grammatikalischen und sprachlichen Aspekte. Die Grundsprachen waren ihm überaus wichtig. Mehr noch: Er schätzte die archivarische Arbeit des Erasmus, und für seine Bibelübersetzung griff er sehr gerne auf den mit viel Mühe von Erasmus erarbeiteten griechischen Text des Neuen Testaments zurück, um dort eine brauchbare Grundlage für die Übersetzung der Bibel zu haben. Auch war es keineswegs so, dass Luther historische Forschungen, also Untersuchungen darüber, was in der Vergangenheit stattfand, gering schätzte oder gar verachtete. Aber für Luther war das alles nicht der Kern des Verstehens der Heiligen Schrift.

Geschichtserforschung – was ist das?

Beginnen wir einmal bei dem Letzteren, dem Erforschen der Geschichte. Bereits in diesem Punkt besteht zwischen den Humanisten und dem Reformator ein einschneidender Unterschied.

Die Humanisten bemühten sich beim Studium der Historie um eine möglichst exakte Beschreibung der jeweilig zurückliegenden Epoche. Soziologische Zusammenhänge sowie psychologische und soziale Abhängigkeiten standen im Vordergrund ihres Interesses.

Demgegenüber richtete Luther seine Aufmerksamkeit beim Studium der Geschichte nicht auf die jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen und Umweltkonstellationen. Vielmehr interessierte ihn an der Geschichte das, was zu allen Zeiten stets unveränderlich das Gleiche war und ist: Es ist der Mensch, den Gott einst sehr gut geschaffen hatte, und der dann seit dem Sündenfall im Aufruhr gegen den Heiligen lebt, der sich vor Gott auf der Flucht befindet, und zwar bis ihm durch den Geist Gottes der Weg zurück heimgeleuchtet wird. Für dieses in der Geschichte immer wieder gleich ablaufende Thema stellen die wechselnden gesellschaftlichen oder sonstigen Beziehungen lediglich die Kulisse dar.

Im Kern, so Luther, geht es in der Geschichte um eine einzige Frage: Wie gelangt der aus den Schöpfungsordnungen ausgebrochene Mensch zurück zu seiner Bestimmung, ins Vaterhaus, sodass Gott verherrlicht wird? Wie gelangt der Sünder zum Heil und damit Gott zu seiner Ehre? Weil nur das der Sinn der Geschichte ist, kann sie allein aus dieser Perspektive recht begriffen werden.

Weil die Heilige Schrift, so Luther, Offenbarung Gottes ist, durchschlägt sie alle unsteten und unbeständigen Beziehungen in der Zeit und stellt den Menschen vor Gott, seinen Richter und seinen Retter, und zwar gleichgültig in welcher geschichtlichen Situation er sich jeweils gerade befindet.

Luther bestritt also nicht, dass das Wort Gottes in Raum und Zeit eingegangen ist. Keineswegs klammerte er die Frage nach der Geschichtlichkeit der biblischen Berichte aus. Natürlich nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade gegenüber den im Mittelalter anzutreffenden allegorischen und symbolistischen Auslegungsweisen beharrte der Reformator entschieden auf der Historizität der Heiligen Schrift.

Ohne Frage war es ihm auch eine Selbstverständlichkeit, dass jede biblische Aussage in ihrem Zusammenhang auszulegen ist.

Ihm war auch völlig bewusst, dass das Wort Gottes nicht mit einem Mal vom Himmel gefallen ist, sondern im Lauf einer über tausendjährigen Geschichte, Schritt für Schritt in Raum und Zeit eingegangen ist. Aber weil die Heilige Schrift Offenbarung Gottes ist, nicht Offenbarungszeugnis, ist und bleibt sie Eigentum des Geistes Gottes. Dieser Geist Gottes vermittelt das Heil in Christus in Gericht und in Gnade (Joh. 16,7-15).

Durch diesen mit dem Wort untrennbar verbundenen Geist Gottes ist die Bibel Licht, das in die Finsternis des menschlichen Herzens leuchtet. Kraft des Geistes ist die Heilige Schrift wie ein Wasserfall in der Wüste, der den sonst hoffnungslos Verdurstenden mit neuem Leben erquickt. Gemäß ihrem Offenbarungscharakter ist sie auch nicht als ein heilsgeschichtliches Panorama zu betrachten. Vielmehr ist sie wie ein Vulkan, aus dem die Glut und das Feuer des Geistes Gottes hervorbrechen: Brannte nicht unser Herz in uns […] als er uns die Schriften öffnete? (Luk. 24,32).

Wenn das geschieht, dann wird scheinbar Altbekanntes neu. Es bekommt eine frische Aussagekraft, sodass uns die Schrift vorkommt, als hörten wir sie zum ersten Mal: Einmal hat Gott geredet, zweimal habe ich dieses gehört, dass die Macht Gottes ist (Ps. 62,12).

Als Luther am Ende seines Lebens über sein Lesen und sein Studieren des Wortes Gottes Rechenschaft ablegte, erinnerte er sich an ein seinerzeit bereits Jahrzehnte zurückliegendes Ereignis: „Es war mir damals, als ob ich neu geboren wurde und durch offene Pforten in das Paradies hineingehe. Die gesamte Schrift bekam für mich ein anderes Ansehen.“ Indem die alte Bibel dem Reformator zu einer übermächtig starken Gegenwart geworden war, wurde sie ihm ganz neu. Sie wurde ihm genau das, was sie ist: Heilsoffenbarung des souveränen, dreieinen Gottes.

Von daher wird man Luthers Wiederentdeckung der Heiligen Schrift nicht gerecht, wenn man versucht, sie in Aussagen zu fassen wie: Luther habe eine „kreative Begabung“ gehabt und sich in einen historischen Text gut „hineinfühlen“ können, sodass er ihn für die eigene Zeit und Sprache gut zu kontextualisieren vermochte (Schleiermacher, Dilthey). Auch die Bemerkung, Luther sei ein „Sprachwunder“, weil es ihm gelungen sei, dass das Wort Gottes in seiner eigenen Zeit wieder zur Sprache kam (Ebeling), ist verfehlt.

Vielmehr verhielt es sich so, dass Luther in einer Zeit, in der die Heilige Schrift nur noch als eine dunkle, mühselig zu verstehende Angelegenheit wahrgenommen wurde, sie als das lebendige Reden Gottes erfassen durfte.

Luther eilte zur Bibel wie ein geistlich Verschmachtender, wie ein Verdurstender, der wie an einer erfrischenden Wasserquelle aus ihr neues Leben trank. Indem ihm das, was vor lang zurückliegenden Zeiten aufgeschrieben worden war, zum Heil wurde, wurde ihm die Bibel das, was sie ist: Heilsmittel. Denn in diesem Wort spricht niemand anders als Gott selbst, der Gott, der in seiner Heiligkeit den Sünder verdammt und ihn in seiner souveränen, majestätischen Gnade gerecht spricht, indem er ihm die Rettung in seinem Sohn Jesus Christus offenbart, sodass er sie im Glauben erfassen darf.

Passah

Wenn Luther diesen Verstehensprozess der Heiligen Schrift umschreibt, verwendet er seit seiner zweiten Psalmenauslegung, die er im Jahr 1518 begann, den Begriff transitus.

Wir alle kennen dieses Wort aus dem Fremdwort „Transit“. Häufig steht es im Zusammenhang mit Lastkraftwagen, die mit ihrer Fracht ganze Länder durchqueren. Wenn man dieses Wort übersetzen will, heißt es „Durchgang“ oder „Übergang“.

Aber diese Übersetzung kann im Blick auf Luther zu einem Missverständnis führen, so als habe er mit der Verwendung dieses Begriffs gemeint, man müsse beim Verstehen der Bibel eine Brücke schlagen zwischen einem vor langer Zeit verfassten Text und der Gegenwart. Wenn man heute von Kontextualisierung spricht, will man damit sagen, man habe die vor langer Zeit berichteten historischen, psychologischen, soziologischen Konstellationen in die eigene Lebenslage hinein zu aktualisieren. Darum ging es Luther im Kern nicht.

Bei der Verwendung des Begriffs transitus hat Luther nicht im Sinn, dass der Mensch den historischen Graben zwischen Damals und Heute geistig überwindet. Vielmehr verhält es sich so, dass dem Reformator bei dem Begriff transitus das alttestamentliche Ereignis des Passah vor Augen stand. Wenn man das Wort „Passah“ übersetzt, meint es „Vorbeigehen“ [des Todesengels] und dann eben auch „Durchzug“ oder „Durchgang“. Es erinnert an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, die durch das Schilfmeer hindurchführte. Aber gerade da ist es Luther außerordentlich wichtig, dass es sich bei diesem „Vorübergehen“ oder „Durchzug“ um das Passah Gottes handelt (2Mos. 12,11).

Dieses „Passah“ des Verstehens der Heiligen Schrift ist nicht bereits dann erfolgt, wenn man sich ein mehr oder weniger korrektes Bild von der Vergangenheit erstellt hat. In Wahrheit ist das Wort Gottes erst dann verstanden, wenn es dem verfinsterten Menschen zum Licht geworden ist, sodass er die Errettung Gottes in Christus erblickt.

Melanchthon brachte dieses Passah, diesen Durchbruch aus dem Tod zum Leben in einer lutherischen Bekenntnisschrift, in der Apologie zum Augsburgischen Bekenntnis, folgendermaßen zu Papier: „Das geschieht, wenn sie [die Menschen] glauben an die Verheißung von Christo, dass wir durch ihn Vergebung der Sünden haben. Der Glaube, welcher in solchem Zagen und Schrecken die Herzen wieder aufrichtet und tröstet, empfängt und empfindet Vergebung der Sünden, macht gerecht und bringt Leben; denn derselbe starke Trost ist eine neue Geburt und ein neues Leben.“2

Eitelkeit in der Auslegungsweise des Erasmus

Demgegenüber bemerkte Luther zu der Auslegungsweise des Erasmus: „Im Lehren und Unterrichten ist Erasmus kalt und ohne Inhalt. Er kann zwar argumentieren, aber seine Worte sind Rhetorik. Sie kommen nicht aus seinem Herzen. Er weiß nichts von Gottes Gnade und von Christi Opfertod. Er ist eine leere Nuss und spricht ohne Inhalt.“

Als Luther das Buch Prediger aufschlug und las: Eitelkeit der Eitelkeiten, da stand ihm unter anderem ein Schriftausleger vor Augen wie es Erasmus war: ein „Grammatiker“, ein „Sprachgelehrter“. Es ist einer, der noch immer die Maske vor dem Gesicht hat, sodass er beim Lesen des Wortes Gottes nicht im Licht Gottes steht.

Als vor 2700 Jahren die Assyrer aus dem Mittleren Osten die Grenzen anderer Völker wie auch des Volkes Israel überschritten und in den eingefallenen Gebieten Verwüstung, Terror und verbrannte Erde zurückließen, da erläuterte Jesaja, dass diese in das Land eingebrochene Flut von Fremdlingen Gericht Gottes an einem Volk ist, das sein Wort verschmäht hat.

Aber Gott sei Dank war das nicht alles, was er dem Volk Gottes mitteilte: Jesaja verglich das Wort Gottes mit einer Morgenröte (Jes. 8,20). Es ist wie ein Licht am Horizont einer bis dahin stockfinsteren, tiefschwarzen Nacht. Dieses Licht besteht in der Verheißung des Evangeliums, das sich dann im Kommen Christi erfüllt hat: Das Volk, das in der Finsternis wandelt, sieht ein großes Licht. Über den Bewohnern des Landes der Todesschatten ist ein Licht aufgeleuchtet (Jes. 9,1).

Wenn es uns geschenkt ist, das Wort Gottes als das zu erfassen, was es ist, Botschaft des gnadenvollen Lichts, das in Christus Jesus in unsere Dunkelheit strahlt, dann ist die Mauer unserer Eitelkeit durchbrochen, dann haben wir es in Wahrheit verstanden.

(Fortsetzung soll folgen.)


1) WADB 10/2; 104,24ff. Vergleiche auch WA 20; 58,7.25. Luther schrieb diese Bemerkung wohl genau in der Zeit, als das Buch des Erasmus nach Wittenberg kam, WADB 10/2; 104, Anm. 2.
2) Melanchthon, Philipp, Apologie der Confessio Augustana. Zu Artikel IV.
-->