Die Verheißung der Beschneidung des Herzens (Teil 4): Hesekiel

Im vierten Teil dieser Artikelserie richten wir an den Propheten Hesekiel die Frage, ob und wie seine Weissagungen mit der Beschneidung des Herzens, so wie sie in 5Mose 30,6 verheißen worden ist, in Verbindung stehen. „Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, damit du lebst.

Im letzten Teil ging es um Jeremia. Wir sahen, dass die in seinem Buch enthaltene Verheißung des Neuen Bundes in der Verheißung der Beschneidung des Herzens verankert ist. Jeremia legte den Schwerpunkt auf das Wort Gottes: Gott wird Menschen bleibend und prägend verändern, indem er sein Wort in ihre Herzen schreibt. Auch Hesekiel spricht von dieser Veränderung, und zwar in seiner bekannten Verheißung über das steinerne Herz, das in ein fleischernes verwandelt wird (Hes. 36).

Allgemeines zum Buch Hesekiel

Der Prophet Hesekiel geht auf die gleichen Themen ein wie die beiden bisher untersuchten Propheten, Jesaja und Jeremia. Das Volk wird gerichtet, Jerusalem samt dem Tempel wird zerstört. Denn die Menschen haben Gott vergessen (Hes. 22,12; 23,35). Sie haben Götzendienst getrieben (Hes. 6; 8; 16), sie waren widerspenstig und nicht zur Umkehr bereit (Hes. 12,1-3; 20,8). Dennoch verheißt Gott, dass er sich erbarmen will und das Geschick seines Volkes wenden wird. Er will sein Volk durch seine Gnade in die vollkommene Bundesgemeinschaft mit ihm führen (Hes. 34,30.31).

Doch Gericht und Errettung des Volkes dienen einem übergeordneten Ziel. Es geht um die Verherrlichung Gottes in der Welt (Hes. 36,22.32; 39,13.21). Das ist die Hauptbotschaft des gesamten Buches. Gott wird verherrlicht, indem die Menschen ihn in seiner Macht, Souveränität, Heiligkeit und Gnade erkennen. Die Wendung „und ihr sollt erkennen, dass ich der Herr bin„, kommt mehr als fünfzig Mal im Buch Hesekiel vor. Die Zuspitzung dieses Themas und damit des Buches insgesamt findet sich in Hesekiel 36,16-38 in der Verheißung des neuen bzw. des fleischernen Herzens.

Die Verherrlichung Gottes durch das neue Herz

In Hesekiel 36 bilden die Verse 16-38 eine Einheit mit einem besonderen Aufbau. Es fällt auf, wie deutlich diese Verse in Inhalt und Aufbau dem Abschnitt in 5Mose 30,1-10 entsprechen. (An dieser Stelle sollten Sie eine Bibel zur Hand nehmen und beide Stellen lesen.) Es geht um das Gericht, die Umkehr und den Segen des Volkes. Im Zentrum des Abschnitts wird, wie in 5Mose 30,6 die Veränderung des Herzens verheißen (Hes. 36,26.27). Darüber hinaus spricht Hesekiel aber noch weitere Themen an. Es geht einerseits um die Entweihung des heiligen Namens Gottes durch die Sünde des Volkes (Hes. 36,16-20) und andererseits um die Heiligung des Namens Gottes durch Gottes gnädiges Eingreifen (Hes. 36,33-38).

Das Volk hat Gottes heiligen Namen vor den Augen der Heiden entweiht, indem es Götzendienst trieb. Es hat also den wahren Gott in seiner Andersartigkeit und in seiner Souveränität nicht beachtet und auch nicht entsprechend geehrt. Vielmehr erfolgte das Gegenteil: Das Volk stellte Gott auf eine Stufe mit Götzen, oder es erhob die Götzen sogar über Gott (vergleiche Hes. 6 und 8). Darum musste Gott sein Volk richten, indem er es unter die Heiden zerstreute (Hes. 36,16-19; vergleiche Hes. 20,8-14). Doch durch diese Zerstreuung und Gefangenschaft unter die Heiden entweihte das Volk den heiligen Namen Gottes noch einmal. Denn dort wurde es zum Spott für die Heiden (Hes. 36,20). Das Volk entweihte also Gottes Namen auf zweifache Weise.

Nun sorgt Gott selbst dafür, dass sein Name in aller Welt geheiligt wird. Er verheißt, sein Volk aus den Heidenvölkern zu sammeln und in das Land zu führen und die Bundesgemeinschaft mit sich zu erneuern. Durch dieses Heilshandeln Gottes werden die Menschen erkennen, dass Gott der Herr ist, der sein Volk aufgrund seiner Heiligkeit gerichtet und gerettet hat (Hes. 36,22-26; vergleiche Hes. 20,41.42; 28,25). Wenn die Menschen Gott als Herrn erkennen, heiligen sie ihn. Das heißt, sie geben ihm die Ehre, die ihm gebührt. Denn sie haben erkannt, dass Gott der souveräne Herr der ganzen Welt ist und dass alle Hoffnungen der Menschen allein in ihm und in seiner Gnade liegen.

Gott selbst ist der Grund für die Errettung des Volkes

Die Errettung wird geschehen nicht um des Volkes willen, sondern um Gottes heiligen Namens willen (Hes. 36,22.32). Durch die Errettung, die allein von Gott ausgeht und für die das Volk nichts selbst tun kann und muss, wird sein Name in aller Welt geheiligt und verherrlicht. Durch diese Grundlage ist die zukünftige Errettung des Volkes sichergestellt. Denn sie hängt nicht vom Volk ab, sondern von Gottes Heiligkeit. Ja, von ihr wird sie sogar eingefordert. Die Verherrlichung Gottes ist somit auf wunderbare Weise mit dem Segen und der Errettung des Volkes verbunden. Gott verherrlicht sich in der Welt, indem er sein Volk rettet und ihm Leben schenkt (Hes. 37,14).

Vom steinernen zum fleischernen Herzen

Das steinerne Herz ist ein Bild für das sündige, widerspenstige Wesen des Volkes. Bei der Sünde des Volkes geht es also nicht nur um äußere Handlungen, sondern um die innere Einstellung der Menschen. Diese ist feindlich gegenüber Gott. Sie ist tot wie ein Stein. Dieser Herzenszustand wird besonders an dem Umstand offenbar, dass Hesekiel zu den bereits verschleppten Juden sprach, also zu denen, die das Gericht bereits erfahren hatten. Dennoch blieben sie taub und blind für Gott und sein Wort (Hes. 3,7). Die Erfahrung des Gerichts reicht also nicht aus, damit das Volk zur Einsicht und zur Umkehr kommt. Gott muss das Volk auf eine andere Art und Weise zur Umkehr führen.

Das fleischerne Herz ist ein Bild für das durch die Gnade Gottes veränderte Wesen des Menschen. Der Tausch des Herzens macht die Radikalität seiner Veränderung deutlich, also der Einstellung des Menschen gegenüber Gott. Das Herz des Menschen, das für Gott unempfindsam war, soll für ihn empfänglich werden. Die Veränderung des Herzens geschieht durch die Reinigung von Sünden (Hes. 36,25-27) und durch die Gabe des Geistes Gottes (Hes. 36,27).

Die Veränderung des Herzens durch den Geist Gottes

Die Wirkung des Geistes wird in Kapitel 37 anschaulich geschildert: Die Wiederbelebung der Totengebeine ist ein Bild dafür, dass das Babylonische Exil nicht das Ende des Volkes ist. Es wird durch Gottes Gnade eine Zukunft für das Volk geben. Diese Zukunft wird zustande kommen, nicht nur weil Gott sein Volk wieder sammeln und in sein Land führen wird, sondern weil der Geist Gottes bewirken wird, dass die Menschen Gott erkennen und Gott gehorsam sein werden (Hes. 36,27; 37,13.14) und dadurch leben können.

Hier liegt ein starker Bezug zu 5Mose 30,6 vor. Durch die Beschneidung des Herzens wird das Volk Gott lieben und dadurch leben. Hesekiel zeigt auf, dass es der Geist Gottes ist, der das Herz des Menschen so verändert, dass er Gott gehorsam ist (Hes. 36,27) und dadurch lebt (Hes. 37,14). Es ist nicht anders möglich, als dass Gott ihnen geistliches Leben einhauchen muss, denn nur dann können und wollen sie von ganzem Herzen auf Gott vertrauen.

Die Veränderung des Herzens durch die Reinigung von Sünden

Wie bereits in den Artikeln über die Propheten Jesaja und Jeremia deutlich wurde, besteht die Erneuerung des Bundes in der Vergebung der Sünden und in der Veränderung des Herzens. Auch Hesekiel betont diesen Zusammenhang. Bei ihm besteht die Erneuerung des Bundes in der Reinigung von Sünden (Hes. 36,25.29) und in der Verheißung eines fleischernen Herzens (Hes. 36,26.27). Gott wird sein Volk von seinen Sünden reinigen, indem er es mit reinem Wasser besprengt (Hes. 36,25). Diese äußere Reinigung ist ein Zeichen für das innere Geschehen. Durch den Zusammenhang mit dem Geist Gottes und dem Austausch des Herzens wird ersichtlich, dass der Geist Gottes den Menschen von der Sünde reinigen wird (vergleiche Hes. 47). Mit anderen Worten: Der Mensch wird von der Sünde, die sein Herz so weit prägt, dass es gegen Gott total verhärtet ist, versklavt. Gott wird das Herz des Menschen mit seinem Geist so radikal verändern, dass das alte, steinerne und verunreinigte Herz zugunsten eines neuen, fleischernen und reinen Herzens ausgetauscht wird. Durch das neue Herz, ja durch den Geist Gottes, wird der Mensch Gott erkennen und ihm gehorsam sein.

…und der Messias?

Auch Hesekiel spricht vom kommenden König, vom Messias. Die erste Verheißung dieses zukünftigen Königs findet sich in Kapitel 34 im Zusammenhang mit dem Gerichtswort über die Hirten und die Führer Israels, die sich als untreu erwiesen haben. Gott wird sie richten und sich selbst um seine zerstreuten und verwundeten Schafe kümmern (Hes. 34,11ff.). Dazu hat er einen besonderen Hirten bestimmt, der das Amt anstelle der untreuen Führer übernehmen wird. Im Gegensatz zu den bisherigen Führern des Volkes wird er das Volk recht weiden.

An der zweiten Stelle, an der der zukünftige König verheißen wird, geht es um die Erneuerung der Einheit des Volkes (Hes. 37,15-28). Durch diese Verbindung des Messias mit dem Gehorsam und der Einheit des Volkes sowie mit der Bundeserneuerung, die zu einer ewigen Gemeinschaft des Volkes mit Gott im Land führen wird (Hes. 37,25-28), ist die Verheißung des Königs deutlich mit der Verheißung des neuen Herzens verbunden.

Zusammenfassung

Hesekiel verkündet das Gericht Gottes wegen der Sünden des Volkes, namentlich wegen des Götzendienstes. Die Abgötterei des Volkes liegt im steinernen, gegen Gott gerichteten Herzen. Darum kommt Hesekiel in der Zuspitzung seiner Botschaft auf das Thema der Veränderung des Herzens zu sprechen. Er stellt die Notwendigkeit der Veränderung des Herzens deutlich heraus. Das Herz zu beschneiden heißt, das alte steinerne Herz gegen ein neues, fleischernes zu tauschen. Das fleischerne Herz ist ein Herz, das von Gott kommt und ihn erkennt. Diese grundlegende Veränderung, so Hesekiel weiter, wird durch den Geist Gottes bewirkt. Gott wird durch seinen Geist im Innern des Menschen wirken und ihn erneuern.

Ferner betont Hesekiel die Souveränität Gottes. Die Abhängigkeit des Volkes von Gottes Handeln akzentuiert der Prophet so stark, wie es in keinem der bisher untersuchten Propheten der Fall war. Es geht dabei aber nicht nur darum, dass Gott allein die Erlösung und die Umkehr des Volkes bewirkt. Hesekiel macht außerdem deutlich, dass Gott selbst und seine Verherrlichung der tiefste Grund und das Ziel seines herrlichen Heilshandelns ist. Unbestritten ist diese Wahrheit bereits in der Botschaft von Mose sowie von Jesaja und von Jeremia enthalten. Aber Hesekiel spricht sie am deutlichsten aus und bringt sie direkt in Verbindung mit der Verheißung der Beschneidung des Herzens. Durch das neue Herz wird das Volk zu Gott umkehren und gerettet werden. Die Errettung des Volkes dient dazu, das Volk und alle Welt erkennen zu lassen, dass Gott der Herr ist.

Im Neuen Testament finden wir sehr viele Aussagen, die die Botschaft der Verherrlichung Gottes aufgreifen (Röm. 11,33-36; Eph. 3,14-21 u.a.). Auch Jesus, der immer wieder betont, dass er gekommen ist, um Verlorene zu retten (Luk. 19,10), betet – gerade kurz bevor er ans Kreuz geht -, dass Gott, sein Vater, verherrlicht werden möge: „Vater, die Stunde ist gekommen; verherrliche deinen Sohn, damit auch dein Sohn dich verherrliche – gleichwie du ihm Vollmacht gegeben hast über alles Fleisch, damit er allen ewiges Leben gebe, die du ihm gegeben hast. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. Ich habe dich verherrlicht auf Erden; ich habe das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tun soll.“ (Joh. 17,1-3).

Bevor wir die Ergebnisse dieser Artikelserie zusammenfassen, wollen wir in einem weiteren Artikel auf die 12 so genannten Kleinen Propheten eingehen.