Warum unsere Zeit die Entweihung des Menschen feiert[1]
Der drastische Wandel in unserer Kultur wird primär im Bereich der Sexualethik sichtbar. Während wir die oberflächlichen Auswirkungen im alltäglichen Leben wahrnehmen, hat Carl Trueman die tieferen Ursprünge und geschichtlichen Hintergründe dieser Entwicklungen erforscht. In seinem Artikel erklärt er die Entweihung des Menschen, die grundlegend für den Wandel des Menschenbildes in unserer Kultur ist.
Kaum jemand würde heutzutage bestreiten, dass wir in einer Welt leben, die von Entzauberung geprägt ist. Der von Max Weber geprägte Begriff Entzauberung fasst das Gefühl zusammen, dass nichts – auch nicht wir selbst – von großer Bedeutung ist, dass wir bestenfalls Rädchen in einer riesigen Maschine sind, sei sie politischer, bürokratischer oder wirtschaftlicher Natur.[2]
Das hat etwas Ironisches: Der Mensch ist außergewöhnlich – fähig zu Meisterleistungen, positiven wie negativen, die kein anderes Lebewesen erreichen kann. Wir können wunderschöne Kunst schaffen und Heilmittel für Krankheiten entwickeln; wir können uns absichtlich auf grausame Handlungen einlassen und haben sogar Waffen entwickelt, die unsere Spezies auslöschen könnten. Doch das Endergebnis all dieser Brillanz ist, dass wir uns in unseren eigenen Augen klein gemacht haben. Unsere intellektuelle und technische Brillanz hat unser Gefühl für das Geheimnisvolle nicht nur in Bezug auf die Welt im Allgemeinen, sondern insbesondere in Bezug auf uns selbst fast vollständig ausgehöhlt. Wir sind zu nichts weiter als roher Materie geworden, sicherlich talentiert, aber letztlich bedeutungslos.
In diesem Zusammenhang ist es nicht verwunderlich, dass Rufe nach einer Wiederverzauberung (engl. reenchantment) der Welt laut werden. Wenn das Problem darin besteht, dass der Materialismus uns reduziert hat, dann besteht die Antwort darin, die verlorene Bedeutung unserer Existenz wiederzufinden, um das Gefühl für das Geheimnis des Daseins zurückzugewinnen. Selbst in dieser entzauberten Welt gibt es noch Anzeichen für etwas Tieferes: Geschichten von großen Taten haben immer noch die Kraft zu inspirieren, viele von uns empfinden immer noch Liebe zu einem anderen Menschen, und selbst unsere Unzufriedenheit mit der Entzauberung deutet darauf hin, dass wir uns nach mehr sehnen.
Das Modell von Entzauberung und Wiederverzauberung enthält zwar viel Wahres, erweist sich aber letztlich als nicht ausreichend – weder als Erklärung noch als Lösung für die Probleme unserer Welt.
Die Entweihung des Sakralen
Nehmen wir zum Beispiel den Wandel in der Sprache rund um das Thema Abtreibung. Vor dreißig Jahren argumentierten Befürworter der Abtreibung, sie solle „sicher, legal und selten“ sein. Das ist die Art des Zugangs, den wir in einer entzauberten Welt erwarten. Er hat etwas Resigniertes an sich und zeugt von der Akzeptanz, dass wir in einer Welt wie der unseren manchmal Dinge tun müssen, die wir als widerwärtig empfinden. Es handelte sich um einen medizinischen Eingriff, unangenehm, aber unter bestimmten Umständen notwendig.
Das ist ein ziemlicher Kontrast zu der Haltung gegenüber Abtreibung, die bei den US-Wahlen 2024 Schlagzeilen machte: Befürworter des Rechts auf Abtreibung „bejubelten“ ihre Abtreibungen lautstark und zeigten sich sichtlich stolz darauf, von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht zu haben. T-Shirts bekundeten den Passanten diese Tatsache. Gleichzeitig wurde Abtreibung als grundlegendes Menschenrecht dargestellt – kurz gesagt: Die Verweigerung des Zugangs zu einer Abtreibung bedeute im Prinzip, jemandem ein Wesensmerkmal des eigenen Menschseins abzuerkennen.
Dieser sprachliche Wandel ist vielsagend, denn er deutet darauf hin, dass diese Welt nicht einfach nur von Entzauberung geprägt ist. Mittlerweile kennzeichnet sich unsere Kultur durch eine Freude an der Zerstörung von Dingen, die einst als sakral galten.
Das Leben im Mutterleib ist nur ein Beispiel. Die sexuelle Revolution ist ein weiteres. Es reicht nicht aus, dass die Gesellschaft viele Formen sexueller Unmoral nicht mehr strafrechtlich ahndet oder gar gesellschaftlich brandmarkt. Unsere Kultur muss nun diejenigen verherrlichen, die sich dieser Unmoral hingeben, und diejenigen verteufeln, die für Keuschheit, Enthaltsamkeit und monogame Treue eintreten.
Ein kürzlich im Rathaus von Belfast angebrachtes Buntglasfenster trägt die Aufschrift „Rettet die Sodomie vor Ulster“[3]. Sowohl die künstlerischen als auch die sprachlichen Ausdrucksmittel sind religiösen Ursprungs und stellen dennoch eine Verhöhnung christlicher moralischer Überzeugungen dar. Dies ist weniger die Langeweile der Entzauberung als vielmehr die Ekstase des Bildersturms.
Wir könnten auch auf die Leidenschaft verweisen, mit der die Tech-Bros ihre transhumanistischen Projekte verfolgen. Es scheint immer weniger darum zu gehen, das menschliche Leben durch die Stärkung der menschlichen Handlungsfähigkeit zu verbessern, sondern zunehmend darum, die Menschheit als Ganzes zu überwinden, definiert durch ihre verschiedenen Grenzen – physische, sterbliche, intellektuelle. Dies wird mit erheblichen Kosten verbunden sein, zunächst für die Schwächsten unter uns und dann möglicherweise für alle. Doch die Projekte werden ungeachtet der Konsequenzen vorangetrieben. Die Begeisterung, die Menschheit zu überwinden – selbst um den Preis ihrer Selbstzerstörung – ist einfach zu groß, um ihr zu widerstehen.
Dafür gibt es einen eindeutigen theologischen Grund. Sowohl Karl Marx als auch Friedrich Nietzsche erkannten im 19. Jahrhundert, dass die Tötung Gottes eine berauschende Erfahrung war. Für Marx war die Zerstörung der Religion und des Gottes, der sie prägte, ein notwendiger Auftakt zur befreienden menschlichen Revolution. Und für Nietzsche gab es nichts, was einem Menschen ein stärkeres Gefühl der Macht verlieh, als das Blut des Göttlichen von seinen Händen tropfen zu lassen.
Das führte unweigerlich zu Angriffen auf das bedeutendste Zeichen der Autorität Gottes in dieser geschaffenen Welt: die Menschheit. Die Menschen sind nach Gottes Ebenbild geschaffen, als Symbol für Gottes Eigentumsrecht an und Herrschaft über diese Welt. Nur durch die Zerstörung dieses Bildes – durch die Überwindung seiner Grenzen, durch die Schaffung unserer eigenen Regeln und Werte – kann der Tod Gottes tatsächlich verwirklicht werden.
Für Nietzsche hatten die Philosophen der Aufklärung – allen voran Immanuel Kant – dies versäumt. Sie hatten Gott als lebendige, notwendige Realität abgeschafft, ihn aber wieder eingeschmuggelt, indem sie dem Universum eine moralische Struktur zuschrieben, vor allem in der Idee der „menschlichen Natur“. Wahre Befreiung von diesem toten Gott würde nur dadurch erreicht werden, dass man die Welt von jenen sakralen Grenzen befreite, die definierten, was es bedeutete, nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein.
Von der Entzauberung zur Entweihung
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass der Körper – der in der Heiligen Schrift als sakral gilt und für unser Selbstverständnis als Ebenbilder Gottes von zentraler Bedeutung ist – zu einem Ort der Entweihung wurde.
Babys im Mutterleib seien lediglich ein Teil des weiblichen Körpers und nicht von größerer moralischer Bedeutung als Zehennägel. Von daher könne man sie entfernen, sobald sie auch nur im Geringsten unbequem sind. Sex – einst von sakraler Bedeutung und Ritualen umgeben – ist in der breiten Kultur zu einem reinen Freizeitvergnügen geworden – auch wenn unsere Gesetze zu sexuellen Übergriffen etwas anderes vermuten lassen. Transgenderismus als Philosophie leugnet die Bedeutung des von Natur aus geschlechtlichen Körpers und betrachtet ihn als potenzielle Bedrohung für die wahre Person, die darin gefangen ist. Der Körper muss verstümmelt werden, um der Ideologie zu entsprechen.
Auch der Tod wurde von der Unterhaltungsindustrie verharmlost und durch die medizinische Praxis der Sterbehilfe auf eine reine Formalität reduziert. Selbst beim Umgang mit dem Körper nach dem Tod werden wir dazu gedrängt, eine Leiche als Abfall zu betrachten und nicht als etwas, das mit Ehre und Würde behandelt werden muss.
Natürlich hat uns dieser Angriff auf das christliche Menschenbild – der Mensch ausgestattet mit einem Körper, mit Grenzen und einem moralischen Kompass – keineswegs wirklich befreit. Er hat uns weniger (und nicht mehr) menschlich gemacht. Wie schon im Zeitalter der Entzauberung haben unsere technische Brillanz und unsere außergewöhnlichen Fähigkeiten erneut dazu beigetragen, uns zu entmenschlichen.
Doch während die Verarmung der Menschlichkeit im Zeitalter der Entzauberung mit Resignation einherging, könnte die Stimmung während der aktuellen Entweihung kaum besser sein. Von den sexuell Freizügigen über die Abtreibungsbefürworter bis hin zu den Transhumanisten ist der Weg ins menschliche Nichts von überschwänglicher und ekstatischer Begeisterung gezeichnet. Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Und – ganz ehrlich – fühlt es sich nicht gut an, wenn wir selbst in unseren eigenen Augen zu „nichts“ werden?
Die Aufgabe der Kirche
Wo liegt also noch Hoffnung? Für die Entzauberten liegt sie in der Wiederverzauberung. Doch das ist ein vager und unzureichender Begriff. Wenn das Problem die Entweihung ist, lautet die Antwort Heiligung: die Erkenntnis dessen, wer wir als im Ebenbild Gottes Geschaffene sind. Das ist die Aufgabe der Kirche.
Das sind gute Nachrichten. Erstens ist die Kirche eine übernatürliche Institution. Sie existiert aufgrund des Wirkens Christi, und daher beruht ihre Kraft nicht auf dem Wissen und den Fähigkeiten ihrer Mitglieder. Predigen sind zum Beispiel kein einfaches Referieren über ein religiöses Thema. Vielmehr werden wir gesegnet, weil Gott uns als sein Volk übernatürlich anspricht.
Wenn ein Ehemann seiner Frau sagt, dass er sie liebt, vermittelt er nicht bloß eine Information über einen Sachverhalt. Nein, er tut etwas, das die Beziehung vertieft. Das ist vergleichbar mit dem Hören von Gottes Ruf von der Kanzel: Er erinnert uns daran, wer wir sind, und macht uns in einem besonderen Sinn zu dem, was wir sind. Wenn wir am Gottesdienst teilnehmen, antworten wir Gott auf eine Weise, die unsere Menschlichkeit widerspiegelt. Wir werden in unserer Vorstellungskraft so geformt, dass wir auf eine Weise denken und handeln, die zeigt, dass wir nicht uns selbst gehören, sondern teuer erkauft wurden.
Wir singen zu Gottes Ehre, wir feiern das Abendmahl und wir bekennen unseren Glauben gemeinsam mit anderen: Ganz gleich, nach welchen Kriterien die Welt uns einteilt und uns auf bloße Objekte reduziert – das Evangelium Christi spricht unsere tiefere, wahre Menschlichkeit an, die uns in ihm vereint. Die Verkündigung und der Gottesdienst der Kirche führen uns hin zu dem, was es wirklich bedeutet, Mensch zu sein – nämlich nach Gottes Ebenbild geschaffen und nun in Christus erlöst zu sein. Das heiligt uns.
Diese Zurüstung endet nicht mit dem Segen oder an der Kirchentür. Sie strömt hinaus in die Welt. So wie Israel während des Alten Bundes ein Licht für die Heiden sein sollte und Gottes Charakter widerspiegelte – durch die Hingabe an ihn, den Umgang mit den eigenen Mitgliedern und die Gastfreundschaft gegenüber Außenstehenden – so sieht auch der Auftrag der Kirche heute aus. Wenn die Welt darauf aus ist, das Menschsein durch ihre Handlungen der Entweihung zu zerstören, sollen wir diejenigen sein, deren Worte und Taten im gesamten Leben zeigen, was es bedeutet, nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein.
Die gute Nachricht ist, dass dies nicht besonders kompliziert ist. Die Kirche hat viele Mitglieder. Jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen. Manche sind großartige Lehrer, manche Evangelisten, manche Apologeten. Aber jeder einzelne von uns kann Gott in der Gemeinde anbeten und dann anderen mit der Freundlichkeit und Gastfreundschaft begegnen, die das Ebenbild Gottes in ihnen anerkennt.
Die Entweihung ist eine schwere Last, denn sie zerstört letztendlich sogar diejenigen, die sich daran erfreuen. Gottes Zurüstung hingegen ist ein leichtes Joch – eines, das leicht zu tragen sein sollte, denn es macht uns wahrhaft menschlich.
Carl Trueman ist Professor am Grove City College in Grove City, Pennsylvania (USA) und Autor zahlreicher Bücher. Sein neuestes Buch The Desecration of Man: How the Rejection of God Degrades Our Humanity geht den im Artikel angeschnittenen Themen tiefer auf den Grund.
[1] Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache bei The Gospel Coalition:
https://www.thegospelcoalition.org/article/celebrates-desecration-reenchantment/. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.
Eine ausführlichere Abhandlung des Themas wurde von Evangelium 21 herausgegeben und ist unter folgendem Link kostenlos abzurufen: https://www.evangelium21.net/downloads/pdf/publikationen/Trueman_Die_Entweihung_des_Menschen.pdf.
[2] Anmerkung des Übersetzers: Der Begriff der Entzauberung, wie er von dem deutschen Soziologen Max Weber (1864–1920) und hier von Trueman verwendet wird, hat nichts mit Zauber im Sinn von Magie zu tun, sondern meint den historischen Prozess, in dem religiöse bzw. übernatürliche Deutungen der Wirklichkeit zunehmend durch rationale, wissenschaftliche Erklärungen ersetzt werden.
[3] Anmerkung des Übersetzers: Dieser ironische Slogan verdreht die Bedrohung und das Bedrohte, indem die Sodomie als das Bedrohte und nicht die Bedrohung dargestellt wird.