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Gedanken zur Einheit in der Gemeinde Jesu

Im Folgenden, persönlich gehaltenen Aufsatz reflektiert der Verfasser die Frage nach der Einheit der Gemeinde Jesu: Wie können Christen sich um Einheit bemühen, ohne in die Gefahren falscher Allianzen und Einheitsbestrebungen zu geraten?

Das Problem mit der Einheit

Immer wenn ich über die Einheit der Christen nachdenke, beschleicht mich ein leichtes Unbehagen, und ich komme zu dem Schluss, dass dieses Thema noch nicht befriedigend und abschließend diskutiert ist.

Ich habe den Eindruck, dass die Einheit, wie sie Jesus den Jüngern (und damit auch uns) verordnet hat, etwas ist, das weder die ökumenisch Gesinnten noch die abgegrenzt konservativen Christen so ganz richtig leben.

Ich zähle mich tendenziell eher zu der zweiten Gruppe. Und mich beunruhigen solche Aussagen Jesu wie: „… damit sie alle eins seien, wie du, Vater, in mir und ich in dir, dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Joh. 17,21) oder Anordnungen des Apostels Paulus wie: „Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinn und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seid“ (1Kor. 1,10).

Ich denke, dass wir (also auch ich) mehr das Gespräch mit Andersdenkenden suchen sollten, als uns von ihnen abzugrenzen, wenn sie in einer Lehre nicht unserer Auffassung entsprechen. Mit Andersdenkenden meine ich nicht Leute, die in den zentralen Lehren des christlichen Glaubens von der Bibel abweichen. Mit solchen Leuten sollen wir keine (religiös orientierte) Gemeinschaft haben.

Ich meine auch nicht, dass wir uns einfach alle umarmen und sagen sollten, wir würden diese Unterschiede (wie z.B. unterschiedliche Taufauffassungen, unterschiedliche Einsichten über das Weiterbestehen der Geistesgaben etc.) einfach ignorieren, so als ob es sie nicht gäbe und unbefangen zusammenarbeiten. Dennoch muss es, so wie ich die Bibel verstehe, eine Einheit geben, die besser ist als das, was gegenwärtig in der evangelischen Christenheit besteht.

Ich bin mit Martyn Lloyd–Jones einer Meinung, dass die vorhandenen Spaltungen eine Tragödie darstellen, derentwegen uns Schuld trifft.1 Ich denke ebenso wie er, dass wir uns aber auch schuldig machen, wenn wir die biblische Forderung nach Einheit zu einem undifferenzierten „Einheitsbrei“ überdehnen. Also folgt die Frage nach der biblischen Linie. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, möchte ich im Folgenden versuchen, einige Antworten auf zwei Grundfragen zu geben. Die beiden Fragen sind: „Welche Einheit darf nicht gepflegt werden?“ und „Wie sieht der Weg zur biblischen Einheit aus?“

Einheit: unmöglich!

Es gibt Menschen oder Gruppierungen, mit denen eine christliche Einheit und Zusammenarbeit nicht möglich ist. Das ist dort der Fall, wo uns das Wort Gottes klar die Abgrenzung gebietet. In 2.Korinther 6,14 ordnet der Apostel an: „Zieht nicht in einem fremden Joch mit Ungläubigen!“

Aber nicht nur offensichtlich Ungläubigen sollen wir unsere (geistliche) Gemeinschaft verweigern, sondern auch solchen, die sich Brüder nennen, sich aber nicht entsprechend verhalten: Zum Beispiel bestimmt Paulus in 1.Korinther 5, dass ein Christ, der schwere sexuelle Sünde auf sich geladen hat und damit nicht aufhören will, aus der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen werden soll.

In 1.Korinther 15 warnt Paulus vor dem Umgang mit Leuten, die die Auferstehung Christi ablehnen.

Ebenso dürfen wir auch keine Einheit haben mit so genannten „Brüdern“, die falsche Lehren verbreiten: „Jeder, der weitergeht und nicht in der Lehre des Christus bleibt, hat Gott nicht; wer in der Lehre des Christus bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht ins Haus auf, und grüßt ihn nicht!“ (2Joh. 9.10). Man könnte weitere Beispiele aus der Bibel anführen.

Eine gute Orientierungshilfe bietet hier die Einstellung, die uns aus der Kirchengeschichte überliefert ist. Wir finden hier das biblische Prinzip fortgesetzt, dass grundsätzlich dort keine Einheit oder geistliche Zusammenarbeit möglich ist, wo jemand entweder in der Lehre über Christus (Christologie) oder in der Frage des Heils (Soteriologie) von der biblischen Lehre abweicht: Jemand (oder eine Gruppe / Kirche), der Jesus Christus nicht als wahren Gott und wahren Menschen bekannte, wurde ausgeschlossen. Ebenso musste man sich von allen, die falsch über die Frage lehrten, wie ein Mensch gerettet wird, trennen. Dieses Prinzip müssen wir beibehalten, denn es ist von der Praxis der Apostel abgeleitet.

Wahre Einheit: möglich!

Nun sollten wir die Frage aber nicht so stellen, als würde es darum gehen: Wen dürfen wir alles ausschließen? Von wem dürfen wir uns abgrenzen? Jemanden aus der Gemeinschaft der Heiligen auszuschließen, ist etwas Trauriges, und es ist stets die letzte Möglichkeit, die Gemeinde Jesu rein zu halten! Stattdessen sollten wir danach trachten, eine gute, herzliche Gemeinschaft und Einheit untereinander zu suchen. Darum lautet die wichtigere Frage: Wie ist Einheit möglich?! Wie sieht der Weg zur Einheit aus?!

Die vom Herrn Jesus und den Aposteln geforderte Einheit ist eine Einheit auf der Grundlage der Wahrheit. Das heißt: Echte Einheit kann und darf es nur auf der Grundlage der biblischen Lehre geben. Das Gebot, nach Einheit zu streben, ist demnach identisch mit unserem Bemühen, die rechte Erkenntnis von Gott, von Christus und seinem vollbrachten Heil zu bekommen. Es geht darum, dass wir zusammen mit anderen Christen erkennen, was die biblische Antwort zu diesen Fragen ist, und uns dann gemeinsam darüber freuen und den gemeinsam aus dem Wort Gottes erkannten Gott anbeten.

Da niemand von uns mit diesem Bemühen um rechte Erkenntnis angefangen hat, sondern Menschen bereits vor uns darüber nachgedacht haben, kommen wir kaum ohne die Berücksichtigung der Bekenntnisse aus. In ihnen wurde formuliert, was unsere Brüder und Schwestern in früheren Epochen erkannten. Damit soll nicht gesagt werden, dass die Heilige Schrift allein nicht genüge. Vielmehr bringen wir damit zum Ausdruck, dass das Sich–Bemühen um die Wahrheit des Wortes Gottes nicht mit unserer Generation begonnen hat. Genauso wenig wie jemand heute das Rad erfinden muss, so braucht er auch nicht mehr Wahrheiten zu entdecken, die der Heilige Geist Generationen vor uns aus dem Wort Gottes geschenkt hat, so dass bereits jene Generationen sie formulieren durften.

Die Bekenntnisse sind uns also eine Hilfe, die Wahrheit der Bibel gemeinsam mit den Heiligen früherer Zeiten zu bekennen und Gott dafür zu loben. Außerdem vermittelt die Kirche durch die Bekenntnisse auch die Botschaft: „Es gibt feste Wahrheit, und Gott hat sie uns in seinem Wort offenbart! Wir sind alle miteinander der Überzeugung, dass sie so und so lautet.“

Sicher werden trotz der Bekenntnisse oder auch je nach den Bekenntnissen, die wir als Grundlage für unser Christ– oder Gemeindesein haben, Fragen offen bleiben. Uns werden immer wieder bei Geschwistern, die nach dem Gebot des Herrn Einheit in Liebe üben, unterschiedliche Urteile über Fragen der Liturgie, der Taufpraxis oder über gewisse ethische Fragen begegnen. Hier ist das Gespräch unverzichtbar. Es ist ein Gespräch unter Geschwistern, die bereits Einheit auf der Grundlage des Wortes Gottes in den wichtigen Fragen, wie dem Wesen Gottes und des Heils haben, die aber in zweitrangigen Fragen unterschiedlich denken.

Das kann heißen, dass ich mich mit einem Bruder zusammensetze, der die Überzeugung vertritt, die Geistesgaben wie Prophetie oder Sprachenrede seien noch nicht vergangen, oder der auf der Auffassung besteht, das Neue Testament lasse die Taufe von Kindern gläubiger Eltern nicht zu. Ich werde ihm zuhören, wenn er erklärt, warum er zu einem solchen Urteil gekommen ist, und er wird mir zuhören, wenn ich ihm erläutere, warum ich nicht davon überzeugt bin, dass er die Bibel an diesem oder jenem Punkt richtig versteht. Das gemeinsame Gebet um die richtige Erkenntnis in diesen oder in anderen Fragen wird richtige, biblische Einheit fördern.

Diese Art der Einheit zu praktizieren, stellt sicher für viele von uns eine Herausforderung dar. Für mich jedenfalls ist es das. Ich würde oft lieber nur mit denen zusammensitzen, die in allem genauso denken wie ich. Das ist bequemer. Aber es ist stolz, und es fördert die Spaltung im Leib Christi, und das darf nicht sein.

Außerdem haben wir, wenn wir sehen, dass ein Bruder, der sich in eine falsche Lehre verrannt hat, die Verantwortung, ihm das Richtige zu zeigen. Wir haben die Verantwortung, ihn in Liebe zur Heiligen Schrift zu führen und mit ihm die Thematik zu studieren. Wenn wir das tun, werden wir entdecken, wie viele unserer Ansichten nur auf einer bestimmten Tradition beruhen und nicht auf der Heiligen Schrift. Ja, dass wir auch selbst traditionelle Vorstellungen hegen, die nicht durch ein gründliches Schriftstudium entstanden sind, sondern nur aus Bequemlichkeit übernommen worden sind. Tradition, vor allem solche Tradition, die nicht anhand des Wortes Gottes reflektiert worden ist, ist nicht nur eine Gefahr für die Einheit, sondern auch ein Hindernis für ein gesundes Glaubensleben.

Und eine demütige Haltung, die nicht die eigene Erkenntnis als unfehlbar und unbedingt richtig voraussetzt, ist gleichfalls nicht nur die einzige Haltung, die anhaltendes geistliches Wachstum möglich macht, sondern auch die beste Voraussetzung für geistliche Einheit unter Geschwistern.


1) D.M. Lloyd–Jones; Einig in Wahrheit. Friedberg [Waldems] 3L–Verlag.

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