Die Aktualität von Matthäus 6,1-21: Vor wem lebe ich?

Unser Leben vor dem einen Zuschauer

Haben Sie schon einmal ein kleines Kind dabei beobachtet, wie es die Hände vor seine Augen hält und dann meint, niemand würde es mehr sehen? Im übertragenen Sinn verhalten wir uns oft ähnlich. Wir denken, dass unsere Sichtweise die richtige und die wegweisende ist. Aus der Bibel wissen wir, dass der allmächtige Gott alles sieht. Seine Augen durchlaufen die ganze Erde. (2Chr. 16,9) So verkündete es der Prophet dem damaligen König Asa, der eigenmächtig handelte.

Der angelsächsische Denker Os Guinness spricht vom Leben vor dem einen Zuschauer. Diese Einstellung steht im Gegensatz zu unserer Umgebung. Unsere Umgebung ist von außen bestimmt. Unsere Zeitgenossen sind unsere Führer. Unser innerer Radar sucht ständig nach neuen Signalen: „Wir sehen das an Teenagern, die auf ihre Altersgenossen hören, an Frauen, die auf die verführerischen Bilder der Weiblichkeit in Frauenmagazinen und Designermode achten, an Politikern, die Abstimmungen nachäffen und sich sklavisch an Forschungsergebnisse von Zielgruppen klammern, und an Pfarrern, die ängstlich den letzten Profilen von ‚Suchenden‘ und ‚Generationen‘ folgen.“2

Dass die Perspektive Gottes das Entscheidende ist, erkennen wir anhand einiger Stellen aus dem Alten Testament, wie zum Beispiel: Gott rettete Noah, weil er ihn vor mir gerecht erfunden hatte. (1Mos. 7,1) Gott forderte Abraham auf: Wandle vor mir und sei untadelig! (1Mos. 17,1) Jakob legte vor dem Pharao über seine Vorfahren Zeugnis ab: Der Gott, vor dessen Angesicht meine Väter Abraham und Isaak gewandelt haben (1Mos. 48,15) Gott ließ dem Pharao durch Aaron und Mose ausrichten: Wie lange willst du dich noch weigern, dich vor mir zu demütigen? (2Mos. 10,3) Bei der Gerichtsankündigung an das Priestergeschlecht Elis entband Gott diese von ihrem Privileg: Ich habe allerdings gesagt, dein Haus und das Haus deines Vaters sollen ewiglich vor mir aus- und eingehen (1Sam. 2,30) An König Salomo erging die Verheißung: Wenn deine Söhne auf ihre Wege achten, dass sie in Wahrheit vor mir wandeln… (1Kön. 2,4) Als Elia mutig vor König Ahab auftrat, tat er es im Bewusstsein: So wahr der Herr lebt, der Gott Israels, vor dessen Angesicht ich stehe, es soll in diesen Jahren weder Tau noch Regen fallen, es sei denn, dass ich es sage! (1Kön. 17,1) Als Ahab nach einem Leben in grober Sünde Buße tat, wies Gott seinen Propheten darauf hin: Hast du nicht gesehen, wie sich Ahab vor mir demütigt? (1Kön. 21,29) Auch Elisa, der Nachfolger von Elia lebte und handelte im Wissen: So wahr der Herr der Heerscharen lebt, vor dessen Angesicht ich stehe (2Kön. 3,14; 5,16)

David war nach seiner schrecklichen Sünde mit Bathseba bewusst: An dir allein habe ich gesündigt… (Ps. 51,6) Gott selbst urteilte über die Gottlosigkeit Israels: Ihr Weg vor mir war wie die Unreinheit einer Frau in ihrer Monatsblutung… (Hes. 36,17) Und durch Jeremia ließ Gott mitteilen: Wenn du dich auch mit Lauge waschen und viel Seife dazu nehmen würdest, so würde deine Schuld vor meinem Angesicht doch schmutzig bleiben! (Jer. 2,22)

Die Reformatoren haben für das Leben vor dem einen Zuschauer den Ausdruck coram Deo geprägt. Jesus selbst kommt in der Bergpredigt auf das auf Gott gerichtete Leben zu sprechen.

Habt acht, vor wem ihr lebt!

Bei der Bergpredigt muss man sich vor Augen halten, an wen diese Rede gerichtet ist: Es waren seine Jünger: Als seine Jünger zu Christus traten, sprach er zu ihnen (Mt. 5,1.2). Er beginnt seine Rede mit dem Ausruf: Glückselig sind die geistlich Armen… (Mt. 5,3). Damit spricht er die an, die ihren vollständigen Bankrott vor Gott erkannt haben.

In der Auslegungsgeschichte ist die Bergpredigt häufig falsch verstanden worden. Zum Beispiel wurde dieser Vers auf Menschen bezogen, die sich besondere Verdienste erwerben wollten, und deswegen nach Armut strebten. Andere betonten den Gesetzescharakter der Rede Christi, und sie zogen dann daraus den Schluss, dass die Bergpredigt unerfüllbar sei. Manche deuteten diese Rede als Aufruf zum radikalen Gewaltverzicht. Wieder andere sahen die Heilsgeschichte Gottes in verschiedene Zeitabschnitte aufgeteilt und wollten in der Bergpredigt ein Programm für einen zukünftigen Zeitabschnitt erkennen. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi sah diese Predigt sogar als Programm zur Sozialreform. Die moderne Situationsethik interpretierte die Bergpredigt als Erfordernis des Reiches Gottes für einen bestimmten Augenblick.

Werfen wir einen Blick auf die Schlüsselstelle der Rede: Seid vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist! (Mt. 5,48) Dieser Anforderung kann kein Mensch entsprechen. Im Licht des Neuen Testaments können wir zwischen zwei unterschiedlichen, gleichzeitig bestehenden Tatsachen unterscheiden: Wir sind in Christus vollkommen gemacht und deshalb Heilige. (zum Beispiel 1Kor. 1,2) Gleichzeitig wachsen wir in der Heiligung als einem fortlaufenden Werk, in dem der Heilige Geist in den erneuerten Menschen wirkt (zum Beispiel Hebr. 12,14).

Nachdem nun klar ist, dass Jesus sich in der Bergpredigt an die Jünger wendet und seine Rede nur so richtig verstanden werden kann, fragen wir: Wie baute der Herr seine Verkündigung auf? Der Sohn Gottes definierte zuerst, was wahres Glück ausmacht. Damit korrigierte er die zeitgenössischen falschen Auslegungen über das Gesetz. Im Anschluss daran deckt der Herr die Einstellung seiner Jünger auf. Christus entlarvt die Verkehrtheit ihrer Prioritäten. Dabei knüpft er an drei alltägliche Gewohnheiten des damaligen jüdischen Lebens an: Almosengeben, Beten und Fasten.

Wer vor Menschen lebt…

Der Abschnitt beginnt mit den Worten Habt acht! (Mt. 6,1) Jesus hält ein Warnschild hoch. Wovor warnt er? Viermal spricht er davon, dass wir dazu neigen, vor den Menschen zu leben: um von ihnen gesehen/gepriesen zu werden (Mt. 6,1.2), um sich vor den Leuten zu zeigen (Mt. 6,5), um von den Leuten bemerkt zu werden (Mt. 6,16).

Ich beschreibe anhand des Abschnitts zuerst drei Merkmale von Menschen, die vor anderen Menschen leben, und dann drei weitere über solche, die vor Gott leben.

… rechtfertigt es damit, dass seine Handlungen gut seien.

Zuerst lernen wir, dass wir Dinge, die an sich richtig sind, in der falschen Absicht ausführen können. Halte einen Moment inne und denke darüber nach. Du kannst die beste Sache tun, doch Gott kommt es zuerst einmal darauf an, weshalb du sie tust.

Das ist übrigens ein entscheidender Unterschied zu einem nicht erlösten Menschen. Er kann äußerlich ein tugendhaftes Leben führen. Doch die entscheidende Frage lautet: Auf wen richten sich seine Bemühungen? Geschieht etwas aus einem durch den Glauben gereinigten Herzen (Apg. 15,9)?

Eine besondere Herausforderung ist dies im Zeitalter der sozialen Medien. Das Ideal gibt vor, sich nach außen optimal zu präsentieren. Man spricht hier gegenwärtig vom Self-Fashioning (Selbstdarstellung). Und um vor anderen besser dastehen zu können, liegt es schon einmal drin, sich selbst zu überhöhen und zu lügen.

… lebt taktisch

Der Herr Jesus spricht hier mehrmals von Heuchlern (Mt. 6,2.5.16). Das dafür gebrauchte Wort stammt ursprünglich aus der griechischen Theaterwelt. Dort trugen die Schauspieler Masken, wenn sie ihre Rolle spielten. Jesus meint hier damit, dass das äußere Verhalten nicht mit der inneren Absicht übereinstimmt. Der Herr verweist hier zusätzlich auf die Heiden. Diese dachten, dass sie um der vielen Worte willen (Mt. 6,7) erhört würden. Mit anderen Worten: Für sie zählte die eigene Leistung, die Performance. Die Inszenierung wird zum eigentlichen Ziel der Handlung. Im Vordergrund steht nicht mehr der Adressat des Gebets.

…will im Jetzt belohnt werden

Jesus urteilt über das Leben vor den Menschen: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. (Mt. 6,2.5.16) Hier spricht der Sohn Gottes einen weiteren Punkt an: Wer vor Menschen lebt, will sofort belohnt werden. Dafür ist heutzutage der Begriff Instant-Gratification geprägt worden. Das gute Gefühl, von anderen beachtet zu werden, zählt. Was sich nicht unverzüglich auszahlt, ist nichts wert. In allen Lebensbereichen werden wir in diesen Lebensstil gedrängt, vorab durch die Werbung, aber auch in praktischer Ratgeberliteratur. In Arbeit und in Beziehungen erscheint die sofortige emotionale Belohnung das Wichtigste zu sein. Hören wir die mahnenden Worte von Jesus! Ein auf sich selbst ausgerichtetes Leben verdampft.

Wie sieht denn im Kontrast dazu ein Leben vor Gott aus?

Wer nicht mehr vor Menschen lebt

… der sammelt Schätze für einen anderen Ort

Man könnte jetzt vielleicht meinen, dass ein Leben vor Gott von Aufgaben entbindet, sodass man nach dem Motto leben könnte: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Ein Leben vor Gott ist jedoch keine Entschuldigung für Trägheit, Müßiggang und Passivität.

Wer vor Gott lebt, setzt sich mit Eifer für andere ein! Ich erlebe Menschen, die nicht ständig auf die emotionale Bestätigung anderer angewiesen sind, als „verschwenderischer“. Ich denke da an eine 75-jährige Frau, die sich seit dem Beginn der Pensionierung für Familien mit Kindern einsetzt. Das Entscheidende: Wir sammeln Schätze für einen anderen Ort, den Himmel.

… entwickelt ein angemessenes Bild von Gott

Der Herr Jesus spricht dreimal von dem Vater, der ins Verborgene sieht (Mt. 6,4.6.18). Das heißt nicht, dass wir alles im Versteck erledigen sollen. Ich habe schon Menschen erlebt, die all ihr Tun unter einer gekonnten Art von Scheindemut verbargen. Das meint Christus hier ganz und gar nicht. Der Sohn Gottes hatte kurz zuvor dazu aufgerufen, das Licht vor den Menschen leuchten zu lassen. (Mt. 5,16) Vor Gott zu leben, kann heißen, gerade etwas trotz Scham und Widerstand auszuführen. Ein gutes Beispiel dafür ist Elia. Als er vor den König Ahab trat und ihm eine Dürre ankündigte, erfüllte er diesen öffentlichen Auftrag im Wissen darum, dass er vor Gott stand. (1Kön. 17,1) Prompt wurde ihm vorgeworfen, dass er damit ganz Israel ins Unglück gestoßen habe. (1Kön. 18,17)

Der Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. (Mt. 6,8)

Das führt mich zu einem Umkehrschluss: Wer vor Menschen lebt, der misstraut Gott! Er bringt damit zum Ausdruck, dass er nicht auf die Versorgung seines Vaters vertraut, sondern zusätzlich Ehre von den Menschen benötigt. Francis Schaeffer, ein Evangelist, verglich dies mit zwei Stühlen: Die unerlösten Menschen leben im Bewusstsein der sichtbaren Welt, und für die andere, ebenso reale Welt, haben sie keinen Blick. Leider leben auch viele Christen so, als ob es nur diesen einen Stuhl der sichtbaren Welt gäbe. Sie ignorieren den zweiten Stuhl der unsichtbaren Welt völlig!

… fragt sich immer wieder: Wo ist mein Herz jetzt gerade? 

Dem Eifer und einem angemessenen Bild über Gott folgen die Taten. Einige Menschen neigen dazu – ich auch -, dass wir uns zwar bewusst werden, dass wir vor Gott leben sollten. Weil wir jedoch unsere Gewohnheiten nicht ändern, bleibt es bei Gedanken und Vorsätzen. Jesus spricht von konkreten Vorkehrungen: Lass deine Linke nicht wissen, was die Rechte tut! (Mt. 6,3) Geh in deine Kammer, und schließe sie ab! (Mt. 6,6) Salbe dein Haupt, und wasche dein Gesicht! (Mt. 6,17).

Betrügen wir uns nicht mit Scheinlösungen! Jesus fordert auf, konkrete Schritte zu unternehmen. Was heißt es beispielsweise, unseren Vorgesetzten nicht mehr mit Augendienerei zu gehorchen, um Menschen zu gefallen (siehe Eph. 6,6)?

Unverdiente Belohnung

Als ob die gesamte Zuwendung Gottes nicht genug wäre, so überschüttet der himmlische Vater uns am Ende noch mit Belohnung (Mt. 6,4.6.18). Im Licht des Neuen Testaments wissen wir, dass wir Söhne und Töchter, also Erben geworden sind (siehe Gal. 4,7). Es ist wahr: Vor Gott zu leben heißt oft, keine sofortige emotionale Befriedigung von Menschen zu erhalten. Aber auf lange Sicht ist es Glück und ewige Befriedigung!

Ich bin davon überzeugt, dass der darauffolgende Abschnitt (Mt. 6,19-21) inhaltlich dicht an den vorhergehenden anschließt. Jesus fragt danach, wem unser Herz gehört, was uns bei unseren Entscheidungen antreibt. Es geht um die Frage nach dem wahren Schatz.

Ein solches Leben führte Jesus in vollkommener Weise. Für ihn zählte das, was vor seinem Vater wohlgefällig ist. Das zeigte sich beispielsweise, als ihn seine ungläubigen Brüder aufforderten, er solle sich doch der Welt zeigen. Da sprachen seine Brüder zu ihm: Brich doch auf von hier und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen können, die du tust! Denn niemand tut etwas im Verborgenen und sucht zugleich öffentlich bekannt zu sein. Wenn du diese Dinge tust, so offenbare dich der Welt! Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn. (Joh. 7,3-5)

Seine Brüder forderten ihn auf, sich zu zeigen, um bekannt zu werden. Sie warfen ihm ein widersprüchliches Verhalten vor. Nun wissen wir, weshalb Jesus ablehnend reagierte. Er ging dann zwar trotzdem nach Jerusalem, jedoch nicht, um sich zu zeigen und bekannt zu werden, sondern um seinen Auftrag zu erfüllen – zur Freude seines Vaters.

Prüffragen:

Wie können wir uns prüfen und neue Gewohnheiten entwickeln?

Bekenne, wenn du dich in Gedanken ertappst, dass du Menschen gefällig handelst. Unser Prozess des Denkens muss erneuert werden. Es handelt sich um eine andauernde Erneuerung, die bis zum letzten Tag unseres Lebens weitergehen wird.

Zwei Fragen zur praktischen Umsetzung:

  • Auf welche Menschen reagiere ich sofort und versuche mich unreflektiert ihnen anzupassen?
  • Würde ich das Gleiche tun, wenn mich niemand sieht oder mir die Verachtung meiner Umgebung gewiss ist?