Neuausrichtung des Lebens, nicht nur nach der Urlaubszeit – Einsichten aus dem Buch Prediger

Viele von uns waren in den zurückliegenden Wochen im Urlaub. Inzwischen hat uns der Alltag wieder eingeholt. Es wartet wieder die Arbeit auf uns. Gerade diesen Umschwung erleben wir nicht selten als Unglück, denn nun scheint wieder die Monotonie des Alltags zu beginnen.
Nicht nur in dieser Situation ist es gut, auf ein Buch aus dem Wort Gottes zu achten, auf das Buch des Predigers Salomo.
Bekanntlich haben wir in der Bibel mehrere Schriften, die von diesem König verfasst worden sind. Zum einen ist es das Buch der Sprüche und dann das Hohelied. Nicht zuletzt sind uns auch zwei Psalmen von Salomo überliefert, der Psalm 72 und der Psalm 127. Alle diese Schriften sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sich mit Themen des täglichen Lebens beschäftigen. Salomo behandelt Fragen des Alltags.
Außerdem haben wir von Salomo noch das Buch Prediger. Zu Beginn dieses Buches stellt der Verfasser sich vor als der Sohn Davids, der König in Jerusalem (Pred. 1,1). Die hebräische Bezeichnung dieses Buches lautet Kohelet. Bei diesem Wort haben wir an einen Redner zu denken, der auf einer Versammlung auftritt. Wir können uns eine Volksversammlung vorstellen, auf der der König Salomo eine Rede hielt. Das dem hebräischen Wort Kohelet entsprechende Wort im Griechischen und im Lateinischen heißt Ecclesiastes. Dieses Wort übersetzte Luther mit Prediger.
Worum geht es in diesem Buch? Welche Botschaft wird uns hier durch den Heiligen Geist vermittelt? Die ersten Worte dieses Buches lauten: O Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist nichtig (Pred. 1,2). Entsprechendes lesen wir gegen Ende des Buches erneut: Nichtigkeit der Nichtigkeiten, alles ist nichtig (Pred. 12,8).
Wenn wir im Urlaub oder in den Ferien waren, sind wir aus unserem Alltagstrott herausgetreten. Wer von uns strebt nicht danach, aus dem täglichen Tick-Tack auszusteigen? Aber gerade eine solche Zeit kann Anlass dafür sein, dass wir uns in einem inneren Loch wiederfinden. Denn gerade in einer solchen Situation können bei uns Fragen aufbrechen, die wir im Gleichtakt des Alltags zu verdrängen pflegten. Wir drückten sie dann weg. Die Begründung dafür war sehr schnell gefunden: Wir haben jetzt keine Zeit, uns diesen Fragen zu stellen.
Aber wenn man dann aus dem täglichen Einerlei herausgekommen ist, kann es sein, dass Fragen über das eigene Leben umso massiver an einem zu nagen beginnen.
Aber wie gesagt. Inzwischen sind wir wieder zu Hause: Vielleicht denken wir mit Wehmut an die wunderschönen, erholsamen, abwechslungsreichen Urlaubstage zurück. Doch gerade im Kontrast dazu, also wenn wir uns jetzt im Alltag wiederfinden, kann es sein, dass wir diesen als noch „grauer“ wahrnehmen als er uns vor dem Urlaub erschien. So kann es geschehen, dass wir uns unmittelbar nach dem Urlaub erst einmal sehr matt fühlen, vielleicht sogar niedergeschlagen, gerade in dem Wissen, dass uns ja jetzt der Alltag wieder hat, in dem unser Leben von Stechuhr oder Terminkalender bestimmt ist.
Frage: Benötigen wir ausgerechnet in einer solchen Lage die Botschaft, wie sie Salomo zu vermitteln scheint: Nichtigkeiten der Nichtigkeiten. Alles ist nichtig? Damit wird uns doch geradezu das bekräftigt, was wir sowieso wissen, nämlich dass das Leben nun erst einmal wieder stupide und irgendwie monoton sein wird.
Um zu erfassen, worum es Salomo in dem Buch Prediger geht, also was das Ziel, was die Absicht dieses Buches ist, ist es sinnvoll, zunächst einen kurzen Blick auf das Resümee zu werfen, also auf den Abschluss dieses Buches. Eigentlich verhält es sich bei jeder guten Publikation so: Aus den Schlussfolgerungen lässt sich erkennen, was der Schreiber bezweckt, also welche Botschaft er rüberbringen will.
Wenn ich Arbeiten von Studenten lese und zu bewerten habe, dann mache ich es häufig so, dass ich mir zunächst ihr Fazit anschaue, also das Ende durchblättere: Was ist das Ergebnis, zu dem sie gelangt sind, um dann von dort ausgehend, also vom Ziel her, ihre Argumentation und ihre Gedankenführung zu lesen.
So ähnlich wollen wir bei dem Buch Prediger vorgehen. Vom Ende des Buches her wollen wir versuchen, die Botschaft dieses Bibelbuches zu verstehen. Wir werden sehen: Salomo beabsichtigt keineswegs, uns in eine depressive oder schwermütige Stimmung zu versetzen. Im Gegenteil: Es geht ihm darum, aufzuzeigen, was in dieser Welt ein Leben kennzeichnet, das es wert ist gelebt zu werden. Er beantwortet die Frage: Was ist die Quintessenz eines guten Lebens? Seine Antwort sei gleich vorweggenommen: Fürchte Gott, und halte seine Gebote (Pred. 12,13).

1. Die Nichtigkeit des irdischen Lebens

Ohne irgendwelche Umschweife fällt der Prediger mit der Botschaft ins Haus, oder richtiger: in unsere trübe Lebensstimmung: Nichtigkeit der Nichtigkeiten. Alles ist nichtig. (Pred. 12,8)
Vielfach wird dieser Ausdruck auch übersetzt mit Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel. Das ist möglich. Aber bei der Übersetzung mit Eitelkeit dürfen wir nicht das Bild eines jungen Mädchens vor Augen haben, das stundenlang vor dem Spiegel steht, um sich schön(er) oder attraktiv(er) zu machen. Ein solches Verhalten mag ganz sicher durch Eitelkeit motiviert sein. Aber um eine solche Eitelkeit geht es in dem Buch Prediger nicht.
Insofern ist die Schlachter 2000-Übersetzung weniger missverständlich: Nichtigkeit. Wir können den Begriff auch übersetzen mit: Sinnlosigkeit oder mit Hohlheit, Leere. Das Wort, das hier im Hebräischen steht, kann sogar konkret gegenständlich verstanden werden. Dann meint es so viel wie Dunst oder Nebel. Salomo verkündet hier also durch den Heiligen Geist: In dieser Welt ist alles nichtig, sinnlos, und unser Leben ist in vieler Hinsicht unklar, dunstig, in Nebel gehüllt.
Wenn in Prediger 12,8 von Nichtigkeit der Nichtigkeiten gesprochen wird, dann ist das als Superlativ zu verstehen. Denken wir zum Vergleich an den Ausdruck König der Könige. Das meint so viel wie höchster König. Salomo verkündet hier also: Diese Welt ist von einem abgrundtiefen, alles bestimmenden Nichts durchzogen. Was uns in dieser Welt umgibt, ist unter der Sonne betrachtet totale Leere, Sinnlosigkeit, Nichtigkeit.
Das gilt auch für unser Erkennen. Es gilt für all das, was wir uns einbilden, über diese Welt und über unser Leben zu wissen. In Wahrheit ist alles Dunst. In Wahrheit ist all unsere Wissenschaft nichts anderes als ein Herumstochern im Nebel.
Es ist interessant, dass nicht wenige der neueren Philosophen und Denker dies erahnen und unseren gesamten Wissenschaftsbetrieb als nichts anderes bewerten als ein „Sprachspiel“, das nur deswegen so wichtig genommen wird, weil sich weltweit alle daran beteiligen.
Aber es gibt auch Menschen, die eine solche Botschaft nicht hören wollen. Nicht selten halten sich auch Christen bei einer solchen Auskunft lieber die Ohren zu. Sie meinen, die Feststellung, alles sei nichtig, sei nicht christlich. So etwas klinge postmodern, nihilistisch, auf jeden Fall aber „unterchristlich“.
Zur Untermauerung ihrer Auffassung weisen sie darauf hin, dass ja schließlich das Buch Prediger nirgendwo im Neuen Testament zitiert sei. Das ist richtig. Aber ich erinnere an die Aussage des Apostels Paulus in Römer 8,20. Dort schreibt er: Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit, der Nichtigkeit unterworfen. Diese neutestamentliche Aussage entspricht genau dem, was Salomo zu Beginn des Buches Prediger ausführlicher darlegt.
Dass diese Welt der Nichtigkeit unterliegt, schreibt Paulus an Christen. Mit anderen Worten, der Apostel teilt den Christen mit: Macht euch über das Irdische keinerlei Illusionen. Diese Welt, diese Schöpfung ist nichtig. Sie ist leer, und sie ist durch und durch nebelhaft. Diese Welt ist nicht nur vergänglich, sie ist nicht nur dem Tod unterworfen, sondern sie ist auch von düsterer Leere durchzogen und von abgründiger Sinnlosigkeit umfangen. Eben: Nichtigkeit der Nichtigkeiten.
Salomo trifft diese Aussage, nachdem er die unterschiedlichsten Lebensentwürfe ausprobiert hat. Hören wir einmal, womit er so alles experimentiert hat.
Er begann zunächst mit einer Lebensführung, in der die intellektuelle Arbeit im Vordergrund stand: Philosophie, Wissenschaft, Weisheitssuche. Seine Lebensdevise lautete: Viel lesen, viel studieren. Nachdem er dies über einen längeren Zeitraum durchgezogen hat, kommt er zu folgendem Ergebnis: Krumme Sachen kann man nicht gerade machen, und die, welche fehlen, kann man nicht zählen. Da redete ich mit meinem Herzen und sprach: Siehe, nun habe ich mir mehr und größere Weisheit angeeignet als alle, die vor mir über Jerusalem herrschten, und mein Herz hat viel Weisheit und Wissenschaft gesehen. Und ich richtete mein Herz darauf, die Weisheit zu erkennen und zu erkennen, was Tollheit und Unverstand sei. (Pred. 1,15-17a). Darauf folgt sein Resümee: Aber ich habe auch das als ein Haschen nach Wind erkannt. Denn wo viel Weisheit ist, da ist auch viel Enttäuschung, und wer sein Wissen mehrt, der mehrt seinen Schmerz. (Pred. 1,17b.18)
In der Regel verfolgt unser geistiges Arbeiten die Absicht, diese Welt, oder zumindest Aspekte dieser Welt in ihren Zusammenhängen zu durchschauen, zu erfassen, zu vermessen, zu strukturieren, zu kategorisieren, zu ordnen. Aber nachdem Salomo das eine Weile gemacht hat, erkennt er: Das alles war und ist ein Haschen nach Wind. Es ist wie Staubwischen in der Wüste. Das Einzige, was am Schluss übrig bleibt, ist die Einsicht: Wo viel Weisheit ist, da ist auch viel Enttäuschung. Da ist viel Verdruss. Heute würde man sagen: Frustration.
Auch sichert man keineswegs durch viel Wissen sein Leben ab. Das war eine der Grundüberzeugungen der neuzeitlichen Philosophie. Salomo weiß es besser. Er erklärt: Wer geistig arbeitet, macht sich in Wahrheit dadurch wesentlich leichter verletzlich: Wer Wissen mehrt, der mehrt seinen Schmerz (Pred. 1,18).
Dann ist noch ein zweiter Lebensentwurf vorstellbar. Man sucht seinen Lebensinhalt im Vergnügen. Salomo schildert auch dies: Ich dachte in meinem Herzen: Auf, ich will es mit der Freude versuchen und das Gute genießen! – Aber siehe, auch das ist nichtig! Vom Lachen sprach ich: Es ist töricht! Und von der Freude [Lust]: Was bringt sie? (Pred. 2,1.2). Tatsächlich: Irgendwann ist jede Genusssucht ausgereizt, jede Party besucht, jedes scheinbare Vergnügen ausgekostet. Und dann kommt die Katerstimmung.
Schließlich erörtert der König noch eine dritte Möglichkeit: Salomo macht sich zum workaholic. Er stürzt sich gleich in mehrere Arbeits-Projekte. Auf diese Weise, also durch seine übermäßige Leistung hofft er zu Reichtum zu gelangen, um dadurch vor anderen glänzen zu können, also von ihnen Anerkennung und Beifall zu erhalten: Ich führte große Unternehmungen durch; ich baute mir Häuser, pflanzte mir Weinberge. Ich schuf mir Gärten und Parkanlagen und pflanzte darin Fruchtbäume jeder Art. Ich legte mir Wasserteiche an, um daraus den sprossenden Baumwald zu tränken. Ich kaufte Knechte und Mägde und hatte auch Gesinde, das in meinem eigenen Haus geboren war; so hatte ich auch größere Rinder- und Schafherden als alle, die vor mir in Jerusalem gewesen waren. Ich sammelte mir auch Silber und Gold, Schätze der Könige und Länder. Ich verschaffte mir Sänger und Sängerinnen und was zur Wollust der Menschensöhne dient: Frauen über Frauen. Und ich wurde größer und reicher als alle, die vor mir in Jerusalem gewesen waren. Auch blieb meine Weisheit bei mir. Und ich versagte meinen Augen nichts von allem, was sie begehrten. Ich hielt mein Herz von keiner Freude zurück, denn mein Herz schöpfte Freude aus all meiner Mühe, und das war mein Teil von aller meiner Mühe (Pred. 2,4-10). Aber dann heißt es weiter: Als ich mich aber umsah nach all meinen Werken, die meine Hände gemacht hatten, und nach der Mühe, die ich mir gegeben hatte, um sie zu vollbringen, siehe, da war alles nichtig und ein Haschen nach Wind und nichts Bleibendes unter der Sonne (Pred. 2,11).
Mit anderen Worten: Das, was man erarbeitet, ist nicht beständig. Doch genau danach strebt der Mensch. Er will etwas Bleibendes schaffen. Aber genau darin wird er immer wieder zuschanden. Was aber hat man von einem Ruhm, bei dem man befürchten muss, dass er morgen schon wieder verblasst ist und bald sich schon niemand mehr an einen erinnert?
Angesichts dessen, dass nichts in dieser Welt Bestand hat, wird alles, was man aufgebaut hat, nichtig und eitel. Dabei ist es gleichgültig, ob man ein wissenschaftliches Forschungsprojekt vorantreibt, ob man sich ins Vergnügen stürzt oder ob man sich in seinen Leistungen, in seinem Reichtum und in den vermeintlichen Erfolgen und damit in den erhofften Beifallskundgebungen seiner Kollegen sonnt und daraus seine Religion macht.
Muss diese Einsicht über das Leben, wenn sie über uns kommt, uns nicht in Verzweiflung stürzen und in die Schwermut treiben? Tatsächlich war genau das das Ergebnis, zu dem Salomo – zunächst – gelangte: Da wandte ich mich ab und überließ mein Herz der Verzweiflung über all die Mühe, womit ich mich abgemüht hatte unter der Sonne. Denn das Vermögen, das einer sich erworben hat mit Weisheit, Verstand und Geschick, das muss er einem anderen als Erbteil abgeben, der sich nicht darum bemüht hat. Auch das ist nichtig und ein großes Unglück! Denn was hat der Mensch von all seiner Mühe und dem Trachten seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne? Denn er plagt sich jeden Tag mit Kummer und Ärger. Sogar in der Nacht hat sein Herz keine Ruhe. Auch das ist nichtig! Ist es dann nicht besser für den Menschen, dass er esse und trinke und seine Seele Gutes genießen lasse in seiner Mühsal? (Pred. 2,20-24a).
Aber hier endet das Buch Prediger nicht. Es ist nicht alles, was der König verkündet. Der Grund ist: Salomo hatte gelernt, diese irdische Welt nicht nur unter dem Blickwinkel der Diesseitigkeit (unter der Sonne) zu sehen. Wenn das Hier und Jetzt alles wäre, dann müsste man angesichts dieser Einsichten eine konsequent buddhistische Lebensanschauung befürworten: Leben ist Leiden. Aber Salomo kennt den ewigen Gott, der alles regiert, und deswegen richtet er sein Leben neu aus.

2. Das wunderbare Geschenk, hier auf dieser Erde vor Gottes Angesicht leben zu dürfen

Doch habe ich gesehen, dass auch das von der Hand Gottes abhängt. Denn: ‚Wer kann essen und wer kann genießen ohne mich?‘ Denn dem Menschen, der vor ihm [Gott] wohlgefällig ist, gibt er Weisheit und Erkenntnis und Freude. Aber dem Sünder gibt er die Plage, zu sammeln und zusammenzuscharren, um es dem abzugeben, der Gott wohlgefällig ist. Auch das ist nichtig und ein Haschen nach Wind (Pred. 2,24-26).
Während bei der Lebensperspektive unter der Sonne, also bei der Orientierung, die einzig und allein auf diese Welt fokussiert ist, alles sinnlos, nichtig und leer bleibt, ein Haschen nach Wind, hat von Gott her, also unter der Perspektive des ewigen Gottes, alles Irdische seinen Sinn: das Suchen nach Weisheit, das Genießen, sagen wir: das Entspannen oder das Urlaubmachen, und dann wieder das An-die-Arbeit-Gehen.
Es ist ein riesiger Unterschied, ob wir auf die irdischen Dinge fixiert sind, ob wir sie als Letztwert begreifen oder ob wir sie als Geschenk Gottes an uns erfassen dürfen. Wenn wir vor Gott in dieser Schöpfung nach Zusammenhängen geistig forschen dürfen, wenn wir vor Gott Ferien, Urlaub machen dürfen und dann auch wieder vor Gott an unser Tagewerk gehen dürfen, dann begreifen wir unser Leben unter dem Aspekt der Ewigkeit. Wir lernen es als eine Gabe Gottes zu verstehen.
In diesem Zusammenhang sagt Salomo: Ich habe erkannt, dass es nichts Besseres unter ihnen [unter all den Tätigkeiten] gibt, als sich zu freuen und Gutes zu genießen in seinem Leben. Doch wenn irgendein Mensch isst und trinkt und Gutes genießt bei all seiner Mühe, so ist das auch eine Gabe Gottes. (Pred. 3,12.13).
Haben wir gut gelesen? Alles, so erläutert Salomo, ist eine Gabe Gottes geworden. Dabei weiß er: Urlaub machen ist angenehmer als zu schuften. Und der König Salomo trifft diese Feststellung ohne ein schlechtes Gewissen.
Aber dahinter liegt eine geradezu atemberaubende Einsicht. Salomo legt seinen Finger darauf, dass im Grunde überhaupt nur derjenige in der Lage ist, diese Schöpfung wahrhaftig zu genießen, der Gott kennt. Allein derjenige, der von der Ewigkeit weiß, kann sich an der Zeitlichkeit dieser Welt erfreuen. Die anderen müssen diese Welt im Rausch erjagen und im Nebel ertragen. Darum heißt es gleich im nächsten Vers: Ich habe erkannt, dass alles, was Gott tut, für ewig ist. Man kann nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen. Und Gott hat es so gemacht, damit man ihn fürchte. (Pred. 3,14, vergleiche auch 3,11).
Solange wir nicht erfasst haben, dass alles, was uns in dieser Welt an Zeitlichem umgibt, in die Ewigkeit eingebettet ist, haben wir noch nicht verstanden, was Gott uns mit dieser Schöpfung geschenkt hat. Erst wenn wir diese Welt – und zwar durchaus auch in ihrer Zeitlichkeit – als ein Geschenk Gottes an uns begreifen, können wir sie überhaupt genießen und fangen an, Gott zu fürchten.
Dann erleben wir im Glauben unsere Umwelt als Gabe Gottes: unser Sitzen vor dem Computer, unsere Hausarbeit, unser Ausspannen im Urlaub und auch die hohen Leistungsvorgaben, die uns heutzutage an unserem Arbeitsplatz im Betrieb abverlangt werden. Denn wir machen das alles dann nicht, um auf diese Weise unsere eigene Identität herzustellen, sondern wir empfangen diese verschiedenen Möglichkeiten als Geschenke, als Gaben Gottes an uns. Damit diese Botschaft bei uns ankommt, wiederholt Salomo sie mehrfach: Wenn Gott irgend einem Menschen Reichtum und Schätze gibt und ihm gestattet, davon zu genießen und sein Teil zu nehmen und sich zu freuen in seiner Mühe, so ist das eine Gabe Gottes (Pred. 5,18).
Wir besitzen vielleicht ein Haus oder ein Auto. Oder wir sind gerade von einer schönen Urlaubsreise heimgekehrt, oder wir sind schon dabei, die nächste zu planen. Wirklich genießen können wir das Irdische nur, wenn wir es als Gabe Gottes zu sehen gelernt haben. Salomo sagt: Ich habe verstanden, dass das alles eine Gabe Gottes ist….
Dass wir ein Dach über dem Kopf haben, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen, ob wir heute Abend genug zu essen haben, dass wir am Sonntag ausspannen und ihn heiligen dürfen: Alles sind Geschenke des lebendigen Gottes an uns.
Alles das dürfen wir dann von Gott empfangen. Wir empfangen es dann, wenn wir – wie Dietrich Bonhoeffer formulierte – es nicht als „Letztes“, sondern als „Vorletztes“ zu begreifen gelernt haben. Wenn die irdischen Dinge wie Forschen, Freizeit oder auch das Erbringen von Leistungen nicht unsere letzten Größen sind, von denen unser Lebensheil vermeintlich abhängt, dann werden sie zu Gaben Gottes. Egal welche Vorstellung wir über unsere Lebensgestaltung haben: Wir sind auf jeden Fall nicht mehr vom Irdischen eingezwängt. Vielmehr dürfen wird dann gelassen in Dankbarkeit vor Gott, dem Ewigen, alles Mögliche empfangen.
Wenn dagegen das Irdische zu unserer letzten Bezugsgröße geworden ist, also einen Letztwert bekommen hat, dann wird es zu einem Götzen. Und jeder Götze macht auf die Dauer kaputt.
Wenn Salomo sein Buch mit dem Satz beginnt, Nichtigkeit der Nichtigkeiten, dann verkündet er damit nicht eine Verachtung des irdischen Daseins. Schon gar nicht will er, dass wir gegenüber der Schöpfung eine Haltung einnehmen im Sinn von: Alles Leben ist Leiden. Es geht Salomo auch nicht um eine auf das Diesseits fixierte Genussphilosophie. So wie es zum Beispiel eine antike philosophische Richtung in einer Aussage zusammenfasst, die der Apostel Paulus einmal zitiert: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (1Kor. 15,32).
Vielmehr vermittelt Salomo uns die Botschaft: Wirkliches Genießen dieser Welt, wirkliches Genießen des irdischen Daseins mit seinen vergänglichen Schöpfungsgaben ist überhaupt nur denkbar, wenn wir von der Ewigkeit wissen, also wenn wir Gott kennen.
Wer dagegen die irdische Dimension der Wirklichkeit losgelöst von Gott sieht, also wer sie so begreift, wie sie leider diejenigen verstehen müssen, die Gott nicht kennen, der kann nur an der Begrenztheit alles Irdischen verzweifeln und von der Nichtigkeit des Daseins angewidert und angeekelt sein. Dann verbleiben ihm als Auswege entweder die hassvolle Rebellion gegen das Leben oder die resignierende Schwermut. Wer dagegen Gott kennt, der darf sein zeitliches Dasein als Geschenk des Schöpfers begreifen und das Irdische in Dankbarkeit von ihm empfangen.
Wenn Salomo verkündet, dass das Leben nichtig und leer ist, dass dieses Leben ein Dunst ist, dann will der König damit gerade nicht verkündigen, dass dieses irdische Leben nicht wert ist, gelebt zu werden. Vielmehr sind diese Feststellungen die Folie, auf der er uns die Botschaft bringt: Das Leben ist nur dann wert gelebt zu werden, wenn wir gelernt haben, es als Gabe Gottes zu sehen.
Das hat praktische Konsequenzen: Wir brauchen dann nicht mehr versuchen, unser Leben durch Grübeleien zu entschlüsseln, zumal all unser Herumbrüten und unsere kombinatorischen Tüfteleien sowieso nichts enträtseln. Wir werden niemals die Lösung für unser Leben insgesamt finden.
Warum gelingt uns das nicht? Antwort: Weil der Schlüssel zu unserem Leben gar nicht in unserer Hand liegt. Er liegt bei Gott. Und bei ihm, dem Allmächtigen, dort bleibt er liegen. Diesen Schlüssel behält Gott bei sich.
Aus diesem Grund können wir Bücher mit Titeln wie: „Der Schlüssel zum wahren Glück“, „…zur harmonischen Partnerschaft“, „…zur erfolgreichen Karriere…“ „… wie man in einem Jahr Millionär wird“ gleich wieder vergessen und in den Müll werfen. Bücher, in denen uns ein Leben mit einer Vision vorgegaukelt wird, sind in ihrem idealistischen Machbarkeitswahn einzig und allein wert, in die Tonne getreten zu werden. Derartige Produkte spielen geschickt auf unsere Träume und Sehnsüchte an, aber sie stimmen nicht mit dem realen Leben überein.
Da legt man sich in seinem Leben manches zurecht. Namentlich wenn man jung ist, konstruiert man sich ein Bild über das eigene Leben, wirft den Anker seiner Ideale weit hinaus und geht zunächst wie selbstverständlich davon aus, dass sich das alles in den restlichen Lebensjahren nach und nach umsetzen wird. Ältere Zeitgenossen wissen es bereits: Diese Meinung ist weitgehend nichts anderes als ein riesengroßer Bluff. Vielmehr verbringen wir den Rest unseres Lebens damit, zu lernen, dass das Leben so nicht läuft, wie wir uns das vorgestellt haben. Nein, unser Leben lässt sich nicht durch uns selbst ausrechnen. Insofern ist es nicht planbar. In vieler Hinsicht bleibt es uns insgesamt immer ein Rätsel. Salomo formuliert das so: Ich habe das mühselige Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, damit sie sich damit abplagen. Er hat alles vortrefflich gemacht zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er ihnen ins Herz gelegt – nur dass der Mensch das Werk, das Gott getan hat, nicht von Anfang bis zu Ende ergründen kann. (Pred. 3,10.11). Nein, wir können es nicht ergründen.
An einer anderen Stelle betont der König einen weiteren beachtenswerten Aspekt: Am guten Tag sei guter Dinge, und am bösen Tag bedenke: Auch diesen hat Gott gemacht gleichwie jenen – wie ja der Mensch auch gar nicht herausfinden kann, was nach ihm kommt (Pred. 7,14). Weil wir nicht wissen, was die Zukunft bringt, wissen wir im Grunde auch nicht, was ein guter Tag für uns ist und was ein böser Tag ist. Haben wir es noch nie registrieren müssen: Das, was sich uns zunächst als positiv darstellte, erwies sich nach einem gewissen zeitlichen Abstand als negativ? Und umgekehrt.
Ohne Frage: Da gibt es in unserem Leben Tage des Wohlergehens (gute Tage). Salomo schreibt: Sei glücklich, sei guter Dinge! Aber dann gibt es eben auch schlechte Tage, böse Tage, Tage, in denen sich Dinge ereignen, derer wir uns nicht so gerne erinnern und deren Fotos wir nicht in unsere Familienalben kleben oder ins Facebook setzen, damit unsere Freunde sie „liken“ können. Aber wie auch immer: Die Zusammenhänge unseres Lebens sind für uns nicht ausrechenbar.
Salomo sagt dazu: Als ich mein Herz darauf richtete, die Weisheit zu erlernen und das geschäftige Treiben zu betrachten, das sich auf Erden abspielt, so dass einer seinen Augen weder bei Tag noch bei Nacht Schlaf gönnt – da sah ich an dem ganzen Werk Gottes, dass der Mensch das Werk nicht ergründen kann, das geschieht unter der Sonne. Obwohl der Mensch sich Mühe gibt, es zu erforschen, so kann er es nicht ergründen; und wenn auch der Weise behauptet, er verstehe es, so kann er es dennoch nicht ergründen (Pred. 8,16.17).
Im Buch Prediger spricht nicht jemand, der die Nichtigkeit, die Leere des Lebens erfährt und darüber in nihilistische Verzweiflung gerät. Hier spricht auch nicht ein vom Überdruss des Lebens Gelangweilter, ein Lebensmüder. Uns begegnet hier auch nicht jemand, der gerade seine Midlife-Krise durchmacht. Vielmehr spricht hier jemand, der die Nichtigkeit des irdischen Daseins unter der Sonne durchschaut hat und der deswegen die Lösung für sein Leben nicht innerhalb dieser Welt sucht. Salomo weiß: Wer den Sinn seines Lebens innerhalb dieser Welt sucht, der kann nur zu der Einsicht gelangen, dass dieses Leben leer ist, hohl, substanzlos und ohne Sinn, ein Haschen nach Wind.
Dass unser Leben nicht berechenbar ist, veranschaulicht Salomo einmal an einer Beobachtung: Ich wandte mich um und sah unter der Sonne, dass nicht die Schnellen den Wettlauf gewinnen, noch die Starken die Schlacht, dass nicht die Weisen das Brot erlangen, auch nicht die Verständigen den Reichtum, noch die Erfahrenen Gunst. Denn sie sind alle von Zeit und Umständen abhängig (Pred. 9,11).
Tatsächlich gewinnen keineswegs immer die Starken den Kampf auf der Karriereleiter. Keineswegs sind immer die Fleißigsten diejenigen, die die Auszeichnungen erhalten. Es kommen auch nicht immer diejenigen am schnellsten voran, die sich um die besten Beziehungen zum Chef bemüht haben. Und schon gar nicht haben beim Rennen um die begehrtesten Posten immer diejenigen die Nase vorn, die sich am meisten angestrengt haben und deswegen aus unserer Perspektive am ehesten eine Beförderung verdient hätten.
Warum verhält sich das so? Was verbirgt sich dahinter an Rätselhaftem? Wie hängt das Leben in sich zusammen? Was ist da die Perspektive eines Menschen, der Gott kennt? Derselbe Paulus, der in Römer 8,20 betont, dass die gesamte Schöpfung der Nichtigkeit unterworfen ist, schreibt wenige Verse später, dass wir wissen [!], dass denen, die Gott lieben alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind (Röm. 8,28).
Mit anderen Worten: Auch wenn wir in unserem eigenen Leben nicht alles verstehen und schon gar nicht alles durchschauen: Wir können und wir dürfen eines tun: Gott vertrauen. Gott macht keinen Fehler. Wir können und wir dürfen dem Gott vertrauen, der alles unter Kontrolle hat, der den Schlüssel für unser Leben hat und der alles so fügt, dass es denen, die Gott lieben, zum Besten dient.
Wenn hier davon die Rede ist, dass uns alles zum Besten dient, dann gibt die Heilige Schrift nicht die Aussicht auf ein dickes Bankkonto oder sonstigen Wohlstand. „Das Beste“, für das alle Dinge uns dienen, wird uns gleich im nächsten Vers erklärt: dass wir dem Ebenbild seines Sohnes Jesus Christus gleichförmig werden (Röm. 8,29). Das und nichts anderes ist der Zweck und der Sinn unseres Lebens. Es ist die einzige Perspektive, unter der unser Leben wert ist gelebt zu werden, auch wenn es unten durch geht.
Salomo glaubt nicht nur, dass Gott alles unter Kontrolle hat, sondern er weiß auch, dass der Gott, der alles lenkt und regiert, gut ist. Aus diesem Grund verkündet er sehr entspannt: Du musst diese Welt gar nicht durchschauen. Du musst noch nicht einmal dein eigenes Leben in all seinen Um- und Irrwegen begreifen. Aber du darfst eines tun: Du darfst diesem guten Gott ganz vertrauen. Du darfst glauben, dass hinter all dem Sichtbaren, das uns momentan furchtbar beklemmend vorkommen mag, der Gott steht, der alles von Ewigkeit her unter Kontrolle hat, der alles lenkt und der es mit den Seinen gut meint. Dieses Gut-Meinen schlägt sich nicht im Geben von irdischen Beglückungen nieder, sondern darin, dass er uns in das Bild seines Sohnes Jesus Christus hinein verwandelt.
Wenn wir erkannt haben, dass diese Welt, dass unser Leben von Gott geführt, getragen und gehalten wird, dann dürfen wir den heutigen Tag „pflücken“ und auch den morgigen Tag und so weiter. Dann dürfen wir als Menschen, die Gott vertrauen, unser Leben vor Gott führen, jeden Tag. Ob ich dann alles in meinem Leben verstehe, ist nicht mehr wirklich entscheidend. Entscheidend ist nur noch eines, dass ich bei dem Gott meine Zuflucht nehme, der den Schlüssel zu meinem Leben in seiner Hand hält. Das führt zu einer Lebensführung, die Salomo am Ende seines Buches auf folgenden Punkt bringt: Lasst uns die Summe aller Lehre hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das macht den ganzen Menschen aus. Denn Gott wird jedes Werk vor ein Gericht bringen, samt allem Verborgenen, es sei gut oder böse (Pred. 12,13.14).
Wir können es auch anders formulieren: Wenn wir gelernt haben zu begreifen, dass unsere eigenen Grübeleien über unser Leben unsinnig sind, weil sie nichts anderes sind als ein Herumstochern im Nebel, dann werden wir uns endlich, endlich einmal von unseren eigenen Denkkonstruktionen verabschieden! Dann lassen wir einmal die Gedanken los, die uns sowieso nur in Unruhe versetzen, uns umtreiben und in denen wir nur allzu häufig wie in einem Käfig gefangen sind. Dann führen wir uns vor Augen: Dieses mein irdisches Leben ist das einzige Leben, das ich in dieser Welt führe. Und der heutige Tag ist der erste Tag vom Rest dieses, meines Lebens, an dem ich Gott ganz vertrauen darf. Heute! Jetzt! Was auch immer passiert.
Nach unserem Tod können wir Gott nicht mehr glauben. Denn dann schauen wir ihn. Wir werden seine Herrlichkeit von Angesicht zu Angesicht sehen. Aber hier auf Erden haben wir noch die Gelegenheit, auf den unsichtbaren Gott zu vertrauen. Darum ist unser Dasein zwischen unserer Geburt und unserem Tod die einzige Zeit, in der wir als Glaubende unsere Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber unserem Nächsten zum Ausdruck bringen können. So dürfen wir in dieser Welt ein Leben führen, wie Salomo es am Schluss des Buches auf den Punkt bringt: ein Leben in der Furcht Gottes und im Halten seiner Gebote (Pred. 12,12,13).
Was ist der Weg, um ein solches Leben führen zu können, und vor allem, um bei einem solchen Leben zu bleiben, so dass diese Ausrichtung nicht wieder schnell in Vergessenheit gerät?

3. Der Weg, wie das Leben als Geschenk Gottes praktisch umgesetzt wird

Dafür lesen wir, was Salomo in Prediger 12,9 und 10 schreibt, also unmittelbar davor: Und über das hinaus, dass der Prediger weise war, lehrte er auch das Volk Erkenntnis und erwog und erforschte und verfasste viele Sprüche. Der Prediger suchte gefällige Worte zu finden und die Worte der Wahrheit richtig aufzuzeichnen.
In dieser Mediengesellschaft hören wir unendlich vieles. Von morgens bis abends prasseln Nachrichten, Ideen, Analysen, Meinungen, Urteile, Kommentare usw. auf uns ein. Aber das, was unser Leben trägt, was unserem Leben die geeignete Perspektive gibt, sind die Worte der Wahrheit. In dieser Welt benötigen wir das lebendige Wort der Wahrheit. Wir benötigen es immer und immer wieder, und zwar deswegen, weil wir so vergesslich sind.
Bitte hören wir gut zu, was Salomo dazu erläutert: Wir hören diese Worte der Wahrheit nicht, um unsere Frömmigkeit zu pflegen oder um unser „geistliches Leben“ anzuregen. Vielmehr ist das, was wir durch die Worte der Wahrheit bekommen, wichtig für den ganzen Menschen. Es geht um das, was den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit ausmacht (Pred. 12,13). Wir sprechen hier über das Menschsein in seiner Totalität. Und umgekehrt heißt das: Ohne dieses Wort der Wahrheit gehen wir ganz und gar in die Irre, nicht nur in unserem „geistlichen“ Lebensbereich – als wenn es möglich wäre, diesen Teil abzutrennen.
Ohne dieses Wort der Wahrheit gleiten wir in die Haltlosigkeit ab. Wir verflachen und verderben, vielleicht schneller als wir es selbst merken. Darum wollen wir die Bibel lesen, sie studieren. Das ist kein unverbindliches Spiel, kein überflüssiger Zeitvertreib. Erinnern wir uns an Psalm 119,9: Wie wird ein junger Mann seinen Weg in Reinheit gehen? Antwort: indem er sich hält an dein Wort. Glauben wir das?
Oder denken wir an Psalm 119,105: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Pfad. Man kann ja einmal versuchen, ohne irgend ein Licht in völliger Finsternis einen Pfad zu gehen, den man vorher noch nie gegangen ist, und dann hoffen, dass man nirgendwo anstößt, stolpert oder strauchelt.
Es ist aufschlussreich, wie sehr Salomo sich darum bemüht, dass die Worte der Wahrheit beim Hörer ankommen: Er schreibt hier, dass er diese Worte erwog und erforschte und viele Sprüche verfasste (Pred. 12,9). Hier spricht ein König zu seinem Volk, der wie ein Hirte um die Menschen ringt, die sich aus den unterschiedlichsten Hintergründen und Lebenszusammenhängen vor ihm eingefunden haben.
Er weiß, es kann bei seiner Rede nicht nur darum gehen, was er sagt, sondern er muss auch darauf achtgeben, wie er es sagt. Er muss in einer geeigneten Weise sprechen. Folglich bemüht sich Salomo nach angenehmen oder besser übersetzt: treffenden, passenden Worten zu suchen. Er muss Worte erwägen.
Geht uns das nicht auch so, etwa bei der Erziehung unserer Kinder? Wir nehmen bei unseren Kindern etwas wahr, eine Entwicklung, bei der uns aufgrund unserer eigenen Lebenserfahrung sofort deutlich ist: Das wird schiefgehen. Aber wie sage ich es nun meinem Kind, vor allem dann, wenn es bereits größer ist? Wie sage ich es so, dass nicht der entgegengesetzte Effekt von dem eintritt, was man beabsichtigt hat?
Auch im Gottesdienst, in der Predigt geht es darum, geeignete, taugliche Worte zu finden, damit bei Gemeindegliedern nicht der entgegengesetzte Effekt eintritt oder eine Abstumpfung erfolgt gegenüber dem, was für die Gemeinde Gottes förderlich ist.
Achten wir einmal auf die Bilder, mit denen Salomo die geeigneten Worte vergleicht. Zum einen spricht er davon, dass die Worte der Weisen wie Treiberstacheln sind
(Pred. 12,11). Ähnlich wie ein Viehhirte mit seinem Treiberstachel in den Hintern des Esels oder des Ochsen stechen muss, damit das Vieh nicht stehen bleibt, so verhält es sich auch beim Unterweisen anderer Menschen.
Wir können so leicht am Wort Gottes vorbeihören und an etwas anderes denken. Wenn dieses Wort des Lebens uns nicht mehr trifft, wenn es bei uns nicht mehr als ein Treiberstachel fungiert, dann überfällt einen die Müdigkeit beim Lesen, und man wird im Hören träge und taub. Aber gerade in solch einem Fall benötigen wir umso dringender diese Treiberstacheln. Gegebenenfalls können diese Worte dann scharf und spitz sein. Dann reagieren wir Hörer vielleicht mit Aua!. Die Worte können auch ermutigend, tröstend sein, wie ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter. Aber wie auch immer: Weichen wir ihnen nicht aus!
Ferner vergleicht Salomo die Worte der Weisen, die von einem einzigen Hirten gegeben sind, mit eingeschlagenen Nägeln (Pred. 12,11). Probieren wir einmal, einen Nagel, der in ein Holz eingeschlagen worden ist, mit den Fingern wieder herauszuziehen. Das funktioniert nicht, jedenfalls nicht so einfach. Entsprechend verhält es sich mit den Worten, die von dem einzigen Hirten gegeben worden sind. Solche Worte haben in unserem Leben Gewicht. Sie zählen in unserem Leben. Sie sind fest wie eingeschlagene Nägel. An solche Nägel können wir unser Leben hängen. In solchen Worten können wir in unserem Leben Halt finden. Überhören wir im Gewirr der Stimmen, die auf uns eindringen, nicht diesen einzigen Hirten und seine wunderbaren, wahrhaftigen Worte!
Salomo kontrastiert diese Leben bringenden Worte der Wahrheit mit der Informationsflut, die auf uns einstürmt. Er spricht hier in einer Weise, die jedenfalls bei mir die Erinnerung an Schülersprüche wachruft: Und überdies lass dich warnen, mein Sohn! Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren ermüdet den Leib (Pred. 12,12).
Wir sind alle einmal in die Schule gegangen oder befinden uns noch in derselben. Das, was es wohl in jeder Schule gibt, was wohl jeder Schüler kennt, das sind die Kommentare, mit denen man sich über den Frust und die Kümmernisse seines Schülerdaseins hinwegtröstet, jedenfalls bis zum nächsten Wochenende oder bis zu den nächsten Ferien. Bei uns waren solche Sprüche an die Toilettentür gekritzelt oder sogar darin eingeritzt: „Hier verfolgte mich die Arbeit, aber ich war schneller!“ „Arbeit adelt, ich bleibe bürgerlich.“ Oder auch die vermeintlich bedeutungsschwere Gedankenführung: „Je mehr ich lerne, desto mehr weiß ich; je mehr ich weiß, desto mehr vergesse ich; je mehr ich vergesse, desto weniger weiß ich, also: warum soll ich dann noch lernen?“
Derartige Sprüche bringen auf eine schülergemäße Weise das zum Ausdruck, was Salomo zu Beginn des Buches Prediger ebenfalls schrieb: Alles Lernen, alles Mühen ist ein Haschen nach Wind. Tatsächlich ist alles Abrackern an und für sich betrachtet leer, nichtig, sinnlos. Es bleibt nichts als ein Dunst übrig. Der einzige Effekt ist: Es ermüdet.
Aber der Unterschied besteht darin, dass das Buch Prediger mit dieser Aussage nicht endet. Wenn unser Leben nicht von dem Wissen getragen wäre, dass der ewige Gott im Regiment sitzt, dass er es ist, der alles führt, dass er alles zum Besten lenkt für den, der ihn liebt, dass er uns das Buch gegeben hat, das zum Leben führt, dann hätten tatsächlich solche Schülersprüche einen Wahrheitsgehalt, ja sogar einen größeren als die zahllosen Moralappelle von Lehrkörpern und anderen, die mit der Erziehung unserer Jugend ihr Geld recht sauer verdienen.
Aber wenn wir wissen, dass der ewige Gott im Regiment sitzt, dass er es ist, der den Schlüssel zu unserem Leben hat, dann setzen wir unser Vertrauen auf ihn! Und was auch immer wir tun, ob wir nun bereits in Gedanken bei unserem nächsten Urlaub sind oder voll in unserer Arbeit stecken oder an Vergangenes zurückdenken: Vertrauen wir dem lebendigen, dreieinen Gott, dass er alles zum Besten wirkt, dass er alles so lenkt, damit wir hinein verwandelt werden in das Bild seines Sohnes.
Angesichts der Ewigkeit ist dann alle unsere Mühe nicht vergeblich im Herrn (1Kor. 15,58). Diese Perspektive hinein in die Ewigkeit wird uns auf die Knie zwingen, so dass wir Gott, unserem Schöpfer, für diese Blickrichtung aus tiefstem Herzen danken.
Wenn uns diese Perspektive auf unser irdisches Leben geschenkt ist, dann verstehen wir, dass Salomos Zusammenfassung genau das auf den Punkt bringt, was ein Leben ausmacht, das wert ist, gelebt zu werden: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das ist der ganze Mensch (oder: das macht den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit aus), zumal Gott jedes Werk, es sei gut oder böse, samt allem Verborgenen in das Gericht bringen wird (Pred. 12,13.14).