Lernen im Horizont des christlichen Glaubens

Es gibt nur Betroffene

Stehen Sie in einer längeren Aus- oder Weiterbildung? Üben Sie eine lehrende Funktion in Schule oder Universität aus? Lehren Sie Menschen innerhalb eines Unternehmens? Gestalten Sie Andachten? Geben Sie Sonntagschule? Führen Sie Jugendstunden durch? Haben Sie schulpflichtige Kinder oder Enkel? Haben Sie erwachsene Kinder, die noch in der Ausbildung stecken?

Ich nehme an, dass Sie gleich mehrere Fragen mit „Ja“ beantwortet haben. Wir sind alle Betroffene, wenn es um das Thema Lernen geht. Gott hat mir selbst das Thema Lernen wie einen roten Faden ins Leben gelegt: Ich lehre Menschen in Unternehmen, in der Gemeinde und in der Familie.

Warum sollen Sie diesen Artikel lesen?

Zum Lesen gibt es einen doppelten Grund: Sie erfahren darin, weshalb die christliche Sicht auf Welt und Leben auch das Thema Lernen betrifft. Ich gehe der Frage nach, weshalb uns diese Perspektive so fremd geworden ist. Zudem sollen Christen nicht nur dafür bekannt sein, bestehende Gedankengebäude zu kritisieren. Sie sollen sich vielmehr dadurch hervorheben, durch Gottes Gnade eine Gegenkultur vorzuleben. Hierzu entwickle ich einige Ideen, die Sie vor Gott bedenken, mit Ihren Nächsten diskutieren und dann umsetzen können.

Denken und Handeln nicht trennen

Mit dieser Aufforderung, Dinge zu überdenken und dann umzusetzen, sind wir bei einem wichtigen Prinzip: der Verbindung von Denken und Handeln. In unserem Alltagswortschatz haben sich dafür die Begriffe „Theorie“ und „Praxis“ eingebürgert. Wir sortieren Menschen gerne ein als Theoretiker oder als Praktiker. Ich halte diese Begriffe jedoch für unbrauchbar. Weshalb? Gott hat uns Menschen so geschaffen, dass Denken und Handeln zusammengehören. Jede einzelne Tätigkeit wird durch unser Gehirn bewusst oder unbewusst gesteuert.

Natürlich ist es so, dass Gott die einen Menschen mehr im Denken begabt hat. Ich gehöre selber zu dieser Sorte Menschen. Wir neigen dazu, das rechte Denken vom rechten Handeln abzukoppeln. Aufgepasst: Die Entfremdung vom Handeln verändert das rechte Handeln bzw. führt davon weg. Die andere Gruppe betont eher das rechte Leben. Für sie besteht die Gefahr, dass ihr Leben zum Aktivismus verkommt. Ihr Handeln wird nämlich nicht mehr am rechten Denken überprüft und geeicht. Diese Entfremdung vom rechten Denken führt vom rechten Handeln weg. In einem Satz: Rechtes Denken beeinflusst rechtes Handeln, und rechtes Handeln korrigiert und schärft das rechte Denken.

Lernen: Eine erweiterte Definition

Ich nehme an, dass Sie, wenn Sie den Begriff Lernen hören, diesen direkt mit Kindern in Verbindung bringen. Zuerst einmal stimme ich dieser Zuweisung zu. Lernen beschreibt das Hineinwachsen des Kindes in die Gesellschaft. Ich fasse den Begriff jedoch weiter. Lernen umfasst auch den ständigen Anpassungsprozess des Erwachsenen an seine Umgebung.

Noch etwas ist wesentlich zu erkennen: Lernprozesse finden dauernd und überall statt. Wenn wir von Lernen sprechen, fassen wir darunter meistens das formelle, geplante Lernen in den Institutionen Schule, Universität oder Kirche. Der überwiegende Teil des Lernens findet jedoch informell und ungeplant statt, nämlich in der Familie, am Arbeitsplatz, unterwegs. Anschaulich wurde mir dies im Schwimmunterricht meiner Kinder. Solange der Kurs dauerte, übten die Kinder brav die ihnen zugeteilten Aufgaben; sobald der Unterricht aufhörte, stoppten sie auch sofort mit den Übungen. Meine eigenen Kinder, die nicht durch den üblichen Sozialisierungsprozess der Schule gegangen waren, übten selbstverständlich weiter, bis sie müde waren.

Lernen in der Bibel

Finden wir in der Bibel Hinweise für die Definition von Lernen? Ja und nein. Die Bibel ist kein Lexikon. Sie versorgt uns mit allem, was für ein Leben vor Gott notwendig ist. In 2Timotheus 3,14-17 beschreibt Paulus die Wirkung der von Gott gehauchten Heiligen Schrift. Sie ist Gottes Lernintervention und hat als solche die Kraft, Menschen weise zu machen zur Errettung. Dies ist jedoch nicht das Ende, sondern vielmehr der wirkliche Startschuss zu einem Lern- bzw. Heiligungsprozess, der bis ans Ende des Lebens geht. Das Ziel der Heiligen Schrift ist es nämlich

  • Menschen Gottes (nicht einfach Menschen, die sich selbst gehören)
  • vollständig
  • zu guten Werken

zuzurüsten.

Wissensaufbau ist dabei Mittel, aber nicht Ziel des Lernens. Lernen hängt mit dem gesamten Leben des Menschen zusammen. Sie vermittelt uns ein neues Denken und eine neue Sicht auf das Leben. Sie korrigiert unsere Motive. Die Heilige Schrift überführt uns.

Zusammengefasst: Denken und Handeln sollen so verändert werden, dass sie Gott ehren. Darin sind unsere Motive, unser Maßstab und unsere Ziele mit eingeschlossen!

Nun stellt sich aber die Frage: Wie steht es um Lernprozesse, die nicht die Errettung des Menschen betreffen? Hat Gott etwas mit Sprachenlernen, Handwerk oder Finanzmathematik zu tun? Und wenn ja, wie lässt sich dieser Zusammenhang beschreiben?

 

Der Zusammenhang zwischen Glaube und Lernen

Ich skizziere fünf Modelle, die ich allesamt schon angetroffen habe:

Variante I: Keine Überschneidung

Eine erste Möglichkeit trennt die beiden Bereiche vollständig. Der Glaube findet „im Herzen“ statt und ist eine innerliche, private Angelegenheit. Lernen findet hingegen äußerlich und in der Öffentlichkeit statt, zum Beispiel wenn ich ein Seminar besuche oder eine Prüfung schreibe. Diese Sichtweise ist Erbe der Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte seit der Aufklärung. Um den Glauben vor dem Angriff der Wissenschaft zu schützen und der Zersetzung durch sie, wurde er aus dem öffentlichen Diskurs herausgelöst. Als Christ erhebe ich Einspruch: Gott ist nicht nur Herr des Glaubens, sondern auch des Lernens. Er ist Schöpfer und Erlöser.

Variante II: Kleine Überschneidung

Wer sein eigenes Leben betrachtet, muss zugeben, dass die komplette Trennung doch etwas überzogen ist. Wer Bibelverse auswendig lernt, in der Sonntagschule unterrichtet, vor einer Prüfung betet oder einem Kollegen Zeugnis vom Glauben ablegt, befindet sich auch in einem Lernprozess. Doch das ist mir zu wenig. Was bleibt mit dem ganzen Rest des Lebens?

Variante III: Gleichsetzung

Dieses Modell beinhaltet eine andere Denkweise, führt jedoch zu einem ähnlichen Resultat wie Variante I. Es gibt Christen, für die nur der Glaube zählt und alles andere keine Bedeutung mehr zu haben scheint.

Mein Einwand: Auch diese Menschen verbringen nur einen geringen Teil ihrer Zeit mit „geistlichen“ Beschäftigungen (es sei denn, sie würden in einen Orden eintreten). Die Unterscheidung in ein geistliches und weltliches Leben ist eine unglückselige Trennung, weil ein großer Teil des Lebens ein Schattendasein fristen muss und so gar nicht geheiligt werden kann.

Variante IV: Glaube als Funktion des Lernens

Vielleicht haben Sie schon Dozenten oder Arbeitskollegen kennengelernt, die sich selbst eine andere Wirklichkeit zurechtgelegt haben. Sie deuten nämlich alle Gefühle, auch die religiösen, als Funktion des Lernens. Das heißt, alle Gefühlsregungen sind nur eine Funktion des Gehirns. Ein solches Denken vermag jedoch nicht einmal ihrer Alltagswirklichkeit standzuhalten. Für Christen, die ebenso an das Nicht-Materielle wie an das Stoffliche glauben, kommt diese Variante nicht in Betracht.

Variante V: Das Lernen wird vom Glauben umschlossen

Bleibt noch ein fünftes Modell übrig, das die Variante IV umkehrt. Der Glaube umfasst auch das Lernen. Das bedeutet nicht, dass Christen 2+2=4 nicht anerkennen oder über komplett andere Lernstrategien verfügen würden. Sie betrachten einfach jedes Thema durch die „Brille“ des Glaubens.

In meinem ersten Studium befasste ich mich mit Finanzmathematik. Wir lernten viele Formeln. In diese Formeln konnte man unterschiedliche Zahlen einfügen. Das funktionierte auf dem Papier tadellos. Nun konnten solche Modellrechnungen jedoch zum Vorteil eines Verkäufers gegenüber Kunden eingesetzt werden. Wo liegt die Grenze zur Täuschung? Sie merken schon: Hier tut sich eine weitere Ebene auf. Es geht darum, wie wir diese Formeln bewerten.

Fünf Grundpfeiler einer christlichen Weltsicht

Wenn wir also davon ausgehen, dass der Glaube uns eine neue Perspektive auf jedes Gebiet unseres Lebens zeigt, gerade auch auf unsere Lernprozesse, so fragen wir uns als nächstes: Welches sind die wichtigsten Grundpfeiler einer solchen Sicht? Uns diese Frage zu stellen ist umso notwendiger, als diese Pfeiler von unserer säkularisierten Umgebung dauernd unterspült werden. Wir tun gut daran, sie immer wieder zu untersuchen und neu einzumauern. Denn sie tragen die Brücke unseres Alltags. Sie leiten uns bei unserem Denken und Handeln an.

1. Es besteht eine wichtige Trennung zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Ich vergesse den Tag nicht, als ich mit meiner Familie zu einem Mann reiste, der sehr viel über Tiere wusste. Wir nahmen uns vor, ihn viel zu fragen und von ihm zu lernen. Auf der Hinfahrt mussten wir Fröschen ausweichen, die über die Straße zu ihrem eigenen Weiher hüpften. Auf die Frage, warum er um keinen Preis diese Frösche überfahren wolle, antwortete er: „weil sie göttlich sind.“ Er unterschied nicht zwischen Schöpfer und Geschöpf, denn für ihn waren die Frösche als Gottes Geschöpfe ein Teil von Gott selbst. Wenn wir hundert Menschen fragen würden, ob sie dem zustimmen, würden wohl nur wenige dies bejahen.

Viel verbreiteter ist jedoch die Ansicht, dass wir Menschen göttlich sind. Diese oft unbewusst mitgetragene Weltsicht wirkt sich auch auf das Lernen aus. Die Menschen sind Ziel ihrer eigenen Lernbemühungen. Sie dienen sich selbst, das heißt, ihre Bemühungen müssen sich in Wohlbefinden und Prestige auszahlen. Der Mensch hat sich an die Stelle Gottes gesetzt.

2. Der Kosmos ist kein neutraler Ort, er gehört Gott.

Wem gehört die ganze Welt? Den nächsten Generationen? Wir führen uns so auf, als ob wir die Eigentümer wären. Dabei sind wir aus Gottes Sicht lediglich seine Verwalter. Das erkennen wir bereits daran, dass wir zahlreichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sind. Die einen können wir nicht ändern. Ich kann mir lange vornehmen, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Wenn ich es versuche, werde ich mich dabei nur verletzen. Andere Gesetzmäßigkeiten kann ich zwar umgehen, doch sie sind allen Menschen als Empfinden eingepflanzt. Es handelt sich um die ethische Ordnung Gottes. Wie tief sie in den Menschen wurzelt, wird dann deutlich, wenn wir diese Abweichungen bei anderen Menschen feststellen. Jeder fällt täglich hunderte von Werturteilen über andere Menschen. Mit diesen beschuldigt man indirekt sich selbst (Röm. 2,3).

3. Schöpfung und Erlösung sind zwar voneinander zu unterscheiden, aber nicht zu trennen.

Derselbe Gott, der diese Welt aus dem Nichts geschaffen hat, stellt durch seinen wunderbaren Erlösungsplan die Wiederherstellung sicher. Heute leidet die Schöpfung unter dem Sündenfall (Röm. 8,19-22). Doch Gott hat die Weichen längst gestellt. Durch das Erlösungswerk seines Sohnes ist die Grundlage dazu gelegt. Gerade weil Christen die Vorboten dieses Werkes sind, soll das neue Leben unser ganzes Sein zu erneuern beginnen: unser Denken, unsere Beziehungen und eben unser Lernen.

4. Die Erlösten stehen in einer Spannung zur nicht erlösten Umgebung, weil sie in eine andere Richtung gehen.

Ein wichtiger Teil von Gottes erneuerndem Wirken steht noch aus. Deshalb besteht eine Spannung einerseits in den Erlösten selbst (weil sie zwar errettet sind, doch Sünder bleiben), andererseits zu den nicht erlösten Menschen. Das neue Leben verändert Ziele und Prioritäten. Gerade Menschen, die frisch zum Glauben gekommen sind, erfahren das oft schmerzlich. Der Glaube stellt sie in einen Widerspruch zu Familie und Freunden. Wir können davon ausgehen, dass sich die Spannung auch in den Lernprozessen zeigen wird.

Gott erweist allen Geschöpfen Gunst durch natürliche Gaben.

Können Nichtchristen besser lernen als Christen? Das ist durchaus möglich. Können Nichtchristen wichtige Entdeckungen zum Wohl der Menschheit machen? Immer wieder. Gibt es also Nichtchristen, die begabter sind als Christen? Das ist sogar häufig der Regelfall.

5. Ein übergeordnetes Lernmodell

Lassen Sie mich diese Überlegungen in einem einfachen Modell zusammenführen. Jeder Lernprozess spielt sich zwischen drei Akteuren ab, nämlich zwischen Gott, dem Menschen und der übrigen Schöpfung.

Mir geht es jetzt nicht darum, die einzelnen Beziehungen genauer zu definieren – das wäre ein Thema für sich -, sondern uns mit zwei Hauptdefekten in säkularen Lernkonzepten auseinanderzusetzen.

Erster Defekt: Gott aus dem Lernmodell streichen

Vor einigen Jahren habe ich einmal meinen damaligen Vorgesetzten auf dieses Modell hingewiesen. Seine Reaktion werde ich nie vergessen. „Streiche Gott aus dem Modell und ersetze ihn durch ‚Kunde'“. Damals ist mir bewusst geworden, wie tief sich die Überzeugung, dass Gott nichts mit unserem Alltag zu tun hat, in unserem Denken und Handeln eingenistet hat. Wir haben Gott seit Jahrhunderten aus unseren Lernprozessen verbannt. Das Erstaunliche ist aber, dass wir Gott nicht einfach ersatzlos streichen können. Mein Vorgesetzter wollte ihn durch „Kunden“ ersetzen.

Welche Möglichkeiten für einen Gottesersatz haben wir? Dafür wählen wir wechselweise uns selbst, andere Menschen oder einen Teil der Schöpfung Gottes. In unserem Lernen stellen wir uns selbst in den Mittelpunkt, vergötzen andere Menschen als Gurus oder die Wissenschaft, die seine Schöpfung erforscht.

Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, dass manche Christen diesen „funktionalen Atheismus“ auf weite Teile ihres Lebens anwenden. Sie leben und lernen so, als ob es den allmächtigen Gott, der sie geschaffen hat, gar nicht geben würde. Wie können wir erkennen, dass wir zum Beispiel uns selbst in den Mittelpunkt des Lernens gesetzt haben? Dies lässt sich überprüfen, indem wir zum Beispiel folgende Frage stellen: Warum machst du diese oder jene Weiterbildung? Was würde passieren, wenn sie dir weggenommen würde?

Wo mein Schatz ist, da wird auch mein Herz sein. Es könnte aber auch umgekehrt gefragt werden: Warum packst du dieses oder jenes nicht an? Warum strengst du dich nicht zur Ehre Gottes an? In diesem Fall steht uns Bequemlichkeit im Wege, auch eine Form der Selbstvergötzung.

Zweiter Defekt: Die Sünde leugnen

Eine zweite, nicht weniger problematische Verzerrung entsteht dadurch, dass die meisten Lernkonzepte die Sünde systematisch ausblenden. Aber auch dazu ist festzustellen, dass die Sünde nach wie vor da ist. So versucht man sie umzudeuten. Auch in dieser Weise sind wir darin geschickt, die Sünde zu tarnen. Wir können sie einfach unserem Nächsten in die Schuhe schieben. Der Dozent, Lehrer oder Mitstudent hat die Schuld zu tragen. Oder wir beginnen selbst zu verzweifeln und verachten die Gaben, die Gott uns geschenkt hat. Die Kehrseite davon ist der Stolz, weil wir das Lernen so gut meistern.

Eine dritte Möglichkeit besteht darin, die Umgebung (Schulzimmer, Schulhaus, Elternhaus, Stadtteil) für unser Versagen verantwortlich zu machen. Ein Körnchen Wahrheit steckt auch in diesen Versuchen! Unsere Mitmenschen und unsere Umgebung sind tatsächlich von der Sünde betroffen.

Auch hier stehen Christen in der Gefahr, denselben Mechanismus zu wiederholen und eigene Sünde aus dem Lernprozess auszublenden. Wie schade, denn so entzieht man sich der Kraft des Evangeliums! Das Evangelium vermittelt nicht nur eine treffende Diagnose, sondern es hält auch das beste Heilmittel bereit.

Im zweiten Teil wende ich die Überlegungen aus dem ersten Teil an, indem ich drei Perspektiven aufzeige.

Lernen in einer heidnischen Umgebung

Zuerst werfe ich einen Blick auf das Leben Daniels. Sein Beispiel hat mich immer wieder ermutigt. Beachten wir, unter welchen Rahmenbedingungen er seinen (Lern-)Alltag gestaltete. Gottes Vorsehung ließ ihn als Teil der jüdischen Bildungselite von Jerusalem nach Babylon deportieren (Dan. 1,2). Die Wahlfreiheit des jungen Mannes – man darf annehmen, dass er nicht älter als 16 oder 18 Jahre war – war dort drastisch eingeschränkt. Als Teil der jungen Männer, „die tüchtig wären, im Palast des Königs zu dienen“ (Dan. 1,4), musste er eine dreijährige Ausbildung „in der Schrift und Sprache der Chaldäer“ (Dan. 1,4b) antreten. Der Studiengang war nicht frei wählbar. Noch nicht einmal konnte er das Mittagessen aussuchen! Der König „bestimmte den täglichen Unterhalt von der feinen Speise des Königs und von dem Wein, den er selbst trank, und [ordnete an], dass man sie drei Jahre lang erziehen sollte“ (Dan. 1,5). Babylon war als Zentrum der damaligen Welt ein Götter-Eldorado.

Was sah Daniel in jener Situation als unumstößlich an? Das Gesetz Gottes diente ihm als absoluter Orientierungspunkt. Daniel wusste, was er nicht aufgeben sollte, auch in einer heidnischen Umgebung nicht. Er nutzte die Unumkehrbarkeit seiner Lage nicht dazu, seine Anpassung zu rechtfertigen. Er nahm sich vielmehr in seinem Herzen vor (Dan. 1,8), sich nicht mit der Kost des Königs zu verunreinigen. Ganz ähnlich verzichtete er später nicht auf das Gebet, auch nachdem es auf den Verbotsindex gesetzt worden war (Dan. 6).

Er verstand aber auch, wo er sich einsetzen konnte. Er absolvierte den dreijährigen Lehrgang, nahm später öffentliche Funktionen an, und wenn es verlangt wurde, beriet er auch den König persönlich.

Zudem zeigte Daniel situationsbedingte Flexibilität. Als er seine Essensalternative dem Kämmerer präsentierte, schlug er ihm gleich eine zumutbare Alternative vor: „Versuche es doch zehn Tage lang mit deinen Knechten, dass man uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken gibt“ (Dan. 1,12).

In seiner Ausbildung und in seinem späteren Staatsdienst bewies Daniel große Ehrlichkeit. Vor den König gestellt, um dessen Traum und Deutung wiederzugeben, schickte er voraus: „Das Geheimnis, nach dem der König fragt, können Weise, Wahrsager, Traumdeuter oder Zeichendeuter dem König nicht verkünden; aber es gibt einen Gott im Himmel, der Geheimnisse offenbart.“ (Dan. 2,27.28) Gerade die Gewissheit, wer der oberste Herrscher war, gab ihm (und später auch seinen drei Freunden) den Mut, stehen zu bleiben. Dies geschah auch angesichts der Frage: „Wer ist der Gott, der euch aus meiner Hand erretten könnte?“ (Dan. 3,15).

Bei all diesem Erfolg blieb Daniel nicht distanziert. Geschick und Geschichte seiner Vorgesetzten berührten ihn persönlich. Das sehen wir zum Beispiel, als Daniel dem babylonischen König Nebukadnezar eine unangenehme Deutung eines Traums weitergeben musste: „Da blieb Daniel … eine Weile ganz starr, und seine Gedanken erschreckten ihn.“ (Dan. 4,16)

Während Jahrzehnten nahm Daniel zuversichtlich das an, was ihm Gott vor die Füße legte. Er bekleidete hohe öffentliche Ämter während drei verschiedener Regime. „Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kyrus.“ (Dan. 1,21)

Höchstwahrscheinlich musste er jeden Tag durch unzählige Räume gehen, die voll von Götzenbildern standen. Er stand punktuell im Rampenlicht, um dann wieder abzutauchen. So erinnerte sich die greise Königinmutter in einer Situation, in der Rat gebraucht wurde: „Es gibt einen Mann in deinem Königreich, in dem der Geist der heiligen Götter ist und bei dem in den Tagen deines Vaters Erleuchtung, Verstand und Weisheit gleich der Weisheit der Götter gefunden worden ist…“ (Dan. 5,11). So musste Daniel von einem Moment auf den anderen antraben.

Mir scheint, dass Daniel auch mit der Sünde in seinem Leben rechnete. Als ihm der Bote des Königs ankündigt, dass er getötet werden würde, erbittet Daniel sich Bedenkzeit, und er geht ins Gebet (Dan. 2,16). Ebenso zog sich Daniel zurück, als er vom Verbot zu beten erfuhr – und betete (Dan. 6,11).

Daniel lernte und lebte inmitten einer Umgebung, die heidnischer wohl kaum sein konnte. Dabei

  • eignete er sich das neuste Wissen der Babylonier an.
  • anerkannte er jederzeit die Schöpfer-/Geschöpf-Unterscheidung.
  • wusste er um den Allmächtigen, der als Eigentümer des Universums den Verlauf der Geschichte steuert.
  • war er gewiss, bei wem Rettung zu finden war.
  • hielt er die Spannung zur Umgebung, die ganz anders orientiert war, aus.

Lehren in einem säkularen Umfeld

Ich bin mir bewusst, dass ich ähnlich wie Daniel täglich in einem von der säkularen Leitreligion dominierten Umfeld meine Arbeit verrichte. Was hilft mir, meine lehrende Tätigkeit mit der Brille des Glaubens wahrzunehmen?

1. Etwas vom Wichtigsten ist die tägliche (und manchmal stündliche) Orientierung an meinem Lebensziel. Egal, was auf dem Programm steht, ob Projekte, Beratungen, Workshops oder Seminare. Jede Stunde ist dazu angelegt, dass ich Gott verherrliche und mich an ihm freue (Siehe dazu den Kürzeren Westminster Katechismus, Frage 1).

2. Weiter bitte ich um das, was Eduard Thurneysen in der Seelsorge den „Bruch des Gesprächs“ nannte. Wie oft habe ich es schon erlebt, dass Teilnehmer oder Ratsuchende mich mit einer Frage, die Sinn und Lebensziel betrafen, zur Stellungnahme aufforderten. Freudig nehme ich dies als Gelegenheit wahr, den allmächtigen Gott auch in ein solches Gespräch einzubeziehen.

3. Der Evangelist Francis Schaeffer (1912 – 1984) hat mich gelehrt, auch in einer Arbeitsbeziehung nach dem Spannungspunkt zu suchen. Was meinte Schaeffer damit? Ich zitiere: „Nun kann aber in Wirklichkeit kein Nichtchrist seine Denkvoraussetzungen konsequent ausleben. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ein Mensch muss in der Wirklichkeit leben, und diese Wirklichkeit besteht aus zwei Teilen: der objektiven Welt mit ihrer Form und dem ‚Menschsein‘ des Menschen, einschließlich seines eigenen ‚Menschseins‘. Der Glaube eines Menschen ändert nichts an dieser Wirklichkeit. Da nun das Christentum die Wahrheit verkündet über das, was wirklich da ist, bedeutet seine Ablehnung aufgrund eines anderen philosophischen Systems eine Entfernung von der wirklichen Welt. Infolgedessen befindet sich jeder Mensch, welches System er auch vertreten mag, in einer Zwickmühle. Versucht er seine Prämissen mit intellektueller Redlichkeit zu Ende zu denken und auszuleben, gerät er unweigerlich in diese Zwickmühle.“1

4. Wie oft wurden Sie schon von Arbeitskollegen nach Hause eingeladen? Ich erlebte diese seltenen Gelegenheiten als erstklassige Möglichkeiten, anderen Menschen Einblick in das eigene Leben und in die Familie zu gewähren. Also nehme ich nach Kräften Gelegenheiten wahr, Gastfreundschaft zu üben! Das ist einer der Gründe, warum ich begonnen habe, im Internet über den Blog zu aktuellen Themen zu schreiben.

5. Das Bewusstsein, dass das Unternehmen, in dem ich arbeite, die Kollegen, mit denen ich zu tun habe, so wie ich selbst von der Sünde betroffen sind und wir unter ihr zu leiden haben, prägt meine Vorannahmen in der Beratung. Ich treffe oft auf Bemühungen diese unangenehmen Seiten auszublenden. Das gelingt jedoch gerade in Situationen, in denen guter Rat gefragt ist, kaum.

Lassen sich diese fünf Punkte auch im Lehrbetrieb, an einer Schule oder einer Universität umsetzen? Ich meine ja.

Eine Mini-Bildungsreform in der Familie

Wir haben uns jetzt kurz mit einem biblischen Beispiel und einigen Ideen beschäftigt, die ich in meiner Arbeit als Lehrender umsetze. Zum Schluss präsentiere ich Anregungen zur Begleitung von lernenden Kindern und Jugendlichen. Sie lassen sich als Eltern, aber ebenso als Pastor oder Jugendleiter umsetzen.

In meinem Hinterkopf steckt ein Hinweis des Theologen Donald A. Carson. Er meinte einmal, dass wir unsere Kinder für den Kampf um den Glauben und eine christliche Weltsicht zurüsten sollen. Wo sollen sie es sonst lernen, wenn nicht zu Hause und in der Gemeinde?

1. Erzähle regelmäßig von Erlebnissen aus deinem Leben, in denen du die Unterschiede zwischen den Weltanschauungen zu spüren bekommen hast. Eine hilfreiche Frage, um sich diese Situationen selber in Erinnerung zu rufen, lautet: Wo bin ich selbst irritiert worden? Was war der Grund dafür?

2. Wir sind nicht die Glück-Erfüllungs-Gehilfen unserer Kinder, sondern Beistand in ihrem geistlichen Kampf. Stelle dem Kind darum täglich Fragen zum Schulalltag: Was lief bei dir gut? Wo spürst du Widerstand? Was half dir? Wofür kann ich beten?

3. Mache es dir zur Gewohnheit, die Hausaufgaben nicht nur formell und inhaltlich, sondern auch weltanschaulich zu begleiten. Bete darum, gute Verknüpfungen zwischen dem vermittelten Stoff und der christlichen Weltsicht herzustellen.

4. Unterschätze die Gewohnheit der regelmäßigen Familienandacht und des Vorlesens nicht. Auf diese Weise kommst du immer wieder an Stellen, in denen du einen Bezug zum Alltag schaffen und christliche Überzeugungen vermitteln kannst.

5. Reflektiere mit den Kindern auch (Kinder-)Gottesdienste. Was war die Hauptaussage? Mit was bist du (nicht) einverstanden?

6. Achte gut auf Antworten der Kinder. Wo schleichen sich Tendenzen ein, Glaube und Lernen voneinander zu trennen? Mach dir und dem Kind bewusst, dass dem Feind eine solche Trennung sehr behagt.

7. Sprich mit deinem Kind über Erfahrungen, die ihr gemeinsam mit anderen Christen macht. Wo erlebst du Christen, die eine weltflüchtige oder aber eine angepasste Haltung entwickelt haben?

8. Nimm Fragen der Kinder, gerade auch kritische, auf jeden Fall ernst. Gib keine vorschnellen Antworten. Es kann auch angezeigt sein, sich zuerst zu informieren und später das Kind zur Diskussion einzuladen.

9. Pflege Kontakte zu Nachbarn. Diskutiert über Weltanschauungen, mit denen ihr dabei konfrontiert werdet (Säkularismus, Islam, Buddhismus).

10. Danke deinem Kind, wenn es dich auf neue Themen oder auf Ungereimtheiten in deinen Überlegungen aufmerksam gemacht hat.

Die Ehrfurcht vor Gott geht allem Lernen voran

Ich vergesse nicht, wie ein Bruder auf Laos nach einem Vortrag zum Thema Lernen auf mich zukam mit der offenen Bibel. Er schärfte mir ein: „Vergiss nie Sprüche 1,7.“ Dort steht: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. Die Toren verachten Weisheit und Zucht.“ Die Furcht Gottes geht allem Lernen voraus. Gottes Engagement in dieser Welt ist umfassend (Röm. 11,36). Es betrifft auch unser Lernen. Er ist Schöpfer (alles ist „von ihm“), er ist Herrscher (alles besteht „durch ihn“), und er ist letztes Ziel (alles existiert „für ihn“). Ihm sei die Ehre, auch und gerade in unseren Lernprozessen!


1) Francis Schaeffer, Gott ist keine Illusion. Zürich, Genf, Wuppertal [Haus der Bibel/ R. Brockhaus Verlag] 1974, S. 135.

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