Das Gleichnis vom Unkraut im Weizen

Es kommt keineswegs selten vor, dass man mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen (Matthäus 13,24-30.36-43) die Auffassung zu belegen sucht, es dürfe in der Gemeinde keine Gemeindezucht geben. Schließlich heiße es doch, man solle „bis zur Ernte abwarten„. Wenn es Jesus bei diesem Gleichnis um diese Botschaft ginge, würde es zahllosen sonstigen Aussagen des Neuen Testamentes widersprechen.
Bei nicht wenigen Auslegern dieses Gleichnisses ist auch ein Desinteresse an den sachlichen Inhalten des von Jesus Erzählten festzustellen. Es herrscht offensichtlich die Ansicht, man könne Gleichnisse auslegen, ohne den sachlichen, zum Beispiel den landwirtschaftlichen, Angaben der von Jesus erzählten Geschichten auf den Grund gehen zu müssen. Im Gleichnis vom Unkraut im Weizen erzählt Jesus eine Geschichte mit vielen landwirtschaftlichen Details. Deren Hintergrund ist nicht so harmlos, wie es das Wort Unkraut vermuten lässt.
Diese Einzelheiten müssen verstanden werden. Erst dann können wir die Frage beantworten, ob Jesus mit diesem Gleichnis Gemeindezucht ausgeschlossen haben will oder nicht.
Nicht vergessen werden darf, dass Jesus selbst das Gleichnis ausgelegt hat. Manche heutigen Ausleger möchten allerdings zwischen dem Gleichnis an sich und der Erklärung einen Bedeutungsunterschied erkennen. Gehen wir zur Beantwortung dieser Fragen das Gleichnis Stück für Stück durch.

Das Gleichnis, 1. Teil (Mt. 13,24b-26)

Jesus legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Aber während man schlief, kam sein Feind und säte Lolch mitten zwischen den Weizen und ging weg. Als die Saat dann sprosste und Frucht ausbildete, da zeigte sich auch der Lolch.
Jesus beginnt mit einem alltäglichen Vorgang aus der Landwirtschaft. Die Zuhörer kannten die mit der Feldbestellung und Aussaat verbundenen Arbeiten genau. Schließlich lebten über siebzig Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Die Feldarbeit war nicht nur wegen des vielerorts steinigen Bodens mühsam, sondern auch, weil Unkräuter und Gräser der verschiedensten Art der aufkeimenden Saat Wasser, Nährstoffe und Licht streitig machten. Es war nötig, den Boden vor (zum Teil auch nach) der Aussaat zu pflügen und immer wieder zu hacken und zu jäten.
Die Bedeutung des Weizenanbaus kann kaum überschätzt werden. Weizen gehört zu den ältesten Kulturpflanzen des Mittelmeerraumes und war das wichtigste Grundnahrungsmittel überhaupt. Wohlstand oder Hunger hingen entscheidend von der Weizenernte ab. Sie machte etwa fünfzig Prozent des gesamten Bruttosozialproduktes in Palästina aus.1
Der Mensch, von dem im Gleichnis erzählt wird, bearbeitet seinen eigenen Acker. Wenig später erfahren wir, dass er Sklaven hat und Saisonkräfte einstellt. Er ist das Oberhaupt einer bäuerlichen Großfamilie. Weiter wird vermerkt, dass er guten Samen verwendet. Das heißt, das Saatgut war von fremdem Samen gereinigt und sachgerecht gelagert worden.
Es wird kein Grund für den nächtlichen Anschlag genannt. Aber der Täter wird als der Feind des Hausherrn bezeichnet. Der Taumellolch (Lolium temulentum L.)2, den er zwischen den Weizen sät, ist, wie auch der Weizen, ein einjähriges Süßgras (Poaceae). Die junge Pflanze ist vom Weizen kaum zu unterscheiden. Sie hat nur etwas schmalere Blätter und kräftigere Wurzeln. Erst die Ähre ist leicht von der Weizenähre zu unterscheiden. Die Gefährlichkeit des Lolchs besteht in einem Alkaloid-haltigen Pilz, der in den Hüllen der Samen gedeiht. Sind zahlreiche Lolchsamen im Mehl enthalten, kann das zu Übelkeit oder sogar zu Erblindung führen. Im Altertum hat man zum Teil geglaubt, der Lolch sei verhexter Weizen.
Der Anschlag des Feindes ist heimtückisch, und er bedroht Gesundheit und Leben. Darüber gesät, mitten zwischen dem Weizen liegt der Lolchsamen und wird so schwer vom Weizen zu trennen sein. Unerkannt geht der Feind weg.
Eine Weile ist vergangen, da keimt und wächst der Weizen und mit ihm der Lolch und setzt schließlich Ähren an. Zwar kann man bei sehr genauem Hinsehen den Lolch schon frühzeitig vom Weizen unterscheiden, aber hier im Gleichnis wird er in diesem frühen Stadium nicht erkannt. Wenn dann Lolch und Weizen Ähren bilden, sind die dichten Wurzeln bereits hoffnungslos ineinander verschlungen. Außerdem sind die Halme schon so fest, dass man nicht mehr schadlos über das Feld laufen kann. Die Möglichkeit zu jäten ist vorbei. Wie das Schlafen der Leute, das der Zeitangabe des Anschlags dient, ist die späte Entdeckung des Lolchs für Jesus kein Grund zur Kritik. Diese Vorgänge sind ganz normal.

Das Gleichnis, 2. Teil (Mt. 13,27-30)

Die Sklaven des Hausherrn traten an ihn heran und fragten: „Hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Wo kommt denn der Lolch her?“ Er aber sagte zu ihnen: „Das hat ein Feind getan.“ Die Sklaven sagten zu ihm: „Willst du, dass wir hingehen und den Lolch ausjäten?“ Er aber sprach: „Nein, sonst würdet ihr, wenn ihr den Lolch ausjätet, mit ihm auch den Weizen entwurzeln. Lasst beide bis zur Ernte gemeinsam wachsen. Wenn es Zeit zur Ernte ist, werde ich den Erntearbeitern sagen: Sammelt zuerst den Lolch ein und bündelt ihn, damit er verbrannt werden kann. Den Weizen aber bringt in meine Scheune.“
Die Entdeckung des Lolchs ist für die Sklaven eine böse Überraschung. Sie machen sofort Meldung. Dass sie den guten Samen ausdrücklich nennen, zeigt, dass sie etwas von dem Zusammenhang zwischen mangelhaft gereinigtem Saatgut und ungewöhnlichem Unkrautwuchs verstehen. Verunsichert fragen sie, woher der Lolch denn stamme. Die Antwort des Hausherrn ist unaufgeregt. Er weiß, dass weder schlechtes Saatgut noch ein böser Zauber die Ursache für das ungewöhnlich starke Aufkeimen des Lolchs sind. Ihm ist bekannt, dass der Lolch auf das Säen eines ihm feindlich gesonnenen Menschen zurückzuführen ist.
Bemerkenswert ist das sichere Wissen des Hausherrn. Er vermutet nicht, er entsetzt sich nicht. Er weiß. Er ist Herr der Lage. Die Sklaven drängen zum Handeln. Sie wollen möglichst noch rückgängig machen, was geschehen ist, um so den drohenden Schaden abzuwenden. Sie schlagen ihrem Herrn vor, was man selbstverständlich mit Lolch und anderem Unkraut auf den Feldern tat. Sie wollen den Lolch ausjäten.
Aber sie haben nicht die Erfahrung und den Überblick des Hausherrn über den richtigen Zeitpunkt für die jeweiligen Arbeiten. Insofern ist ihr Vorschlag zwar gut gemeint, aber doch nicht klug. Der Hausherr erklärt, dass das Jäten zum jetzigen Zeitpunkt mehr schaden als nützen würde. Er lehnt den Vorschlag der Sklaven ab und weist sie an, abzuwarten und untätig zuzusehen, wie auch der giftige Lolch ausreift. Diese Entscheidung des Hausherrn ist keineswegs zimperlich oder außergewöhnlich, sondern sie ist vernünftig und weise. Der kundige Zuhörer wird still genickt haben: Es ist das Beste, was man in einer solchen Situation machen konnte!
Aus diesem Grund ist es auch nicht richtig, die Aufforderung zum Abwarten als den Höhepunkt der Gleichniserzählung zu verstehen. Sie ist weder durch ihre Ungewöhnlichkeit herausragend, noch ist sie die Lösung des Problems. Dass man das Ausreifen wachstümlicher Vorgänge abwarten muss, erscheint vielen Theologen am Schreibtisch und erst recht uns modernen, an Instant- und Tiefkühlkost gewöhnten Menschen wesentlich ungewöhnlicher und hervorhebenswerter als es tatsächlich der Fall ist.
Der Hausherr im Gleichnis weiß bereits, wie er mit dem Problem fertig werden will. Die Stunde des Handelns kommt: zum Zeitpunkt der Ernte. Dann wird er mit der gleichen Souveränität, mit der er das Problem benennt und das Abwarten befiehlt, seine Anweisungen zum Handeln geben.
Die Empfänger seiner Aufträge sind aber dann nicht die Sklaven, sondern die Erntearbeiter (oder: Schnitter), also vermutlich zusätzliche Saisonkräfte.3 Dass die Sklaven daran nicht beteiligt sind, liegt wohl daran, dass Jesus diese Erntearbeiter schon im Blick auf seine Deutung einführt.
Völlig einleuchtend ist, dass bei der Ernte getrennt wird. Aber das normale Verfahren bei der Weizenernte ist, den mit der Sichel mit abgeschnittenen Lolch fallen zu lassen und zunächst allein den Weizen zu sammeln. Der Lolch kann, ja er muss, wegen der möglichen Selbstaussaat, im Anschluss daran eingesammelt werden. Das Bündeln lässt darauf schließen, dass der Lolch nicht an Ort und Stelle verbrannt werden sollte, sondern als Feuerungsmaterial vorgesehen war.
Aufhorchen lässt nun aber die bevorzugte Behandlung des Lolchs: Er wird zuerst eingesammelt. Jesus hat hier nicht den Arbeitsablauf der Ernte missverstanden, sondern er hat ihn gezielt verändert. Die Wichtigkeit („vor allem“ oder „zuerst„), mit der der Lolch gesammelt und gebündelt wird, entspricht nicht dem Üblichen. Die Antwort des Hausherrn ist insgesamt der Höhepunkt des Gleichnisses. Aber hier ist der Punkt, der den Hörer zu einem tieferen Nachdenken veranlasst. Das Abwarten verweist bereits auf das Ende, und die starke Betonung der Vernichtung des Lolchs lässt aufhorchen und bereitet den Ernst der Auslegung Jesu vor.
Die Vernichtung des giftigen Lolchs ist allerdings nicht das Letzte. Der Anschlag des Feindes führt nicht zum Erfolg, denn der Hausherr bringt eine gute Ernte ein. Die Gefahr für Leib und Leben ist abgewendet, und auch die Versorgung und die wirtschaftliche Grundlage von Hof und Großfamilie sind gesichert.

Jesu Deutung des Gleichnisses (Mt. 13,36-43)

Dann, als er das Volk entlassen hatte, ging er in das Haus. Da traten seine Jünger an ihn heran und baten: „Deute uns das Gleichnis vom Lolch auf dem Acker.“ Er antwortete ihnen: „Der, der den guten Samen sät, ist der Menschensohn. Der Acker ist die Welt. Der gute Samen aber: das sind die Kinder des Reichs. Die Lolchpflanzen sind die Kinder des Bösen. Der Feind, der sie sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Weltzeit. Die Erntearbeiter sind Engel. Geradeso, wie nun der Lolch eingesammelt und verbrannt wird, so wird es auch am Ende der Weltzeit zugehen: Der Menschensohn wird seine Engel schicken. Die werden aus seinem Reich alle, die zum Abfall verführen und gegen das Gesetz handeln, herauslesen und sie in den Feuerofen werfen. Dort gibt es nur noch Weinen und Zähneknirschen. Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne. Wer Ohren hat, der soll hören!
Bemerkenswert ist, dass die Jünger, denen es gegeben ist, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen (Mt. 13,11), eine Erklärung benötigen und darum bitten. Dieser Umstand zeigt die Schwierigkeit, die Gleichnisse Jesu zu verstehen. Einerseits handelt es sich um Geschichten aus dem Alltag der Menschen, lebendig erzählt und mit deutlichen Pointen, andererseits enthalten sie tiefe geistliche Wahrheiten, die auch nur geistlich verstanden werden können (1Kor. 2,15). Der Sinn eines Gleichnisses ist weder ganz einfach, er liegt nicht ohne weiteres auf der Hand, noch kann man sagen, dass Jesus die Gleichnisse nur deswegen erzählt hätte, um die Hörer zu verstocken.
Die Erklärung Jesu greift zunächst stichwortartig die Satzgegenstände des Gleichnisses auf und erklärt sie. Die Erklärung von Jesus richtet sich dann allerdings auf die Hauptaussage, und da geht es im Kern um das Weltgericht (Mt. 13,40).
Den Sämann identifiziert Jesus mit dem Menschensohn. Es ist eine Bezeichnung, die Jesus auf sich selbst bezieht. Dieser Ausdruck ist ein Titel, der aus einer Vision Daniels stammt (Dan. 7,13). Nach den tierartigen Herrschern, die dem Völkermeer entsteigen, kommt der Menschensohn mit den Wolken des Himmels. Damit ist seine himmlische Herkunft deutlich. Er ist würdig, vor Gott zu treten, und er empfängt Macht, Ehre und Reich. Dieses Reich hat kein Ende, und er steht in Verbindung mit dem Endgericht und dem zukünftigen Reich Gottes. Der Menschensohn von Daniel 7 trägt also göttliche Züge. Er wird aber ausdrücklich als Menschensohn bezeichnet. Jesu Selbstbezeichnung als Menschensohn bezeugt also die Hoheit dessen, dem alle Macht gegeben ist (Mt. 28,18), seine Messianität und seine Gottessohnschaft und auch seine Niedrigkeit während seines Erdenwirkens.
Es kann gar nicht genug betont werden, dass der Acker mit der Welt identifiziert wird, nicht mit der Gemeinde! „Welt“ (griechisch: kosmos) ist im Matthäusevangelium ein wichtiges Wort. Es bezeichnet die Schöpfung, die dem Menschen (scheinbar) verfügbar ist (Mt. 16,26), in der der Teufel Macht hat (Mt. 4,8), die aber auch der Raum ist, in dem das Evangelium verkündigt wird (Mt. 26,13) und der für die Nachfolger Jesu ein Bewährungsfeld darstellt (Mt. 5,14). In genau diese Welt sind die Kinder Gottes hineingestellt.
Die Saaten werden mit Menschen identifiziert. Der gute Samen sind die Kinder des Reichs. Aber daneben gibt es auch solche, die im Ungehorsam gegen Gott verharren, die Kinder des Bösen. Sie entsprechen dem Lolch. Der Teufel, der „Durcheinanderwerfer“ ist der Feind, der den Lolch sät. Er handelt den Absichten Gottes entgegen. Durch seine Aussaat ahmt er nach, was der Menschensohn tut. Er produziert eine Fälschung, die zunächst zum Verwechseln ähnlich erscheint, später aber todbringend ist.
Ein biblisches Bild für das Endgericht ist die Ernte. Dazu gehören auch die Engel, die an der Ausführung von Gottes Gericht beteiligt sind. Schon im Alten Testament wurde der Gerichtstag als Tag des Herrn bezeichnet. (zum Beispiel: Am. 5,18-20). Geschichte hat nicht nur einen Anfang, sondern sie hat auch ein Ende bzw. ein Ziel. Das Ende liegt nicht im Dunkel und im Untergang, sondern in der Vollendung des von Gott beabsichtigten Zieles.
Die Erklärung, die Jesus zu diesem Gleichnis gibt, macht deutlich, dass es nicht darum geht, wie das Nebeneinander von Kindern des Reichs und des Bösen zustande kommt, Jesus will auch nicht über das Warum des Bösen Auskunft geben. Worum es geht, ist der Zustand, der in dieser Welt bis zum Ende der Zeit vorzufinden ist. Solange werden die Kinder des Reichs zusammen mit den Kindern des Bösen in dieser Welt existieren. Es ist nicht möglich, sie innerhalb der Weltzeit zu trennen.
Durch den Vergleich mit „geradeso wie … so auch“ (Mt. 13,40) hebt der Herr den entscheidenden Punkt hervor: Im Kern geht es um das Einsammeln und um das Verbrennen, also um die Behandlung des Lolchs bei der Ernte.
Wenn man den landwirtschaftlichen Hintergrund dessen beachtet, was Jesus sagt, besteht kein Unterschied zwischen der Gleichniserzählung, in der es angeblich um das „Abwarten“ gehe, und der anschließenden Erklärung, in der das „Gericht“ hervorgehoben sei. Sowohl in der Gleichniserzählung als auch in der Erklärung bringt Jesus dieselbe Botschaft: Im Gericht wird es eine Trennung geben, mit der dann auch das Problem des Bösen gelöst wird. Das Gericht über das Unkraut kommt.
Eine Frage, die immer wieder auftaucht, richtet sich auf die Aussage Jesu, dass die Bösen („Ärgernisse“) aus dem Reich des Menschensohnes gesammelt werden (Mt. 13,41). Fiel uns nicht auf, dass im Gleichnis selbst der Lolch vom Acker gesammelt wird, der nach Matthäus 13,38 die Welt ist? Wie vertragen sich Welt und Reich des Menschensohns?
Zur Beantwortung ist zunächst zu klären, was mit dem Reich des Menschensohnes gemeint ist. Mit Reich kann sowohl an ein Herrschaftsgebiet gedacht werden, als auch an ein Königtum oder an eine Königsherrschaft im Sinne von ausgeübter Regentschaft.
Das Neue Testament spricht über das Himmelreich in einer dynamischen Weise. Aus diesem Grund sprechen so viele Himmelreichsgleichnisse vom Wachstum. Jesu Ruf zur Buße kündigte das Himmelreich an, genau wie auch bereits Johannes der Täufer: Es ist nahe herbeigekommen. (Mt. 4,17). Jesus lehrte die Jünger, um das Kommen dieses Reichs zu bitten (Mt. 6,10). An anderer Stelle sprach er plastisch vom Hineingehen in das Reich (Mt. 5,20) oder auch vom Suchen des Reiches (Mt. 6,33).
Das Reich Gottes ist zwar in dieser Welt. Aber in dieser Welt wird es bedrängt. Insofern ist die Welt der Ort der Bewährung der Kinder des Reichs, die der Gegnerschaft des Bösen ausgesetzt sind. Erst wenn Christus wiedergekommen ist, wird dieser Konflikt beendet sein. Diese Botschaft finden wir auch im Gleichnis vom Fischnetz. Dort werden die Bösen ebenfalls aus der Mitte der Gerechten aussortiert (Mt. 13,49) und nicht umgekehrt.
Das Feuer (Feuerofen) ist ein in der Bibel häufig verwendetes Bild für das Gericht (zum Beispiel Mt. 5,22; 13,50). Das Gericht im Feuerofen ist eine andauernde Qual. Mit Heulen und Zähneknirschen beschreibt Jesus öfters den Zustand in der Verdammnis (sechsmal allein im Matthäusevangelium).
Die Kinder des Reichs werden jetzt als die Gerechten bezeichnet. Es sind die, die den Maßstäben des Reiches Gottes entsprechen. Auch wenn im Matthäusevangelium das rechte Tun betont wird, bleibt entscheidend, dass die bessere Gerechtigkeit (Mt. 5,20) eine geschenkte Gerechtigkeit ist, die denen zugeeignet wird, die sich von ganzem Herzen danach sehnen (Mt. 5,6).
Das Leuchten wie die Sonne erinnert an die Aussage von Daniel 12,3. Das sonnenähnliche Leuchten steht für die verwandelte Leiblichkeit. So leuchtete auch Jesus auf dem Berg der Verklärung wie die Sonne (Mt. 17,2). Aber es entspricht auch sonst biblischem Sprachgebrauch, dass Menschen, die Gott wohlgefallen, mit dem Licht der Sonne verglichen werden (Ri. 5,31; 2Sam. 23,4).
Jesus will mit diesem Gleichnis also nicht Gemeindezucht unterbinden. Vielmehr geht es dem Herrn um das Nebeneinander von Gut und Böse in der Welt. Erst am Jüngsten Tag wird das Himmelreich die ganze Welt umfassen, weil dann im Gericht überall Gottes Wille geschieht.4
An anderen Stellen der Heiligen Schrift, nicht zuletzt im Matthäusevangelium, gibt der Herr klare Anweisungen, wie mit Brüdern umzugehen ist, die nicht umkehren, sondern in der Sünde verharren: Sie müssen unter Gemeindezucht gestellt werden (Mt. 18,15-17).
Jesus hatte sich durch Wort und Tat als der verheißene Messias erwiesen (Mt. 11,5) und den Anbruch seiner Gottesherrschaft verkündigt. Doch anstatt dies freudig anzunehmen, wächst unter dem Volk die Ablehnung. Die geistlich Verantwortlichen gehen so weit, dass sie Jesu Wirken dämonisieren (Mt. 12,24). Nach dem Gleichnis vom Sämann, das etwas von der Herzensbeschaffenheit und der persönlichen Verantwortung des Einzelnen zeigt, folgt das Gleichnis vom Unkraut im Weizen.
Es wird deutlich, dass das Gute, das Jesus tut (die gute Saat), nicht in eine heile Welt kommt. Es gibt erschreckende Gegenkräfte, die den Erfolg zu gefährden drohen. Doch nicht ein unverzüglicher Eingriff, sondern das Endgericht (Ernte) wird das Problem lösen. Das Böse behält nicht die Oberhand. Die Betonung der Vernichtung des Lolchs zeigt, dass Gott im Gericht Ernst macht und das Böse nicht duldet, sondern richtet. Jesu Sendung wird am Ende zum Erfolg führen, sodass der Weizen in die Scheune eingebracht wird. In der Jetztzeit ist die Sache des Himmelreiches bedrängt, und sie erscheint vielfach erfolglos. Aber am Ende der Zeit wird das Reich Gottes triumphieren.
Jesus legt das Gleichnis aber noch aus, damit die Jünger vom Kommen der Gottesherrschaft mehr verstehen sollen, als das „Dass“ des Gerichts und dessen doppeltem Ausgang. Sie sollen von dem, was von Grundlegung der Welt an verborgen ist (Mt. 13,35), nämlich Gottes Heilsplan, genauere Informationen erhalten. Dazu werden die Akteure genauer beleuchtet.
An erster Stelle steht Christus. Der Jesus aus Fleisch und Blut, der vor den Jüngern steht und die Geheimnisse des Himmelreichs erklärt, ist identisch mit dem Menschensohn der Vision Daniels. Er ist der, der göttliche Würde trägt, von Gott her kommt und dessen Herrschaft kein Ende hat. Jesus ist nicht nur der Messias Israels, sondern seine Sendung bezieht sich auf die ganze Welt. Es besteht kein Zweifel, dass der Menschensohn die Gottesherrschaft überall durchsetzen wird. Beim Weltgericht ist es der wiederkommende Christus, der das Urteil spricht.
Das entspricht völlig der Botschaft der Apostel (Apg. 10,42; 17,31; 2Kor. 5,10; 2Th. 2,8-13; 1Petr. 5,4; 2Petr. 3,10) sowie der Johannes-Offenbarung.

Der Feind wird mit dem Teufel identifiziert. Die Jünger sollen wissen, dass das Nebeneinander von Gut und Böse nicht Gottes Werk im Sinne eines Dualismus ist. Vielmehr ist dafür eine personale Gegenmacht verantwortlich, der Teufel. Die Menschen, die im Widerspruch zu Gottes Willen leben und andere zur Rebellion gegen Gott anstiften, haben diese Einstellung vom Teufel. Sie sind seine Kinder. Dass der Teufel scheinbar tun kann, was er will, dass das Böse wächst und gedeiht, ist nicht das Letzte. Gott wird Recht schaffen. Im Gericht wird zwischen den Kindern des Bösen und den Kindern des Reiches geschieden. Die Bestrafung der Bösen ist ebenso endgültig wie die Vollendung der Gerechten, die sich dann der ungetrübten Gegenwart Gottes erfreuen dürfen.

Die Erklärung Jesu endet mit dem Ausruf: Wer Ohren hat, der soll hören! Damit werden wir nicht zum Handeln aufgefordert. Jesus ruft auch nicht zur Buße auf. Es ist auch keine Warnung. Vielmehr ist es ein Aufruf zum genauen Hinhören. In der Johannes-Offenbarung ist er jeweils mit Zuspruch und Trost verbunden. Der Zusammenhang von Matthäus 13 weist in die gleiche Richtung. Die Ablehnung Jesu, das Gelingen des Bösen und die äußerliche Schwäche des Himmelreichs sollen die Jünger nicht verzagt und mutlos machen.

Vom Gericht Gottes reden wir nicht gerne. Es passt nicht in das Bild vom „lieben Gott“. Dabei ist Gottes Gericht zutiefst gerecht. Gerechtigkeit aber ist ein Bedürfnis, das auch moderne Menschen haben. Es ist interessant, dass das Gleichnis nicht den Gottlosen mit dem Gericht droht, sondern die Nachfolger Jesu damit tröstet. Können wir uns vorstellen, vom Gericht Gottes so zu sprechen, dass es tröstlich ist?

Solange wir blauäugig meinen, wir seien selbst in der Lage, Gerechtigkeit auf Erden zu schaffen, erwarten wir sie nicht von Gott. Wir glauben viel zu sehr an unsere eigenen Möglichkeiten, als dass wir den Trost richtig vernehmen können, dass diejenigen, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, satt werden sollen (Mt. 5,6). Erst wenn wir unsere Ohnmacht eingestehen, wächst die Sehnsucht, dass das Reich Gottes kommen möge (Mt. 6,10).

Das Reich Gottes kommt gewiss. Auch wenn es noch unscheinbar und verborgen, angefeindet und bedrängt ist. Gott wird seine Herrschaft auf der ganzen Welt aufrichten. Gibt es eine tröstlichere Perspektive für Gottes unvollkommene und angefochtene Kinder, als dabei zu sein, wenn Jesus wiederkommt, um dann für immer im Reich des Vaters bleiben zu dürfen?


1) Schröder, Heinz, Jesus und das Geld. Karlsruhe [Verlag der Gesellschaft für Kulturhistorische Dokumentation] 1981, 3. Auflage, S. 13.
2) Oberdorfer, Erich, Exkursionsflora. Stuttgart [Verlag Eugen Ulmer] 1983, 5. Auflage, S. 229. Moldenke, Harold, Plants of the Bible. Waltham 1952, S. 133.134; Dalman, Gustaf, Arbeit und Sitte in Palästina. Gütersloh [Bertelsmann] 1932, Bd. 2, S. 324.325.
3) Ein anderer Abschnitt, Johannes 4,35-38, setzt voraus, dass Saisonkräfte nichts Ungewöhnliches waren.
4) Spurgeon, Charles Haddon, Das Evangelium des Reiches. Hamburg 1894.