Die Verheißung der Beschneidung des Herzens (Teil 2): Jesaja

Im ersten Teil dieser Artikelreihe (siehe Bekennende Kirche Nr. 55) ging es um die Verheißung der Beschneidung des Herzens, wie sie verheißen ist in 5Mose 30,6. Wir sahen, dass diese Zusage den Höhepunkt des ganzen Buches bildet. Gott verheißt, das Herz des Menschen so zu verändern, dass er Gott lieben und ihm folgen wird.

In diesem Artikel wollen wir untersuchen, wie Jesaja auf der Aussage aus dem fünften Buch Mose aufbaut. Wir werden sehen, dass die Aussage Moses für die ganze weitere Offenbarungsgeschichte von großer Bedeutung ist. Wenn wir im Folgenden studieren, wie die Verheißung der Beschneidung des Herzens durch die Propheten aufgegriffen wird, stellen wir zunächst einmal fest, dass Jesaja nirgendwo direkt von der Beschneidung des Herzens spricht. Dennoch baut er an vielen Stellen auf die Aussage Moses über die Beschneidung des Herzens durch Gott auf.

Einführung in das Buch Jesaja

Das Buch Jesaja kann in zwei Hauptabschnitte eingeteilt werden. In den Kapiteln 1 bis 35 geht es vor allem um die Mahnung zur Umkehr angesichts des Gerichts über Israel, das Nordreich. Wenn Juda, das Südreich, nicht umkehrt, wird es mit einem noch härteren Gericht bestraft werden, nicht nur mit Gefangenschaft und mit dem Exil, sondern auch mit der Zerstörung des Tempels.

Die Kapitel 36 bis 66 gehen auf Babylon und das Babylonische Exil ein. Sie handeln also von Dingen, die für die zukünftigen Exilanten von Bedeutung sind. Dabei richtet Jesaja seinen Blick vorrangig auf die Heimkehr und die Errettung. Allerdings sollten wir nicht übersehen, dass über das ganze Buch Jesaja verteilt Verheißungen über das zukünftige rettende Eingreifen Gottes zu finden sind. In gewissem Sinn greifen diese Weissagungen die Botschaft von 5Mose 30 auf. Aber auch die Abschnitte über das Gericht, das mit Sicherheit eintreffen wird, ja in der prophetischen Schau schon eingetroffen ist, bestätigen die Gerichtsankündigungen von 5Mose 29 bis 31.

Im Buch Jesaja geht es zusammengefasst um die Offenbarung von Gottes Heiligkeit und um die Konsequenzen, die sich daraus für Gericht und Errettung des Menschen ergeben. Das Gericht ist die Strafe für die Sünde. Die Errettung geschieht nur, wenn Gott selbst für Versöhnung sorgt. Überall leuchtet hier die Botschaft des fünften Buches Mose hindurch: Die Rettung des Volkes ist allein von der Gnade Gottes abhängig.

Die Beschneidung des Herzens

Der Prophet Jesaja ruft das Volk auf, zu Gott umzukehren. Doch gleichzeitig wird deutlich, dass es aus eigenen Kräften nicht umkehren kann. Der Grund für die Unfähigkeit zur Umkehr ist derselbe wie in 5.Mose: Die Menschen des Volkes Gottes kennen Gott nicht, und sie wollen ihn nicht kennen (Jes. 6,10; vergleiche 5Mos. 29,3).

Obwohl Jesaja nicht direkt von einer Beschneidung des Herzens spricht, wird an den Merkmalen der Umkehr des Volkes zu Gott, an der Art, wie sie vollzogen wird und an den Folgen deutlich, dass Jesaja dasselbe zukünftige Ereignis vor Augen hat. Die wichtigen Schlüsselwörter, die mit diesem Ereignis in 5.Mose verbunden sind, tauchen auch bei Jesaja in enger Verbindung auf. Der Zustand des Herzens wird durchgängig als widerspenstig und nicht zur Erkenntnis Gottes fähig beschrieben. Mehrfach taucht die Beschreibung des verhärteten Herzens zusammen mit der Erwähnung der verschlossenen Augen und Ohren auf (Jes. 6,9.10; 32,3.4; 51,4-6). Das Herz, so stellt der Prophet fest, ist wund (1,5), voller Furcht (7,2), stolz (9,8), fern von Gott (29,13), sinnt nach Bösem (32,6) und ist verzagt (35,4). Es ist nicht zur Erkenntnis fähig. Es erkennt weder Gott (6,10) noch seine Sünde, nämlich die Abgötterei (44,19.20).

Wenn das Volk zu Gott umgekehrt ist, und das heißt, wenn Gott es errettet hat, dann wird es von Herzen über Gottes Handeln, nämlich über die Errettung seines Volkes und das Gericht über die Feinde fröhlich sein (60,5; 66,14). Das Herz wird Einsicht gewinnen (32,4). Der Mensch wird durch Gottes Wirken ihn von Herzen erkennen (32,3.4; 41,20). Dieses Erkennen ist verbunden mit Ohren, die auf Gottes Gesetz hören (51,4), und mit Augen, die auf Gottes Gericht und auf sein Heil schauen (51,6; 60,4). Das errettete Volk wird Gottes Gesetz im Herzen haben (51,7).

Vor der Umkehr zu Gott hat das Herz des Volkes dieselben Merkmale wie das unbeschnittene Herz, von dem im fünften Buch Mose berichtet ist. Wenn Gott sein Volk erretten wird, wird gleichzeitig das Herz des Volkes erneuert sein. Die Beschneidung des Herzens geht nach 5Mose 30 von Gott aus und entspricht der Umkehr zu Gott. Auch Jesaja verheißt, dass die zukünftige Umkehr des Volkes allein von Gott bewirkt wird. Gott wird dem Volk Erkenntnis über sich geben, und diese Erkenntnis wird eine tiefgreifende Veränderung schaffen, die mit der Beschneidung des Herzens gleichzusetzen ist.

Wie wird die Beschneidung des Herzens und damit die Gotteserkenntnis und Umkehr des Volkes konkret verwirklicht? Jesaja weist auf drei Aspekte hin: auf das Wort Gottes, auf den Geist Gottes und auf den Knecht Gottes, der der Messias ist.

Veränderung des Herzens durch das Wort

Die Wirkung des Wortes zeigt Jesaja besonders in Kapitel 55 auf. Dort werden wir aufgefordert, auf Gott zu hören und seine Worte aufzunehmen (Jes. 55,1-3). Aber das heißt nicht, dass der Schlüssel zur Umkehr und zum Eingang in den ewigen Bund (Jes. 55,3) in unserem Willen zum Hören gegründet ist. Vielmehr wird er allein durch den Willen Gottes bewirkt, der durch sein Wort im Menschen die entscheidende Veränderung schafft. Dieses Wort wirkt immer zusammen mit dem Geist Gottes.

Veränderung des Herzens durch den Geist Gottes

Der Prophet Jesaja geht auf das Wirken des Geistes Gottes vor allem in Kapitel 32 ein. In diesem Kapitel wird das zukünftige Heil verheißen, das mit der Erkenntnis Gottes in einem einsichtigen Herzen einher geht (Jes. 32,1-4). Wenn der Geist aus der Höhe ausgegossen wird, wird die zukünftige Erneuerung kommen (Jes. 32,15-18; vergleiche 30,23-26; 55,12.13). Der Geist Gottes wird neben der Erkenntnis, Gottes Recht, Gottes Gerechtigkeit und seinen Frieden auf ewig bringen (Jes. 32,15-18), und er wird eine feste Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk stiften. Er wird bewirken, dass sich Menschen dem Herrn ganz hingeben und ihm treu sein werden (Jes. 44,3-5). Es ist der Geist Gottes, der das widerspenstige und stolze Herz des Menschen verändern und zur Treue zu Gott führen wird.

In Jesaja 59,20.21 werden Geist, Wort und Bund miteinander verknüpft. Gott schließt mit denen einen Bund, die zu Gott umkehren. Die Verheißung dieses Neuen Bundes besteht darin, dass Gott seinen Geist ausgießt und seine Worte auf ewig im Mund des Volkes sein sollen. Die Umkehr und der Bund sind in dem verheißenen Erlöser verankert. Dieser Erlöser, der Messias, ist die entscheidende Erweiterung der Verheißung der zukünftigen Errettung und der Veränderung des Herzens.

Veränderung des Herzens durch den Messias

Gott verhieß dem König David, dass er ihm ein Haus bauen wolle. Seine Nachfahren sollten ewig auf dem Thron sitzen, auch wenn sie in Sünde fallen würden (2Sam. 7,8-16). Tatsächlich wandten sich die Nachkommen Davids von Gott ab. Der Prophet Jesaja verkündete daraufhin dem König Ahas, seinem Haus und dem ganzen Volk von Juda das Gericht (Jes. 7,17). Es bleibt aber nicht bei dem Gericht über das Königshaus. Jesaja verheißt einen besonderen Nachkommen Davids, einen idealen König, der ewig herrschen wird. Auf diese Weise zeigt Gott, dass er seine Verheißung an David erfüllen wird (Jes. 9,1-6; 11,1-5). Mit dem zukünftigen König ist der zukünftige und nicht aufhörende Segen über das Volk Gottes, der bereits in Jesaja 1,26-28 verheißen worden ist, verbunden. Dieser König wird durch Recht und Gerechtigkeit sein Königreich ewig regieren (Jes. 9,6; 11,4.5).

Wie das geschehen soll, schildert Jesaja in den Abschnitten über den Gottesknecht. Der verheißene Knecht ist mit dem verheißenen König gleichzusetzen. Beide werden mit einem neu gewachsenen Spross verglichen (Jes. 11,1; 53,2). Beide werden im Auftrag Gottes das Volk erretten (Jes. 9,1-6; 11,4; 42,1-7; 49,5.8.9; 53,11). Auf beiden ruht der Geist Gottes (Jes. 11,2; 42,1; 61,1). Die zukünftige Rettung, Gotteserkenntnis und Umkehr, die mit der Veränderung des Herzens einhergeht und die Gott wirkt (Kapitel 35), wird nun eindeutig mit dem Kommen und Wirken des Knechtes Gottes verbunden (Jes. 42,1-9).1 Der Knecht wird die Augen der Blinden öffnen und die Gefangenen befreien (Jes. 42,7). Er wird das Volk Israel und darüber hinaus die Heiden zu Gott zurückführen (Jes. 42,6; 49,5.6). Der Knecht selbst wird von Gott zum Bund für das Volk gesetzt (Jes. 42,6; 49,8). Das heißt, dass er der Mittler des Bundes wird. Er wird den neuen Bund aufrichten, und so werden die Menschen durch ihn in eine Bundesbeziehung zu Gott treten können. Der Knecht wird das Volk aus der Finsternis des Götzendienstes zum Licht führen, folglich zur wahren Erkenntnis (Jes. 42,7.8; 49,6) und somit in den Bund mit Gott (Jes. 42,6).

Der Knecht ist zu diesem Werk befähigt, weil er von Gott gesandt und erwählt worden ist (Jes. 42,1; 49,7; vergleiche 48,16), weil er, selbst ohne Sünde (Jes. 53,9), für die Sünden des Volkes stellvertretend leiden und sterben wird (Jes. 52,13 – 53,12) und weil er den Geist Gottes in sich hat (Jes. 42,1; 61,1; vergleiche 11,2). Diesen wird er an seine Nachfolger, an die von ihm Erlösten, weitergeben. Der Knecht Gottes ist demzufolge der Vermittler des Wortes2 und des Geistes Gottes, die das menschliche Herz zu Gott bekehren werden (Jes. 50,4; 59,20.21; 61,1). Der Knecht wird so das Herz der Menschen heilen (Jes. 61,1). Die Verheißung des kommenden Retters ist daher nicht nur eine Erweiterung neben anderen, sondern dieser Retter wird maßgeblich die Erfüllung der Verheißungen aus 5Mose 30 bewirken.

Der Prophet Jesaja erweitert die Verheißung der Beschneidung des Herzens um zahlreiche Elemente. Wie bereits erwähnt, spricht er von einem zukünftigen, ewigen Bund, den der Messias schließt (Jes. 42,6; 49,8). Der Prophet verheißt den Wiederaufbau von Jerusalem auf dem Berg Zion, wobei er aber weit über eine Stadt aus Stein hinausblickt. Zion wird zum Bild für die vollkommene Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk (Jes. 12,6; 8,18; 33,20.21; 51,11; 52,7.8; 60,17.18). Darüber hinaus spricht Jesaja von der Vergebung der Sünden und der Errettung von Heiden. Beides wird durch den Messias bewirkt und steht somit auch in Verbindung mit dem zukünftigen Heil und der Beschneidung des Herzens. Gott wird die Schuld vergeben, weil sein Knecht das Gericht auf sich nimmt und die Schuld bezahlt (Jes. 4,2-4; 53,1-12). Nicht nur dem Volk Israel, sondern auch den Heiden wird durch den Messias wahre Erkenntnis über Gott geschenkt werden (Jes. 25,7; 42,1-6; 49,6).

Mose – Jesaja – Jesus

Jesajas Botschaft gründet auf dem Alten Bund (5Mos 30) sowie auf den Verheißungen des Neuen Bundes. Auch er sieht die absolute Hilflosigkeit und Verdorbenheit des Volkes, und auch er verkündet, dass allein Gott selbst sein Volk retten wird. Die wichtigste Erweiterung der Verheißung der Beschneidung des Herzens liegt in der Verheißung des Messias. Durch ihn und durch sein Werk wird schließlich die Verheißung der Beschneidung des Herzen erfüllt werden. Jesaja prangert den Bundesbruch des Volkes aufgrund seiner Sünden an und macht deutlich, wo das eigentliche Problem liegt, nämlich im unbeschnittenen Herzen. Weil das Volk Gott nicht von Herzen erkennen kann, betet es leblose Götzen an. Das Exil als Gericht für die Sünde ist deshalb unausweichlich. Aber es wird das Problem des Herzens nicht lösen. Erst durch den Messias, der stellvertretend für die Sünden stirbt, also das Gericht selbst auf sich nimmt und Gottes Wort und seinen Geist den Menschen geben wird, wird wahre Umkehr und Gemeinschaft mit Gott bewirkt.

Im Neuen Testament können wir sehen, dass Jesus dieser Messias, dieser Christus, ist. Er wurde uns von Gott gegeben (Joh. 3,16). Er hat uns das Wort und den Geist Gottes geschenkt (Joh. 14,1-26; 16,5-15). Er ist für unsere Schuld am Kreuz gestorben und vermittelt uns ewiges Leben (Röm. 5,1-11). Ewiges Leben heißt, dass wir Gott erkennen und Gemeinschaft mit ihm haben dürfen (Joh. 17,3.20-26).

Aber nicht erst Jesaja verhieß den Sohn Gottes, bereits Mose prophezeite: „Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, auf ihn sollst du hören!“ (5Mos. 18,15) Dieser Prophet wird die Worte Gottes zu den Menschen bringen (5Mos. 18,18). Jesus Christus war dieser Prophet, und er hat die durch Mose und Jesaja gegebenen Verheißungen erfüllt.

Die zentrale Bedeutung des Wortes Gottes, die Mose und Jesaja bereits andeuten, greift vor allem Jeremia auf. Darauf soll im nächsten Artikel dieser Serie eingegangen werden.


1) Dieser von Gott gesandte Knecht ist nicht mit dem Knecht Israel (Jes. 41,8) gleichzusetzen. Der Knecht Israel, nämlich das Volk, hat verschlossene Augen und Ohren (Jes. 42,18-20). Er kann Gott nicht erkennen. Der von Gott gesandte Knecht wird dem Volk die Augen und Ohren öffnen (Jes. 42,6.7). Der besondere Knecht Gottes, der Messias, wird den Knecht Israel zu Gott führen (Jes. 49,5).
2) Die Verheißungen aus Jesaja 55 sind Konsequenzen des Wirkens des Knechtes (Jes. 52,12 – 53,13).