Grußwort des Schriftleiters

Grußwort des Schriftleiters

Denn gleichwie wir an einem Leib viele Glieder besitzen, nicht alle Glieder aber dieselbe Tätigkeit haben, so sind auch wir, die vielen, ein Leib in Christus, und als einzelne untereinander Glieder, wir haben aber verschiedene Gnadengaben gemäß der uns verliehenen Gnade.

Römer 12,4–6a

Ende September des vergangenen Jahres sah das Nachrichtenmagazin Spiegel die baldige Machtübernahme christlicher Fundamentalisten in den USA voraus. Unter dem Titel ‚Trumps Gotteskrieger – Wie fanatische Christen die USA übernehmen‘ wurde ein Schreckensszenario an die Wand gemalt.

Nur einen Monat später wählten die Amerikaner tatsächlich einen Mann mit ziemlich radikalen Ansichten in ein hohes Regierungsamt. Aber anders als vom Spiegel herbeigeredet, handelt es sich dabei nicht um einen Christen, sondern um einen Moslem. Zohran Mamdani wurde als Kandidat der Demokratischen Partei zum Bürgermeister von New York City gewählt. In der Vergangenheit hatte er unter anderem mit zustimmenden Aussagen zur Intifada und Enteignungsfantasien für Irritationen gesorgt.

Ausgerechnet in der Stadt mit der größten jüdischen Gemeinschaft der Welt amtiert seit Anfang Januar nun also ein streng islamischer Bürgermeister. Seinen Amtseid legte er am ersten Januar mit der Hand auf den Koran ab. Und aus der anschließenden Antrittsrede ging vor allem ein Satz um die Welt: „Wir werden die Kälte des rauen Individualismus ersetzen durch die Wärme des Kollektivismus.“

Ein rauer Individualismus! Ein warmer Kollektivismus?

Mit seiner Kritik am ‚rauen‘ Individualismus hat Mamdani nicht Unrecht. Tatsächlich sind die westlichen Gesellschaften stark individualisiert. Während in Deutschland im Jahr 1950 19 % der Haushalte Singlehaushalte waren, sind es heute über 40 %. Und gerade in Großstädten auf beiden Seiten des Atlantiks sind die Zahlen noch einmal höher. Einsamkeit wird als zentrales gesellschaftliches Problem immer häufiger auch in der Öffentlichkeit thematisiert – im Oktober gab es in der ARD eine ganze Themenwoche dazu.

Diese Sachlage führt uns zu einer Antwort auf die Frage nach der Begeisterung der New Yorker für Mamdani. Denn nach seinem Plädoyer für den ‚warmen‘ Kollektivismus hat das größtenteils weiße (und wenig muslimische) Publikum in New York begeistert geklatscht. Manch einer hat sich nicht erst dann verwundert die Augen gerieben: Wie kann eine der politisch linksten Städte der Welt einen strengen Moslem zum Bürgermeister wählen?

Die Antwort gibt Mamdani selbst mit seiner Forderung nach mehr Kollektivismus. Denn während die linke Ideologie und der Islam in vielen moralischen Fragen über Kreuz liegen (Sexualethik, Familienpolitik, Frauenrechte…), treffen sie sich an diesem entscheidenden Punkt: Beide Ideologien sind radikal kollektivistisch. Sowohl im Islam als auch im Sozialismus hat sich der Einzelne bedingungslos dem Kollektiv unterzuordnen.

Wer denkt, diese schräge Allianz wäre ein rein amerikanisches Phänomen, der irrt. Bei der deutschen Bundestagswahl im vergangenen Jahr stimmten nach Schätzungen 29 % der Moslems für die Linkspartei und weitere fast 50 % für SPD, Grüne oder BSW – über drei Viertel der Wähler also für explizit linke Parteien. 

Dabei zeigt die Geschichte: Die kollektivistischen Gesellschaften – egal ob kommunistisch, faschistisch oder islamisch – versprühen nicht den Hauch von Wärme. Wer nur beispielhaft die Geschichte kollektivistischer Experimente des 20. Jahrhunderts studiert – von Nazi-Deutschland über die Sowjetunion bis hin zum Iran nach der islamischen Revolution –, wird fast ausschließlich grausame, raue Kälte finden. 

Die biblische Antwort

Wie lautet die biblische Antwort auf die Kälte von Individualismus und Kollektivismus? Bereits in Gott selbst findet sich das Miteinander von Individualität und Gemeinschaft: Er ist ein Gott in drei Personen. Dieser dreieine Gott hat den Menschen in seinem Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist individuell und einzigartig. Und doch ist es nicht gut, dass der Mensch allein sei. Deswegen hat Gott sich die Ehe ausgedacht. Dort werden Mann und Frau ein Fleisch und doch verlieren sie nicht ihre Individualität.

Das Miteinander von Individualität und Gemeinschaft wird besonders in der Erlösung deutlich. Jeder Mensch ist vor Gott für sein eigenes Leben verantwortlich. Und gleichzeitig stellt Gott seine Kinder in die enge Gemeinschaft seiner Kirche.

Die Verse aus Römer 12 bringen das auf den Punkt: Wir sind ein Leib in Christus (V. 4), zu dem wir alle gehören. Christsein ist keine individuelle Sache, sondern wird in Gemeinschaft gelebt. Immer wieder ermahnt das Neue Testament Christen, diese Einheit zu bewahren (Eph 4,1–6). Und gleichzeitig sieht Gott jeden Einzelnen in der Gemeinde in seiner Unterschiedlichkeit. Nicht alle Glieder haben dieselbe Tätigkeit (V. 4). Christen gehen nicht im großen Kollektiv auf, sondern sind als Einzelne untereinander Glieder (V. 5). Sie haben verschiedene Gnadengaben, je nachdem wie Gott sie in seiner Gnade beschenkt (V. 6).

Diese Verbindung von beiden Aspekten zieht sich durch die praktischen Anweisungen an Christen im Neuen Testament. Der Leib ist einer (1Kor 12,12), besteht aber aus vielen Gliedern (1Kor 12,14–26). Jeder wird einzeln seine Bürde zu tragen haben (Gal 6,5). Gleichzeitig sollen wir uns gegenseitig unsere Lasten abnehmen (Gal 6,2). Wir sollen gleichgesinnt sein (Röm 15,5) und doch den anderen bei Unterschieden in Gewissensfragen annehmen (Röm 14).

Was wie ein Widerspruch klingt, ist das wunderbare Miteinander von Individualität und Gemeinschaft, das dem dreieinen Wesen Gottes entspringt und das das Zusammenleben von Menschen prägen soll. Ein solches Miteinander umschifft Einsamkeit und Narzissmus des rauen Individualismus genauso wie die Kälte des Kollektivismus mit seinem Motto Du bist nichts, deine Gemeinschaft ist alles.

Dieses Muster soll nicht nur die Gemeinde und andere menschliche Gemeinschaften hier auf der Erde formen, sondern es ist so grundlegend, dass es für immer gilt. In Offenbarung 21 beschreibt Gottes Wort das Neue Jerusalem, den neuen Himmel und die neue Erde. Zweimal wird dort die bekannte Bundesformel aufgegriffen, die sich durch die gesamte Bibel zieht – einmal kollektiv (und sie werden seine Völker sein und er wird ihr Gott sein, 21,3b) und einmal individuell (und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein, 21,7b).

Die gelebte Gegenkultur

Mamdani hat Recht mit seiner Kritik. Seine Alternative ist aber mindestens genauso fatal wie der angeprangerte ‚raue‘ Individualismus – wenn nicht sogar noch schlimmer. Denn der von ihm ausgerufene Kollektivismus bekämpft alles, was das Christentum an Segen für die westlichen Gesellschaften hinterlassen hat – Dinge wie Gewissensfreiheit, Privatbesitz und die Familie als Keimzelle der Gesellschaft.

Seine Wahl ist ein Warnsignal für uns Christen im Westen. Und dennoch sind wir nicht zur Resignation gerufen, sondern zu einer gelebten Gegenkultur, die den dreieinen Gott in dieser Welt widerspiegelt. Unsere Gemeinden sollen Orte sein, an denen wir gemeinsam unterwegs sind, den anderen höher achten als uns selbst – und zugleich jeden Einzelnen sehen, sein Gewissen achten und seine von Gott geschenkten Gaben wertschätzen.

Es ist mein Gebet, dass diese Ausgabe der Bekennenden Kirche dazu beiträgt, dass wir Gott tiefer kennenlernen und unsere Gemeinden mehr und mehr zu Orten echter und zugleich persönlicher Gemeinschaft werden. So – und nur so – können wir Hoffnung fassen und weitergeben in einer Gesellschaft, in der kollektivistische Ideologien das christliche Menschenbild zunehmend verdrängen wollen.

Ihr Jochen Klautke