Wortverkündigung aus Hebräer 11,1: Was ist wahrer Glaube?

Die Einleitung

Gibt es im Leben eines Kindes Gottes etwas Wichtigeres als den Glauben? Wenn jemand euch fragen würde, was euch am wichtigsten ist, was würdet ihr antworten? Ich hoffe, eure Antwort wäre nicht: Glaube. Ich hoffe vielmehr, ihr antwortet: Jesus Christus ist mir am wichtigsten!

Zugegeben, das ist so, als würde man fragen, was wichtiger sei: die Speise auf dem Teller oder der Mund. Sicherlich ist die Speise wichtiger, denn wenn ich nichts zu essen hätte, würde ich verhungern. Aber andererseits: Wenn ich keinen Mund hätte, könnte ich die Speise nicht zu mir nehmen und würde ebenfalls verhungern.

So verhält es sich auch mit der Antwort auf die erste Frage. Der Herr Jesus Christus, der wahrer Gott aus wahrem Gott ist und unser Herr und Erlöser wurde: Ihm zu gehören ist wichtiger als alles andere. Und wir können ihm nicht anders gehören als allein durch den Glauben.

Das 11. Kapitel des Hebräerbriefs ist der klassische Bibelabschnitt, in dem uns dargelegt wird, was Glaube ist und wie Glaube sich äußert. Durch Glauben verstehen wir die Entstehung der Welten, durch Glauben baute Noah die Arche, durch Glauben wurde Mose nach seiner Geburt drei Monate von seinen Eltern verborgen, durch Glauben feierte Israel das Passah … in allem, was das Volk Gottes tat, handelte es durch Glauben, und durch Glauben handelt das Volk Gottes auch heute.

Was ist euch am allerwichtigsten? Jesus Christus! Was steht an Wichtigkeit gleich neben Jesus Christus, nämlich als das Mittel, durch das wir uns Christus zueignen? Glaube!

In Frage und Antwort 20 des Heidelberger Katechismus wird die Wichtigkeit des Glaubens folgendermaßen formuliert: „Werden denn alle Menschen wiederum durch Christus selig, wie sie durch Adam verloren worden sind? – Nein, sondern nur diejenigen, die durch wahren Glauben seinem Leib als Glieder eingefügt werden und alle seine Wohltaten annehmen.“

Ohne Glauben kann niemand selig, also gerettet werden. Um gerettet zu werden, müssen wir Christus „eingeleibt“ werden, also mit ihm vereinigt sein, und das geschieht durch Glauben.

Habt ihr rettenden Glauben? Seid ihr durch Glauben mit Christus vereinigt? Empfangt ihr durch Glauben alle seine Wohltaten? Lebt ihr täglich im Glauben? Aus gutem Grund fragt der Katechismus nach dem „wahren Glauben“, denn es gibt viele Menschen, die zwar einen Glauben haben, aber keinen wahren Glauben, der sie mit Christus wirklich vereinigt. Wer aber keinen wahren Glauben hat, bleibt unter dem Zorn Gottes und kommt um.

Wir werden uns heute einige unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Wir werden zum einen sehr deutlich zur Selbstprüfung aufgerufen. Wir sollen da, wo unser Glaube falsch oder lau ist, Buße tun und zum wahren Glauben an Christus zurückkehren. Und zum anderen sollen wir da, wo unser Glaube echt, aber schwach ist und wir vielleicht in unserem Glauben zweifeln und bangen, durch Gottes Wort gestärkt und auferbaut werden, sodass wir bekennen können: Ich habe wahren Glauben; Herr, hilf meinem Unglauben!

Was ist wahrer, rettender Glaube? Wir wollen diese Frage beantworten, indem wir zunächst das Gegenteil des rettenden Glaubens untersuchen, nämlich erstens den Unglauben und zweitens den sogenannten falschen Glauben. Im dritten Teil wollen wir lernen, worin das Wesen des wahren Glaubens besteht, sodass wir in der Gewissheit unseres Glaubens gestärkt werden. Und viertens wollen wir uns den Segen und die Früchte vor Augen führen, die uns Gott durch den Glauben schenkt.

Der Unglaube

Man kann die Frage nach dem rettenden Glauben auch umgekehrt stellen: Verwerft ihr das Evangelium im Unglauben? Während nämlich der Glaube das Evangelium annimmt, verachtet der Unglaube das Evangelium. Damit verachtet und verwirft der Unglaube Jesus Christus, denn dieser ist im Evangelium enthalten und wird durch das Evangelium gepredigt. Der Ungläubige verwirft Gott selbst, denn er hat diesen Christus zum Heil bestimmt.

Es gibt viele Gründe für den Unglauben. Eine Ursache ist, dass Gott den Glauben von manchen Menschen fernhält. Denn Glaube ist immer ein Geschenk Gottes, und Gott lässt in seiner souveränen Gnade dieses Geschenk nicht allen Menschen, sondern nur einigen zuteilwerden (2Thess. 3,2). Aber wir wollen hier die Perspektive des Menschen einnehmen und uns fragen, warum jemand Christus verwirft, dem Evangelium nicht glaubt und Gott hasst.

Ein Grund könnte sein, dass das Evangelium uns demütigt, weil es uns zeigt, dass wir vor Gott schuldig und von Natur aus verderbt sind und aus uns selbst nichts Gutes hervorbringen können. Das Evangelium fordert uns auf, nicht auf uns selbst zu vertrauen, sondern auf einen anderen, nämlich auf Christus. Menschen lehnen das Evangelium ab, weil sie sich dieser Wahrheit verweigern, verwerfen sie Christus und sein Heilswerk.

Ist das eure Antwort auf das Evangelium? Seid ihr ungläubig, weil ihr eure Sünde und Unfähigkeit nicht einsehen wollt? Dann spricht das Wort Gottes heute zu euch: Tut Buße von eurem Hochmut, und demütigt euch vor dem Wort Gottes, oder sterbt im Unglauben! – „Werden alle Menschen durch Christus gerettet, wie sie durch Adam verlorengegangen sind? – Nein, sondern nur diejenigen, die durch wahren Glauben seinem Leib als Glieder eingefügt werden.“

Manche Menschen sind ungläubig, weil sie sich für sehr gebildet, wohlhabend oder erfolgreich halten. Sie brauchen dieses Evangelium nicht: Glauben sei etwas für Schwächlinge. Sie akzeptieren viele andere Dinge, die sie voranbringen, und von denen sie sich einen Vorteil versprechen, nicht aber das Evangelium von Jesus Christus.

Ist das der Grund für euren Unglauben? Dann spricht das Wort Gottes zu euch: Tut Buße von eurem Stolz und dem Vertrauen auf euch selbst! – „Werden alle Menschen gerettet, die in Adam umgekommen sind? Nein, sondern nur diejenigen, die durch Glauben das Evangelium annehmen.“

Manche Menschen bleiben im Unglauben, weil sie hören, dass das Evangelium uns zu einem aufrichtigen Wandel vor Gott aufruft. Das heißt in der Regel, sich von bestimmten Ansichten oder Angewohnheiten oder von seinem bisherigen Lebensstil zu trennen. Aber das wollen viele nicht. Stattdessen gehorchen sie weiterhin ihren eigenen Geboten und führen so ein Leben in Unglauben, Ungehorsam und Undankbarkeit.

Ist das vielleicht eure Antwort auf das Evangelium? Wenn ja, dann spricht das Wort Gottes heute in aller Deutlichkeit zu euch: Tut Buße von eurem Unglauben, und demütigt euch vor Gott, und nehmt Jesus Christus durch wahren, lebendigen Glauben an! – „Werden alle Menschen, wie sie in Adam verlorengegangen sind, durch Christus gerettet? Nein, sondern nur diejenigen, die glauben.“

Ihr seht, dass Gottes Wort jeden einzelnen vor eine große Verantwortung stellt, und noch mehr diejenigen, die auch geistliche Verantwortung für andere tragen, wie Pastoren oder Älteste, Lehrer oder Eltern. Sind wir uns dieser Verantwortung bewusst? Beten wir, dass Gott uns und die er uns anvertraut hat, bewahrt vor menschlichem Stolz und Hochmut, davor, auf sich selbst und auf eigene Klugheit und Fähigkeiten zu vertrauen, und davor, abseits von Gottes Wegen ein Leben nach eigenem Gutdünken zu führen! Beten wir, dass Gott uns vor diesen Fallstricken des Unglaubens bewahre! Denn im Unglauben gibt es keine Erlösung. Im Unglauben gibt es nur Elend, nur Hölle. Habt ihr Glauben, oder ist euer Herz ungläubig?

Der falsche Glaube

Wir sind aber nicht nur aufgerufen, uns vor dem offensichtlichen Unglauben warnen zu lassen, sondern auch vor einem falschen Glauben. Das Wort Gottes teilt diesen falschen Glauben in mindestens drei Kategorien ein.

Die Bibel redet an einer Stelle vom Glauben der Dämonen (Jak. 2,19). Gemeint ist ein Glaube, der eine bloße Kenntnis der biblischen Lehre ist, eine intellektuelle Anerkennung dessen, was die Bibel lehrt, ohne aber diese Lehre wirklich im Herzen anzunehmen, ohne sie von Herzen zu lieben und ohne Frucht, die aus dem Glauben kommt: ein rein verstandesmäßiger „Kopfglaube“. Jakobus sagt an der erwähnten Stelle sinngemäß: „Ihr glaubt? Denkt nur nicht, dass ihr damit schon gerettet seid! Denn auch die Dämonen glauben, sie zittern sogar in ihrem Glauben.“ Die Teufel und Dämonen wissen, dass das Wort Gottes wahr ist. Sie leugnen nichts davon. Aber sie haben keine Liebe für dieses Wort. Sie hassen es und zeigen ihre Feindschaft gegenüber Gott und seinem Wort, wo sie nur können.

Die Welt ist voll von diesem Kopfglauben. Auch viele angebliche Christen haben einen solchen Glauben. Sie mögen getauft und in einem christlichen Umfeld aufgewachsen sein, besuchen die Gottesdienste, haben sogar das Glaubensbekenntnis abgelegt. Sie verstehen das Wort Gottes und lehnen nichts von dem ab, was die Bibel sagt. Sie glauben, dass dieses Wort wahr ist. Aber sie lieben es nicht und bringen darum auch keine Früchte. Es ist eine Art Glaube – die Bibel nennt es sogar so –, aber es ist kein wahrer, kein rettender Glaube, der uns mit Christus verbindet. – „Werden alle Menschen gerettet, werdet ihr gerettet durch einen solchen Glauben? Nein, nur diejenigen werden gerettet, die wahren Glauben haben.“ Wenn euer Glaube so aussieht, wie eben beschrieben, dann spricht das Evangelium Gottes heute zu euch: Tut Buße, und nehmt von Herzen den Herrn Jesus Christus und sein Evangelium an. Denn jeder, der wahrhaft glaubt, wird gerettet werden, und niemand, der wahrhaft glaubt, wird jemals verlorengehen.

Weiter erwähnt die Bibel den Glauben, der einigen Neubekehrten eigen ist. Bei diesem Glauben geht es weniger um den Kopf, sondern um das Gefühl. Die Wahrheiten der Heiligen Schrift zu hören, kann im Menschen ein wohliges Gefühl erzeugen, zumindest für eine Weile. Doch schon bald, wenn der Druck wächst, wenn man versteht, was es heißt, Christus wirklich nachzufolgen, verschwinden die angenehmen Gefühle, und man verwirft das Evangelium und den darin enthaltenen Christus und zieht sich aus der Gemeinde wieder zurück.

Diese Art des Glaubens beschreibt der Herr Jesus in dem bekannten Gleichnis vom vierfachen Ackerboden (Mt. 13,5.6.20.21): Dort fallen die Samenkörner unter anderem auf felsigen Grund, der nur mit einer ganz dünnen Erdschicht bedeckt ist. Was geschieht? Die Pflanzen blühen rasch auf, alles macht einen wunderbar lebendigen Eindruck – aber es sind keine festen Wurzeln da. Wenn die Sonne der Versuchung zu brennen anfängt, welken die Pflanzen dahin und gehen ein.

Solche Menschen hatte Jesus eine Zeitlang um sich. Ihnen gefiel, was sie von ihm sahen und hörten. Sie fühlten sich zu Jesus und zu dem, was er tat, hingezogen, und so verließen sie alles und folgten ihm nach – für eine Weile. Doch sie verschwanden wieder, als sie ihn solche Worte reden hörten: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach (Mt. 16,24). Oder: Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen (Mt. 19,21). Oder: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm (Joh. 6,56).

Auch in heutigen Kirchen gibt es diese Art von Glauben. Manchmal trifft man auf Menschen, die vielleicht zum ersten Mal eine richtige Predigt gehört haben und sehr begeistert sind. Sie schwärmen allen von ihrem neuen Glauben vor. Möglicherweise ist dieser Glaube aber noch nicht in ihren Herzen verwurzelt und diese Erkenntnis noch nicht gereift, dass sie Christus wirklich benötigen, dass sie umkommen, wenn sie Christus nicht in Wahrheit im Glauben besitzen. Darum ist es kein wahrer Glaube. Auf solche euphorisierten Besucher werden wir darum zwar freundlich und einladend und hilfsbereit reagieren, aber doch auch wachsam sein. Denn es gibt den falschen, zeitweiligen Glauben, der in einer schnellen Euphorie aufblüht, aber genauso schnell auch dahinwelkt.

Und schließlich gibt es den Glauben derjenigen, die in der Kirche und in der Gemeinde vor allem Erfüllung und Selbstverwirklichung suchen. Das ist eine Art „Wunderglaube“: „Wenn Jesus Wunder vollbracht hat, dann kann ich das auch“. Oder: „Jesus kann ein Wunder an mir oder für mich vollbringen!“ Zur Zeit Christi auf Erden gab es viele solcher Leute. Sie folgten dem Herrn nach, weil sie seine Wunder sahen. Oder an ihnen selbst waren Wunder geschehen.

Denken wir an die zehn Aussätzigen, von denen nur ein einziger zurückkehrte, um Christus zu danken. Am Jüngsten Tag werden einige Verurteilte ausrufen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und in deinem Namen viele Wundertaten vollbracht? Und Christus wird ihnen antworten: Ich habe euch nie gekannt; weicht von mir, ihr Gesetzlosen! (Mt. 7,22.23). Der Sohn Gottes verneint nicht, dass sie all das vollbracht haben, wohl aber, dass dies aus wahrem, lebendigem Glauben geschah.

Manche Menschen wollen sich mit großartigen Werken in die Gemeinde einbringen, einbezogen werden und aktiv sein. Sie wollen das jedoch nicht deshalb, weil sie Christus lieben oder weil sie verstehen, was Gott fordert oder was die Geschwister benötigen oder auch nur, was der Auftrag Christi an seine Kirche ist. Sie wollen vielmehr ihre eigenen Vorstellungen und Weltanschauungen verwirklichen und begehren, von den anderen gesehen zu werden. Sie haben einen gewissen Glauben, aber es ist ein selbstgefälliger „Wunderglaube“. Und für diesen wie für alle anderen Arten des falschen Glaubens gilt: Wer solch einen Glauben hat, zu dem spricht das Evangelium: Tu Buße! Es gibt keine Errettung ohne wahren, lebendigen Glauben.

Der wahre Glaube

Wahrer, lebendiger Glaube ist wirkliche Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus Christus. Die Aussage in Hebräer 11,1 nennt zwei Erkennungsmerkmale dieses Glaubens: Glaube ist erstens eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und zweitens eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht.

Über die Glaubenstatsachen, die größtenteils unsichtbar, jedoch trotzdem unumstößlich und gewiss sind, gibt es nichts zu diskutieren. Die Tatsachen, dass Gott ist, dass er die Welt geschaffen hat und erhält, dass Jesus der Christus ist, der gestorben und auferstanden ist, dass er jetzt im Himmel regiert und den Heiligen Geist herabgesandt hat, der seine Kirche sammelt und tröstet – das alles glauben wir. Das glauben die Dämonen jedoch auch! Darum warnt uns Jakobus in Kapitel 2 seines Briefes so nachdrücklich davor, sich mit der bloßen Akzeptanz dieser Fakten zufriedenzugeben. Denn Glaube ist außerdem eine feste Zuversicht auf das, was man hofft.

Der Begriff in diesem Vers, der verschiedentlich mit Zuversicht, Beharren oder auch Verwirklichung übersetzt wird, meint wörtlich eigentlich Dasein oder Substanz. Die Hoffnung des Evangeliums ist nicht eine bloße Vermutung, auf der man starrsinnig beharrt. Vielmehr bewirkt der Glaube, dass die Hoffnung des Evangeliums in unserem Leben Gestalt annimmt, Substanz bekommt.

Genau das wird in den folgenden Versen ausgeführt. Die Glaubensväter bewahrten ihren Glauben nicht für die Studierstube auf, sondern sie lebten und handelten in vielfältiger Weise durch den Glauben. Das sind die Werke, zu denen uns das zweite Kapitel des Jakobusbriefes aufruft. Wir dürfen dort überhaupt nicht an irgendeine „Werkegerechtigkeit“ denken, sondern daran, dass der Glaube notwendigerweise Früchte hervorbringt und dass die Hoffnung, zu der wir wiedergeboren sind, eben eine „lebendige“ ist. Eine Hoffnung aber ist dann lebendig, wenn sie im Hier und Jetzt unser Leben prägt.

Habt ihr diesen Glauben? – Jetzt wird es heikel. Denn jeder wird antworten: Eigentlich ja, aber als vorhin die anderen, falschen Arten des Glaubens aufgezählt wurden, da habe ich mich selbst wiedererkannt! Ich erkenne in mir die Sünde, das Wort Gottes zwar mit dem Verstand anzunehmen, aber nur wenig oder gar keine Liebe dafür zu empfinden. Ich habe in mir eine Euphorie für das Evangelium verspürt, die kurzzeitig aufflackerte, aber bald darauf verlosch, und ich bin nicht sicher, ob sie jemals wiederkommen wird. Ich erkenne in mir den Wunsch, mich in die Gemeinde einzubringen, um von den anderen gesehen und gelobt zu werden. Ich erkenne in mir den Wunsch, zu einer Gemeinde zu gehören, weil es mir einfach emotional guttut. Und außerdem sehe ich, dass sich in meinem Leben so wenig von der lebendigen Hoffnung des Evangeliums widerspiegelt.

Wenn wir uns das alles vor Augen geführt haben, fragen wir uns: Ist mein Glaube echt, oder habe ich nur eine dieser zahlreichen Arten des falschen Glaubens? Wir fangen an zu zweifeln; und der Teufel frohlockt, weil er will, dass wir zweifeln. Woher können wir also Gewissheit bekommen?

Gewissheit empfangen wir nicht dadurch, dass wir auf unseren Glauben blicken. Wir sind durchaus aufgerufen, unseren Glauben zu prüfen, was wir hier und heute auch tun. Aber wir sollten uns davor hüten, unsere Aufmerksamkeit auf uns und auf unseren Glauben zu richten, und darüber den zu vergessen, der doch das Ziel unseres Glaubens ist: den Herrn Jesus Christus!

Um auf den Vergleich am Anfang der Predigt zurückzukommen: Wenn ihr hungrig seid und etwas essen wollt, worauf konzentriert ihr euch dann? Denkt ihr über eure Hand nach, die sich nach der Speise ausstreckt? Oder denkt ihr an die Speise? Ihr solltet euch auf die Speise konzentrieren, die ihr mit Hand und Mund zu euch nehmt. Dann werdet ihr wissen, dass euer Glaube ein wahrer Glaube ist.

Man kann auch einen anderen Vergleich heranziehen. Manchmal fühlt man sich nicht gut und hat den Eindruck, dass man wohl krank wird. Manche Leute verfallen dann darauf, nur noch über ihr körperliches Wohlbefinden zu grübeln, jeden Morgen Fieber zu messen und sich andauernd zu fragen, ob sie heute wohl Kopfweh oder Bauchschmerzen oder eine Depression bekommen werden. Am Ende werden sie dann wirklich krank oder zeigen die Symptome der Krankheit.

Das gleiche gilt im geistlichen Bereich. Mit Christen, die pausenlos sich selbst und ihren Glauben untersuchen, geht es geistlich bergab, und sie beginnen irgendwann an ihrem Glauben zu zweifeln.

Wahrer Glaube tut so etwas nicht. Laut Hebräer 11 blickt der Glaube nach außen – auf Gott. Der Glaube schaut nach außen – auf Jesus Christus. Der Glaube mustert sich nicht ständig im Spiegel, um zu erfahren, ob er noch wahr oder echt ist. Unser Glaube ist wahr und echt, wenn er das tut, was er tun soll: Auge und Hand und Mund der Seele sein, mit denen wir den Herrn Jesus Christus erkennen, ergreifen und annehmen.

Was lesen wir über Abraham und Sarah? Als sie schon alt und hochbetagt waren und noch immer keine Kinder hatten, als sie also körperlich sozusagen tot waren, da erschien ihnen Gott und gab ihnen die Verheißung eines Nachkommens. Was taten die beiden daraufhin nicht? Sie schauten nicht auf ihren erstorbenen Leib. Sarah, die zunächst noch gelacht hatte, grübelte nicht über die Leblosigkeit ihres eigenen Schoßes, sondern glaubte der Verheißung Gottes, der versprochen hatte, er werde ihr einen Sohn schenken. Hätte sie nur auf sich selbst geblickt, hätte sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Und hätte Abraham sich ständig nur eingeredet, dass er ja schon fast hundertjährig sei, hätte auch er niemals den Sohn bekommen. Aber sie wendeten ihren Blick von sich selbst weg und richteten ihn auf Gott und nahmen außerhalb ihrer selbst die Verheißungen an, und so empfingen sie, was Gott ihnen im Evangelium verheißen hatte (Röm. 4,16-25). Wahrer, rettender Glaube blickt nach außen, auf Christus.

Was tat Abraham, als Gott ihn aufforderte, seinen Sohn Isaak zu opfern? Hätte Abraham nur die sichtbare Wirklichkeit seines Kindes, des Messers, des Blutes, des Feuers in Betracht gezogen, hätte er niemals gehorchen können. Aber er bedachte die Verheißungen Gottes, und er glaubte, dass Gott fähig ist, Isaak von den Toten aufzuerwecken. Darum spricht Hebräer 11,17 davon, dass Abraham seinen Sohn Isaak tatsächlich opferte. Warum? Weil Abraham auf sich selbst oder auf den auf dem Altar gefesselten Isaak blickte? Nein, sondern weil er auf Gott schaute und dem vertraute, der Tote lebendig machen kann.

Die kalte Jahreszeit ist angebrochen. Die Blätter fallen von den Bäumen, und die Natur begibt sich langsam in den Winterschlaf. So ähnlich ergeht es auch manchmal unserem Glauben. Wir betrachten unseren Glauben und bemerken, dass er schwach und untätig geworden ist. Sollten wir daraus etwa folgern, dass wir gar keinen wahren Glauben haben? Mitnichten. Erkennt vielmehr, dass Gott euch Glauben gegeben hat, um damit Christus zu ergreifen, dass aber jetzt „Winter“ ist und ihr um „Sommer“ bitten müsst. Wenn es also wieder einmal eine Phase in eurem Leben gibt – und es gibt sie! –, in der ihr bemerkt, dass an dem Baum eures Glaubens kaum Blätter und keine Früchte zu sehen sind, dann folgert daraus nicht, dass der Glaube tot sei. Vielmehr blickt erst recht auf Gott und vertraut seinem Wort. Bittet ihn, dass er euren Glauben stärkt und neue Früchte schenkt!

Habt ihr wahren Glauben? Haltet ihr alles für wahr, was die Bibel lehrt? Liebt ihr das Wort Gottes und Jesus Christus? Der verzagte Christ würde antworten: Ja, schon, aber nicht so, wie es sein sollte. Aber was ist denn das für eine Antwort? Wenn Gott durch seinen Geist diese Liebe in euer Herz gelegt und euch durch Glauben mit Christus vereint hat, wieso verzweifelt ihr dann an euch selbst und an der Tatsache, dass ihr ihn nicht so liebt, wie es sein sollte? Erinnert euch, dass ihr gerade nicht auf euch und eure Unfähigkeit und eure Mängel und euren schwachen und wankelmütigen Glauben schauen, sondern durch den Glauben nach außen blicken sollt, auf Christus selbst! Dann ruft ihr: Ja, ich liebe den Herrn Jesus Christus! Ich liebe das Wort Gottes! Ich habe Glauben! Gott, hilf meinem Unglauben! Denn ich bin voller Unglauben und erkenne so oft, dass ich hasse, was Gottes Wort sagt. Aber das ist meine Sünde, das ist der alte Mensch in mir. Doch das heißt nicht, dass ich keinen Glauben habe. Im Gegenteil: Im Glauben blicke ich weg von mir auf das, was droben ist, auf Christus, der zur Rechten Gottes sitzt.

Vertraut ihr allein auf diesen Christus? Verwerft ihr alle Selbstgerechtigkeit und alle eigenen Werke? Glaubt ihr, dass ihr nur in Jesus Christus vor Gott bestehen könnt? Wenn ihr eure eigene Unfähigkeit und Unwürdigkeit anschaut und bekennt und daran schier verzweifeln könntet, dann zeigt ihr damit doch, dass ihr durch wahren Glauben auf etwas Besseres wartet, nämlich auf die Stadt, welche die Grundfesten hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist (Hebr. 11,10). Ihr habt wahren, rettenden Glauben.

Die Früchte des wahren Glaubens

Wenn wir diesen Glauben haben, dann leben wir auch in diesem Glauben, und zwar Tag für Tag. Dann beten wir, dass Gott unserem Glauben Früchte schenkt. In allen Schwächen, in allen Anfechtungen, von innen und von außen lernen wir, Gott immer mehr zu vertrauen und immer mehr zu Christus hin zu wachsen und von ihm alles Gute zu erwarten.

So wie die Glaubensväter, die uns in Hebräer 11 vorgestellt werden: Was wird uns von ihnen im letzten Teil des Kapitels nicht alles berichtet! Was haben sie durch Glauben nicht alles erlangt! Sie haben Königreiche bezwungen, Löwen den Rachen gestopft, Feuer ausgelöscht, feindliche Heere in die Flucht geschlagen.

Nun wollen wir nicht übermütig jedes im Alten Testament geschilderte Ereignis in unsere neutestamentliche Wirklichkeit übertragen. Manche versuchen, die alttestamentlichen Glaubenszeugnisse zu imitieren und halten das für die Früchte wahren Glaubens. Es gibt diese Art Christen, die wie David oder Daniel vermeintlich von Triumph zu Triumph eilen und überall in der Welt „Siege für Christus“ erringen, wie sie es nennen. Das sind aber häufig keine Früchte wahren Glaubens. Dahinter steht vielmehr ein riesiger menschengemachter Druck. Es ist eine Form des euphorisierten „Wunderglaubens“, wie ich ihn vorhin beschrieben habe.

Es wäre eine Anmaßung, zu meinen, man müsse etwas für Christus tun oder erreichen oder erobern. Er hat doch schon alles selbst erobert! Er hat bereits den vollen Sieg errungen und die Herrschaft über alle Mächte und Gewalten angetreten. Und in ihm haben auch wir den Sieg, hier und jetzt. Es ist ein geistlicher Sieg in einem geistlichen Kampf. Darum begegnen wir allen verbliebenen geistlichen Widerständen in dieser Welt auch mit geistlichen Waffen, eben mit der Waffenrüstung des Glaubens. Wir überwinden die Welt im Glauben (1Joh. 5,4), so wie man auf einer Hindernisbahn die Hindernisse nicht umpflügt, sondern eines nach dem anderen überwindet und auf diese Weise ans Ziel gelangt. Wir überwinden die Welt Tag für Tag auf unserem beharrlichen Weg in die herrliche Gegenwart Gottes.

Seid ihr angefochten durch die Sünde? Dann verweigert euch ihr durch Glauben, so wie Mose, der lieber mit dem Volk Gottes Bedrängnis erlitt, als den vergänglichen Genuss der Sünde zu haben (Hebr. 11,25).

Versteht ihr die Wege Gottes in eurem Leben nicht? Dann vertraut ihm durch Glauben, und bleibt gehorsam, wie Abraham, der auszog, ohne zu wissen, wohin er kommen wird (Hebr. 11,8).

Nagen Zweifel an euch, wenn die vermeintliche Wissenschaft euch erklärt, dass die Schöpfung nicht so stattgefunden habe wie sie im Wort Gottes bezeugt ist? Dann versteht durch euren Glauben, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, sodass die Dinge, die man sieht, nicht aus Sichtbarem entstanden sind (Hebr. 11,3).

Der Glaube befähigt euch dazu, weil der Glaube Christus annimmt, und Christus in euch versteht die Wege und Werke Gottes in der Schöpfung insgesamt und in eurem eigenen Leben. Zweifelt nicht! Seid nicht ungläubig! Der Glaube, den Gott euch durch die Predigt des Evangeliums und durch den Ruf, den ihr heute hier hört, schenkt, rettet euch.

Amen.

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