Auf der Suche nach wahrem Trost

Wortverkündigung zu Lukas 2,25-35

Wo finde ich Trost?

Alle Menschen suchen Trost, ausnahmslos jeder! Bei armen, kranken oder leidenden Menschen ist das offensichtlicher als bei reichen, gesunden und glücklichen. Aber alle suchen Trost. Sie suchen Trost gegen dieses ungute Gefühl, dass irgendetwas mit ihrem Leben nicht stimmt, Trost gegen das lähmende Gefühl, dass uns irgendwann der Tod erwartet und danach das Unbekannte kommt: Vielleicht kommt nach dem Tod nichts, vielleicht aber kommt auch die große Abrechnung vor dem Schöpfer?

So begeben sich die Menschen mit völlig unterschiedlichen Zielen auf die Suche nach Trost. Manche suchen ihn im Alkohol, andere in der großen Liebe, wiederum andere in der Unterhaltung, im Fußball oder in einem religiösen Lebensstil. Manchen gelingt es besser, sich durch ihren gefundenen „Trost“ abzulenken, anderen gelingt das weniger gut.

Der römische Politiker Cicero war einer der bedeutendsten Schriftsteller der Antike. Zahlreiche seiner Werke sind uns bis heute überliefert. Wenn man in seinen Werken liest, dann tritt einem ein Mann vor Augen, dem es ganz offensichtlich nicht an Selbstvertrauen gefehlt hat. Jedes Amt, das er bekleidete, so meinte er zu wissen, habe noch nie jemand so gut ausgefüllt wie er selbst. In dieser Weise spiegelte er immer wieder sich selbst. Aber auch das größte Selbstvertrauen in der Welt kann einen nur sehr bedingt trösten.

Cicero hatte eine Tochter. Er liebte sie über alles. Bei der Geburt ihres zweiten Sohnes starb sie. Ihr Tod stürzte Cicero in tiefe Depressionen. Er schreibt über diese Zeit: „Ich habe alles gelesen, was jemals über die Trauerbewältigung geschrieben wurde. Und doch besiegt der Schmerz jeden Trost. Auch habe ich etwas getan, was tatsächlich vor mir noch nie jemand gemacht hat. Ich habe nämlich selbst ein Buch geschrieben und versucht, mich auf diese Weise zu trösten.“ So schreibt ein von Schmerz Zerrissener. Wie viele Menschen auch heutzutage, so suchte Cicero verzweifelt nach Trost, und er fand ihn tragischerweise nicht.

Springen wir an den Rand des Römischen Reiches und gehen von Ciceros Lebenszeit zeitlich ungefähr 50 Jahre weiter. In der Provinz Judäa lebte ein alter Mann mit Namen Simeon. Er war keineswegs so bekannt wie Cicero. Wahrscheinlich war er sogar ziemlich unbedeutend. Aber er hatte mit Cicero und allen Menschen auf der Welt eine Sache gemeinsam: Auch er suchte Trost. In Lukas 2,25 heißt es: Er wartete auf den Trost Israels.

Simeon war also ein Mann, der wartete. Ähnlich wie wir in der Adventszeit auf die Geburtstagsfeier von Jesus warten, so erwartete Simeon die Ankunft des Trostes.

Die Adventszeit ist einmal im Jahr für vier Wochen. Nun verhält es sich bei uns so, dass wenige Wochen mehr Stress verursachen als gerade diese. Wir haben alles Mögliche zu tun: Geschenke zu kaufen, Plätzchen zu backen, Weihnachtsfeiern zu veranstalten oder in der Firma den Jahresabschluss hinzubekommen. Alles kommt auf einmal zusammen. Wir warten eigentlich nicht – wir hetzen.

Aber gerade angesichts des vielen Stresses, dem wir uns in diesen Wochen aussetzen, lassen Sie uns einmal innehalten. Lassen Sie uns ein Vorbild an Simeon nehmen. Dieser Mann wartete nämlich nicht nur ein paar Wochen im Jahr, sondern er harrte sein ganzes Leben lang. Insofern war Simeons ganzes Leben Advent.

  1. Erwartend leben (Luk. 2,25-28)

Simeon wartete. Das kennzeichnete ihn. Viel mehr erfahren wir über ihn nicht. Wir kennen nicht sein genaues Alter. Wir wissen nicht, wo er herkam, ob er eine Familie hatte oder welchen Beruf er ausübte. Dafür wird uns etwas über sein Verhältnis zu Gott berichtet: Er war gerecht und gottesfürchtig, so lesen wie in Vers 25. In anderen Worten: Simeon lebte so, wie es Gott in seinem Wort fordert.

Die Verheißung des Trostes

Aber dieser Mann führte nicht nur sein Leben gemäß dem Wort Gottes. Simeon vertraute auch auf dieses Wort. Er lebte in einer Zeit, in der es den Juden nicht gut ging. Sie standen unter der Oberherrschaft der Römer. Ihr eigener Unterkönig, Herodes, war grausam und ebenfalls wenig an Gott interessiert. Ein Teil der Theologen glaubte zentralen Aussagen der Bibel nicht: Das waren die Sadduzäer. Ein anderer Teil dachte, dass man durch ein äußerliches Halten der Gebote vor Gott bestehen könne: Diese Leute hießen Pharisäer. Für jemanden, der Gott wirklich nachfolgen wollte, war das eine schwierige Zeit. Aber Simeon wartete auf den verheißenen Trost.

Anders als Cicero und die meisten Menschen heute, tastete Simeon aber nicht nach dem Trost, indem er alles Mögliche ausprobierte. Vielmehr vertraute er dem Wort Gottes. Dort war ihm der Trost verheißen: Ich habe die Wege Israels gesehen; dennoch will ich es heilen und es leiten und ihm und seinen Trauernden Trost spenden (Jes. 57,18). Simeon wusste: Gott hat in seinem Wort den Trost versprochen. Deswegen wird er seinen Kindern auch Trost schicken.

Der Trost ist eine Person

Außerdem hatte Simeon den Heiligen Geist. Bei Simeon war es so, dass der Heilige Geist ihm eine persönliche Verheißung gegeben hatte: „Du wirst nicht sterben, bevor du den Gesalbten, den Messias (Christus) des Herrn gesehen hast“ (Luk. 2,26). Dieser Gesalbte war im Alten Testament angekündigt worden. Er war der, der alles gutmachen würde. Simeon hatte verstanden: Der Trost, von dem das Alte Testament spricht, ist eine Person. Der Trost ist der Tröster, und dieser Tröster ist der Gesalbte. Von daher wartete er auf diese Person. Simeon war also ein Mann, der nach dem Wort Gottes lebte, der auf das Wort Gottes vertraute, und zusätzlich hatte er vom Geist Gottes eine Offenbarung empfangen.

Dieser Mann muss für seine Umgebung bemerkenswert gewesen sein. Wenn man damals Simeons Freunde gefragt hätte, was der Simeon eigentlich für ein Mensch sei, dann hätten sie vielleicht geantwortet: Er ist sehr nett und freundlich, aber auch etwas seltsam. Sein ganzes Leben dreht sich um den Trost, auf den er wartet. Er wartet auf etwas, das alle seine Probleme, sein Leid und seine Fragen beantworten würde. In dieser Erwartung führt er sein Leben.

Wie ist das bei uns? Reformierte Christen bekennen in Frage und Antwort 1 des Heidelberger Katechismus: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? – Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und Sterben, nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Das ist das, was wir bekennen. Aber ist es auch das, was wir leben? Würden unsere Bekannten über uns sagen: „XY ist ein Mensch, dem man ansieht, dass er für Jesus lebt. Er ist jemand, der auf Jesus wartet, auf Jesus vertraut und der seinen Trost nicht in anderen Dingen sucht.“?

Die Begegnung mit dem wahren Trost

Simeon hatte sein ganzes Leben auf den Trost gewartet. An diesem Tag trieb ihn der Heilige Geist in den Tempel, und dort traf er den, um den sich sein ganzes Leben gedreht hatte. Maria und Joseph waren mit Jesus in den Tempel gekommen, um Jesus vor Gott zu bringen, so wie es im Gesetz für Erstgeborene gefordert war (Luk. 2,22.23; 2Mos. 13,2). Ebenfalls durch das Gesetz war Maria verpflichtet, ein Opfer darzubringen, da sie durch die Geburt unrein geworden war (Luk. 2,24; 3Mos. 12,1-8). Mit zwei Tauben fiel das Opfer sehr bescheiden aus. Das ist ein Hinweis darauf, dass Joseph und Maria alles andere als wohlhabend waren.

Mit dieser Familie traf Simeon im Tempel zusammen. Vermutlich hätte jeder bei sich gedacht: Dieses kleine, hilflose Baby in den Armen von ärmlichen Eltern – das ist bestimmt nicht der Trost Israels. Aber genau dieses Kind war der Trost Israels. Dieser unscheinbare Säugling war Gottes Sohn, der die Sünden der Welt trägt.

Im Lauf der Jahre wurde Jesus größer und stärker. Aber eine Sache änderte sich nie: In den Augen der Welt sah Jesus stets schwach aus. Jesaja schreibt über ihn in dem bekannten 53. Kapitel seines Buches: Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; wir sahen ihn, aber sein Anblick gefiel uns nicht. Verachtet war er und verlassen von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut; wie einer, vor dem man das Angesicht verbirgt, so verachtet war er, und wir achteten ihn nicht (Jes. 53,2b.3).

Simeon zweifelte bei dieser Begegnung im Tempel nicht. Er fragte nicht: „Herr Gott, bist du dir wirklich sicher? Ein König, ein Gesalbter, ein Retter, ein Tröster, der müsste doch ganz anders aussehen!?“ Stattdessen nahm er Jesus in seine Arme und lobte Gott (Luk. 2,28). Alles im Leben von Simeon hatte sich auf diesen Moment ausgerichtet. Jetzt war der Trost, der Trost für Israel, endlich da. Und Simeon tat das, was Menschen oft tun, wenn sie sich freuen, er singt: Nun, Herr, entlässt du deinen Knecht in Frieden nach deinem Wort (Luk. 2,29). In anderen Worten: Jetzt kann ich beruhigt sterben. Ich habe die Hoffnung meines Lebens mit eigenen Augen gesehen.

Das bringt uns zum zweiten Punkt:

  1. Getröstet sterben (Luk. 2,29-33)

Simeon betete nicht einfach, dass er nun beruhigt sterben könne. Vielmehr sprach er zu seinem Herrn, der einen Knecht (Sklaven) nunmehr entlassen könne. Das Bild, das Simeon in seinem Gebet vor Augen stand, kannte damals jeder. Es ist das Bild eines reichen Herrn, der Sklaven besitzt. Simeon bezeichnet sich hier selbst als einen Sklaven Gottes.

Für uns zählt Sklaverei zu den schlimmsten Dingen, die wir uns vorstellen können. Schließlich meint ein Sklave zu sein, dass man jemand anderem gehört, also nicht selbstbestimmt leben darf.

Die Bibel sieht das ein wenig anders. Aus den biblischen Geboten wird klar, dass die Bibel die Willkür der Sklavenherrschaft verurteilt, nämlich dann, wenn Herren ihre Sklaven quälen oder sie ungerecht behandeln.

Aber auf der anderen Seite gibt es in der Heiligen Schrift keine Selbstbestimmung. Der moderne Mensch meint, er sei frei, wenn er über sein Leben selbst bestimmen könne. Gottes Wort stellt klar: In diesem Sinn ist niemand frei. Denn entweder man gehört Gott oder dem Teufel. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.

Aus diesem Grund ist es für Menschen aus unserer Umgebung vielfach so unverständlich, wenn man ihnen sagt, man gehöre nicht sich selbst, sondern Jesus, dem Sohn Gottes. Aber ein Christ weiß, dass es nichts Besseres gibt, als Christus zu gehören. In der zitierten ersten Frage des Heidelberger Katechismus wird die Wahrheit, dass wir nicht uns selbst gehören, sondern Jesus, sogar als unser einziger Trost bezeichnet.

Der Trost für die ganze Welt

Simeon hat offenkundig keinerlei Probleme damit, sich selbst als Sklaven zu bezeichnen. Er dankt seinem Gebieter dafür, dass er jetzt beruhigt sterben darf. In den folgenden Versen (Luk. 2,30-32) gibt er die Begründung an, warum er friedevoll sterben darf: Denn meine Augen haben dein Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht zur Offenbarung für die Heiden und zur Verherrlichung deines Volkes Israel!

Für Simeon war klar: Dieser Jesus ist sein Trost, der ihm das Heil bringen wird. Das heißt konkret: Dieser Jesus Christus kümmert sich um Simeons größtes Problem, um seine Sünden. Es geht um Vergebung seiner Sünden, und dieses Werk ist nicht etwas, das Simeon in irgendeiner Weise selbst bewirken kann. Es ist allein Gott, der dieses Heil bereitet. So lesen wir es in den Versen 30 und 31.

Alle Religionen beschäftigen sich mit Problemen von Menschen. Die meisten Religionen nennen dieses Problem nicht unbedingt Sünde. Manche sprechen von Scham. Aber alle Religionen sind sich im Kern darüber einig, dass mit uns Menschen etwas nicht stimmt. Aus diesem Grund muss der Mensch in jeder Religion etwas leisten, damit sein Problem beseitigt wird.

Die Bibel sagt uns etwas Anderes: Wir Menschen sind völlig unfähig, den Kernschaden unseres Lebens wiedergutzumachen. Deswegen löste der gnädige Gott unser Problem durch Jesus zu hundert Prozent – ganz ohne unsere Mitwirkung. Genau das bekennt Simeon hier.

Für wen hatte Gott nun aber dieses Heil bereitet? Kein Jude hätte damals auf diese Frage irgendeinen Gedanken verschwendet: „Wenn, dann gilt dieses Heil für uns, für das eigene Volk.“ Aber Simeon singt hier von dem Heil, das Gott allen Völkern bereitet hat (Luk. 2,31). Jesus ist das Heil und der Trost nicht nur für Israel, sondern für alle Völker auf der ganzen Welt.

Dieses Bekenntnis legt dieser alte jüdische Mann mitten im Jerusalemer Tempel ab. Anschließend erwähnt Simeon sogar die Heiden, und zwar noch vor dem Volk Israel (Luk. 2,32). Die Heiden – das sind Leute wie du und ich, die nicht fleischlich aus dem Volk Israel stammen. Auch für sie ist Jesus das Licht geworden, das sie erleuchtet.

Der Trost, der die Finsternis erleuchtet

Das Wort Gottes sagt, dass wir Menschen in der geistlichen Finsternis leben, ohne Gott. Das galt vor allem für die Heidenvölker zur Zeit des Alten Bundes. Das Volk Israel wurde immer wieder dazu aufgerufen, Licht für die Welt zu sein. Es sollte den Völkern den Weg zu Gott ausleuchten. Aber dieses Volk versagte kläglich. Der Prophet Jesaja fordert in Jesaja 60,1-3 Zion auf: Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt die Erde und tiefes Dunkel die Völker. Aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und Heidenvölker werden zu deinem Licht kommen und Könige zu dem Glanz, der über dir aufgeht.

Weil Israel versagt hatte, erschien Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, dem wahren Licht (Jes. 49,6). Er wurde das wahre Israel (Jes. 49,3), um auch den Heiden den Weg zum Heil zu weisen.

Der Trost für das wahre Israel aus Juden und Heiden

Aber es ist nicht so, dass Gott daraufhin das fleischliche Israel vergaß oder dieses Volk durch Missachtung strafte oder gar insgesamt verwarf.

Reformatorischen Christen wird öfters nachgesagt, dass sie Folgendes glauben würden: Im Alten Bund habe es Israel gegeben, also die leiblichen Nachkommen Abrahams, das Volk Gottes. Im Neuen Bund sei Israel jetzt nicht mehr das Volk Gottes, denn dieses sei durch die Heiden ersetzt worden. Aber das ist nicht unsere Überzeugung. Denn Gott hat Israel nicht verstoßen. Vielmehr bildet er aus den Gläubigen unter ihnen seine Gemeinde (Röm. 11,1-5). Es waren Judenchristen, die den Kern des neutestamentlichen Bundesvolkes bildeten. Gott hat durch den Tod Christi sein Volk Israel verherrlicht, indem er einen Überrest aus diesem Volk erwählte. Da hinein hat er die Heidenchristen eingefügt, sodass heute sein Volk, das Volk des Neuen Bundes, über die ganze Welt verbreitet ist. Oder um es in Anlehnung an die Worte aus dem Propheten Jesaja zu sagen: Gott hat in Jesus Christus aus Israel das Licht gemacht, das dieses Volk von sich aus nicht werden wollte und konnte.

Den wahren Trost gefunden

Ungefähr 40 Jahre vor diesem Lobgesang war Cicero in Rom gestorben. Zwei Jahre nachdem er seine verzweifelten Zeilen geschrieben hatte, wurde er von seinen politischen Feinden umgebracht. Er hatte den wahren Trost nie gefunden.

Auf der anderen Seite: Simeon konnte beruhigt sterben. Sein Leben hatte eine Richtung gehabt. Es hatte ein Ziel. Dieser Mann war zwar keine Berühmtheit geworden, aber er hatte etwas viel Wichtigeres empfangen: Er hatte den wahren Trost gesucht und ihn gefunden.

Und wie war das mit Joseph und Maria? Die beiden wunderten sich über die Worte von Simeon, so heißt es in Vers 33. Ihnen ging es wahrscheinlich so, wie auch uns oft zumute ist. Auch wir wissen eigentlich, wer Jesus ist. Aber dann verhalten wir uns ihm gegenüber ganz anders. Wir bekennen mit unserem Mund, dass er allmächtig ist. Aber oft vertrauen wir ihm im Alltag nicht. Joseph und Maria wussten, wer Jesus war. Der Engel hatte es den beiden gesagt. Und aus dem Lied der Maria wissen wir, dass Maria das auch verstanden hatte (Luk. 1,46-56). Und trotzdem verwunderte es die beiden ganz neu, als ihnen deutlich gemacht wurde, wer dieses kleine Baby in Wirklichkeit ist.

Ein anderer Trost als erwartet (Luk. 2,34.35)

Nachdem Simeon aufgehört hatte zu singen, segnete er die Familie (Luk. 2,34). Das ist der Zeitpunkt, an dem wir vermutlich diese Geschichte enden lassen würden: Joseph, Maria und Jesus trafen Simeon. Er sang ein prophetisches Lied über Jesus, und er segnete die junge Familie. Und gesegnet, getröstet gingen sie nach Hause. Aber so verhielt es sich nicht. Denn der Segen, den Simeon über die Familie sprach, der dürfte bei Joseph und bei Maria für Stirnrunzeln gesorgt haben. Simeon sprach davon, dass auf Jesus Widerstand zukommen werde und dass ein Schwert durch die Seele Marias dringen werde.

Viele Juden erwarteten, dass der Messias bei seiner Ankunft groß und stark sein werde. Er würde die Römer vertreiben und sein Reich auf dieser Erde aufrichten. Alle würden ihn fürchten und respektieren, und er würde für sein Volk alles gutmachen. Das war die Vorstellung der Leute. Und diese war gar nicht so weit hergeholt. Wenn wir im Alten Testament lesen, könnte man tatsächlich in dieser Weise denken: Wenn der Messias kommt, wird sofort alles gut. Beispielsweise lesen wir in Jesaja 40,3-5: Die Stimme eines Rufenden [ertönt]: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; was uneben ist, soll gerade werden, und was hügelig ist, zur Ebene! Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat es geredet. Es gibt zahlreiche ähnliche Stellen im Alten Testament.

Auch Maria sang in ihrem Lobgesang: Er tut Mächtiges mit seinem Arm; er zerstreut, die hochmütig sind in der Gesinnung ihres Herzens. Er stößt die Mächtigen von ihren Thronen und erhöht die Niedrigen (Luk. 1,51.52). Das sind gewaltige Verheißungen, aber sie sind eben auch mit großen Erwartungen verknüpft.

Wie passt dazu, dass Simeon in den Versen 34 und 35 über Jesus sagte: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – aber auch dir selbst wird ein Schwert durch die Seele dringen -, damit aus vielen Herzen die Gedanken geoffenbart werden.?

Auf der einen Seite haben wir die Verheißungen über den Messias, der bei seiner Ankunft alles gutmachen wird, und andererseits malt Simeon hier ein sehr ernstes Bild über die Zukunft. Wie passt das zusammen? Die Antwort auf diese Frage lautet: Jesus, der Messias, kommt nicht ein Mal, sondern er kommt zwei Mal.

Der Trost kommt noch ein zweites Mal

Zum ersten Mal kam Jesus vor gut 2000 Jahren in diese Welt. Damals besiegte er am Kreuz den Teufel, die Sünde und den Tod. Aber dieser Sieg sah für fast alle, die dabeistanden, aus wie eine krachende Niederlage: Geboren wurde er als schwaches Baby in einem unbedeutenden Provinzdorf und dazu noch in einer schmuddeligen Karawanserei. Als er größer wurde, begann seine Familie ihn für verrückt zu halten. Er selbst suchte sich zwölf einfache und unzuverlässige Freunde und zog als Prediger durch die Gegend – ohne ein wirkliches Zuhause zu haben. Vielleicht hätte er bei den Theologen seiner Zeit Karriere machen können, aber die kritisierte er so scharf, dass diese irgendwann beschlossen ihn umzubringen. Und genau das taten sie auch. Mit noch nicht einmal 40 Jahren starb Jesus qualvoll an einem Kreuz – so wie damals nur die schlimmsten Verbrecher.

Das war es, was die Menschen damals vor Augen hatten. Konnte das wirklich der König sein? Konnte das der sein, der Herrscher entmachtet und die bestehenden Verhältnisse auf den Kopf stellt?

Beim ersten Kommen war Jesus unsichtbar stark, er besiegte die unsichtbaren Mächte. Aber er wird noch ein zweites Mal kommen, und dann wird er für alle sichtbar stark sein. Er wird diese Welt richten und dabei auch die sichtbaren Machthaber entwaffnen. Das erste Kommen von Jesus überlebten die Mächtigen dieser Welt. Sein zweites Kommen werden sie nicht überleben. Es sei denn, sie haben sich vorher selbst dem König aller Könige unterworfen.

Wenn man das Alte Testament isoliert betrachtet, könnte man gelegentlich meinen, hier sei lediglich verheißen, Jesus werde nur ein einziges Mal kommen und dann alles schlagartig verändern. Das Neue Testament erklärt uns, dass es sich so nicht verhält. Jesus kommt zweimal. Erst beim zweiten Mal wird tatsächlich alles gut werden. Bis dahin sieht es sogar oft so aus, als befänden sich Jesus und sein Werk auf verlorenem Posten.

Auf solche Erfahrungen bereitete Simeon im Tempel Josef und Maria vor. Im ersten Kommen Jesu wird keineswegs sofort alles gut. Zunächst wird er nicht den idyllischen Frieden bringen, sondern das Schwert. Genau das wird Jesus einmal über sich selbst sagen (Mt. 10,34).

  1. In Weisheit vorbereiten

Er ist gesetzt zum Fall und Auferstehen vieler in Israel (Luk. 2,34). Das heißt: Nicht alle, die äußerlich zum Volk Israel gehören, werden gerettet, sondern nur die, die auch innerlich dazu gehören. Es kommt nicht darauf an, von wem man biologisch abstammt, sondern es kommt darauf an, wie man zu Jesus steht. Diejenigen, die den Sohn Gottes ablehnen, werden ihm offen widersprechen. Während der längsten Zeit seines irdischen Wirkens wird Jesus Christus alles andere als der gefeierte Friedefürst sein. Für die meisten wird er der von den Bauleuten verworfene Stein des Anstoßes sein.

Der Trost spaltet die Menschheit

Gott handelte in dieser Weise nicht grundlos. Er gebrauchte Jesus, um einen Unterschied zu machen. An Jesus Christus entscheidet es sich, wohin ein Mensch gehört. Es entscheidet sich, ob ein Mensch auf Gottes Seite steht, oder ob er gegen Gott eingestellt ist. An diesem Jesus entscheidet es sich, wo ein Mensch die Ewigkeit verbringen wird – in der Gegenwart Gottes oder getrennt von Gott.

Damals wie heute zeigen die Menschen durch ihre Einstellung gegenüber Jesus, wie sie tatsächlich zu Gott stehen. Deswegen sagt Simeon weiter: damit aus vielen Herzen die Gedanken geoffenbart werden. Das ist bis heute der Fall.

Wie wir alle wissen, endete das Leben von Jesus zunächst einmal tragisch. Ich weiß nicht, ob es für eine Mutter etwas Schlimmeres gibt, als die Hinrichtung ihres eigenen Sohnes mitansehen zu müssen. Maria musste genau das viele Jahre später erleben. Dieses Ereignis deutet Simeon an, wenn er hinzufügt, dass ein Schwert durch die Seele Marias gehen wird (Luk. 2,35). Mit dem ersten Kommen des Sohnes Gottes wurde nicht in einem Augenblick alles gut. Das war auch der Grund, warum viele sich von Christus abwandten. Sie waren ungeduldig. Sie wollten einen Messias nach ihren Vorstellungen. Aber Gott hatte in seiner Weisheit einen anderen Plan.

Der Trost macht alles neu

Wie verheißen war, wird Jesus Christus eines Tages als der Messias alles neu und gut machen. Schließlich hatte Gott das bereits im Alten Testament versprochen. Er wird sichtbar wiederkommen und sein Volk von aller Sünde, von allem Leid, aller Krankheit, und vor allem vom Tod befreien. Der Prophet Jesaja schreibt: Er wird den Tod auf ewig verschlingen. Und Gott der Herr wird die Tränen abwischen von jedem Angesicht und die Schmach seines Volkes hinwegnehmen von der ganzen Erde. Ja, der Herr hat [es] gesprochen (Jes. 25,8).

Vielleicht hat sich der eine oder der andere schon einmal gefragt, warum wir eigentlich Advent feiern. Advent heißt Ankunft. Für Simeon hätte es durchaus Sinn gemacht, Advent zu feiern. Er hatte schließlich auf die Ankunft des Messias gewartet. Aber wie ist das bei uns heute? Ist der Messias nicht schon längst gekommen?

In der Adventszeit sind wir nicht nur aufgerufen, uns daran zu erinnern, dass Jesus einmal gekommen ist, sondern auch, dass er wiederkommen wird. Wie lange das dauert, weiß niemand. Sicher ist nur, dass er eines Tages wiederkommen wird. Dann wird sich alles zum Guten wenden. Und bis dahin ist Jesus bei allen Problemen, Krankheiten und Leiden auf dieser Erde unser einziger Trost.

Auf der Suche nach Trost – auch Jahre später

Ungefähr 400 Jahre nachdem Cicero in Rom gestorben war und wenige Jahrzehnte danach auch Simeon in Jerusalem, beschäftigte sich ein junger Mann viel mit der Bibel. Er studierte auch in Büchern vieler älterer Autoren wie zum Beispiel in den Werken Ciceros. Wie Cicero gehörte auch dieser Mann zu den gebildetsten Leuten seiner Zeit, auch ähnlich wie Cicero war er verzweifelt auf der Suche nach Trost. Sein Name war Augustinus.

Einige Jahre später wurde er Christ, und er beschreibt seine Suche rückblickend mit folgenden Worten: „Ich habe bei Cicero und all den gelehrten Männern weise und sehr schöne Dinge gelesen, aber bei keinem von ihnen habe ich jemals gelesen: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Augustinus hatte lange gesucht, aber irgendwann durfte er den wahren Trost finden. Simeon hatte lange gewartet, aber hat dann irgendwann den wahren Trost gesehen. Wo suchst du den Trost?

Amen.

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