Die Geburt des Messias als Zeichen für das Volk Gottes

Die Ankündigung des Messias in Jesaja 9:

Einleitung

Auch wenn wir in Europa inzwischen in einer nach-christlichen Kultur leben, so ist das Weihnachtsfest noch immer ein schimmerndes Überbleibsel des christlichen Erbes. Aber die Geburt Jesu, der Anlass dieses Festes, ist vielerorts leider in Vergessenheit geraten. Was aber ist mit uns Christen? Haben wir verstanden, warum das Christfest ein so entscheidender Anlass ist, unseren Herrn zu feiern?

Im Folgenden werden wir sehen, dass die Geburt des Messias in der Heiligen Schrift mehr heißt als lediglich ein „In-unser-Leben-Treten“ unseres Heilands.

Zweifellos lehrt die Heilige Schrift, dass Jesu Menschwerdung bereits von Anfang an seine Erniedrigung bis zum Tod am Kreuz und dann seine Erhöhung zum Ziel hatte (Phil. 2,5-10). Ja, dies war schon vor Erschaffung der Welt von Gott so bestimmt (Eph. 1,4; Offb. 13,8). Doch hier soll das Opfer Jesu nicht thematisiert werden.

Ebenso wenig geht es im Folgenden um das Geheimnis der Menschwerdung Gottes. Diese beiden Aspekte des Kommens Christi in diese Welt sind für unser Heil unerlässlich wichtig. Jedoch soll hier auf einen weiteren, oftmals unberücksichtigten Aspekt der Geburt des Christus (hebräisch: des Messias‘) aufmerksam gemacht werden: Das Kommen des Messias‘ ist ein Zeichen für das Volk Gottes.

Viele der wichtigsten und am häufigsten zitierten alttestamentlichen Prophezeiungen auf Christus finden wir im Buch des Propheten Jesaja. Die darin enthaltenen und bekannten „Gottesknechtslieder“ (Jes. 42,1-8; 49,1-6; 50,4-10; 53,1-12) führen uns den leidenden Messias vor Augen, der das Volk Gottes rettet, heilt und stellvertretend für das Volk stirbt, um dessen Sünden wegzunehmen. Diese Prophezeiungen bilden einen bedeutenden „Block“ im Jesajabuch.

In den ersten Kapiteln dieses Buches begegnet uns aber noch ein weiterer „Block“. In den Kapiteln 7 bis 11 finden sich drei Prophezeiungen auf den Messias (Jes. 7,14-17; 9,1-6; 11,1-5). Sie gehören thematisch zusammen. Sie sprechen alle von der Geburt des Messias‘ als einem „Zeichen„. Wenn das Neue Testament über die Geburt Jesu berichtet, zitiert es oftmals aus diesen Kapiteln des Propheten Jesaja, oder aber sie klingen sinngemäß an.

Während die so genannten Gottesknechtslieder dem Volk Gottes detailliert mitteilen, was der Messias im Heilsplan Gottes erwirken wird, geht es in den Prophezeiungen Jesaja 7 – 11 vor allem darum, dass der Messias geboren wird. Zusätzlich wird in Jesaja 7 – 11 deutlich, wer der Messias ist und was seine Bedeutung bzw. sein Auftrag für das Volk Gottes ist. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf eine einzige dieser drei Prophezeiungen, auf Jesaja 9,1-6. Wir wollen sie jedoch im Zusammenhang des gesamten Abschnitts Jesaja 7 bis 11 verstehen.

Der geschichtliche Zusammenhang

Was war der geschichtliche Horizont, in den hinein der Prophet Jesaja die Kapitel 7 – 11 verkündete? Nach der Teilung des israelitischen Königreiches (ca. 970 v. Chr.) waren es die Dynastien des Nordreiches Israel, die moralisch und politisch wesentlich schneller verfielen als das Herrscherhaus in Juda, dem Südreich. Nach dem Tod Jerobeams II. (2Kön. 14,29) wurde sowohl dessen Sohn Secharja, der gerade einmal 6 Monate in Samarien regierte, als auch Schallum, der Mörder Secharjas, nach nur einmonatiger Herrschaft von einem machtsüchtigen Nachfolger ermordet.

Mit der Thronfolge Tiglatpilesers III. von Assyrien (744 v. Chr.) änderte sich die politische Lage im Alten Orient schlagartig. Dieser assyrische Herrscher eroberte nicht nur neue Gebiete und machte sie tributpflichtig, er begann auch unterworfene Völker systematisch aus ihrem Heimatgebiet in fremde Landstriche zu deportieren.1 Menahem, der König des Nordreiches Israel, der zuvor den Thron durch ein Attentat auf Schallum an sich gerissen hatte, versuchte die assyrische Gefahr durch geschickte Diplomatie zu bändigen. In 2Könige 15,19.20 wird uns davon berichtet, wie Menahem an den assyrischen König Tiglatpileser III. einen Betrag von 1000 Silbertalenten entrichtete. Nach der erfolgreichen militärischen Kampagne nach Syrien und in die Levante (also an das direkt an Israel angrenzende nördliche Gebiet) des assyrischen Königs (738 v. Chr.) wollte Menahem durch seinen Tribut wohl Freundschaft mit Tiglatpileser schließen. Auf diese Weise erhoffte er, der Unterwerfung durch den assyrischen Herrscher zu entgehen.2

Aber die Geschichte des Nordreiches verlief anders, als Menahem sie sich in seinen politischen Überlegungen vorgestellt hatte. Schon unter Pekach, zwei Jahre nach Menahems Tod, drang Tiglatpileser III. in das Nordreich ein und eroberte Galiläa, namentlich Naftali und die wichtige Stadt Hazor (2Kön. 15,29; siehe auch Jes. 8,23 – 9,1).

Pekach wurde durch einen Marionettenkönig ersetzt. Nach nur wenigen Jahren eroberte Salmanassar V., der direkte Nachfolger Tiglatpilesers III., das gesamte Nordreich Israel (Jahre 722 v. Chr.). Er deportierte den größten Teil der israelitischen Bevölkerung nach Assyrien und in die Gebiete der Meder.

Dieser Ablauf über die letzten Jahre des Nordreiches Israel zeigt eindrucksvoll, warum den assyrischen Machthabern nicht zu trauen war. Ahas, der König Judas zur Zeit der drei Messiasprophezeiungen in Jesaja 7 – 11, hätte wahrlich keinen Jesaja nötig gehabt, um zu verstehen, dass die Freundschaftsbekundungen an Assyrien kein wirklich kluger Schachzug waren. Doch Ahas wollte dies nicht begreifen, auch nicht nach den wiederholten Warnungen durch den Propheten Jesaja.

Der engere geschichtliche Zusammenhang, in dem Jesaja 7 bis 11 steht, gehört in diese letzten Jahre des israelitischen Nordreiches. Der erwähnte König Pekach zog gemeinsam mit dem syrischen König Rezin gegen das Südreich Juda und dessen König Ahas (2Kön. 15,37). Damit begann ein Konflikt, den man als Syro-Ephraimitischen Krieg bezeichnet.

Was war geschehen? Rezin, der König Syriens hatte verschiedene tributpflichtige Reiche vereinigt, um eine Koalition gegen Assyrien zu bilden. Dazu gehörten neben Israel auch Tyrus, Gaza, Moab, Ammon und Edom. Ahas jedoch wollte sich diesem Bündnis nicht anschließen. Deshalb versuchten Rezin und Pekach, der König des Nordreiches, Juda zu erobern und einen bündniswilligen, neuen König in Jerusalem einzusetzen (Jes. 7,6).3

Zusätzlich fielen noch die Edomiter in Juda ein (2Chr. 28,17), während Rezin militärische Erfolge gegen das Südreich, also gegen Ahas erzielen konnte (2Kön. 16,6). Diese sich gegen Juda erhebende Koalition war ein Gericht Gottes an dem Götzendiener Ahas (2Kön. 15,37), der sogar seinen eigenen Sohn als Opfer verbrannte (2Chr. 28,3). In dieser schier aussichtslosen Situation kam der Prophet Jesaja zu Ahas, um ihm mitzuteilen, was geschehen würde.

Jesaja 7,14-17 und 11,1-16

Das siebte Kapitel des Jesajabuches versetzt uns in die Zeit dieses Syro-Ephraimitischen Krieges. Rezin und Pekach hatten bereits gegen Jerusalem mobil gemacht. Da erfuhr Ahas, dass sich auch noch die Aramäer gegen ihn in Ephraim gelagert hatten (Jes. 7,1.2). Im Auftrag Gottes traf Jesaja auf Ahas, um ihm mitzuteilen, dass diese gegen das Südreich gerichtete Koalition keinen Erfolg haben würde. Gott wollte sogar seine Glaubwürdigkeit durch ein wundersames Zeichen unter Beweis stellen. Doch Ahas lehnte die entsprechende Aufforderung Gottes ab (Jes. 7,12). Hinter dieser Ablehnung steckte keine demütige Frömmigkeit (siehe 5Mos. 6,16), sondern sie war motiviert durch eine bereits gefällte Entscheidung. Ahas hatte sich entschlossen, militärische Hilfe aus Assyrien zu suchen. Das verbarg er hinter frommen Worten. Kurzum: Ahas wollte nicht glauben, dass die eigene militärische Stärke ausreichen würde, wenn Gott mit ihm ist.

Das Zeichen des Immanuel („Gott ist mit uns„) in Jesaja 7,14-17, die erste der drei Prophezeiungen über die Geburt des Messias, war somit keine „frohe Botschaft“ für Ahas. Es war ein Gerichtswort, das adressiert war an einen untreuen Regenten.

In Kommentaren wurde und wird viel darüber diskutiert, wer mit diesem „Immanuel“ gemeint ist, der in Jesaja 7,14 verheißen wurde. Einige meinen, es sei der Sohn Jesajas, der ebenfalls ein Zeichen für das Gottesvolk war (Jes. 8,3.4). Andere denken an Hiskia, den Sohn Ahas‘, der Juda als gottesfürchtiger Herrscher regieren würde und in einer ähnlichen Situation den Glauben an Gott bewahrte.

Beides jedoch ist nicht wahrscheinlich. Hiskia war schon längst geboren, als diese Prophezeiung ausgesprochen wurde.4 Im Blick auf den Sohn Jesajas ist zu sagen, dass mit „Immanuel“ offensichtlich ein königliches Kind verheißen worden ist, also nicht das Kind eines Propheten. In Jesaja 8,8 wird Juda als das Land Immanuels bezeichnet. In Kapitel 8,10 ist es dieser Immanuel, der die Macht hat, die Völker von Juda fern zu halten und sogar die Assyrer zu besiegen.

Diese enge Verbindung zwischen Immanuel und dem Königshaus Judas lässt nur einen einzigen Schluss zu: Immanuel ist ein Kind aus dem Hause Davids und genau deshalb ein Gerichtszeichen für Ahas. Anstelle von Ahas werden sich die Völker gegen Immanuel auflehnen, jedoch werden sie kein Gelingen haben (Jes. 8,9.10).

Dieser davidische König, der kommen soll, wird in Jesaja 11,1-16 weiter beschrieben. Interessanterweise wird er hier als ein Zweig aus dem Stamm Isais (dem Vater Davids) bezeichnet. Der Grund dafür liegt darin, dass dieser König kein neuer Nachfolger Davids sein wird, sondern ein neuer David. Gleichzeitig steht dieser neue David in direktem Kontrast zu Ahas: Er wird Wohlgefallen haben an der Furcht der Herrn (Jes. 11,3), und der Geist des Herrn wird auf ihm ruhen, der Geist der Weisheit und des Verstandes (Jes. 11,2).

Was in Jesaja 11,1-16 verheißen ist, ist die Geburt eines neuen David, der als Zeichen für alle Völker dastehen wird und der eine Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens ausüben wird.

Im Machtspiel zwischen Assyrien und Juda wurden zwar beide Völker ausgelöscht. Assyrien wurde 609 v. Chr. durch eine Koalition aus Babyloniern, Medern und Persern zu Fall gebracht, während die Babylonier nur wenige Jahre später Juda in das Exil verschleppten. Doch während es für Assyrien kein Überleben geben wird, wird sich Gott in Israel einen heiligen Rest erhalten (Jes. 10,22).

Die Kapitel zwischen Jesaja 7,1 und 12,6 berichten uns, wie das Königreich Juda von einer schlimmen Situation, dem Syro-Ephraimitischen Krieg, in eine noch schlimmere Situation übergeht: die Gewaltherrschaft durch die Assyrer. Trotzdem wird es am Ende ein Danklied anstimmen (Jes. 12,1-6). Denn der Heilige Israels ist groß im Volk Gottes (Jes. 12,6).

Exakt die Geburt dieses Heiligen Israels wird in Jesaja 7,14, 9,1-6 und 11,1 verheißen. Seine Ankunft ist ein Zeichen für die Machthaber Syriens, für das Nordreich und für Assyrien: Der Stumpf Isais wird wieder einen Zweig hervorbringen, der ein Friedensreich für das Volk Gottes aufrichten wird. Doch wer ist dieser neue David? Dieser „gesalbte“ König aus dem Stamm Isais?

Jesaja 9,1-6: Gott weckt lauten Jubel!

Die Verheißung in Jesaja 9 steht zwischen den Weissagungen in Jesaja 7 und 11. Während Jesaja 7 vor allem in die geschichtliche Situation Israels zur Zeit des Syro-Ephraimitischen Krieges hinein spricht, blickt Jesaja 11 weit in die Zukunft.

Jesaja 9,1-6 sagt uns, wer dieser Messias ist, dessen Geburt das Zeichen zum Gericht und zur ewigen Erlösung ist. Im Folgenden soll dieses Gotteswort an Jesaja Vers für Vers ausgelegt werden.

Jesaja 8,23:
Doch bleibt nicht im Dunkel [das Land], das bedrängt ist. Wie er in der vorherigen Zeit dem Land Sebulon und dem Land Naphtali Schmach antat, so wird er in der letzten Zeit den Weg am See zu Ehren bringen, jenseits des Jordan, das Gebiet der Heiden„:

Der Vers, der vor Kapitel 9,1 steht, leitet die folgenden sechs Verse ein. Es wird hier an die Eroberung des Nordreichs durch die Assyrer erinnert, die unter Pekach die Gebiete in der Gegend von Naftali (Galiläa) eingenommen hatten und somit das Ende Israels eingeläutet hatten.

Dieses Wort empfing Jesaja, nachdem Ahas die Assyrer um Hilfe gebeten hatte. Damit hatte Ahas das Land Juda in den Status eines tributpflichtigen und ergebenen Vasallen Assyriens gebracht (2Kön. 16,7). Um den Tribut an Tiglatpileser zahlen zu können, nahm Ahas sogar Gold vom Tempel.

Ahas ließ sich auch in religiöser, das heißt in götzendienerischer Hinsicht von den Assyrern beeinflussen. Die Situation im Volk musste für Männer wie Jesaja und dessen Kinder grauenhaft gewesen sein. In Jesaja 8,16-22 lesen wir von Totenbefragungen anstelle von Gottesoffenbarung. Es herrschten Gotteslästerung und Angst. Diese Situation wird von Jesaja als Finsternis beschrieben. Durch diesen Rückblick in die Vergangenheit des Nordreiches wird die Verheißung des Messias in Jesaja 9,1-6 eingeleitet. Das Besondere dabei ist, dass die Verheißung auch den Gebieten Naftali, Sebulon und dem „Galiläa der Heiden“ (alles Gebiete, die zum Nordreich gehörten) galt. Dieses Galiläa war von den Assyrern bereits zuvor mit einem heidnischen „Mischvolk“ besiedelt worden. Aber, so die Verheißung, der zukünftige David wird kommen für ein ungetrenntes Israel.

Jesaja 9,1.2: „Das Volk, das im Finsteren wandelt, wird ein großes Licht sehen, über den Bewohnern des Landes des Todesschattens wird ein großes Licht leuchten. Du machst das Volk zahlreich und seine Freude mehrst du. Sie freuen sich vor dir wegen der Freude in der Ernte, wie sie sich freuen im Verteilen der Beute.

Die ersten beiden Verse dieses Abschnitts zeigen, was mit dem Volk geschehen wird. In den Versen 3-6 werden dann drei Begründungen für diese vorangestellte Beschreibung des Volkes gegeben. Bemerkenswert ist zunächst, dass diese Prophezeiung aus dem Mund Jesajas in der an Gott gerichteten Du-Anrede formuliert ist.

Uns begegnen hier zwei Bilder: Erstens: Das Volk, das sein Leben in Finsternis führt (also in seinem Handeln auch finster ist), wird erhellt. Zweitens: Das Volk, das vermehrt wird, freut sich vor Gott.

Das erste Bild schildert, wie diese frohe Botschaft plötzlich über das Volk kommen wird, das jetzt noch in Angst und Finsternis existiert. Gleichzeitig zeigt es, dass ein Licht wie das Morgengrauen oder wie ein heller Stern aufgehen wird, ohne dass das Volk selbst etwas dazu beiträgt. Die Hoffnung, von der Jesaja hier spricht, kommt ohne menschliche Mithilfe. Gott selbst, der in der Bibel oft als Licht bezeichnet wird (zum Beispiel: 1Joh. 1,5), leuchtet in die Finsternis des Volkes hinein.

Dasselbe wird auch im zweiten Bild ausgesagt. Hier geht es vor allem darum, dass das Volk sich vor Gott freut für das, was Gott getan hat. Der Vergleich mit der Ernte und der Mehrung des Volkes hängt wahrscheinlich mit dem Festkalender Israels zusammen. Die großen Feste orientierten sich an den Erntezeiten, und zu diesen Festen zog das Volk regelmäßig nach Jerusalem, um sich vor Gott zu freuen.

Außerdem erinnerten die Feste an das erlösende Handeln Gottes, also an den Auszug aus Ägypten oder auch an die alljährliche Sühnung der Sünden. Das, was Gott nun tun wird, ist erneutes erlösendes Handeln.

In den Zeiten Jesajas war die Hoffnung auf Erlösung sicherlich stark mit der Hoffnung auf den Untergang Assyriens verbunden. Doch die hier in Jesaja 9 verheißene Erlösung ist fest im Kommen des neuen David verankert.

Jesaja 9,3.4:
Denn du hast das Joch zerbrochen, das auf ihm lastete, und den Stab auf seiner Schulter, und den Stecken seines Treibers, wie am Tag Midians. Denn jeder Stiefel, der einherstiefelt mit Dröhnen, und der Mantel, der durchs Blut geschliffen wurde, wird verbrannt und eine Nahrung des Feuers sein.

Hier begegnet uns das erste sowie das zweite „denn“ aus einer Reihe von drei Vorkommnissen dieses kleinen Wörtchens. Dadurch wird jeweils eine Begründung eingeleitet. Auch hier verwendet Jesaja Bilder, um zu beschreiben, was Gott tun wird. Das erste Bild spricht von der Unterdrückung des Volkes durch „Joch„, „Stecken“ und „Stab„. Auf diese Weise wird an die Sklaverei in Ägypten und an den Auszug aus dem Land der Knechtschaft erinnert: Gott zerbrach das Joch seines Volkes (3Mos. 26,13). Es wurde von seinen Unterdrückern mit Stöcken geschlagen, aber dann befreite es Gott von der Last, die auf seinen Schultern drückte (Ps. 81,7).5

Bemerkenswert ist, wie dieses Bild für die Erlösung des Volkes im Auszug aus Ägypten (das im Neuen Testament ja immer wieder als Bild auf die Erlösung durch Christus fungiert) mit der Situation zur Zeit Jesajas verknüpft wird. Dafür wird auch ein zweites Bild verwendet: Der Tag Midians blickt zurück auf den Richter Gideon, der Teile des Volkes Gottes aus der Unterdrückung durch die Midianiter befreit hatte (Ri. 6 und 7).

Im Gegensatz zu Ahas hatte Gideon ein wundersames Zeichen von Gott erbeten (Ri. 6,17). Er hatte vertraut, dass Gott ihn auch mit unfassbar geringer militärischer Stärke gegen eine Übermacht zum Sieg führen würde (Ri. 7).

Die Botschaft von Jesaja 9,3 ist, dass Gott sein Volk wieder erlösen wird und zwar auf eine Art und Weise, wie die Menschen es nicht erwarten. Während Ahas nur auf militärische Stärke vertraute, wird der neue David sein Vertrauen auf Gott setzen und so in Gideon einen Vorläufer haben.

Das zweite Bild von Stiefeln und blutverschmierten Mänteln erinnert an Soldaten, die zum Krieg ausrücken. Dieses Soldatenwerk wird aber als Nahrung für das Feuer dienen. Wenn die Erlösung Gottes kommt, wird es verbrannt werden.

Der neue David, der bereits in Jesaja 7,14 und 11,1 angekündigt worden ist, wird ein König des Friedens sein. Dieser göttliche Frieden ist ein Thema, das die gesamte Heilige Schrift durchzieht. Im Hebräerbrief wird es zum Beispiel als die „Gottesruhe“ bezeichnet. Die Erlösung betrifft nicht nur eine Errettung aus größter Not. Sie bringt auch Ruhe und Frieden innerhalb des Volkes und Bewahrung gegenüber Angriffen von außen.

Jesaja 9,5: „Denn uns wird ein Kind geboren, ein Sohn wird uns gegeben, und die Herrschaft wird auf seiner Schulter sein. Und sein Name wird gerufen werden: Wunderbar-Ratgeber, Gott-Krieger, Ewiger Vater, Fürst des Friedens.“

Damit sind wir beim dritten „denn“. Es markiert in dieser Reihe die eigentliche Begründung von allem, was der Prophet schauen durfte. Wir sahen zu Beginn, was dem Volk geschehen wird: Freude vor Gott. Dieser Zustand wird durch das erlösende Handeln Gottes herbeigeführt, das in den ersten zwei Vorkommen von „denn“ geschildert wird. Das dritte „denn“ gibt die Grundlage und die Begründung alles dessen an, was zuvor geschildert worden ist.

Was ist der Grund für die zukünftige Freude des Volkes vor Gott? Es ist die Geburt eines Kindes. Es ist, wie wir aus Jesaja 11,1 erfahren, die Geburt eines neuen David. Dieses Kind wird die Herrschaft innehaben, in der Freude herrschen wird, von der Jesaja 9,1.2 spricht.

Im Unterschied zu unserer Kultur hatten im Alten Orient Namen und auch das Geben von Namen eine besondere Funktion. Etwas zu benennen meinte, das Benannte zu definieren und sein Wesen herauszustellen.6

Ein gutes Beispiel dafür ist der Name Jakob. Die semitische Wortwurzel ekeb im Namen Jakob meint so viel wie „Ferse“. Bei Jakobs Geburt griff er seinem Zwillingsbruder Esau, der dann zuerst geboren wurde, an die Ferse. Gleichzeitig ist die Ferse ein Symbol für das Verdrängen. Die Rivalität und das spätere Verdrängen Esaus durch Jakob ist bereits in seinem Namen vorgezeichnet.7 Die Namen, die in Jesaja 9,5 aufgezählt werden, sind nicht bloße Etikettierungen oder Titel, sondern sie geben das Wesen des neuen David wieder.

Der erste Name des verheißenen Kindes lautet: Wunderbar-Ratgeber und kann verstanden werden als übernatürlicher Ratgeber oder jemand, der übernatürlichen Rat gibt. Hier entsteht ein Kontrast zu den Worten in Jesaja 1,26-28, in denen mitgeteilt wird, dass es dem Volk Gottes zur Zeit Jesajas an guten Ratgebern fehlte. Gottes eigener Rat wird in Jesaja 28,29 als wunderbar bezeichnet.

Der zweite Name des Kindes lautet Gott-Krieger. Er weist hin auf Gottes Wesen als militärischer Held, der schon Gideon gegen die Midianiter half. Dieser Name wird außerdem in Jesaja 10,21 im Zusammenhang mit der Umkehr des heiligen Restes für Gott selbst verwendet. Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, die Gottheit des hier angekündigten Kindes zu erkennen. Der Immanuel ist ein Gott mit uns.

Ewiger Vater, so lautet der dritte Name. Der Titel Vater ist im Alten Testament als Ausdruck für Gott eher ungewöhnlich. Wahrscheinlich sollte durch die Vermeidung dieser Bezeichnung Missverständnissen und Irrungen vorgebeugt werden, wie sie bei vielen Völkern um Israel herum angenommen wurden. Diese Heiden gingen davon aus, dass die Götter tatsächliche physische Nachkommen hervorbrachten. Dennoch findet sich gelegentlich auch im Alten Testament die Bezeichnung Vater als Anrede für Gott (zum Beispiel Ps. 68,6). In Jesaja 9 ist es vermutlich ähnlich zu verstehen. Es soll die Botschaft vermittelt werden, dass die Herrschaft dieses Kindes sich am Muster göttlicher Vaterschaft orientiert.

Der Begriff ewig ist ein Begriff, der Gott zukommt. Allerdings ist auch dem davidischen Königshaus ein ewiger Thron versprochen worden (2Sam. 7,16). Dieses führt uns wieder zurück zu der Schlussfolgerung, dass Immanuel (Jes. 7,14), der neue David (Jes. 11,1) und der ewige Vater (Jes. 9,6) ein und dieselbe Person sind. Die davidische Linie bekommt hier Namen, die nicht einem normalen Menschen zuzuordnen sind, sondern Gott. Das lässt uns unweigerlich in die Richtung des Messias Jesus blicken, der ganz Gott und ganz Mensch ist.

Der letzte der vier Namen lautet: Fürst des Friedens. Er bildet eine Brücke zum neuen David in Jesaja 11,1-9. Auf der einen Seite ist die Wesenseigenschaft des Friedens der Garant dafür, dass tatsächlich jeder Mantel und Stiefel des Krieges vom Feuer verzerrt wird (Jes. 9,4). Auf der anderen Seite hat der Frieden eine bestimmte Bedeutung in der Heiligen Schrift. Frieden zu haben heißt, ein erfülltes Leben zu führen (1Mos. 15,15), Wohlbefinden zu haben (1Mos. 29,6), frei zu sein von Angst (1Sam. 1,17), von Gott mit Segen überschüttet zu werden (4Mos. 6,26) und mit Gott versöhnt zu sein (Jes. 53,5). Im Wort Gottes meint der Ausdruck „im Frieden zu leben“ nicht nur keinen Krieg mehr zu haben, sondern ganz in der Fülle dessen zu leben, was Gott für den Menschen bestimmt hat. Der Fürst des Friedens führt sein Volk in diesen Reichtum ein.

Jesaja 9,6: „Der Ausweitung seiner Herrschaft und des Friedens wird kein Ende sein auf dem Thron Davids und über seinem Königreich, es fest zu machen und zu stärken in Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn wird dies tun.

Der letzte Vers dieser Weissagung Jesajas macht deutlich, dass wir es bei diesem Kind mit einem König aus dem Hause Davids zu tun haben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die hier beschriebene Realität weit über den Syro-Ephraimitischen Krieg hinaus weist. Auch wenn Könige wie Hiskia oder Josia sich dem hier geschilderten Ideal annäherten, so ist doch ein König auf Davids ewigem Thron im Blick. Jesaja schaut einen Regenten, dessen Herrschaft kein Ende haben wird. Das geistige Fundament seiner Regentschaft bilden nicht Machthunger und Götzendienst, sondern Recht und Gerechtigkeit.

Abschließend soll das Volk wissen, dass es nichts zu diesem Heil beigetragen hat: „Es ist der Eifer des Herrn, der dieses alles getan hat.“ Der Eifer Gottes für sein Volk ist Teil seiner umfassenden Liebe. Gott befreit sein Volk aus der Unterdrückung, und er duldet für dieses Rettungswerk keinen Konkurrenten neben sich.

Wer ist dieser neue David? Er ist ein wunderbarer Ratgeber aus dem Hause Davids und gleichzeitig ein Gott-Krieger. Er ist ein Fürst des Friedens und gleichzeitig ein ewiger Vater. Seine Geburt wird eine ewige Erlösung bringen und unermessliche Freude vor Gott bewirken.

Schlussfolgerungen

In Jesaja 7 bis 11 sind drei Prophezeiungen auf den Messias enthalten. Wir haben uns hier auf Jesaja 9,1-6 konzentriert. Es ist eine Prophezeiung für das Volk Gottes. Gott gibt dem Volk, das zu Jesajas Zeit in Angst und Finsternis lebte, Hoffnung: Ein Kind wird geboren werden. Das Gesicht eines Kindes wird sich der Fratze der Zerstörer entgegenstellen, seien es nun die Assyrer oder andere Weltbeherrscher. Wie bereits bei Gideon, der mit nur 300 Mann gegen ein riesiges Heer von Midianitern in den Kampf zog, ist die wahre Stärke dieses Daviden die Gegenwart Gottes. Sie ist es, die darüber bestimmt, wer am Ende den Sieg davonträgt. Die Hoffnung eines ganzen Volkes richtet sich auf die Geburt dieses Kindes. Mit seiner Geburt bricht das Friedensreich des Messias an.

Als der Engel des Herrn zu den Hirten auf dem Feld trat (Luk. 2,8-14) und ihnen die Geburt Jesu Christi verkündigte, erinnerten viele Elemente an die Verheißung Jesajas: Die Klarheit des Herrn leuchtete dem Volk in der Finsternis (Luk. 2,9); große Freude wiederfuhr allem Volk (Luk. 2,10); der Messias wurde als ein Kind geboren (Luk. 2,11); diese Geburt bezeichnete die Ankunft des Messias (Luk. 2,11); Gottes Machtvollkommenheit war anwesend (Luk. 2,13); der Friede kam bei den Menschen an (Luk. 2,14).

Ob sich die Hirten in diesem Moment an Jesajas Worte erinnerten? Immerhin eilten sie sogleich zu dem neugeborenen Kind. Sie lobten Gott für das, was sie erblickten. Doch was sahen sie überhaupt? Sie durften sehen: An diesem Tag wurde für sie ein Kind geboren, ein Sohn wurde ihnen gegeben, auf dessen Schultern die Herrschaft ruhen wird. Jesu Geburt ist ein Zeichen für sein Volk, dass er, der Immanuel, der Spross Isais, der Gott-Krieger und der Friedefürst gekommen ist, um sein Reich aufzurichten.

Jesajas Worte hallen auch heute nach: zum Einen, wenn wir zurückblicken auf die Geschehnisse in Bethlehem. Aber auch, wenn wir vorausschauen auf den Tag, an dem der Messias ein zweites Mal kommen wird, um sein Friedensreich dann in Macht und Herrlichkeit aufzurichten. Diesem Retter verdanken wir unbeschreibliche Freude.


1) Canik-Kirschbaum, Eva, Die Assyrer. Geschichte, Gesellschaft und Kultur. München [Beck] 2003. S. 66.
2) Provan, Iain and Philips Long, A Biblical History of Israel. Louisville [Westminster John Knox] 2003. S. 270.
3) Wray Beal, Lissa M., 1 and 2 Kings. Apollos Old Testament Commentary 9. Downers Grove [IVP] 2014. S. 438.
4) Smith, Gary V., Isaiah 1–39. The New American Commentary. Nashville [B & H Publishing Group] 2007. S. 203.
5) Motyer, J. Alec., The Prophecy of Isaiah. An Introduction and Commentary. Downers Grove [IVP] 1993. S. 101.
6) Walton, John H., Ancient Near Eastern Thought and the Old Testament. Introducing the Conceptual World of the Hebrew Bible. Nottingham [Apollos] 2007. S. 92.93.
7) Viele Theologen versuchen Jakobs Namen als „Gott beschützt“ zu erklären und meinen, dass Jakobs Eltern den Namen falsch verstanden hätten bzw. dass die Geschichte nicht authentisch ist. Während es stimmt, dass Jakob in Inschriften oftmals als Jakob-el „Gott beschützt“ oder „möge Gott beschützen“ verstanden wird, ist das kein Grund, dass die besonderen Umstände von Jakobs Geburt keine Neuinterpretation seines Namens innerhalb des bestehenden Bedeutungsspektrums der Wurzel ekeb zuließen.