Die Antwort des Glaubens: Harre auf Gott!

Wortverkündigung zu Psalm 42 und 43:

Wir Menschen, sofern wir nicht stumm sind, reden während unseres Lebens mit tausenden von Menschen. Mit einigen wechseln wir viele Worte, mit anderen nur sehr wenige. Es gibt Menschen, mit denen wir uns gar nicht austauschen, und es gibt Menschen, mit denen wir sehr viel sprechen.

Menschen, mit denen wir sehr viel reden, sind unsere Ehefrau oder unser Ehemann oder unsere engsten Freunde oder unsere Eltern. Vielleicht ist das bei einigen auch der Friseur. Wahrscheinlich hat jeder in seinem Kopf eine Person, mit der er sich häufig austauscht.

Aber die Person, mit der jeder von uns am meisten spricht, ist nicht irgendjemand anderes, sondern das ist er selbst. Meistens reden wir zwar nicht laut mit uns selbst, aber in unseren Gedanken führen wir ständig Gespräche und Konversationen. Das ist völlig normal.

Doch gerade weil es sich so verhält, dass wir uns am meisten mit uns selbst austauschen, ist es umso wichtiger, was der Inhalt dieser Gespräche ist und worauf wir unsere Gedanken lenken. Das gilt vor allem in Zeiten der Not, der Anfechtung, wenn uns Leid trifft.

Wenn wir uns in die Psalmen vertiefen, stellen wir fest, dass auch hier immer wieder Passagen auftauchen, in denen die Psalmisten zu sich selbst sprechen.

Heute wollen wir uns einmal zwei solcher Psalmen anschauen. Es sind die Psalmen 42 und 43. Zum größten Teil sind sie Monologe. Leider können wir nichts Genaues über den Hintergrund der beiden Psalmen sagen. Nur so viel ist deutlich: Sie wurden von Nachkommen der Sippe Korah verfasst. Dabei ist der genaue Zeitpunkt nicht genannt. Bei den so genannten Korahiten handelte es sich um Tempelsänger oder Liturgen.

Aus den Aussagen des Psalms können wir Schlussfolgerungen auf einige Umstände ziehen, in denen die beiden Psalmen gesungen wurden. Vermutlich befand sich der Psalmist unfreiwillig weit von zu Hause weg. Er konnte nicht an den Gottesdiensten teilnehmen. Seine Feinde spotteten über seinen Glauben. Alles in allem lebte er also nicht in einer wirklich rosigen Situation.

Eine große Sehnsucht

Der 42. Psalm beginnt damit, dass der Tempelsänger seine Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck bringt. Um die Stärke seines Verlangens hervorzuheben, gebraucht er ein Bild, das Bild eines Hirsches, der nach Wasser verlangt. „Wie ein Hirsch (eigentlich: Hirschkuh) lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, Gott!“ (Ps. 42,2).
Aus dem Hebräischen geht sogar hervor, dass der Verfasser seine Sehnsucht nach Gott als intensiver beurteilt als den Durst eines Hirsches nach Wasser.

Im nächsten Vers führt er das Bild weiter aus: „Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott.“ Der Hirsch schreit nach Wasser, er lechzt nach dem kühlen Nass. Das Wasser ist lebensnotwendig für das Tier. Dieselbe Lebensnotwendigkeit verbindet der Psalmist mit der Gegenwart Gottes in seinem Leben. Innerlich ausgetrocknet, ausgewrungen bis auf den letzten Tropfen, schreit er heraus: Gott ich brauche deine Gegenwart, die mich wie eine Wasserquelle in der Wüste belebt.

Die Psalmisten hatten diese Sehnsucht nicht nur in guten Tagen. Gerade in ihren schweren Stunden brachten sie dieses Verlangen zum Ausdruck. David betete einmal, umringt von Feinden, Folgendes: „Eines erbitte ich von dem Herrn. Nach diesem will ich trachten: Dass ich bleiben darf im Haus des Herrn mein ganzes Leben lang.“ (Ps. 27,4).
Im 63. Psalm lesen wir, wie David auf der Flucht in der Wüste ausrief: „O Gott, du bist mein Gott. Früh suche ich dich. Meine Seele dürstet nach dir. Mein Fleisch schmachtet nach dir in einem dürren, lechzenden, erschöpften Land ohne Wasser.“ (Ps. 63,2).

Manchmal handelt es sich bei dieser Sehnsucht um eine Sehnsucht, die aus Freude und tiefer Zuversicht ausgesprochen wird. An anderen Stellen ist diese Sehnsucht eher von einem inneren Ringen, ja sogar von Verzweiflung begleitet. So verhält es sich auch hier in Psalm 42.

1. Harre auf Gott, wenn du dich fragst, ob seine Gnade von dir gewichen ist

Wie ein Tier, das kurz davor ist zu verdursten, schreit in dem Psalmisten alles nach der Gegenwart Gottes. Aus ihm bricht die Frage auf: „Wann werde ich kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen?“ (Ps. 42,3).

Es ist keine freudige, hoffnungsvolle Sehnsucht, sondern ein verzweifeltes Fragen. Manchmal haben wir eine etwas romantische Vorstellung von der Sehnsucht nach Gott. Ja, Sehnsucht nach Gott kann voller Hoffnung und Freude sein. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Es kann sich auch so verhalten, wie wir es hier lesen: ein Verlangen nach Gott aus einem von Fragen gequälten Herzen.

Ein ungestillter Durst

Während der Psalmist diese Frage stellt, kommt es ihm so vor, als würde seine Durststrecke niemals enden. Er sehnt sich danach, wieder Gottes Gegenwart in seinem Leben zu erfahren und praktisch zu wissen, was es heißt, dass Gottes Gegenwart sein Leben erfüllt. Er möchte wieder die Freude haben, die er einmal erlebt hat. Diese Erlebnisse der Freude kommen ihm schon so weit weg vor, dass er sich nur noch schwach daran erinnert.

Und nun? Eine gähnende, innere Leere zermürbt ihn, und es scheint sich einfach nichts zu ändern. Er fragt: „Wann werde ich wieder kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen?“ Zweierlei ist an dieser Frage beachtenswert: Erstens: Wenn der Psalmist sich daran erinnert, dass er früher den Lobpreis leitete, dann nicht deswegen, weil er sich nach einer religiösen Atmosphäre sehnt, sondern deswegen, weil er weiß, dass der Gottesdienst in Verbindung steht mit der Gegenwart Gottes.

Zweitens: Wenn der Psalmdichter vom Angesicht Gottes spricht, meint er damit etwas ganz Bestimmtes. In der Bibel wird immer wieder vom Angesicht Gottes gesprochen. Dieser Ausdruck beschreibt zunächst die Gegenwart einer Person. Aber im Blick auf Gott wird damit noch mehr zum Ausdruck gebracht.

Wir alle kennen wahrscheinlich den aaronitischen Segen: „Der Herr segne dich und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden.“ (4Mos. 6,24-26). Für die hebräische Sprache ist die parallele Struktur typisch. Von daher wollen beim Segen Aarons alle drei Satzteile das Gleiche aussagen: Segen heißt, dass Gott sein Angesicht über dir leuchten lässt. Wenn er sein Angesicht über dir sein lässt, heißt das, dass er dir Frieden vermittelt.

Vielleicht erfassen wir jetzt, was der Psalmist empfindet, wenn er die Frage stellt: „Wann werde ich endlich Gottes Angesicht sehen?“ Er hat den Eindruck, Gott sei von ihm gewichen, Gottes Segen, sein Frieden, ja seine Gnade seien aus seinem Leben verschwunden. Sein Leben fühlt sich an, als ob es Gottes Freundlichkeit und seine Güte für ihn nicht mehr gebe. Statt dass diese innere Zermürbung einmal aufhört, statt dass der Durst endlich gestillt wird, schildert er etwas anderes: „Tag und Nacht sind meine Tränen mein Brot„.

Er sieht sich von Gott verlassen. Er meint, dass Gottes Gnade von ihm gewichen sei. Sein Lebensdurst scheint nicht mehr gestillt zu werden. Er findet nicht das lebendige Wasser, nach dem er sich so sehnt. Alles wovon er sich ernährt, Tag und Nacht, sind seine Tränen.

Auf der einen Seite ist das natürlich eine Übertreibung, mit der er seine Bedrückung und seine Trauer veranschaulicht. Andererseits ist es keineswegs außergewöhnlich, dass Menschen, die in tiefer Verzweiflung versunken sind, nicht mehr essen. Sie trauern und trauern, weinen und weinen, sodass ihre Tränen ihr tägliches Brot geworden sind: Gott, du sagst in deinem Wort, dass ich dein Angesicht suchen soll. Und ich suche es doch. Aber ich finde dich nicht. Warum lässt du dich nicht finden?

Fragen des Zweifelns

In einer solchen Trauer und Verzweiflung sind wir höchst gefährdet. Im Moment des Zweifelns greifen Stimmen nach uns, die unseren Glauben an Christus, den Glauben an den lebendigen Gott, in Frage stellen. Und genau das geschieht bei dem Psalmisten: Den ganzen Tag hört er seine Feinde fragen: „Wo ist denn nun dein Gott?“ (Ps. 42,11). Machen wir uns nichts vor: Solche Fragen sind entweder schon in unserem Leben aufgebrochen, oder sie werden irgendwann über uns hereinstürzen.

Es muss nicht unbedingt so sein, dass wirklich Menschen uns gegenübertreten und uns mit solchen Fragen und Zweifeln überrumpeln. Wenn man sich die Berichte in der Heiligen Schrift ansieht, stellt man fest, dass das Stellen von Fragen oder das Infrage-Stellen eine der beliebtesten Methoden des Teufels ist, um die Menschen von Gott wegzuführen. So lief es im Paradies ab („Sollte Gott wirklich gesagt haben?“). So lief es bei der Versuchung Jesu ab („Steht nicht geschrieben…?„).

Wir werden in Situationen geraten, in denen Fragen und Zweifel in uns aufsteigen, die wir entweder selber stellen oder die der Feind uns in unsere Gedanken einflößt: Glaubst du wirklich, dass dein kleiner Glaube ausreicht? Gott wird dich verstoßen wegen der Sünde, die du getan hast. Schau einmal, wie heilig er ist, und du bist so was von schlecht! Du willst Gottes Kind sein?

Was ist, wenn wir vom Leid mitten ins Gesicht getroffen werden? Kommt dann bei uns nicht die gleiche Frage: „Wo ist denn nun dein Gott?“ Bei Hiob war das nicht einmal irgendein Feind. Es war der Mensch, den er am meisten liebte. Es war seine Frau, die ihm die Frage stellte: „Hältst du immer noch an deiner Frömmigkeit fest? Sage dich von Gott los und stirb!“ (Hi. 2,9).

Was ist in Situationen, in denen Zweifel bei uns aufsteigen, ob wir Gottes Kinder sind? Brechen da nicht auch Fragen auf, ob Gottes Gnade nicht doch von uns gewichen ist: Schau einmal, wie oft du schon gesündigt hast! Glaubst du wirklich, dass Gott dich noch haben will?

Was sollen wir tun in solchen Momenten, die wir alle kennen oder sicher noch kennenlernen werden, wenn wir Kinder Gottes sind? Wie soll ich auf die Fragen und Zweifel meines Lebens reagieren?

Die erste Antwort des Glaubens: Harre auf Gott!

In Vers 6 begegnen wir zum ersten Mal dem Refrain, der auch in Vers 12 auftaucht und dann noch einmal am Ende von Psalm 43. Dieser durchgehende Refrain zeigt den engen Zusammenhang beider Psalmen, und er bestimmt die Struktur der Abschnitte. Von daher kann man die beiden Psalmen in drei Teile gliedern.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Refrain uns die Antwort auf die oben gestellten Fragen gibt. Es ist keine Antwort, die als Patentlösung eine Garantie geben will, dass die Probleme sich automatisch lösen. Vielmehr ist es die Antwort, die der Glaube selbst ausspricht.

In Vers 6 wendet sich der Psalmist an sich selbst. Er spricht direkt seine Seele an und stellt eine Frage: „Warum bist du so aufgelöst, meine Seele, und warum bist du so unruhig in mir?“

Wir hatten bereits erwähnt, dass der Psalm 42 durch ein Mit-sich-selbst-Reden geprägt ist. Hier wird dieser Monolog, auf die Spitze getrieben, indem der Psalmdichter sich selbst eine Frage vorlegt. Wenn er von Seele spricht, meint er damit nicht irgendeine Instanz, die sich in ihm oder außerhalb von ihm befindet. Vielmehr meint er sich selbst, seine Person.

Nachdem er diese Frage gestellt hat, trifft er zwei Aussagen: Zum einen beschreibt er nochmals seinen Zustand, und zum anderen leitet er über zu der Antwort des Glaubens.

Bevor wir auf die Antwort des Glaubens eingehen, wollen wir uns kurz ansehen, was er in dieser Frage zu Beginn des Refrains über sein Empfinden mitteilt. Er verwendet im Refrain zwei besondere Worte, die in den Übersetzungen häufig mit „aufgelöst“ (oder: betrübt) sowie mit „unruhig“ übersetzt werden. Vor allem der erste Begriff, der abgesehen von diesem Psalm nur noch in Psalm 44 vorkommt (44,26), ist aufschlussreich. Das Wort ist verwandt mit einem Wort, das man mit Grube übersetzen kann, sodass es die Niedergeschlagenheit und die Zermürbung zum Ausdruck bringt. Hinzu tritt der andere Ausdruck: unruhig, ruhelos. Mit diesem Wort wird gewöhnlich aufgewühltes (,,unruhiges“) Wasser beschrieben.

Es ist deutlich: In seinem Sich-Selbst-Fragen nimmt der Psalmist seinen eigenen Zustand ernst. Er beschönigt nicht das, was in ihm vorgeht. Es ruft sich auch nicht zu einer Art Selbstmotivation auf. Es ist auch keine Therapie im Sinn von Alles-nur-halb-so-wild. Er unternimmt nicht den Versuch, das Problem kleinzureden. In seinem an sich selbst gerichteten Fragen schildert er zunächst einmal ganz offen, was ihn umtreibt. Das hatten wir ja als ersten Aspekt dieser Frage festgehalten.

Zweitens macht er noch etwas anderes. Er leitet über zu der Antwort des Glaubens, indem er zu sich selbst spricht: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken für das Heil meines Angesichts und meinen Gott!“ (Ps. 42,6). Der Ausdruck Heil meines Angesichts klingt fremd in unseren Ohren. Das, was der Psalmist damit sagen will, ist, dass Gott sein Retter ist.

Diese Antwort, den Refrain, lesen wir dreimal. Jedesmal hat sie dieselbe Form. Aber sie steht jedesmal in einem anderen Zusammenhang. Die davor stehenden Verse haben jeweils eine etwas andere Akzentuierung. Sie werfen stets eine andere Frage auf. Aber jedesmal ruft der Psalmist im Refrain aus: „Harre auf Gott!“ Das ist die Antwort des Glaubens: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken für das Heil meines Angesichts und meinen Gott!“ (Ps. 42,6.12; Ps. 43,5).

Harre auf Gott, wenn du dich fragst, ob Gottes Gnade und sein Friede von dir gewichen sind! Harren – das Wort bezeichnet ein hoffnungsvolles Ausschauhalten auf die kommende Rettung und Hilfe. Es handelt sich hier wahrlich nicht um eine leere Technik der Selbstaufmunterung. Es geht auch nicht um ein Rezept zur sofortigen Lösung aller Probleme: Hey, du musst nur Gott vertrauen, und schon werden sich deine Probleme verabschieden!

Aber andererseits ist zu fragen: Sind es wirklich die äußerlichen Probleme, die den Psalmisten so niederdrücken? Oder haben diese äußeren Umstände vielleicht zu etwas ganz anderem geführt? Ich denke hier an das Empfinden, dass Gottes Gnade und seine Freundlichkeit aus dem eigenen Leben gewichen sind. Es waren seine Lebensumstände, die den Psalmisten zu dieser Frage geführt haben. Aber nun stehen nicht die äußeren Umstände im Mittelpunkt, sondern der innere Zweifel, ob Gottes Gnade noch über ihm steht. Inmitten dieser Zweifel, ruft er sich selbst zu: „Harre auf Gott!

Der Psalmist richtet sich selbst, seine Seele, auf den Gott aus, der sein Gott und sein Retter ist. Warum tut er das? Der Psalmist weiß, dass es nur einen einzigen Weg gibt, sein aufgewühltes Herz zur Ruhe zu bringen, und zwar indem es sich auf Gott ausrichtet.

Was heißt es eigentlich, sein Herz auf Gott auszurichten? Es heißt, dass ich meine Gedanken weg von meinem Empfinden, weg von meinen Gefühlen, weg von meinen Erfahrungen, auf das richte, was Gott getan hat, und zwar in seinem Sohn.

Richte deine Gedanken auf Gott! Schau auf zu Christus in den Zweifeln, in den Anfechtungen, in den Fragen! Schau auf das, was er vollbracht hat! Denn dass Gottes Gegenwart und seine Gnade niemals von dir weichen werden, hat seine Grundlage in dem Werk Christi, also in dem, was der Sohn Gottes vollbracht hat.

Deshalb sollen wir im Glaubenskampf was tun? Der Schreiber des Hebräerbriefes erklärt es uns: „Lasst uns unseren Blick auf Jesus richten, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete und dabei die Schande für nichts achtete und der sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat. Achtet doch auf ihn, der solchen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht müde werdet und den Mut verliert!“ (Hebr. 12,2.3).

Gott hat in seinem Sohn einen Bund mit denen geschlossen, die ihm glauben. Darum wird er niemals seine Gnade von ihnen weichen lassen. Deshalb gilt: Wenn dein Herz unruhig ist, dann eile im Geist dorthin, wo das Herz des Sohnes Gottes für dich blutete! Durch seinen Tod ist der Weg ein für allemal frei. Gott wird seine Gnade niemals von denen nehmen, die er sich zu seinen Kindern berufen hat.

Wenn der Psalmist die Frage stellt, ja wenn wir fragen, wann werde ich endlich wieder Gottes Angesicht sehen, blicken wir auf Christus! Denn wer ihn sieht, sieht den Vater, und wer Christus sieht, schaut das gnädige Angesicht Gottes. Deshalb lautet die Antwort des Glaubens, wenn die Frage an dir nagt, ob Gottes Gnade von dir gewichen ist: „Harre auf Gott!“ Erkenne, dass Gott wegen seines Sohnes seine Gnade niemals von dir weichen lässt!

Und wenn der Teufel fragt: Bist du dir auch ganz sicher, dass Gott seine Gnade nicht von dir genommen hat? Dann können wir ihm aus voller Zuversicht mit Paulus antworten: „Er hat seinen eigenen Sohn nicht für uns verschont. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm. 8,32).

Deshalb wendet der Psalmist seine Gedanken von der Erinnerung an die einst freudigen Tage ab und richtet sie auf Gott. Das macht er in Vers 6 und dann auch weiter in Vers 7: „Mein Gott, meine Seele ist aufgelöst in mir; darum denke ich an dich…“

Die Person, mit der ich am meisten rede, bin ich selbst. Und deshalb ist es ungemein wichtig, mit welchen Dingen ich meine Gedanken fülle. Gerade in Zeiten des Zweifelns ist es doppelt wichtig.

Im 63. Psalm streckt David sich mit großem Verlangen nach Gott aus. Er schildert uns auch, wie er seine Seele „sättigt“. Er schreibt dort (mit meinen Worten): Ich werde satt, indem ich an dich denke in der Nacht, über dich nachsinne auf meinem Lager
(Ps. 63,6-9).

Fülle deine Gedanken mit Christus und dem, was er für dich vollbracht hat – mitten in deinem persönlichen Leiden! Wegen Christus wird Gottes Gnade und sein Friede niemals von dir weichen. Wenn unser Geist so ausgerichtet ist, werden wir uns nicht auf unser Leiden fokussieren, sondern werden frei von unserem Tun und den Einwürfen, die von außen auf uns eindringen, um Gott zu dienen.

Das Ringen geht weiter

Aber der Kampf des Psalmisten geht weiter. Und wir werden merken, dass die Zweifel und die Fragen nicht abnehmen, sondern weiterfressen, auch wenn wir nun eine etwas andere Perspektive bekommen. Es ist insofern ein anderer Blickwinkel, als beim Psalmdichter nun eine andere Frage aufbricht. Es ist eine weitere, ihn tief aufwühlende Frage, die durch die Umstände, in denen er sich befindet, genährt wird.

2. Harre auf Gott, wenn du glaubst, Gott habe sich gegen dich gewandt

Das Ringen, das wir in Psalm 42 verfolgen können, ist vor allem ein Kampf des Glaubens an die ewige Bundestreue Gottes gegen die Zweifel: „Urflut ruft Urflut zu beim Rauschen deiner Wasserstürze. Alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen“ (Ps. 42,8).

Wie leicht ist es doch zu glauben, dass Gott für mich ist, wenn es mir gut geht. Es ist um einiges einfacher, andere darauf hinzuweisen, dass Gott für sie ist, als es festzuhalten, wenn auf einen selbst böse Tage kommen. Was ist, wenn mich ein Leid mitten ins Gesicht trifft? Was ist, wenn ich nur noch durch Todesschatten wandere? Was ist, wenn eine Flut nach der anderen über mich braust, sodass ich kaum Zeit finde, Atem zu schöpfen? Vertraue ich dann immer noch, dass Gott für mich ist und dass er alle Dinge zu meinem Besten lenkt?

… wenn das eigene Leben nur noch ein Chaos ist

Der Psalmist hat das Empfinden, Gott sei gegen ihn. Das macht vor allem der achte Vers deutlich: „Alle deine Wellen und deine Wogen sind über mich hingegangen.“ Sein eigenes Leben erscheint dem Dichter als ein riesengroßes Chaos. Vermutlich deswegen verwendet er einen Begriff, den wir aus dem Schöpfungsbericht sowie aus dem Sintflutbericht kennen: Urflut oder Tiefe. (1Mos. 1,2; 7,11). Das Wort steht für Chaos, Unordnung und Zerstörung. Es steht für Gericht (wie bei Noah). Dass dieses Wort in diesem Psalm Verwendung findet, macht deutlich, dass es sich für den Verfasser so anfühlt, als habe sich Gott gegen ihn gewandt.

Übrigens haben wir hier ein wunderbares Beispiel von Ehrlichkeit vor Gott, Ehrlichkeit in dem Sinne, dass der Psalmist sich nicht scheut, seine Gefühle offen auszusprechen. Er ist aufrichtig, was seine Fragen, Empfindungen und Zweifel angeht. Tatsächlich schildern die Psalmen die Gefühle der Kinder Gottes offen. Sie machen deutlich, dass Gott sich nicht zu schade ist, auf das innere Aufgewühltsein seiner Kinder einzugehen. Christen werden durch die Heilige Schrift nicht dazu angehalten, ihre Gefühle und Eindrücke für sich zu behalten. Als Kirche Jesu Christi sind wir nicht dazu aufgerufen, im Leiden zu schweigen. Nirgendwo wird von uns verlangt, immer ein Lächeln auf den Lippen zu tragen und jedes Gefühl der Trauer zu unterdrücken. Während sich zum Beispiel der Buddhismus bemüht, durch ein In-sich-Gekehrtsein das Leiden zu übertrumpfen und wegzumeditieren, ist uns vom Evangelium her Derartiges nicht geboten.

Klagen ist besser als zu verzagen. Wir dürfen dem, der unsere ganze Verzweiflung kennt, unser Leid klagen. Dazu rufen uns gerade die Psalmen immer wieder auf. Friss deine Zweifel und Sorgen nicht in dich hinein! Schütte sie vor Gott, dem Allmächtigen aus! Wir brauchen vor Gott nicht zu tun, als ob nichts wäre. Er sieht ja doch, wenn unser Herz weint.

Nun beginnt der Kampf: „Des Tages wird der Herr seine Gnade aufbieten, und des Nachts wird sein Lied bei mir sein, ein Gebet zu dem Gott meines Lebens“ (Ps. 42,9). Was denn nun? Ist Gott treu? Ist er für mich? Oder hat er sich gegen mich gewandt: Mein Gott, ich will ja daran glauben, dass du für mich bist, aber das, was ich gerade durchmache, lässt mich zweifeln, ja verzweifeln.

Auf der einen Seite sind die Umstände, in denen ich mich befinde, die mich dazu bringen, in Frage zu stellen, dass Gott für mich ist. Auf der anderen Seite steht der Glaube daran, dass Gott treu ist, dass Gott für mich ist. Der Psalmist klammert sich an den Gott, der zu seinem Bund steht. Aber es fällt ihm schwer. Tatsächlich kommen wir als Kinder Gottes alle in Situationen, in denen wir ernsthaft zweifeln, ob Gott tatsächlich für uns ist, in denen die Frage schier übermächtig wird, ob es wirklich stimmt, dass mir alles zum Besten dient. Dann brechen Fragen auf, wie bei dem Psalmisten. Er nimmt sich vor, sich an Gott zu wenden: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich trauernd einhergehen unter dem Druck meiner Feinde? Der Druck des Feindes wird größer: „Wie Zermalmung meiner Gebeine ist der Hohn meiner Bedränger, weil sie täglich zu mir sagen: Wo ist denn nun dein Gott?“ (Ps. 42,11). Wir sehen hier einen Mann, der durch den Kampf, der in ihm tobt, bis zum Boden zermalmt ist. Es ist der Kampf zwischen dem Glauben daran, dass Gott für ihn ist, und den Zweifeln an diesem Glauben.

Die zweite Antwort des Glaubens: Harre auf Gott!

Indem der Psalmist sich erneut an sich selbst wendet, gibt er seinem Herzen wieder diese Ausrichtung, die wir bereits in Vers 6 fanden: „Warum bist du so aufgelöst, meine Seele, und warum bist du so unruhig in mir? Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken für das Heil meines Angesichts und meinen Gott!“ (Ps. 42,12). Auch hier wendet der Psalmdichter seinen Blick auf Gott als seinen einzigen Retter: Diese Blickrichtung erfolgt inmitten der Frage: Ist Gott gegen mich?

Auch wir können in derartige Zweifel geraten. Auch wir können soweit kommen, dass es sich so anfühlt, als habe Gott sich gegen uns gewandt, sodass sich unser Leid wie eine Strafe Gottes anfühlt.

In solchen Momenten gibt es für uns nur einen einzigen Weg, nämlich den, den der Psalmist uns vorgezeichnet hat: Schau auf Christus, deinen Retter! Ruf dir das Evangelium deines Heilands ins Gedächtnis, das verkündet, dass Christus für dich gestorben ist und dass Gott für die ist, für die er seinen Sohn dahingegeben hat. Christus ist der Grund, warum Gott für uns ist. Christus ist der Grund, warum der Zorn Gottes nicht mehr auf uns lastet. Christus ist der Grund, warum alles, was uns geschieht, uns zum Besten dient. Deshalb: Harre auf Gott, gerade dann, wenn du glaubst, dass Gott sich gegen dich gewandt hat!

Auf Gott harren heißt: Schau auf die Liebe, die er dir in seinem Sohn hat zukommen lassen, und glaube, dass er niemals gegen dich ist, sondern vielmehr sagt: „Wer dich angreift, den werde ich angreifen!“ (Jes. 49,25). Dass Gott immer für dich ist, steht fest, wegen dem, was Christus getan hat. Er, der Gott deines Lebens, steht zu seinem Bund.

Das Gebet

Wenn wir nun zu Psalm 43 kommen, der faktisch die nahtlose Fortsetzung von Psalm 42 ist, sehen wir, dass sich von Beginn an etwas ändert. Nun wendet sich der Psalmist direkt im Gebet an Gott. Er fleht zu ihm. Er wendet sich an den Gott seiner Zuflucht (oder an den „Gott, der ihn schützt“), wie er ihn in Vers 2 nennt. Tatsächlich spricht der Psalmist nun nicht mehr zu sich selbst, sondern er wendet sich an Gott, und zwar durchgängig. Das ist das Neue dieses 43. Psalms.

3. Harre auf Gott und bete voller Hoffnung!

Der Verfasser bittet Gott, mit seiner Gerechtigkeit einzugreifen und ihm Recht zu verschaffen: „Schaffe mir Recht, o Gott, und führe meinen Rechtsstreit gegen ein unbarmherziges Volk! Errette mich vor dem, der die Lüge tut und in der Ungerechtigkeit lebt!“ (Ps. 43,1).

Er wendet sich aufrichtig an Gott mit seinen Fragen. Diese hatte er schon vorher ausgesprochen. Aber hier im Gebet formuliert er sie noch deutlicher: „Warum verwirfst du mich?“ (Ps. 43,2).
Er bleibt vor Gott ehrlich: Gott, das ist das, was ich im Moment empfinde. Ich weiß, dass du für mich bist. Aber alles, was ich wahrnehme, ist ein nicht enden wollender Tunnel voller Finsternis und Chaos!

Aber dann geht er einen Schritt weiter: „Sende dein Licht und deine Wahrheit; sie sollen mich leiten und mich bringen zu deinem heiligen Berg und zu deinen Wohnungen.“ (Ps. 43,3). Mit anderen Worten: Gott, im Moment stehe ich im tiefen Dunkel. Ich sehe keinen Ausweg. Es bietet sich keine Lösung an. Was mir nur helfen kann, ist, dass du eingreifst. Auf dein Eingreifen will ich warten. Du wirst mich wieder dahin bringen, dass ich voller Freude bin. Auch das bekennt er schon voller Zuversicht: „So werde ich zum Altar Gottes kommen, zu dem Gott, der mein Jubel und meine Freude ist, und ich werde dich preisen auf der Laute, Gott, mein Gott. (Ps. 43,4).

Merken wir etwas? Am Anfang von Psalm 42 hatte der Dichter genau danach gefragt: Wann werde ich wieder vor Gott erscheinen können? Hier folgt die Antwort. Die Antwort ist nicht eine Zeitangabe: jetzt oder morgen. Sie ist vielmehr die große Zuversicht auf Gottes Handeln, auf Gottes Rettung, egal was jetzt meine Situation ist.

Wie kann der Psalmist plötzlich wieder so voller Zuversicht sein? Denn rein äußerlich hat sich an seiner Lage nichts geändert. Der Grund dafür, dass nun alles anders ist als am Anfang von Psalm 42, ist der, dass in seinem Herzen ein Durchbruch stattgefunden hat. Es ist ein Durchbruch im Glauben erfolgt, bei ihm, der sich durch alles äußerliche und innerliche Chaos hindurch auf seinen Retter ausgerichtet hat.

Wieder, zum letzten Mal, wendet der Psalmist sich an sich selbst (Ps. 43,5). Aber dieses Mal klingt der Refrain anders. Viel zuversichtlicher! Viel hoffnungsfroher! Wieder richtet er sein Herz auf seinen Retter aus. Es ist dieser Gott, der der Grund ist, warum er so hoffnungsvoll beten kann.

Gott selbst ist der Grund, warum er wieder Mut fasst und mit großer Hoffnung darauf harrt, dass Gott ihn aus seiner zermürbenden Situation befreit. Harre auf Gott und wende dich voller Vertrauen im Gebet an ihn!

Warum können wir voller Vertrauen beten? Weil Christus unser Retter ist. Weil er der Sieger über Hölle, Tod und Teufel ist und weil wir mit ihm siegen dürfen. Wir dürfen hoffen. Wegen Christus!

Die Antwort, die bleibt

Die durchgängige Antwort des Glaubens, so sahen wir, lautet: „Harre auf Gott!“ Warte voller Hoffnung auf sein Reden, auf seine Rettung, auf sein Eingreifen! Erinnere dich an die Verheißungen Gottes in seinem Evangelium! Halte dich an seine liebevollen Zusagen, gerade dann, wenn deine Gefühle und Zweifel dir etwas ganz anderes einflößen. Mit großer Gewissheit dürfen wir hoffen – wegen Christus und dem, was er für uns vollbracht hat.

Amen.


Diese Predigt wurde in der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen gehalten (www.berg-giessen.de). Bitte lesen Sie vorher die beiden Psalmen in einer guten Bibelübersetzung. Die im Folgenden angeführten Schriftzitate stammen (meistens) aus der Schlachter 2000-Übersetzung.