Die Reformation, die Deutschen und Johannes Calvin (Teil 6)

Martin Bucer – ein väterlicher Freund Calvins

Die deutschen Anfänge der Reformation

Dass die Wurzeln der Reformation vor allem in den deutschen Ländern liegen, ist unumstritten. Selbst wenn man unterstellt, dass Huldrych Zwingli (14841531) selbstständig, also unabhängig von Luthers Schriften, zum reformatorischen Ansatz gekommen sei, ist Luthers Einfluss in den Anfangsjahren der Reformation im oberdeutschen Raum, wie übrigens auch im niederdeutschen (niederländischen) und französischen Raum, sehr prägend. Auch für den weiteren Verlauf der Reformation gilt es als unstrittig, dass gerade die deutschen theologischen Linien sehr stark und wirkungsvoll waren. Bei einer Betrachtung der deutschen Rolle in der Reformation fällt einem an erster Stelle natürlich Martin Luther ein. Doch auch ein anderer deutscher Martin, Martin Bucer (14911551), machte sich einen Namen als engagierter Reformator, vor allem aufgrund seines Wirkens in der Freien Reichsstadt Straßburg und überhaupt im Elsass, aber auch in Cambridge und darüber hinaus in ganz England. Bucer war zur Reformation übergetreten, nachdem er während der Heidelberger Disputation im April 1518 Luthers Auftritt verfolgt und ihn auch persönlich kennengelernt hatte.

Verfechter der reformatorischen Einheit

Als einer der herausragenden Reformatoren nimmt auf der europäischen Bühne Martin Bucer einen Ehrenplatz neben Luther, Zwingli, Melanchthon und anderen Reformatoren der ersten Generation ein. Sein Verdienst war vor allem sein fortwährendes Bemühen um Einheit, wobei er sich für gegenseitiges Verständnis zwischen den Wittenbergern und den oberdeutschen reformatorischen Kreisen einsetzte. Die Bemühungen mündeten letztendlich in der Wittenberger Konkordie von 1536.

Von Straßburg nach Wittenberg – Bucer und die Wittenberger Konkordie

Ende Mai 1536 unterschrieben mehrere führende Theologen ihrer Zeit, darunter Luther, Melanchthon, Bugenhagen, Capito, Musculus, die nach zähem Ringen entstandene Wittenberger
Konkordie (Formula
Concordia), in der Übereinstimmung zwischen der Wittenberger Theologie und den oberdeutschen Überzeugungen festgestellt wurde. Wesentlich daran beteiligt war Bucer. Obwohl auch Melanchthon maßgeblich mitarbeitete, ist sie nicht ohne Grund als die Formula Concordiae Lutheri et Buceri bekannt, also als die Glaubensformel der Eintracht von Luther und Bucer.

Die zweite Generation der Reformation

Mittlerweile waren europaweit auch andere, oft jüngere Reformatoren hervorgetreten, die so genannte zweite Generation der Reformation. Die Rede ist von soliden Theologen, die die Fackel des reformatorischen Lichts weitertragen sollten – wie zum Beispiel Heinrich Bullinger (15041575, wirkte in Zürich), Johannes Calvin (15091564, Straßburg und Genf), John Knox (15141572, Edinburgh, Schottland) und Johannes a Lasco (14991560, London, Emden und Polen).

Die Berufung eines Exulanten

Für Bucers späteres Vermächtnis sollte gerade sein Verhältnis zu einem dieser aufkommenden führenden Köpfe von außerordentlicher Bedeutung werden, nämlich zu dem jungen französischen Exulanten Johannes Calvin. Die beiden kannten sich schon seit einigen Jahren – im Winter 1534/35 durchreiste Calvin zum ersten Mal Straßburg auf dem Weg nach Basel – und hatten auch bereits Briefwechsel miteinander. Obwohl man von einer anfänglichen gewissen Zurückhaltung von Seiten Calvins gegenüber Bucer reden könnte, änderte sich dies, als die beiden einander persönlich näher kennenlernten.1 Als Calvin im Frühjahr 1538 zusammen mit seinen beiden Kollegen Farel und Corauld (Courault) vom Stadtrat aus der Stadt Genf gewiesen wurde – sie wollten Gott mehr gehorchen als Menschen, – wusste er zunächst nicht wohin er sich wenden sollte. Aber ziemlich bald erreichte ihn ein Ruf. Der damals schon sehr bekannte Reformator Martin Bucer schrieb Calvin, er möge doch nach Straßburg kommen, um dort als Professor der Theologie und Prediger zu arbeiten, also um die Heilige Schrift auszulegen und das Wort Gottes zu verkündigen. Calvin sollte Pfarrer der kleinen französischen Flüchtlingsgemeinde in dieser Reichsstadt werden. Als Professor an der soeben gegründeten Hochschule sollte er Vorlesungen (lectiones publicae) halten, die zum Unterricht einer theologischen Fakultät gehörten.2

Kollegen und Freunde

Zwischen dem deutschen und dem französischen Reformator entstand ein inniges Verhältnis, in dem der 18 Jahre ältere Bucer die Rolle eines fast väterlichen Freundes einnahm. „In ihrer Auffassung vom Wesen, den Quellen und dem Ziel der Theologie stimmten sie völlig überein. Calvin achtete Bucer besonders hoch um seines Beitrags zur Auslegung der Heiligen Schrift, seiner Berufung auf die Kirchenväter und vor allem seiner Betonung des praktischen Charakters der Theologie willen… Gleich Bucer, war Calvin darauf bedacht, mit seiner Theologie die Einheit der reformatorischen Bewegung zu stärken.“3

Einheitsbestrebungen auf der europäischen Bühne

Während seiner Straßburger Zeit (15381541) erhielt Calvin die Gelegenheit, sich nicht nur zusammen mit Bucer für die Einheit der Reformation einzusetzen, sondern auch die anderen Protagonisten der deutschen Reformation kennen zu lernen. Zusammen reisten sie zu mehreren Religionsgesprächen. Religionsgespräche waren damals nicht nur von ausschlaggebender kirchlichtheologischer Bedeutung, um die jeweiligen inneren Spannungen zu überwinden, sondern sie hatten auch große politische Wirkung auf internationaler Ebene. Mit seinen fundierten Kenntnissen der Heiligen Schrift und der Kirchenväter wurde Calvin, zusammen mit Bucer, zum geschätzten Vertreter der gesamten Reformation.

„Die Wahrheit des Evangeliums“

Schon im Februar 1539 besuchte Calvin den Frankfurter Konvent, wo er unter anderem Philipp Melanchthon kennen lernte. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Im Juni 1540 reiste Calvin wiederum offiziell zusammen mit Bucer zum Religionsgespräch nach Hagenau. Ab Oktober desselben Jahres vertrat er auf Bitte der Protestanten den lutherischen Herzog von Lüneburg beim Religionsgespräch in Worms. In Regensburg (1541) war Calvin Delegierter der Reichsstadt Straßburg.

„Auf den Religionsgesprächen trat Calvin den RömischKatholischen so entgegen wie in seinen Schriften. Wieder ging er nicht von der Tradition, sondern von der Heiligen Schrift aus. In Übereinstimmung mit anderen prominenten Theologen wies er an Hand der Kirchenväter darauf hin, dass nicht die Reformation, sondern Rom von der Lehre und der Tradition der alten Kirche abgewichen war. Auch betonte Calvin während der Religionsgespräche wiederum, wie wichtig es sei, Zeugnis über die Wahrheit des Evangeliums abzulegen. In seiner Ausgabe der Verhandlungen von Regensburg, Les actes de la journee imperiale, tenue en la cité de Regespourg (1541, CO 5,509–684), wies er darauf hin, dass über die Lehre kein ‚gütlicher Kompromiss‘ geschlossen werden könne. Gott habe befohlen, seine Wahrheit zu bezeugen, nicht darüber zu debattieren. Das Wort Gottes müsse rein und deutlich allen gepredigt werden. Es sei kein Platz für Missstände wie Bilderverehrung, Messe, Kirchenhierarchie und Heiligenverehrung.“4

Pfarrer vor Ort

Dass allerdings Calvin die Bühne der breiten Öffentlichkeit nicht seiner Berufung als Pastor vorzog, zeigt die Tatsache, dass er vorzeitig vom Religionsgespräch in Regensburg nach Straßburg zurückkehrte, um mit der Gemeindearbeit, also mit der Verkündigung, weiterzumachen. Seit seiner ersten Predigt in der relativ kleinen französischen Flüchtlingsgemeinde in Straßburg am 8. September 1538 war Calvin immer in erster Linie Ausleger der Heiligen Schrift. Es gebe nur eine Art des Gemeindebaus, nämlich durch das Wort, den Unterricht.5 Gemeindeaufbau heißt nicht, mit irgendwelchen Schemata, irgendwelchen menschlichen „Entwürfen“ aus dem Wirtschaftsbereich die Gemeinde zu lenken, sondern es heißt: Wortverkündigung. Genau darin lag die Tiefe des reformatorischen Ansatzes: Solo
Verbo – durch das Wort allein.

Diener des Wortes Gottes

Ein Verbi divini minister – Diener des göttlichen Wortes – ist berufen, das Wort Gottes zu verkündigen, sei es im Gottesdienst (Predigt), in der Seelsorge (Hausbesuch) oder im katechetischen Unterricht. Denn das Wort soll verkündigt werden, so häufig wie möglich, nicht nur einmal in der Woche. In 2Timotheus 4,2 lesen wir: „Predige das Wort, halte an, es sei zu rechter Zeit oder zur Unzeit; strafe, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.“ Denn „der Glaube ist aus dem Hören [der Predigt/Verkündigung] und das Hören [der Predigt/Verkündigung] durch das Wort Christi“ (Röm. 10,17). Genau darauf konnte der kaum dreißigjährige Pastor Calvin sich nun konzentrieren. Er predigte in der Regel sonntags zwei Mal und außerdem an vier Wochentagen.6 Zudem legte er die Schrift in Vorlesungen aus. In dieser Zeit entstanden viele wichtige Schriften. Allein im Jahr 1539 zum Beispiel sein Kommentar zum Römerbrief, die Revision seiner Institutio (Erweiterung von 6 auf 17 Kapitel) und seine berühmte Responsio ad Sadoleti Epistolam (Antwort an Kardinal Sadolet).7

Ein deutscher Freund auf Lebenszeit

Kennzeichnend für seine Straßburger Zeit, die von 1538 bis 1541 währte, war allerdings die Freundschaft mit Martin Bucer. Der prägende Einfluss Bucers auf Calvin wurde in der Forschung immer wieder hervorgehoben, während Calvin auch seinerseits seinem väterlichen Freund ein Vorbild war.8 „Wer von Bucer zu Calvin weitergeht, findet die Gedanken des Straßburger Reformators in einer klaren und knappen Form wieder. In den Hauptsachen stimmen sie voll überein.“9 Außer Frage war die Freundschaft zwischen Bucer und Calvin richtungweisend und folgenreich für den weiteren Verlauf der Reformation nicht nur im mitteleuropäischen Bereich oder im 16. Jahrhundert, sondern darüber hinaus, bis in die Neue Welt hinein und bis zum heutigen Tage. Die Würdigung dieses freundschaftlichen Verhältnisses ging so weit, dass ein Biograph es folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Ohne Bucer kein Calvin.“ Allerdings betont er zugleich, wenn auch nicht in dieser Formulierung: Ohne Calvin auch kein Bucer.10


1) Spijker, Willem van ‚t, Calvin. Biographie und Theologie. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2001, S. J207. (Moeller, Bernd, Hrsg., Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Band 3, Lieferung J2.).
2) Arnold, Matthieu, Straßburg. In: Calvin Handbuch. Tübingen [Mohr Siebeck] 2008, S. 38.
3) Spijker, Willem van ‚t, a.a.O., J208.
4) Stolk, Maarten, Calvin und Rom. In: Calvin Handbuch. Tübingen [Mohr Siebeck] 2008, S. 108.
5) Calvins Kommentar zu Titus 1,5 (CO 52,408).
6) Neuser, Wilhelm, Johann Calvin – Leben und Werk in seiner Frühzeit 1509-1541. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 2009. S. 306.
7) Vergleiche:. Bekennende Kirche, Nr. 40, März 2010, S. 36-40.
8) Spijker, Willem van ‚t, a.a.O., J146.
9) Spijker, Willem van ‚t, a.a.O., J208 Dazu: „Die Unterschiede betreffen die theologische Methode, die bei Calvin eng mit der Art und Weise zusammenhängt, wie er die Schrift reden läßt.“ (Ebd.).
10) Vergleiche: Berg, Machiel A. van den, Calvijn. Een amicale biografie. Utrecht [De Banier] 2006. S. 121f.