In eigener Sache

Sowohl die Herausgabe der Zeitschrift, als auch diese Onlinepräsenz wird ausschließlich durch Spenden interessierter Leser finanziert.

Wir bitten Sie deshalb um Ihre Unterstützung.

weitere Informationen

Was bleibt…

Wortverkündigung zu Psalm 27

Vermutlich brauche ich niemanden daran zu erinnern, dass wir, obwohl nicht von der Welt, doch in der Welt sind. Unser Herr hat uns kein sorgloses Leben versprochen. Vielmehr macht das Wort Gottes unmissverständlich klar, dass es uns nicht nur geschenkt ist, an Christus zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. Der Ausspruch eines amerikanischen Seelsorgers trifft fraglos zu: Wir leben in einer gefallenen Welt, und manchmal fällt sie auf uns.

Als Christen schweben wir nicht über den Tatsachen des Alltags. Wir sind nicht so naiv zu denken, uns könnte das Leid nicht treffen. Es muss ja nicht gleich Verfolgung und Diskriminierung um des Glaubens willen sein. Als Christen leiden wir täglich unter den Versuchungen und Anfechtungen des großen und schrecklichen Feindes unserer Seele, der uns von links und rechts Zweifel in die Ohren flüstert, um uns der festen Verankerung in Christus zu berauben.

Mitten in der Not

Auch wenn man nichts Genaues über den konkreten geschichtlichen Anlass des Psalms sagen kann, lässt sich doch einiges aus dem Psalm selbst erkennen, was uns die Situation Davids deutlicher werden lässt. Er befand sich in großer Not und Verfolgung. Seine Feinde werden als tierisch, ja fast schon als bestialisch dargestellt. Sie haben ein einziges Ziel: ihn zu „verschlingen„. „Wenn Übeltäter mir nahen, um mein Fleisch zu fressen…“ (Ps. 27,2). Dazu kommt noch, dass der Psalmist sich wohl fernab seiner Heimat befand. Seine Existenz schien bedroht zu sein. Ja, er war wirklich in Lebensgefahr, fern jeglicher äußerer Sicherheit.

Das sind Dinge, die man dem Psalm bei einfachem Durchlesen entnehmen kann. Und gerade wegen dieser Umstände ist dieser Psalm so erstaunlich, ja so atemberaubend. Am Boden der nackten Tatsachen angekommen, verfasst David diese Zeilen, dieses Lied. Er hat nichts mehr. Beraubt jeglicher Sicherheit im Blick auf sein Leben, zeigt uns David, was ihm dennoch bleibt. Denn das ist ja die Frage, die im Herzen des Leidenden aufwächst im Angesicht der Schmerzen, der Leiden, der Verlassenheit: Was bleibt? David gibt uns einen Einblick.

Liest man die ersten drei Verse dieses Psalms, fällt eine Sache sofort auf: Hier spricht ein Mann, der von einer großen Gewissheit und einem tiefen Frieden bestimmt ist. Hier spricht aber auch jemand, der sich der Gefahr, in der er schwebt, absolut bewusst ist. Und doch: Er klammert sich an das, was bleibt. Und das ist der, der der Ursprung des Friedens ist, der allen Verstand übersteigt.

Der Psalm kann uns zu einem großen Trost werden in Leiden, die uns treffen. Aber auch in Versuchungen und Anfechtungen, wenn wir hin- und hergeworfen und verängstigt sind. Unser Herr zeigt uns durch David, woran wir teilhaben dürfen, was bleibt, inmitten von Leiden und Versuchungen.

1. Was bleibt, ist ein Friede, der allen Verstand übersteigt

Was uns hier trifft, ist der Friede, der in der Heilszusage Gottes eingewurzelt ist. Es ist ein Friede, der allen Verstand übersteigt. Dieser Friede kommt aus Gott dem Herrn, dem alleinigen Retter. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil!“ (Ps. 27,1). Dieses Bekenntnis steht bei David voran. Damit beginnt David. Licht weist in der Heiligen Schrift stets auf Erlösung hin, während Finsternis Verdammnis beschreibt. Der dreieinige Gott ist unser Licht. Er ist unser Heil. Er ist unsere Schutzburg. Dass der Herr Davids Licht und sein Heil ist, ist für den Psalmisten die Antwort auf Anfeindungen und Verfolgungen seiner Gegner. Er hat sich bei dem Herrn geborgen. Bei Gott dem Herrn hat er diesen Frieden gefunden, der jeglichen Verstand übersteigt. „Der Herr ist mein Licht und mein Heil.“ Das ist das, was David geblieben ist. Das ist das, woran er sich klammert.

In tiefstem Dunkel, in den Gefahren, die sein Leben bedrohen, strahlt das Licht seines Herrn hinein, sodass er voller Vertrauen und Gewissheit sagen kann: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?“

Weiter: „Der Herr ist meines Lebens Zuflucht; vor wem sollte ich Grauen haben?“ David stellt diese rhetorischen Fragen aus einer großen Gewissheit heraus, der Gewissheit seiner Geborgenheit und seines Heils.

Keine Naivität, sondern Vertrauen

Wir sollten nicht meinen, David sei naiv oder er nehme die Gefahren, die ihn umgeben, nicht wirklich wahr. Wir sollten auch nicht denken, David habe überhaupt keine Angst oder er würde die Bedrohungen ignorieren. Wir werden später noch deutlicher sehen, dass David wirklich in der Welt ist. Und auch schon hier, in Vers 2, gibt sich David keiner Illusion hin. Er ist nicht blind oder naiv. Wäre er das, würde er seine Bedränger und Feinde wohl kaum so beschreiben. Denn wenn man sich den zweiten Vers ansieht, wird man erkennen, dass Davids Beschreibung alles andere als harmlos ist: „Wenn Übeltäter mir nahen, um mein Fleisch zu fressen, meine Bedränger und meine Feinde, so sind sie es, die straucheln und fallen.“ Seine Feinde sind keine harmlosen Opponenten. Er schildert sie als Übeltäter. Wie Raubtiere lechzen sie danach, ihn in ihre Finger zu bekommen. Wie gierige Tiere, ein Rudel jagender Wölfe, warten sie darauf, ihn endlich zu Fall zu bringen, ja umbringen zu können.

Und natürlich: Wenn man sich die Fragen im ersten Vers und nun die Beschreibung der Feinde in den Versen 2 bis 3 durchliest, könnte man fast meinen, David habe den Blick für die Realität verloren. Man meint, sich zu verhören. Er stellt doch tatsächlich die Frage: „Vor wem sollte ich mich fürchten? Vor wem sollte mir grauen?“ Was sollen diese Fragen? Man könnte antworten: Nun, zum Beispiel vor dem Heer deiner Feinde, das dich verfolgt und wie wilde Tiere darauf brennt und danach lechzt, dich zu zerfleischen, dich umzubringen!

Nein, es ist keineswegs so, dass David nicht wahrnimmt, in welch großer Gefahr er sich befindet. Er hat sicher mehr als einmal um sein Leben gebangt. Das sehen wir auch immer wieder in den Psalmen: „Herr, mein Gott, bei dir suche ich Zuflucht. Hilf mir von allen meinen Verfolgern und rette mich! Dass mein Feind nicht wie ein Löwe mein Leben zerreißt, und da ist kein Befreier!“ (Ps. 7,2.3).

Vielmehr hat er die Gefahr voll und ganz erkannt. Nun setzt er alle seine Hoffnungen auf den Gott seines Heils. David hat seinen Verstand nicht ausgeschaltet oder den Blick für die Realität verloren.

Das Bekenntnis der Hoffnung und Gewissheit der Gläubigen

Woher kommt diese Gewissheit, diese Zuversicht, dieser tiefe Friede? Wir finden die Antwort in Davids Bekenntnis: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil!“ Daraus spricht Heilsgewissheit. Sie ist uns an vielen Stellen im Alten wie auch im Neuen Testament bezeugt.

Was ruft Hiob inmitten seines Leidens aus? Was sagt er, der getrennt war von allem, was ihm lieb und teuer war? Was blieb ihm? „Doch ich weiß: Mein Erlöser lebt; und als der Letzte wird er über der vergänglichen Welt stehen. Und nachdem diese meine Haut so zerschunden ist, werde ich aus meinem Fleisch Gott schauen. Ja, ich selbst werde ihn schauen, und meine Augen werden ihn sehen, aber nicht als Fremden.“ (Hi. 19,25-27).
Diese Gewissheit blieb dem Mann in der Asche.

Ähnlich verhält es sich auch bei David, der gegen Ende dieses Psalms sagen kann, dass er absolut gewiss ist, dass er das Gute des Herrn sehen wird im Land der Lebendigen.

Davids Bekenntnis gleicht weitgehend dem, was wir in Paulus´ Kampf für die Heilsgewissheit der Gläubigen in Rom hören: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken, denen, die nach seinem Vorsatz berufen sind. Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Bilde seines Sohnes gleich zu sein, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, diese hat er auch berufen; und die er berufen hat, diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt hat, diese hat er auch verherrlicht.“ (Röm. 8,28-30).

Hier haben wir die völlige Zusicherung des Heils, sodass Paulus nur fragen kann: „Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann dann noch gegen uns sein?“ Und weiter: „Wer will die Auserwählten Gottes anklagen? Es ist Gott, der uns rechtfertigt. Wer will uns verdammen? Christus Jesus ist es, der gestorben, ja noch mehr, der auferweckt, der auch zur Rechten Gottes ist, der sich auch für uns verwendet.“

Die Heilsgewissheit der Gläubigen ist gegründet auf der Heilstatsache, die uns im Evangelium verkündet wird. Das gilt für alle Gläubigen zu allen Zeiten. Christus ist unsere Erlösung. Er ist der Urheber unseres Heils. Ja er ist unser Heil. Wen sollten wir da noch fürchten? Ein Geschöpf, das ja doch nur so lange besteht, wie der souveräne Gott es festgesetzt hat? Wie schrecklich die Feinde auch sein mögen: „Der Friede, der allen Verstand übersteigt, wird unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus bewahren.“ (Phil. 4,7). Egal wie bösartig die Feinde des Evangeliums auch sein mögen. Egal wie sehr der Löwe auch um uns brüllen mag! Die Heilszusage Gottes in seinem Sohn gilt, und nichts und niemand kann und wird uns aus der Hand Gottes rauben. Nein, wir ignorieren nicht die Gefahr, die um uns ist. Aber wir wissen im selben Moment, dass „unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist„. (Kol. 3,3). Gott stellt sich schützend vor uns. Er ist unser Fels und unsere Schutzburg. Diese Gewissheit ist lebensnotwendig für das Volk Gottes. Wer die Heilsgewissheit leugnet, der spielt den Glauben aus (Luther).

So lehrt der Psalm uns insgesamt etwas sehr Wichtiges: Wir sehen hier, dass der Glaube nicht etwas ist, das neben unserem Leben steht. Entweder die Gewissheit unseres Glaubens fehlt unserer Existenz oder sie bestimmt sie. Der christliche Glaube ist nicht ein von unserem Dasein losgelöstes Prinzip. Nein, der Glaube ist jene Gewissheit, die unser ganzes Dasein ergreift und durchdringt, weil wir von dem Zentrum des Glaubens, das Christus ist, bis in die tiefsten Tiefen unseres Daseins ergriffen sind. Allein in diesem und durch diesen Glauben kann in unseren Herzen der Friede wachsen, der höher ist als alle Vernunft.

Diese Gewissheit gibt es nicht außerhalb von Christus. Wenn Luther sagen kann, dass außerhalb von Christus die Suche nach Gott zum Teufel führt (Auslegung zu Psalm 130), so können wir nicht anders als zu sagen: Außerhalb von Christus die Heilsgewissheit zu suchen, bringt Unfrieden. Unser Herz wird nur dann ruhig, wenn es zur Ruhe findet in ihm.

Aber David hört hier nicht auf. Nun sehen wir etwas, was mich immer wieder, so oft ich es lese, mehr als überrascht. Davids Herz hat nicht nur zur Ruhe in Gott gefunden. Nein, Davids Herz hat inmitten der Verfolgung und Bedrängnis eine klare Ausrichtung. Es ist ein Verlangen, das bleibt. Es ist eine Sehnsucht, die alles andere übersteigt.

2. Was bleibt, ist eine Sehnsucht, die alles andere übersteigt

David fährt fort, indem er sagt: „Eins habe ich vom Herrn erbeten, danach trachte ich:…“ (27,4).

Man kann sinngemäß auch folgendermaßen übersetzen: „Um eine einzige Sache habe ich den Herrn gebeten, nach dieser einzigartigen Sache trachte ich vor allem anderen: ….“ Was könnte man sich in dieser Situation wünschen, in der David sich befand? Eigentlich doch Befreiung und Rettung, oder? Wir werden sehen, dass David sich sehr wohl an den Herrn mit der Bitte wendet, ihn von den Feinden und seinen Bedrängern zu befreien (27,12).

Trotzdem: Wonach sich sein Herz über allem anderen sehnt, ist etwas Anderes: „…zu wohnen im Haus des Herrn alle Tage meines Lebens, um anzuschauen die Freundlichkeit des Herrn und nachzudenken in seinem Tempel.“ (27,4).
Dies ist das Einzigeine, nach dem er sich sehnt.

Wohlgemerkt: David befindet sich hier in Lebensgefahr. In dieser existenzbedrohenden Situation bringt er sein Verlangen, seine Sehnsucht zum Ausdruck, die alles andere überragt. Und was er sich vor allem anderen wünscht, wonach er sich vor allem anderen sehnt, wonach sein Herz am meisten verlangt, ist nicht die Sicherung seiner Existenz oder die Rettung vor den Feinden. Er sehnt sich vor allem nach diesem Einen: im Haus des Herrn alle Tage seines Lebens zu wohnen, um die Freundlichkeit Gottes zu schauen und ihm zu dienen.

David will damit nicht sagen, er wolle Priester oder Levit werden. Es geht ihm vielmehr darum, dass er bestimmt ist von der kontinuierlichen Gegenwart des allmächtigen Gottes. Wonach er trachtet und wonach er sucht, ist die Gegenwart Gottes. Davids vorrangiges Verlangen ist es, alle Tage seines Lebens in der Gegenwart Gottes zu leben und zu wandeln.

Mehr als Ortsangaben

Wir finden in den Versen 4 bis 6 mehrere Begriffe, die David mit der Gegenwart Gottes verbindet: Haus, Tempel, Hütte, Zelt und auch Fels. Das schlägt auch die Verbindung zu Psalm 26 und 28, in denen David ebenfalls diese Orte erwähnt. Aber ich bin davon überzeugt, dass es David dabei nicht in erster Linie um Ortsangaben geht. Das sieht man an dem dynamischen Gebrauch der (so verschiedenen) Substantive, die alle Bilder für die Gegenwart Gottes sind, sowohl Tempel/Haus Gottes als auch Fels.

Der Gebrauch des Wortes Tempel hat einige Ausleger dazu veranlasst, die Autorschaft Davids abzulehnen. Aber dass der Begriff hier auftaucht, muss keineswegs heißen, dass der Tempel schon gebaut war. Denn das hebräische Wort wird zwar meistens mit Tempel übersetzt, es steht aber ursprünglich einfach für die königliche oder göttliche Residenz. So zum Beispiel auch in Psalm 45,16: Palast. Auch in Psalm 5 gebraucht David diesen Begriff, und auch dort geht es ihm nicht um den steinernen Tempel, sondern um ein Leben vor dem Angesicht Gottes. Er sagt dort: „Die Prahler bestehen nicht vor deinen Augen; du hasst alle Übeltäter. Du vertilgst die Lügner …Ich aber darf dank der Fülle deiner Gnade eingehen in dein Haus; ich bete an zu deinem heiligen Tempel hin, in der Furcht vor dir.“ (Ps. 5,6-8).

Ich bin überzeugt, dass es David nicht um Ortsangaben geht, sondern um das, was er damit gedanklich verbindet: die Gegenwart Gottes. Es ist Davids Sehnsucht, sein ganzes Leben vor dem Angesicht Gottes zu sein. Als ersten Grund dieses Verlangens nennt er nicht die Rettung vor den Feinden, sondern Gott selbst. Der dreieinige Gott steht im Zentrum dieses Verlangens. Vor allen anderen Dingen.

Ferner macht er deutlich, dass er sich allein von einem Leben bei und mit Gott Rettung und Heil verspricht: „Denn er wird mich bergen in seiner Hütte am Tag des Unheils, er wird mich verbergen im Versteck seines Zeltes (wörtlich: er wird mich verbergen im Verborgenen seines Zeltes); auf einen Felsen wird er mich heben.“ Dieser Rettung ist er mehr als gewiss. Das zeigen uns die Verse 5 und 6.

Wir sehen also, dass diese Heilsgewissheit, die uns in den ersten drei Versen begegnet ist, in diese Hoffnung hineingetragen wird: „Und nun wird mein Haupt sich erheben über meine Feinde, die um mich her sind. Jubelopfer will ich ihm bringen in seinem Zelt. Ich will singen und spielen dem Herrn. Die Feinde werden straucheln und fallen, aber ich werde dem Herrn singen und spielen.“ (27,6). Ja David sehnt sich nach nichts mehr, als in der Gegenwart Gottes, vor dem Angesicht Gottes, zu leben. Darauf richtet er sein Herz.

Diese Zielstrebigkeit, dieses Eine über allem anderen zu suchen, ist der beste Weg, die Ängste zu vertreiben und unser Herz zur Ruhe zu bringen. Denn es gibt nur zwei Wege, auf denen der Mensch Befriedigung für seine Seele, für sein Leben sucht: entweder durch ein Leben im Angesicht Gottes (coram Deo) oder aber durch ein Leben im Angesicht des Feindes unserer Seele, des Teufels
(coram diabolo). Entweder – oder! David hat diese Frage für sich beantwortet: „Ich will alle Tage meines Lebens in der Gegenwart, im Angesicht Gottes leben.“ Dort allein dort ist das Heil, dort allein findet sein Herz zur Ruhe.

Was bleibt uns, wenn nichts mehr da ist?

Halten wir fest: David ist jeder äußeren Sicherheit beraubt. Von außen gesehen ist er eine verlorene Existenz. In dieser Situation sehen wir, was ihm bleibt: sein Vertrauen, das sich zunächst in der Gewissheit und nun in dieser Sehnsucht, in diesem Verlangen ausdrückt, in der Nähe Gottes zu sein. Was David an erster Stelle verlangt, sind nicht die Dinge, die Gott ihm möglicherweise geben könnte, sondern Gott selbst.

Hier richtet sich eine Frage an uns: Wenn nichts mehr da ist, woran wir uns klammern können, was bleibt uns dann noch? Wenn wir bis auf den Grund unseres Daseins gesunken sind, wirklich am Boden darniederliegen: Was bleibt dann noch? David zeigt es uns: ein Verlangen nach dem dreieinigen Gott, eine Sehnsucht, immer, ja zu allen Zeiten im Angesicht Gottes, zu leben, mit Gott zu leben, und zwar in dem Wissen, dass ich alles aus Gottes Hand empfange, in allererster Linie das Heil.

In der Versuchung, in der Anfechtung, in die wir alle immer wieder geraten: Im Moment der Anfeindung – wonach sehnt sich unser Herz? David weiß: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Bei ihm will ich mich bergen.“ Im Angesicht Gottes zu wandeln; danach will ich trachten. Hab ich nur ihn, verlange ich nicht nach Himmel oder Erde. Denn er ist und hat alles, was ich brauche. Das machte David für sich klar, mitten in der Verfolgung und der Bedrohung seines Lebens. Beide Dinge, sowohl der große Friede als auch die Sehnsucht Davids, werden uns erneut in den Versen 7 bis 14 begegnen.

In diesen Versen sehen wir, dass David wirklich in der Welt ist. Damit sehen wir ein Drittes, das bleibt. Es ist der Glaube, der sich in der Gewissheit und in der Sehnsucht geäußert hatte. Denn allein im Glauben an Christus ist der Friede zu finden, der allen Verstand übersteigt. Dieser Glaube selbst ist der Ausdruck der großen Sehnsucht einer vollkommen von Gott abhängigen Seele. Echter Glaube sucht Gott als sein höchstes Gut, und es ist ein lebenslanges Suchen, Fragen und Anklopfen.

3. Was bleibt, ist ein Glaube, der wirklich ist

Bereits bis Vers 6 hatten wir von dem Glauben gelesen. Nun aber wird es noch deutlicher. Wir erkennen jetzt schärfer, dass unser Glaube nicht etwas ist, was neben uns steht oder losgelöst von uns existiert. Nein! Wir hatten bei den ersten drei Versen bereits festgestellt, dass der Glaube entweder unsere Existenz bestimmt, oder es ist kein Glaube. Entweder wir leben mit allem, was wir sind, vor dem Angesicht Gottes oder nicht. Davids Leben, sein Dasein, wurde von seinem Vertrauen bestimmt, von seinem Glauben, den er zusammenfasst in dem Bekenntnis: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil.“ Auf diesem Glaubensbekenntnis gründeten seine Gewissheit und seine Sehnsucht.

In den Versen 7-14 sehen wir bei David sowohl Flehen und Bitten als auch Zuversicht und Gewissheit. Hier ringt jemand im Gebet, der bekennt, dass er nicht ohne Gott leben will und nicht ohne ihn leben kann. David nimmt sowohl die Gewissheit als auch die Sehnsucht hinein in sein Beten. Was lesen wir dort? David fleht den Herrn an: „Höre, Herr, mit meiner Stimme rufe ich: Sei mir gnädig und erhöre mich! Mein Herz erinnert dich an deine Worte: ‚Suchet mein Angesicht!‘ – Dein Angesicht, Herr, suche ich. Verbirg dein Angesicht nicht vor mir, weise deinen Knecht nicht ab im Zorn! Du bist meine Hilfe gewesen. Gib mich nicht auf und verlass mich nicht, Gott meines Heils!“ (27,7-9).

Wir erkennen den roten Faden. David kommt auch hier zurück auf das Eine, wonach er sich vor allem anderen sehnt, nämlich nach Gott selbst. Er will vor dem Angesicht Gottes leben und wandeln, und zwar mitten in der Verfolgung und Bedrängnis. Das ist das, was er wieder vor allem anderen klar macht. „Herr, ich suche dein Angesicht!“ Es ist dasselbe Verb wie in Vers 4.

Das Leben vor dem Angesicht Gottes

Warum sehnt sich David so intensiv nach dem Angesicht Gottes? In den Versen 5 und 6 hatte er uns bereits gezeigt, was ein Leben in der Gegenwart Gottes bedeutet: Erlösung, Frieden und Freude in Gott und an Gott. Und deshalb fleht er: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir. Weise deinen Knecht nicht ab im Zorn.“ David fleht: „Herr, wende dich nicht ab von mir.“ (27,9) Denn das wäre mein Ende.

Das Volk Gottes ist dazu berufen, vor dem Angesicht Gottes zu leben. Das bedeutet, dass wir in der Gegenwart Gottes, unter seiner Autorität und zu seiner Ehre leben. Das ist nur möglich dank der Fülle seiner Gnade, wie David in Psalm 5 deutlich macht. Es ist nicht unsere Gerechtigkeit, die uns vor ihm stehen lässt, sondern die Gerechtigkeit, die sein Sohn erwirkt hat. Für David heißt das: Leben im Angesicht Gottes (coram Deo), Leben aus der Güte und der Gnade Gottes. Fern dieser Lebensperspektive erwartet den Menschen nur Gericht und Tod. Dessen war sich David bewusst. Und deshalb fleht er den Herrn an: „Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Herr, ich suche dein Angesicht, denn du hast uns dazu aufgerufen!“

David nimmt also seine bekundete Sehnsucht (Vers 4) in sein Flehen hinein. Er will und kann nicht ohne Gott leben. Er will nichts anderes mehr als sich bei Gott selbst zu bergen. Denn glücklich ist der Mann, der sich bei dem Herrn birgt. Wir sehen, dass David sich sicher ist, dass nichts und niemand ihn von der Liebe Gottes trennen kann. Gott wird ihn nicht verlassen: „Wenn auch mein Vater und meine Mutter mich verlassen, so nimmt doch der Herr mich auf“ (Ps. 27,10). Das ist hypothetisch gemeint. Der Psalmist will damit deutlich machen: Selbst wenn ich mir der Liebe meiner Eltern nicht mehr sicher wäre, wüsste ich doch: Gottes Liebe bleibt. Niemand kann die erwählten Kinder Gottes von seiner Liebe trennen: „Er hat seinen Sohn nicht verschont für uns. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ fragt Paulus.

Wir sehen also einen David, der das eine weiß: Ich hänge von Gott ab, davon, dass Gott bei mir ist. Denn seine Gegenwart belebt mich. Seine Zusagen in seinem Wort sind meine Hilfe und mein Trost. Ja David bezeugt ferner, dass er vollkommen abhängig ist von Gottes Leitung: „Lehre mich, Herr, deinen Weg und leite mich auf ebenem Pfad wegen meiner Feinde.“ (27,11).
Mit anderen Worten:
Herr, bleib bei mir und führe mich!

Das meint David wirklich so. Er steht nicht souverän über den Dingen. Er schwebt nicht unberührt über den harten Tatsachen des Lebens. Nein, er ist mitten in der Welt. Er kann den heißen Atem seiner Feinde im Nacken spüren. Er weiß um die Lügen, die sie verbreiten, und er fleht den Herrn an: „Gib mich nicht preis der Gier meiner Feinde, denn falsche Zeugen sind gegen mich aufgestanden und stoßen Drohungen / frevelhafte Dinge gegen mich aus.“ (27,12).
Deshalb sprach ich davon, dass Davids Glaube wirklich ist. Sein Vertrauen auf Gott bestimmt seine Existenz. Er kann nicht ohne Gott und er will auch nicht ohne Gott existieren. So bleibt ihm dies: der Glaube. Das zeigen vor allem die letzten beiden Verse. Was bleibt, ist sein Glauben an den Gott seines Heils.

Auch wenn der Feind schnaubt und tobt und wie ein Tier darauf brennt, ihn zu verschlingen, weiß er: Gott rettet ihn. Gott ist für ihn. Diese Gewissheit ist keine Naivität, sondern spiegelt den alleinigen Trost wider, den wir Christen haben dürfen: Sowohl im Leben als auch im Sterben gehören wir niemand anderem als unserem Herrn Jesus Christus.

Diese Gewissheit gipfelt in Vers 13. David macht unmissverständlich deutlich, dass er sich seines Heils sicher ist: „Ach, wenn ich nicht gewiss wäre, dass ich das Gute des Herrn schauen werde im Land der Lebendigen…!“ Er macht damit klar, dass er ohne diese Gewissheit nicht leben kann. Luther kann sagen, dass man, wenn man die Heilsgewissheit leugnet, den Glauben ausspielt. David kann nicht ohne diese Gewissheit leben. Er klammert sich daran. Das ist seine Hoffnung. Deshalb ruft er sich selbst zu, wie es zum Beispiel auch die Söhne Korahs in Psalm 42 und 43 taten: „Harre auf den Herrn! Sei stark und dein Herz fasse Mut, und harre auf den Herrn!“ Das ist der Ausruf eines Herzens, das weiß, dass es ganz aus der Gnade Gottes lebt. Vertraue auf den Gott deines Heils, denn er ist dein Licht, dein Heil und deine Burg!

Was wir von David lernen können

Geschwister, David macht uns hier deutlich, dass ein Leben im Angesicht Gottes nicht bedeutet, dass ich weiß, dass es einen Gott gibt. Natürlich heißt es das auch. Aber was es in allererster Linie heißt, ist: Mein Leben ist von der Gegenwart Gottes durchdrungen und bestimmt. Das heißt konkret: Ich bin von einem tiefen Frieden in Gott und einer großen Sehnsucht nach Gott durchdrungen. Wir sind zwar in dieser Welt, aber durch den Glauben an unseren Erlöser darf in unseren Herzen der Friede wachsen, der nicht von dieser Welt ist, weil wir uns bei ihm geborgen haben.

Ja wir leben in einer gefallenen Welt und werden tagtäglich angegriffen und angefeindet. Ja manchmal fällt die gefallene Welt auch auf uns. Und doch: Halten wir uns an dieses Bekenntnis des Glaubens in den tiefsten Tälern unseres Daseins: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil!“

Was bleibt, ist der Friede in Gott, die Sehnsucht nach Gott, der Glaube, der wirklich ist. Das ist das, was bleibt. Klammern wir uns doch wie David immer an den Gott unseres Heils, an Christus.

Amen.

×