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Wortverkündigung: Römer 14, 10

„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden ja alle vor dem Richterstuhl des Christus erscheinen!“ (Römer 14,10)

Nicht richten?

Richten
oder (sollen wir besser) nicht richten? Werden wir in diesem Vers aufgefordert, alles zu tolerieren? Sollen wir also schweigen, lächeln und alles laufen lassen? Eine solche Einstellung würde dem heutigen Trend entsprechen. Entspricht sie auch dem Wort Gottes?

Zunächst einmal ist es angebracht, sich klarzumachen, dass das Wort Gottes selbst Urteile ausspricht. Gleich im ersten Kapitel desselben Briefes, aus dem das oben zitierte Wort stammt, zeigt der Apostel die geistigen Hintergründe für homosexuelles Verhalten auf: „Sie haben ihre eigenen Leiber untereinander entehrt, sie, die die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen… Ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen, gleicherweise haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind gegeneinander entbrannt in ihrer Begierde und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den verdienten Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfangen.“ (Röm. 1,24-27).

Man kann diese Beurteilung ablehnen, sie als einseitig oder als überzogen bewerten („Es gibt auch gleichgeschlechtliche Liebe!“). Man kann sie als falsch bezeichnen („Paulus hat es nicht besser gewusst!“). Oder man kann sie im Gehorsam annehmen. Aber es ist nicht möglich zu behaupten, diese Aussage sei unklar. Mit anderen Worten: Auch wenn Bischöfe oder Landeskirchengremien das Entgegengesetzte verlautbaren lassen: Das Wort Gottes ist nicht undeutlich.

In einem anderen Brief geht der Apostel auf die Frage ein, ob eine Frau in der Gemeinde Gottes predigen dürfe. Die Antwort, die wir erhalten, mag den heutigen Menschen ärgern. Sie mag ihn wütend machen, zumal sie ein Hammer gegen so ziemlich alles ist, was der Feminismus in den vergangenen 65 Jahren propagiert hat. Man höre einmal zu, wenn die Heilige Schrift erklärt: „Eine Frau soll nicht lehren, auch nicht über den Mann herrschen, sondern sie soll sich still verhalten, … sie soll Kinder gebären.“ (1Tim. 2,12-15). Da diese Anweisung nicht mit den damaligen kulturellen Umständen begründet wird, sondern mit Schöpfungsgegebenheiten („denn Adam wurde zuerst geschaffen, danach Eva“, 1Tim. 2,13), kann es auch bei der Frage der Frauenordination bei denjenigen, die dem Wort Gottes glauben, keine Irritation geben. Solche Christen werden selbst dann nicht verunsichert, wenn inzwischen sogar freikirchliche Bundesversammlungen oder auch Gemeinschaftsverbände es wagen, sich über das, was geschrieben steht, hinwegzusetzen.

Kehren wir zum Römerbrief zurück. Dieser Brief fällt nicht nur Urteile bei ethischen Themen, sondern er nimmt auch zu Lehrfragen Stellung. Wenn die Frage auftaucht, wie ein Mensch vor Gott gerecht wird, lautet die Antwort: Weder Jude noch Heide werden vor Gott anders gerechtfertigt als durch die Gnade Christi. Niemand gehört zum Volk Gottes durch Werke des Gesetzes oder weil er beschnitten worden ist. Vielmehr führt der Weg allein über den Glauben an das Heilswerk Christi auf Golgatha (Röm. 1,16.17; 3,21-26).

Immer wieder finden wir im Römerbrief klare Urteile, und zwar bis hin zum letzten Kapitel dieses Briefes. Dort lesen wir: „Passt bei denen auf, die Spaltungen und Ärgernisse anrichten im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt und meidet sie! Solche dienen nicht unserem Herrn Jesus Christus … durch wohlklingende Reden und schöne Worte verführen sie die Herzen der Arglosen!“ (Röm. 16,17.18).

Kurzum: Das Wort Gottes kennt nicht eine Haltung im Sinn von „leben und leben lassen“. Vielmehr fällt es klare Urteile und spricht deutliche Warnungen aus. Aber was meint dann die oben zitierte Aussage?

Starke und Schwache im Glauben

Der Abschnitt, in dem die apostolische Aufforderung steht, nicht zu richten, beginnt mit einer Aussage über die Starken und die Schwachen im Glauben. Aus den Ausführungen wird deutlich, dass die Starken dadurch gekennzeichnet sind, dass sie Fleisch essen, während die Schwachen lediglich Gemüse essen (Röm. 14,1.2).

Vielleicht könnte man im ersten Augenblick meinen, das leuchtet doch ein: Wenn man nicht hin und wieder ein Stück Fleisch zu sich nimmt, dann kommt man eben nicht richtig zu Kräften, dann ist man halt schwach. Aber natürlich geht es hier nicht um physisch Starke und Schwache. Ausdrücklich lesen wir von Starken und Schwachen im Glauben.

Sind also mit den Schwachen im Glauben die Kleingläubigen und die Zweifelnden gemeint? Einige Kapitel vorher hatte Paulus über Abraham geschrieben, dass er „nicht schwach im Glauben an der Verheißung zweifelte.“ (Röm. 4,19.20). Muss man also auch hier in Römer 14 bei den Schwachen im Glauben an diejenigen denken, die zu Gott und seinem Wort kein rechtes Vertrauen fassen, deren Frömmigkeit mehr im religiösen Gefühl liegt? Muss entsprechend derjenige als Starker im Glauben angesehen werden, der (scheinbar) jeder Anfechtung gewachsen ist und sich stets an die Verheißungen Gottes klammert?

Wenn die Aussage in Römer 14 so zu verstehen wäre, wäre es merkwürdig, ja unverständlich, dass wir dazu aufgefordert werden, denjenigen, der einen schwankenden Glauben hat, aufzunehmen (Röm. 14,1). Normalerweise ruft die Heilige Schrift nicht dazu auf, den Kleingläubigen anzunehmen. Stattdessen ruft sie ihm zu: „Zweifle nicht!“. Jakobus schreibt: „Wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Wind getrieben wird. Ein solcher Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen wird. Ein Mann mit geteiltem Herzen ist unbeständig in allen seinen Wegen“ (Jak. 1,6-8).

Mit anderen Worten: So gewichtig die Unterscheidung zwischen einerseits einem festen Glauben und andererseits einem schwankenden, lauen Glauben ist, in Römer 14 geht es nicht darum.

Aus unserem Abschnitt geht hervor, dass sowohl die Starken im Glauben als auch die Schwachen im Glauben wissen, dass ihr Heil, ihr Leben einzig und allein im Versöhnungswerk Christi auf Golgatha verankert ist. Mit anderen Worten: Beide Gruppierungen, sowohl die Starken als auch die Schwachen, stehen in festem Glauben.

Was aber meint dann die Unterscheidung zwischen den Starken im Glauben und den Schwachen im Glauben? Sind die Starken im Glauben diejenigen, die eine größere Anzahl von Dingen glauben? Wenn wir unter dieser Fragestellung diesen Abschnitt lesen, bekommen wir den Eindruck: Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Schließlich könnte man erwägen, diejenigen als die Starken im Glauben einzuschätzen, die mit heftigem Eifer für ihre Glaubensüberzeugungen eintreten und dabei den Bruder verketzern. Aber diese Möglichkeit scheitert daran, dass der Apostel gerade nicht dazu auffordert: Ihr Starken weist die Schwachen scharf zurück. Vielmehr ruft er sie dazu auf: „Nehmt den Schwachen im Glauben auf!“ (Röm. 14,1). Und eben: „Was fällt dir ein, deinen Bruder zu richten!“ (Röm. 14,10).

Unterschiede in der Gemeinde Gottes

Bei dem Aufruf, nicht zu richten, geht es um Friedfertigkeit in der Gemeinde, und zwar bei Fragen, die man in der Ethik heutzutage als „Mitteldinge“ (Adiaphora) bezeichnet.

Alle Christen, über die der Apostel in Römer 14 spricht, hatten ein brennendes Herz für den Herrn. Dennoch prallten gegensätzliche Überzeugungen aufeinander. Diese entzündeten sich an einem sehr alltäglichen Thema, am Essen: „Einer glaubt, alles essen zu dürfen, wer aber schwach ist, isst Gemüse.“ (Röm. 14,2).

Der Hintergrund für diese unterschiedliche Beurteilungsweise war nicht etwa ein Streit um das Für und Wider des Vegetarismus. Sondern der Bezugsrahmen, in dem man dachte und argumentierte, war dadurch gegeben, dass vielfach im Römischen Reich das Fleisch, bevor es verkauft wurde, den Götzen geopfert oder geweiht worden war.

Diejenigen, die im Neuen Testament als die Starken im Glauben bezeichnet werden, vertraten die Auffassung, sie dürften trotzdem das Fleisch essen. Da es in 1Korinther 8 bis 10 um ein ähnliches Problem geht, können wir rekonstruieren, wie sie argumentierten: Weil die Welt, in der wir leben, Schöpfung Gottes ist, gehört alles dem himmlischen Vater. Also kann ein Christ unbedenklich auf dem Markt Fleisch kaufen und es verzehren, und zwar auch dann, wenn man den Schlachtungsprozess nicht genau zurückverfolgen kann (vergleiche 1Kor. 10,25-27). Dazu kommt, dass dem Sohn Gottes alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Im Vergleich zu Christus sind die Götzenbilder Nichtigkeiten (vergleiche 1Kor. 8,4). Das heißt: Selbst wenn das Fleisch, bevor es verkauft wird, den Götzen geopfert oder geweiht worden ist, ist es nicht bedenklich, es zu essen. (1Kor. 8,5-7). Man braucht also beim Essen kein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Apostel Paulus widerspricht dieser Gedankenführung nicht. Aber achten wir bitte genau darauf, dass er auch Grenzen zieht. Er schreibt nicht: Weil Christus unser Herr ist, können wir mit den Götzen spielen! Vielmehr gebietet er: „Fliehet den Götzendienst!“ Anders gesagt: In einem Götzentempel haben Christen nichts verloren! (1Kor. 10,14-22).

Andererseits aber hält die Heilige Schrift daran fest, dass die Welt, auch wenn sie vom Götzendienst durch und durch verseucht ist, immer auch Schöpfung Gottes ist. Die Schöpfungsgegebenheiten sind durch heidnische Götzenpraktiken nicht beseitigt. Aus diesem Grund haben die Kinder des Schöpfers die Freiheit, die Schöpfung zu gebrauchen.

Diejenigen, die als Schwache im Glauben bezeichnet werden, argumentierten anders. Sie lehnten nicht deswegen den Verzehr von Fleisch ab, weil sie fleischlose Kost bevorzugten. Vielmehr befürchteten sie, sich durch das Essen des auf dem Markt gekauften Fleisches geistlich zu verunreinigen. So zogen sie es vor, völlig auf den Fleischkonsum zu verzichten. Diejenigen, die in dieser Weise argumentierten, waren wohl vorwiegend jüdisch geprägt, so dass bei ihnen ein weiterer Aspekt hinzu trat: In der Regel erfolgte die Schlachtung eines Tieres nicht im Sinn der Schächtung. Somit galt das Fleisch auf dem Markt als nicht koscher.

Dass es sich bei diesen Christen um Menschen handelte, die aus jüdischem Hintergrund stammten, wird dadurch erhärtet, dass in der Gemeinde in Rom neben der Frage nach dem Fleischkonsum eine weitere Frage zu Spannungen führte. Es ging um das Einhalten bestimmter Tage. Wir lesen davon in Römer 14,5.6a: „Dieser hält einen Tag höher als den anderen, jener hält alle Tage gleich; jeder sei seiner Meinung gewiss! Wer auf den Tag achtet, der achtet darauf für den Herrn, und wer nicht auf den Tag achtet, der achtet nicht darauf für den Herrn.“

Heutzutage werden diese Verse nicht selten für die Beantwortung der Frage herangezogen, ob man den Sonntag halten soll, oder ob man den ersten Tag der Woche in das Wochenende einebnen darf, so wie es in unserer säkularisierten Zeit weitgehend üblich geworden ist. Aber in diesen Versen geht es überhaupt nicht um die Frage nach dem Heiligen des Sonntags. Beim „Halten besonderer Tage“ handelt es sich um im Judentum festgelegte Fastentage. Das geht aus Römer 14,6b hervor: „Wer isst, der isst für den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der enthält sich der Speise für den Herrn und dankt Gott auch.“ Also auch beim Halten der Tage geht es im weiteren Sinn um die Frage des Essens bzw. des NichtEssens. Konkret: Soll man die überlieferten Fastentage einhalten oder nicht?

Die Verhaltensnormen

Wie soll man sich in der Gemeinde bei Fragen verhalten, die zwar aufgrund unterschiedlicher kultureller Herkunft verschieden beurteilt werden, die aber das Leben im Glauben an Christus weder fördern noch behindern? Wenn ich recht sehe, gibt dieser Abschnitt uns auf diese Frage vier Grundregeln.

Erstens: In dem Fall, dass es sich um Unterschiede bei so genannten Mitteldingen handelt, gibt das Wort Gottes nicht die Anweisung, sich voneinander zu trennen und aus einer Gemeinde zwei Gemeinden zu machen. Wenn in einer Kirche oder in einer Gemeinde an Irrlehren festgehalten wird, wird eine Trennung nicht zu vermeiden sein. Aber wenn es sich um kulturelle Unterschiede handelt, lautet die Aufforderung noch nicht einmal: „Bemüht euch doch wenigstens darum, zusammenzubleiben. Wenn es dann wirklich nicht geht, dann fangt eine neue Gemeinde an!“ Vielmehr gibt der Apostel die Anweisung: „Nehmt den Schwachen im Glauben an!“ (Röm. 14,1). Mit anderen Worten: „Bleibt zusammen!“

Zweitens: Es fällt auf, dass Paulus sich zunächst an die Starken im Glauben wendet: „Nehmt den Schwachen im Glauben an!“ Bevor Paulus diesen Auftrag gibt, hatte er nirgendwo erklärt, wer denn die Starken im Glauben sind, und entsprechend, wer die Schwachen im Glauben sind. Dass der Apostel dieses nicht vorher erklärt hat, wird man wohl folgendermaßen deuten müssen: Wenn jemand der Überzeugung ist, er gehöre zu den Starken im Glauben, er habe gegenüber seinem Bruder in geistlichen Fragen etwas voraus, dann möge er das durch sein Verhalten beweisen und den Schwachen im Glauben annehmen.

Die Initiative soll also von den reifen Christen hin zu den Unreifen gehen. Dabei wird allerdings sofort eine Einschränkung gemacht: „… ohne über Zweifelsfragen zu diskutieren“ (Röm. 14,1). Mit anderen Worten: Die Schwachen im Glauben anzunehmen heißt nicht, ihre Überzeugungen zu übernehmen!

Drittens: Erst nachdem die Starken angesprochen worden sind, erfolgt der Aufruf, sich nicht gegenseitig in der Gemeinde zu verachten oder untereinander zu richten: „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst, und wer nicht isst, richte den nicht, der isst, denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn.“ (Röm. 14,3.4). Das heißt: Weil mein Bruder Gott gehört, ist es Gott selbst, der über ihn das Sagen hat. Wenn der Apostel gleich darauf hinzufügt: „Der Herr vermag ihn aufrecht zu erhalten“ (Röm. 14,4), dann ist uns damit die Frage vorgelegt: Glaube ich das? Vertraue ich Gott, dass er meinen Bruder aufrecht zu erhalten vermag?

Die Schwachen im Glauben, von denen Paulus hier spricht, sind Menschen, die ganz und gar Christus dienen wollen. Das wird unmissverständlich deutlich, wenn so nachdrücklich das „für den Herrn“ betont wird: „Wer auf den (Fasten-)Tag achtet, der achtet darauf für den Herrn, wer nicht auf den Tag achtet, der achtet nicht darauf für den Herrn. Wer isst, der isst für den Herrn, denn er dankt Gott, und wer nicht isst, der enthält sich der Speise für den Herrn, und dankt Gott auch.“ (Röm. 14,6).

Viertens: Aus der Erkenntnis, dass jeder Einzelne gegenüber Gott verantwortlich ist,
darf nicht gefolgert werden, man sei also nur Gott für sein Tun und Lassen verantwortlich, und sonst habe einem niemand hineinzureden. Vielmehr zieht der Apostel eine völlig andere Schlussfolgerung: Gerade weil man Gott verantwortlich ist, ist man verpflichtet, auf unreifere Geschwister Rücksicht zu nehmen. Das Verhalten zu ihnen soll von Liebe bestimmt sein, das heißt in diesem Fall von Langmut und Geduld. Darum, so können wir Römer 14,13 zusammenfassen: Pass auf, dass du deinem Bruder kein Anstoß oder Ärgernis bereitest!

Natürlich ist nicht alles, woran man heute Anstoß nehmen könnte, ein Ärgernis im Sinn dieses Abschnittes. Bekanntlich können auch Pharisäer an Verhaltensweisen „Anstoß“ nehmen (siehe zum Beispiel Mt. 15,12).

Im Sinn unseres Abschnittes geht es darum, niemandem einen Anstoß zu bereiten, der daran innerlich zerbrechen würde: Bereite kein Ärgernis dem Schwachen im Glauben!

In der Gemeinde in Rom hätte man dann ein Ärgernis bereitet, wenn man bedenkenlos auf dem Markt Fleisch gekauft hätte, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass ein Bruder, der das beobachtet, in seinem Glauben irregemacht werden könnte. Das griechische Wort für „Ärgernis“ (skandalon) hatte ursprünglich die Bedeutung von „Tierfalle“: Jemand, der sich darin verfing, ging jämmerlich zugrunde.

Der schmale Weg

Wenn also der Apostel Paulus die Frage stellt: „Was richtest du deinen Bruder? Was verachtest du deinen Bruder? Wir werden einmal alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen!“, ruft er nicht zu einer politisch korrekten Toleranz auf. Paulus propagiert hier nicht – und auch sonst nirgendwo – die Lebenseinstellung: Du lässt mich leben, dann lasse ich dich auch leben! Vielmehr geht es in Römer 14,10 darum, dass wir in Fragen, die nicht wirklich geistlich von Bedeutung sind, nicht übereinander richten sollen. Stattdessen sind wir dazu aufgerufen, uns in der Gemeinde gegenseitig in Liebe zu tragen.

Ein generelles Verbot zu richten wird damit nicht ausgesprochen. Seien wir ehrlich: Nicht selten ist unser Versäumnis, zu einem Bruder hinzugehen, um ihn zu ermahnen, nicht durch Liebe motiviert, sondern durch Feigheit.

Auf jeden Fall ist es gut, sich daran zu erinnern, dass unmittelbar vor dem Gebot, das nach Jesu Aussage dem größten Gebot gleich ist, nämlich seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, geschrieben steht, dass wir ihn ernstlich ermahnen sollen. Mit anderen Worten: Es gehört auch zur Liebe gegenüber meinem Bruder, ihn gegebenenfalls zu ermahnen. (3Mos. 19,17.18).

Worum es in Römer 14 geht, ist das Gleiche, was der Sohn Gottes am Ende der Bergpredigt sagt, wenn er dazu auffordert, durch die enge Pforte einzugehen und den schmalen Weg zu beschreiten (Mt. 7,13).

Bei dieser Aussage denkt man wohl nicht selten an eine Zeichnung aus dem 17. Jahrhundert. Auf ihr wird die Botschaft vermittelt, der breite Weg sei gekennzeichnet durch Theater– oder Wirtshausbesuche, während der schmale Weg der Verzicht darauf sei. Eine nicht selten zu beobachtende Konsequenz ist dann, dass man jemanden, der dem Schema eines solchen Lebensstils nicht entspricht, kritisiert und ihn richtet.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, Derartiges hier zu propagieren. Aber wenn wir auf den Zusammenhang achten, in dem der Sohn Gottes von der „engen Pforte“ und dem „schmalen Weg“ spricht, geht es gerade darum, darauf zu verzichten, den Bruder – leichtfertig – zu richten.

Gehen wir einmal die Gedankenführung dieses letzten Kapitels aus der Bergpredigt durch: Wenn du deinen Bruder richtest, pass auf, dass du den Balken in deinem eigenen Auge nicht übersiehst (Mt. 7,1-5). Mehr noch: Die „Perlen“ deines Richtens können auf dich selbst zurückfallen, so wie Schweine über jemanden herfallen können (Mt. 7,6). Anstatt den Bruder zu richten, wende dich an den himmlischen Vater! Bitte ihn, und klopfe bei ihm an! Dann schenkt er in seiner Gnade, was geistlich benötigt wird! (Mt. 7,8-11). Gott hat uns das Gesetz und die Propheten nicht gegeben, damit wir unsere Meinung dem anderen aufdrücken (vergleiche Mt. 7,12).

Wenn wir das beachten, beschreiten wir einen „schmalen Weg“. (Mt. 7,13.14). Es ist der Weg der errettenden Gnade, zu der wir berufen sind (vergleiche Luk. 13,23-30).

Im Anschluss an diese Aussage warnt der Herr seine Jünger nachdrücklich vor Moralisten: Passt auf! Nicht jeder, der im Schafsfell daherkommt, ist tatsächlich ein Schaf! (Mt. 7,15). Ausschlaggebend sind die Früchte! (Mt. 7,16-20). Denn nicht das Reden „Herr, Herr“ ist von Bedeutung, sondern das Tun des Willens des Vaters (Mt. 7,21-23). Kurzum: Wenn du klug bist, dann beginne bei dir selbst! (Mt. 7,24-27).

Dieser schmale Weg der Glaubensnachfolge ist wahrlich nicht bequem. Er ist zuweilen sehr steinig, in der Regel eng und schmal. Das ist er nicht zuletzt deswegen, weil der Weg sich gerade nicht orientiert an einem pharisäerhaften, heuchlerischen Richten des Bruders, sondern weil er über dessen Annehmen in Liebe führt.

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