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Das Amt der Schlüssel – ein Weg zur Reformation?

Es ist kein Geheimnis, dass die Gemeinde Jesu sich im nachkonfessionellen Zeitalter befindet. Wir leben in einer Zeit, in der Christen sich kaum mehr über kirchliche Zugehörigkeit (das heißt Mitgliedschaft in einer Denomination oder in einem Gemeinde oder Kirchenbund) definieren, sondern über ihre Zugehörigkeit zu übergemeindlichen oder außerkirchlichen Bewegungen. Man ist heute nicht in erster Linie „Baptist“, „Lutheraner“, „Reformierter“, „Methodist“ oder „frei evangelisch“, sondern „evangelikal“, „emerging“, „postliberal“ oder „missional“. (Was genau sich hinter diesen Begriffen im Einzelnen verbirgt, soll uns hier nicht weiter beschäftigen.) Unsere Identität als Christ ist nicht mehr theologisch und konfessionell (also objektiv nachprüfbar und damit kritikfähig), sondern sie ist weitestgehend atheologisch, soziologisch, subjektiv und damit weder nachprüfbar noch wirklich kritikfähig geworden.

Das positive Grundanliegen, das hinter diesem Phänomen der „Entkirchlichung der Kirche“ steckt, ist die Suche nach einer christlichen Einheit, die größer ist als die jeweilige kirchliche Tradition oder Institution, der wir mehr oder weniger zufällig angehören. Unsere Zeit ist geprägt von einer Sehnsucht nach Überwindung der Zersplitterung der christlichen Kirchen und Gemeinden. Diese Sehnsucht können wir nur als positiv werten. Die Frage ist jedoch, ob mit der Auflösung konfessioneller, denominationeller und kirchlicher Unterscheidung und Abgrenzung die Einheit des sichtbaren Leibes Christi sprich: der Kirche tatsächlich gefördert wird oder ob nicht vielmehr eine gegensätzliche Wirkung eintritt. Letzteres scheint mir naheliegend.

Es versteht sich von selbst, dass mit dem oben genannten Paradigmenwechsel auch eine neue Ekklesiologie, das heißt ein neues Verständnis dessen, wer oder was „Kirche“ ist, einhergeht. Kirche ist im populären Denken nicht mehr länger ein konkretes Volk, das etwas glaubt und bekennt, und ein konkreter Ort, an dem etwas geschieht. Sie ist nicht mehr zugleich glaubende Menschen und göttliche Institution. Nein, der Leib Christi wird zu einem abstrakten, mystischen und spirituellen Gebilde, das wir überall und nirgends wiederfinden können.

Nun ist die Kirche nach dem Neuen Testament einerseits ja tatsächlich ein geistliches, dem menschlichen Auge unsichtbares Gebilde (Eph. 1,10; 1,22.23; 5,2327; 5,32; Kol. 1,18). Andererseits wird sie allerdings sehr sichtbar und konkret als Institution, samt ihrer Handlungen, Ämter, Glieder und Ordnungen. Der Evangelikalismus und ihm verwandte Bewegungen spielen die Bedeutung des sichtbaren Aspekts der Gemeinde Jesu herab zugunsten einer abstrakten, spiritualisierten Gemeinde Jesu, die man nur sehr schwer, wenn überhaupt, beschreiben kann.

Nur eine Kirche

Fakt ist, dass es biblisch gesprochen nur eine Kirche gibt. Es gibt in der Heiligen Schrift nur die eine Kirche, die uns an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen begegnet. Diese bekennt die Christenheit im Nicänischen Glaubensbekenntnis als „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“

„Katholisch“ bedeutet an dieser Stelle selbstverständlich nicht „römischkatholisch“, sondern „allgemein“, „mit dem Ganzen verbunden“ und „umfassend christlich“. Wenn wir das ernst nehmen, bedeutet es aber, dass alle Bemühungen um konkrete Darstellung der Einheit des Leibes Christi verwurzelt sein müssen in der Einheit des (unsichtbaren) Leibes, die Jesus Christus selbst ein für allemal gestiftet hat. Alle Bestrebungen, im besten Sinne des Wortes „katholisch“ zu sein, gründen auf die wahre Katholizität, das heißt die Raum und Zeit umfassende organische Einheit der einen, heiligen, apostolischen Kirche Jesu Christi. Die sichtbare Kirche Jesu muss gewissermaßen das werden, was sie für das Auge unsichtbar schon ist nämlich eins in Christus, als sein Leib. Ob unsichtbar, also aus der Perspektive Gottes, oder sichtbar, also aus irdischmenschlichem Blickwinkel, stets handelt es sich um ein und dieselbe Kirche!

So können wir etwa die Aufforderung des Paulus im vierten Kapitel des Epheserbriefs verstehen, wo er den Gemeinden in Kleinasien den Auftrag gibt, „eifrig bemüht“ zu sein, „die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens.“ Der Imperativ „Bewahrt die Einheit des Geistes!“ ist verwurzelt im Indikativ, der auf den Fuß folgt: „Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, über allen und durch alle und in euch allen.“ (Eph. 4,46).

Diesem einen geistlichen Leib Christi (Eph. 4,4) hat der auferstandene und aufgefahrene Christus „Gaben gegeben“ (Eph. 4,8): „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer“ (Eph. 4,11). Sie sind gegeben „zur Zurüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus“ (Eph. 4,12.13).

Einheit des Glaubens“ ist im Sinne des Apostels Paulus nicht zuletzt bedingt durch äußerliche, sichtbare und greifbare Mittel wie die Gaben und Ämter der Gemeinde (Eph. 4,11), durch deren Dienst der Verkündigung, durch die Sakramente Taufe (Eph. 4,5) und Abendmahl (1Kor. 10,16) und schließlich durch die Kirchen bzw. Gemeindezucht.

Alle diese Elemente die Verkündigung des Evangeliums, die Darreichung und Teilhabe an den Sakramenten sowie die Kirchenzucht haben sowohl eine sichtbare, „irdische“ Seite als auch einen unsichtbaren, „himmlischen“ oder geistlichen Aspekt.

Sichtbar und unsichtbar

Der Evangelikalismus versucht im Großen und Ganzen die Unterscheidung zwischen der unsichtbaren „einen, heiligen, katholischen, apostolischen“ Kirche und der sichtbaren, konkret manifestierten und institutionalisierten Kirche aufzulösen im Sinne eines abstrakten, mystischen, spiritualisierten Verständnisses von Gemeinde Jesu als einer unsichtbaren Masse der Gläubigen auf Erden unabhängig von Konfession, Organisation und Institution.

Wenn ich sage „Gläubige auf Erden“ wird hier noch ein anderes Problem deutlich: Der Evangelikalismus hat trotz seiner Unterwanderung konfessioneller Grenzen im Grunde nicht die Allgemeinheit („Katholizität“) der Gemeinde Jesu im Blick. Im Blick sind vorrangig die „im jeweiligen Moment“ Gläubigen, nicht aber die Gemeinde Jesu durch die Jahrhunderte hindurch. Das ist ein stark reduktionistisches, wenn nicht narzisstisches Verständnis von Kirche.

Die wahrhaft allgemeine (das meint „katholische“) Dimension der Kirche kommt dagegen zum Beispiel im Heidelberger Katechismus, Frage 54, zum Ausdruck:

Frage: Was glaubst du von der heiligen allgemeinen christlichen Kirche?

Antwort: Ich glaube, dass der Sohn Gottes aus dem ganzen Menschengeschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben durch seinen Geist und Wort in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält und dass auch ich ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin und ewig bleiben werde. (Hervorhebungen des Verfassers).

Der Evangelikalismus und ähnliche zeitgenössische christliche Strömungen haben kaum ein Bewusstsein für diese universale Dimension der Kirche. Viel zu selbstverliebt ist er oft. Dreh und Angelpunkt der Gemeinde Jesu ist das gläubige Ich und seine spirituellen Erfahrungen. Ein Individualismus, in dem jeder im Grunde sein eigener Papst wird. Und wenn doch ein Bewusstsein für die Universalität da ist, dann meist auf Kosten der sichtbaren, institutionalisierten Kirche samt ihrer äußerlichen Mittel, Ordnungen und Riten.

Für all seine Betonung auf den allgemein christlichen („katholischen“) Charakter der Kirche ist der Heidelberger Katechismus aber sicherlich nicht gegen eine sichtbare, institutionalisierte Kirche ins Feld zu führen. Im Gegenteil: Er greift eine in unserer Zeit nahezu völlig vernachlässigte biblische Lehre auf: die Lehre von dem Amt der Schlüssel.

Das Amt der Schlüssel

In Frage 83 des Katechismus lesen wir:

Frage: Was ist das Amt der Schlüssel?

Antwort: Die Predigt des heiligen Evangeliums und die christliche Bußzucht. Durch diese beiden wird das Himmelreich den Gläubigen aufgeschlossen, den Ungläubigen aber zugeschlossen.

Der Heidelberger Katechismus greift hier eine Begebenheit aus Matthäus 16 auf, und zwar die des Bekenntnisses des Petrus in Cäsarea Philippi. Jesus fragte die Jünger dort zunächst, was „die Leute“ über ihn denken. Dazu gab es allerlei Meinungen. Dann schwenkte der Blick auf die Jünger. Er forderte von ihnen nichts weniger als ein Bekenntnis. Kein warmes Gefühl, keine Meinungsumfrage, sondern ein Bekenntnis! Petrus antwortete, gewissermaßen als Sprecher der Zwölf, öffnete den Mund und heraus kam eines der wunderbarsten Bekenntnisse der ganzen Bibel: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt. 16,16). Theologisch völlig korrekt aber eben auch kein Einfall menschlichen Genies, sondern ein Produkt göttlicher Offenbarung (Mt. 16,17; vergleiche Mt. 11,25.26). Dieses eindeutige Bekenntnis des Petrus hat zur Folge, dass Jesus Christus eine kleine Lektion über Gemeindebau gibt:

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches sollen sie nicht überwältigen. Und ich will dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt. 16,18.19).

Ohne in die Feinheiten der Auslegung von Matthäus 16,18 einsteigen zu wollen (wer oder was ist mit dem Felsen gemeint?), können wir Folgendes festhalten:

Petrus, der bekennende Apostel Jesu Christi, wurde hier angesprochen und nicht einfach Petrus, das Individuum. Insofern Petrus ja in der Gründerzeit der neutestamentlichen Gemeinde tatsächlich eine sehr zentrale Rolle spielte (siehe Apostelgeschichte) und insofern er der erste der Apostel war, der das Bekenntnis zu Jesus Christus ablegte, wurde Petrus zum Grundleger der Gemeinde. Die Gemeinde, von der Jesus Christus hier spricht, ist damit
„erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn
(Eph. 2,20.21). Und in der Person – besser: im Amt – des Apostels wurden Petrus dann
die Schlüssel des Reiches der Himmel
gegeben.

Was ist nun damit gemeint, dass Jesus zu Petrus sagt: „Was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein; und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein“
(Mt. 16,19)?

Der Heidelberger Katechismus antwortet: Die „Predigt des heiligen Evangeliums“ und die christliche „Bußzucht“ oder „Kirchenzucht“ sind damit gemeint. Durch diese beiden „Schlüssel“, zunächst in der Hand der Apostel, doch schon eine Generation später in der Hand der von den Aposteln eingesetzten Ältesten (vergleiche Tit. 1,5), wird das Himmelreich effektiv auf– und zugeschlossen. Doch wie?

Frage 84: Wie wird das Himmelreich durch die Predigt des heiligen Evangeliums auf und zugeschlossen?

Antwort: Nach dem Befehl Christi wird allen Gläubigen verkündigt und öffentlich bezeugt, dass ihnen alle ihre Sünden von Gott um des Verdienstes Christi willen wahrhaftig vergeben sind, sooft sie den Zuspruch des Evangeliums mit wahrem Glauben annehmen. Dagegen wird allen, die den Glauben verwerfen oder heucheln, öffentlich bezeugt, dass der Zorn Gottes und die ewige Verdammnis auf ihnen liegen, solange sie sich nicht bekehren. Nach diesem Zeugnis des Evangeliums will Gott in diesem und im zukünftigen Leben urteilen.

Frage 85: Wie wird das Himmelreich durch die christliche Bußzucht zu und aufgeschlossen?

Antwort: Nach dem Befehl Christi werden alle, die sich Christen nennen, aber unchristlich lehren oder leben, mehrmals seelsorgerlich vermahnt. Wenn sie von ihren Irrtümern und Lastern nicht ablassen, werden sie der Gemeinde oder den von ihr Beauftragten namhaft gemacht. Wenn sie auch deren Vermahnung nicht folgen, werden sie von diesen durch Versagung der heiligen Sakramente aus der christlichen Gemeinde und von Gott selber aus dem Reich Christi ausgeschlossen. Jedoch werden sie als Glieder Christi und der Kirche wieder angenommen, wenn sie wahre Besserung versprechen und zeigen.

Ist es nicht erstaunlich, wie im Heidelberger Katechismus, einem Dokument, das in der Frontstellung zur römischkatholischen Kirche entstanden ist, der Predigt und der Kirchenzucht (dem „Amt der Schlüssel“) eine derart gewaltige, effektive Wirkung zugesprochen wird? „Sind hier nicht noch Restbestände eines vorreformatorischen, römischkatholischen Sakramentalismus am Werk?“, könnte man fragen. Die Wahrheit verhält sich anders: Die Tatsache, dass uns dieses Denken „römischkatholisch“ anmutet, zeigt, wie sehr wir selbst im oben beschriebenen Zeitgeist gefangen sind. Biblisch gesprochen aber ist dieser Zusammenhang nicht verwunderlich. Hat doch der Herr Jesus selber diesen Wirkzusammenhang verheißen: „wie auf Erden, so im Himmel“ (Mt. 16,19).

Der Heidelberger Katechismus hat eine dermaßen hohe Sicht von der konkreten, sichtbaren Gestalt der Kirche Jesu, dass er sagen kann: Wenn ein unbußfertiger Sünder aus der Gemeinde ausgeschlossen wird, dann wird er auch aus dem Reich Gottes ausgeschlossen. „Exkommuniziert“ lautet der alte Begriff. Um jedoch störrische Sünder zu exkommunizieren, muss es erst einmal eine klar umrissene, sichtbare, konkrete communio sanctorum, das heißt Gemeinschaft der Heiligen, geben. Wie kann man irgendjemanden aus einer diffusen Bewegung wirkungsvoll ausschließen?

Doch nicht nur im negativen Fall, bei der Exkommunikation, gilt dieser Zusammenhang. Kommen diese Sünder eines Tages zu Einsicht und Buße und werden wieder Mitglieder in der sichtbaren Kirche, werden sie auch „als Glieder Christi wieder angenommen“. Auch rückwärts stimmt der Wirkzusammenhang also. Es gibt offensichtlich eine ganz enge Verknüpfung zwischen den Handlungen der sichtbaren Kirche (durch ihre Amtsträger) und dem Handeln Gottes im Hinblick auf die unsichtbare Kirche; zwischen dem Handeln der Kirche auf Erden und der Realität in den himmlischen Regionen.

Dies deckt sich durchaus mit dem biblischen Befund. In 1Korinther 5 beispielsweise beschreibt Paulus die notwendige Kirchenzucht über einen, der sich Christ nennt, dessen Leben dieses Bekenntnis aber Lügen straft, als ein „Übergeben an den Satan“ (1Kor. 5,5). Dieser unmittelbare Zusammenhang sollte jeder Gemeinde die folgenschwere Bedeutung der Kirchenzucht, insbesondere aber der Exkommunikation, vor Augen führen. Die Entsprechung zwischen dem, was auf Erden geschieht, und dem, was im Himmel geschieht, wird hier drastisch deutlich – eine Entsprechung nicht aufgrund irgendeines Automatismus, sondern aufgrund des göttlichen Verheißungswortes.

Die Schlüssel wieder entdecken

Ob eine Kirche eine wahre oder eine falsche Kirche Jesu ist, das entscheidet sich, so die Reformatoren, an drei Merkmalen:

erstens, ob dort das reine und das ganze Evangelium verkündigt wird;

zweitens, ob dort die (zwei!) Sakramente gemäß der Einsetzung Christi praktiziert werden; und

drittens, ob dort die Kirchenzucht, praktiziert wird, das heißt das Amt der Schlüssel (vergleiche Confessio Augustana, Artikel 7; Confessio Belgica, Artikel 29).

Der moderne und der postmoderne Evangelikalismus mit seinem abstrakten, mystischen, spiritualisierenden Kirchenverständnis kann im Grunde gar keine effektive Kirchenzucht praktizieren, selbst wenn er wollte. So niedrig ist die Sicht von der sichtbaren Kirche, dass man kaum mehr glaubt, dass irgendwelche Handlungen der sichtbaren Kirche (zum Beispiel die Exkommunikation eines Mitglieds) von Bedeutung auch im Hinblick auf die unsichtbare Gemeinde Jesu (sein Stand vor Gott) sein könnte.

Das Amt der Schlüssel, das heißt die biblische Kirchenzucht, erfordert eine Lehre über die Kirche (Gemeinde), in der der unsichtbare Aspekt der Kirche (der biblisch ist!) nicht von dem sichtbaren Aspekt der Kirche (der auch durch und durch biblisch ist!) getrennt wird, sondern eng mit ihm verknüpft ist und bleibt. Nur so hat das, was wir in unseren Gemeinden und Kirchen Sonntag für Sonntag tun, auch irgendetwas zu tun mit dem „Reich der Himmel“ und verliert sich nicht in der Bedeutungslosigkeit des rein Menschlichen.

Nur der sichtbaren, „einen, heiligen, allgemeinen (‚katholischen‘) und apostolischen“ Kirche hat Jesus Christus „das geistliche Amt, die Aussprüche und die Ordnungen Gottes gegeben, um die Heiligen in diesem Leben bis zum Ende der Welt zu sammeln und zu vervollkommnen, und er sorgt durch seine eigene Gegenwart und seinen Geist gemäß seiner Verheißung dafür, dass sie dies überhaupt bewirken können.“ (Westminster Bekenntnis, Artikel 25,3).

Nur wenn ich die sichtbare, institutionalisierte Gemeinde Jesu schätzen lerne als eine zwar unvollkommene und sündhafte (vergleiche Eph. 5,2527), aber dennoch reale Manifestation der unsichtbaren Gemeinde Jesu, kann ich Gewissheit finden, „dass auch ich ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin und ewig bleiben werde“ (Heidelberger Katechismus, Frage 54). Nur so können wir Mitgliedschaft in der Gemeinde als eine geistliche Notwendigkeit begründen. Nur so können wir die wahre Kirche, wie sie sich in Ort und Zeit sichtbar manifestiert, überhaupt noch erkennen und von falschen Kirchen unterscheiden. Diese Unterscheidung aber, daran kann kein Zweifel bestehen, ist notwendig für unser geistliches Überleben.

Im Niederländischen Bekenntnis (Confessio Belgica) finden wir in Artikel 28, ganz ähnlich wie in einigen anderen reformierten Bekenntnisschriften, einen Satz des Kirchenvaters Cyprian aufgegriffen: „Wir glauben, dass, da diese heilige Gemeinschaft aus denen besteht, die gerettet werden sollen und außer ihr kein Heil ist“.

Wenn also ein Zusammenhang besteht zwischen der sichtbaren Gemeinde, der wir angehören, und der unsichtbaren Gemeinde, dem Leib Christi, dann ist auch nicht davon auszugehen (obwohl die außergewöhnliche Möglichkeit besteht!), dass Christen außerhalb dieser wahren, institutionalisierten, sichtbaren Kirche Jesu Christi gerettet werden (vergleiche Apg. 2,47). Wenn das keine aufrüttelnde Ermahnung im Ohr von Tausenden gemeinde bzw. „kirchenloser“ Evangelikaler ist …!

Wenn dem aber so ist, dass außerhalb dieser einen Kirche Jesu Christi gewöhnlich kein Heil zu finden ist, folgt doch auch, dass „keiner (welche Würde oder welchen Namen er auch haben mag) sich ihr entziehen oder von ihr trennen darf, um, nur mit seinem eignen Umgange zufrieden, allein und abgesondert zu leben, sondern dass alle und jeder verpflichtet sind, sich mit dieser Gemeinschaft zu verbinden und zu vereinigen“ (Niederländisches Bekenntnis, Artikel 28).

Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde einer wahren christlichen Kirche, Zugehörigkeit zur sichtbaren Gemeinde Jesu garantiert natürlich keineswegs auch die Mitgliedschaft am unsichtbaren Leib Christi und damit die Erlösung und die Errettung! Umgekehrt können und müssen wir jedoch sagen, dass der, der „sich ihr entziehen oder von ihr trennen“ will und „nur mit seinem eigenen Umgange zufrieden“ ist, keinerlei Basis hat, zu glauben, er sei ein Mitglied am Leib Christi. Dies wäre purer Mystizismus und hat keinen Anhalt in der Heiligen Schrift.

Deshalb: lassen Sie uns das biblische Amt der Schlüssel wiederentdecken, zum Wohl unserer Gemeinden! Lassen Sie uns die biblische Bußzucht wiederentdecken! Lassen Sie uns aber vor allem das biblische Gemeinde oder Kirchenverständnis wiederentdecken, sowie das damit verbundene Verständnis von Mitgliedschaft in einer sichtbaren Kirche! Nur so können unsere Gemeinden biblisch erneuert werden, denn nur konkrete, sichtbare Gemeinden können auch reformiert werden.

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