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Der Gerechte wird aus Glauben leben (Teil 2) Habakuk 1,12 – 2,1

Dass der Mensch vor Gott nur bestehen kann und allein gerechtfertigt wird durch Glauben, ist eine der Kernaussagen des Wortes Gottes. Bereits das Alte Testament lehrt diese Wahrheit und veranschaulicht sie zum Beispiel an Abraham (1Mos. 15,6). So verwundert es nicht, dass die Apostel im Neuen Testament diese Botschaft häufig mit alttestamentlichen Aussagen untermauern. Ein Vers, auf den sie mehrfach zurückgreifen, stammt aus dem Propheten Habakuk: „Der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Hab. 2,4).

In der letzten Nummer der Bekennenden Kirche begannen wir, auf das kleine, leider wenig bekannte Buch Habakuk zu hören. Dabei ist die Absicht, die Aussage, der Gerechte werde aus Glauben leben, im Zusammenhang dieser prophetischen Schrift zu erfassen.

Habakuk lebte in einer finsteren Zeit. Es waren die Jahre unmittelbar bevor Juda und Jerusalem durch Babylon im wahrsten Sinn des Wortes platt gemacht wurden und ein großer Teil der Juden in das Zweistromland verschleppt wurde. In Jerusalem herrschte Jojakim. Dieser König hatte zusammen mit seiner Clique ein Willkürregime aufgerichtet. Der Prophet schien an den Zuständen innerlich zu zerbrechen. Er selbst war in einer anderen Zeit aufgewachsen, nämlich als Jojakims Vater, Josia, auf dem Thron saß. Während dessen Regierungszeit fand man das Gesetz Gottes im verfallenen Tempel. Man las es, man war erschrocken, und es kam zu einer Erweckung. Viele aus dem Volk Gottes taten Buße und kehrten um. Die Götzenbilder wurden zerschlagen und vernichtet. Der Tempel wurde erneuert. Dann kam es zu einer Schlacht gegen den ägyptischen Pharao bei Meggido. Josia erlitt eine tödliche Verletzung. Menschlich gesprochen starb er viel zu früh.

Darauf bestieg sein Sohn Joahas den Thron. Aber er führte die reformatorischen Ansätze seines Vaters nicht weiter, sondern ignorierte, ja verachtete sie. Ein Glück, so könnte man meinen, war es, dass diesem Regenten nur eine Regierungszeit von drei Monaten beschieden war. Das hätte man wegstecken können, wenn im Anschluss daran wieder ein klarer Kurs eingeschlagen worden wäre. Aber danach ging es nur noch steiler bergab. Als sein Bruder Jojakim an die Macht kam, wurden alle reformatorischen Aufbrüche erstickt, offen bekämpft und hemmungslos beseitigt. Die Gesetzlosigkeit griff massiv um sich.

Angesichts dieser Lage ruft, schreit Habakuk beharrlich zu Gott: Herr, warum das alles? (Hab. 1,24). Gott scheint nicht zu hören. Schließlich nach langem Flehen erhält der Prophet eine Antwort. Doch der Inhalt dieser Antwort ist völlig anders, als das, was sich Habakuk auch nur im Entferntesten erträumt hätte. Gott verkündet ihm: Ja, ich werde Jojakim und sein Regime beseitigen… durch die Chaldäer, also durch die Babylonier (Hab. 1,511). Die Reaktion Habakuks auf diese Offenbarung lesen wir in Habakuk 1,12 2,1. Bitte lesen sie zunächst diesen Abschnitt in einer guten Übersetzung.

Viele Fragen – Keine Antwort

Während Habakuk anfangs Gott den Herrn mit der Frage bestürmt hatte, warum er angesichts der Schreckensherrschaft Jojakims so untätig sei und warum er so lange zur Gesetzlosigkeit in seinem Volk schweige (Hab. 1,2ff), trieb den Propheten nun die Frage um: Warum gebraucht Gott ein so gottloses Volk wie die Babylonier, um sein eigenes Bundesvolk zu züchtigen?

Vermutlich erhoffte Habakuk, dass Gott eine geistliche Erweckung schenken werde. Aber selbst wenn Gott sein Volk nun züchtigen wollte und Jojakims Herrschaft beseitigen würde, dann hätte das der Mann Gottes wahrscheinlich hingenommen. Aber warum „erweckt“ der allmächtige Gott zum Gerichtsinstrument ausgerechnet die Babylonier? Ist nicht dieses Mittel, dessen sich Gott bedient, noch weiter von Gott entfernt als das von Gott entfremdete Bundesvolk? Wieso kann Gott dann aber so handeln? Wo ist da der Sinn?

Über das Volk Gottes zur Zeit des Königs Jojakim heißt es, dass das Gesetz Gottes „kraftlos geworden war“, so dass die Gerichtsentscheidungen „verkehrt herauskamen“ (Hab. 1,4). Aber über die Babylonier wird gesagt: „Ihr Gott, das ist ihre Kraft“ (Hab. 1,11). Warum gebraucht Gott ein in jeder Weise fremdartiges Gerichtswerkzeug?

Man stelle sich einmal vor, Gott würde heute angesichts der Lauheit und der Unmoral, die sich in der Gemeinde Gottes ausgebreitet hat, verkünden, er werde seine Gemeinde dadurch strafen, dass er sie dem Islam preisgibt. Vermutlich würden wir mit dem gleichen Unverständnis reagieren wie Habakuk. Wir würden Gott den Herrn anflehen und erhoffen, dass der Geist Gottes statt des hereinbrechenden Gerichtswerkzeuges einen geistlichen Aufbruch schenkt. Wir würden dafür einstehen, dass man in den Gemeinden endlich wieder anfängt, die geistigen Strömungen und Trends im Licht der Heiligen Schrift zu beurteilen und entsprechend zu entlarven und ihnen Widerstand zu leisten, anstatt sich ihnen zu öffnen und anzupassen.

Denken wir zum Beispiel an die Ideologien des Feminismus (Frauenordination) oder an das jeder Schöpfungsordnung spottende Gender Mainstreaming. Wir würden entschieden dafür eintreten, dass man endlich aufhört, Gottesdienste durch spaßige und unverbindliche Showeinlagen „aufzumöbeln“. Wir würden dafür plädieren, sich stattdessen wieder auf das Wort Gottes, die Heilige Schrift, zurückzubesinnen (einschließlich der ersten Kapitel der Bibel). Wir würden den allgemeinen geistlichen Ermüdungserscheinungen trotzen und angesichts der Gerichtsbotschaft Gottes dafür eintreten, dass wir uns wieder konsequent an seinen Geboten orientieren, auch in der Öffentlichkeit. Die immer schamloser um sich greifende Lästerung des Namens des dreieinigen Gottes würden wir nicht mehr schweigend hinnehmen. Gegen die Entheiligung der (verkaufsoffenen) Sonntage würden wir unsere Stimme erheben wie natürlich auch gegen Abtreibung, Pornographie und homosexuelle Praktiken.

Was aber, wenn Gott dann trotzdem schweigen würde oder gar die Antwort geben würde, er habe lange genug Geduld mit unserer Trägheit gehabt, und er werde seine Gemeinde jetzt durch eine widergöttliche Macht durchschütteln lassen, durch eine Macht, die Jesus Christus genauso wenig als Gott kennt, geschweige denn ihn anerkennt, wie die Babylonier den Gott Israels (aner)kannten? Würden wir das auf die Reihe bringen?

Habakuk hatte Schwierigkeiten, dies zu verstehen. Aber immerhin: Er betet. Dabei bezeichnet er sein Gebet als „Klage“ (Hab. 2,1). Das hebräische Wort hat den Nebensinn von (im juristischen Sinn) „Anklage“ oder auch „Protest“. Indem Habakuk betet, protestiert er gegen Gott. Der Inhalt dieses (an)klagenden Gebetes (Hab. 1,12 – 2,1) ist die Frage: Warum handelst du, Gott, so rätselhaft? Vor ihm steht die Frage: Passen dieser heilige Gott und eine solche (unheilige?) Geschichte zusammen? Wenn ja: Wie?

Bis zum Ende unseres Abschnittes bleibt Habakuks Gebet unbeantwortet. Gott gibt dem Propheten erst in den darauf folgenden Versen, also ab Habakuk 2,2ff die Antwort. Es mag sein, dass uns dieses erneute Schweigen Gottes nicht zufrieden stellt. Aber dann geht es uns genauso wie Habakuk.

Gott, der Herr der Geschichte

Auch wenn Habakuk in diesen Versen noch keine Antwort von Gott bekommt, sind wir gut beraten, diese Verse nicht zu hastig zu lesen. Denn in vieler Hinsicht dienen sie uns zur Belehrung und ganz sicher auch zur Zurechtweisung. Ohne auf sie zu achten, würden wir die danach gegebene Antwort kaum recht verstehen.

Halten wir zunächst fest: Habakuk ringt weiter im Gebet. Mit anderen Worten: Er wendet sich an Gott. Während die „unglaubliche“ Antwort, die Gott dem Habakuk gegeben hatte („ihr werdet es nicht glauben“, Hab. 1,5), in die Botschaft mündete, die Babylonier würden in Wahrheit sich selbst anbeten, der Gott der Babylonier sei ihre „eigene (militärische) Kraft“ (Hab. 1,11), kehrt sich Habakuk nun (zunächst) von dem weg, was er gerade vernommen hatte. Stattdessen besinnt er sich auf Gott. Er betet: „Bist du, o Herr, nicht von Urzeiten her mein Gott, mein Heiliger?“ (Hab. 1,12).

Tatsächlich hätte ja die Gefahr bestanden, dass die über das Volk Gottes hereinbrechende Invasion der babylonischen Heere den Propheten dermaßen in den Bann geschlagen hätte, dass er auf dieses Ereignis gestarrt hätte wie ein Kaninchen auf die Schlange. Vielleicht hätte er dann sogar Gott Lebewohl gesagt. Aber diesen Weg schlägt Habakuk nicht ein.

Du bist, o Herr…“ (Hab. 1,12) so redet Habakuk Gott an. Für das mit „Herr“ wiedergegebene Wort steht in der hebräischen Sprache „Jahwe„. Es ist der Gottesname, mit dem Gott sich einst dem Mose am brennenden Dornbusch offenbart hatte. Dort tat er ihm auch die Bedeutung seines Namens kund: „Ich bin, der ich bin“ (2Mos. 3,14). Mit anderen Worten: Ich bin der, der aus sich selbst heraus existiert, der über den Weltzeiten steht und in keiner Weise von einem Geschöpf oder einem Geschehen in dieser Welt abhängig ist. Gott erläutert dem Mose am Ende seines Dienstes diesen seinen Namen noch einmal, indem er erklärt: „Ich, ich allein bin es, und kein Gott ist neben mir! Ich bin es, der tötet und lebendig macht, ich zerschlage und ich heile“ (5Mos. 32,39.40).

Du bist Jahwe, von Urzeiten her“ (Hab. 1,12).
Mit dieser Anrede treten sowohl die Gesetzlosigkeit in seinem eigenen Volk als auch die heranrückenden Babylonier gleichsam einen Schritt zurück. Es ist, wie wenn sich ein Schiff in einem furchtbaren Orkan befindet, und plötzlich reißen die Nebelbänke auf, und die verzweifelte Mannschaft erblickt in der Ferne einen Leuchtturm.

Ähnlich scheint es hier auch Habakuk ergangen zu sein. Denken wir in diesem Zusammenhang an den Propheten Jesaja, dem Gott verkündet: „Ich, der Gott, in dessen Dienst du stehst, bin nicht ein Teil der Geschichte, sondern lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit (vergleiche Jes. 44,24ff; 46,8–13; 48,3–11). Demgegenüber vermögen die babylonischen Götter nicht nur nicht zu helfen, sie sind nichts anderes als „Asche“ (Jes. 44,20).

Habakuk fügt hinzu: „mein Gott, mein Heiliger“ (Hab. 1,12). Wenn man heutzutage den Ausruf „mein Gott“ vernimmt, dann offenbart sich darin in der Regel eine Haltung, in der man am liebsten Gott für seine eigenen Interessen und Ziele einspannen möchte. Indem Habakuk gleich „mein Heiliger“ hinzufügt, wird aber deutlich, dass es ihm um den Gott geht, der unbestechlich ist, der durch und durch Licht ist, ohne einen Schatten von Finsternis, der ein verzehrendes Feuer ist, der von allem Profanen getrennt ist und insofern der ganz Andere ist.

Gott, der seinem Bund treu bleibt

Aber indem Habakuk im Gebet Gott mit „Jahwe“ anspricht, besinnt er sich nicht nur auf den Gott, der unabhängig vom Weltgeschehen existiert, sondern er ruft damit auch die Bundesbeziehung Gottes zu seinem Volk in Erinnerung. Denn der Name „Jahwe“ ist der Bundesname Gottes. Es ist die Bezeichnung, mit der Gott sich seinem erwählten Volk offenbarte, als dieses sich in Ägypten befand, um es aus dem Elend der Sklaverei zu befreien.

Mit der Hinzufügung, „du bist Jahwe von Urzeiten her“ denkt Habakuk keineswegs nur daran, dass Gott über der Zeit steht, dass er ewig ist, sondern er ruft hier auch Gottes Bundestreue in Erinnerung: Gott hat seinen Bund nicht erst seit gestern mit seinem Volk geschlossen oder seit der Reformation unter Josia, sondern schon lange vorher hatte er es erwählt. Bereits am brennenden Dornbusch erinnerte Gott selbst an seinen unverbrüchlichen Bund mit Abraham, Isaak und Jakob (2Mos. 3,7–13). Insofern ist diese Anrede ein Echo auf den Psalm, den einst Mose während der Wüstenwanderung betete: „Herr, du bist unsere Zuflucht von Geschlecht zu Geschlecht. Ehe denn die Berge wurden und du die Erde und den Erdkreis hervorbrachtest, ja, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du.“ (Ps. 90,1.2).

Mein Heiliger

Schließlich bringt auch die Anrede, „mein Gott, mein Heiliger“ keineswegs nur Gottes Getrenntsein von der Welt zum Ausdruck, sondern gerade auch sein Bezogensein auf diese unheilige Welt.

Dazu kann eine Aussage aus dem Propheten Hosea hilfreich sein. Gott fragt einmal: „Wie könnte ich dich dahingeben, Ephraim, wie könnte ich dich preisgeben, Israel? […] Mein Herz sträubt sich dagegen, mein ganzes Mitleid ist erregt! Ich will nicht handeln nach der Glut meines Zorns, will Ephraim nicht wiederum verderben; denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, als der Heilige bin ich in deiner Mitte und will nicht in grimmigem Zorn kommen“ (Hos. 11,8.9).

Haben wir aufmerksam gelesen, auf welche Weise Gott hier über seine Heiligkeit spricht? Er will als der Heilige, weil er nicht ein Mensch ist, sondern Gott, nicht in grimmigem Zorn kommen. Also: Nicht obwohl Gott der Heilige ist, sondern weil er der Heilige ist, kommt er zu unserer Rettung.

Im zweiten Gebot bezeichnet Gott sich selbst als „eifersüchtig“ (2Mos. 20,5). Die Aussage dieses Verses ist: Gott ist der Gott, der sich Geltung verschafft. Auch aus diesem Blickwinkel kann deutlich werden, warum Gott sich gerade wegen seiner Heiligkeit mit uns Menschen einlässt: um sich als der Heilige bei uns Geltung zu verschaffen.

Gottes Heiligkeit widerspricht nicht seinem Bezogensein auf uns. Vielmehr ist seine Heiligkeit die Triebfeder, mit der er die Geschichte lenkt. Sie ist die treibende Kraft, um in den schrecklichen Geschehnissen des Geschichtsverlaufs seinem erwählten Volk Rettung zu verschaffen.

Als der Prophet Jesaja nur einen äußerst geringen Teil Gottes, den „Saum seines Gewandes“, im Tempel visionär schaute, schrie er in Todesängsten aus: „Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, und ich wohne unter einem Volk, das unreine Lippen hat!“ (Jes. 6,5). Jesaja hatte begriffen, was es heißt, dass Gott heilig ist. Deswegen braucht uns nicht zu überraschen, dass sich durch das gesamte Buch des Propheten Jesaja diese Botschaft wie ein Grundtenor zieht. Gott verschafft sich als der Heilige Geltung, und so führt er einerseits Sünder ins Gericht (Jes. 1,4; 5,16.24; 30,11–15; 31,1). Aber gerade als der Heilige zeigt er sich auch als Retter und als Erlöser (des Überrestes) seines Volkes (Jes. 10,17.20; 12,6; 17,7; 29,19; 41,14; 43,3.14.15; 45,11; 47,4; 48,17; 49,7; 57,15; 60,9.14; 63,16). Beide Aspekte gehören zum heiligen Gott! Trennen wir sie nicht!

Wir werden nicht sterben

Wenn Habakuk Gott anspricht als „mein“ Heiliger, bezeugt er damit, dass Gott nicht trotz seiner Heiligkeit, sondern gerade wegen seiner Heiligkeit in den Sumpf dieser Welt hineingeht. So fährt der Prophet fort: „Wir werden nicht sterben“ (Hab. 1,12).

Dass Habakuk hier nicht sein persönliches Geschick im Blick hat, sondern in den Kategorien des Bundes Gottes denkt, wird schon daran deutlich, dass er hier in die erste Person Plural umschwenkt. Er spricht von „wir„.

Dieses Gebet ist auch nicht eine Bitte, wie es von manchen falsch übersetzt wird („lass uns nicht sterben“), sondern es ist ein Bekenntnis: „Wir werden nicht sterben„. Mit anderen Worten: Auch wenn die Babylonier das Volk Gottes niederwalzen werden, viele im Volk Gottes durch das Schwert dahinschlachten werden, und ein nicht unbeträchtlicher Teil verschleppt wird …: Weil du, Gott, deinem Bund treu bleibst, wird dein Volk niemals ganz untergehen.

Noch deutlicher wird dieses Bekenntnis zu Gott in der folgenden Aussage, „Herr, du hast ihn“ (das heißt: den Babylonier, Nebukadnezar) „zum Gericht eingesetzt, und zur Züchtigung hast du, o Fels, ihn bestimmt (Hab. 1,12b). Damit bekennt Habakuk: Das Heranrücken der Babylonier heißt nicht, dass Gott irgendetwas aus der Hand geglitten ist: Vielmehr hast du, o Gott, es so gelenkt.

Gott ist und bleibt in den undurchschaubaren Wirrnissen der Geschichte der „Fels“ (Hab. 1,12). Das heißt: Er ist der Unveränderliche, der Beständige (siehe: 5Mos. 32,4), unsere Zuflucht (siehe: 5Mos 32,15) und für sein Volk das unwandelbare Fundament (siehe: 5Mos. 32,18.37).

„Darf er das?“

Wenn das Gebet Habakuks lediglich aus dem bisher gelesenen Vers (Hab. 1,12) bestehen würde, würde man die Schlussfolgerung ziehen können: Für den Mann Gottes passen Gott und Geschichte zusammen. Der Prophet hat sich nicht nur an Gott im Gebet gewandt, sondern er scheint auch kein einziges Wort des Vorwurfs zu äußern. In dem Inferno, das auf das Volk Gottes zukommt, die Verwüstung des Landes, die Vertreibung des Volkes Gottes, sieht er Gerichtsschläge Gottes.

Dann aber, so erweckt es den Eindruck, ändert sich seine Haltung. Man vernimmt Seufzen, ja Protest, und zwar nicht über das zu züchtigende Israel, sondern über die von Gott gebrauchte Zuchtrute, also über die Babylonier: „Deine Augen sind so rein, dass sie das Böse nicht ansehen können. Du kannst dem Unheil nicht zuschauen. Warum siehst du denn den Frevlern schweigend zu, während der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?“ (Hab. 1,13).

Taucht hier nicht doch wieder die alte Frage auf: Herr, warum lässt du das alles zu? Wie kannst du, der du der heilige Gott bist, dermaßen böse Werkzeuge wie die Chaldäer gebrauchen, eine Nation, die schlimmer ist als das Volk, das sie in deinem Auftrag bestrafen soll?

Bei dem „Gottlosen“ denkt Habakuk vermutlich an Nebukadnezar, und bei dem, „der gerechter ist als er“ hat er wahrscheinlich den König Jojakim vor Augen. Es ist keine Frage: Auch der über Leichen gehende jüdische Regent ist ein Mörder. Aber im Vergleich zu dem skrupellosen Schlächter Nebukadnezar, der ein Volk nach dem anderen ausplündert, verhungern lässt, verschleppt, meuchelt, macht selbst noch so jemand wie Jojakim keine allzu schlechte Figur. Wo bleibt da, Herr Gott, deine Reinheit, deine Heiligkeit? Du bist es, „der die Menschen wie Fische im Meer behandeln lässt, wie das Gewürm, das keinen Herrscher hat: Er (das heißt: Nebukadnezar) fischt sie alle mit der Angel (oder: mit dem Schleppnetz) heraus, er fängt sie mit seinem Netz und sammelt sie in sein Garn.“ (Hab. 1,14.15).

Mit anderen Worten: Unterschiedslos alle erleiden das gleiche Geschick: die Kleinen mit den Großen, die Schuldigen zusammen mit den weniger Schuldigen, die Haie und die Hechte mit den sprichwörtlich „kleinen Fischen“ (vergleiche dazu Hes. 32,3). Sie alle werden scheinbar von dir Herr, über einen Leisten geschlagen, kassiert, vertrieben, verschleppt oder umgebracht. Herr, wie ist ein solches Tun mit deiner Gerechtigkeit vereinbar?

Mehr noch: Die Brutalsten der Brutalen machen sich offensichtlich ein Vergnügen und einen Spaß daraus, sich der Schwachen und Hilflosen zu bemächtigen: „Darüber freut er sich und frohlockt“ (Hab. 1,15). Mit anderen Worten: Gerade die Not der Völker treibt die Babylonier in einen Rausch herrischer Schadenfreude.

Aber damit nicht genug: Babylon schreibt seine Siege seinen Göttern zu. Auf den Opferfesten der Babylonier bringen sie ihren Götzen Ehre und Dank: „Darum opfert er auch seinem Netz und bringt seinem Garn Räucherwerk dar, denn ihnen verdankt er seine fetten Bissen und seine kräftige Nahrung“ (Hab. 1,16).

Habakuk durchschaut, dass hinter den babylonischen Gottheiten wie Bel und Marduk in Wahrheit die Vergötterung der eigenen kriegerischen Kraft und deren Machtmittel steckt. Ja, ihre Religion ist nichts anderes als Anbetung der eigenen Größe und Selbstherrlichkeit: Sie opfern ihrem „eigenen Netz„. Damit aber wird der wahre Gott beiseite gesetzt. Wieso, Herr, kannst du so etwas akzeptieren?

All das mündet für Habakuk in die eine Frage: „Darf er das?“. Darf das der Babylonier? (Hab. 1,17)

Gott und das Dunkel der Geschichte

Nicht lange nach Abschluss seines Theologiestudiums hatte ein junger Wortverkündiger ein Gespräch mit einer nach seinem (damaligen) Empfinden älteren Frau. Eigentlich war es kein Gespräch. Sie erzählte, er hörte zu. Sie berichtete: Ihr Mann war erst vor kurzer Zeit gestorben. Sie hatten eine glückliche Ehe geführt. Sie hatten noch Pläne, was sie alles unternehmen wollten, wenn ihr Mann endlich im Ruhestand sei. Dann ging ihr Mann eines Tages wegen irgendeiner Unpässlichkeit zum Arzt. So wie man eben zum Arzt zu gehen pflegt, wenn man sich nicht ganz gesund fühlt. Er dachte sich nichts dabei. Bei der Untersuchung wurden Proben entnommen. Diese wurden eingeschickt und ungefähr 14 Tage später erhielt er die Diagnose: Krebs, bereits sehr weit fortgeschritten. Ein Schock! Für beide war es – so formulierte sie es – als ob die Zeit stehen zu bleiben schien.

Nicht nur das: Sie berichtete auch aus ihrem Leben. Aus der Zeit des Krieges. Sie deutete an, was sie in den letzten Kriegsmonaten mitgemacht hatte, als die Rote Armee in Deutschland eingefallen war. Kinder hatten sie keine mehr bekommen.

Dieser junge Prediger sagte nicht viel dazu. Was sollte er auch sagen? Er hörte sich das an. Gegen Ende des Gespräches fügte sie noch etwas hinzu, wobei sie etwas an ihrem Zuhörer vorbeiblickte: „Gott und Welt passen nicht zusammen!“ Diese Aussage versetzte ihm einen Stich in sein Herz. Aber genau vor dieser Frage steht Habakuk hier: Passen Gott und Geschichte zusammen?

Uns kann man sagen hören, wenn wir einen Plan umsetzen wollen: Egal, was es kostet! Wenn es nicht auf geradem Wege geht, dann eben auf einem krummen. Wenn es nicht mit Gewalt geht, dann geht es eben mit mehr Gewalt. Gegebenenfalls muss man sich sogar die Hände schmutzig machen …

Aber wie ist das bei Gott? Bleibt Gottes Heiligkeit unangetastet, während er diese Geschichte souverän lenkt? Oder muss er sich nicht gewissermaßen seine Hände dabei schmutzig machen? Ja, muss man nicht sagen, und zwar gerade um Gottes willen, „dessen Augen zu rein sind, dass sie Böses nicht sehen können“ (Hab. 1,13): Gott und diese Weltgeschichte passen nicht zusammen! Würde es nicht eine Entlastung sein, wenn wir schreckliche Ereignisse nicht mit Gott dem Allmächtigen in Verbindung bringen, eine Entlastung sowohl für uns, aber auch für Gott? Wächst die Not nicht gerade dadurch ins Unerträgliche, dass man sie mit dem reinen Gott zusammenreimt, bzw. zusammenreimen muss? Ist es nicht geradezu erträglicher, derartige Situationen hinzunehmen, wenn man sie auf anonyme Mächte abschieben kann, wie „Schicksal“, „Zufall“, „unglückliche Konstellation von Ereignissen“ oder ähnliches?

Halten wir zunächst einmal fest: Habakuk spricht so nicht. Er bekennt: Der Herr Gott ist der ewig Beständige. Als souveräner Gott thront er über Zeit und Raum und steht treu zu seinen Verheißungen. Der Prophet klagt nicht darüber, dass Gott sein abgefallenes Volk züchtigen will. Er denkt also keineswegs in nationalen Kategorien oder in Rastern politischer Räson. Jedoch zerrt an ihm die Frage: Wieso verwendet der allmächtige, ewige Gott zu Richtern solche treulosen und brutalen Räuber, die doch viel schlimmer sind als die zu Bestrafenden? Das sind Gangster, die die Menschen so schonungslos und so erbarmungslos behandeln, wie man vergleichsweise mit Fischen und Gewürm umgeht: Was sie brauchen, nehmen sie sich. Den Rest werfen sie weg. Dieses ihr Handeln bereitet ihnen sogar Vergnügen, und durch das Zelebrieren ihrer Opferfeste schreiben sie ihre Gerichtsaufgabe sogar noch ihren eigenen Göttern zu, ja sie beweihräuchern ihre eigenen Fähigkeiten.

Fast hat es den Anschein, als ob Gott diese Verbrecherbande in ihrem Völkermorden und bei ihrem Vergöttern ihrer eigenen „Netze“ noch belohnt. Darf der Babylonier (Nebukadnezar) eine Nation nach der anderen überrollen und zerschlagen und die Bewohner ermorden (Hab. 1,17)? Ist es wirklich Gott, der dieses wirkt? Wird da nicht die Geschichte zu einem Tunnel, in den man hineinrast, aber in dem kein Ausgang ist, an dessen Ende kein Licht erscheint? Wird es nicht immer schwieriger, Gottes Hand in der Geschichte zu sehen? Rückt damit Gott nicht immer mehr aus unserer Wirklichkeit heraus? Bildet sich nicht eine Riesenkluft zwischen der Weltgeschichte einerseits und Gott andererseits? Wird der Graben zwischen unserer Wirklichkeit und dem allmächtigen, heiligen Gott nicht immer breiter, ja unüberbrückbar? – Begreifen wir diese Fragen und Einwände des Propheten?

Habakuk stellt diese Fragen nicht aus Unglauben. Er verbindet sein Gebet nicht mit der Drohung: Wenn du, Gott, uns nicht hilfst und zu unseren Gunsten eingreifst (also so wie ich mir das wünsche), dann werde ich endgültig mit dir abschließen. Da ist kein zynisch-atheistischer Unterton, wie beispielsweise bei dem Gesprächspartner, der einmal folgendermaßen spottete: Wenn der Gott besteht, an den die Christen glauben, und ich einmal vor ihm stehe, dann wird er mir einiges zu erklären haben …

Für Habakuk ist Gott auch nicht wie eine Art Uhrmacher, der diese Welt einmal in Gang gebracht hat, sich aber nun von ihr fernhält. Der Prophet bekennt: „Du bist es Herr, der die Menschen wie Fische und Gewürm behandeln lässt …“ (Hab. 1,14). Mit anderen Worten: Habakuk denkt nicht daran, das irdische Geschehen von Gott wie auch immer abzukoppeln.

Habakuk stellt seine Fragen angesichts der Reinheit Gottes: Wie ist es möglich, dass der Nebukadnezar „beständig“ und „ohne Erbarmen“ Völker dahinraffen darf (Hab. 1,17), und zwar angesichts eines Gottes „dessen Augen zu rein sind, das Böse anzuschauen“ (Hab. 1,13)?

Auf meine Warte will ich treten

Auch in dieser dunklen Stunde hält der Prophet sich an den, den er „meinen Gott“ nennt und fasst den Entschluss: „Auf meine Warte will ich treten und auf dem Turm mich aufstellen, damit ich Ausschau halte und sehe, was er mir sagen wird und was ich als Antwort weitergeben soll auf meine Klage hin!“ (Hab. 2,1).

Bei den Begriffen „Warte“ und „Turm“ können wir an einen Wachtturm denken, auf dem ein Wächter steht und in die Ferne späht, zum Beispiel um rechtzeitig das Anschleichen von Feinden wahrzunehmen (vergleiche 2Kön. 9,17). Oder wir können an einen Matrosen denken, der im Mastkorb eines Schiffes steht, um nach Land Ausschau zu halten.

Es ist nicht klar, ob Habakuk hier tatsächlich auf eine erhöhte Stelle gegangen ist oder ob er nur in einem übertragenen Sinn von „Warte“ spricht. Diejenigen, die an einen tatsächlichen Turm denken, weisen auf Bileam, der einst auf einen Berg geklettert war, um eine Offenbarung von Gott zu empfangen (4Mos. 23,3.4), oder man erinnert an Mose (2Mos. 33,21) sowie an Elia (1Kön. 19,11), die Gott auf einer Anhöhe begegnet sind. Andere fassen „Warte“ im übertragenen Sinn auf und verweisen zum Beispiel auf eine Vision, die Jesaja über den Untergang Babylons empfangen hatte und der in diesem Zusammenhang von einem „Spähen“ spricht (Jes. 21,5–9).

Aber wie auch immer wir die Aussage des Propheten, „auf meine Warte will ich treten“ verstehen, wichtig ist: Trotz des augenscheinlichen Triumphes des Bösen verkriecht sich Habakuk nicht in einem Kellerloch oder in einer Einsiedlerklause. Auch zieht er sich nicht in den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zurück. Weder meditiert er, noch sucht er die Antwort in irgendwelchen eigenfabrizierten Denkkonstruktionen.

Stattdessen tritt er durchaus im doppelten Sinn in eine „Warte“position vor Gott. Er wartet auf eine Antwort von Gott. Dabei geht es dem Propheten nicht um eine Antwort für sich (allein), sondern darum, dass er anderen damit einen Dienst leistet: „was ich als Antwort weitergeben soll auf meine Klage hin“ (vergleiche entsprechend: Jer. 42,7ff):

Psalm 77 zum Vergleich

In einer ähnlichen Fragesituation befand sich einst Asaph, von dem wir mehrere Psalmen haben. Auch dieser Mann schien an Gott wegen dessen Lenkung der Geschichte zu zerbrechen.

Dabei denke ich jetzt nicht an den wohl bekanntesten Psalm Asaphs, den Psalm 73, in dem dieser Mann von seinen persönlichen Anfechtungen spricht, angesichts dessen, dass es dem Gottlosen so gut geht, während der Gerechte leiden muss (Ps. 73,3–15). Asaph berichtet im Folgenden, wie er dieses Fragen schon aufgeben wollte. Denn es schien ihm „sinnlos“ zu sein, eine „vergebliche Mühe“ (Ps. 73,16) … bis er die Antwort erhielt. Das heißt für ihn: bis er ins Heiligtum ging (Ps. 73,17) und Gott ihn auf das Ende der Gottlosen verwies (Ps. 73,18–20.27).

In unserem Zusammenhang ist ein anderer Psalm Asaphs ein besserer Vergleich. Ich denke an Psalm 77. In diesem Psalm berichtet Asaph davon, dass er Gottes Lenken der Geschichte nicht mehr begreift. Er schildert, wie er sich nachts auf seinem Bett hin– und herwälzt und trotz großer Erschöpfung keinen Schlaf findet (Ps. 77,1–7). Er führt aus, wie er verzweifelt leidet, bis hinein ins Körperliche. Dabei ist er innerlich so aufgewühlt. Er kann keine Ruhe finden. Fragen nagen an ihm, Fragen im Blick auf die weitere Geschichte des Volkes Gottes: „Wird der Herr auf ewig verstoßen? Wird er niemals wieder gnädig sein? Ist es ganz und gar aus mit seiner Gnade? Ist die Verheißung zunichte gemacht für alle Geschlechter? Hat Gott vergessen, gnädig zu sein, und hat er im Zorn seine Barmherzigkeit verschlossen?“ (Ps. 77,8–10).

Während der Psalmist darüber nachsinnt, kommt ihm eine zweifache Antwort: Zunächst darf er bekennen: „O Gott, dein Weg ist heilig“. Eigentlich steht hier: „Dein Weg ist im Heiligtum“ (Ps. 77,14). Mit anderen Worten: Wo Gott ist, da geht es heilig zu.

Aber das ist nicht die ganze Antwort, die Asaph erhält. Er empfängt noch eine zweite Einsicht: „Dein Weg führt durch das Meer und dein Pfad durch gewaltige Fluten und deine Fußstapfen sind nicht zu erkennen“ (Ps. 77,20). Mit anderen Worten: Genau wie die besten Fährtenleser im Wasser keine Spuren zu lesen vermögen, so sind auch Gottes Wege in dieser Welt von uns Menschen unerkennbar und nicht berechenbar.

Beides ist richtig: Gottes Weg ist im Heiligtum. Gott leuchtet in die Dunkelheit hinein, und seine Spur ist dort zu erkennen, wo es heilig zugeht. Aber auch das andere gilt: Gottes Weg in dieser Welt ist für uns Sterbliche so wenig nachvollziehbar, wie im Wasser Spuren zu lesen sind. Sie verschwimmen sogleich und sind nicht rekonstruierbar.

Darf der Mensch so beten?

Abschließend bleibt noch eine Frage: Darf Habakuk so beten? Zunächst einmal ist darauf zu antworten: Es ist erlaubt, dem allmächtigen Gott Fragen zu stellen. Gott der Herr spottet nicht über uns, wenn wir über die Rätsel der Geschichte nachsinnen. Im Gegenteil. Der Prophet Jesaja bezeugt einmal über unseren Heiland: „In all ihren Bedrängnissen wurde auch er bedrängt“ (Jes. 63,9). Aus dieser Aussage dürfen wir folgern, dass der Gott, der sich uns in seinem Wort geoffenbart hat, nicht der weltentrückte unbewegte Beweger ist, sondern dass er uns nahe ist, gerade in unseren Tiefen (vergleiche Jes. 63,10–14).

Aber zu Beginn des Artikels wiesen wir bereits darauf hin, dass Habakuk selbst sein Gebet als „Klage“ bezeichnet, und zwar im Sinn von „Anklage„. Dieses Wort wird in der Bibel auch übersetzt mit „Zurechtweisung“ (Spr. 1,23), „Tadel“ (Spr. 27,5) oder „Strafe“ (Ps. 39,12; 73,14; Hes. 5,15).

Habakuk tritt hier also wie in einem Rechtsstreit gegen Gott an. Sein Gebet ist eine Gegenrede, die er gewissermaßen vor den Thron Gottes schleudert. Ein protestierender Unterton durchzieht sein Gebet. Habakuks Fragen, „Bist du, o Herr, nicht von alters her mein Gott, mein Heiliger…. Warum siehst du den Frevlern schweigend zu? Warum schweigst du, wenn der Gottlose den verschlingt? der gerechter ist“, ist eine Anklage gegen Gott.

Darf man so zu Gott sprechen? Geht der Prophet hier nicht zu weit? Ist es nicht ungehörig, Gott mit einem anklagenden Unterton zu begegnen?

Tatsächlich gibt es eine Grenze, die zu überschreiten dem sündigen Geschöpf nicht erlaubt ist. Wir dürfen Gott mit Fragen bestürmen. Aber wir wollen niemals vergessen, zu wem wir sprechen! Unsere Freimütigkeit, vor Gott, unseren Vater, zu treten, darf niemals in Saloppheit oder gar Unverfrorenheit umschlagen.

Unter diesem Blickwinkel stellt sich die Frage: Liegt nicht in Habakuks Beschluss, den er in die Worte kleidet, „Auf meine Warte will ich treten und auf dem Turm mich aufstellen, damit ich Ausschau halte und sehe, was er mir sagen wird (Hab. 2,1) etwas heroisch Anmaßendes und damit auch etwas Dünkelhaftes?

Hiob überschritt diese Grenze. Deswegen wurde er von Gott in die Schranken gewiesen. Nachdem seine „Freunde“ kapitellang geredet hatten, äußerte sich Gott. Gott erklärte jedoch dem Hiob nichts, sondern stellte nur Fragen (siehe Hi. 38ff). Aber durch diese Fragen wurde Hiob der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf vor Augen geführt, bis er „angesichts der Größe Gottes sich in Staub und Asche verabscheute“ (Hiob 42,6).

Auch Jeremia erging es ähnlich: Als der Prophet einmal in einer unangemessen ungehemmten Weise zu Gott sprach (siehe Jer. 15,10–18), pfiff Gott seinen Knecht umgehend zurück: „Wenn du umkehrst, so will ich dich wieder vor mein Angesicht treten lassen, und wenn du das Edle vom Unedlen scheidest, sollst du sein wie mein Mund …“ (Jer. 15,19–20). Mit anderen Worten: Gott forderte Jeremia auf, Buße zu tun und gleichsam „seinen Mund zu spülen“, also zu reinigen, das „Unedle auszuscheiden“. Andernfalls sei sein Dienst für Gott beendet.

Auch Habakuk kommt mit seinem (An)klagen keineswegs ungeschoren davon. Gleich in den nächsten Versen sehen wir, welche Antwort Gott seinem Propheten gibt. Als erstes bringt Gott seinen Propheten zur Besinnung. Er weckt ihn aus seinem Rausch und gibt ihm zu verstehen, er habe „vermessen“ gehandelt und „nicht aufrichtig“ gesprochen (Hab. 2,4).

Was das heißt, wollen wir, so Gott will, in der nächsten Nummer bedenken und auf die von Gott gegebene Antwort achten, die in der Botschaft besteht, dass der Gerechte aus Glauben leben wird.

Fortsetzung folgt


1) Die folgende Artikelreihe geht auf Predigten zurück, die im Februar und März 2008 in der Bekennenden evangelischreformierten Gemeinde in Gießen gehalten wurden. Sie können heruntergeladen werden unter: http://www.berg–giessen.de/predigtarchiv. Die gehaltenen Predigten sind für diese Artikelreihe überarbeitet und ergänzt worden.
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