Psalm 22 und der kurze Markusschluss: Leiden und Leben des Königs

Einführung
Der „kurze Markusschluss“[1] (Mk. 16,1–8) stellt uns als Ausleger der Heiligen Schrift vor Schwierigkeiten. Was wird in diesen acht Versen ausgesagt? Das Ende von Vers 8 lautet: denn sie fürchteten sich. Endet so die gute Nachricht, das Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes (Mk. 1,1)? Irgendwie erscheint das unbefriedigend. Möglicherweise war das der Grund, warum angesichts dieses offenen Endes ein früher Christ im Sinn der anderen Evangelien eine Abrundung schrieb (Mk. 16,9–20).

Dieser Aufsatz will den Abschnitt Markus 15,24 bis 16,8 durch die Brille von Psalm 22 verstehen, um vielleicht auf diese Weise etwas Licht auf diesen merkwürdigen Schluss zu werfen.

1. Psalm 22: Gottverlassenheit für den König, Gottesgemeinschaft für die Welt

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Dies wirft König David seinem Gott in Psalm 22 vor. Die Frage ist eigentlich eine Aussage: „Du hast kein Recht, mich zu verlassen! Ich habe doch nichts falsch gemacht!“ Der Psalmist will nämlich keine Gründe für die Abwesenheit Gottes hören. Er will, dass Gott aufhört, fern zu sein. David hat nichts getan, wodurch er diese Gottverlassenheit verdient hat. Er empfindet sich als ein unrechtmäßig Leidender.

Wie sich diese Gottverlassenheit anfühlt: Tod
In zwei Klagegängen schüttet der König sein Herz aus. Es sind die Verse 2 bis 11 und dann die Verse 12 bis 22. Das erlebte Verlassensein von Gott macht in seinen Augen keinen Sinn: Gott war doch stets da: in der Vergangenheit Israels (Ps. 22,4–6) und im bisherigen Leben Davids (Ps. 22,10.11). Doch wo ist Gott jetzt (Ps. 22,7–9)? Als ein von Gott Verlassener fühlt er sich wie ein Wurm, abgetrennt von Gott, von der Gattung Mensch und von seinen Volksgenossen (Ps. 22,7). Der Spott seiner Gegner schmerzt (Ps. 22,7.8).

Ohne Gottes Nähe entsteht ein Vakuum, das von Feinden gefüllt wird: eine Herde Stiere und ein Löwe (Ps. 22,13.14). Diesen Tieren ist ein Wurm katastrophal unterlegen. Er ist dem Tod nahe. Sein Körper löst sich bereits auf (Ps. 22,15.16). Sein Herz ist wie schmelzendes Wachs – immer ein Bild des göttlichen Gerichts. Er weiß sich also von Gott gerichtet, der ihn in den Staub des Todes legt (Ps. 22,16), anstatt ihn vor den umzingelnden Gottlosen (Ps. 22,17–19) zu beschützen. Als wäre er bereits eine Leiche, rauben sie ihm die Kleidung (Ps. 22,19). Er ist nackt, fühlt sich durchsichtig (alle meine Knochen kann ich sehen) (Ps. 22,18). Das Los entscheidet, wer welches Kleidungsstück erhält (Ps. 22,19). Das Los gilt aber als von Gott bestimmt (vergleiche Spr. 16,33). So steht Gott als letzte Ursache des Leidens Davids verborgen im Hintergrund.

Schlagartig ändert sich alles: Du hast mir geantwortet (Ps. 22,22). Selbst für einen Psalm ist dieser abrupte Wechsel von Klage zu Lob überraschend. Ebenso überraschend ist, dass der Psalm keine Erklärung für das Leiden, für die Gottverlassenheit gibt. Der König erfährt nicht, aufgrund welcher Sünde Gott ihn verließ. Er scheint völlig unschuldig gelitten zu haben. Er ist ein leidender Gerechter. Wenn er für Sünden leidet, dann nicht für seine eigenen.

Was diese Gottverlassenheit vollbringt: Leben
Der folgende Lobpreis (Ps. 22,23–32) übertönt in seiner Stärke das klagende Schreien des Königs (Ps. 22,2.3), den Spott der Leute (Ps. 22,8.9) und das Brüllen des Löwen (Ps. 22,14). Nach der Einsamkeit des Todes folgt die Gemeinschaft des Lebens. Die Gemeinde lobt Gottes Namen, also seinen Charakter (Ps. 22,23), denn er hat zugunsten seines leidenden Gerechten eingegriffen (Ps. 22,25). David feiert diese Veränderung mit einem Dankopfer (Ps. 22,27). Zu dieser Gemeinschaft mit Gott sind alle eingeladen, Arme, Reiche (Ps. 22, 26.27.30), und sogar die Heiden, selbst die, die an den Enden der Erde wohnen (Ps. 22,28). Dies impliziert eine weltweite Erweckung. (Gedenken und umkehren gehören begrifflich zur Buße, sie sind sonst auf das Volk Israel bezogen.) Der Ausdruck alle Geschlechter (Ps. 22,28) erinnert an 1.Mose 12,3. Das Leiden dieses Königs und seine Errettung aus dem Tod führen dazu, dass die Verheißung Abrahams in Erfüllung geht! Gott wird dafür sorgen, denn das Reich gehört dem Herrn, er ist Herrscher über die Nationen (Ps. 22,29). Im Markusevangelium lesen wir, wie Jesus dieses Reich eingeführt hat (Mk. 1,15).

2. Markus 15,24–16,8: Anspielungen auf Psalm 22

Jesus, der leidende Gerechte…,
Der Evangelist Markus zeigt, was es heißt, dass Jesus der Christus ist (Mk. 1,1). In der Mitte des von ihm geschriebenen Evangeliums betont er, dass der Christus zu sein, für Jesus Leiden bedeutet: Und er fing an, sie zu lehren, der Menschensohn müsse viel leiden (Mk. 8,31). Die Botschaft der drei Leidensankündigungen (Mk. 8,31; 9,31; 10,33.34) ist die Botschaft von Psalm 22: Nach dem Leiden kommt das Leben. Jesus sagt, dass er als Sühneopfer sterben wird (Mk. 10,45). Ein Sühnopfer wird dargebracht nicht für die eigenen Sünden, sondern für die Sünden anderer. Jesus leidet unschuldig wie der Psalmist.

Der gesamte Passionsbericht von Markus ist voller Anspielungen auf verschiedene Klagepsalmen.[2] Unter diesen ragt Psalm 22 hervor. Auf ihn spielt Markus dreimal deutlich an: Bei der Verteilung der Gewänder Jesu (Mk. 15,24; Ps. 22,19), beim Spott und Kopfschütteln der Schaulustigen (Mk. 15,29; Ps. 22,8) und bei Jesu Schrei, Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk. 15,34; Ps. 22,2).

Seine erste Anspielung, Psalm 22,19, stellt Markus zwischen zwei Aussagen, die beide besagen, dass sie ihn kreuzigten (Mk. 15,24.25). Auf diese Weise ruft Markus seine Leser dazu auf, zum Verständnis des Leidens Jesu den Psalm 22 im Hinterkopf zu behalten.

Jesus wird von allen verachtet und verspottet, angefangen von den Mächtigen (Hohepriester, Schriftgelehrte) bis hin zu den Niedrigsten (die mit ihm gekreuzigt wurden). Er war tatsächlich ein Spott der Leute und vom Volk verachtet (Ps. 22,7). Wie einst über den Psalmisten so schütteln sie den Kopf über Jesus, schmähen und spotten über Rettung. Genau wie in Psalm 22 so werden die Worte der Spötter zitiert (Mk. 15,29–32).

… der einen Klagepsalm betet …
Der Evangelist Markus bewegt sich mit seinen Hinweisen rückwärts durch Psalm 22. Den Höhepunkt bildet der Ruf mit den ersten Worten des Psalms: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Das ist der einzige Ausruf, den Markus von Jesus am Kreuz berichtet. Dieser Ausruf und damit der gesamte Psalm, der in diesem Schrei mitschwingt, ist außerordentlich akzentuiert. Genau wie im Psalm, gibt es auch hier keine Antwort von dem Gott, der im Markusevangelium sonst mehrfach seine Beziehung zu seinem Sohn bestätigt (vergleiche Mk. 1,11; 9,7). Der inspirierte Schreiber des Evangeliums schildert den Kreuzestod Jesu als Tod in totaler Gottverlassenheit. Das entspricht völlig dem Psalm 22. Markus betont dabei, wie Jesus in seiner Gottverlassenheit klagt. Jesus betet am Kreuz einen Klagepsalm.

In Psalm 22 erfährt der leidende Gerechte eine wundersame Veränderung: Nachdem er von Gott und von den Menschen verlassen wurde, lebt er auf einmal in einer herrlichen Gemeinschaft. Er bringt Gott Lob dar, zusammen mit seinem Volk und sogar mit den Heiden.

Wie ergeht es Jesus, nachdem er in seiner Gottverlassenheit geklagt hat? Ich will auf einige weitere mögliche Anspielungen auf Psalm 22 hinweisen. Diese zeigen, dass Jesus durch sein Leiden und durch seine Errettung vom Tod die Verheißung an Abraham, die am Ende des Psalms anklingt, erfüllt hat.

… und vom Tod errettet wird
Genau wie nach dem Leiden des Psalmisten, so rückt nach dem Leiden Jesu eine vielfältige Gemeinschaft in das Blickfeld: ein Heide (Mk. 15,39), ärmere Jüdinnen (Mk. 15,40.41) und der reiche Josef von Arimathia (Mk. 15,43).

Das Bekenntnis des römischen Hauptmanns (Mk. 15,39) steht in starkem Kontrast zum Spott der Juden (Mk. 15,29–32). Der einzige, der Jesus im Markusevangelium Gottes Sohn nennt, ist ein Heide. Damit ist er ein leuchtendes Beispiel dessen, was Psalm 22,28–32 weissagt: Die Bekehrung der Heiden. Sein Bekenntnis rahmt das gesamte Evangelium ein: Das Evangelium steht unter der Überschrift: Anfang des Evangeliums von Jesus, dem Christus, dem Sohn Gottes (Mk. 1,1). So nennt ihn der Hauptmann. Er erkennt, wer Jesus ist, als dieser stirbt. Genau darum ging es: Markus will zeigen, was es heißt, dass Jesus der Christus ist: Leiden. In Jesu Leiden enthüllt sich für den Heiden, wer Jesus ist: Der Christus, der Sohn Gottes.

Josef von Arimathia wartete auf das Reich Gottes (Mk. 15,43). Im Matthäusevangelium (Mt. 27,57) sowie im Johannesevangelium (Joh. 19,38) wird er lediglich als Jünger bezeichnet. Markus gebraucht aber einen zentralen Begriff des Psalms, um ihn zu charakterisieren: das Reich Gottes (Ps. 22,29). Josef von Arimathia wartete auf das Reich Gottes gemäß Psalm 22,29. Mit dem Tod Jesu ist dieses Reich angebrochen. Jetzt muss es so verkündet werden, wie es in Psalm 22,23–32 geschildert wird.

Der Engel befiehlt den Frauen, Petrus und den Jüngern zu sagen, dass Jesus lebt und in Galiläa auf sie wartet (Mk. 16,7.8). Genau wie im Psalm ist hier die Aufforderung, die Heilstat Gottes weiterzusagen (Ps. 22,23–31). Die Boten tun dies allerdings zuerst nicht, denn sie fürchteten sich.

Dieser bemerkenswerte kurze Markusschluss hat mit dem Schluss des Psalms 22 gemein, dass genau diejenigen, die den Auftrag zur Verkündigung haben, Gott fürchten (Ps. 22,24). Denn die Frauen hatten ja schließlich keine Angst vor den Jüngern oder vor Petrus. Vielmehr waren sie deswegen voller Gottesfurcht, weil sie einen Engel gesehen hatten. Die Furcht der Frauen war demnach das richtige Verhalten. Sie erfüllten damit die Aufforderung Fürchte ihn, du ganzer Same Israels! (Ps. 22,24). Ihr Schweigen war ja auch nur von kurzer Dauer. Dann kam ihr Verkündigen, das sich fortgesetzt hat in die weltweite, generationenübergreifende Verkündigung, so wie es Psalm 22 verheißt.

3. Fazit

Im Licht von Psalm 22 lässt sich der „kurze Markusschluss“, also nach Vers 8 verstehen. Der Passionsbericht nach Markus erweckt den Anschein, als würde Markus zunächst Jesus als den leidenden Gerechten schildern, wie er in Psalm 22 geschrieben steht. Der Evangelist betont den Spott, die Verteilung der Kleider und vor allem den Ruf am Kreuz. Im Anschluss daran berichtet er von verschiedenen Menschen, die an den zweiten Teil von Psalm 22 denken lassen. Die Worte des römischen Hauptmanns zeigen diesen Mann als einen Heiden, der umkehrt (vergleiche Ps. 22,28); bei Josef von Arimathia wird ausdrücklich betont, dass er auf das Reich Gottes ausgerichtet war (vergleiche dazu Psalm 22,29); die Frauen fürchteten sich angesichts der Heilstat Gottes und sollten trotzdem davon weitererzählen (vergleiche Ps. 22,23.24.32). Damit erweisen sich die Ereignisse nach dem Tod Jesu, also nach seinem klagenden Schrei am Kreuz, wie Gottes Urteil über seinen leidenden Gerechten (vergleiche Ps. 22,23–32). Trotzdem endet das Markusevangelium abrupt. Aber auch das entspricht dem, wie Psalm 22 endet: Er hat es vollbracht! (Ps. 22,32). 


[1]) Unter bibeltreuen Auslegern der Heiligen Schrift ist es strittig, wo das Markusevangelium ursprünglich geendet hat: Ist der Schluss bereits nach Kapitel 16,8, sodass die folgenden Verse erst später hinzugefügt wurden, oder ist der Schluss nach Vers 20? Die überlieferten neutestamentlichen Handschriften des griechischen Grundtextes sind hier nicht eindeutig. Man spricht hier von dem „langen“, bzw. dem „kurzen Markusschluss“. Der Verfasser des vorliegenden Artikels meint, dass der „kurze Markusschluss“ der ursprüngliche ist.
[2]) Vergleiche Mk. 14,1 mit Ps. 10,7–10; Mk. 14,18 mit Ps. 41,10; Mk. 14,34 mit Ps. 42,6; Mk. 14,41 mit Ps. 36,12; Mk. 14,55 mit Ps. 37,32; Mk. 14,57 mit Ps. 27,12; Mk. 14,61; 15,4.5 mit Ps. 38,14ff; Mk. 15,36 mit Ps. 69,22; Mk. 15,40 mit Ps. 38,12.