Das verlogene Dilemma zwischen Glaube und Wissenschaft

Eines der immer wiederkehrenden Themen in der Gemeinde unseres Herrn Jesus Christus und nicht zuletzt im christlichen Schul- und Bildungswesen ist die Behauptung, es bestehe ein Dilemma zwischen biblisch-christlichem Glauben und wissenschaftlichem Arbeiten. Immer wieder wird behauptet, es gebe zahlreiche Widersprüche zwischen einerseits dem klaren Zeugnis der Heiligen Schrift und andererseits dem, was „die Wissenschaft“ erkannt hat.

Wegen dieses behaupteten Gegeneinanders erscheint die Integration oder die Harmonisierung von Wissenschaft und christlichem Glauben eine der größten Herausforderungen für bibeltreue Christen im 21. Jahrhundert zu sein. Obwohl uns permanent von der Welt und oft leider auch von scheinbar gebildeten Menschen innerhalb der Gemeinde Jesu Christi zu verstehen gegeben wird, dass die Heilige Schrift und die Wissenschaft im Widerspruch stehen, scheint fast niemand die Richtigkeit dieser Behauptung zu hinterfragen.

Aber was ist, wenn man ein falsches Dilemma konstruiert? Was ist, wenn es für eine Harmonisierung zwischen Glauben und Wissenschaft deswegen keine Notwendigkeit gibt, weil das behauptete Dilemma gar nicht besteht? Was ist, wenn die Ansicht, dass Wissenschaft und christlicher Glaube nicht in Einklang gebracht werden können, falsch ist? Genau darum geht es im Folgenden.

Ich habe die Absicht zu zeigen, dass das behauptete Dilemma zwischen christlichem Glauben und Wissenschaft nicht existiert. Weder gemäß der Heiligen Schrift noch gemäß den Gesetzen der Logik existiert zwischen den beiden ein Konflikt. Die oftmals behauptete Spannung zwischen Wissenschaft und christlichem Glauben ist in Wirklichkeit ein verlogenes Dilemma.

Dass zwischen diesen beiden Größen eine Gegensätzlichkeit wahrgenommen wird, rührt daher, dass beide heute von unterschiedlichen Grundvoraussetzungen („Präsuppositionen“) ausgehen.

Ich stimme Greg Bahnsen zu, wenn er schreibt, dass jeder menschliche Denkprozess auf Grundannahmen (Präsuppositionen) beruht. Jedes rationale Denken benötigt Grundannahmen bevor es beginnen kann und bevor Schlussfolgerungen gezogen und Überzeugungen gebildet werden.

Das heißt auch: Jedes wissenschaftliche Ergebnis wird durch Denkannahmen (Präsuppositionen) bestimmt, die der Wissenschaftler als Glaubenssätze anerkennt, und zwar bevor er anfängt zu forschen. Niemand ist von solchen Grundvoraussetzungen frei.

Grundannahmen benötigen wir alle, um die Wirklichkeit um uns herum interpretieren zu können. Egal ob man Christ ist oder Nichtchrist: Alles Denken und alles Erforschen hat einen Bezugsrahmen, in den man seine Wissenszuwächse einordnet. Diese Grundannahmen betreffen sowohl die Metaphysik als auch die Erkenntnistheorie und nicht zuletzt die Ethik.

Unter Metaphysik versteht man das, was hinter dem Erfahrenen existiert. Es geht um die Beantwortung der Frage: Was ist Realität? Was ist der Mensch, und was ist sein Platz im Universum? Was ist der Sinn von allem? In der Erkenntnistheorie geht es um Fragestellungen wie: Woher wissen wir, was wir wissen? In der Ethik wird die Frage nach dem richtigen Handeln reflektiert und zu beantworten gesucht. Zu jedem dieser drei Bereiche hat jeder Mensch eine feste Überzeugung, wenn er anfängt, sich Wissen zu verschaffen.

Wenn ich von „Wissenschaft“ spreche, dann meine ich damit den Prozess des Wissenserwerbs jeglicher Art. Ich habe den lateinischen Begriff „scientia” vor Augen, unter dem jegliche Art und Weise des Wissenserwerbs gefasst wird.

Das spezifische Wissenschaftsgebiet ist für unsere Fragestellung weniger wichtig. Denn alle Arten des rationalen menschlichen Denkens basieren auf diesen Grundvoraussetzungen (Präsuppositionen). Diese hat jeder Mensch. Zum Beispiel wird derjenige, der dem Konzept des Naturalismus anhängt und von daher alles „Übernatürliche“ von vornherein ausblendet, seine Forschungsergebnisse immer gemäß dieser naturalistischen Grundlage interpretieren. Er wird jegliche „übernatürliche“ Erklärung aus dem Prozess des Wissenserwerbs ausschließen.

Aber genau diese Entscheidung ist Glaube. Es ist nicht Wissenschaft.

Die Grundvoraussetzungen eines säkularen Wissenschaftlers sind immer unchristlich. Folglich kommt er in seinen Arbeiten immer zu unchristlichen Ergebnissen. Damit sage ich nicht, dass ein Wissenschaftler, der sich einer säkular-naturalistischen Weltanschauung verpflichtet fühlt, niemals etwas Richtiges oder etwas Nützliches erkennen kann. Ohne Frage: Auch ein solcher Wissenschaftler kann Dinge entdecken und auch entwickeln, die für sich genommen richtig sind und der Menschheit Nutzen bringen. Aber er ist in zweierlei Hinsicht begrenzt.

Die erste Einschränkung besteht darin, dass eine solche Person, obwohl sie Fragmente der Wahrheit entdecken und entschlüsseln kann, niemals verstehen kann, warum etwas existiert und zu welchem Zweck es da ist.

Zum Beispiel vermag ein ungläubiger Wissenschaftler neue Zusammenhänge über die Genetik zu erkennen und im Anschluss daran ein hilfreiches Medikament zu entwickeln. Aber weil er nicht die Existenz Gottes, des Schöpfers anerkennt, wird er Gott niemals als die Quelle des eigenen Erkennens akzeptieren. Für einen solchen Menschen ist auch die Ehre Gottes nicht das höchste Ziel.

Der säkulare Wissenschaftler kann nur deswegen Wissenschaft jeglicher Art betreiben, weil er Grundannahmen für seinen Denkprozess „stiehlt“. Denn diese können allein durch die Existenz eines unveränderlichen und treuen Schöpfers und Erhalters des Universums erklärt werden. Ein solcher Wissenschaftler setzt zum Beispiel feststehende Naturgesetze voraus. Aber er vermag sie nicht logisch einsichtig zu machen. Er arbeitet mit ihnen unter der Annahme, dass die Naturgesetze wiederholbar sind. Aber weder diese noch den Umstand, dass das Universum eine Ordnung hat, kann er ohne den Gott der Bibel erklären oder begründen. Für einen Materialisten, also für einen Menschen, der nur an das glaubt, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt, gibt es keine Sicherheit, dass die Naturgesetze zuverlässig sind. Ein Atheist kann Naturgesetzen nicht vertrauen: Zum einen, weil er sie nicht erklären kann. Er führt sie nämlich nicht auf den Erhaltungswillen Gottes zurück. Zum anderen hat er keine Sicherheit, dass diese Naturgesetze auch in Zukunft gelten. Er setzt sie einfach voraus.

Der Grund, warum wir als Christen von Naturgesetzen ausgehen können und überhaupt die ersten waren, die wirklich Wissenschaft betrieben haben, ist, weil für uns die Verlässlichkeit der Naturgesetze im unveränderlichen Wesen Gottes, namentlich in seiner Vorsehung verankert ist. Wie Römer 1,24 und 25 sagt, verehrt der Ungläubige, also auch der ungläubige Wissenschaftler die Schöpfung anstatt den Schöpfer. Er versucht in der Natur selbst den Urgrund für die Verlässlichkeit der Natur zu finden.

Zum anderen ist ein nichtchristlicher Forscher dadurch eingeschränkt, dass er das Übernatürliche kategorisch ausschließt.

Das Standardbeispiel zur Illustration ist die Evolutionstheorie. Der naturalistische Wissenschaftler versucht, eine naturalistische Erklärung für einen Sachverhalt zu finden, der nur übernatürlich, das heißt von Gott her erklärbar ist. Genau hier aber liegt die heutzutage behauptete Spannung zwischen christlichem Glauben und Wissenschaft.

  • Sie besteht nicht zwischen biblischem Glauben und einer vorgeblich neutralen Wissenschaft. Vielmehr besteht der Konflikt zwischen dem biblischen Glauben und einer „Wissenschaft“, die auf naturalistischen Glaubensannahmen basiert.
  • Wir haben es nicht zu tun mit einer Auseinandersetzung zwischen einem „vorgefassten, irrationalen christlichen Glauben“ und einer „neutralen rationalen Wissenschaft“, sondern es ist ein Geisteskampf zwischen dem [vernünftigen] christlichen Glauben und einem [unvernünftigen] naturalistischen Glauben, der aus persönlicher Vorliebe ohne jegliche Grundlage die biblische Offenbarung bzw. das Übernatürliche kategorisch ausschließt.
  • Wir müssen verstehen, dass es so etwas wie Neutralität weder in der Wissenschaft noch sonst irgendwo gibt. Deshalb ist es von allergrößter Bedeutung, dass sich Wissenschaftler ihrer jeweiligen Voraussetzungen (Präsuppositionen) bewusst sind.
  • Der US-amerikanische Theologe J. Gresham Machen schreibt über die Natur der Neutralität und der Wissenschaft: „Der Versuch, das Christentum mit der neuzeitlichen Wissenschaft zu versöhnen, hat dazu geführt, alles Charakteristische des Christentums aufzugeben […]. Es ist der Versuch, aus dem Christentum alles zu entfernen, was im Namen der [säkularen] Wissenschaft beanstandet werden könnte. Bei dem Versuch, die Gegner durch derartige Zugeständnisse zu bestechen, hat der Apologet in Wirklichkeit genau das aufgegeben, was er verteidigen wollte.“

Es gibt keine Neutralität, weder in der Wissenschaft noch irgendwo sonst. Während säkulare Wissenschaftler ständig behaupten, neutral zu sein, ist das Gegenteil wahr. Römer 1,18.19 schildert die Geisteshaltung des Nicht-Christen und damit auch die Geisteshaltung eines ungläubigen Wissenschaftlers: Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat.

Der Ungläubige weiß, dass Gott ist. Aber er reagiert darauf, indem er die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhält, das heißt unterdrückt (Röm. 1,1820). Bahnsen vergleicht die Situation mit einem Wasserball, den man versucht, unter Wasser zu pressen. Um dies zu tun, muss man permanent mit dem Ball in Kontakt bleiben. Dies ist auch der Grund, warum ungläubige Wissenschaftler gegenüber dem Christentum so feindlich eingestellt sind. Heutzutage kann man scheinbar alles anbeten oder sein, sogar Muslim oder Mormone. Aber sobald es um biblisches Christentum geht, gehen die Wogen hoch. Da gibt es dann keine Toleranz mehr. Genau dies wird in Römer 1,18ff beschrieben.

Ein Wissenschaftler, der meint, er sei neutral oder folge „lediglich bloßen Fakten“, ist bereits ohne es überhaupt selbst zu bemerken, in die Falle seiner eigenen Vorurteile getappt.

Aber was heißt das nun für den Christen und für den christlichen Wissenschaftler? Hat die Bibel überhaupt etwas zum wissenschaftlichen Prozess beizutragen? Oder ist Gottes Wort, wie manche behaupten, bloß für unser Heil und die persönliche Frömmigkeit nützlich? Wäre das Letztere der Fall, gäbe es in der Tat absolut keinen Unterschied zwischen einem christlichen und einem nicht-christlichen Wissenschaftler. Und genau das ist das wirklich Traurige daran, dass nämlich etliche sogenannte christliche Wissenschaftler die genau gleichen säkular-naturalistischen Präsuppositionen wie nicht-christliche Wissenschaftler verwenden. Dabei hoffen jene auf deren Akzeptanz. Und dann behauptet man, „neutrale“ und „unbeeinflusste“ Forschung stehe im Widerspruch zu den Inhalten des Wortes Gottes.

Aber das ist natürlich Unfug. Denn alles Denken und daher auch alle wissenschaftlichen Aktivitäten gehen von Ausgangspunkten aus. Die Ausgangspunkte bestimmen die Ergebnisse. Säkulare Wissenschaftler und auch christliche Wissenschaftler, die mit säkularen, antibiblischen Annahmen ihre Arbeit beginnen, sollten nicht überrascht sein, wenn sie Resultate erhalten, die im Konflikt mit der Heiligen Schrift stehen.

Wenn solche Wissenschaftler mit Aussagen der Bibel konfrontiert werden, werden sie für ihre Arbeit diese Wahrheiten verwerfen und sich auf die Suche nach alternativen, nicht-übernatürlichen Erklärungen machen. Sie werden in der Gemeinde von Jesus Christus verkünden, dass „die Wissenschaft Widersprüche in der Bibel gefunden habe, die harmonisiert werden müssten“. Oder in anderen Worten: Man müsse seine „althergebrachten Meinungen über biblische Aussagen und deren Unfehlbarkeit neu überdenken“. Man spricht dann gern von einem „Paradigmenwechsel“. Man brauche einen „neuen Einstieg zur Auslegung der Heiligen Schrift“. Man strebt nach einer neuen „Hermeneutik“ [Auslegungsweise].

Aber auf diese Weise wird das Vertrauen der Christen in die Bibel untergraben. Schließlich werden Kirchen und ganze Konfessionen im Namen der Wissenschaft zerstört. Es ist genau diese Art des trügerischen Zirkelschlusses, die dieses verlogene Dilemma zwischen Wissenschaft und Bibel erzeugt hat. Säkulare Wissenschaftler und christliche Wissenschaftler, die auf der Grundlage derselben naturalistisch-materialistischen Voraussetzungen arbeiten, beanspruchen gern „Neutralität“. Sie versichern uns, dass sie dem folgen, „wohin die Fakten sie führen“. Aber wie wir bereits sahen: In Wahrheit wird das Ergebnis ihrer Forschung von ihren anti-christlichen Voraussetzungen vorweggenommen und bestimmt.

Ebenso sind wir oft mit dem Anspruch mancher Wissenschaftler konfrontiert, dass die „Allgemeine Offenbarung“, also Gottes Offenbarung in der Schöpfung „neutral“ interpretiert werden könne. Man könne unvoreingenommen, abseits von biblischen Grundannahmen die Natur erforschen.

Man pflegt dann darauf hinzuweisen, dass es ja bei der Bibel verschiedene Interpretationen gebe und man sich schon deswegen an der Allgemeinen Offenbarung orientieren müsse, also an der Natur, um von daher den beabsichtigten Sinn der Aussagen der Heiligen Schrift zu finden.

Aber eine solche Vorgehensweise ist absurd. Natürlich wurden im Lauf der Geschichte biblische Texte unterschiedlich ausgelegt. Aber dies als Rechtfertigung dafür zu nehmen, um Wissenschaft abseits und entgegen biblischer Prinzipien zu betreiben, entspricht nicht biblischer Lehre. Wenn manche Leute Stellen der Bibel missbrauchen, wird damit der rechte Gebrauch der Heiligen Schrift nicht aufgegeben. Selbst wenn wir Unterschiede in der Interpretation von Bibelstellen in Betracht ziehen, überlegen Sie einmal: Wie viele verschiedene Interpretationen gibt es und hat es gegeben über die Natur, die Allgemeine Offenbarung. Wie oft schon lagen im Lauf der Weltgeschichte die größten Wissenschaftler über alle möglichen Dinge falsch?

Aber es gibt mindestens noch zwei weitere Argumente gegen eine solche Überbewertung der Allgemeinen Offenbarung:

  1. Das gesprochene Wort ist präziser und klarer in seinem Offenbarungsgehalt, zumal es direkt von Gott dem Heiligen Geist ausgesprochen wurde.
  2. Die Natur wurde vom Sündenfall in Mitleidenschaft gezogen. Daher ist sie als Untersuchungsgegenstand und Offenbarungsquelle nur bedingt aussagekräftig oder für den Menschen lesbar. Denn sie ist auch der Nichtigkeit unterworfen (Röm. 8,20).

Nicht selten begegnen uns sogenannte christliche Wissenschaftler, die uns erklären, dass wir die „unvoreingenommene“ Interpretation des Naturwissenschaftlers benötigen, um die Allgemeine Offenbarung richtig verstehen zu können. Diese Leute erheben sich selbst gleichsam zu einer neuen Klasse von Priestern, die meinen, uns autoritativ sagen zu können, wie Gottes Wort richtig neu zu interpretieren sei. Dadurch erheben diese christlichen Wissenschaftler mit ihren antibiblischen Voraussetzungen und ihrer persönlichen Interpretation der Allgemeinen Offenbarung sich selbst über das geschriebene Wort Gottes.

Das was heute als „wissenschaftliche Methode“ gilt, ist nicht neutral. Sie hat Voraussetzungen. Sie basiert auf einem naturalistischen Empirismus. Von daher schließt man das Übernatürliche methodisch von vornherein aus. Diese sogenannte wissenschaftliche Methode ist selbst ein Glaubensbekenntnis. Sie ist niemals durch einen gültigen, wissenschaftlichen Prozess eruiert worden. Vielmehr basiert sie auf antibiblischen philosophischen Annahmen.

Dieses alles wirft natürlich eine Frage auf: Da wir jetzt wissen, dass der Nichtchrist keineswegs neutral ist: Was heißt das konkret für uns? Können wir als Christen Neutralität in unserer Forschung beanspruchen? Die Antwort auf diese Frage ist ein lautes und unmissverständliches „Nein“: Weder Ungläubige noch Christen sind unvoreingenommen in ihrer Interpretation der Realität. Beide haben eine Weltanschauung, die sich zusammensetzt aus Metaphysik, Erkenntnistheorie und Ethik. Nur dann können sie überhaupt mit dem jeweiligen Erkenntnisprozess beginnen.

Der Ungläubige ist nicht neutral, wie wir jetzt gesehen haben. Und der Christ ist es ebenfalls nicht. Er darf es auch nicht sein. Cornelius Van Til hat zu Recht festgestellt, dass die „Bibel für jedes Thema, über das sie spricht, maßgeblich ist. Und sie spricht nun einmal über jedes Thema”.

Da die Heilige Schrift die einzige Quelle der Speziellen (Besonderen) Offenbarung Gottes über die Schöpfung ist, muss sie der Ausgangspunkt für jegliche Interpretation der Wirklichkeit sein. Wenn Wissenschaft auf der Grundlage der göttlichen Inspiration und der Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift erfolgt, müssen Wissenschaftler ihre Theorien und Interpretationen auf Basis eben dieses Wortes Gottes konzipieren und analysieren.

Das Problem vieler Christen heutzutage ist nicht, dass sie die Wahrheiten der Heiligen Schrift gänzlich verleugnen, sondern dass sie versuchen, säkulare Interpretationen der Realität im Gegensatz zu biblischer Interpretation zu übernehmen. Francis Schaeffer warnt: „Hier liegt die evangelikale Katastrophe das Versagen der evangelikalen Welt für die Wahrheit als Wahrheit einzutreten. Dafür gibt es nur eine Beschreibung – Anpassung.“ Hier ist die Frage nicht mehr die der Neutralität, sondern die, welcher Grundannahmen man sich bedient, um die Welt und alles was darin ist, zu deuten.

Cornelius Van Til schreibt zu dieser Thematik: „Es gibt zwei sich gegenseitig ausschließende methodische Wege. Der Weg des natürlichen Menschen nimmt die Letztgültigkeit [Ultimität] des menschlichen Geistes an. Auf dieser Grundlage hat sich der Mensch selbst zum ultimativen Referenzpunkt gemacht. Er hat praktisch die gesamte Realität auf eine einzige Ebene reduziert, und er leugnet den Ratschluss Gottes als entscheidend über das, was möglich und was unmöglich ist.“

Sobald der Mensch selbst entscheiden will, was im Wort Gottes gelten darf und was nicht, hat er sich über das Wort Gottes erhoben und sich damit die Position Gottes angemaßt. Er blickt auf das Wort Gottes herab und entscheidet, was dem modernen Menschen noch zumutbar ist und was nicht. Dies ist das Gegenteil des Christentums. Der Mensch hat sich damit selbst zum Richter gemacht. Dies ist die Sünde im Garten Eden: Ihr werdet sein wie Gott. Das heißt: Ihr werdet euer eigener Maßstab sein.

Um es mit den Worten Van Tils zu formulieren: „Fakten und Interpretation von Fakten können nicht getrennt werden … Fakten ohne Gott wären rohe Fakten. Sie würden keine erkennbare Beziehung zueinander haben. Der Mensch kann sie so nicht verstehen.“

Van Til trifft den Nagel auf den Kopf: Alle Tatsachen müssen interpretiert werden, und jede Interpretation basiert auf der Weltanschauung einer Person, die als Glaubenssatz gehalten wird.

Wir können uns dies anhand des folgenden Ereignisses vor Augen führen: Ich denke an den Bericht über Elisa und das im Jordan schwimmende Eisen (2Kön. 6,17).

Wenn wir uns zusammen mit einem säkularen Wissenschaftler auf den Boden einer naturalistischen Weltanschauung stellen und versuchen, durch eine wissenschaftliche Methode dieses Ereignis zu reproduzieren, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass Eisen niemals schwimmen kann. Aus diesem Grund müsste die Bibel neu interpretiert werden, um solche „Ungereimtheiten“ als fehlerhaft auszumerzen. Die Grundvoraussetzung einer solchen Interpretation ist ein säkular-naturalistisches Konzept im Bereich der Metaphysik.

Ein solcher Ansatz würde zu einer Methode der biblischen „Interpretation“ führen, die dann konsequenterweise für die gesamte Bibel gelten müsste. Wird diese Art der Hermeneutik weiter auf das Erste Buch Mose angewandt, muss sie auch für den Rest der Heiligen Schrift gelten.

Diese neue Grundvoraussetzung lautet: Es gibt keine Wunder, kein übernatürliches Eingreifen. Wenn es keine Wunder gibt, dann gibt es auch keine Auferstehung der Toten. Und wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist Christus nicht auferstanden: Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Verkündigung vergeblich, und vergeblich auch euer Glaube! Wir werden aber auch als falsche Zeugen Gottes erfunden, weil wir von Gott bezeugt haben, dass er Christus auferweckt hat, während er ihn doch nicht auferweckt hat, wenn wirklich Tote nicht auferweckt werden! […]. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden (1Kor. 15,1217).

Dieser Zugang zur „Wissenschaft“ hat Deutschland, hat die westliche Welt zerstört. Er ist dafür verantwortlich, dass die theologischen Fakultäten in diesem einst so christlichen Land kaputt sind. Dieses kritische Hinterfragen vom Boden säkular-naturalistischer Voraussetzungen hat inzwischen auch auf die Gemeinden übergegriffen.

Wir hören öfters, diese Frage sei nicht so wichtig, weil sie „kein Heilsthema“ sei. Aber wir haben gerade gezeigt, dass es letztendlich untrennbar ist. Letztendlich wird es uns auf denselben Pfad des deutschen liberalen Theologen Rudolf Bultmann und seinem Konzept der „Entmythologisierung der Schrift“ führen, wobei sich alles in der Bibel, das sich nicht mit einer naturalistischen Weltanschauung erklären lässt, als Mythos angesehen werden muss. Das wäre das Ende des Christentums.

Damit stellt sich die Frage: Gibt es einen Standard, an dem alle Wahrheitsansprüche zu beurteilen sind? Als Christen erkennen wir an, dass die Bibel die einzige Quelle objektiver Wahrheit ist, und wir erkennen sie als den ultimativen Standard für alles an (2Kor. 10,5). Darum muss sie die Grundlage für alles Wissen sein, und an ihr sind sämtliche Wahrheitsansprüche zu überprüfen. Die Heilige Schrift ist als letzte Instanz zur Beurteilung für jede Schlussfolgerung im Universum heranzuziehen. Falls es den Anschein hat, dass eine menschliche Interpretation der Allgemeinen Offenbarung mit der Heiligen Schrift in Konflikt gerät, muss dem geschriebenen Wort immer der Vorrang zugewiesen werden weil sie die letztgültige (ultimative) Basis für alle Schlussfolgerungen ist.

Fassen wir zusammen: Der scheinbare Widerspruch zwischen Glaube (Bibel) und Wissenschaft ist ein erlogenes Dilemma. Der wirkliche Widerspruch liegt zwischen der Bibel und allem wissenschaftlichen Bemühen, das auf Annahmen beruht, die dem Wort Gottes entgegenstehen. Es ist ein Konflikt zwischen Wahrheit und Lüge.

Der Apostel Paulus schreibt dazu: Zieht nicht in einem fremden Joch mit Ungläubigen! Denn was haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit miteinander zu schaffen? Und was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial überein? Oder was hat der Gläubige gemeinsam mit dem Ungläubigen? (2Kor. 6,14.15).


[1]) Der Artikel beruht auf dem Vortrag, den Prof. Dr. S. Walicord am 19. Oktober 2019 bei der Eröffnungsfeier des 20. Studienjahres der Akademie für Reformatorische Theologie hielt.