Wortverkündigung zu 2.Mose 20,22 bis 23,33: Gottes spezielles Gesetz

Überflüssige Gebote?

Wenn man die Bibel von vorne bis hinten durchliest, fallen einem zahlreiche Begründungen ein, über diesen Abschnitt schnell hinwegzugehen. Denn dort begegnet man Geboten wie: Wenn ich einen Brunnen grabe, diesen aber nicht abdecke und ein Esel hineinfällt, dann muss ich Schadensersatz für den Esel bezahlen (2Mos. 21,33.34). Die meisten Menschen in unseren Breiten haben noch nie einen Brunnen gegraben, und sie besitzen wohl auch keinen Esel. Schon von daher scheint es nicht notwendig zu sein, sich länger mit diesen Kapiteln zu beschäftigen. Oder etwa doch?

Wenn man solche Gedanken hat, ist es wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass diese Kapitel Teil des Wortes Gottes sind. Als Jesus auf der Erde war, nahm er nicht das Alte Testament und strich diese Kapitel heraus. Auch der Apostel Paulus schreibt, dass im Neuen Bund die ganze Schrift nützlich ist (2Tim. 3,16). Dabei bezieht er sich auf das Alte Testament. Schon allein deswegen sollten wir diese Kapitel nicht einfach überlesen, sondern sie ernsthaft bedenken.

Allgemeine und spezielle Gebote

Wo befinden wir uns im zweiten Buch Mose? Direkt vor diesem Abschnitt stehen die Zehn Gebote (2Mos. 20,1-17). Die Zehn Gebote sind Gottes allgemeingültiges Gesetz. Sie erklären uns, was es konkret heißt, dass wir Gott und unseren Nächsten lieben sollen. Dabei bleiben sie so allgemein, dass sie alle wichtigen Bereiche des menschlichen Lebens in Kurzform abdecken. Da sie Gottes heiligen Charakter widerspiegeln, sind sie für alle Menschen an allen Orten gültig.

Demgegenüber stehen die Gesetze, die unmittelbar auf die Zehn Gebote folgen. Auch sie sind Gottes Anordnungen. Aber anders als die Zehn Gebote sind sie nicht allgemein formuliert. Vielmehr beziehen sie sich auf ganz bestimmte, spezielle Situationen.

Derartige spezielle Gesetze finden wir nicht nur in diesem Abschnitt. Besonders das dritte und dann auch das fünfte Buch Mose sind voll von diesen Gesetzen. Gerade wenn man schon einmal die Bibel insgesamt durchgelesen hat, ist man darauf gestoßen. Und es ist gut möglich, dass man sich daran gestoßen hat: Warum gibt es in der Bibel seitenweise solche Gebote, die für uns nicht relevant erscheinen?

Bevor wir uns mit diesem Thema beschäftigen, wollen wir der Frage nachgehen, warum es biblisch-theologisch sinnvoll ist, zwischen Gottes allgemeingültigem und seinem speziellen Gesetz zu unterscheiden.

Gründe für die Unterscheidung

Welche Gründe nennt uns die Heilige Schrift dafür, einige der Gebote in 2.Mose 20 bis 23 als allgemeingültig und andere als speziell zu bezeichnen?

Während Gott die Zehn Gebote direkt zu seinem Volk sprach (2Mos. 20,1), verkündigte Mose die speziellen Gesetze im Auftrag Gottes (2Mos. 20,22). Bereits daran sieht man, dass die Zehn Gebote eine grundlegendere Bedeutung haben als die Gebote, die im Anschluss daran folgen.

Einen weiteren Grund für die Unterscheidung zwischen allgemeingültigen und speziellen Geboten finden wir, wenn wir uns den Abschnitt ab Kapitel 20,22 genauer anschauen. Denn immer wieder stoßen wir dort indirekt auf die Zehn Gebote. Diese werden aufgegriffen und erläutert. So lesen wir in 2.Mose 20,23: Darum sollt ihr neben mir keine Götter aus Silber machen, auch Götter aus Gold sollt ihr euch nicht machen.

Dieser Vers ist eine Erläuterung des zweiten Gebots. In 2.Mose 21,12 heißt es: Wer einen Menschen schlägt, dass er stirbt, der soll unbedingt sterben. Dies ist eine Erläuterung des sechsten Gebots. Auf diese Weise wird nahezu jedes der Zehn Gebote aufgegriffen und erläutert.

Wir können also festhalten, dass die Zehn Gebote in den gut drei Kapiteln ab 2.Mose 20,22 auf viele konkrete Situationen des Alltags bezogen werden. Während die Zehn Gebote die allgemeinen Prinzipien sind, finden wir im Anschluss daran die Anwendung mitsamt den Konsequenzen im Fall von Übertretung.

Damit sind diese Gebote praktisch, und sie bilden eine Zuspitzung der Zehn Gebote. Als Gott sie seinem Volk gab, sollten sie das Zusammenleben der Israeliten regeln, indem sie für verschiedene Fälle jeweils festlegten, wer Schuld hat und wie hoch die Strafe ist.

1. Ein Gesetz – gültig für die Vergangenheit

Die meisten Christen in der Kirchengeschichte waren sich darüber einig, dass im Neuen Bund diese speziellen Gebote nicht mehr gültig sind, zumindest nicht in dem Sinn, dass wir sie eins zu eins heute umsetzen sollen. Wie kam man zu dieser Überzeugung? Zur Beantwortung dieser Frage, führe ich im Folgenden fünf Gründe an:

Erster Grund: Die Lebensumstände haben sich geändert. Die meisten von uns haben heute keine Esel mehr, die in irgendwelche Brunnen fallen können, sondern Fahrräder, Motorräder und Autos. Nur wenige Menschen besitzen heute noch Felder, Weinberge und Nutztiere. Unsere Kultur hat sich in eine Richtung entwickelt, dass heute viele der beschriebenen Fälle gar nicht mehr oder kaum noch auf die Lebenssituation der Menschen zutreffen. Während die Zehn Gebote weitgehend so formuliert sind, dass sie zu allen Zeiten und in allen Kulturen angewendet werden können, ist dies bei den speziellen Geboten anders.

Zweiter Grund: Jesus hat die speziellen Gesetze erfüllt und damit abgeschafft. In der Bergpredigt sagte Jesus über sich selbst: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen (Mt. 5,17). Damit stellt sich die Frage: Was meint Jesus eigentlich, wenn er davon spricht, dass er das Gesetz erfüllt hat?

Zunächst einmal heißt das, dass Jesus das gesamte Gesetz zu einhundert Prozent selbst gehalten hat. Jesus hat niemals das Gesetz auch nur im Kleinsten gebrochen. Dadurch ist er der erste und einzige Mensch, der jemals das Gesetz erfüllt hat.

Ferner meint erfüllen, dass Jesus durch seinen Tod und durch seine Auferstehung uns den Heiligen Geist geschenkt hat. Er wohnt in uns. Der Heilige Geist verändert unsere Herzen so, dass wir in der Lage sind, die Gebote Gottes zu halten. Das hatte bereits der Prophet Jeremia verheißen, als er über den Neuen Bund sagte, dass das Gesetz auf die Herzen der Gläubigen geschrieben werde (Jer. 31,31-34). Dabei wird die Umsetzung, solange wie wir noch nicht den Auferstehungsleib haben, immer unvollkommen bleiben (Röm. 8,23). Aber hier geht es allein um die allgemeingültigen Gebote.

Für die speziellen Gebote heißt Erfüllung, dass Jesus diese Gebote abgeschafft hat – zumindest in der Form, wie es sie im Alten Bund gab. Aber wieso er das getan?

Zum einen gibt es unter den speziellen Gesetzen solche, die das Zusammenleben innerhalb des Volkes Israel regeln sollten. Die meisten der Gebote, die in 2.Mose 20,23 bis 23,33 stehen, gehören dazu. Sie werden manchmal auch als Zivil- oder Judizialgesetze bezeichnet.

Im Alten Bund war das Volk Gottes zugleich sowohl eine Gottesdienstgemeinschaft („Kirche“) als auch ein Staat. Heute sind wir als Volk Gottes (wie im Alten Bund) immer noch eine Gemeinschaft, die gemeinsam Gott anbetet. Aber wir sind kein Staat mehr. Im Neuen Bund gibt es in jedem Staat der Erde Menschen, die zum Volk Gottes gehören. Umgekehrt gibt es keinen Staat, in dem alle Menschen Teil des Volkes Gottes sind.

Die Zivilgesetze setzen voraus, dass der Staat ein Interesse daran hat, dass Gottes Gebote durchgesetzt werden. Wenn zum Beispiel die Todesstrafe bei einem bestimmten Vergehen gefordert wird, dann konnte das damals in Israel praktiziert werden, da sich Israel als Ganzes (zumindest im Prinzip) dem Gesetz Gottes untergeordnet hatte. Heute ist das deswegen kaum möglich, weil politische Staaten nicht mit dem Volk Gottes identisch sind. Natürlich ist es gut, wenn auch heute die Nationen sich an den Geboten Gottes orientieren. Aber wir haben im Neuen Bund keine Verheißung, dass irgendein Staat zu Gottes Reich wird. Weil also Jesus die Struktur seines Volkes geändert hat (vom Staat hin zu einer multinationalen Gruppierung), bedeutet Erfüllung die Abschaffung dieser Gebote.

Dann gibt es noch eine andere Kategorie von speziellen Gesetzen. Diese behandeln den Gottesdienst des Volkes im Alten Bund, also die Opfer, die Regelungen über die Priester, die Stiftshütte und ähnliches.

Diese Gebote werden manchmal als Zeremonialgesetze bezeichnet. Jesus hat sie erfüllt, indem er selbst das endgültige Opfer, der endgültige Hohepriester und der endgültige Tempel geworden ist. Damit hat er den alttestamentlichen Gottesdienst zu seinem Ziel gebracht. Diese Bestimmungen helfen uns, zu verstehen, was Jesus mit seinem Tod bewirkt hat und warum sein Tod nötig war. Aber in einem wörtlichen Sinn sind auch sie nicht mehr für uns gültig, denn sie sind in Christus aufgehoben.

Was heißt es also, dass Jesus das Gesetz erfüllt hat? Im Blick auf die Zehn Gebote heißt das: Jesus hat sie vollständig gehalten und uns durch seinen Geist in die Lage versetzt, sie ebenfalls zu halten, wenn auch nicht perfekt.

Für die speziellen Gesetze meint Erfüllung, dass Jesus Änderungen bewirkt hat, die dazu führen, dass diese speziellen Gesetze für uns nicht mehr eins zu eins gelten.

► Dritter Grund: Die kulturellen Einflüsse haben sich geändert: Zu allen Zeiten hat Gott seine Gebote unter anderem dazu gegeben, sein Volk davor zu bewahren, die gottlosen Praktiken und Weltbilder ihrer Umgebung zu übernehmen. Deswegen gab er den Israeliten unter anderem das folgende Gebot: Du sollst auch nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, damit deine Blöße nicht aufgedeckt wird vor ihm!(2Mos. 20,26). Laut diesem Gebot sollten die Israeliten also keine Stufen vor den Altären bauen, und zwar, damit man nicht die Scham des Priesters sehen konnte, wenn er zum Altar emporstieg.

Warum gibt Gott dieses Gebot? Der Grund ist, dass sämtliche anderen Völker um Israel herum in ihren Gottesdiensten sexuelle Praktiken durchführten. Deswegen sollte das Volk Israel alles daransetzen, die Vermischung von Gottesdienst und sexuellen Praktiken zu vermeiden.

Es gibt ein weiteres Beispiel für diese Art der kulturellen Abgrenzung. Dieses finden wir etwas später: Du sollst ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen!(2Mos. 23,19b).

Mit diesem Gebot begründen orthodoxe Juden bis zum heutigen Tag, dass sie koscher essen müssen, also Fleischprodukte und Milchprodukte nicht vermischen oder zusammen verzehren dürfen.

Auch bei diesem Gebot fragt man sich: Warum gibt es dieses Gebot? Vermutlich wurde dieses Gebot ebenfalls gegeben, damit sich Gottes Volk von den religiösen (Fruchtbarkeits-) Praktiken der umliegenden Völker abgrenzt.

Auch im Neuen Bund möchte Gott, dass wir uns als sein Volk nicht den kulturellen und weltanschaulichen Denkweisen unserer Umgebung anpassen. Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: Passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist (Röm. 12,2). Das Ziel bleibt dasselbe. Aber die Weltanschauungen haben sich geändert. Schon gar nicht macht es Sinn, sich gegenüber vergangenen Weltanschauungen dadurch abzugrenzen, dass man Milch- und Fleischprodukte voneinander getrennt isst.

► Vierter Grund: Die speziellen Gebote spiegeln nicht unbedingt die Heiligkeit Gottes wider, im Unterschied zu den allgemeingültigen Geboten, also den Zehn Geboten, die Gottes heiligem Charakter entsprechen. Wenn Gott im siebten Gebot sagt, dass er den Ehebruch nicht will, dann heißt das im Umkehrschluss eben: dass er die Ehe will und sie gutheißt. Später erfahren wir sogar, dass Gott die Ehe eingesetzt hat, um durch sie seine Liebesbeziehung zu seinem Volk zu veranschaulichen (Eph. 5,22-33).

Die speziellen Gebote auf der anderen Seite reflektieren nicht unbedingt Gottes Charakter. In unserem Abschnitt gibt es unter anderem Regelungen zu Sklaven (2Mos. 21,2-11).

Viele haben daraus gefolgert, dass Gott die Sklaverei befürworte. Aber das steht nirgendwo im Wort Gottes. Gott gibt hier Regelungen für den Umgang mit Sklaven, sofern man welche besitzt. Übrigens: Niemals in der Geschichte der Menschheit gab es eine sklavenhaltende Gesellschaft, in der die Sklaven so gut behandelt werden mussten wie in der israelitischen. Während die Bibel Regelungen gibt, um die Sklaverei menschlicher zu gestalten, macht sie auch deutlich, dass Freiheit für Sklaven der bessere Weg ist (1Kor. 7,21; Phlm. 15-17). Es wäre also falsch, aus diesen Anordnungen zu schließen, Gott heiße die Sklaverei gut oder sie entspreche seinem Charakter.

Ein weiteres Beispiel sind die Verordnungen im Blick auf die Ehescheidung. Auch dazu finden sich Anweisungen in den fünf Büchern Mose (5Mos. 24,1-4). Die Pharisäer zur Zeit Jesu vertraten die Ansicht, dass Gott mit diesen Gesetzen die Ehescheidung für alle Zeiten erlaubt habe. Aber Jesus sagt ihnen, dass es diese Gesetze nur deswegen gibt, weil die Menschen so rebellisch sind und sich immer wieder scheiden lassen wollen. Einzig und allein um die Folgen für die betroffenen Frauen abzumildern, gab Gott Gesetze zur Ehescheidung (Mt. 19,7.8).

Diese speziellen Gesetze sind einzig und allein dazu gegeben, um die Folgen der menschlichen Herzenshärtigkeit abzumildern. Dafür gab Gott Regelungen im Blick auf die Sklaverei und die Ehescheidung. Von Anfang an war es nicht so (Mt. 19,8b). Aber Gott geht hier von dem gefallenen Zustand und von dem sündigen Verhalten der Menschen aus, und er ordnet einen Rahmen an, damit die Folgen für die Opfer erträglicher werden.

► Fünfter Grund: Die speziellen Gebote werden im Neuen Testament nicht mehr als verbindliche Gebote aufgegriffen. An keiner Stelle im Neuen Testament wird eines dieser Gebote so zitiert, dass dazu gesagt wird: Dies ist ein Gebot, an das sich die neutestamentliche Gemeinde zu halten hat. Während die Zehn Gebote oder das Doppelgebot der Liebe immer wieder aufgegriffen werden (zum Beispiel: Mt. 22,34-40, Röm. 13,8-10; Eph. 6,2; 1Joh. 3,23.24; 5,21), ist das bei den speziellen Geboten nicht der Fall.

Nicht mehr gültig – was nun?

Diese fünf Gründe zeigen uns, dass die speziellen Gesetze für uns heute nicht mehr buchstäblich Geltung haben. Für Israel damals war das anders. Das Volk hatte den Auftrag, sich an jedes einzelne dieser speziellen Gebote zu halten. Gott hatte sie ihm gegeben, um es zu schützen und um zu zeigen, wie die Zehn Gebote in ihrem Kulturkreis praktisch umgesetzt werden sollten.

Für uns stellt sich jedoch die Frage, was wir heute mit diesen Geboten anfangen. Damit sind wir wieder bei dem Anfangsthema: Warum stehen diese Gebote überhaupt in unserer Bibel? Die Antwort des Neuen Testaments lautet kurz zusammengefasst: Auch wenn Gottes spezielle Gebote heute nicht mehr eins zu eins übertragbar sind, sind sie dennoch nach wie vor für uns hilfreich.

2. Ein Gesetz – hilfreich für die Gegenwart

Was ist damit gemeint, dass diese Gebote weiterhin hilfreich für uns sind? Es gibt im fünften Buch Mose das Gesetz: Du sollst dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul verbinden (5Mos. 25,4). Dieses Gebot besagt, dass einem Ochsen, der gerade bei der Feldarbeit ist oder einen Mühlstein zum Mahlen von Getreide in Bewegung setzt, nicht verwehrt werden soll, etwas vom Getreide zu fressen. Man darf also einen Ochsen nicht für das eigene Essen arbeiten lassen, während das Tier selbst hungert.

Zweimal zitiert Paulus dieses Gebot im Neuen Testament (1Kor. 9,9; 1Tim. 5,18). An beiden Stellen nimmt der Apostel dieses Gebot als Begründung dafür, dass die Gemeinden ihren Pastoren und Missionaren ein angemessenes Gehalt zahlen sollen.

Natürlich geht es in dem ursprünglichen Gebot nicht um Pastoren. Aber Paulus stellt die Frage: Was für ein Prinzip steht hinter dem alttestamentlichen Gebot? Antwort: Dahinter steht das Prinzip, dass jemand, der arbeitet, dafür auch eine faire Vergütung erhalten soll. Paulus zeigt auf, dass dieses Prinzip nach wie vor gültig und hilfreich für uns ist.

Ein weiteres Prinzip, das man aus diesem Gebot ableiten kann, ist das Prinzip, dass Gott sich um das Wohlergehen von Tieren sorgt. Sicherlich übertreiben es heute viele Tierschutzorganisationen, wenn sie versuchen, Tiere rechtlich auf die gleiche Ebene wie Menschen zu stellen. Aber auf der anderen Seite sind die Tiere auch Geschöpfe Gottes. Gott sorgt sich um sie. Deswegen dürfen Christen niemals Tierquälerei tolerieren.

Die speziellen Gebote sind also bis zum heutigen Tag nach wie vor hilfreich für uns. Was heißt das nun für die Gebote in den Kapiteln im zweiten Buch Mose?

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Nehmen wir als Beispiel die Frage nach dem Strafmaß. Sehr häufig wird gesagt, dass derjenige, der sich an einem anderen schuldig gemacht hat, das Verschuldete ersetzen muss, gegebenenfalls zuzüglich zu einer Wiedergutmachungsleistung. Der Schwerpunkt liegt also auf dem Ersetzen.

Zum Beispiel lesen wir in 2.Mose 22,4.5: Wenn jemand ein Feld oder einen Weinberg abweiden lässt und lässt sein Vieh frei laufen, sodass es das Feld eines anderen abweidet, dann soll er den besten Ertrag seines Feldes oder Weinbergs als Ersatz dafür geben. Bricht ein Feuer aus und erfasst es eine Dornenhecke und vernichtet einen Getreidehaufen oder das stehende Getreide oder das ganze Feld, dann soll der für den Brand Verantwortliche unbedingt den Schaden ersetzen.

Auch das bekannte Gebot Auge um Auge, Zahn um Zahn (2Mos. 21,24) gehört zu dieser Art von Regelungen. Es geht nicht darum, Rache zu fördern, sondern das Gegenteil ist der Fall: Wenn ein Mensch einem anderen den Zahn ausschlägt, muss die (vom Richter) festgelegte Strafe im Verhältnis zum entstandenen Schaden stehen. Man darf zum Beispiel seinen Nächsten für einen ausgeschlagenen Zahn nicht umbringen. Daran mussten sich alle im Alten Bund halten. Dieses Prinzip finden wir im Kern auch heute noch in unserer Rechtsordnung. Und das ist gut so.

In der Bergpredigt erklärt Jesus, dass dieses Gebot aus der Rechtsprechung des alttestamentlichen Bundesvolkes niemals als Prinzip für den zwischenmenschlichen Umgang oder gar für Selbstjustiz gelten darf, sondern dass man mit Liebe und Vergebung auf persönliche Angriffe reagieren soll (Mt. 5,38-47).

Nicht mehr gültig, aber hilfreich

Bis zu diesem Punkt haben wir gesehen, dass die speziellen Gebote nur für die Zeit des Alten Bundes eins zu eins galten. Damit besteht ein Unterschied zu den Zehn Geboten, die Gottes Charakter reflektieren und zeitlos gültig sind. Zugleich haben wir aber auch festgestellt, dass wir in den speziellen Geboten auch für heute Prinzipien finden, die uns dabei helfen, weise Entscheidungen zu treffen oder die Zehn Gebote im Alltag anzuwenden.

Gott dienen – aber wo

Zum Abschluss dieser Predigt möchte ich unseren Blick auf den Aufbau des gesamten Abschnitts lenken. Die meisten Gebote, die wir hier lesen, betreffen das alltägliche Zusammenleben der Menschen. Aber der Anfang und der Schluss des Abschnitts drehen sich um Gott.

Am Anfang heißt es: Darum sollt ihr neben mir keine anderen Götter haben (2Mos. 20,23). Ganz am Ende lesen wir: Du sollst mit ihnen (gemeint sind die umliegenden heidnischen Völker) und mit ihren Göttern keinen Bund schließen! Sie sollen nicht in deinem Land wohnen bleiben, damit sie dich nicht zur Sünde gegen mich verleiten; denn du würdest ihren Göttern dienen, und sie würden dir zum Fallstrick werden!(2Mos. 23,32.33).

Dazwischen gibt es neben den Gesetzen für den Alltag noch einen Ausblick auf das verheißene Land, zu dem das Volk unterwegs war (2Mos. 23,27-31): Ich will meinen Schrecken vor dir hersenden und will alle Völker in Verwirrung bringen, zu denen du kommst, und will alle deine Feinde vor dir fliehen lassen. Ich will die Hornisse vor dir hersenden, damit sie die Hewiter, die Kanaaniter und Hetiter vor dir her vertreibt. Ich will sie aber nicht in einem Jahr vor dir vertreiben, damit das Land nicht zur Einöde wird und die wilden Tiere sich nicht vermehren zu deinem Schaden. Nach und nach will ich sie vor dir vertreiben, in dem Maß, wie du an Zahl zunimmst, sodass du das Land in Besitz nehmen kannst. Und ich setze deine Grenze vom Schilfmeer bis zum Meer der Philister und von der Wüste bis zum Strom [Euphrat]; denn ich will die Bewohner des Landes in eure Hand geben, dass du sie vor dir vertreibst.

Gott blickt hier voraus auf das Land Kanaan, auf das verheißene Land, auf das Ziel ihrer Reise. Aber wie passt das zu den Gesetzen, die vorher und nachher hier aufgelistet worden sind? Wenn man den Abschnitt aufmerksam liest, fällt auf, dass viele der Gesetze in der Wüste wenig Sinn ergeben: Wer gräbt schon einen Brunnen in der Wüste, während er ständig unterwegs ist, und dann noch einen Brunnen, in den dann ein Esel hineinfallen könnte? Auch die Anweisungen für die drei großen Feste des Volkes erscheinen seltsam (2Mos. 23,15.16). Denn zwei von den drei Festen waren Erntefeste. Und die Frage stellt sich: Wozu gibt es in der Wüste Gebote für Erntefeste?

Warum gibt Gott dem Volk Gesetze, die zu einer sesshaften Gruppe von Menschen passen, während das Volk durch die Wüste wandert? Und warum beginnt Gott mitten in einer Ansammlung von Gesetzen plötzlich vom verheißenen Land zu sprechen?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist dieselbe: Gott weist bereits mit dem Gesetz – sowohl mit dem allgemeinen als auch mit dem speziellen – auf die Zukunft hin. Er gibt das Gesetz zwar auch für die Zeit in der Wüste, aber hauptsächlich für die Zeit, wenn das Volk im verheißenen Land angekommen ist.

3. Ein Gesetz – vorausschauend auf die Zukunft

Ganz am Anfang und ganz am Ende des Abschnitts geht es um Gott sowie um das verheißene Land. Dort, im Land Kanaan, will Gott bei seinem Volk wohnen. Dort möchte er von seinem Volk angebetet werden. Darauf weist das Gesetz voraus.

Wenn wir die gesamte Heilsgeschichte überblicken, sehen wir, dass das verheißene Land niemals das endgültige Ziel für das Volk Gottes war. Es war lediglich gegeben, um auf ein anderes Land hinzuweisen, zu dem wir auch heute unterwegs sind. Im Hebräerbrief lesen wir, dass die Menschen im Alten Bund zwar im verheißenen Land lebten, aber sich währenddessen bereits auf ein besseres Land ausrichteten: Und hätten sie [die Erzväter] dabei jenes [Land] im Sinn gehabt, von dem sie ausgegangen waren, so hätten sie ja Gelegenheit gehabt, zurückzukehren; nun aber trachten sie nach einem besseren, nämlich einem himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet (Hebr. 11,15.16; siehe auch 11,10.39.40). Dieses verheißene Land, von dem der Hebräerbrief spricht, ist der neue Himmel und die neue Erde. Es ist das Land, auf das das Gesetz ultimativ vorausblickt.

Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, sieht Johannes den neuen Himmel und die neue Erde. Angesichts dieser Vision schreibt er: Und es wird niemals jemand [in den neuen Himmel und die neue Erde] hineinkommen, der verunreinigt ist, noch jemand, der Gräuel und Lüge verübt (Offb. 21,27).

Wenn wir als Gottes Volk bei Jesus sein werden, wird es keine Sünder mehr in seiner Gegenwart geben. Es werden dort keine Sünder sein, und auch wir selbst werden nicht mehr sündigen. Wie oft regen wir uns über die Sünde anderer auf oder über unsere eigene Sünde. Aber wenn wir im neuen Himmel und auf der neuen Erde angekommen sind, werden wir selbst verherrlicht sein, das heißt, überhaupt nicht mehr in der Lage sein, zu sündigen.

Leben im Licht der zukünftigen Heimat

In der Ewigkeit werden wir nicht mehr zusammensitzen und uns Predigten über die Gesetze anhören. Wir brauchen uns auch nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, in welcher Weise die Gebote zu erfüllen sind, und was genau sie uns zu sagen haben. Der Grund dafür ist nicht, dass das Gesetz dann ungültig geworden ist. Vielmehr wird dann das Gesetz seinen Zweck erfüllt haben, auf den es schon immer letztlich hingewiesen hat. Dann wird es keinen Unterschied mehr zwischen dem Soll-Zustand und dem Ist-Zustand geben.

Das Gesetz wird nämlich auch im neuen Himmel und auf der neuen Erde nicht einfach verschwunden sein. Aber anstatt in steinerne Tafeln gemeißelt zu sein oder in Büchern gedruckt zu stehen, wird es vollständig in unsere Herzen eingeprägt sein. Durch den Propheten Jeremia versprach Gott seinem Volk nämlich genau dies: Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes hineinlegen und es auf ihre Herzen schreiben, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. (Jer. 31,33b; siehe auch Offb. 21,3).

Das Volk Israel bekam bereits in der Wüste das Gesetz für die Lebensgestaltung im Land Kanaan. Sie sollten schon auf ihrer Wanderschaft im Licht des zukünftigen Lebens leben. Für unsere Wanderschaft durch die Wüste dieses Lebens gilt dasselbe: Wir sind aufgerufen, uns bereits hier auf der Erde an den Maßstäben zu orientieren, die unser Leben in unserer zukünftigen Heimat ausmachen.

Amen.