5.Mose 1,1-5: Dies sind die Worte…

Das Fünfte Buch Mose ist eines der zentralsten Bücher im Alten Testament. Es schließt die fünf Bücher Mose ab, es ist das Hauptbuch des Gesetzes, und zusammen mit den anderen Büchern des Pentateuchs bildet es die Grundlage für alle weiteren Bücher des Alten und somit natürlich auch des Neuen Testaments. In diesem Buch wird der heilsgeschichtliche Rahmen abgesteckt, und es werden alle grundlegenden Themen der Bibel angeschnitten.

Das Buch handelt nicht nur vom Alten Bund, sondern es verheißt bereits den Neuen Bund. Infolgedessen dienen die anderen Themen, die in diesem biblischen Buch behandelt werden und von den folgenden Büchern der Heiligen Schrift aufgegriffen und weiterentfaltet werden, ebenfalls dieser Stoßrichtung. Jesus sprach genau diese gesamtbiblische Zielrichtung an, als er sagte: Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; und sie sind es, die von mir Zeugnis geben (Joh. 5,39). Die Schriften, also die Worte der Bibel, sind Worte des ewigen Lebens, weil sie uns zu Jesus Christus führen und von ihm Zeugnis ablegen.

In diesem Artikel wollen wir einen Blick auf das Fünfte Buch Mose in seiner Gesamtheit werfen. Dabei gehen wir von den ersten fünf Versen dieses Buches aus. Die ersten Verse bilden eine Art Vorwort. Doch aufgrund der Bedeutung des Fünften Buches Mose innerhalb des biblischen Kanons geben sie uns auch zahlreiche Hinweise auf Inhalt, Charakter und Bedeutung der gesamten Bibel.

Bereits die ersten drei hebräischen Wörter sind entscheidend, bilden sie doch zugleich den hebräischen Namen für das Fünfte Buch Mose. Übersetzt lauten sie: Dies sind die Worte. Wir wollen nun in sechs Punkten die Frage beantworten, warum diese Worte des Fünften Buches Mose und damit auch der ganzen Bibel, Worte des ewigen Lebens sind.

Dies sind Gottes Worte an Gottes Volk

Gott befreite das Volk Israel aus Ägypten. Er erlöste es nicht nur aus der Sklaverei, sondern er errettete es auch für etwas bzw. für jemanden, nämlich für sich. Die Nachkommen der Erzväter sollten sein Volk sein, und er sollte ihr Gott sein (2Mos. 6,7; 3Mos. 26,12). Um diese besondere Beziehung ging es beim Bundesschluss am Sinai und auch bei der Bundeserneuerung in der Ebene Moab am Ende der 40-jährigen Wüstenwanderung. Die Worte, die Mose dort zum Volk sprach, waren die Grundlage der Bundeserneuerung. Es sind Gottes eigene Worte. Es sind nicht wohlgemeinte Ratschläge von Mose, die er hier am Ende seines Lebens zum Besten gab, sondern es sind die Worte, die Gott seinem Knecht geboten hatte, damit er sie dem Volk Gottes verkündete: Mose redete zu den Kindern Israels, und zwar alles so, wie es ihm der Herr für sie geboten hatte (5Mos. 1,3).

Gott gab dem Volk sein Gesetz, um es zu seinem Volk zu machen. Es konnte wissen, wie Gott ist und wie es seinem Willen entsprechend leben sollte. Das Volk sollte die Lebensweise der Ägypter, von der es jahrhundertelang geprägt worden war, ablegen, und auf keinen Fall durfte es die der kanaanitischen Völker übernehmen, deren Land es bald in Besitz nehmen würde. Gott selbst sollte von nun an ihre Lebensweise, ihre Beziehung zu Gott und auch zueinander bestimmen.

Auch wir, die wir durch den Glauben mit Christus verbunden sind, gehören zu Gottes Volk. Diese Worte sind darum ebenso an uns gerichtet, wie es Jesus in der Bergpredigt bestätigt (Mt. 5,17-20). Auch wir leben in einer heidnischen Welt und stehen unter ihrem Einfluss. Umso dringender benötigen wir Gottes Wort. Doch leider vergessen wir oftmals, welche unerhörte Gnade darin liegt, dass der allmächtige Gott, der Herr und Schöpfer der Welt, zu uns spricht. Die Bibel ist kein verstaubtes, altes Buch, aus dem man sich durch das eine oder andere, was einem da begegnet, geistig anregen lassen kann. In der Bibel finden wir Gottes ewig gültige Botschaft an uns, die heute genauso wichtig und aktuell ist, wie sie es damals war, als Mose sie dem Volk Gottes verkündete.

Dies sind Gottes autoritative Worte

Damit meine ich, dass Gottes Wort, namentlich sein Gesetz, den Maßstab für Gut und Böse schlechthin vorgibt. Der Maßstab für unsere gegenwärtige Moral, für unser heutiges Beurteilen von Gut und Böse ist längst nicht mehr das Wort Gottes. Es sind auch schon längst nicht mehr herkömmliche Tugenden oder „Werte“ christlicher Prägung. Vielmehr ist jeder Mensch sich selbst zum bestimmenden Maßstab geworden. David F. Wells schreibt in seinem Buch Losing our Virtue: „Unsere Ansicht, dass Selbsterfüllung ein Recht ist, steht im Herzen dieser moralischen Verschiebung. Die innere Ethik unseres Selbst – Was ist richtig für mich? – wurde zum Mittel, mit dem alle äußeren Dinge bestimmt werden.“[2]

Auf der Basis dieser Einstellung ist natürlich kein Zusammenleben möglich, zumindest wird es außerordentlich erschwert. Gott selbst und sein Wort wurden verworfen und damit auch die einzige Grundlage, die die Freiheit des Einzelnen und das Zusammenleben in der Gemeinschaft ermöglicht. Infolgedessen führt diese „grenzenlose Freiheit“ gleichzeitig zu immer mehr staatlichen Regelungen und Gesetzen. Moralische Fragen, die früher durch einen feststehenden, allgemein anerkannten Maßstab beantwortet wurden, müssen nun durch den Staat detailliert geregelt und festgelegt werden. Wells schreibt: „Das Gesetz muss nun das tun, was der Charakter preisgegeben hat.“[3] Auch viele Kirchen haben ihren Einfluss preisgegeben und unterstützen das heutige Denken, dass jeder Mensch sich selbst verpflichtet ist und ohne Staat oder Kirche entscheidet, wie er sein Leben führen will. Gleichzeitig soll der Staat jedoch für Recht und Ordnung sorgen, damit eines jeden persönlicher Friede und Wohlstand gewahrt werde.

Praktisch führen wir heute unser Leben so, dass alles, was nicht illegal ist, moralisch möglich ist. So ist der Staat geradezu gezwungen, immer mehr Regeln aufzustellen. Doch wer entscheidet darüber, welche Bestimmungen der Staat festlegt? Manchmal ist es die Mehrheit. Doch was geschieht dann mit der Minderheit? Manchmal sind die Minderheiten exklusive Gruppierungen oder Lobbygruppen oder Technokraten. Aber was ist dann mit der Mehrheit? Kurzum: Wir leben in einem moralischen Vakuum, in dem es keinen festen Maßstab und keine Wahrheit mehr gibt und immer wieder neu, je nach Situation und regierender Partei, über Gut und Böse, Richtig und Falsch verhandelt werden muss.

Die Botschaft der Bibel, nicht zuletzt die des Fünften Buches Mose ist genau entgegengesetzt: Es gibt einen feststehenden Maßstab für Gut und Böse. Das ist Gott! Gott selbst hat uns sein Wesen und damit den Maßstab für unsere Moral in seinem Gesetz und in seinem Wort kundgetan. Anhand dieser Richtschnur wird er die Experten, Regierungen, Lobbygruppen und jeden einzelnen Menschen richten. Dieser göttliche Maßstab, sein Wort, sein Gesetz ist auch deswegen wichtig für uns, weil es nicht einfach nur um Richtig und Falsch, Gut und Böse geht. Vielmehr geht es auch um Schuld vor Gott und damit auch um Gottes Zorn und Gericht über den Menschen.

So wenig wie der moderne Mensch ein allgemeines moralisches Bewusstsein hat, hat er ein Bewusstsein für seine Schuld. Ohne festen Maßstab für Gut und Böse gibt es ja auch keine Schuld. Nicht was ein Mensch verbrochen hat, nicht seine Schuld, stellt heute in der Gesellschaft ein echtes Problem dar, sondern die Scham, die er deswegen fühlt. Man schämt sich eher, den eigenen Erwartungen oder denen anderer nicht zu entsprechen. Weniger oder gar nicht geht es einem darum, ob man Gottes Anspruch erfüllt hat oder nicht. Dann aber ist der Weg sehr geradlinig zwischen dem Unterschied des Jungen, der sich schämt, weil er nicht wie die anderen Jungs die angesagten Markenklamotten trägt, und der Frau, die sagt: „Die Scham, die ich gefühlt habe, als ich eine Abtreibung vornehmen ließ, war einfach schrecklich für mich.“

Schuld gerinnt zur Scham, und Scham wird zu einem bloßen Gefühl, das psychotherapeutisch behandelt werden kann. Das Anliegen vieler Menschen, ob sie nun zu einem christlichen Seelsorger oder zu einem Psychotherapeuten gehen, lautet darum: Was kann ich tun, dass ich mich besser fühle? Die Frage eines Menschen, der von Gottes Wort in seinem Herzen getroffen worden ist, ist die Frage Luthers: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Schuld schreit nach Vergebung, Scham nach Akzeptanz und Selbstannahme.

Gegenüber von Menschen gemachten Dogmen, die unsere Gesellschaft und unser Denken prägen, wie zum Beispiel das Dogma der Ablehnung jedes Dogmas, das heißt der Verneinung von einer klaren, geoffenbarten Wahrheit, ist das Gesetz Gottes, ist die Botschaft des Fünften Buches Mose wie ein Hammerschlag. Es ist wie ein Fels, den keiner verschieben oder aufweichen kann: Dies sind die autoritativen Worte Gottes! Und nun, Israel, höre auf die Satzungen und auf die Rechtsbestimmungen, die ich euch zu tun lehre, damit ihr lebt und hineinkommt und das Land in Besitz nehmt, das euch der Herr, der Gott eurer Väter, gibt. Ihr sollt nichts hinzufügen zu dem Wort, das ich euch gebiete, und sollt auch nichts davon wegnehmen, damit ihr die Gebote des Herrn, eures Gottes, haltet, die ich euch gebiete (5Mos. 4,1.2). Nicht ohne Grund finden wir eine Wiederholung dieser Verse am Ende der Heiligen Schrift (Offb. 22,18).

Gott hat dem Menschen mit seinem Gesetz und darüber hinaus mit der ganzen Bibel einen klaren, autoritativen Maßstab für Gut und Böse, für Richtig und Falsch gegeben. Es geht hier nicht um ein Wohlgefühl, also um die Frage, ob ich mich gut oder schlecht fühle, sondern es geht um Segen oder Fluch, um Leben oder Tod: Was ich dir heute gebiete, ist, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und in seinen Wegen wandelst und seine Gebote, seine Satzungen und seine Rechtsbestimmungen hältst, damit du lebst und dich mehrst; und der Herr, dein Gott, wird dich segnen in dem Land, in das du ziehst, um es in Besitz zu nehmen. Ich nehme heute Himmel und Erde gegen euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt; so erwähle nun das Leben, damit du lebst, du und dein Same (5Mos. 30,16-19).

Wie sehr werden wir von der Welt um uns geprägt, und wie häufig machen auch wir die Antwort auf die Frage nach Gut und Böse, Richtig und Falsch, Wahrheit und Lüge von unserem Gefühl, unserer Erfahrung, von weltlichen Gesetzen oder von der vermeintlichen Nützlichkeit abhängig! Beachten wir Jesu Worte, in denen er die Zeugen Himmel und Erde ebenfalls erwähnt: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und die Leute so lehrt, der wird der Kleinste genannt werden im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, der wird groß genannt werden im Reich der Himmel. (Mt. 5,17-19).

Das Wort Gottes ist die Richtschnur für unser Leben, und wir haben den Auftrag, Gottes Gesetz, seinen Maßstab für Moral, in dieser gesetzlosen und gleichzeitig gesetzesüberhäuften Zeit zu verkünden. Und das soll nicht nur von der Kanzel geschehen. In einer Zeit der Beliebig- und Belanglosigkeiten haben wir ständig Gelegenheit, in Gesprächen und Kontakten darauf hinzuweisen, dass es einen verbindlichen Maßstab, ein klares Gut und Böse gibt.

Wie oft hören wir: „Das muss jeder für sich selbst wissen“; „das muss jeder mit sich selbst ausmachen“; „das ist seine eigene Entscheidung“; „das ist Privatsache, Hauptsache der macht seinen Job“. Viele solcher Redensarten können wir zum Einstieg in ein Gespräch nutzen, ohne dabei den Zeigefinger pharisäerhaft zu erheben, sondern um aus Liebe zu Gott und den Verirrten das Wort Gottes zu bezeugen.

Dies sind Gottes verlässliche Worte

Der Mensch soll nach Gottes autoritativen Worten leben. Auch wenn er dies nicht tut: Gott erfüllt sein Wort! Im gesamten Fünften Buch Mose werden immer wieder die Konsequenzen von Gehorsam und Ungehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes angesprochen, und gegen Ende des Buches werden sie sogar in mehreren Kapiteln ausführlich behandelt, nämlich unter dem Aspekt von Segen und Fluch.

Aber bereits in den ersten Versen des Fünften Buches Mose macht uns Gott fast beiläufig, bei genauerem Hinsehen jedoch sehr drastisch deutlich, dass all das keine leeren Versprechungen oder bedeutungslosen Ermahnungen sind.

Durch die vielen geographischen Angaben in diesen ersten Versen erfahren wir, woher das Volk kam und wo es sich gerade befand: Es befand sich noch nicht im verheißenen Land. Zwei zeitliche Angaben weisen darauf hin, dass die Strecke zwischen ihrem Ausgangspunkt, dem Berg Horeb, an dem der Bund zuerst geschlossen worden war, und der Ebene von Moab, von der aus sie das Land einnehmen sollten, elf Tagesreisen betrug (5Mos. 1,2). Bezeichnenderweise steht im nächsten Vers: Und es geschah im vierzigsten Jahr, im elften Monat, am Ersten des Monats, dass Mose zu den Kindern Israels redete. Warum das Volk 40 Jahre und nicht 11 Tage benötigte, ruft uns Mose in diesem ersten Kapitel noch einmal mit einem harten Gerichtswort in Erinnerung: Als aber der Herr das Geschrei eurer Worte hörte, da wurde er zornig und schwor und sprach: Keiner von den Männern dieser bösen Generation soll das gute Land sehen, das ich euren Vätern zu geben geschworen habe! (5Mos. 1,34.35). Von einer ganzen Generation sollten nur zwei Männer, Josua und Kaleb, in das verheißene Land kommen. Selbst Mose und Aaron durften das Land nicht betreten. In diesem Moment, da Mose dem Volk die Worte Gottes erneut verkündete, wusste es, dass Gottes Worte verlässlich sind, dass er sie erfüllt.

Genauso wie sie die Erfüllung seines Heilswortes bei der Befreiung aus Ägypten erlebt hatten, erfuhren sie auch auf bittere Art und Weise sein Gerichtswort während der Wüstenwanderung. Müsste dies nicht Ansporn genug sein, Gottes Worte ernst zu nehmen und ihnen zu gehorchen? Doch hören wir auf die nächste Botschaft dieses Buches:

Dies sind Gottes unerfüllbare Worte

Noch zwei weitere Berichte machen uns das Versagen des Volkes deutlich. Anfangs weigerten die Menschen sich, das Land einzunehmen, weil sie kein Vertrauen in Gottes Hilfe und in seine Macht hatten. In der Mitte des Buches wird vom nochmaligen Versagen am Sinai, vom Goldenen Kalb, berichtet (5Mos. 9 und 10). Zweimal ging es um Israels Versagen in der Vergangenheit. Doch am Ende des Buches in Kapitel 31 ab Vers 14 spricht Gott vom zukünftigen Versagen. Trotz des Gesetzes und trotz der Erfüllung seiner Landverheißung, trotz aller seiner Langmut und Hilfe wird sich das Volk wiederum von Gott abwenden und den Bund aufs Schlimmste brechen. Die Botschaft ist klar: So wie ihr das Wort bisher nicht halten konntet, werdet ihr es auch künftig nicht vermögen. Der immer wieder erklärte Grund dafür ist das halsstarrige Wesen dieses Volkes. Gott bezeichnet das von Grund auf sündige Wesen des Volkes mit dem Bild des unbeschnittenen Herzens. Damit will er sagen, dass das tiefste Wesen der Menschen nicht in der Lage ist und auch nicht einmal gewillt ist, Gott zu folgen.

Das Gesetz, so gut und so göttlich es ist, wird dem Volk nicht helfen, ein gehorsames Leben zu führen und den Segen zu erlangen. Es kann, so wie Paulus es im Römerbrief betont, dem Menschen nur sagen, wie er leben soll. Es kann ihn jedoch nicht zu diesem Leben befähigen: Wir wissen aber, dass das Gesetz alles, was es spricht, zu denen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei, weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde (Röm. 3,19.20).

Treibt Gott nun sein Spiel mit dem Menschen, indem er ihm sein Gesetz gibt und sogar einen Bund mit ihm schließt? Im Gegenteil: Er will ihm eine lebenswichtige, zur Rettung führende Lehre erteilen.

Dies sind Gottes gnädige Worte

Man könnte fragen, warum Gott dem Volk das Gesetz gab, wenn das Versagen doch schon gewissermaßen vorprogrammiert ist. Aber man sollte die Frage eher aus einer anderen Perspektive beleuchten: Obwohl das Versagen in gewisser Weise vorprogrammiert ist, obwohl dieses Volk unwürdig ist und bleibt, spricht Gott dennoch zu ihm, schließt mit ihm dennoch einen Bund und gibt ihm dennoch seine Verheißungen. Dies macht er nicht auf Grund eines gegenwärtigen oder möglicherweise zukünftigen Gehorsams des Volkes. Nicht von der Leistung des Volkes ist der Bundesschluss abhängig, sondern allein von Gottes Gnade! Das Fünfte Buch Mose ist auf den ersten Blick ein Buch voller Gebote. Doch es baut auf der Gnadenverheißung an die Väter auf, und es führt zur Gnadenverheißung des Neuen Bundes hin.

Worin liegt nun konkret diese Gnade? Gott verheißt seinem Volk, dass er selbst ihr Wesen von der Halsstarrigkeit befreien wird. Das, was Mensch und auch Gesetz nicht tun können, wird Gott tun. Er wird ihr Herz beschneiden: Und der Herr, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, dass du den Herrn, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, damit du lebst (5Mos. 30,6).

Hier wird der Neue Bund verheißen. Der Höhepunkt des Bundesschlusses Israels war nicht das Gesetz, sondern die Ankündigung des Neuen Bundes, der Vergebung unserer Sünden. Christus hat uns den Neuen Bund gebracht. Er sagte im Blick auf seinen Tod Folgendes: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird (Luk. 22,20). Paulus erklärt dazu: In ihm seid ihr auch beschnitten mit einer Beschneidung, die nicht von Menschenhand geschehen ist, durch das Ablegen des fleischlichen Leibes der Sünden, in der Beschneidung des Christus, […] Er hat auch euch, die ihr tot wart in den Übertretungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, mit ihm lebendig gemacht, indem er euch alle Übertretungen vergab; und er hat die gegen uns gerichtete Schuldschrift ausgelöscht, die durch Satzungen uns entgegenstand, und hat sie aus dem Weg geschafft, indem er sie ans Kreuz nagelte (Kol. 2,11.13.14).

Dies sind Gottes segensreiche Worte

Durch Jesu Geist haben wir einen völlig anderen Zugang zum Wort Gottes. Durch dieses Wort Gottes will Jesus mehr und mehr unser ganzes Wesen prägen. Er gibt uns somit die Kraft, zur Ehre Gottes zu leben, auch wenn das in diesem Leben immer nur in Anfängen und kleinen Schritten geschehen wird. Aber er hat uns dazu bestimmt, Frucht zu bringen: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit der Vater euch gibt, was auch immer ihr ihn bitten werdet in meinem Namen (Joh. 15,16).

Das Gesetz ist nicht mehr der erdrückende Stein von außen, sondern die lebendige Kraft Gottes in unserem Herzen. So wie viele Psalmisten dürfen nun auch wir Gott loben und danken für sein Gesetz und uns in höchsten Tönen darüber freuen. Es ist Gottes Geschenk an uns, dass er uns sein Wesen zeigt und so das unsrige verändern will. Mit den Psalmisten lassen Sie uns darum Gott für sein Wort danken, denn es sind Worte des ewigen Lebens für uns. Es ist gut für mich, dass ich gedemütigt wurde, damit ich deine Anweisungen lerne. Das Gesetz, das aus deinem Mund kommt, ist besser für mich als Tausende von Gold- und Silberstücken (Ps. 119,71.72).


[1]) Die Grundlage dieses Artikels ist ein Vortrag, den Pastor Rühle im Oktober 2017 auf der Eröffnungsfeier des 18. Studienjahres der Akademie für Reformatorische Theologie in Gießen hielt. Bitte lesen Sie vorher das erste Kapitel des Fünften Buches Mose in einer guten Übersetzung.

[2]) Wells, David, Losing our Virtue. [SPCK Publishing] 1998, S. 62.

[3]) A.a.O., S. 63.