Das Zeugnis der Gemeinde des dreieinen Gottes – durch die Liebe, die sie zeigt

Einleitung

Die Gemeinde Jesu leidet heute unter der Veränderung in der Evangeliumsverkündigung, die vor über hundert Jahren vorgenommen wurde: Damals begann man, die „Entscheidung“ des Menschen in den Vordergrund zu rücken. Die Folge dieser Weichenstellung war, dass man sich auf die Thematik der „Entscheidung“ fixierte. Man verkündete zwar das Evangelium, aber alles lief auf „die Entscheidung“ hinaus oder auf „die Bekehrung“. Diese musste man nach außen sichtbar bekunden. Das heißt, es ging darum, bei der Evangeliumsverkündigung alle Fragen von der einen Fragestellung bestimmen zu lassen: Wie bekommt man es hin, dass die Menschen „Entscheidungen“ treffen? Die dominierende Frage lautete: Welches sind die maßgeblichen psychologischen und soziologischen Kriterien, die eine Entscheidung für Christus fördern, und welches sind die Elemente, die sie verhindern?

Auf diese Weise wurden in der Praxis zahlreiche Aspekte des Evangeliums, die für den natürlichen Menschen ein Ärgernis waren oder hätten sein können, nicht oder kaum noch angesprochen. Man schob sie beiseite. Dafür aber griff man begehrlich zu Mitteln und Methoden, von denen man meinte, dass sie für die Entscheidungsbereitschaft des Menschen förderlich seien.

Diese so produzierten „Entscheidungen“ setzte man dann mit einer von Gott gewirkten Wiedergeburt gleich. Man lehrte: Wenn einmal jemand eine solche Entscheidung getroffen hat, ist er errettet. Das heißt auch: Es ist der Mensch, der seine Errettung in der Hand hat.

Verschiedene Bewegungen mühten sich ab, diesen methodischen Ansatz zu perfektionieren. Schließlich gehe es ja darum, viele Menschen „für Christus“ zu gewinnen. Viele Gemeinden sind mit den so Entschiedenen angefüllt worden. Gleichzeitig wurden ihnen alle Verheißungen zugesprochen, die nur einem von Gott erretteten Menschen gelten. Diese Konzeption hat die Gemeinden mit Menschen angefüllt, die sich als Christen fühlen, aber nicht wiedergeboren sind. In Wahrheit kennen sie Christus nicht. Damit sie in der Gemeinde bleiben, müssen sie nun unterhalten werden.

Was hat diese Feststellung mit unserer Themenstellung zu tun? Antwort: Die Liebe, von der wir hier reden, ist ausschließlich in einem von Gott erneuerten Herzen zu finden. Wenn wir von „Mission – durch die Liebe, die die Gemeinde zeigt“, sprechen, so stehen wir vor dem Problem, dass unsere Gemeinden so vermischt sind von Erretteten und Nicht-Erretteten und dass ihnen allen gepredigt wird, sie sollen Liebe erweisen. Aber die Nicht-Erretteten kennen die Liebe Gottes nicht. Das heißt: Alles was man nun versucht aufzubauen, bleibt notwendigerweise auf der Ebene der natürlichen Fähigkeiten des Menschen.

Aber in der Heiligen Schrift ist die Liebe ein übernatürliches Werk des dreieinen Gottes. Sie ist zu allem, was Menschen hervorbringen können, so unvergleichbar, dass Paulus diese Liebe in Verbindung mit dem Glauben sogar immer wieder als Beleg für eine von Gott gegebene Errettung anspricht (zum Beispiel Eph. 1,15; Kol. 1,4.8). Sie sind die zentralen Merkmale, die Paulus zu der Überzeugung gebracht haben, dass jemand von Gott errettet ist. Der Apostel hielt also Ausschau nach den Merkmalen, die untrüglich die Hand Gottes zeigten und damit Hinweise dafür gaben, dass Gott im Leben des Menschen rettend gehandelt hat.

Diese Vorbemerkungen sollen dazu dienen, dass Sie das mir gestellte Thema richtig einordnen. Die Thematik „Das Zeugnis der Gemeinde des dreieinen Gottes – durch die Liebe, die sie zeigt“ wollen wir unter zwei Gesichtspunkten bedenken: die Liebe nach innen, und die Liebe nach außen. Bei beiden Thematiken stellen wir uns jeweils unter einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift.

1. Die Mission des dreieinen Gottes – durch die Liebe, die sie nach innen (in der Gemeinde) zeigt

Lesen wir zunächst 1.Korinther 12. Dieses Kapitel handelt von der Liebe innerhalb der Gemeinde. Dass es Paulus darum geht – und das obwohl er in diesem Kapitel den Begriff nicht ein einziges Mal verwendet -, sehen wir daran, dass er in Vers 31 auf Kapitel 13 hinüberleitet. In Kapitel 13 unterstreicht er das, was er in Kapitel 12 ausgeführt hat: In der Gemeinde muss alles von der Liebe bestimmt sein. Es bringt alles nichts, wenn nicht die Liebe das Miteinander in der Gemeinde beherrscht. Wenn wir uns die Zeit nehmen, und zunächst Kapitel 13 intensiv studieren, um dann anschließend noch einmal Kapitel 12 zu lesen, erkennen wir, dass alles, was in Kapitel 12 gesagt worden ist, nur dann dem Wesen des dreieinen Gottes entspricht, wenn es von seiner Liebe bestimmt ist.

Im Folgenden soll es uns nicht um die einzelnen Gaben gehen. Vielmehr wollen wir auf das Zusammenwirken dieser Gaben in der Gemeinde achten. Als Erstes erkennen wir, dass Paulus die Gläubigen auf Gott ausrichtet. Der Apostel beginnt damit, uns zu zeigen, wo der Ursprung der Gemeinde ist und woher wir unsere Gaben empfangen haben. Sie kommen von Gott dem Vater; es ist der Herr Jesus Christus, der die Quelle aller Dienste ist; der Heilige Geist gibt die Gaben. Siebenmal heißt es in diesem Kapitel: derselbe Herr, derselbe Gott und der eine Geist. Es ist ein Gott, es ist der dreieine Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der die Gaben, die Dienste und die Wirkungen austeilt. Die Gaben sind unterschiedlich, aber sie stammen von einem Gott, und sie werden nach seinem Willen in der Gemeinde verteilt.

Paulus betont, dass diese Gaben so ausgeteilt sind, dass diejenigen, die sie durch den Geist empfangen, dadurch einen Leib bilden. Es ist der Leib des Herrn. Das heißt, Gott verteilt die Gaben und führt sie so zueinander, dass der Leib Christi durch seinen Geist gebildet und vollendet wird. Gottes Ziel ist es, aus allen Nationen Menschen zu erretten, um seine Gemeinde, den Leib Christi, zu vollenden. Genau wie unser Körper aus verschiedenen Gliedern und Organen besteht, gehören auch Menschen mit sehr unterschiedlichen Gaben zum Leib Christi.

Der Apostel spricht in seinen Briefen öfters Hindernisse für die Einheit der Gemeinde an. Denken wir an den Epheserbrief. Dort geht Paulus auf die Spannungen zwischen Judenchristen und Heidenchristen ein. Aber er wusste, dass das Evangelium die Kraft hat, die größten kulturellen und menschlichen Hindernisse zu überwinden und verschiedenartige Menschen zusammenzuführen, so dass sie eine Einheit bilden. Dies ist gottgewirkte Einheit, die mit der Errettung unterschiedlichster Menschen beginnt, die von Gott dann in einer Gemeinde zusammengestellt werden.

Der Apostel betont in diesem Kapitel, dass Gott die Gaben nach seinem Willen austeilt und dass er es zum gegenseitigen Dienst füreinander tut. Mit anderen Worten: Die Glieder sollen füreinander Sorge tragen. Verletzt sich die eine Hand, greift die andere sofort zur bestmöglichen Hilfe; die Füße laufen, um Hilfe zu holen; bei einer Verletzung des Fußes übernimmt der andere Fuß die Last des Körpers; oder die Hände greifen zur Krücke. Derartiges erfolgt ganz selbstverständlich aus Fürsorge für den Leib. Genauso verhält es sich im Leib Christi.

Welche Bedeutung dies für die Mission der Gemeinde hat, erklärt Jesus in seiner letzten Rede an die Jünger vor seinem Kreuzestod: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Joh. 13,34.35). Das Miteinander der Gemeindeglieder ist das Zeugnis, aus dem man nicht nur Hinweise erhält, wer zur Gemeinde gehört, also wen Gott errettet hat, sondern es ist auch ein Zeugnis für die Welt, dass Christus Gott ist. Der Herr Jesus macht deutlich, dass die Liebe, die er unter den Jüngern hervorbringt, alles übersteigt, was menschlicher Wille und menschliches Vermögen hervorbringen kann. Darin wird die Kraft und das Handeln Gottes sichtbar.

Die gleiche Aufforderung finden wir in Johannes 15,9: Gleichwie mich der Vater liebt, so liebe ich euch; bleibt in meiner Liebe. Dann in Vers 12: Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, gleichwie ich euch geliebt habe. Ferner Vers 17: Das gebiete ich euch, dass ihr einander liebt. Der Herr Jesus will also, dass seine Jünger sich durch die Liebe auszeichnen, die er zu ihnen hat.

Diese Wahrheit greift der Apostel Johannes in seinem Brief auf, indem er schreibt: Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm (1Joh. 4,16). Ferner in Vers 21: Und dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt auch seinen Bruder lieben soll. Dann noch einmal in Kapitel 5,1: Wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der aus ihm geboren ist. Wenn wir den ersten Johannesbrief lesen, stellen wir fest, dass die Begründung für die Bruderliebe nicht in dem Gebot liegt, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, sondern die Liebe zum Bruder ist begründet in der Liebe zu Gott. Sie hat ihren Ursprung in dem dreieinen Gott, und sie kann nicht von ihm getrennt werden.

Das ergibt sich auch aus 1.Korinther 12: Die Gemeinde ist der Leib unseres Herrn Jesus Christus, der zweiten Person des dreieinen Gottes. Wer Jesus Christus liebt, kann nicht nur seinen Kopf lieben. Wer ihn in Wahrheit liebt, liebt auch seinen Leib. Er liebt, was er liebt, und er liebt seine Gemeinde. Er liebt sie so sehr, dass er sein Leben für sie dahingab. Unsere Liebe hat in der Erkenntnis der Liebe Jesu ihren Ursprung.

Aus diesem Grund lesen wir im Epheserbrief: Werdet nun Gottes Nachahmer als geliebte Kinder, und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer zu einem lieblichen Geruch für Gott (Eph. 5,1.2). Durch meine Wiedergeburt erkenne ich, wie sehr Gott mich geliebt hat. Nun bin ich aufgerufen, diese Liebe nachzuahmen. Meine Liebe hat ihren Grund in seiner Liebe zu seinem Volk.

Genau darum betet Paulus in Kapitel 3: Die Epheser sollen das Ausmaß der Liebe Christi durch den Heiligen Geist erkennen. In Kapitel 5 sehen wir dann die Liebe Christi nicht nur in seinem Opfertod auf Golgatha, sondern in seiner beständigen Fürsorge für seine Gemeinde. In seiner Liebe übernimmt das Haupt die Fürsorge für alle seine Glieder. Christus nährt und pflegt seinen Leib. Er tut es unter anderem dadurch, dass er die einzelnen Glieder füreinander Sorge tragen lässt. Er fügt sie zusammen, sodass ein Glied dem anderen dient.

Das ist der Grund, warum Paulus die ersten drei Kapitel des Epheserbriefes, in denen er die Absicht Gottes mit seiner Gemeinde darlegt, nämlich aus Juden und Heiden sich ein Volk zu bereiten, mit einem Gebet abschließt. Er betet, dass sie gestärkt werden durch den Heiligen Geist am inneren Menschen (Eph. 3,16). Paulus wusste also, dass es sich bei der Einheit in der Gemeinde um ein Werk Gottes handelt. Unsere Kräfte und unsere Fähigkeiten übersteigt dieses Ziel bei weitem.

Er fährt fort: dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne (Eph. 3,17a). Damit ist gemeint, dass wir in unserem Innern Christus beständig vor Augen haben (vergleiche Spr. 4,23), also den, der uns geliebt hat, den, der den höchsten Preis bezahlt hat, den, der aus Liebe das größte Opfer dargebracht hat. Ihn sollen wir durch die Kraft des Heiligen Geistes anschauen. Zu welchem Zweck? Damit auch wir in Liebe gewurzelt und gegründet sind (Eph. 3,17b). Wir sind aufgerufen, in der Liebe so fest verwurzelt zu sein, dass geistliche Stürme oder Trockenzeiten, Erschütterungen oder Katastrophen uns nicht aufhören lassen zu lieben. Diese Liebe ist nicht abhängig von den täglichen Erfahrungen oder vom Verhalten anderer. Vielmehr wird sie genährt und bestimmt von dem Vorbild und dem Werk Christi. Wie ist das möglich? Antwort: durch den Heiligen Geist, der den Blick des Gläubigen auf Christus richtet. Dazu gebraucht er das Wort Gottes und lenkt unsere Herzen hin auf die Liebe Gottes. Aus diesem Grund betont Paulus so nachdrücklich, dass Gott die Gaben verteilt hat, wie er es will (1Kor. 12,11).

Die Bibel warnt uns davor, unsere Liebe davon abhängig zu machen, wie der Bruder sich uns gegenüber verhält oder wie unsere Schwester im Herrn mit uns umgeht. Wir haben einzig und allein Christus als Vorbild zu nehmen. Wenn jemand sich gemein gegenüber uns verhält oder uns ungerecht behandelt – das war ein riesengroßes Problem in Korinth, denn sie hatten viel Streit untereinander -, so bringt sein Wort uns in die Gegenwart Gottes. Es nimmt uns jede Entschuldigung, lieblos zu sein oder aufgrund des Verhaltens des anderen mit unserer Liebe sparsam umzugehen. Das Wort Gottes bindet unsere Liebe an Gott selbst. Gerade die Unterschiede in der Gemeinde sind bestens dazu geeignet, den göttlichen Charakter der Liebe offenbar zu machen.

Viele Diskussionen um Einheit sind deswegen trügerisch, weil man dabei in der Regel davon ausgeht, man müsse die äußeren Umstände ändern, um (mehr) Einheit zu haben. Sogar Abschnitte aus der Bibel werden dann nicht mehr erwähnt, denn sie könnten ja zur Trennung führen, und so hält man eine Scheineinheit aufrecht. Ein Großteil der ökumenischen oder allianzmäßigen Bemühungen hat diese Voraussetzung. Aber die göttliche Einheit geht niemals auf Kosten der Wahrheit. Sie bewährt sich gerade in der Gemeinde, in der so viel Unterschiedlichkeit vorkommt. Andererseits aber schafft sie eine gesunde Trennung zwischen falschen und wahren Gläubigen.

Warum ist die Liebe für das Zeugnis der Gemeinde so wichtig? Weil der Herr uns gesagt hat, dass gerade darin der echte Nachfolger erkannt wird. Wir sind oft zufrieden, einige Wahrheiten des Evangeliums weitergegeben zu haben, und kümmern uns nicht darum, ob unser Leben dahintersteht. Unsere Botschaft lautet: Christus starb für meine Sünden, damit ich Vergebung haben kann.

Damit aber würde sich rechte Verkündigung auf die Weitergabe von Informationen beschränken und vielleicht noch auf die Art ihrer Darbietung. Aber wir vergessen, dass sie mit der Haltung des Boten beginnt. Sie beginnt damit, ob und wie wir Gott vor Augen haben.

Lieblosigkeit, Unversöhnlichkeit oder nachtragend zu sein, Bitterkeit, Zorn oder Geschrei stehen im Widerspruch zum Evangelium, das wir verkündigen. Wir leben durch die Liebe Gottes, die seinen Sohn für unsere Schuld geopfert hat. Sollte das nicht unser Verhalten bestimmen?

Der Apostel Paulus stellt diese Verknüpfung immer wieder heraus, zum Beispiel, wenn er in seinen Briefen die Herrlichkeit des von Gott gewirkten Heils darlegt und dann die Gläubigen auffordert, würdig der Berufung zu leben. Gerade im Epheserbrief wiederholt er diese Aufforderung, indem er uns Gott als Vorbild vor Augen stellt und die Adressaten daraufhin warnt, ihr Verhalten von dem bestimmen zu lassen, was in der Welt als normal gilt (zum Beispiel Eph. 4,17 – 5,7). Wenn Gott sein Werk in unseren Herzen ausführt, zeigt es sich darin, dass wir Gottes Liebe kennen und Liebe zueinander haben. Hast du das Anliegen, dass sich das Evangelium in deinem Leben kundgibt und zwar besonders darin, wie du die Geschwister liebst? Sehen deine Kinder, sieht deine Frau und sehen die Geschwister in der Gemeinde, wie sehr der Herr Jesus sein Volk liebt? Das gehört zu unserer Berufung.

Ich komme zum zweiten Teil meines Vortrags:

 

2. Die Mission des dreieinen Gottes – durch die Liebe, die sie nach außen zeigt

Die Mission der Gemeinde beginnt damit, dass wir einander lieben gemäß dem Evangelium. Das heißt, dass wir so lieben, wie Christus uns geliebt hat. In 1.Korinther 9 spricht der Apostel von seinem Dienst. In diesem Kapitel lernen wir etwas von der Haltung, mit der er das Evangelium verkündigt. Leider werden diese Verse oft missbraucht, um die Gemeinde Jesu zu verführen. Man sagt, hier werde gefordert, dass die Gemeinde sich der Weltlichkeit öffnen soll. Aber bitte achten wir darauf, was der Apostel Paulus in 1.Korinther 9,18-27 tatsächlich schreibt. Der Apostel schildert hier, wie er seinen Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, ausführt.

Dabei fällt als Erstes auf, dass er keineswegs die Rettung von Menschen in den Vordergrund stellt, sondern zunächst von seiner Teilhabe am Evangelium spricht. Seine größte Motivation zum Evangelisieren ist das Evangelium selbst. Er will daran teilhaben (1Kor. 9,23). Das Evangelium und das Leben gemäß dem Evangelium ist ihm so wichtig, dass er alles, was Christus durch seinen stellvertretenden Tod für ihn erworben hat, auch in seinem Leben ergreifen möchte. Er streckt sich danach aus, dass er alles ergreift und in allem lebt, was Gott ihm in Christus geschenkt hat.

Darum geht es auch in 1.Korinther 2. Dort zeigt Paulus auf, dass der Heilige Geist uns gegeben worden ist, um die Dinge zu erkennen, die uns in Christus geschenkt worden sind. Danach streckte sich Paulus aus. Diese Teilhabe bestimmte die Art und Weise seines Evangelisierens. Das Evangelium selbst war die Motivation für sein Evangelisieren. Das, was Christus für ihn getan hatte, trieb ihn an, andere mit dieser herrlichen Botschaft zu erreichen. Er war von der Herrlichkeit des Evangeliums so erfasst, dass er diese Botschaft allen Menschen großmachen wollte. Das gab ihm die Bereitschaft, jedes Opfer zu bringen, und zwar um Menschen für das Evangelium zu gewinnen. Niemals aber hatte er im Sinn, Abstriche an der Botschaft zu machen. Selbstverleugnung bis ans Ende prägte seine gesamte Lebenshaltung.

Den Philippern schreibt er einmal: Tut nichts aus Selbstsucht oder aus nichtigem Ehrgeiz. Dann weist er sie auf das Vorbild Christi hin. Er weist auf den hin, der sich selbst erniedrigt hat, indem er ans Kreuz ging, um Sünder zu erretten. Auch die Philipper sollen so gesinnt sein, wie Jesus Christus es war. Diese Bereitschaft zum Opfer bestimmte die Art und Weise, in der Paulus das Evangelium verkündigte. Er predigte den Christus, dem kein Opfer zu groß war, indem er der gleichen Haltung nacheiferte, die seinem Herrn und Heiland entsprach. Die Bereitschaft, sich selbst preiszugeben und auf Annehmlichkeiten zu verzichten, auf die er an und für sich ein Anrecht hatte, bestimmte sein Leben.

Genau darum geht es auch in 1.Korinther 9. Paulus bezeugt hier, dass er auf sein Recht verzichtet, also auf Dinge, die an und für sich gut sind. Alles in seinem Leben steht unter der Überschrift, möglichst viele für das Evangelium zu gewinnen. Dafür opferte er sich aus Liebe, entsprechend dem, wie Christus es getan hatte. Liebe war die treibende Kraft des Apostels. Das lesen wir auch in 2.Korinther 5,14.15: Die Liebe des Christus treibt uns [drängt uns] dass wir zu diesem Urteil gekommen sind [...], dass wir nicht mehr uns selbst gehören, sondern dem, der für uns gestorben und auferweckt worden ist.

Paulus betrachtet sich mit seinen Wünschen und mit seinen privaten Zielen als gestorben, um dann, aus den Toten lebendig geworden, ein Leben für den zu führen, der sich für ihn dahingegeben hat. Es ist die Liebe, so schreibt der Apostel, die ihn treibt, sein Leben nur noch daran zu messen, ob es für Christus gelebt wird. Aus diesem Grund verkündigt er das Evangelium, und er bemüht sich auf jede erdenkliche Weise, Menschen von dieser rettenden Wahrheit zu überzeugen.

Wer strenggläubige Juden kennt, weiß, was es für solche Leute heißt, in das Haus eines Heiden zu gehen oder sogar gemeinsam mit ihm zu essen. Um diesen Schritt zu gehen, war eine gigantische Selbstverleugnung erforderlich. Ein Jude musste mit Ekel kämpfen, mit Abneigung und mit vielen anderen negativen Empfindungen und Urteilen seines Gewissens. Denken wir an die Erlebnisse des Petrus, die uns in diesem Zusammenhang in Apostelgeschichte 10 berichtet sind.

Paulus, der ehemalige Pharisäer, bezeugt, dass er dazu bereit ist. Er ist bereit, jedes Opfer zu bringen, und weil er dieses Opfer zu bringen bereit ist, und zwar für das Evangelium, ist es für ihn absolut ausgeschlossen, dass er dabei das Evangelium verfälscht.

Genau an dieser Stelle sind wir heute weit von der Wahrheit abgewichen. Wir meinen, gesellschaftlich relevant sein zu müssen. Unsere sogenannten Opfer sind nichts anderes als Kompromisse mit der Welt. Wir gehen sie ein, um die Sympathien der Menschen zu erhalten. Wir meinen, uns anpassen zu müssen, indem wir die Sprache der Welt verwenden, und wir holen das in die Gemeinde des dreieinen Gottes, woran Ungläubige Interesse haben. Aber die Bibel zeigt uns genau das Gegenteil. Das Evangelium verändert das Wesen des Menschen in die Gottesbildlichkeit. Es verändert auch unsere Werte, sodass wir nicht mehr so leben können, wie diejenigen, die keine Hoffnung haben. Es ermahnt uns, tagtäglich in unserem Denken erneuert zu werden, sodass wir das weltliche Denken entlarven und die Weltlichkeit ablegen.

Aber leider beschäftigen wir uns stattdessen mit Methoden und Techniken, wie man Menschen scheinbar zu Christus führen kann. Bei diesen Bemühungen merken wir gar nicht, dass die Ursache für unsere geistliche Kraftlosigkeit darin liegt, dass wir die Charakterzüge Christi so wenig an uns tragen. Aber dadurch werden wir selbst unredlich und in unserer Verkündigung unglaubwürdig. Angesichts der Verhaltensweisen, die wir an den Tag legen, müssen unsere Hörer an der Wichtigkeit der Botschaft, die wir bezeugen, zweifeln. Denn deine Handlungen zeigen, was du wirklich glaubst. Das zeigt sich daran, wie du redest, lebst und wofür du Zeit oder Geld investierst und wofür eben nicht.

Da aber das Wesen des Evangeliums allein Gnade ist, muss auch unser Leben auf Christus hinweisen. Wenn ich wirklich von der Gnade Gottes erfasst bin, kann ich das Evangelium nicht so verkündigen, als würde ich mich für etwas Besseres halten. Es ist Christus, den wir rühmen, und es ist seine Gnade, die wir im Evangelium empfangen.

Man bezeichnet das Zeitalter, in dem wir leben, als Informationszeitalter. Von daher bilden wir uns ein, durch Informationen würde man bessere Menschen machen können. Leider übertragen wir diese Meinung auch auf das Christentum. Wir entkoppeln es vom Zeugnis unserer Lebensführung. Aber hören wir, was Petrus in 1.Petrus 3,15 schreibt: Heiligt Gott, den Herrn, in eurem Herzen, und seid bereit zur Verantwortung jedem gegenüber, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. Der Apostel fordert uns als Erstes auf, auf Gottes Heiligkeit zu sehen, ihm den Platz einzuräumen, der ihm zukommt. Erst im Anschluss daran sollen wir dann auch von unserer Hoffnung sprechen.

Je mehr wir Gott in unserem Herzen heiligen, desto mehr tragen wir seine Charakterzüge. Wir lieben dann, was er liebt, und wir hassen das, was er hasst. Was in seinen Augen heilig ist, muss auch in unseren Augen heilig sein. Der Vater liebt den Sohn über alles, und er hat ihn, weil er gelitten hat, über alles erhöht. Er liebt die Gemeinde als sein Eigentum. Lieben wir, was der Vater liebt? Das Reden von der Hoffnung, die in uns ist, folgt erst im Anschluss daran.

Petrus zeigt uns, dass rechte Verkündigung damit beginnt,
dass wir Gott als den unvergleichlich Höchsten und den, der überaus heilig ist, vor Augen haben.

Übrigens spricht Petrus in 1.Petrus 3,15 nicht nur zu Predigern. Er wendet sich an alle Gläubigen. Er spricht davon, dass Menschen von einem jeden von uns Rechenschaft fordern. Warum sollten diese Leute das verlangen? Weil sie merken, dass wir Christen eine Hoffnung haben. Das heißt nicht, dass wir nicht auch selbst aktiv werden sollen. Prediger sind dazu berufen, zu den Menschen hinzugehen. Aber jene werden dann fragend werden, wenn sie in unseren Alltagsentscheidungen erkennen, dass wir dem wirklich glauben, was Gott in seinem Wort sagt, und gleichzeitig geprägt sind von der Gnade, die wir von ihm empfangen haben. Abraham glaubte Gott, darum kaufte er kein Land; Noah glaubte Gott, darum baute er die Arche; Mose verachtete den Reichtum Ägyptens, denn die Schmach Christi war ihm wertvoller als alle ihn umgebenden Schätze.

Wenn es brennt und ich rufe „Feuer!“, aber selbst bleibe ich ruhig sitzen, dann werden alle, die das mitbekommen, sich die Frage stellen, ob ich denn auch meine, was ich sage. Rufe ich aber „Feuer!“, und die Menschen sehen an meinem Verhalten und vielleicht sogar in meinen Augen den Schrecken, so werden sie alarmiert sein und unverzüglich reagieren. Wenn wir Gott nicht in unseren Herzen heiligen, fürchten wir ihn nicht. Wie sollten die Menschen dann unserer Warnung glauben, dass sie dem Gericht Gottes entfliehen sollen? Unser ganzes Leben muss von der Wahrheit des Wortes Gottes bestimmt sein.

Natürlich weiß ich auch aus eigener Erfahrung, dass häufig ein Graben zwischen meinem Reden und meinem Verhalten besteht. Aber leide ich unter dieser Kluft? Treibt sie mich ins Gebet, sodass ich diesen Riss als Sünde vor Gott bekenne und ihn darum anflehe, dass ich ein Leben führen möge, das seiner Botschaft entspricht?

Lasst uns den Herrn bitten, dass er uns das Evangelium so herrlich macht, dass wir uns Paulus mit seinem tiefen Verlangen anschließen, Anteil zu bekommen an diesem Evangelium. Lasst uns Gott den Herrn anflehen, dass wir neu die Augen für die Macht seiner Liebe zu uns geöffnet bekommen, sodass unser Urteil darüber, was in unserem Leben wirklich Gewinn und Verlust ist, von dieser Liebe bestimmt ist. Dann werden unsere Ehepartner, unsere Kinder, Nachbarn und Arbeitskollegen die Liebe Gottes sehen, die er zu seiner Gemeinde hat. Wenn wir dann das Evangelium bezeugen, so wird es uns nicht schwerfallen, uns um unseres Nächsten willen selbst zu verleugnen. Der dreieine Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist gebe uns dazu seine Gnade.