Orientierung am Übergang zur zweiten Lebenshälfte – Jesaja 40

Ausrichtung an einem externen Orientierungspunkt

Vor kurzem bin ich statistisch in der Lebensmitte angelangt. Vierzig Jahre war in früheren Zeiten Endstation des irdischen Lebens, heute hat man damit gerade die erste Lebenshälfte abgeschlossen. Statistisch. Die ersten 20 Jahre wuchs ich in die Gesellschaft hinein, formell beendet durch den Auszug aus dem elterlichen Haus. Die nächsten 20 Jahre waren geprägt von der Etablierung in Beruf, Familie und Gemeinde.

Nun steht eine Konsolidierungs- und Bewährungsphase bevor. Wenn ich mich in meinem direkten Lebensumfeld umschaue, nehme ich viel rein horizontale Lebensplanung und -umsetzung wahr. Auch bei der Generation meiner Eltern, den so genannten Babyboomern, meine ich, Lebenskonzepte zu erkennen, die von viel Geld und viel Zerstreuung geprägt sind. An was soll ich Maß nehmen?

Mein Leben ist keine Privatbühne. Entgegen dem Imperativ meines mitteleuropäischen Umfelds – Verwirkliche deine Pläne, entferne alles, was dich am Genießen stört! – sehe ich mich als Teil von Gottes großer Bühne. Es geht um seine Ehre. Die beste Vorsorge für die zweite Lebenshälfte scheint mir die Ausrichtung an einem externen Orientierungspunkt zu sein: Nur er ist mein Fels und mein Heil, meine sichere Burg; ich werde nicht allzu sehr wanken. (Ps. 62,3)

Frage: Werde ich wanken? Ja. Aber nicht allzu sehr. Der persönlich-unendliche Gott vergleicht sich mit einem Felsen und einem Zufluchtsort. Das Ausrichten und Eichen nehme ich anhand von Jesaja 40 vor.

Jesaja: Auftakt zum zweiten Teil

Mit Jesaja 40 setzt der große zweite Teil des Prophetenbuches ein. Die Kapitel davor kann man als „Stakkato“ von Gerichtsankündigungen angesichts der Bedrohung durch die Weltmacht Assyrien verstehen. Gleich Meereswellen werden Gerichts- und Segensverheißungen an den Hörer der prophetischen Botschaft herangetragen.
Blenden wir zurück an den Anfang des Buches. Jesaja begann mit einer niederschmetternden Diagnose: Wehe der sündigen Nation, dem schuldbeladenen Volk! Same der Übeltäter, verderbte Kinder! Sie haben den Herrn verlassen, haben den Heiligen Israels gelästert, haben sich abgewandt. Wohin soll man euch noch schlagen, da ihr doch den Abfall nur noch weiter treibt? Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist kraftlos. Von der Fußsohle bis zum Scheitel ist nichts Unversehrtes an ihm, sondern klaffende Wunden und Striemen und frische Verletzungen, die nicht ausgedrückt, noch verbunden, noch mit Öl gelindert sind (Jes. 1,4-6).

Gott musste seinem Volk mitteilen, dass es schwer krank war. Dies war begleitet von der Unwilligkeit, sich helfen zu lassen. Wir würden es heute als erziehungsresistent beschreiben.

Kapitel 40 beginnt mit dem doppelten Aufruf: Tröstet, tröstet mein Volk! Der Charakter des Bibelbuches hat sich geändert. Der Prophet Jesaja steht auf einer Warte der Zukunft. Er sieht das Volk im Babylonischen Exil und verheißt Gottes gnädiges Handeln am niedergedrückten, desorientierten Volk.

Der jämmerliche Ersatz

Um Jesaja 40 zu verstehen, müssen wir realisieren, woran Gott Maß nimmt, wenn er sich dem eigenen Volk vorstellt. Er stellt sich in seiner Größe und in seiner Herrlichkeit vor, und er fragt an, wie sich ihre Götzen daneben „machen“: Wem wollt ihr Gott vergleichen? Oder was für ein Ebenbild wollt ihr ihm an die Seite stellen? Das Götzenbild? Das hat der Künstler gegossen, und der Goldschmied überzieht es mit Gold und lötet silberne Kettchen daran. Wer aber zu arm ist, wählt als Weihegeschenk ein Holz, das nicht fault, und sucht sich einen Schnitzer, der ein Götzenbild herstellen kann, das nicht wackelt (Jes. 40,18-20).

Daran können wir heute anknüpfen. Wir leben in einem Teil der Welt, in dem sich Gott, so hat es den Anschein, auf dem Rückzug befindet. Seit rund 250 Jahren sind wir Europäer daran, Gott systematisch aus unserem Leben zu verbannen: Wissenschaft, Technik, Politik, Bildung, aber auch Familie, Beziehungen, Krankheit, Lebensanfang und -ende werden unter Ausschluss seines Wortes, seiner Gebote gestaltet. Dieses geistige Klima hat auch auf Christen durchgeschlagen. Wir leben so, als wenn es ihn nicht gäbe. Wir klammern Schule, Ausbildung, Arbeit, Ehe, Familie vom Glauben aus. Es kommt mir so vor, als ob wir unserem Schöpfer nur noch einige heilige Momente „gönnen“, dann jedoch mit großen Erwartungen, Ansprüchen und Forderungen an ihn herantreten. Jesaja 40 liefert uns den Schlüssel, um aus dieser Innen- und Selbstfixierung herauszufinden.

Es geht um die Frage, wen wir zum Gottesersatz bestimmt haben. Paulus beschreibt die Entstehung des Götzendienstes in Römer 1 folgendermaßen: Alle Menschen sind mit einer unauslöschlichen Erkenntnis ihres Schöpfers ausgestattet. Diese Kenntnis unterdrücken sie willentlich. Weil ihr innerer Kompass über sie selbst hinausweisen muss, richten sie sich an einem Ersatz aus. Dieser Ersatz ist Teil der Schöpfung. Das menschliche Herz ist erfinderisch darin, einen Lebensbereich, eine Person, ein Material oder Ideen zum Ersatzgott zu erklären. Enttäuschungen führen dazu, dass der Götze nach einer Zeit gewechselt wird.

Die erste Dauerfrage für die zweite Lebenshälfte lautet daher: Identifiziere deinen Götzen! Mit welchem jämmerlichen Ersatz gebe ich mich zufrieden? Welches Bild will ich Gott zur Seite stellen?

1. Gottes Erhabenheit: Der unendliche Gott

Um den Unterschied zwischen Gott und Götzen deutlich zu erkennen, ist es wichtig, sich Gottes Erhabenheit vor Augen zu führen. Sie betrifft den einzelnen Menschen, aber auch ganze Völker und ihre Machthaber.

Der Einzelne

Es spricht eine Stimme: Verkündige! Und er sprach: Was soll ich verkündigen? Alles Fleisch ist Gras und alle seine Anmut wie die Blume des Feldes. Das Gras wird dürr, die Blume fällt ab; denn der Hauch des Herrn hat sie angeweht. Wahrhaftig, das Volk ist Gras! Das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen; aber das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit (Jes. 40,6-8).

Dreimal erschallt in diesem Kapitel eine Stimme. Hier verkündet sie die Verfassung des Menschen. Er gleicht einer Blume, die schön erblüht, jedoch schnell vergeht. Dieser Vergleich entzieht der Ich-Orientierung jeden Lebenssaft. Wir sind wie Gras, das dürr wird. Petrus zitiert diesen Abschnitt in seinem ersten Brief (1,24.25) und stellt es als Kontrast hin zum neuen Leben, das Gott schenkt. Sein Wort ist verlässlich und bleibend. Es schafft neues Leben.

Die Völker

Siehe, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer; wie ein Stäubchen in den Waagschalen sind sie geachtet; siehe, er hebt die Inseln auf wie ein Staubkörnchen. … Alle Völker sind wie nichts vor ihm; sie gelten ihm weniger als nichts, ja, als Nichtigkeit gelten sie ihm (Jes. 40,15.17).

Was für den Einzelnen gilt, trifft auch für die gesamte Nation zu. Gibt es einen eindrücklicheren Vergleich als den Tropfen in einem Eimer oder als das Stäubchen in einer Waagschale? Hier werden die Größenverhältnisse klargestellt. In den folgenden Kapiteln blickt Jesaja immer wieder auf diesen gewaltigen Gott. Zwei Beispiele: Er greift in die Geschichte ein und wird dem Weltenherrscher Kyrus befehlen, den Überrest der Juden in ihr Land zurückkehren zu lassen und ihren Tempel wieder aufzubauen (Jes. 45,1-7). Die Götzen der Weltmacht Babylon werden vergehen, Gott bleibt bestehen: Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht. Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll, und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Was ich beschlossen habe, geschieht, und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich (Jes. 46,9.10).

Die Erde und ihre Machthaber

Er ist es, der über dem Kreis der Erde thront und vor dem ihre Bewohner wie Heuschrecken sind; der den Himmel ausbreitet wie einen Schleier und ihn ausspannt wie ein Zelt zum Wohnen; der die Fürsten zunichte macht, die Richter der Erde in Nichtigkeit verwandelt – kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm in der Erde Wurzeln getrieben, da haucht er sie an, und sie verdorren, und ein Sturmwind trägt sie wie Stoppeln hinweg. (Jes. 40,22-24)

Was für eine Nation gilt, trifft auch auf ihre Machthaber zu. Gott macht Fürsten zunichte. Kaum sind sie an die Macht gekommen, müssen sie schon wieder abtreten. Sie gleichen Bäumen, die nicht mehr über ihre Wurzeln versorgt werden.

Der zweite Aufruf des Kapitels lautet: Blicke auf deinen herrlichen, mächtigen Gott. Das bringt wirkliche Stabilität.

2. Der große Trost

Wir haben mit dem jämmerlichen Ersatz begonnen und uns Gott in seiner Erhabenheit vor Augen geführt. Wie kann es sein, dass sich ein solch herrlicher Gott über götzenfixierte Menschen erbarmt?

Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist; denn sie hat von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen für alle ihre Sünden. Die Stimme eines Rufenden [ertönt]: In der Wüste bereitet den Weg des Herrn, ebnet in der Steppe eine Straße unserem Gott! (Jes. 40,1-3).

Jesaja 40 ist eine Trostbotschaft. Gott spricht. Er sieht sich in einer Beziehung zum Volk, denn er bezeichnet sich als euer Gott. Die Initiative in der Beziehung zum Menschen geht stets von Gott aus. Dies gilt für das Gericht, es ist aber auch für die Wiederherstellung wahr. Das Gericht ist der vorletzte Akt Gottes. Die Sünde seines Volkes wird gesühnt sein. Wir merken: Die Sünde ist nicht ausgeblendet, sondern gesühnt. Wie kann es dazu kommen?

Das hängt mit dem Trost zusammen. Das Neue Testament, zum Beispiel Matthäus 3,1-3, bringt den Aufruf Jesajas in den Zusammenhang mit dem Erscheinen Jesu. Johannes der Täufer war der Bote, der die Ankunft des Messias ankündigte. Es wird an dieser Stelle auf einen orientalischen Brauch angespielt. Der Herrscher sandte seine Boten aus. Doch dieser Herrscher kam als Knecht. Er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an (Phil. 2,7). Um seiner Auserwählten willen wurde er zerschlagen, wie Jesaja später ausführen wird. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm (Jes. 53). Dies ist die einzige Grundlage für wahren Trost. Auch heute. Deshalb konnte der Prophet Jesaja den Trost ankündigen.

Der dritte Aufruf verbirgt eine Frage: Bin ich mir meiner aussichtslosen Lage – tot in Übertretungen und Sünden (Eph. 2,1) – bewusst? Erst wenn ich dieses Elend realisiere, kann ich verstehen, was mein großer Trost ist.

Seine Nähe: Der persönliche Gott

Wir haben bedacht, dass es den Menschen von Natur aus zu seinen Götzen zieht. Erst wenn er die Herrlichkeit des Gottes bedenkt, der ihn geschaffen hat, kommt ihm seine Lage zu Bewusstsein. Die Lösung für sein Problem, der große Trost, geht von Jesus aus. Er allein kann sein Volk von ihren Sünden erretten (Mt. 1,21). Er ist Immanuel – Gott mit uns.

Durch den rettenden Akt verbindet sich der herrliche Gott mit dem erbärmlichen Menschen. Seine unermessliche Größe und seine große Weisheit bringt sein Volk zurück in seine Arme. Wir würden an der Botschaft des Kapitels vorbeigehen, wenn wir nicht zwei andere Bilder bedenken würden: den fürsorglichen Hirten und den tragenden Adler.

Fürsorge für die Herde

Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; die Lämmer wird er in seinen Arm nehmen und im Bausch seines Gewandes tragen; die Mutterschafe wird er sorgsam führen. (Jes. 40,11)

Der Arm Gottes bildet seine Herrschaft ab. Er verfügt über Autorität (Berechtigung) und auch über die Möglichkeit zur Umsetzung (Kraft). Jesaja verwendet ein Bild aus der Kleinviehzucht, das uns nicht mehr vertraut, jedoch immer noch genügend deutlich ist: Der Herr achtet auf jedes Schaf. Der gleiche Arm, der mit Macht über die Völker regiert (Jes. 40,10), fasst und trägt das einzelne Schaf.

Kraft für den Unvermögenden

Weißt du es denn nicht, hast du es denn nicht gehört? Der ewige Gott, der Herr, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Verstand ist unerschöpflich! Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Knaben werden müde und matt, und junge Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden (Jes. 40,28-31).

Die Anfrage von Gottes Volk in der Babylonischen Gefangenschaft wird lauten: Hat sich Gott verborgen? Hat er uns vergessen? (Jes. 40,27). Diese Frage mag auch in unseren Köpfen heute aufkommen. Der Gott, der über die Kraft verfügt, alles zu richten (Jes. 40,2), der die Weisheit hat, mit jeder Situation zurechtzukommen (Jes. 40,13.14), der unermesslich ist angesichts unserer Begrenztheit (Jes. 40,15-17), der über das Vermögen verfügt, in jeder Lage einzugreifen (Jes. 40,22.23): Wie zeigt sich diese Macht in der aktuellen Lebenssituation?

Die Antwort Gottes ist ungemein tröstlich. Er weist hin auf seine Kraft (unermüdlich) und auf seinen Verstand (unerschöpflich). Was bleibt uns zu tun? Es folgt kein Fünfschritte-Programm. Die Antwort lautet schlicht: auf den Herrn harren. Damit ist eine starke Form des Wartens gemeint. Es meint eine aktive Haltung: Ich gebe mich dir hin. Ich halte auch Unangenehmes aus. Ich hoffe freudig.

Fazit

Gottes unermessliche Größe und seine aufmerksame Nähe gehören untrennbar zusammen. Gebe ich mich für den Rest meines Lebens mit einem jämmerlichen Ersatz zufrieden, oder verlasse ich mich auf den wahren Trost?

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