Das Evangelium ist nicht gebunden

Wortverkündigung zu Philipper 1,12-18

Die Philipper sind in einer schwierigen Lage. Paulus schreibt ihnen in Philipper 1,29: Euch wurde, was Christus betrifft, die Gnade verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden. Viele Fragen stellen sich ihnen: Wie sollen wir uns verhalten? Wie können wir unseren Glauben leben, wenn wir verfolgt werden? Haben wir eigentlich genug Kraft dafür? Werden wir durchhalten? Oder werden wir am Ende nicht doch versagen? Werden wir scheitern? Werden wir aufgeben?

Heute achten wir auf eine wunderbare Zusage: Das Evangelium ist nicht gebunden. Der Abschnitt gibt uns dazu drei gute Nachrichten:

1. Gott macht keine Fehler (Phil. 1,12.13).

2. Wir brauchen Menschen nicht zu fürchten (Phil. 1,14).

3. Das Evangelium ist nicht abhängig von menschlichen Motiven (Phil. 1,15-18).

1. Gott macht keine Fehler

„Gott macht keine Fehler …“ Aber müsste man nicht genau das Gegenteil sagen? Hat Gott keine Fehler gemacht, als die Philipper leiden mussten? Wie verhielt es sich mit Paulus, der im Gefängnis saß?

Die Beziehung zwischen den Philippern und dem Apostel war sehr eng. Das hing mit der Geschichte der Gemeinde zu Philippi zusammen. Warum gab es diese Gemeinde eigentlich? Wo kam sie her? Wie hatte alles angefangen?

Antwort: Die Geschichte dieser Gemeinde begann mit einer Frau, mit Lydia. Sie war eine Purpurhändlerin (Apg. 16,14). Das heißt: Sie war eine Geschäftsfrau. Sie fand zu Christus durch die Verkündigung des Evangeliums durch Paulus. Bei ihr wirkte die Gnade Gottes machtvoll. Als Paulus ihr das Evangelium verkündigte, tat der Herr ihr das Herz auf (Apg. 16,13.14). Und etwas später kam in Philippi der dortige Gefängniswärter mit seiner gesamten Familie zum Glauben (Apg. 16,34). Von daher könnte man sagen, die Geschichte der Philipper-Gemeinde begann im Gefängnis.

Wir können uns vorstellen, wie eng die Beziehung zwischen den Christen in Philippi und Paulus seitdem war. Sie hatten auch immer wieder den Apostel finanziell unterstützt (Phil. 4,10-19).

Wahrscheinlich hatten die Philipper auch viele Fragen im Blick auf Paulus: Wie ist es um ihn bestellt? Kommt er noch einmal aus dem Kerker heraus? Oder wird er hingerichtet? Werden wir ihn noch einmal sehen?

Abgesehen von allen menschlichen Sorgen stellten sich ihnen Fragen wie: Wie kann das Evangelium unter diesen schwierigen Umständen überhaupt noch verbreitet werden, gerade jetzt, da Paulus im Gefängnis sitzt? Jetzt, da ihm die Hände gebunden sind, kann er doch nicht mehr viel für das Evangelium ausrichten, oder wie verhält sich das?

Warum sind Sie heute in den Gottesdienst gekommen? Warum kann ich jetzt diese Predigt halten? Warum können wir hier zusammen sein? Antwort: Weil wir frei sind. Wir sind nicht im Gefängnis. Wäre das der Fall, hätten wir nicht in diesen Gottesdienst gehen können.

Den Philippern schien es ein riesiges Problem zu sein, dass Paulus gefangen saß. Denn seinen Dienst, das Evangelium zu bekräftigen und zu verteidigen (Phil. 1,7), konnte er ihrer Einschätzung nach nun nicht ausführen: Vielleicht muss Paulus demnächst sterben, und was ist dann? Wie soll es dann weitergehen? Vielleicht scheitert ja auch der ganze Missionsauftrag. Vielleicht gibt es irgendwann keine Christen mehr. Und dann?

Fragen über Fragen. Und in dieser bedrängenden Situation schreibt der Apostel diesen Brief. Was wir in Vers 12 des ersten Kapitels lesen, überrascht sehr: Liebe Brüder, ich will aber, dass ihr wisst, wie das, was mit mir geschehen ist, sich vielmehr zur Förderung des Evangeliums ausgewirkt hat.

Man höre und staune. Paulus sagt nicht nur: Meine Gefangenschaft hat der Evangeliumsverbreitung nicht geschadet, sondern: Meine Situation hat das Evangelium sogar noch gefördert.

Warum verhält sich das so? Warum trägt die Gefangenschaft des Paulus dazu bei, dass sich das Evangelium ausbreitet? Paulus erklärt es in Vers 13: Im ganzen Prätorium und bei allen anderen wurde bekannt, dass er gefesselt warum Christi willen. Das Prätorium war die Kaserne, in der Soldaten lebten, die die Aufgabe hatten, die Gefangenen Roms zu bewachen. Und dort wurde bekannt, warum Paulus gefangen gehalten worden war.

Versuchen Sie sich bitte einmal in einen solchen Soldaten hineinzuversetzen: Sie haben den ganzen Tag mit Verbrechern zu tun: mit Gewalttätern, Räubern und Mördern. Und dann wird plötzlich ein neuer Gefangener eingeliefert. Dessen einziges „Verbrechen“ besteht darin, dass er von einem gewissen Jesus aus Nazareth spricht, der nach seiner Kreuzigung von den Toten auferstanden sein soll. Nur deswegen wird der Mann durch das halbe Römische Reich transportiert und steht unter schwerer Anklage. Was hat das mit einem Verbrechen zu tun?

Es ist gut möglich, dass die Soldaten darüber miteinander diskutierten. Auf jeden Fall schreibt Paulus, dass seine Situation sich herumsprach. Da erkannte Paulus: Meine Gefangennahme war ein überragender Schachzug Gottes: Allein dadurch, dass er im Gefängnis sitzt, kommen viele Menschen mit dem Evangelium in Kontakt. Es sind alles Menschen, die Paulus außerhalb des Gefängnisses wahrscheinlich niemals hätte erreichen können.

Nun wünscht Paulus, dass die Philipper dies mitbekommen. Es hat seinen Sinn, dass er im Gefängnis sitzt. Das war nicht einfach so aus Versehen geschehen. Gerade dadurch, dass der Apostel gebunden war, gerade dadurch wurde das Evangelium verbreitet. Gott macht keine Fehler.

Liebe Philipper, das müsst ihr euch unbedingt sagen lassen, gerade jetzt, da äußerlich vieles so schlecht aussieht. Aber lasst euch von den Umständen und den wachsenden Widerständen nicht einschüchtern. Gott weiß, was er tut. Gerade jetzt und hier.

In diesem Zusammenhang sollten wir uns an Josef erinnern. Er wurde von seinen eigenen Brüdern als Sklave verkauft und nach Ägypten verschleppt. Er kam ins Gefängnis. Dann brach in diesem Land eine Hungersnot aus. Aber Gott macht keine Fehler. Josef wurde zum zweitmächtigsten Mann in Ägypten. Und Gott gebrauchte gerade diesen Josef, um die Hungersnot zu bekämpfen. Außerdem bewirkte er auf diese Weise eine echte Versöhnung zwischen Josef und seinen Geschwistern (1Mos. 39-46). Der Apostel Paulus schreibt: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. (Röm. 8,28)

2. Wir brauchen Menschen nicht zu fürchten

Aber als wäre die Einsicht, dass Gott keine Fehler macht, nicht schon herrlich genug, weist Paulus auf noch etwas hin. Das lesen wir in Vers 14. Unser zweiter Punkt lautet: Wir brauchen Menschen nicht zu fürchten.

Durch die Gefangenschaft des Paulus wurden die Christen ermutigt, das Evangelium öffentlich und unerschrocken zu verkündigen. Es ist interessant, wie viele durch seine scheinbar düstere Situation angespornt wurden. Es waren nicht ein paar wenige; es waren auch nicht viele, sondern es waren die meisten, die ermutigt wurden, das Evangelium zu verkündigen, und zwar ohne Furcht.

Paulus schreibt an Timotheus, dass Gott uns nicht einen Geist der Furchtsamkeit gegeben hat, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2Tim. 1,7). Lassen Sie uns auch an das denken, was Jesus einmal sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können; fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib verderben kann in der Hölle (Mt. 10,28). Hier erfahren wir nun, dass viele Christen durch die Leiden des Apostels Paulus ermutigt worden sind.

Damit erhebt sich die Frage: Gibt es dann eigentlich überhaupt noch irgendetwas Negatives? Ist dann nicht alles positiv? Nein, Paulus ist nicht jemand, der diese Welt schönredet. Er ist ehrlich, realistisch und nüchtern. Und das sehen wir in unserem dritten Punkt.

3. Das Evangelium ist nicht abhängig von menschlichen Motiven

Paulus fängt an in Vers 15: Einige verkündigen den Christus aus Neid und Streitsucht. Das ist ohne Frage fürchterlich. Der Apostel führt dann in Vers 16 weiter aus: Sie verkündigen Christus aus Selbstsucht, also nicht lauter. Auf diese Weise wollen sie Paulus sogar noch Schaden zufügen. In Vers 18 fügt er hinzu, dass diese Leute, das Evangelium nur als Vorwand verkündigen.

Paulus greift eine solche Haltung am Anfang des 2. Kapitels auf, indem er schreibt: Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auch auf das des anderen. Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war (Phil. 2,3-5).

Bei diesen Leuten ist genau das Gegenteil der Fall. In Philipper 2,3 weist er an: Tut nichts aus Selbstsucht! In Philipper 1,16 heißt es: Sie verkündigen aus Selbstsucht. Klarer könnte der Gegensatz nicht sein. Was heißt das für uns?

Demut ist unverzichtbar

Erinnern wir uns an das, was Petrus in seinem ersten Brief schreibt: Gott widersteht dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade (1Petr. 5,5). Demut ist für einen Christen unverzichtbar. Ganz ohne Demut ist es nicht möglich, Christ zu sein. Der Glaube an das Evangelium setzt eine gewisse Demut voraus. Wenn ich Gottes Wort glaube, dass ich selbst ein Sünder bin, dass in mir selbst nichts Gutes ist, dass meine Gedanken böse sind, dass meine Worte niederträchtig sind, dass meine Taten schlecht sind (Röm. 3,10-12), wenn ich glaube, dass ich deswegen vor Gott nicht bestehen kann, wenn ich glaube, dass Jesus Christus für meine Sünden sterben musste, weil nur so der Zorn Gottes gesühnt werden konnte (Röm. 3,25.26), wenn ich das alles wirklich glaube, dann zwingt mich das zur Demut. Denn das Evangelium bricht meinen Stolz, meine Arroganz, meinen Hochmut, meine Selbstüberschätzung, meine Dickköpfigkeit, meine unsägliche Ichzentriertheit.

Paulus schreibt an die Epheser: Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme (Eph. 2,8.9). Als er an die Römer über die Rechtfertigung durch die Gnade allein schreibt (Röm. 3,24) und durch den Glauben allein (Röm. 3,28), stellt er die Frage: Wo bleibt nun das Rühmen? Seine Antwort: Es ist ausgeschlossen (Röm. 3,27). Darum heißt es an anderer Stelle: Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn! (1Kor. 1,31).

Wer angesichts seines eigenen Lebens überhaupt keine Demut kennt, der kann kein Christ sein, denn er hat die Gnade Gottes nicht erkannt.

Aber in diesem Abschnitt geht es noch um etwas anderes:

Der Inhalt zählt

Paulus schreibt in Vers 18: Was tut es? Paulus bleibt angesichts der schäbigen Gemeinheit mancher Brüder gelassen. Würden wir nicht erwarten, dass Paulus scharfe Kritik übt? Es kommt noch überraschender: Paulus freut sich sogar darüber, und er will sich auch weiterhin darüber freuen.

Ist das nicht erstaunlich? Wie kann er sich über ein derartiges Verhalten freuen? Die Antwort finden wir ebenfalls in Vers 18: Jedenfalls wird auf alle Weise, sei es zum Vorwand oder in Wahrheit, Christus [!] verkündigt. Das ist hochinteressant, wenn wir uns Vers 15 genauer anschauen: Einige verkündigen den Christus aus Neid und Streitsucht, andere aber aus guter Gesinnung. Und dann noch einmal die Verse 16 und 17: Die einen verkündigen den Christus aus Selbstsucht, [] die anderen aus Liebe.

Mit anderen Worten: Die Leute, die die von ihm beschriebene böse Gesinnung hegen, verkündigen trotzdem Christus. Beide Gruppen, obwohl sie von vollkommen gegensätzlichen Beweggründen bestimmt sind, verkündigen ein und denselben Christus. Sie verkündigen dieselbe Botschaft.

Wir stehen hier vor einer gänzlich anderen Situation als es bei den Galatern der Fall war. Dort musste Paulus sich mit einem falschen Evangelium auseinandersetzen, also mit einer Irrlehre. Paulus reagiert sehr scharf: Selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als das Evangelium verkündigen würden außer dem, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht. (Gal. 1,8). Das ist knallhart. Ohne Wenn und Aber. Keine Kompromisse. Da waren Irrlehrer, die verkündeten, dass man sich beschneiden lassen müsse (Gal. 5,2). Und Paulus stellt klar: Die, die euch so verwirren, die können sich meinetwegen auch gleich selbst verschneiden lassen (Gal. 5,12), also verstümmeln lassen.

Denken wir an die Kolosser. Diese Gemeinde muss der Apostel warnen, dass sie nicht Engel verehren (Kol. 2,18) und nicht bestimmte Speisen verbieten sollen (Kol. 2,16.21). Den Korinthern musste Paulus schreiben, dass es die Auferstehung der Toten tatsächlich gibt (1Kor. 15,12). Im Brief an Titus fordert Paulus auf, dass sich die Christen in Kreta nicht in Geschlechtsregistern verlieren sollen (Tit. 3,9).

Aber hier bei den Philippern liegt insofern eine andere Situation vor, als hier manche zwar schlechte Motive haben, aber sie trotzdem den Christus verkündigen. Das Problem ist hier also keine Irrlehre, sondern lediglich die innere Einstellung. Beide Gruppen verkündigen dieselbe Wahrheit. Und darüber freut sich Paulus. Denn durch das Hören des Evangeliums kommen Menschen mit dem Heil in Christus in Kontakt, unabhängig davon, welche innere Einstellung die jeweiligen Verkündiger haben.

Dieser Abschnitt, unter den wir uns heute Morgen stellen, ist also sowohl eine Ermutigung als auch eine Ermahnung: Selbst wenn jemand von einer denkbar bösen Motivation bestimmt ist, selbst dann kann er noch immer Christus in rechter Weise verkündigen.

Dafür gibt es eine eindrucksvolle Begebenheit: Es gab einmal einen Professor, der wollte seine Studenten vom Evangelium abschrecken. Er wollte, dass die Studenten nicht daran glauben. Deswegen las er ihnen die berühmte Predigt von Jonathan Edwards vor: Sünder in den Händen eines zornigen Gottes.2 Aber durch dieses Vorlesen kam ein Student zum Glauben. Der Professor hatte eine durch und durch schlechte Motivation und eine völlig falsche Absicht. Aber was er vorlas, war eine gute, eine wahre, eine richtige Verkündigung. Der Professor teilte seinen Studenten das Evangelium mit, obwohl er selbst gar nicht daran glaubte.

Das Handwerkszeug beherrschen

Die Herzenseinstellung ist keineswegs unwichtig. Aber wir haben auch unser Handwerkszeug gut zu beherrschen. Das gilt für jeden Beruf.

Nehmen wir einmal an: Es gibt eine Person, die am Herzen operiert werden muss, und ich bin von einem einzigen Wunsch erfüllt: Ich möchte, dass diese Person nicht stirbt, sondern dass sie weiterlebt. Ich bin von diesem Verlangen ganz und gar bestimmt, und ich bin bereit, alles dafür einzusetzen. Nehmen wir sogar an, ich wäre bereit, für diese Person zu sterben.

Trotzdem wäre es nicht sinnvoll, wenn ich diese Person operieren würde. Warum? Weil ich von Herzoperationen keine Ahnung habe. Ich beherrsche nicht das dafür erforderliche Handwerkszeug. Ich habe nie gelernt, wie eine Herzoperation durchgeführt werden muss. Und wenn ich diese Person operieren würde, dann würde sie mit größter Wahrscheinlichkeit sterben.

Wohlgemerkt: Obwohl ich genau das gar nicht will. Aber das Problem besteht in meiner Unfähigkeit. Es wäre keine böse Absicht, sondern ich kann es halt nicht besser. Folglich wäre es besser, wenn ein kundiger Arzt den Eingriff vornimmt, also jemand, der wirklich Ahnung davon hat. Es sollte möglichst jemand sein, der auf Herz-Operationen spezialisiert ist. Dabei kann es theoretisch sein, dass dieser Arzt eine völlig andere innere Einstellung hat. Es wäre denkbar, dass es ihm völlig egal ist, ob diese Person überlebt oder nicht. Nehmen wir an, seine einzige Motivation wäre das Geldverdienen. Er würde sich sagen: „Mir ist vollkommen egal, ob diese Person stirbt oder nicht. Ich mache hier einfach nur meinen Job. Aber ich werde mir die größte Mühe geben, weil ich schließlich dafür bezahlt werde.“ Dann ist es für den Patienten immer noch besser, dass der kundige Arzt ihn operiert, als wenn ich an ihm herumschneiden würde.

Wir könnten jeden einzelnen Beruf durchgehen und deutlich machen, wie wichtig es ist, dass wir ihn sachkundig ausführen. Wie viel mehr gilt das für die Evangeliumsverkündigung. Wenn wir das Evangelium verkündigen und verteidigen, dann sind wir berufen, es verständig zu machen (1Petr. 3,15).

Natürlich sollen wir die Menschen lieben. Wir sind dazu berufen, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst (Mt. 22,39). Sogar unsere Feinde sollen wir lieben. Uns ist aufgetragen, die zu segnen, die uns verfluchen, denen Gutes zu tun, die uns hassen, und für die zu beten, die uns beleidigen und verfolgen (Mt. 5,44). Paulus sagt sogar: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe (1Kor. 13,13). Das ist alles richtig und auch wichtig, und wir können es auch kaum genug betonen. Aber es geht darum:

Den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen

Es soll tatsächlich das Wort des lebendigen Gottes in seiner Gesamtheit verkündigt werden, nicht weniger. Paulus schreibt an Timotheus: Verkündige das Wort, sei bereit zu gelegener und zu ungelegener Zeit, überführe, weise zurecht, ermahne (und ermutige) in aller Geduld und Lehre (2Tim. 4,2). In seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus kann Paulus erklären: Ich habe euch nichts verschwiegen, sondern habe euch den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt (Apg. 20,27). Auch darin ist uns Paulus ein Vorbild.

Werden wir einmal konkret: Angenommen, ich habe mit einem Nichtchristen zu tun, also mit einem Ungläubigen. Ich liebe diesen Menschen: Ich möchte unbedingt, dass er zum Glauben kommt. Also fange ich an, mit ihm über das Evangelium zu reden. Und dann wirft dieser Nichtchrist plötzlich ein: „Wie ist das eigentlich mit Homosexualität? Was sagt die Bibel dazu? Bist du tatsächlich der Ansicht, dass das eine Sünde ist?“

Nehmen wir an, ich kenne diesen Nichtchristen sehr gut und ich weiß ganz genau, es würde ihn jetzt abschrecken, wenn ich ihm die Wahrheit direkt sage. Aber ich liebe diesen Menschen! Ich will nicht, dass dieser Mensch verloren geht! Ich will nicht, dass er in die ewige Verdammnis kommt! Was soll ich jetzt machen? Manche Christen schlagen vor, dieses heikle Thema lieber zu verschweigen: Natürlich dürfe man nicht lügen. Aber man könne ja auf ein anderes Thema lenken… Die Antwort lautet: Wir sollen zum Wort Gottes, zur Bibel, nichts hinzudichten, aber wir sollen auch nichts weglassen.

Stellen wir uns vor, unser Auto geht kaputt. Wir bringen es in die Werkstatt. Der Chef dieser Werkstatt ist ein sehr guter Freund von uns, und er erledigt die Reparatur kostenlos. Nehmen wir an, er gibt sich wirklich Mühe. Und am Ende ist alles in Ordnung bis auf ein einziges Problem: Die Bremsen funktionieren nicht. Wir können dann zwar sagen: Der Chef war wirklich nett. Und hinter der vergessenen Reparatur der Bremsen stehen keine bösen Absichten. Möglicherweise hat er es lediglich vergessen. Aber auf keinen Fall können wir behaupten, dass die Reparatur komplett erfüllt worden ist. Es wurde etwas versäumt. Spätestens an der nächsten roten Ampel werden wir die Konsequenzen merken.

Entsprechend verhält es sich, wenn wir das Evangelium verkündigen. Es ist uns nicht gestattet, nur davon zu reden, dass Jesus am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist. Wir müssen auch konkret von den Sünden sprechen. Wir haben den Leuten zu bezeugen, was Sünde überhaupt ist. Sonst verstehen sie es nicht.

Ich habe also dem Nichtchristen die Wahrheit ganz offen zu sagen und ihm auf seine Frage zu erwidern: „Homosexualität ist im Licht der Heiligen Schrift Sünde. Die Bibel verurteilt solch ein Tun unmissverständlich.3 Aber Jesus Christus ist am Kreuz auch für diese Sünde gestorben.“

Nehmen wir weiter an, der Nichtchrist sagt daraufhin: „Mit einem solchen Gott möchte ich nichts zu tun haben! An einen solch intoleranten Gott will ich nicht glauben! Das ist mir zu fundamentalistisch. Ich suche mir lieber eine andere Religion!“ Was ist dann? Angenommen, dieser Nichtchrist bricht daraufhin die Beziehung zu mir oder zur Gemeinde ab und wendet sich dem Buddhismus zu, und er ist in keiner Weise mehr für das Evangelium zu erreichen.

Hat Gott dann in seinem Wort einen Fehler gemacht? Das war unser erster Punkt. Ich frage bewusst: Hat Gott einen Fehler gemacht? Denn es ist ja Gottes Wort, was ich ihm verkündet habe. Nein. Gott hat keinen Fehler gemacht, selbst wenn der Nichtchrist dadurch letztlich verlorengeht. Gott macht keine Fehler. Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit für die, die verloren gehen; aber für uns, die wir gerettet werden, ist es Gottes Kraft (1Kor. 1,18). Der Fehler liegt nicht bei Gott. Deswegen wollen wir uns niemals für das Wort Gottes schämen. Auf keinen Fall haben wir das Wort Gottes an die scheinbaren Bedürfnisse unserer Zeitgenossen anzupassen. Sonst erfüllen wir unseren von Gott empfangenen Auftrag nicht.

Eine weitere gute Nachricht, die wir hörten, war: Wir brauchen Menschen nicht zu fürchten. Denn der einzige, der in Wahrheit zu fürchten ist, ist der Gott, dem alle Ehre gebührt (2Tim. 4,18b). Amen.


1) Die folgende Predigt wurde in der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen gehalten (www.berg-giessen.de). Bitte lesen Sie vorher in einer guten Bibelübersetzung den Abschnitt Philipper 1,12-18.
2) Diese weltberühmte Predigt (im Original: Sinners in the hands of an angry God) basiert auf 5Mose 32,35. Sie wurde am 8. Juli 1741 in Enfield, Connecticut (USA) gehalten. Darin wird den Menschen unzweideutig der Zorn Gottes vor Augen geführt und die dem Ungläubigen drohende Gefahr. Diese Predigt wurde immer wieder nachgedruckt.
3) Der biblische Befund ist eindeutig: 3Mose 18,22; 3Mose 20,13; Römer 1,26.27; 1Korinther 6,9-11; 1Timotheus 1,9.10.