Christliche Weltanschauung (Teil 3): Jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam gegen Christus

Der Anfang der Erkenntnis: Elemente einer christlichen Lebens- und Weltanschauung

In den letzten beiden Ausgaben der Bekennenden Kirche haben wir uns mit der Notwendigkeit einer umfassenden christlichen Welt- und Lebensanschauung befasst. Wir haben aus der Heiligen Schrift erkannt, dass wir als Christen alle Lebensbereiche ausnahmslos vom Standpunkt des Wortes Gottes zu betrachten und zu leben haben und dass Begriffe wie „Neutralität“ und „Vernunft“ in Ihrem Kern unbiblisch und daher unzutreffend sind.

Niemand ist neutral, nicht der Ungläubige und nicht der Christ. Neutralität würde heißen, dass jemand keine Weltanschauung und keine Grundüberzeugungen hat. So etwas gibt es nicht. Jeder Mensch hat eine Weltanschauung – wenn auch nicht immer eine gute.

Im Folgenden möchte ich erklären, wie ich zu dieser Schlussfolgerung komme, indem wir uns das Wesen einer Weltanschauung ansehen: Dr. Greg Bahnsen1 definiert Weltanschauung als Netzwerk von Grundannahmen, welche nicht naturwissenschaftlich getestet werden – im Lichte welcher aber alle Erfahrungen gesehen und interpretiert werden.2 Sie können vielleicht bereits an der Formulierung „nicht naturwissenschaftlich getestet“ erkennen, dass Weltanschauung immer eine Glaubensfrage ist, ganz gleich, ob es sich um eine atheistische, agnostische oder christliche Weltanschauung handelt. Dieses weltanschauliche Annahmen-Netzwerk besteht aus drei Grundelementen: Metaphysik, Epistemologie3 und Ethik. Lassen Sie sich bitte nicht von diesen Begriffen einschüchtern. Ich werde einen nach dem anderen erklären.

Unter Metaphysik versteht man die Lehre von der Realität hinter der für uns wahrnehmbaren Welt oder, in anderen Worten, die Frage nach den Grundursachen für unsere Realität. Die Metaphysik befasst sich mit Fragen wie: Was heißt es zu existieren? Oder: Was ist Realität? Oder: Was ist der Mensch – Ist er frei oder gebunden oder gar ein Tier? Dazu gehört aber auch die Frage nach Gott: Wer ist er, und was ist seine Beziehung zum Universum? Man beschäftigt sich in der Metaphysik mit den Grundfragen aller Existenz. Jeder Mensch hat eine Meinung zur Metaphysik, und diese Meinung stellt – wissentlich oder unwissentlich – die Grundlage für alles weitere Denken dar.

Das nächste Grundelement einer Weltanschauung ist die Epistemologie4 oder die Erkenntnistheorie. Diese beschäftigt sich mit der Frage des Zustandekommens von Wissen. Woher stammt unser Wissen? Wann können wir davon sprechen, etwas zu wissen? Was ist der Unterschied zwischen Glaube und Wissen? Wann können wir von Objektivität sprechen?

Dies alles sind Fragestellungen von höchster Bedeutung, denn sie münden unweigerlich in die Frage nach der Wahrheit. Epistemologie beschäftigt sich mit Ursprung, Wesen, Methoden und Grenzen von Wissen. Haben Sie sich jemals gefragt, was Wissen ist und wann wir eigentlich von Wissen sprechen können? Das sind genau die Fragen, die die Epistemologie zu beantworten sucht.

Das dritte und letzte unserer Grundelemente einer Weltanschauung ist die Ethik. Ethik, oftmals auch Moralphilosophie genannt, beschäftigt sich mit der Frage nach dem moralischen „Gut“ und „Böse.“ Es geht um die Frage, was moralisch richtig und was falsch ist. Wie prüfen wir Motive, Urteile, Handlungen, Verantwortlichkeiten, Verpflichtungen? Die ganze Fragestellung von Schuld ist ebenfalls Teil der Ethik. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass eines Menschen Sicht von Metaphysik und Epistemologie einen ganz entscheidenden Einfluss auf seine Ethik hat.

Jeder Mensch hat eine persönliche Sichtweise auf diese drei Grundelemente. Diese Sichtweise stellt das Fundament seiner Weltanschauung dar.

Da diese Artikelreihe sich mit der Frage einer entschieden christlichen Weltanschauung beschäftigt, wollen wir uns als Nächstes genau diesem Thema zuwenden. Wir wollen der Frage nachgehen, wie ein Christ diese drei Grundfragen, Metaphysik, Epistemologie und Ethik, beantwortet.

Wichtigstes Grundprinzip für alle drei Elemente ist das Sola-Scriptura-Prinzip:
die Schrift allein.
Im Sinne von Bibelstellen wie 2Timotheus 3,16.17 besagt es, dass die Bibel allein unser Denken und Handeln prägen soll. Diesen biblischen Grundsatz zu verstehen ist für Christen ungemein wichtig, da er die Grundlage unseres ganzen Lebens und Denkens darstellt. Viele Christen bekennen diesen Grundsatz mit ihren Lippen, beherzigen ihn aber nicht in ihrem Leben. So wird dann oft, abseits der Heiligen Schrift, von „gesundem Menschenverstand“ oder von „Vernunft“ gesprochen, um unbiblische Praktiken zu rechtfertigen.

Lassen Sie uns im Folgenden sehen, wie ein konsequent biblisch-denkender Christ seine Weltanschauung findet.

Was die Metaphysik angeht, stellt der Christ die folgenden Fragen an das Wort Gottes: „Was ist Realität, und woher kommt diese?“ Die Bibel lehrt uns, dass die gesamte Realität von einem persönlichen Schöpfer erschaffen worden ist und von Ihm erhalten wird. Nichts ist durch (irrationalen) Zufall entstanden (Joh. 1,3; 1Kor. 8,6; Kol. 1,16.17; Heb. 1,3). Ursprung und Zweck aller Schöpfung finden ihren Grund im Wesen Gottes (siehe etwa Jes. 43,10; Eph. 1,11). Wir vertrauen auf die Ordnung in dieser Schöpfung, wie etwa auf die „Naturgesetze“, weil dieser Kosmos im unveränderlichen Wesen Gottes seinen Ursprung hat (2Mos. 3,14; Jes. 41,4; Mal. 3,6; Heb. 1,11.12; Jak. 1,17).

Der Nicht-Christ hat keinerlei Sicherheit im Blick auf Ordnung oder Verlässlichkeit in diesem Universum, denn er hat keinerlei Offenbarung, sondern bei ihm hängt alles vom „Zufall“ ab, was immer das bedeuten mag.

Was die Epistemologie (Erkenntnistheorie) angeht, so bezieht der Christ alle Denk- und Erkenntnisregeln aus der Heiligen Schrift. Das heißt nicht, dass er naturwissenschaftliche Fakten ignoriert. Ganz im Gegenteil: Er interpretiert alle Fakten gemäß der Heiligen Schrift und nicht unabhängig von ihr, etwa gemäß einer selbst-gezimmerten Metaphysik oder Epistemologie.

Das, was ich in den vorherigen Ausgaben der Bekennenden Kirche schon wiederholt erwähnt habe, muss unbedingt verstanden werden: Kein Mensch betrachtet Fakten neutral, sondern er interpretiert sie immer gemäß seiner jeweiligen Weltanschauung.

Nehmen wir als Beispiel Fossilien: Christen und Nicht-Christen sehen beide die Existenz von Fossilien. Das sind die Fakten. Aber diese Fakten werden von beiden unterschiedlich gedeutet, und zwar im Horizont ihrer jeweiligen Weltanschauung. Der Christ sieht in den Fossilien einen eindeutigen Hinweis auf die Sintflut, die uns in 1Mose 7 und 8 geschildert wird. Der Nicht-Christ erblickt in ihnen einen Hinweis auf mehrere Millionen Jahre Sedimentation.

Der Christ lehnt die Interpretation des Nicht-Christen im Blick auf die Beobachtungen ab, und zwar deswegen, weil sie mit dem Zeugnis der Bibel als Grundlage seiner Weltanschauung im Konflikt steht. Der Nicht-Christ zieht die Interpretation des Christen nicht in Betracht. Denn diese stimmt mit seiner Weltanschauung nicht überein, nach der es keinen Gott gibt und die Bibel deshalb auch nicht sein offenbartes Wort sein kann (Röm. 1,18).

Die Epistemologie (also die Interpretation der Realität) des Christen ist auf die Heilige Schrift allein gestützt, während der Nicht-Christ seinen eigenen Bezugsrahmen entwirft. Deshalb ist es immer ein Zeichen von Inkonsequenz auf Seiten des Christen, wenn er Denkmuster des Nicht-Christen übernimmt, die abseits von der Heiligen Schrift sind (Evolutionstheorie, „gesunder Menschenverstand“ usw.).

Nun können wir unser letztes Element einer christlichen Weltanschauung leicht festlegen. Der unabänderliche Maßstab für Ethik kann nur die Heilige Schrift sein. Hierin liegt für Christen unserer Zeit eine enorme Herausforderung. Einige der Bibel entgegengesetzte Ethikkonzepte, wie etwa Feminismus, Homosexuellenbewegung oder etwa die Abtreibungsbewegung, üben einen derartigen gesellschaftlichen Druck auf Christen aus, dass viele in solchen Fragen nachgeben und vom Wort Gottes abweichen. Argumentiert wird dann gezwungenermaßen unabhängig von der Heiligen Schrift, zum Beispiel mit einer unbiblisch umdefinierten „Nächstenliebe“ oder „Toleranz“.

Wenn der Christ sich in derartige Denkmuster hineinziehen lässt, setzt er sich über das Wort Gottes hinweg und zeigt im Endeffekt, dass er meint, klüger, barmherziger oder gerechter zu sein als Gott. Das steht einem Christen selbstverständlich in keiner Weise zu.

Alle drei Grundelemente einer konsequenten christlichen Weltanschauung müssen Gottes Wort entnommen werden, um wahrhaftig christlich und Gott-ehrend zu sein.

Im nächsten Artikel werden wir uns der Denkweise einiger bedeutender nicht-christlicher Weltanschauungen zuwenden.


1) Bahnsen, Greg L., Pushing the Antithesis. Powder Springs, GA [American Vision] 2007.
2) „…a network of presuppositions which are not tested by natural science and in terms of which all experience is related and interpreted.“
3) Oder: Erkenntnistheorie.
4) episteme = [griechisch] „Wissen,“ logos = [griechisch] „Wort“.