Christliche Weltanschauung (Teil 1): „Jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“

„Stellet euch nicht dieser Welt gleich!“

Ich erinnere mich noch recht gut an ein Erlebnis während meiner Studienzeit. Während des Studiums hatte ich bereits eine Familie, weshalb ich nebenher als Taxifahrer arbeitete. Da ich tagsüber studierte, fuhr ich fast ausnahmslos nachts. Ich war damals gerade erst Christ geworden und sehr eifrig am Evangelisieren. Wenn man nachts Taxi fährt, hört und sieht man so einiges: Betrunkene, die ihr Herz ausschütten, junge Leute, die sich ins Nachtleben stürzen oder auch Menschen aus dem Rotlichtmilieu. So kam es eines frühen Morgens, dass ich zu einem Bordell gerufen wurde, um eine Prostituierte nach Hause zu fahren. Nachdem sie ins Auto gestiegen war, lenkte ich schnell das Gespräch auf das Evangelium und gab Zeugnis darüber, wie der Herr Jesus mein Leben verändert hatte. Euphorisch ließ mich die junge Frau wissen, dass sie auch Christ sei und dass wir folglich Glaubensgeschwister seien.

Obwohl dieses Erlebnis nunmehr ca. 20 Jahre zurück liegt, weiß ich noch recht genau, wie sehr mich das Bekenntnis dieser Frau schockierte. Wie konnte jemand behaupten, Christ zu sein, und gleichzeitig einen solch gottlosen Lebenswandel führen? Ich habe sie damals auch darauf angesprochen. Aber sie fühlte sich gleich sehr angegriffen und verteidigte sich gegen meine „enge Sichtweise“.

Ich will nun nicht darüber spekulieren, was in dem Herzen dieser Frau wirklich vorging. Aber in diesem Zusammenhang möchte ich eine Frage aufwerfen: Ist es in Ordnung, wenn Christen der Prostitution nachgehen? Ich gehe davon aus, dass die meisten von Ihnen diese Frage mit Nein beantworten würden. Dann möchte ich noch eine zweite Frage stellen: Warum ist es eigentlich nicht in Ordnung, wenn Christen der Prostitution nachgehen? Lassen Sie mich Ihnen erklären, warum ich diese beiden Fragen stelle.

In einem Fall wie diesem scheint es für die meisten von uns sonnenklar zu sein, dass Christ zu sein nicht bloß heißt, „einen Fahrschein in den Himmel“ zu besitzen, sondern auch dem Wort Gottes gemäß zu leben. Die Worte Jesu in Johannes 14,15 finden hier eindeutig Anwendung: „Liebt Ihr mich, so haltet meine Gebote!“ Ich traue mich deshalb an dieser Stelle zu sagen, dass kein ernsthafter bibelgläubiger Christ behaupten kann, dass es für einen Christen in Ordnung ist, der Prostitution nachzugehen. Ich bin mir sicher, dass die meisten von Ihnen die Bibel gut genug kennen, um zu wissen, dass sexueller Umgang ausschließlich der ehelichen Beziehung vorbehalten ist.1 Unter diesem Gesichtspunkt eines klaren biblischen Verbotes lehnen ernsthafte Christen auch Sünden wie Abtreibung, Diebstahl oder Betrug ab. Die Bibel ist hier unser Maßstab, und wir gehen dabei auch keine Kompromisse ein – hoffentlich.

Wie aber verhält es sich bei Aspekten, die uns weniger markant erscheinen als Ehebruch, Mord, Diebstahl oder Betrug? Was ist mit Themen wie Kindererziehung, Bildungswesen, Seelsorge, Politik, Wirtschaft oder Beruf? Sind wir auch bei solchen Themen fest entschlossen, Gottes Wort anzuwenden, oder erachten wir solche heiklen Themen als „Privatsache“, auf die die Bibel keine Anwendung findet? Manche von Ihnen werden sich vielleicht fragen, ob Gottes Wort überhaupt etwas zu diesen Themen zu sagen hat.

Im zweiten Timotheusbrief in Kapitel 3,16.17 lesen wir Folgendes: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben 2 und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“

Hier erinnert der Apostel Paulus den jungen Pastor Timotheus daran, Gottes Wort auf alle Lebensbereiche anzuwenden. Achten wir auf den letzten Teil. Dort lesen wir, dass die Bibel dazu ausreicht, dass ein Mensch „ganz“ zubereitet sei und zu „jedem guten Werk völlig“ ausgerüstet ist. Es geht hier nicht nur um bestimmte gute Werke, sondern um jedes gute Werk – also um sämtliche Lebensbereiche.

Nachdem das Westminster- Bekenntnis von 1647 3 in seinem großartigen Artikel 1 („Von der Heiligen Schrift“) die 66 Bücher der Heiligen Schrift aufgezählt hat, lesen wir folgenden Satz: „Diese [66 Bibelbücher] sind alle durch Eingebung Gottes geschrieben, zur Richtschnur für Glauben und Leben.“4

Meines Erachtens liegt hier ein Kernproblem weiter Teile der gegenwärtigen konservativ-evangelikalen Gemeindelandschaft: Wir stimmen zwar zu, dass die Heilige Schrift die einzige Richtschnur für den Glauben ist, und wir bejahen auch – zumindest in groben Zügen – dass Gottes Wort einen gewissen Einfluss auf unser Leben hat, wie etwa, dass wir nicht töten, lügen oder ehebrechen sollen. Allerdings grenzen wir faktisch weite Bereiche unseres Lebens vom Einflussbereich der Heiligen Schrift aus.

Ich nenne ein Beispiel: Wann haben Sie zum letzten Mal eine Predigt über das politische Wahlverhalten eines Christen gehört? Bevor Sie jetzt verärgert aufhören zu lesen, lesen Sie bitte weiter und entscheiden dann, ob ich nicht vielleicht doch einer biblischen Wahrheit auf der Spur sein könnte. Nun ist mir völlig klar, dass man unter evangelischen Christen in Deutschland weitgehend und über lange Zeit hindurch gehört hat, dass Politik Privatsache sei und somit dieses Thema auf der Kanzel nichts verloren habe. Aber ist diese Annahme wirklich das, was die Bibel lehrt?

Das Wort Gottes hat nämlich durchaus sehr viel zum Thema Staat und staatliches Recht zu sagen. Denken wir nur an Stellen wie Römer 13,1-7, wo die Stellung und die Aufgaben des Staates erklärt werden sowie unser Verhalten als Christen gegenüber dem Staat.

Oder nehmen wir das Thema der Kindererziehung und achten einmal darauf, wie ausgiebig Gottes Wort darüber spricht.5

Dies sind nur zwei Themenfelder von außerordentlich vielen, auf die wir das Wort Gottes anzuwenden haben. Aber gerade diese beiden Bereiche sind Gebiete, in denen viele Christen darauf bestehen, sie seien ihre Privatsache und hätten folglich nichts auf der Kanzel zu suchen.

Aber als Christen können wir nicht einfach tun und lassen, was uns gefällt, sondern wir müssen unser ganzes Leben gemäß dem Wort Gottes führen. Paulus ermahnt uns in 1Korinther 6,20: „Denn ihr seid teuer erkauft; darum verherrlicht Gott in eurem Leib und in eurem Geist, die Gott gehören!“

Der Apostel will uns damit klarmachen, dass wir keinen Lebensbereich der Herrschaft Gottes vorenthalten dürfen. Wir sind aufgerufen, Gott voll mit Körper und Seele zu dienen. Unser ganzes Leben soll auf Gott und auf seinen Willen ausgerichtet sein, und unser ganzes Denken, Schaffen und Streben soll von diesem Wort geprägt sein. In 1Korinther 10,31 fordert uns der Apostel auf, sogar die alltäglichsten Dinge auf Gott und auf seine Ehre hin auszurichten: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut – tut alles zur Ehre Gottes!“

Um unser gesamtes Leben auf Gott hin auszurichten, müssen wir beginnen, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Das heißt: Wir müssen lernen, unser gesamtes Denken dem Wort Gottes unterzuordnen. Um es mit den Worten der Bibel zu sagen: Uns ist geboten „jeden Gedanken gefangen zu nehmen zum Gehorsam gegenüber Christus“ (2Kor.10,5). Wir müssen es lernen, die Welt und alles, was uns in ihr begegnet, durch die Brille des Wortes Gottes zu sehen und zu beurteilen. Dieses „Nach-denken“ der Gedanken Gottes nennt man biblische oder christliche Weltanschauung. Eine solche Weltanschauung steht in krassem Gegensatz zu einer säkularen Weltanschauung und damit zu unserem eigenen sündhaften, unbiblischen Denken.

Es kann einfach nicht sein, dass es als in Ordnung angesehen wird, wenn Nachfolger Christi, die durch das kostbare Blut des Herrn Jesus erkauft worden sind, ihr Leben gemäß einer unchristlichen und säkularen Lebensanschauung führen.

Dieses Thema der Weltanschauung soll uns einige Ausgaben der Bekennenden Kirche lang beschäftigen, und ich darf gleich vorweg darauf hinweisen, dass hier eine gewaltige Herausforderung für jeden Christen liegt. Viel zu lange wurde in unseren Breiten ein „zahnloses“ Christentum gepredigt. Es war dies ein „Christentum“, das allein darauf ausgerichtet war, sich selbst und möglichst vielen anderen den Himmel zu sichern. Es war ein Christentum, das sich abgesehen von einem mehr oder weniger freundlichen Benehmen und viel Lächeln nicht wirklich von der Welt unterschied. Am Ende ging es hauptsächlich noch darum, so zu predigen, dass man bei niemandem aneckte. Dass ein christliches Leben heißt, sämtliche Lebensbereiche zur Ehre Gottes zu führen, geriet in Vergessenheit.

Während die Errettung Verlorener durchaus von immenser Wichtigkeit ist, ist sie keineswegs das höchste Ziel unseres Predigens. Das höchste Ziel unseres Predigens ist die Ehre Gottes!

Die gnädige Errettung von Sündern durch das Blut Jesu ist dem Ziel, dass Gott geehrt wird, untergeordnet. Es dient ihm in wunderbarer Weise. Unsere Aufgabe ist mit unserer Rechtfertigung allein aus Gnade nicht beendet. Wir sind auch verpflichtet, unser Leben nach Gottes Willen und zu Seiner Ehre zu leben. Kurzum: Das Universum dreht sich nicht um uns, sondern um Gott: „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge. Ihm sei die Ehre in Ewigkeit! Amen“ (Röm. 11,36).

Mehr dazu in der nächsten Ausgabe.


1) Sollten Sie das nicht gewusst haben, empfehle ich Ihnen, folgende Bibelstellen zu lesen: 2Mos. 20,14; Spr. 5,15-21; Mt. 5,27.28; 1Kor. 5,1-11; 7,1-9; 1Thess. 4,1-8.
2) Besser: „gottgehaucht“ oder „von Gott ausgehaucht“.
3) Übersetzung der Ausgabe in: Evangelisch Reformierte Medien. 4. Auflage. 1999.
4) Im englischen Original: „All which are given by inspiration of God, to be the rule of faith and life.“
5) Siehe zum Beispiel: 5Mos. 6,4-9; Ps. 127,3-5; Spr. 13,1; oder der oft verhasste Vers in Spr. 13,24; 15,5; 18,18; 22,6; Eph. 6,4; Kol. 3,20.21.