Christentum und Islam – ein Vergleich (Teil 3)

Dies ist der dritte und abschließende Teil der Serie „Christentum und Islam – ein Vergleich“. Im Lauf dieser Reihe befassten wir uns bereits mit mehreren Themen. Sowohl das Schriftverständnis als auch das Gottesverständnis beider Religionen wurden beleuchtet und miteinander verglichen. Es wurde ersichtlich, dass einer der wichtigsten Unterschiede zwischen der christlichen Lehre und dem Islam das Verständnis über das Wesen Gottes ist. Während die Muslime an einen einzigen Gott glauben, dessen Wesen man als eine „unteilbare Einsheit“ bezeichnen kann, glauben Christen an den dreieinigen Gott. Wir sahen, dass sich diese unterschiedliche Auffassung über Gott auf alle anderen Lehrsätze sehr stark auswirkt, sowohl auf die Frage nach dem Offenbarungs- und Schriftverständnis der jeweiligen Religionen, als auch auf die Frage nach der Erlösung sowie dem Urteil darüber, wer Jesus von Nazareth ist.Um die zwei letzteren der genannten Themen, nämlich um das Erlösungsverständnis sowie das Verständnis von Jesus, soll es in diesem dritten und letzten Teil gehen.
Ich empfehle dringend, die ersten beiden Artikel dieser Serie noch einmal zu lesen, da diese Darlegung viel von den Informationen der beiden ersten Teile voraussetzt.
Zunächst aber soll es einen kurzen Exkurs zum Thema Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments und der so genannten Textkritik geben, da diese Thematik oftmals von gebildeteren Muslimen aufgegriffen wird, um eine Position gegen das biblische Christentum einzunehmen.

Die Entstehung des Neuen Testaments und die neutestamentliche Textkritik – Das Ende der Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift?

Durch die liberale Theologie und die modernistischen Bibelwissenschaften in Europa wurde nicht nur in einer verheerenden Weise die Sichtweise vieler Christen auf die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift verändert. Auch Muslime greifen häufig auf die so genannten gesicherten wissenschaftlichen Ergebnisse der historisch-kritischen Methoden zurück, um damit gegenüber dem biblischen Christentum ihren eigenen Glauben zu verteidigen. Dabei geht es um die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments.
Daneben aber nutzen Muslime auch die so genannte Textkritik. Was versteht man unter „Textkritik“?
Ein Problem der neutestamentlichen Wissenschaft ist das Fehlen der originalen Schriften des Neuen Testamentes. Wir haben zum Beispiel nicht den Brief, den Paulus an die Römer schrieb. Wir besitzen auch nicht das Evangelium, das Matthäus mit seinem eigenen Schreibgerät abfasste. Was wir allerdings haben, sind Abschriften dieser Originale. Leider sind auch diese Abschriften wahrscheinlich keine direkten Abschriften der Originale, sondern Abschriften von anderen Abschriften. Wir können nicht genau sagen, wie viele Generationen von Manuskripten dazwischen liegen.
Die gute Nachricht ist: Wir haben sehr viele Abschriften. Etwa 5300 griechische Handschriften sind bekannt, zu denen noch unzählige antike und mittelalterliche Übersetzungen ins Syrische, Koptische, Lateinische, Äthiopische und in andere Sprachen kommen. Obwohl keines der Manuskripte zu hundert Prozent identisch ist mit einem anderen, ist es aufgrund der Vielzahl der Abschriften gut möglich, den ursprünglichen Text zu rekonstruieren. Die allermeisten Unterschiede sind ohnehin durch simple Abschreibfehler leicht erklärbar: Ein Buchstabendreher oder ein langes oder kurzes „o“ konnten die Schreiber leicht verwechseln.
Es gibt allerdings auch einige größere Probleme. Zum Beispiel ist hier auf das Ende des Markus-Evangeliums zu verweisen. Schloss das Evangelium ursprünglich bereits mit Kapitel 16,8 ab? Viele der ältesten und besten Abschriften des Neuen Testaments bzw. des Markusevangeliums lassen das vermuten, da sie die Verse 9-20 nicht enthalten.
Die Tatsache, dass es sehr frühe Abschriften gibt, die in 16,8 enden, bedeutet nämlich, dass es schon sehr früh eine Version des Evangeliums gegeben haben muss, die bereits mit diesem Vers aufhört. So liegt die Vermutung nahe, dass Markus selbst nur bis Vers 8 geschrieben hat. Aus diesem Grund wird die Frage, ob die Verse 9-20 ursprünglich sind, debattiert. Um solche Fragen geht es bei der Textkritik: „Was ist der ursprüngliche Bibeltext?“ Dies ist in der Tat eine sehr wichtige Frage. Aber sie hat nichts mit einem Bezweifeln der Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift zu tun.
Die zweite Frage ist die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Neuen Testamentes. Viele historisch-kritische Bibelwissenschaftler nahmen an (nicht zuletzt beeinflusst durch die Philosophie Hegels), dass das frühe Christentum eine Entwicklung durchmachte, die hauptsächlich von Paulus gesteuert war. Man behauptete, Jesus sei lediglich ein jüdischer Endzeitprophet gewesen, der sich selbst weder für den Messias noch für Gott hielt. Erst Paulus habe ihn zu dem „Christus“ gemacht. Der Grund dafür seien Spannungen zwischen Hellenismus und Judentum gewesen. Der Zeitraum von 50 bis 60 Jahren ließe, so wurde man informiert, angeblich genug Spielraum, um diese Entwicklungen zu ermöglichen. Aber in den letzten Jahren haben sogar die kritischen Vertreter eingesehen, dass diese Konstruktion nicht haltbar ist.
Trotzdem halten Muslime hartnäckig daran fest, dass Paulus das Christentum quasi „erfunden habe“ und Jesus eigentlich Muslim gewesen sei. Sie haben die Thesen der liberalen Theologie aufgenommen und sie für ihre Zwecke instrumentalisiert. Sie behaupten dann oftmals, dass führende „christliche Bibelwissenschaftler“ ihre Meinung stützen würden.
Auf wirkliche Hindernisse ihrer Theorien in der Bibel erwidern sie mit dem Vorwurf der Textkritik und der angeblich schlechten Bezeugung der ursprünglichen neutestamentlichen Schriften. Kurzum: Alles, was nicht in die muslimische Vorstellungswelt passt, machen sie zu einer nachträglichen Fälschung oder Erfindung von Paulus. Für die Muslime war Jesus eigentlich ein Muslim. Er wurde nicht gekreuzigt, und er ist auch nicht auferstanden. Nirgends im Neuen Testament sei angeblich ursprünglich klar bezeugt, dass Jesus, der Sohn Gottes, wahrer Gott ist.
Wie gesagt: Ihre vorgebrachten Theorien haben sich als unhaltbar erwiesen und wurden schon mehrfach widerlegt. Zum Beispiel zeigte der Brite Richard Bauckham in seinem Werk Jesus and the Eyewitnesses (deutsch: Jesus und die Augenzeugen), dass die Evangelien sehr gut als antike Biographien verstehbar sind und auf Augenzeugenberichten beruhen.1 Auch die Vorstellung, Paulus habe das Christentum „erfunden“, ist mittlerweile auch in der kritischen Forschung überholt. Soviel zum Thema „gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse“. Die Thesen der muslimischen Apologeten sind also oftmals nicht mit stichhaltigen Argumenten untermauert.
Trotzdem berufen sich gebildete Muslime auf die Thesen früherer schriftkritischer Theologen. Sie vertreten die Ansicht, dass die modernistische Theologie einschließlich der Textkritik „bewiesen“ habe, dass der „echte“ Jesus nicht der Jesus der vier Evangelien gewesen sei.
Die Fragen, die sie aufwerfen, sind nicht selten komplex, und eine Antwort nimmt folglich längere Zeit in Anspruch. Das wissen sie auch. Aber die Anfragen werden in einer Weise gestellt, die vergleichbar ist mit einem Maschinengewehr, das unermüdlich seine Salven abfeuert. Am Ende fühlen sie sich dann als Sieger, da sie mehr Fragen gestellt haben, als das Gegenüber Zeit hatte, zu beantworten.
In der rationalen Auseinandersetzung mit dem (gebildeten) Islam ist es daher unbedingt wichtig, diese Fragen schon einmal gehört zu haben und zu wissen, dass diese Anfragen oft kommen. Dennoch diskutieren wir nicht mit Muslimen, um in einer akademischen Debatte als Gewinner vom Platz zu gehen. Vielmehr wollen wir Muslime für Christus gewinnen.
Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es gute (wenn auch komplexe und umfangreiche) Antworten auf die Fragen gibt, die Muslime stellen. Diese Diskussion erfordert aber mitunter eine gewisse akademische Vorbildung. Aber selbst wenn man sich mehrere Jahre mit diesen Fragen auseinandergesetzt hat, ist eine umfassende Beantwortung während eines Straßeneinsatzes kaum möglich. Ich halte es daher für sinnvoll, den Muslimen im Gespräch zu signalisieren, dass man diese Angriffe kenne und dass man (falls das Gegenüber zustimmt) über diese Themen in ausführlicheren Gesprächen reden könne, wenn der Betreffende zum Beispiel einmal in die Gemeinde mitkommen möchte.
Oftmals aber sind die Menschen gar nicht zu einer echten Diskussion bereit. Denn sie wollen ihre Meinung gar nicht ändern. In solchen Fällen hilft nur das Zeugnis des Evangeliums. Man kann die Anfragen der Muslime allerdings nutzen, um ihnen das Evangelium zu erklären und sie auf den echten Jesus der Bibel, den Sohn Gottes hinzuweisen.
Wenn Muslime über die Bibel sprechen, ist das die Chance, die Bibel in die Hand zu nehmen und den Menschen zu erklären, warum die Jünger glaubten, dass Jesus Gott ist. Dann geht es auch gar nicht mehr darum, die Glaubwürdigkeit der Heiligen Schrift auf einem hohen Niveau zu verteidigen, sondern den Muslimen aus der Bibel heraus Christus zu predigen. Es sind nicht unsere guten Argumente, sondern es ist das Wort Gottes, das Kraft hat, Menschen aus ihrer Finsternis in das Licht zu führen und zu verändern. Auf jeden Fall ist es außerordentlich wichtig, das Wort Gottes gut zu kennen.
Diesen thematischen Einschub hielt ich für erforderlich, da gerade aus dem gebildeten Islam Entsprechendes zu erwarten ist.
Muslimische Apologeten (Verteidiger des Islam) bedienen sich vielfach der so genannten Ergebnisse der kritischen Theologie, um die Bibel als unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Das Schreckliche, ja das Katastrophale daran ist, dass es vorgeblich „christliche“ Wissenschaftler waren, die den muslimischen Apologeten ihre Argumente liefern. Dass die europäische Christenheit sich eingebildet hat, ihr Verstand würde über der Heiligen Schrift stehen, hat für die Mission unter Muslimen bis zum heutigen Tag verheerende Konsequenzen.

Das Menschen- und Erlösungsverständnis in Christentum und Islam

Sowohl das Christentum als auch der Islam glauben, dass es am Ende des Lebens einen doppelten Ausgang gibt: Während einige Menschen in das Paradies kommen werden, bleibt für andere die ewige Verdammnis. Um zu verstehen, wie Menschen erlöst werden (also in das Paradies gelangen), müssen wir uns zunächst damit beschäftigen, was die jeweiligen Religionen über die Menschen selbst lehren. Die „Lehre vom Menschen“ bezeichnet man auch als Anthropologie. Schauen wir uns also zunächst die Anthropologie des Islam an, um sie mit der betreffenden christlichen Lehre zu vergleichen. Danach gehen wir auf das Thema der Sünde ein und vergleichen abschließend die jeweiligen Auffassungen über die Erlösung.

Die Anthropologien des Christentums und des Islam

Die Vorstellungen des Quran über den Menschen stehen in einer Spannung. Einerseits lehrt der Quran die Souveränität Allahs: Allah leitet den Weg der Menschen recht, oder er führt in die Irre (Sure 7,178.179). Andererseits lehrt der Quran auch die Verantwortung des Menschen für seine Taten (Sure 4,13.14). Der Mensch wird im Quran als gut angesehen. Er ist in der Lage, sich in der Versuchung dafür zu entscheiden, das Gute zu tun. Sünde und Versuchung kommen im Islam nicht aus dem Menschen heraus, zum Beispiel nicht aus seinem Herzen, sondern sie werden von außen an den Menschen herangetragen, indem der Teufel dem Menschen die Versuchung „einflüstert“. Der Mensch verfügt über die Möglichkeit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden, wenn er es denn will und somit den Versuchungen widersteht. Ein Leben, das das Gute ablehnt, wird im Islam daher eher durch ein Nicht-Wissen als durch ein Nicht-Können erklärt. Es ist der Verstand, der den Menschen auszeichnet. Aus diesem Grund fordert der Quran den Menschen zum „Verständigsein“ und zum „Nachdenken“ auf.
Im Vergleich dazu vertritt die Bibel ein negatives Bild über den Menschen. Die Bibel macht deutlich, dass seit dem Sündenfall jeder Mensch unter der Sünde gefangen ist. Schlechte Taten und Sünden kommen auch aus dem Menschen selbst hervor. Gott schuf den Menschen nicht als Wesen mit einer bösen Natur. Erst die Übertretung Adams im Garten Eden brachte den Tod und die Sünde zu allen Menschen (Röm. 5,12-21). Aber seitdem hat der Mensch nun mit den Konsequenzen der „Erbsünde“ oder „Ursünde“ zu leben. Sie erreicht ihn bereits vor seiner Geburt (Ps. 51,7).
Im Islam hat der Fall Adams, der im Quran durchaus berichtet wird, nicht derartige Konsequenzen. Während die Bibel lehrt, dass der Sündenfall die Beziehung zwischen Gott und den Menschen zerstört hat, berichtet der Quran lediglich von der Feindschaft zwischen dem Satan und den Menschen (Sure 2,34-36) aufgrund des Sündenfalls. Der Satan ist es daher, der den Menschen fortan fehlleitet, während der Mensch, der sich für Allah entscheidet, von ihm „recht geleitet“ wird (so auch Adam in Sure 2,37).“
Demgegenüber lehrt die Bibel, dass der Fall Adams die Ursache für die Trennung zwischen Gott und den Menschen ist. Diese Trennung machte es notwendig, dass die Menschen wieder mit Gott versöhnt werden müssen (2Kor. 5,11-21). Das deutsche Wort Sünde beschreibt diese Trennung sehr treffend. Zum Beispiel wird das Wasser, das Rügen vom Festland trennt, als Sund“ bezeichnet (daher der Stadtname Stralsund). Dies ist die gleiche Wortwurzel, von der das Wort Sünde stammt. Die Idee ist die gleiche: Eine Sünde, bzw. der Sund, ist eine Trennung, die man nicht ohne weiteres überwinden kann.

Die Verfehlung des Menschen und die Notwendigkeit der Erlösung in Christentum und Islam

Während die Bibel den Menschen aufgrund seiner Sünde in einer Trennung von Gott sieht, stellt die Sünde im Islam kein so grundlegendes Problem dar. Die Sünden des Menschen treffen Allah nicht direkt, zumal dieser Gott in seiner Transzendenz und Unnahbarkeit keinerlei Beziehung zu den Menschen haben kann. Das bedeutet natürlich auch, dass Allah durch die Sünde nicht direkt getroffen werden kann. Falls es anders wäre, würde das ja bedeuten, dass der Mensch auf Allah in irgendeiner Weise Einfluss nehmen könne. Sünde aber kann im Islam nur eine Handlung gegen andere Menschen sein (Sure 17,7; 2,57). Ein solches Vergehen ist deshalb zunächst kein grundlegendes Problem für die (nicht existente) Beziehung zwischen Allah und den Menschen.
Die Islamwissenschaftlerin Christine Schirrmacher schreibt über die Sünde im Islam: „Die Sünde trennt den Menschen nicht von Gott, so wie ihn die Annahme des Islam Gott nicht näher bringt. Sie versetzt ihn nur in den Zustand des Gläubigen, der nun von Gott rechtgeleitet ist, aber sie schafft keine Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf“.2
Die Forderung, die Allah an die Menschen stellt, ist daher nicht Sündlosigkeit, sondern die Anerkennung der Allmacht und Majestät Allahs und die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer. Derjenige, der sich Allah unterwirft, darf auf Allahs „große“ Barmherzigkeit hoffen, dass er ihm seine Sünden vergibt. Dafür ist echte Buße notwendig sowie die Ablehnung jedes Götzendienstes und jeglicher Vielgötterei und das bewusste Vornehmen, fortan nicht mehr zu sündigen.
Für die Bibel hingegen ist Sünde die Zerstörung der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Selbst wenn man gegen Menschen sündigt, richtet sich die Sünde immer auch gegen Gott selbst (Ps. 51,6): Sünde ist die Schändung des Gesetzes Gottes. Es geht um eine Handlung, eine sündige Haltung und um die eigene sündige Natur. Sünde ist somit die Abweisung, den Ansprüchen Gottes Genüge zu tun. Gottes eigene Gerechtigkeit erfordert eine Bestrafung für Sünde, da die Sünde ja gegen Gott selbst gerichtet ist. Anders als bei dem unnahbaren Allah erreicht die Sünde Gott und schmäht ihn.
In Jeremia 9,23b lesen wir von Gottes Verlangen nach Gerechtigkeit: „…dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden! Denn daran habe ich Wohlgefallen, spricht der Herr.“ Im Christentum besteht somit die Notwendigkeit der Erlösung in der Lösung des Problems der Sünde: Gott fordert Gerechtigkeit; der Mensch unter der Ursünde kann aber diesem Anspruch Gottes nicht gerecht werden. Die Gerechtigkeit Gottes, an der Gott Wohlgefallen hat, erfordert eine Strafe für eben diese Verfehlung des Menschen. Würde Gott die Sünde ungestraft lassen, so wäre er ungerecht, da er in diesem Fall die Ungerechtigkeit des Menschen einfach stehen lassen würde. Das erklärt die unabwendbare Notwendigkeit für die Erlösung des Menschen.

Die Erlösung in Christentum und Islam

Das Wort Erlösung passt nicht in die Religion des Islam. Der griechische Begriff „erlösen“ bzw. „auslösen“ stammt ursprünglich aus dem Bereich der Wirtschaft. In der Antike „erlöste“ man Sklaven. Das heißt, man kaufte sie und ließ sie frei. Im Englischen meint Erlösung (redemption) auch das Wiedererlangen (oder überhaupt das Erlangen) von Besitz, indem man einen Gegenwert dafür eintauscht oder fällige Schulden begleicht.
Von daher passt der Begriff sehr gut, um die biblische Lehre von der Erlösung zu verstehen: Durch die Erbsünde sind wir Menschen zwar unter die Herrschaft der Sünde und des Todes gestellt worden, aber Christus kaufte uns durch seinen Tod frei. Er erlöste uns (1Kor. 6,20; Mk. 10,45).
Die Bibel spricht ferner davon, dass Christus stellvertretend für uns starb und somit die Strafe getragen hat, die eigentlich uns hätte treffen müssen. Da Gottes Wesen Gerechtigkeit fordert, muss eine Strafe für Ungerechtigkeit geschehen. Deswegen heißt es: Ihn (Jesus) hat Gott zum Sühnopfer bestimmt, [das wirksam wird] durch den Glauben an sein Blut, um seine Gerechtigkeit zu erweisen (Röm. 3,25a). Die Botschaft ist klar: Jesus ist das Opfer, das gebracht werden musste, damit Gott seine Gerechtigkeit erweisen konnte und Sünde bestraft wurde. Jedem, der an dieses Opfer glaubt, wird die Erlösung zuteil. Errettung bzw. Erlösung ist daher etwas, das dem Menschen von außen geschenkt wird. Wir Menschen haben nichts zu unserer Erlösung beigetragen. Wir haben nichts dazu getan, dass Jesus an einem Kreuz starb und Erlösung für uns erwirkte. Erlösung wird uns geschenkt. Wir können selbst nichts dafür tun. Das meint die Bibel, wenn sie von Gnade spricht.
Im Quran findet sich genau die gegenteilige Auffassung. So heißt es in Sure 35,18: Und keiner wird die Last eines anderen tragen…Du kannst nur diejenigen warnen, die ihren Herren im Verborgenen fürchten und das Gebet verrichten. Wenn einer sich rein hält, tut er das zu seinem eigenen Vorteil. Die Annahme eines stellvertretenden Sühneopfers oder des Loskaufens durch Christus ist dem Islam fremd. Im Islam lebt der Mensch schlicht mit der Verantwortung zu glauben, Allah dankbar zu sein und rechtschaffen zu handeln.
Wie im Christentum, so ist auch im Islam zur Sündenvergebung eine echte Buße erforderlich. Vergebung geschieht im Islam aber dann auf der Grundlage, dass der Mensch sein Verhalten ändert und recht handelt.
Hingegen sieht die Bibel die Grundlage für die Vergebung der Sünden ausschließlich im Opfer Jesu Christi. Gnade ist etwas, das wir in keiner Weise selbst erzeugen können. Während im Christentum keine einzige Handlung oder Tat bewirken kann, dass der Mensch Gottes Gerechtigkeit entsprechen könnte, kennt der Islam zum Beispiel die „fünf Säulen“, die für jeden Muslim verpflichtend sind. Dieser Pflichtenkatalog der fünf Säulen umfasst das Bekenntnis zum Islam, das Gebet, das Geben von Almosen, das Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka. Diese fünf Säulen bilden einen Prüfstein, ob jemand denn tatsächlich zu den Gläubigen gehört.
Demgegenüber ist die Bibel sehr klar: Die Errettung des Christen erfolgt nicht auf der Grundlage seiner Werke, zumal ein Christ nach wie vor in Sünde fallen kann.
Während im Christentum der Glaube eine Anerkennung der Wahrheit und Glaubwürdigkeit der Offenbarung Gottes ist, so wie sie uns in der Bibel vermittelt wird, ist er im Islam die Anerkennung der Größe und Erhabenheit Allahs. Der Gläubige ist Allah dankbar und erweist sich als dessen Knecht, indem er der Prophetenschaft Muhammads glaubt.3
Im Christentum hingegen führt die Anerkennung der Wahrheit des Wortes Gottes zu einer vertrauenden Haltung. Der Christ sagt: „Weil Jesus gestorben und auferstanden ist, bin ich errettet.“ Glaube im Christentum ist daher weniger Unterwerfung als vielmehr eine vertrauende Beziehung, eine lebendige Hoffnung und eine Gewissheit meines Heils in Jesus Christus. Die daraus resultierende Heilsgewissheit ist eine sehr praktische Konsequenz dieser Einsicht in die Erlösung.
Im Islam konnte sogar der Prophet Muhammad nicht wissen, ob er ins Paradies eingehen werde. Mit all seinen Werken war er von der Barmherzigkeit Allahs abhängig. Möglicherweise waren seine Taten nicht „echt“, oder Allah wollte ihm gar nicht vergeben, da Allah vergibt, wem er will. Im Christentum kommt die Erlösung von außen zum Menschen. Es gibt keine Bedingung, die er erfüllen kann, um gerettet zu werden. Deshalb hat Christus alle Bedingungen für ihn erfüllt. Der Glaube ist dabei ein „Kanal“, durch den die erwirkte Errettung dem Menschen zukommt. Er ist jedoch kein „Werk“ des Menschen. In der Bibel begegnen die Menschen keinem Errettungsweg, der einer Wackelpartie gleicht. Der Tod und die Auferstehung Christi gewährleisten, dass Gott diejenigen, die an Christus glauben, auch erretten und auferwecken wird.

Das Verständnis von Jesus in Christentum und Islam

Der gewichtigste Unterschied zwischen den beiden Religionen ist das Verständnis von Jesus von Nazareth. In der Bibel wird uns Jesus Christus folgendermaßen vorgestellt: Jesus ist voll und ganz Mensch, mit menschlichen Gefühlen, Bedürfnissen und der Möglichkeit, zur Sünde verführt zu werden. Dennoch sündigte Jesus nie und ließ sich nicht vom Satan verführen. Jesus ist auch voll und ganz Gott, die zweite Person der Dreieinigkeit, die existiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das wichtige christliche Konzil von Nicäa drückte es folgendermaßen aus: „Und [wir glauben] an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“
Als Mensch war Jesus ein Jude, der im ersten Drittel des ersten Jahrhunderts lebte und eine Gruppe von Jüngern um sich scharte. Als Mensch betete Jesus zu Gott, der sich seinem Volk als Jahwe offenbart hatte. Als Mensch lebte Jesus außerdem ein normales Leben, welches allerdings ohne Sünde war. Jesu aktiver Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes und seine Sündlosigkeit machten seine perfekte Gerechtigkeit kund. Er war derjenige Mensch, der den Sund, also die Trennung der Sünde zwischen Gott und Mensch überwand. Er ist der wahre Gott,
der die Last des Zornes Gottes ertragen und uns die Gerechtigkeit und das Leben erworben hat.4 Durch seinen Tod am Kreuz trug Jesus die Strafe seiner Menschen. Er nahm ihre Ungerechtigkeit auf sich und gab ihnen seine vollkommene Gerechtigkeit. Im Alter von etwa dreißig Jahren wurde Jesus an ein römisches Kreuz genagelt, um dort zu sterben. Er war drei Tage lang tot, wurde von Gott auferweckt und fuhr in den Himmel auf. Dort im Himmel wird er auf ewig regieren, während er seine menschliche Natur, die er in der Menschwerdung annahm, nie mehr verlieren wird.
Doch wer ist Jesus im Islam? In der Vorstellung der Muslime war Jesus ein Muslim, ein bedeutender Prophet, zu welchem eines der vier heiligen Bücher herab gesandt wurde. Jesus starb nie an einem Kreuz, sondern wurde als Prophet Gottes direkt weggenommen. Auch wenn Jesus im Islam viele Dinge zugesprochen werden, wie zum Beispiel sein Wirken als Messias, seine Funktion als Wort Gottes oder sein Dasein als Wunderwirker, kann er niemals als Gott anerkannt werden.
Doch wie gewichtig ist das Bild, das der Islam von der wichtigsten Person in der Geschichte der gesamten Menschheit zeichnet? Gerade hier offenbart die Botschaft des Quran seine Schwäche. Während Christen Jesus als das Lamm Gottes bekennen, das die Schuld der Welt wegnimmt, haben Muslime keine Heilsgewissheit. Sie haben keinen Fürsprecher, weil sie dem Wort Gottes, wie sie Jesus selbst nennen, seine Gottessohnschaft aberkannt haben. Allahs Barmherzigkeit fordert einige Bedingungen, doch diese können die Menschen niemals erfüllen. Um vor Gott bestehen zu können, benötigen sie dringend das Sühneopfer, das sie so vehement ablehnen.
Während die Forscherwelt sich einig ist, dass Jesus an einem Kreuz gestorben ist, bestreiten es die Muslime aufgrund einer Schrift, die 600 Jahre nach Jesu Tod abgefasst wurde. Zeitgenössische Berichte wie die Evangelien, Erwähnungen des heidnischen Historikers Tacitus, des jüdischen Historikers Flavius Josephus und nicht zuletzt der Babylonische Talmud sind sich alle einig über die Geschichtlichkeit der Kreuzigung.
Demgegenüber haben sich die Muslime auf eine märchenhafte Erfindung geeinigt. Die von ihnen so vehement angenommene Bibelverfälschung ist tief in der Biographie Muhammads verwurzelt, der die Ablehnung durch Juden und Christen in Medina nicht ertragen konnte.
Jesus war nicht bloß ein Prophet. Er war kein Muslim, sondern er war als Mensch ein Jude. Das Christentum bekennt Jesus als den Sohn Gottes, als die zweite Person der Dreieinigkeit und als das Sühneopfer Gottes, weil Jesus sich so selbst in der Heiligen Schrift offenbart hat. Die Auferstehung zeigt, dass alles wahr ist, was Christus uns mitgeteilt hat. Wir brauchen daher nicht 600 Jahre in der Geschichte weiter zu gehen, um einen selbsternannten arabischen Propheten nach Jesu Identität zu fragen. Jesus lebt jetzt. Er spricht zu uns in seinem Wort und kommt uns in seinem Heiligen Geist nahe, durch den er uns in alle Wahrheit führt.

Abschließende Gedanken

Jesus, der Sohn Gottes, lebt. Es ist unser Auftrag als Christi Nachfolger, nach seinem Reich zu trachten, seinen Namen zu verkündigen und das Evangelium zu predigen. Dies gilt auch gegenüber den Muslimen.
In den drei Teilen dieser Serie über die Unterschiede zwischen dem Christentum und dem Islam ist hoffentlich das Eine deutlich geworden: Die Wahrheit Gottes ist herrlich, sein Wesen ist Heiligkeit, und sein Evangelium ist eine gute, heilbringende Botschaft. Der Gott, der Licht ist, überstrahlt auch die Dunkelheit der am wenigsten evangelisierten Gebiete in der arabischen Welt. Es ist an uns, die Botschaft Christi auch dorthin zu bringen. Dabei wollen wir allerdings nicht vergessen, dass Gott uns die Muslime inzwischen direkt vor unsere Haustür gebracht hat.
Am Ende des Matthäusevangeliums gibt Jesus seinen Jüngern einen gewaltigen Auftrag: „Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“


1) Bauckham, Richard, Jesus and the Eyewitnesses. Grand Rapids [Eerdmans] 2006. Das Buch ist auf Englisch erschienen. Eine deutsche Übersetzung ist leider noch nicht erhältlich.
2) Schirrmacher, Christine, Der Islam. Bd.1. Holzgerlingen [Hänssler] 2003, S. 261.
3) Schirrmacher, Christine, Der Islam. Bd.1. Holzgerlingen [Hänssler] 2003, S. 239.
4) Heidelberger Katechismus, Sonntag 6, Frage 17.