König Davids Evangelium

Wortverkündigung zu Psalm 24

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit…“. Mit diesen Worten beginnt eines der bekanntesten deutschen Adventslieder. Die Vorlage, nach der der Dichter dieses Lied schrieb, ist der Psalm 24. Von daher stellt sich gleich zu Beginn die Frage: Was hat Psalm 24 eigentlich mit Advent und mit Weihnachten zu tun?

Am Anfang von Psalm 24 heißt es, dass es sich um einen Psalm Davids handelt. König David lebte ungefähr 1000 Jahre vor dem Tag, an dem Jesus geboren wurde. Wie kann er einen Psalm geschrieben haben, der etwas mit Advent und mit Weihnachten zu tun hat?

Wir werden später auf diese Fragen zurückkommen. Aber vorher gehen wir den Psalm von Anfang an durch.

Psalm 24 lässt sich ohne große Schwierigkeiten in drei Teile gliedern. Der erste Teil umfasst die Verse 1 und 2. David verkündet hier: Gott hat die ganze Welt erschaffen, und deswegen gehört sie ihm. Anschließend, in den Versen 3 bis 6, stellt er fest, dass nur Menschen zu Gott kommen dürfen, die völlig unschuldig sind. Schließlich, in den Versen 7 bis 10, ruft der Psalmist die Menschen dazu auf, Gott den König in ihrer Stadt willkommen zu heißen.

Nachdem wir uns die Dreiteilung dieses Psalms klargemacht haben, stellt sich die Frage: Was haben diese drei Teile miteinander zu tun? Was hat der Umstand, dass Gott die Welt geschaffen hat, damit zu tun, dass nur unschuldige Menschen zu Gott kommen können? Und warum wird man nach den ersten beiden Teilen aufgefordert, den König zu empfangen? Ging es nicht in Teil zwei eher darum, wie wir zu Gott kommen können?

Theologen, die nicht glauben, dass die Bibel Gottes Wort ist, haben denn auch behauptet, dass im Grunde die drei Teile nichts miteinander zu tun hätten. Irgendjemand habe drei kurze Gedichte gut gefunden und sie hintereinandergestellt, wobei er leider nicht darauf geachtet habe, dass sie gar nicht zusammenpassen.

Aber eine solche Vorstellung widerspricht erstens der Aussage der Heiligen Schrift. Denn das Wort Gottes lehrt unzweideutig, dass es sich bei dem ganzen Psalm um einen Psalm von David handelt. Zweitens haben die drei Teile, auch wenn es im ersten Moment nicht so aussieht, sehr viel miteinander zu tun.

Der Schlüssel, um zu verstehen, wie der Psalm zusammenhängt, ist das Evangelium von Jesus Christus. Obwohl David 3000 Jahre vor uns und 1000 Jahre vor dem Kommen Jesu lebte, liegt hier der Schlüssel für diesen Psalm. Erst wenn wir das erfassen, können wir überhaupt den Zusammenhang zwischen den drei Teilen erkennen.

Gehen wir der Sache auf den Grund unter dem Thema: König Davids Evangelium. Wir wollen anhand der Dreiteilung des Psalms auf folgende Punkte achten:

1. Gottes Schöpfung ist die Grundlage für das Evangelium (Ps. 24,1.2);

2. Gottes Gemeinschaft ist das Ziel des Evangeliums (Ps. 24,3-6);

3. Gottes Ankunft ist der Weg des Evangeliums (Ps. 24,7-10).

1. Gottes Schöpfung ist die Grundlage des Evangeliums

David setzt in diesem Psalm damit ein, dass er uns Gott als den Schöpfer und den Besitzer der Erde vorstellt (24,1.2): „Die ganze Erde gehört Gott.“ Alles. Ihm gehört sowohl das, was nicht lebt, also der Erdboden wie die Steine als auch die Lebewesen, also die Pflanzen, die Tiere und nicht zuletzt wir Menschen.

Wenn jemand sagt, Gott gehöre alles, dann ist für uns diese Aussage in ihrer Allgemeinheit in Ordnung. Problematischer wird es im Blick auf uns Menschen. Denn wir Menschen mögen es nicht, wenn wir gesagt bekommen, wir würden Gott gehören. Besonders in den letzten ungefähr 250 Jahren hat im Westen folgende Einstellung um sich gegriffen: Der Mensch gehört keinem außer sich selbst. Man bezeichnet diese Auffassung gewöhnlich als Freiheit und sieht diese „Freiheit“ als Schlüssel zum wahren Lebensglück. Es geht nach der Devise: „Keiner kann mir etwas vorschreiben, zumindest in meinem Privatleben. Schließlich bin ich frei und selbstbestimmt, ich bin König meines Lebens.“ Das ist die Haltung der meisten Menschen heute.

David verkündet hier das genaue Gegenteil. Alle Menschen gehören Gott, und zwar unabhängig davon, ob sie das gut finden oder nicht, ob sie Gott mögen oder ihn hassen, oder ob sie überhaupt glauben, dass es ihn gibt. Im Sinn der Schöpfung gehören alle Menschen gleichermaßen Gott.

In Vers 2 begründet David, warum Gott der Eigentümer aller Dinge ist: Gott hat die Erde gemacht, sowohl das Festland als auch die Meere und die Flüsse. Ihm gehört alles, weil er alles geschaffen hat, weil alles von ihm herkommt. Das ist zwingende Logik. Es verhält sich hier so, wie wenn jemand zu Hause einen Kuchen backt. Dann bleibt es ihm überlassen, ob er ihn verschenkt, verkauft oder selber isst. Er kann mit dem Kuchen machen, was er will. Denn er hat ihn gemacht.

Die Bibel wählt ein ähnliches Bild, um uns zu veranschaulichen, welche Macht und welche Rechte Gott hat. Sowohl die Propheten Jesaja und Jeremia als auch der Apostel Paulus verwenden das Bild eines Töpfers. In diesem Bild ist Gott der Töpfer, und wir Menschen sind der Ton. Jedes Mal wird die Frage gestellt: Hat der Ton irgendein Recht, sich beim Töpfer zu beklagen? Die Antwort lautet stets: Natürlich nicht!

Gott ist uns Menschen niemals rechenschaftspflichtig. Denn er ist der Schöpfer. Er kann tun und lassen, was er will. Er ist kein Kuscheltier!

Aber das ist nicht alles, was David in den beiden Versen über die Schöpfung sagt. Er spricht nämlich nicht nur über uns Menschen, sondern auch über alles andere, was Gott geschaffen hat. Alle Dinge, die wir sehen, hat er gemacht, und er kam zu dem Urteil: Es ist sehr gut. Deswegen ist auch nichts, was Gott geschaffen hat, an sich schlecht. Es gibt immer wieder Menschen, die lehren, Christen dürften verschiedene Dinge überhaupt nicht essen oder trinken. Beispielsweise gibt es bis heute Leute, die erklären, man dürfe unter keinen Umständen Fleisch zu sich nehmen. Oder zur Zeit des Neuen Testamentes gab es Leute, die vertraten die Auffassung, Sexualität sei etwas Negatives. In seinen Briefen schreibt Paulus zwar einschränkend, dass es für alles Regeln gibt, an die Christen sich zu halten haben. Im Blick auf das Essen besteht beispielsweise die Anweisung, keine Völlerei zu betreiben, beim Trinken soll man sich nicht betrinken, und für sexuelle Aktivitäten gilt, dass sie in die Ehe gehören.

Aber genauso wichtig ist es dem Apostel, dass keines dieser Dinge an sich schlecht ist. Denn alle Dinge sind von Gott geschaffen. Im 1.Korintherbrief begründet Paulus dies einmal mit Psalm 24: …denn die Erde gehört dem Herrn und was sie erfüllt (1Kor. 10,26).

Eine Frage bleibt dabei: Auch wenn Gott alles Geschaffene für gut erklärt, ist diese Botschaft nicht unter dem Strich doch ziemlich beängstigend? Wir Menschen sind von Gott erschaffen. Wir gehören ihm, und er hat das Recht, mit uns zu tun, was er will. Aber schon ganz am Anfang dieses Psalms erfahren wir, dass Gott nicht ausschließlich so ist. Er wird hier nämlich nicht einfach Gott genannt, sondern Herr. David bezeichnet Gott hier nicht lediglich als Gott, sondern er nennt ihn mit seinem persönlichen Namen. Auf Hebräisch steht hier Jahwe. Unsere Bibeln übersetzen das gewöhnlich mit „Herr“. Wörtlich bedeutet dieser Eigenname so viel wie: Ich bin, der ich bin. Es ist der Name, den Gott sich selbst gegeben hat, um den Menschen unter anderem deutlich zu machen: „Ich bin nicht nur euer allmächtiger Schöpfer, ich habe ein Interesse daran, mit euch in Gemeinschaft zu leben.“ Zwar hat Gott das Recht, mit den Menschen zu machen, was er will, aber trotzdem will er mit Menschen eine Liebesbeziehung haben.

Deswegen hat Gott auf einige seiner Rechte verzichtet. Zum Beispiel hätte er in der Zeit nach Noah die Menschen immer wieder durch eine Sintflut vernichten können. Aber stattdessen schloss er mit Noah einen Bund. Darin versprach er ihm und allen Menschen, dass es nie wieder eine solch verheerende, weltweite Flut geben werde.

Der allmächtige Gott hätte zwar das Recht zur Vernichtung der Menschen. Aber stattdessen band er sich an seine Verheißung. Er machte einen Bund. Und durch seinen Namen Jahwe – ich bin der ich bin – verdeutlicht er den Menschen: Ich habe mich an meine Zusage gehalten. Ich halte mich daran, und ich werde mich daran halten.

Gott ist der Schöpfer. Er ist souverän und von uns völlig unabhängig. Er kann tun und lassen, was er will. Und trotzdem deutet er hier in den ersten Versen bereits an, dass er ein Gott ist, der mit den Menschen Gemeinschaft haben möchte.

2. Gottes Gemeinschaft ist das Ziel des Evangeliums

In Vers 3 setzt der zweite Teil des Psalms ein. Wir hatten bereits erwähnt, dass der Themenwechsel ziemlich überraschend kommt. In Vers 3 stellt David eine Frage, und er beantwortet sie dann in den Versen 4 bis 6. Die Frage, die David aufwirft, setzt sich aus zwei Teilen zusammen: „Wer darf auf den Berg des Herrn steigen? Und wer darf an seiner heiligen Stätte stehen?“

Die Psalmen sind bekanntlich Gedichte oder Lieder. In ihnen wird öfters dieselbe Sache zweimal mit unterschiedlichen Worten gesagt. Mit heiliger Stätte meint David die Stiftshütte. Dort befand sich die Bundeslade. Das war das Symbol schlechthin für die Anwesenheit Gottes. Mit heiligem Berg ist an die Erhebung in Jerusalem gedacht, auf dem zunächst die Stiftshütte stand und auf dem später der Tempel gebaut wurde. Vers 3 können wir also auch so lesen: Herr Gott, wer darf in deine Gegenwart treten? Wer darf mit dir Gemeinschaft haben?

Im Folgenden lesen wir eine Reihe von Bedingungen. Es geht um Voraussetzungen, die jemand erfüllen muss, um mit Gott Gemeinschaft haben zu dürfen.

Aber hatte David nicht eben noch gesagt, dass alles Gott gehört? Und jetzt gibt es plötzlich Menschen, die mit ihm Gemeinschaft haben dürfen und andere, die keine Beziehung zu ihm haben?

Wir treffen hier auf den entscheidenden Unterschied zwischen dem ersten Teil des Psalms und dem zweiten. Die Aussage des ersten Teils lautet: Alle Menschen gehören Gott, ausnahmslos alle, weil sie von Gott erschaffen worden sind.

Aber unmittelbar nach der Schöpfung geschah etwas, das David hier nicht erwähnt, aber was wichtig ist, um den zweiten Teil zu verstehen. Adam und Eva, die ersten Menschen, wandten sich von Gott ab. Sie kehrten ihrem Schöpfer den Rücken und beschlossen, ihr eigener König zu sein. Danach gehörten die Menschen zwar immer noch Gott, aber sie hatten keine Gemeinschaft mehr mit ihm. Damals hätte Gott ohne weiteres das Recht gehabt, alle Menschen unverzüglich zu vernichten. Aber er tat es nicht. Dennoch steht seitdem eine Trennungsmauer innerhalb der Menschheit. Alle Menschen gehören ihrem Schöpfer. Aber einige haben Gemeinschaft mit ihm, sie leben auf ihn ausgerichtet und freuen sich über ihn, und andere existieren fern von Gott.

Bereits bei den Kindern von Adam und Eva ist diese Trennungslinie erkennbar: Abel hatte Gemeinschaft mit Gott, und Kain hatte diese Gemeinschaft nicht. Und diese Scheidung zieht sich durch die gesamte Bibel. Denken wir an den Unterschied zwischen Jakob und Esau oder an den Unterschied zwischen David und Saul oder heute an den Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen.

Angesichts dessen, dass nicht alle Menschen mit Gott Gemeinschaft haben, obwohl sie alle seine Geschöpfe sind, stellt David die Frage: Gott, wer darf jetzt eigentlich zu dir kommen? Was sind die Voraussetzungen? In Vers 4 findet David darauf die Antwort. Er gibt sie gewissermaßen stellvertretend für Gott: „Wer unschuldige Hände hat und ein reines Herz, wer seine Seele nicht auf Trug richtet und nicht falsch schwört.“

Jemand der so handelt, wird folgendermaßen belohnt: „Der wird Segen empfangen von dem Herrn und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils. Dies ist das Geschlecht derer, die nach ihm fragen, die dein Angesicht suchen — das ist Jakob!“ (Ps. 24,5.6).

David zählt eine ganze Reihe von Bedingungen auf. Wenn du Gemeinschaft mit Gott haben willst, benötigst du „unschuldige Hände„. Was auch immer du den ganzen Tag mit deinen Händen anstellst, es muss gut sein, es muss auf Gott ausgerichtet sein, es muss ihm gefallen. Aber nicht nur das, was du äußerlich tust, ist von Bedeutung. Du brauchst außerdem „ein reines Herz und eine Seele, die nicht auf Trug ausgerichtet ist“ (24,4). Mit anderen Worten: Nicht nur deine Handlungen, sondern auch deine Gedanken sowie deine Gefühle müssen stets von Liebe und von Wahrheit bestimmt sein. Deine Motive, deine Gedanken, einfach alles in dir… Und außerdem darfst du „nicht falsch schwören“ (24,4). Wir können es auch andersherum formulieren: Du sollst die Wahrheit immer in Liebe sagen. Aus deinem Mund dürfen ausschließlich Dinge kommen, die Gott gefallen.

Nun stehen diese klaren Bedingungen vor uns. Da wir im 20. und im 21. Jahrhundert aufgewachsen sind, denken wir uns spontan wohl etwa Folgendes: Auf der einen Seite haben wir die klaren und eindeutigen Bedingungen, um mit Gott Gemeinschaft zu haben. Auf der anderen Seite steht unser Leben, und das ist nicht perfekt, aber, so reden wir uns ein, irgendwie wird es schon passen. Eine solche Einstellung haben heutzutage viele Menschen.

Denken wir an Spielfilme, in denen Helden eine zentrale Rolle spielen. Bei ihnen fällt auf, dass wir die meisten dieser Helden erst dann so richtig gut finden, wenn sie irgendwelche Schwächen oder Macken haben. Wir leben in einer Zeit, in der man gerne „Fünfe gerade sein lässt“. Erst wenn man sich nicht als perfekt erweist, gewinnt man in seiner Umgebung Sympathie.

Aber Gott ist kein Kind unserer Zeit. Er steht über dieser Zeit und ist unabhängig von ihr. Er findet auch nicht Leute dann erst so richtig sympathisch, wenn sie eine Marotte haben. Wenn Gott mit einer Aufstellung von Bedingungen zu dir kommt, dann gibt es für dich genau zwei Möglichkeiten: Entweder du erfüllst sie und zwar immer und vollständig und ganz und total. Dann wirst du gesegnet! Oder du erfüllst sie auch nur einmal ganz kurz nicht – und dann ist Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen.

Warum ist das so? Die Antwort ist: Weil Gott heilig ist! Das heißt unter anderem, dass er keine Gemeinschaft mit Personen haben kann, die nicht ebenfalls völlig heilig sind. Nun braucht keiner von uns lange darüber nachzudenken, dazu braucht er noch nicht einmal Christ zu sein, um zur Einsicht zu gelangen, dass er diese Bedingungen nicht einmal annähernd erfüllt. Als Paulus auf diese Frage im Römerbrief zu sprechen kommt, ist seine Auskunft sehr kurz: „Da ist keiner, der Gutes tut“ (Röm. 3,12). Punkt.

Und das ist schrecklich. Denn eigentlich wurde der Mensch dazu geschaffen, mit Gott Gemeinschaft zu haben. Was heißt es eigentlich, mit Gott Gemeinschaft zu haben und sein Angesicht zu sehen?

Beginnen wir die Beantwortung dieser Frage mit dem, was es nicht heißt: Es heißt nicht, auf einer Wolke zu sitzen und den ganzen Tag zu singen. Stattdessen heißt es, an dem Ort zu sein, an dem Gott, die Quelle aller Freude und alles Guten ist. Dort gibt es kein Leid, keine Krankheiten und Schmerzen, keine Probleme, keinen Streit und vor allem keinen Tod mehr. Es ist ein Ort, an dem wir in jedem Moment so glücklich sind, wie wir es in unserem ganzen Leben noch nie auch nur für eine Sekunde waren.

Wenn man noch nicht erwachsen ist, träumt man gerne davon, endlich so groß wie die Erwachsenen zu sein. Denn dann werde es viele Dinge geben, die man endlich tun und lassen darf. Aber wenn ich zurückblicke, gibt es eine Sache, die ich heute im Vergleich zu meiner Kindheit sehr vermisse. Nachdem ich jetzt seit einigen Jahren zu den Erwachsenen gehöre, stelle ich fest, dass ich es verlernt habe, mich für eine Sache so richtig begeistern zu können. Je älter ich wurde, desto schneller verloren Dinge ihren Reiz. Aber wenn ich dann der Begeisterungsfähigkeit meiner Kindheit nachtrauere, denke ich auch immer wieder: Im Grunde zeigt sich auch darin Gnade von Gott. Denn auf diese Weise wird mir deutlich, dass diese Welt nicht alles ist. Es wird noch etwas kommen, was ich jetzt schon im Glauben habe und was mich wesentlich tiefer erfüllt und reicher macht als alle Dinge dieser Welt: Es ist die ewige Gemeinschaft mit Gott.

Aber wenn wir aufrichtig sind und die von David genannten Bedingungen zur Kenntnis nehmen, kommen wir zu einem einzigen Ergebnis: Diese Gemeinschaft ist für keinen Menschen zu erreichen. Niemand erfüllt sie. Wie geht es also weiter?

Halten wir zunächst einmal fest: In den Versen 1 und 2 hatte David verkündet, dass alle Menschen Gott gehören. Angesichts der Verse 3 bis 4 müssen wir zu dem Schluss kommen: Keiner kann auf Gottes heiligen Berg gelangen. Kein Mensch ist heilig genug, um Gemeinschaft mit ihm zu haben. Folglich erscheinen die in den Versen 5 und 6 genannten Segnungen für einen Menschen unerreichbar. Was sagt David dazu? Interessanterweise sagt er erst einmal gar nichts. Sela steht am Ende von Vers 6. Das heißt wohl so viel wie: Pause. Der Psalmist hält erst einmal inne.

3. Gottes Ankunft ist der Weg des Evangeliums

David hatte die Frage gestellt: Wer darf zu Gott kommen? Bei der Beantwortung landet er im Prinzip in einer Sackgasse. Aber trotz der angegebenen Pause endet der Psalm hier nicht. David sagt auch nicht: „Naja, dann müssen wir uns halt anstrengen und alles geben, damit wir diese Bedingungen doch irgendwie erfüllen!“

Stattdessen dreht er den Spieß herum. Die Frage in den ersten sechs Versen lautete: Wie kommen wir zu Gott? Und die völlig überraschende Antwort Davids ist: Gott kommt zu uns!

In Vers 7 ist lediglich die Rede von einem König, der kommt. David ruft die Stadttore auf, ihre „Häupter zu erheben„. Das ist wieder bildhafte Sprache dafür, dass er die ganze Stadtbevölkerung aufruft, den König willkommen zu heißen. Bis zum Ende von Vers 7 könnte man noch meinen, David würde über seine damalige Zeit sprechen und die Bürger von Jerusalem dazu aufrufen, ihn willkommen zu heißen.

Aber spätestens in Vers 8 sehen wir, dass es David nicht um sich selbst geht. Er fragt: „Wer ist dieser König der Ehren? Es ist der Herr, der Starke und Mächtige, der Herr, der Held im Streit.“ Diese Auskunft ist deswegen bemerkenswert, weil gerade in der Antike Könige niemals andere Könige neben sich duldeten. Man denke zum Beispiel an den König Herodes. Als die Weisen aus dem Morgenland ihm berichteten, dass in Bethlehem ein König geboren worden war, brachte er aus Angst um seinen Thron alle Kleinkinder in Bethlehem um. David dagegen duldet nicht nur einen anderen König, sondern er ruft sogar seine Untergebenen dazu auf, diesen neuen König willkommen zu heißen. Ausgerechnet der mächtige König David, der die Feinde Israels besiegt, der die Grenzen erweitert und für einen wirtschaftlichen Aufschwung gesorgt hatte, ordnet sich einem anderen König unter!

Warum macht er das? Die Antwort ergibt sich auch aus Vers 8: Weil dieser König Gott selbst ist. Aber es ist nicht nur Davids Respekt oder seine Ehrfurcht vor Gott, die ihn zu dieser Aussage treibt. Es ist vor allem sein Wissen darum, dass Gott als König kommen muss. Denn andernfalls kann kein Mensch, nicht einmal der König David selbst, von sich aus zu Gott kommen. Was David in den Versen 7 bis 10 ausführt, hat sich niemals zu Davids Lebzeiten so ereignet. Der einzige König, der damals in Jerusalem einzog, war er selbst.

Erst ungefähr 1000 Jahre später kam dann Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus. Er kam zu uns auf diese Erde. Weil wir nicht zu Gott kommen können, kam er zu uns, eine Person, die gleichzeitig Gott und Mensch ist. Er lebte als einziger Mensch der gesamten Weltgeschichte ein Leben, das den Bedingungen von Vers 4 entsprach. Er dachte, fühlte, sagte und handelte niemals auch nur im Geringsten gegen Gott.

Er tat noch mehr. Seine Botschaft lautete: Wenn ihr an mich glaubt, dann steht ihr vor meinem Vater, und zwar so als hättet ihr selbst so heilig und gerecht gelebt wie ich. Dann schaut mein Vater euch an, so als hättet ihr niemals etwas gesagt, gedacht, gefühlt oder getan, was Gott missfällt, sondern immer vollständig so gelebt, wie es Gott entspricht.

David beschreibt das in Vers 5: „Dieser Mensch wird Segen empfangen von dem Herrn und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.“ Plötzlich muss man nicht mehr die Bedingungen des heiligen Gottes perfekt erfüllen, um mit ihm Gemeinschaft zu haben, sondern man darf ihm einfach im Gebet bekennen: Jesus, ich kann die Bedingungen selbst nicht erfüllen. Danke, dass du es für mich getan hast!

David sah dieses Wunder des Evangeliums voraus: Weil wir nicht zu Gott kommen können, kam er zu uns. Und David fordert die Menschen auf: Heißt ihn willkommen! Öffnet die Tore weit und nehmt den mächtigen Stein weg, der als Querstein damals ein Stadttor nach oben abschloss! Der Psalmist findet das so wichtig, dass er das in den Versen 7 und 8 Gesagte noch einmal leicht abgeändert wiederholt.

Auf noch etwas sollten wir achtgeben. In den Versen 7 bis 10 ist nicht einfach von einem Einzug eines Königs die Rede, sondern hier wird der Triumphzug eines Königs geschildert. Gott wird hier als der Starke und der Mächtige bejubelt, als der Held im Streit und als der Herr der Heerscharen.

Wenn wir das, was wir hier lesen, mit dem Kommen Jesu vergleichen, dann erschrecken wir. Denn als der Sohn Gottes ungefähr 1000 Jahre später wirklich kam, öffneten ihm die meisten Menschen nicht die Tore. Den größten Teil seines irdischen Lebens war er in Auseinandersetzungen verwickelt. Weil die überwiegende Mehrheit der Menschen ihn nicht wollte, war sein Kommen auf diese Erde alles andere, nur nicht ein Triumphzug.

Selbst als die Leute ihn tatsächlich einmal wie einen König feierten, beim Einzug in Jerusalem (Mt. 21,1-11), brachten dieselben Leute es fertig, nur eine Woche später über denselben Jesus auszurufen: „Kreuzige ihn!“ (Mt. 27,23).

Nicht wenige Menschen zweifeln an der Gnade Gottes, aber sie trauen sich nicht, dies einzugestehen. Für solche Menschen ist dieser Psalm eine Offenbarung. Denn selbst David, der in seinem Leben so viele Lieder spielte und so viele große Taten für Gott ausführte, war alles andere als perfekt. Auch er hatte nur eine einzige Hoffnung, dass Gott der Herr als König kommen wird. Dass er bei uns einziehen wird, um für uns den Weg zu Gott zu ebnen.

Was für David galt, gilt für alle Menschen. Alle Menschen gehören Gott, unabhängig davon, wie jeder einzelne zu ihm steht, denn er hat sie geschaffen. Und wenn Gott dich nicht am Leben halten würde, könntest du nicht eine Sekunde leben.

Auch was wir zu den Versen 3 und 4 erkannt haben, trifft für jeden Menschen zu. Die Bedingungen, um in Gottes Gegenwart zu treten, erfüllt niemand von uns. Da sind Christen kein Stück besser als Nichtchristen. Folglich hätte niemand das Recht zu Gott zu kommen, außer eben der Sohn Gottes, Jesus Christus.

Es kommt erst dann zu einem Unterschied zwischen den Menschen, wenn man darauf acht gibt, wie sie auf Gottes Kommen reagieren. Der eine Teil der Menschen lehnte Jesus ab. Als er geboren wurde, wollte niemand ihn aufnehmen, also kam er in einem armseligen Stall zur Welt. Als Kleinkind musste er mit seinen Eltern Hals über Kopf fliehen, weil ihm die Ermordung durch König Herodes drohte. Später sagte Jesus einmal über sich: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel des Himmels haben Nester; aber der Sohn des Menschen hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Mt. 8,20). Schlussendlich kreuzigte man ihn und brachte als „Krönung“ jenes zynisch-ironische Schild über seinem Kopf an, auf dem zu lesen stand: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Nein, der „König der Juden“ wurde von seinem eigenen Volk nicht triumphal empfangen, sondern ermordet.

Viele Menschen reagieren auch heute so. Sie töten Jesus. Natürlich machen sie es nicht in einem wörtlichen Sinn. Aber sie führen ihr Leben so, als wäre er tot. Am bekanntesten ist vielleicht der Philosoph Friedrich Nietzsche, der vor etwas mehr als 100 Jahren schnörkellos erklärte: Gott ist tot!

Aber so klar muss man es gar nicht formulieren. Es reicht schon völlig aus, so zu leben, als gäbe es keinen Gott, als wäre Gott nicht da. Man kann sogar jeden Sonntag in einen Gottesdienst gehen und trotzdem tief in seinem Herzen nichts von Gott wissen wollen.

Der Heidelberger Katechismus stellt gleich zu Beginn die Frage: Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? In Kurzform lautet die Antwort: Dass ich nicht mir, sondern Jesus Christus gehöre.

Für die meisten Leute ist eine solche Antwort kein Trost, sondern eine Horrorvorstellung. Denn das würde ja heißen, dass man nicht über sich selbst bestimmen kann, sondern jemand anders die Regeln vorgibt. Darauf reagiert man, dass es einfach nicht sein darf, dass jemand anderes mein König ist und über mein Leben bestimmt.

Für David war es keine Schreckensvorstellung, zu glauben, dass er Gott gehört, sondern es war seine einzige Hoffnung. Er wusste: Es ist ein Glück, dass als König über mir noch ein anderer König steht, ein König, dem ich gehören darf, der zu mir gekommen ist, um für mich den Weg zu Gott freizumachen. Und das ist auch heute, 3000 Jahre nach Abfassung dieses Psalms, unsere einzige Hoffnung.

Dabei haben wir gegenüber David einen gewaltigen Vorteil: Gott ist in der Person von Jesus Christus bereits als König gekommen. Deswegen feiern wir Advent. Dieses Wort bedeutet nichts anderes als ‚Ankunft‘. Die Aufforderung, diesem König die Tore zu öffnen, gilt auch heute. Das ist nicht so zu verstehen, als wäre Gott davon abhängig, dass wir ihm die Tore öffnen oder ihn willkommen heißen. Auch damals öffnete ihm niemand das Tor, und trotzdem kam er in sein Eigentum. Dennoch sind wir dazu aufgerufen, ihn willkommen zu heißen, die Gemeinschaft mit ihm zu suchen und ihm die Ehre zu geben, ihm dem König der Herrlichkeit (oder: der Ehren).

Wie können wir bereits jetzt mit Gott Gemeinschaft haben? Wie können wir in dieser Welt „seine heilige Stätte“ betreten, obwohl er zurzeit nicht zu sehen ist?

Die wichtigste Form der Gemeinschaft mit Gott ist in der Zeit bis zur Wiederkunft das Gebet. Und auch da verhält es sich so, dass wir ohne das Kommen Jesu überhaupt kein Recht auf das Beten hätten. Einer der englischen Puritaner sagte einmal: Es kostete Jesus sein Leben, damit du beten darfst. Im Horizont dieses Psalms können wir entsprechend sagen: Das Kommen von Jesus war notwendig, damit du beten darfst.

Advent und Weihnachten sind mehr als stressige, festliche, gemütliche oder besinnliche Feiertage. Advent und Weihnachten erinnern uns, dass wir von uns aus nicht zu Gott kommen können, sondern dass Er zu uns gekommen ist.

Amen.