Die Erscheinung der Gnade und der Herrlichkeit Gottes

Anmerkungen zu Titus 2,11-14:

In der Advents- und Weihnachtszeit werden unsere Gedanken in besonderer Weise auf das Kommen Christi in diese Welt gelenkt. Wir erinnern uns an das Ereignis, das vor inzwischen über zweitausend Jahren geschah und diese Welt von Grund auf veränderte: Die zweite Person der Dreieinigkeit Gottes nahm menschliche Natur an. Der Evangelist Johannes verkündet diese gewaltige Botschaft folgendermaßen: „Das Wort, das bei Gott war, ist Fleisch geworden und wohnte unter uns.“ (Joh. 1,14).

Der Sohn Gottes kam in diese Welt mit der Absicht, verlorene und verdammte Sünder aus dem Machtbereich der Sünde, des Teufels, des Todes und des Verderbens zu erretten. Darum lautete die Botschaft der Engel an die Hirten: „Euch ist heute der Retter geboren! Euch ist heute der Heiland geboren!“ (Luk. 2,11).

Diese gewaltige Wahrheit kann nicht hoch genug gerühmt werden. In Titus 2,11-14 verfasst Paulus darum auch nicht einfach eine Abhandlung über diese Thematik, sondern seine Ausführungen sind ein einziger Lobpreis auf Gott, den Retter. Es ist ein jubelnder Lobpreis, wenn er schreibt: „Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend, oder: Rettung bringend…!“

Erstaunlich ist aber, dass wir innerhalb dieser wenigen Verse nicht nur auf das erste Kommen Christi gewiesen werden. Es geht dem Apostel offensichtlich nicht nur um die Fleischwerdung des Sohnes Gottes. Vielmehr kommt Paulus auch auf das zweite Kommen Christi zu sprechen, also auf sein Kommen am Ende der Zeiten. Diese beiden Kommen Christi werden hier sogar in eine sehr enge Beziehung zueinander gesetzt. Dadurch werden wir angeregt, diese beiden Ereignisse miteinander zu verknüpfen.

Das erste Kommen Christi wird mit den Worten besungen: „Die Gnade ist erschienen…“ (Tit. 2,11). Über das zweite Kommen Christi lesen wir: „Wir erwarten die glückselige Hoffnung und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus.“ (Tit. 2,13).

In beiden Aussagen begegnet uns das Wort erscheinen bzw. Erscheinung. Der griechische Wortstamm entspricht dem uns vermutlich bekannten Begriff „Epiphanie“. Es meint: in die Sichtbarkeit treten. Die zweimalige Verwendung desselben Begriffs bringt zum Ausdruck, dass beide Kommen Christi sich insofern gleichen, als beide für die menschlichen Sinne wahrnehmbar sind.

Eine geheime, unmerkliche Wiederkunft Christi, wie sie seit rund 200 Jahren von unterschiedlichsten apokalyptisch-endzeitlich gestimmten Kreisen mit Eifer verbreitet wird, ist nach dem klaren Zeugnis der Heiligen Schrift Unfug. Greifen wir hier einmal rigoros einige dieser angebotenen Lehren heraus.

Zum Beispiel ist hier zu denken an den Siebenten-Tags-Adventismus (Millerbewegung). Dort wurde anfangs verkündet, Christus werde im Jahr 1844 wiederkommen. Als diese Berechnung sich als eine Fehlkalkulation herausstellte, erklärte man nicht etwa, man habe sich geirrt. Vielmehr verkündete man, es habe sich dabei um ein geheimes Kommen Christi gehandelt, und zwar sei Christus in das himmlische Allerheiligste eingetreten.

Man kann in diesem Zusammenhang auch an die vielfältigen Strömungen des Darbysmus (so genannte Brüdergemeinden oder den klassischen Dispensationalismus) denken. Diese christlichen Richtungen verbreiten die Idee einer plötzlichen, geheimen Entrückung. Diese würde stattfinden vor oder in der Mitte einer siebenjährigen Drangsalszeit. Diese für die Welt unmerkliche Entrückung begründen diese Leute ausgerechnet mit einem Abschnitt aus dem 1.Thessalonicherbrief (4,13ff), also mit einer Aussage, in der ausdrücklich von der „Stimme des Erzengels und der Posaune Gottes“ (4,16) die Rede ist. Sehr geheim hört sich dieses Kommen jedenfalls nicht an.

Im Zusammenhang mit den Ideen eines unsichtbaren Kommens Christi sollten wir auch nicht die Lehre der Zeugen Jehovas vergessen. Für diese Sektierer kam Jesus im Jahr 1914 wieder. Aber außer ihnen hat das keiner erkannt…

Demgegenüber verkündet die Heilige Schrift, dass nicht nur das erste Kommen Christi, sondern auch das vor uns liegende Kommen Christi Ereignisse sind, die mit unseren Sinnen wahrnehmbar sind. Es handelt sich jeweils um Epiphanien, also um ein In-die-Sichtbarkeit-Treten des Sohnes Gottes.

Die Gnade und die Herrlichkeit Gottes

Der Apostel preist in Titus 2,11 das Kommen Christi nach Bethlehem als das Erscheinen der Gnade Gottes. Im Blick auf das Wiederkommen Christi spricht er von der Erscheinung der Herrlichkeit Gottes. Es geht also bei den jeweiligen Kommen Christi einerseits um die Gnade Gottes und andererseits um die Herrlichkeit Gottes.

Aber mit diesen beiden Worten will Paulus nicht einen Kontrast oder gar einen Gegensatz zwischen den beiden Kommen Christi aufzeigen. Vielmehr werden in den vorliegenden Versen die beiden Kommen Christi aufeinander bezogen. Im Kern geht es bei beiden Kommen Christi sowohl um das Erscheinen der Gnade als auch um das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes.

Als vor 2000 Jahren in der Nacht in Bethlehem die „Gnade Gottes“ erschien, erschien sie in Ärmlichkeit und äußerster Niedrigkeit. Aber auch über dieses Kommen lesen wir: „Wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Joh. 1,14). Umgekehrt erscheint bei der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten nicht nur Christi herrliche Majestät, sondern auch seine Gnade. Paulus spricht von der „glückseligen Hoffnung“ (Tit. 2,13). Warum ist unsere Hoffnung auf die Wiederkunft Christi glückselig?
Die Antwort lautet: Weil dann „die Herrlichkeit des großen Gottes und Retters [!] Jesus Christus“ erscheinen wird. Auch bei der Wiederkunft Christi in Herrlichkeit wird also nicht alles platt gemacht, sondern wir empfangen die in Christus rettende Gnade.

Paulus ruft an anderer Stelle dazu auf, dass wir die Erscheinung Christi lieb haben bzw. lieb gewinnen (2Tim. 4,8). Die Wiederkunft Christi ist ein Ereignis, das verbunden ist mit der Hochzeit des Lammes: Uns erwartet ein herrliches Fest. Auch daran dürfen wir in den vor uns liegenden Adventstagen denken und entsprechend beten: „Herr Jesus, komme bald! Maranatha!“ Der, der in Herrlichkeit erscheinen wird, ist unser Bräutigam. Vermutlich werden wir erst dann, wenn wir den Sohn Gottes in seiner ganzen Herrlichkeit sehen, auch die Gnade erfassen, die uns durch sein erstes Kommen geschenkt worden ist.

Andererseits sind die beiden Kommen Christi insofern zu unterscheiden als sie eindeutig eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung haben. Während beim ersten Kommen Christi der Akzent auf der Offenbarung der sich zu uns herabneigenden Erbarmung Gottes liegt, steht bei seinem zweiten Kommen seine gewaltige Majestät im Vordergrund.

Es gibt christliche Kreise, die sind dermaßen auf das zweite Wiederkommen Christi fixiert, dass sie das erste völlig aus dem Blick verlieren. Sie sind so intensiv mit „Endzeit“-Fragen beschäftigt, dass sie sich für das erste Kommen kaum interessieren. Der vorliegende Abschnitt kann ihnen hier eine Korrektur bieten.

Andere Christen wiederum sind so stark auf die Fleischwerdung vor 2000 Jahren orientiert, dass die Wiederkunft Christi ihnen als etwas erscheint, dass – wenn überhaupt – lediglich am Rande von Bedeutung ist. Auch solche Christen können durch diese Verse aus dem Titusbrief eines Besseren belehrt werden.

Die Gnade – heilbringend für alle Menschen

Wenn der Apostel davon spricht, dass die Gnade Gottes erschienen ist, dann tritt die strahlende Heils-Qualität dieser Gnade in den Vordergrund. Sie ist heilbringend. Sie bringt Rettung. Und dies gilt „für alle Menschen„.

Was meint der Apostel damit? Vertritt Paulus hier eine Art von Allversöhnungslehre? Verkündet er hier, dass jeder Mensch einmal das Heil erlangen wird, egal auf welche Weise und nach wie vielen Äonen? Schließlich, so könnte man argumentieren, stehe hier doch, dass die Gnade Gottes erschienen ist „für alle Menschen„?

Aber diesen Vers so auszulegen wäre ein törichter Kurzschluss. Denn dann würde man nicht den Zusammenhang beachten. Wir brauchen nur den Vers weiterzulesen, dann sehen wir, dass Paulus hier von der für alle Menschen heilbringenden Gnade als einer Gnade spricht, „die uns in Zucht nimmt„. Worum geht es hier also?

Zur Beantwortung dieser Frage ist es gut, sich die bisherige Gedankenführung des Titusbriefes zu vergegenwärtigen, zumal Titus 2,11 mit einem „Denn“ beginnt: „Denn [!] die Gnade Gottes ist erschienen…“

Der Apostel Paulus hatte seinem Mitarbeiter Titus einen zweifachen Auftrag für seinen Dienst auf der Insel Kreta gegeben. Daran erinnert er ihn zu Beginn dieses Schreibens: „Ich habe dich zu dem Zweck in Kreta zurückgelassen, damit du das, was noch mangelt, in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, so wie ich dir die Anweisung gegeben habe.“ (Tit. 1,5).

Titus sollte also erstens das, was auf dieser Insel unter den Christen „noch mangelte„, „in Ordnung bringen„, und zweitens sollte er Älteste einsetzen. In seinem Brief geht Paulus zunächst auf den zweiten Auftrag ein. Wir haben uns die Situation ungefähr folgendermaßen vorzustellen. Auf der Insel Kreta waren offensichtlich in mehreren Orten christliche Kreise entstanden. Aber diese Gruppierungen waren noch keine christlichen Gemeinden. Wir würden heute sagen: Sie waren noch nicht konstituiert. Vor allem gab es noch keine ordentlich eingesetzten Gemeindeleiter.

Angesichts dieser Übergangssituation erteilte Paulus dem Titus den Auftrag, in jeder Stadt Älteste einzusetzen. An dieser Anweisung wird zweierlei deutlich. Erstens: Der Apostel will nicht, dass Christen sich auf die Dauer in einer informellen, formlosen Weise treffen. Heute würden wir vielleicht sagen: Christen sollen sich nicht irgendwo in einen Hauskreis verkrümeln, sondern ihre Zusammenkünfte sollen eine Formation haben. Schließlich können sie nur dann, wenn es bei ihnen strukturiert zugeht, auch in der Öffentlichkeit auftreten.

Zum anderen zeigt der Auftrag Älteste einzusetzen, wie Paulus die Reihenfolge einer Gemeindeaufbauarbeit verstanden wissen möchte. Während man in so genannten hochkirchlichen Kreisen zuerst auf das Amt blickt und die Überzeugung vertritt, zuerst müsse es jemanden geben, um den man sich scharen könne, der ordiniert sei, hat Paulus eine umgekehrte Reihenfolge im Blick: Erst bildet sich eine Gruppe von Christen, aus denen dann in einem zweiten Schritt Älteste ernannt und berufen werden.

Gleich im Anschluss an diesen Auftrag lässt der Apostel seinen Mitarbeiter nicht im Unklaren darüber, was für Qualifikationen diejenigen haben sollen, die für ein Gemeindeleitungsamt in Frage kommen. Er stellt eine Liste von Kriterien zusammen, die bis zum heutigen Tag für die Berufung von Ältesten normativ ist (Tit. 1,6-8).

Daneben hatte Titus einen zweiten Auftrag bekommen. Er sollte das, was unter den Christen noch an Mängeln vorhanden war, in Ordnung bringen. Offensichtlich vermutete der Apostel Paulus, dass die Durchführung dieses Auftrags auf Schwierigkeiten stoßen würde. Formlosigkeit hat vielfach Unordnung und Chaos zur Folge. Außerdem wusste der Apostel, was für ein Menschenschlag auf der Insel Kreta zu Hause war. Paulus wies den Titus in aller Offenheit auf diese Sachlage hin (1,10-16).

Im Anschluss daran lesen wir Anweisungen, die Titus den jeweiligen Gruppierungen unter den Christen geben soll: Er ordnet Verhaltensanweisen an für alte Männer (Tit. 2,1.2), für ältere Frauen (Tit. 2,3), für junge Frauen (Tit. 2,4.5) sowie für junge Männer (Tit. 2,6). Schließlich gibt er noch Direktiven für Knechte, also für Sklaven (Tit. 2,9.10).

Nachdem er für jede dieser Gruppen spezielle Verhaltensregeln bestimmt hatte, bringt er im Anschluss daran eine Botschaft, die für alle [!] gemeinsam gilt. Damit wird deutlich, was der Sinn der Formulierung „heilbringend für alle Menschen“ ist: Sämtliche vorher im Einzelnen angesprochenen Schichten unter den Christen werden nun kollektiv angesprochen. Der Apostel hätte auch sagen können: Was ich jetzt sage, geht euch alle an.

Der Begriff „alle Menschen“ darf also nicht universalistisch oder allversöhnerisch ausgelegt werden. Nicht im Entferntesten ist das das Thema des Titusbriefes. Vielmehr werden damit die bis dahin einzeln angesprochenen Gemeindegruppierungen gemeinsam angeredet: Gleichgültig welches Geschlecht du hast, egal wie alt du bist oder welchen sozialen Status du einnimmst: „Die Gnade Gottes ist heilbringend erschienen„.

Die erschienene Gnade erzieht

Diese „allen heilbringend erschienene Gnade Gottes“ verfolgt auch bei allen die gleiche Absicht: Sie „nimmt euch in Zucht„. Darum ist jeder dazu aufgerufen, „die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden zu verleugnen und in der jetzigen Weltzeit besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben“ (Tit. 2,12).

Die Aussage „Die Gnade nimmt euch in Zucht“ kann auch übersetzt werden mit: „Die Gnade erzieht euch.“ Hier steht im Griechischen ein Wort, von dem das bekannte Fremdwort „Pädagogik“ abgeleitet ist. Dem Apostel geht es hier um die Konsequenz aus dem Evangelium: Angesichts dessen, dass in Christus die Gnade erschienen ist, ist es undenkbar, dass ihr so wie bisher weiterlebt. Vielmehr habt ihr euer Leben zu ändern, das heißt in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu bringen.

Es ist immer wieder zu beobachten, dass Menschen, die das Evangelium von Jesus Christus gehört haben und ihm glauben, die Frage nach der neuen Lebensgestaltung stellen. Sie suchen eine Beantwortung der Frage: Was heißt das praktisch, aus der Gnade Gottes zu leben? Was heißt es konkret, ein Leben als Christ zu führen? Umgekehrt: Wenn jemand sich diese Frage noch nie gestellt hat, ist ernsthaft zu bezweifeln, ob er das Evangelium von Jesus Christus jemals erfasst hat.

Jedenfalls ist es im Licht des Neuen Testamentes normal, dass die Erkenntnis der Gnade Gottes uns zu der Frage einer entsprechenden Lebensführung lenkt. Denn: Die Gnade erzieht uns. Sie nimmt uns in Zucht. Von der in Christus erschienenen Gnade erfasst zu sein, heißt immer auch, ein neues Leben führen zu wollen.

Du liest in deiner Bibel. Irgendwann stößt du auf die Bergpredigt. Du bekommst einen Hunger und einen Durst nach der Gerechtigkeit. Jesus Christus spricht die Menschen, die diesen Hunger haben, glückselig. Du begreifst konkret: Zu meiner bisherigen Gottlosigkeit, zu den weltlichen Lüsten, die mich bisher in meinem Leben bestimmt haben, habe ich jetzt Nein zu sagen. Ich habe diese Begierden zu verleugnen. Das heißt: Ich habe mich von meiner gelebten Gottlosigkeit und den weltlichen Begierden zu distanzieren
(Tit. 2,12).

Der Apostel weist die Christen in Kreta nicht auf die neue Lebensführung hin, indem er einen schulmeisterlich, moralisierenden Zeigefinger erhebt. Vielmehr stellt er seinen Lesern das Neinsagen zu einem sündigen Lebensstil unter die Perspektive der Gnade: Es ist die Gnade, die zu einer alternativen Lebensführung aufruft und antreibt. Diese Lebensführung, so fährt der Apostel fort, ist bestimmt durch Besonnenheit, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht. (Tit. 2,12).

Besonnen zu sein ist das Gegenteil von Panik. Es ist die Haltung innerer Ruhe, in der man seinen Weg durch dieses Leben geht. Angesichts der Gnade, die in Christus erschienen ist, gibt es für denjenigen, dessen Leben durch das Kommen Christi bestimmt ist, keine Kopflosigkeit, keine Hysterie mehr. Sein Leben hat einen festen, klaren Kurs bekommen.

Diese Richtung wird durch den Begriff der Gerechtigkeit definiert. Es geht um ein Handeln gemäß den Geboten Gottes.
Denn die Gnade, die in Bethlehem erschienen ist, hat dich aus dem Haus der Sklaverei der Sünde gezogen. Ist das nicht eine Basis, um ein rechtschaffenes Leben zu führen?

Schließlich spricht der Apostel von einem gottesfürchtigen Leben. Damit ist gemeint, dass Gott nicht nur am Sonntag, sondern auch im Trott und in den Spannungen des Alltags im Zentrum unseres Denkens, Handelns und Unterlassens steht. Ein gottesfürchtiges Leben zu führen heißt, in jeder Lage mit Gott zu rechnen.

Die erschienene Gnade führt zur Lebensänderung

Wenn eine Mutter ihrem Kind eine Verhaltensanweisung gegeben hat, kann es sein, dass das Kind die Frage stellt: Warum muss ich das tun? Nicht selten lautet die Antwort der Mutter: Weil ich das so sage! Zweifellos würde das Kind gerne eine vollständigere und ausführlichere Antwort bekommen, und es ist auch nicht immer falsch, eine Erklärung zu erwarten.

In einer vergleichbaren Situation mag sich auch Titus auf Kreta gefühlt haben. Warum sollen sich eigentlich plötzlich ein alter Mann oder eine ältere Frau, beide vielleicht mit wesentlich mehr Lebenserfahrung, den Weisungen des Titus fügen?

Titus hätte darauf antworten können: Das habe ich von dem Apostel Paulus so angeordnet bekommen, und was ein Apostel sagt, hat in der Gemeinde Gottes Geltung. Punkt. Eine solche Antwort ist auch keineswegs falsch. In Titus 2,15 schreibt Paulus dem Titus Entsprechendes: Was ich dir mitgeteilt habe, das „lehre und ermahne mit allem Nachdruck!“ Mit anderen Worten: Weise die Christen auf Kreta mit aller Entschiedenheit zurecht! Und: „Niemand soll dich verachten!“ (Tit. 2,15). Man hat Titus zu gehorchen, weil er Diener Gottes ist.

Aber das ist eben nicht alles, was der Apostel als Grundlage für das ethische Verhalten der Christen mitteilt. Für das neue Verhalten lesen wir auch eine Begründung: Die Gnade ist erschienen! Es ist diese Gnade, die uns zu einer gottgemäßen Lebensführung antreibt und uns dazu erzieht. Sie nimmt uns in Zucht.

Es wäre also mehr als nur ein Missverständnis, wenn man die Meinung vertreten würde, die Gnade sei ausschließlich auf Vergebung unserer Sünden und unserer Schuld ausgerichtet. Vielmehr macht dieses Wort deutlich, dass die in Christus erschienene Gnade auch auf die Änderung unseres Lebens zielt.

Wenn wir von Lebensänderung sprechen, erinnern wir uns daran, was der Heidelberger Katechismus folgendermaßen in Worte fasst: „Es kommen auch die frömmsten Menschen in diesem Leben über einen geringen Anfang dieses Gehorsams nicht hinaus.“ Aber dann geht es folgendermaßen weiter: „Wohl aber beginnen wir mit fester Absicht nicht nur nach einigen, sondern nach allen Geboten Gottes zu leben.“2

Mit anderen Worten: Unser Gehorsam gegenüber den Geboten ist mit vielem Scheitern verbunden, mit großen Enttäuschungen und schockierenden Demaskierungen über uns selbst. Immer wieder werden wir erfahren, wie alles, was wir so fabrizieren, bruchstückhaft ist. Tatsächlich sind die Gegenkräfte unseres Fleisches stark („Ich bin [nicht: ich war] fleischlich, unter die Sünde verkauft„, Röm. 7,14). Die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden, zu denen wir Nein sagen sollen, gewinnen immer wieder in unserem Leben die Oberherrschaft! Aus diesem Grund ruft Paulus einmal aus: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes?“ (Röm. 7,24).

Wenn wir uns angesichts dieser desillusionierenden Erfahrungen über uns selbst auf das Wiederkommen Christi besinnen, kann es sein, dass wir ängstlich werden. Die Frage erhebt sich: Wie kann ich da überhaupt vor Christus bestehen, der mich doch einmal wegen meiner Werke zur Rechenschaft ziehen wird?

Aber genau dann werden wir an die Übermacht der rettenden Gnade Gottes gewiesen. Was erst wie ein ängstliches, verzagtes Blicken auf das Kommen Gottes ist, wird „glückselige Erwartung„! Die Beschämung schlägt um in ein durch den Geist Gottes gewirktes Verlangen, diesen König endlich zu sehen. Denn derjenige, der kommt, ist „unser großer Gott und Retter Jesus Christus“ (Tit. 2,13).

Maßgeblich ist nicht, ob unser Gewissen uns im Blick auf Christi Wiederkommen ängstlich und verzagt macht, sondern entscheidend ist, was über dieses Kommen in Gottes Wort geschrieben steht.

Aus der engen Verknüpfung von Gott und Retter wird erneut deutlich: Unser Heil stammt nicht aus uns. Es wird auch in keiner Weise von uns produziert. Es kommt einzig und allein von außen, von Gott, dem Retter. Weil die Herrlichkeit, in die Christus bei seiner Himmelfahrt aufgenommen wurde, nicht sein Rettersein beendet hat, sondern im Gegenteil – „wie viel mehr werden wir nun durch sein Leben gerettet werden“ (Röm. 5,10) – erweist Christus sich als unser Retter, und zwar gerade „in der jetzigen Weltzeit“.

Das ist der Grund, warum wir uns über die Erscheinung Christi vor 2000 Jahren freuen. Es ist Gnade, personifizierte Gnade, die in Christus für uns verlorene Sünder in Bethlehem erschienen ist.

Darüber hinaus ersehnen wir die zukünftige Erscheinung Christi. Denn die Herrlichkeit, die dann erscheinen wird, wird unsere vollkommene Errettung bringen. Denn dann wird – endlich – unser jetziger Leib des Todes in einen unvergänglichen, neuen Auferstehungsleib verwandelt werden (Röm. 8,23.24).

Jetzt leben wir in der Zeit zwischen den beiden Kommen Christi. Es ist die Zwischenzeit zwischen der Gnade, die bereits erschienen ist, und der Herrlichkeit, die kommen wird. Je stärker du einerseits von der bereits erschienenen Gnade Gottes und andererseits von der kommenden Herrlichkeit deines Retters erfasst bist, desto gewichtiger werden diese Ereignisse dir jetzt in deinem Alltag.

Die erschienene Gnade erlöst und reinigt

Die Macht der Gnade und der Herrlichkeit die von den beiden Kommen Christi ausgehen, lenken unseren Blick auf die Mitte des Evangeliums. Sowohl von Bethlehem als auch von der Wiederkunft her werden wir auf das Werk Christi auf Golgatha verwiesen: „Er hat sich selbst für uns dahingegeben, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist in guten Werken.“ (Tit. 2,14).

Zunächst war von der erschienenen Gnade gesagt, dass sie uns in Zucht nimmt, dass sie uns erzieht. In diesem Vers lesen wir, dass die Gnade und die Herrlichkeit uns nicht nur erziehen, sondern dass sie uns auch „erlösen“ und „reinigen„.

Die Begriffe „erlösen“ und „reinigen“ lenken uns dabei nicht weg von der praktisch-ethischen Verleugnung der Gesetzlosigkeit und dem Nein zu den weltlichen Lüsten in unserem Leben. Aber angesichts des Werkes Christi am Kreuz von Golgatha steht nicht mehr so sehr unsere Erziehung im Vordergrund. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die (geistliche) Pädagogik, sondern im Zentrum steht die Erlösung und die Reinigung, also Christi vollkommenes Werk.

Wohlgemerkt: Durch die in Christus erschienene Gnade sind wir zu Jüngern und Schülern Jesu geworden, die durch die Gnade erzogen werden. Aber darüber hinaus dürfen wir erfassen, dass es bei der in Christus erschienenen Gnade und seiner Herrlichkeit um unsere Erlösung geht: Menschen, die im Elend ihrer Sünde versklavt waren, werden aus der Knechtschaft herausgeführt, und Gebundene gelangen in die Freiheit.

Paulus fügt hier noch das Wort „reinigen“ hinzu: „… und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen.“ (Tit. 2,14). Frage: Sind wir denn dreckig? Ja! Zweifellos! Und wie! Wir sind nicht nur gegen Gott und sein Gesetz widerspenstig, so dass wir in Zucht genommen werden müssen, sondern wir sind auch durch und durch mit Sünden beschmutzt. Folglich benötigen wir dringend und immer wieder die Reinigung.

Was das Wort Gottes unter Reinigung versteht, ist im Wesentlichen durch eine Prophetie des Propheten Hesekiel geprägt: „Ich will reines Wasser über euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von aller eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut.“ (Hes. 36,25-27).

Diese Verheißung für den Neuen Bund macht deutlich: Bei dieser Reinigung geht es Gott keineswegs um etwas Äußerliches. Vielmehr geht es um nicht weniger als um Wiedergeburt durch den Geist Gottes. Wenn wir im Titusbrief weiterlesen, stoßen wir auch auf die Formulierung „Bad der Wiedergeburt“: „Als die Freundlichkeit und die Menschenliebe Gottes, unseres Retters erschien, da hat er uns nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hätten, sondern aufgrund seiner Barmherzigkeit errettet durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes.“ (Tit. 3,4.5).

Kommen wir nun noch einmal auf die Frage zurück: Was wird angesichts des Erlösungswerkes Christi und der Reinigung durch den Geist Christi aus unserem Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit? Antwort: Der ist dadurch keineswegs weg. Im Gegenteil. Gerade hier in Titus 2,14 spricht der Apostel von der „Erlösung von aller Gesetzlosigkeit“ und davon, „eifrig zu sein, gute Werke zu tun“.

Für den Begriff „eifrig“ steht im Griechischen ein Wort, das mit dem Wort „Zelot“ zusammenhängt. Ein Zelot war ein Eiferer. So nannte man die jüdischen Freiheitskämpfer, die es sich auf ihre Fahne geschrieben hatten, das verhasste Joch der Römer abzuwerfen. Der Apostel greift diesen Begriff auf und schreibt dazu: Solche Eiferer, solche Radikalen, werdet ihr durch Christi Erlösungs- und Reinigungswerk sein, und zwar – in guten Werken. Ihr werdet also nicht „eifrig„, um die anderen anders hinzubekommen, sondern um selbst, in jedem Bereich eures Lebens, gute Werke zu verrichten, und zwar durch den, „der sich für uns dahingegeben hat„.

Die Gnade ist erschienen. Es ist die Gnade, die in Bethlehem in die Erscheinung trat und noch einmal in die Erscheinung treten wird, und zwar dann in Herrlichkeit. Sie kommt jetzt unserem christlichen Leben zugute. Denn sie ist erschienen, egal ob wir Mann oder Frau sind, alt oder jung, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer. Sie bringt für alle Heil und Rettung.


1) Bitte lesen sie die Verse in einer guten Bibelübersetzung.
2) Heidelberger Katechismus, Sonntag 44, Frage 114.