Christentum und Islam – Ein Vergleich (Teil 1)

„Der Islam gehört zu Deutschland“, erklärte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff vor noch nicht allzu langer Zeit. Er gab damit der Debatte einen neuen Impuls, die seit mehreren Jahrzehnten auf vielen Ebenen der Gesellschaft geführt wird. Gehört der Islam wirklich in unser Land? Joachim Gauck, Wulffs Nachfolger im Amt des Bundespräsidenten, äußerte sich zur Aussage seines Vorgängers. Gauck würde zwar die Grundaussage des Satzes annehmen, jedoch die Formulierung Wulffs scheint seiner Meinung nach nicht ganz gelungen. Er würde lieber sagen: „Die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland“1.

In einem gewissen Sinne haben beide Recht: Sowohl der Islam als auch die hier lebenden Muslime sind ein Teil Deutschlands geworden. Sicherlich ist die Frage, welchen Platz der Islam in unserer Gesellschaft einnehmen soll, noch nicht geklärt. Dennoch: Der Islam hat schon lange einen unübersehbaren Platz in Europa eingenommen.

Wie aber begegnen wir als Christen den Muslimen? Sicherlich wird in der Gesellschaft sehr viel über die Gefahr eines radikalen Islam nachgedacht. Gleichzeitig werden Modelle zu einer möglichen Integration von Muslimen in die Gesellschaft gesucht. Die Begegnung mit dem Islam kann bei uns Christen aber nicht allein Gedanken und Fragen über politische oder soziale Themen hervorrufen. Als Christen, die allein aufgrund der Gnade Gottes und ohne Vorleistungen oder Werke errettet worden sind (eine wichtige Wahrheit im Vergleich zum Islam, der sehr „werkegerecht“ ist), sind wir die Werkzeuge, die Gott sich erwählt hat, um sein Evangelium zu verkündigen.

Gerade in dieser Zeit hören wir von Erweckungen im islamisch geprägten Teil der Welt. In Ländern wie dem Iran schenkt Gott Errettung trotz (oder wegen [?]) aller Verfolgungen und Unterdrückungen, die die Christen dort zu erleiden haben. Die Begegnung mit dem Islam erinnert uns an den Auftrag, den Jesus gab, als er sagte: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh. 20,21). Dieser Artikel soll diesem Auftrag dienen, indem Christen mit einem grundlegenden Wissen über den Islam ausgerüstet werden sollen. Hinter dem Gebilde des Islam stehen weltweit 1,4 Milliarden Menschen. Sie haben zu einem großen Teil noch nie das Evangelium von Jesus Christus gehört, und sehr viele von ihnen werden es mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum Ende ihres Lebens niemals hören.

Paulus schrieb einmal über sich und diejenigen, die mit ihm missionierten: „So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor. 5,20). Dieser Auftrag und die Verantwortung der Verkündigung sollte uns antreiben, den Islam kennenzulernen, um dann bereit zu sein, auch gegenüber Muslimen allezeit Rechenschaft über die Hoffnung, die in uns ist, abzulegen (1Petr. 3,15). Es ist mein Wunsch und mein Gebet, dass die mit diesem Artikel beginnende Serie dazu beiträgt, diesen Auftrag Jesu auch im Blick auf den Islam ernst zu nehmen.

Gleichzeitig geht der Teufel umher wie ein brüllender Löwe. Er führt uns in Versuchung und Anfechtung, um uns zu verschlingen (1Petr. 5,8). Die Beschäftigung mit dem Islam fordert daher nicht nur zur Verkündigung auf, sondern auch zur Verteidigung unseres Glaubens. Es geht also um das, was man als christliche Apologetik (Verteidigung des christlichen Glaubens) bezeichnet. Wir haben unseren Glauben zu verteidigen gegenüber dem Anspruch des Islam, die richtige Religion zu sein.

Apologetik ist aus zwei Gründen erforderlich: Zum einen ist sie ein von Gott gegebenes Hilfsmittel in der Verkündigung. Durch sie können wir Argumente für den christlichen Glauben anführen, die Barrieren gegenüber dem Evangelium wegräumen können. Allerdings bewirken sie nicht selbst den Glauben. Zum anderen dient die Apologetik seelsorgerlich denjenigen, die mit den Aussagen und mit dem Anspruch des Islam konfrontiert werden. Dabei wollen wir nicht vergessen, dass die Apologetik in uns nicht die Gewissheit unseres Glaubens bewirken kann. Das vermag allein der Geist Gottes.

Unser Nachdenken über den Islam verfolgt also nicht die Absicht, Wissen um des Wissens willen über den Islam anzuhäufen. Vielmehr geht es um die Herausbildung einer christlichen Apologetik gegenüber dem Islam und damit um eine bessere Verkündigung des Evangeliums. Denn der Auftrag Gottes lautet, auch den Muslimen das Evangelium von Jesus Christus zu bringen.

Um was geht es?

Während meines Praktikums, das ich in Berlin bei einem unter Türken arbeitenden Missionar machen durfte, war eine unserer wichtigsten Aufgaben, einen Büchertisch in der Berliner Innenstadt aufzustellen, von dem aus wir Bibeln und evangelistische Schriften auf Türkisch, Arabisch und Kurdisch verteilten und dabei das Gespräch mit Muslimen suchten, die sich für unsere Bücher interessierten. Eines Tages kam eine Frau sehr zielstrebig auf mich zu und fragte mich mit einer Stimmlage, in der ein Hauch von Überlegenheit mitschwang: „Was ich bei euch Christen nicht verstehe, ist, warum ihr mit der Bahn fahrt und eine Station vor der letzten Haltestelle, zu der ihr ja eigentlich wollt, aussteigt und die Bahn verlasst?!“

Sie verwendete einen Vergleich: Nach ihrem Verständnis war Jesus lediglich der „Vorletzte“ einer langen Reihe von Propheten. Der letzte und wichtigste war Muhammad. Wer bereits bei Jesus „aussteigen“ würde, so die Überzeugung dieser Frau, könne die Lehren der Offenbarung Gottes, des Korans, nicht kennen und somit der Botschaft Allahs nicht glauben.

Jesus sagte allerdings über sich selbst etwas ganz anderes: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.“ (Offb. 22,13). Für die Frau allerdings war Jesus einer unter vielen Propheten. (Der Islam kennt tausende von Propheten.) Er war für sie ein gewöhnlicher Mensch wie wir, vor allem war er nicht Gottes Sohn. Übrigens vertrat diese Frau auch keineswegs die heute im Westen so verbreitete Auffassung, alle Religionen hätten letztlich dasselbe Ziel.

Kurzum: Es bleibt nur die Alternative: Entweder Jesus ist der Sohn Gottes, der Retter der Menschen, oder wir Christen haben umsonst geglaubt, sind gegebenenfalls „zu früh ausgestiegen“. Trotz der Gemeinsamkeiten, die zwischen Islam und Christentum bestehen, unterscheiden sie sich fundamental in der Frage, wer Jesus ist. Folglich kann nicht ernsthaft zur Debatte stehen, ob Christen und Muslime zusammen beten oder Gottesdienst feiern können, wie es mancherorts geschieht.2

Bei einem Vergleich zwischen Christentum und Islam kann es auch nicht darum gehen, auf eine Versöhnung zwischen beiden Religionen abzuzielen. Leider hegen diesen Wunsch nicht wenige in unserer Gesellschaft. Vielmehr muss es darum gehen, die Frage der muslimischen Frau zu beantworten: Warum glauben wir den Worten Jesu, der von sich selbst sagt, dass er der Anfang und das Ende ist? Warum fahren wir nicht weiter in der Bahn bis zu dem letzten Propheten namens Muhammad?

Nun ist sowohl die Frage klar, um die es gehen soll, als auch der zweifache Zweck eines Vergleichs zwischen Christentum und Islam. Doch wie gehen wir vor? Hierzu ein kurzer Überblick:

Zunächst soll ein kurzer geschichtlicher Vergleich der Entstehungsgeschichten beider Religionen unter besonderer Beachtung der „Religionsstifter“, Jesus Christus und Muhammad, skizziert werden. In einem folgenden Schritt möchte ich auf drei wesentliche Unterschiede zwischen der Lehre der Heiligen Schrift und der Lehre der islamischen Theologie eingehen. Diese Unterschiede bestehen vor allem a) im Schriftverständnis, b) im Gottesverständnis, c) im Menschen- und Errettungsverständnis (die so genannte Soteriologie). Am Ende will ich noch einmal auf den großen „Scheidepunkt“ Jesus zurückkommen und ein Fazit ziehen: Warum macht es Sinn, bereits bei Jesus „auszusteigen“?

Von unterdrückten Galiläern und Handel treibenden Mekkanern – Die Entstehungsgeschichte von Christentum und Islam

Die Juden, die zur Zeit von Jesu irdischem Wirken lebten, blickten auf eine lange Epoche von Unterdrückung und Fremdherrschaft zurück. Seitdem die hellenistischen Seleukiden im Nahen Osten die Vorherrschaft übernommen hatten, wurden die Juden in vielfältiger Weise gedemütigt und erniedrigt. Zum Beispiel befahl der seleukidische König Antiochus Epiphanes IV. ab dem Jahr 167 vor Christi Geburt, Schweine im Jerusalemer Tempel zu opfern, und er zwang die Juden, Zeus anzubeten. Im Aufstand der Makkabäer konnten die Juden zwar ihre seleukidischen Unterdrücker abschütteln, sahen sich aber schon sehr bald mit der römischen Vorherrschaft konfrontiert. Der römische Feldherr Pompeius entweihte das Allerheiligste des Tempels und forderte hohe Tributzahlungen von den unterworfenen Juden. Mit Herodes dem Großen hatte Israel ab dem Jahr 37 vor Christi Geburt dann einen König, der allerdings eher die Interessen der Unterdrücker, also Roms, verfolgte als die des jüdischen Volkes, über das er regierte.

Ohnehin nahmen die Juden eine Außenseiterrolle in der antiken Welt ein, da sie sich weder der Vielgötterei hingaben, noch daran dachten, ihre strikten Speisegebote zu brechen. Dass die Juden kein Schweinefleisch aßen, dass sie konsequent den Sabbat einhielten und dass sie nur an einen einzigen Gott glaubten, führte dazu, dass die heidnische antike Gesellschaft einen Widerwillen gegenüber den Juden entwickelte. Das war nicht zuletzt auch bei den römischen Besatzern der Fall.

Die Welt, in die Jesus hineingeboren wurde, war sehr unruhig. Es war schon 400 Jahre her, dass der letzte große Prophet Israels, Maleachi, aufgestanden war und dem Volk das Wort Gottes gepredigt hatte. Die Sehnsucht nach Erlösung in Israel war enorm, und die Menschen fragten sich, wo denn nur der verheißene Retter Israels, der Messias, bleibe.

Anders verhielt es sich in Arabien zur Zeit des Wirkens Muhammads. Die arabische Halbinsel schien noch nie besonderes Interesse bei den Machtkämpfen der Großmächte hervorgerufen zu haben. Auch zur Zeit Muhammads war dieser Teil der Welt allenfalls Randregion, Grenzgebiet der damaligen Großmächte, also einerseits Ostroms mit der Hauptstadt Byzanz und andererseits des persischen Sassanidenreiches.

Wahrscheinlich muss man sich die Gesellschaft in Arabien am ehesten als eine Gesellschaft von Nomaden vorstellen, auch wenn es einige sesshafte Bauern und Handwerker gab. Familienzugehörigkeit und Verwandtschaft war ein wichtiges Thema auf der Halbinsel. Aus diesem Grund war die Gesellschaft ebenfalls in Stämme gegliedert. Die Heimatstadt Muhammads, Mekka, genoss einen gewissen Wohlstand, da sie zum einen eine zentrale religiöse Pilgerstätte war und zum anderen viele Handelsrouten über diese Stadt führten.

In der Zeit vor Muhammad kannten die Araber keinen Monotheismus, also den Glauben an einen einzigen Gott. Sie glaubten an viele Götter (Polytheismus). Zu diesen pflegten sie eher eine Art „Geschäftsbeziehung“ zu unterhalten. Die Götter waren gleichsam käufliche Nothelfer, von denen man Segen erwartete, wenn man ihnen Opfer darbrachte. Dennoch ist es auch gesichert, dass jüdische und christliche Gruppen in Arabien lebten und wirkten. Der Monotheismus war also in Arabien bereits bekannt. Gleichzeitig muss ein gewisser Zugang zu den Lehren sowohl des Christentums als auch des Judentums bestanden haben.3

Inwiefern sind nun Jesus und Muhammad als historische Personen miteinander vergleichbar? Jesu Dienst als Messias begann ca. 26/27 nach Christi Geburt mit seiner Taufe im Jordan. In einem Zeitraum von etwa drei Jahren scharte Jesus eine Jüngerschaft um sich, predigte das Reich Gottes und heilte Menschen. Am Ende dieser dreijährigen Wirkenszeit gab sich Jesus dann freiwillig in die Hände derer, die ihn hassten, um an einem Kreuz bei Jerusalem zu sterben. Um das Verständnis, das Jesus von sich selbst hatte, noch einmal zu erläutern, möchte ich zwei Stellen aus dem Lukasevangelium anführen. Zunächst Lukas 7,18-23: „Und die Jünger des Johannes berichteten ihm von dem allem. Und Johannes rief zwei seiner Jünger zu sich, sandte sie zu Jesus und ließ ihn fragen: Bist du derjenige, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Als nun die Männer zu ihm kamen, sprachen sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und lässt dich fragen: Bist du es, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? Zu derselben Stunde aber heilte er viele von Krankheiten und Plagen und bösen Geistern und schenkte vielen Blinden das Augenlicht. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und berichtet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde werden sehend, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote werden auferweckt, Armen wird das Evangelium verkündigt. Und glückselig ist, wer nicht Anstoß an mir nimmt.“

Nachdem Johannes der Täufer in ein Gefängnis gesperrt worden war, schienen ihm Zweifel gekommen zu sein, ob Jesus, den er selbst im Jordan getauft hatte, tatsächlich der Retter war, auf den er solange gewartet hatte und den er selbst als den verheißenen Messias verkündigt hatte. Er sandte daher zwei seiner Jünger zu Jesus, um ihm nochmals die alles entscheidende Frage zu stellen: Bist du, der da kommen soll? Die Antwort, die Jesus den Jüngern des Johannes gab, ist klar: Er ist der erwartete Messias. Warum? Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt. Jesus verstand sich nicht nur selbst als der verheißene Retter, er gab auch gute Gründe an, warum er dieser Retter ist: die Zeichen des Messias und nicht zuletzt die Predigt des Evangeliums.

In der zweiten Stelle macht Jesus deutlich, warum er der Sohn Gottes ist: „Denn der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Luk. 19,10). Jesus bezeugt, dass er die Antwort Gottes auf die Verlorenheit der Menschen ist. Gott der Vater ist es, der seinen Sohn sandte, um die zu suchen und selig zu machen, die verloren sind. Der Titel Menschensohn, den Jesus hier für sich verwendete, weist darauf hin, auf welche Prophezeiung der Herr sich stützte. Es ist Daniel 7,13.14. Dort wird gesagt, dass das Reich des Menschensohnes kein Ende hat und ihm alle Völker dienen werden.

Jesu Dienst ist gekennzeichnet von dem Anspruch, die Erfüllung der Heiligen Schriften, das heißt der Verheißungen zu sein, die Gott seinem Volk angekündigt hatte. Schlussendlich besiegelte der Sohn Gottes seinen Dienst durch seine eigene Verherrlichung. Jesus starb am Kreuz, um die Schuld seines Volkes zu sühnen und die Strafe zu tragen, die eigentlich sein Volk hätte treffen müssen. Dass der Opfertod ausreichend war, zeigte sich daran, dass Jesus auferweckt wurde und von den Toten auferstand.

An diesem Punkt ist es aus zwei Gründen sehr wichtig, kurz innezuhalten: Zunächst ist nachdrücklich zu betonen, dass die Kenntnis der biblischen Lehre unverzichtbar für die Begegnung mit Muslimen ist. Muslime lieben es, in Gesprächen auf Themen wie die Gottheit Jesu oder die Dreieinigkeit zu kommen. Sie tun sie dann ab als unvereinbar mit dem Monotheismus. Das Problem ist dabei oftmals, dass die Muslime nicht wirklich verstehen, was wir Christen meinen, wenn wir von „Dreieinigkeit“ sprechen. Aus diesem Grund ist es mehr als notwendig, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, bevor wir losziehen, um ihnen das Evangelium zu verkündigen.

Der zweite Punkt betrifft die Auferstehung Christi. Wäre die Auferstehung kein außergewöhnliches Ereignis, wäre ihre Historizität wahrscheinlich unangefochten. So gut ist sie bezeugt. Die meisten Historiker, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, wissen nämlich, dass es sehr schwierig ist, aufgrund der historischen Quellen die Auferstehung Christi in die Märchenwelt abzudrängen. Im Gespräch mit Muslimen, die ebenfalls an Übernatürliches glauben, kann es deshalb sehr hilfreich sein, das Gespräch auf dieses Thema zu lenken.4

Muhammad wurde ca. 570 nach Christi Geburt in Mekka geboren. Als Stammesangehöriger der Quraish nahm er den Beruf eines Händlers an und bereiste mit seinem Onkel Abu Talib die arabische Halbinsel. Muhammad war ein so genannter Hanif. Die Hanife galten auf der arabischen Halbinsel als „Gottessucher“. Es waren Leute, die mit dem Kult ihrer Väter nicht zufrieden waren und sich auf eine spirituelle Suche begaben. So kam es, dass Muhammad sich regelmäßig auf den Berg Jabal an-Nur zurückzog, um dort zu beten und zu meditieren. Im Jahr 610, Muhammad war 40 Jahre alt, hatte er nach islamischer Überlieferung sein erstes Offenbarungserlebnis. Ihm erschien der Engel Gabriel und forderte ihn auf: „Lies!“ Muhammad erwiderte: „Ich kann nicht lesen!“ Daraufhin ergriff ihn der Engel und drückte ihn „kraftvoll“, bis Muhammad es nicht mehr aushalten konnte. Gabriel forderte ihn erneut auf: „Lies!“ Muhammed antwortete „Ich weiß nicht wie!“ Also drückte ihn der Engel nochmals und sagte ihm, was er lesen solle: „Trag vor im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat… Trag vor!“ (Sure 96,1-3). Was geschah dann? Muhammad sagte, sein Herz habe angefangen, heftig zu schlagen und seine Nackenmuskeln hätten vor Entsetzen gezuckt. Er rannte zu seiner Frau und rief: „Bedecke mich! Bedecke mich!“5 Die für Muhammad wohl sehr anstrengenden Offenbarungen geschahen durch sein gesamtes Leben hindurch immer wieder bis zu seinem Tod. Nachdem Muhammad gestorben war, wurden die Offenbarungen gesammelt und in Suren und Verse eingeteilt. Ab wann wir mit einer Fertigstellung dieser Sammlung in Form des Korans zwischen zwei Buchdeckeln rechnen müssen, ist umstritten. Wahrscheinlich war es jedoch nicht viel später als das Jahr 660.

Nach einer Zeit der Unsicherheit erklärte sich Muhammad als der Gesandte Allahs (rasul allah). Er proklamierte den einen Gott Allah. Gleichzeitig forderte er wahren Gottesdienst. Islam meint in erster Linie Hingabe und Unterwerfung, ferner Almosengeben, regelmäßige Gebete sprechen, das Niederwerfen vor Allah und den kompromisslosen Monotheismus zu wahren.6

Die neue Religion, die Muhammad verkündigte, bedeutete aber auch einen Bruch zwischen denjenigen, die zu seiner Religion übertraten und dem Rest seiner Stammesgenossen. Wie oben bereits erwähnt, war Familie und Herkunft von enormer Bedeutung für die damaligen Araber. Aber die neue Religion vollzog mit der Tradition der Väter und der Familie einen Bruch. Deshalb bildete sich eine starke Opposition gegen Muhammad und seine Nachfolger.

In seiner Zeit in Mekka wurde der Prophet des Islam von seiner Umgebung diskriminiert und unterdrückt, ähnlich wie die Christen im ersten Jahrhundert. Die Art und Weise wie jeweils mit dieser Situation umgegangen wurde, kann aber kaum unterschiedlicher sein. Muhammad siedelte im Jahr 622 nach Medina über, was das Jahr 0 des Islam markiert. Interessanterweise ist dies kein religiöses Datum, wie zum Beispiel der Tag seiner ersten Offenbarung oder Ähnliches, sondern ein politisches Datum. Denn in Medina angekommen befand Muhammad sich auf einmal nicht mehr in der Position des Unterdrückten, sondern er wurde mehr und mehr zum Feldherrn, der offensichtlich neben religiösen Zielen nun auch politische und militärische Absichten verfolgte. Prägend war hier maßgeblich Muhammads Begegnung mit den Juden Medinas. Nachdem diese ihn nicht als „Propheten der Religion Abrahams“ anerkannt hatten, radikalisierte er sich zunehmend. So wurde zum Beispiel die Gebetsrichtung plötzlich geändert. Betete man zuvor in Richtung Jerusalem, so war nun Mekka die neue Gebetsausrichtung (Sure 2,142-152).

Daran wird aber noch etwas anderes deutlich: Muhammad sah sich selbst in der Linie Abraham, Mose und Jesus. Erst die Ablehnung durch die Juden zeigte ihm, dass er wohl nicht als der Erneuerer der einen monotheistischen Religion anerkannt werden würde. Das hat bis heute tiefgreifende Folgen. Der zunächst positiv über Juden und Christen sprechende Koran (Sure 10,95; 5,68) scheint in der medinensischen Zeit Muhammads in dieser Frage eine Kehrtwende gemacht zu haben. Christen und Juden gelten auf einmal als Ungläubige, die sich von der ursprünglichen Botschaft Allahs abgewandt hätten und die Wahrheit mit Lug und Trug verdunkeln würden (Sure 3,71). Man solle sich als Muslim nicht mit Christen und Juden anfreunden (Sure 3,28), sondern gegen sie kämpfen und Tributzahlungen von den Unterworfenen fordern (Sure 9,29). Nicht zuletzt lehnte Muhammad die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes entschieden ab.

Aus den unterdrückten Muslimen, die 622 aus Mekka geflohen waren, wurden unter der Führung Muhammads und mit der Unterstützung der so genannten medinensischen Helfer (Konvertiten aus Medina) gefürchtete Feinde Mekkas. Mit Überfällen auf mekkanische Karawanen sicherten die Muslime ihren Lebensunterhalt, und durch die Ausschaltung der jüdischen Clans in Medina wurden dann auch die Feinde auf dem „eigenen Gebiet“ besiegt.

Nach der Schlacht von Badr im Jahre 624 schien niemand mehr Muhammad und seine Truppe aufhalten zu können. Im Jahr 630 fiel Mekka (kampflos) in die Hände Muhammads. Der Jihad, der Einsatz für die Sache Allahs, hatte sich als Glaubensbeweis im Islam etabliert. Infolge dessen wird die Welt aus islamischer Sicht noch heute in zwei Lager aufgeteilt: Dar al-Islam (Haus des Islam – damit sind sämtliche muslimisch kontrollierte Gebiete gemeint) und Dar al-Harb (Haus des Krieges – damit sind alle Gebiete gemeint, die von Muslimen noch nicht kontrolliert werden).

Im Jahr 632 starb Muhammad in Medina. Der Prophet des Islam tat keine Wunder, stand nicht von den Toten auf und war sich selbst nicht sicher darüber, ob er im Jüngsten Gericht bei Allah Gnade finden werde.

Die enge Verbindung von religiösen, politischen und militärischen Zielen im Islam blieb auch nach dem Tod Muhammads bestehen und bildet einen gravierenden Unterschied zu Jesus und den ersten Christen.

Nach dem Kreuzigungstod, der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu kam es unter den ersten Christen zu einer explosionsartigen Mission. Sie erfolgte zunächst innerhalb Israels an den Juden und Samaritern und erstreckte sich durch die Missionsreisen des Paulus über den gesamten Mittelmeerraum. Die ersten Christen verfolgten in ihrer Mission keinerlei politische Ziele. Sie missionierten nicht durch Waffengewalt. Im Gegenteil: Es waren die Christen, gegen die die Waffen gerichtet waren. So wurden alle Apostel auf dem Missionsfeld als Märtyrer umgebracht. Auch die brutalsten Verfolgungen unter Kaiser Nero oder Diokletian konnten die christliche Gemeinde nicht auslöschen. Die Gemeinde Christi wuchs.

Nach dem Tod Muhammads hingegen zerfiel die muslimische Gemeinde sehr rasch in sich bekriegende Parteien. Gleichzeitig wurde der Islam von Beginn seiner Entstehung an mit dem Schwert verbreitet. Im Weg Allahs verschmolz Religiosität mit einem Drängen nach militärischen Erfolgen. Spirituelles Heil und materielles Wohl fielen tendenziell zusammen.7 Im Jahr 651 war das gesamte Sassanidenreich unterworfen, im Jahr 638 fiel Jerusalem in die Hände der Muslime, 641 Caesarea, 642 Alexandria. Der Islam war nach Maßgabe Muhammads zu einer politischen Organisation geworden und zu einer effektiven, straff geführten Armee.

Was lernen wir aus der Entstehungsgeschichte von Islam und Christentum?

In der Skizzierung der unterschiedlichen Entstehungsweisen ging es zentral um zwei Dinge:

Erstens: Der Islam hat von Beginn seiner Existenz an eine politische Dimension. Muhammad war nicht nur Prophet, er war Feldherr, Diplomat und Herrscher. Es scheint mir daher keine gewagte Behauptung zu sein, dass der Islam in seinem Kern auf Macht und Einfluss und somit auf weltliche Güter ausgerichtet ist. Ja, es hat den Anschein, als ob das Handeln Muhammads selbst so sehr von diesem Interesse bestimmt war, dass sein Wirken und seine Botschaft, der Koran, zutiefst weltliche Ziele verfolgen.

Das steht in einem deutlichen Gegensatz zu Jesus, der sich selbst den weltlichen Obrigkeiten unterordnete (Jes. 49,7) und die Unterordnung unter die weltlichen Obrigkeiten gebot (Mt. 22,21). Auch der Apostel Paulus forderte die Christen auf, für den Staat zu beten, in dem sie lebten (1Tim. 2,1.2). Wohlgemerkt: Das war ein Staat, der die Christen verachtete und verfolgte. Die Predigt des Evangeliums vom Reich Gottes hat kein Interesse an politischer Macht. Das macht sowohl das Neue Testament deutlich als auch die Geschichte der ersten Christen. Christen sind allein auf Gott ausgerichtet. Er ist die Hoffnung der Gläubigen. Das Erbe der Christen ist kein irdisches Imperium, sondern sein Himmelreich.

Zweitens: Jesus und Muhammad unterscheiden sich fundamental: Während Jesus an das Alte Testament anknüpfen konnte, um auf sein Wirken als Messias hinzuweisen, musste Muhammad sich erst selbst ein religiöses Erbe erschaffen. Jesus erfüllte die Prophezeiungen des Alten Testamentes über den Messias. Muhammad erfüllte sie nicht. Von daher war der Islam genötigt, eine Lehre zu entwickeln, die sowohl das Alte als auch das Neue Testament, die Bibel, verfälscht. Die Logik des Muslim ist simpel: Muhammad sei in der Bibel angekündigt worden, während die Christen und die Juden ihre heiligen Schriften verfälscht hätten, so dass man darin die Ankündigung Muhammeds nicht mehr finden könne. Diese islamische Lehre der Bibelverfälschung ist zweifellos aus der Not entstanden, nicht aus einer göttlichen Offenbarung heraus. Jesus zeichnete sich außerdem durch seine Worte und Taten als der Messias aus, während uns von Muhammad keinerlei Wunder berichtet sind. Muhammad scheint vielmehr von den Umständen um ihn herum angetrieben gewesen zu sein, während Jesus seine eigenen Jünger immer wieder in Erstaunen versetzte, weil er so überraschend handelte und sie Anderes lehrte, als es ihre Schriftgelehrten und Rabbiner taten: Er lehrte in der Vollmacht Gottes.

Ausblick

In der folgenden Nummer der Bekennenden Kirche möchte ich auf die oben genannten Punkte 2a und 2b eingehen: Es sollen dann die Unterschiede zwischen Christentum und Islam im Schriftverständnis und im Gottesverständnis behandelt werden. Auf diese Weise sollen weitere Schritte auf dem Weg gegangen werden, um die Frage der muslimischen Frau zu beantworten, warum wir nicht an die Prophetenschaft Muhammads glauben, sondern an die Errettung durch Jesus Christus.


1) Vergleiche: http://www.stern.de/politik/deutschland/der-islam-gehoert-zu-deutschland-gauck-kommentiert-wulff-satz-zurueckhaltend-1834910.html [Stand: 16.3.2013].
2) Vergleiche: http://agwelt.de/2011-09/abraham-laedt-zum-interreligioesen-gebet-am-11-september/ [Stand: 16.3.2013]. Die Gruppe „Abraham“ zum Beispiel lädt in Lörrach zu einem „interreligiösen“ Gebet ein.
3) Zum Leben Muhammads, der Frühgeschichte des Islam bzw. zur Islamgeschichte generell, sei das Buch empfohlen von Krämer, Gudrun, Geschichte des Islam. München 2005.
4) Auch hier ist es natürlich wieder wichtig sich zunächst mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Als Literaturempfehlung weise ich gerne auf das Buch von Jürgen Spieß, Ist Jesus auferstanden? Marburg 2011. Ein Vortrag von Jürgen Spieß über das Thema kann im Internet angehört werden unter: http://www.theoblog.de/jurgen-spies-die-auferstehung-jesu/7657/ [Stand: 20.03.2012].
5) Vergleiche Gabriel, Mark, Jesus und Mohammed. Gräfelfing 2006.
6) Krämer, Gudrun, Geschichte des Islam. München 2005.
7) Krämer, Gudrun, Geschichte des Islam. München 2005.