Wortverkündigung: Johannes 10,37-38

„Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht! Tue ich sie aber, so glaubt doch den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubt, damit ihr erkennt und glaubt, dass der Vater in mir ist und ich in ihm!“

Johannes 10,37.38

Der Sohn Gottes sagte dieses Wort in einer der letzten Auseinandersetzungen, die er während seines irdischen Wirkens mit den Juden führte. Es ging wieder einmal um die Frage: Wer ist Jesus? Ist er der von Gott dem Vater gesandte Messias? Ist er der gottgleiche Sohn Gottes? Oder ist er es nicht?

Jesus verwies in diesem Zusammenhang auf seine Werke. Er bekräftigte, dass diese Werke die Werke seines Vaters
sind.

Wir lesen häufig in den Evangelien, dass Christus seine einzigartige Beziehung zum Vater mit seinen Werken verdeutlicht. Zu seinen eigenen Jüngern sagte er einmal: „Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn nicht, so glaubt mir doch um der Werke willen!“ (Joh. 14,11). Häufiger allerdings weist der Herr auf seine Werke in Debatten mit ungläubigen Juden (Joh. 5,36; 10,25).

Wahrer Gott und wahrer Mensch

Die Botschaft, dass Jesus der Sohn Gottes ist, ist das Kernthema aller vier Evangelien. Der Apostel Johannes hebt gegen Ende des von ihm verfassten Evangeliums den Zweck seiner Aufzeichnungen hervor:
Diese Geschehnisse sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.“ (Joh. 20,31). Tatsächlich geht es in allen vier Evangelien zentral um diese Wahrheit. Wenn man will, kann man bei den Evangelien auf Akzentunterschiede hinweisen. Dann könnte man zeigen, wie Johannes hervorhebt, dass der Sohn Gottes, das ewige Wort, in diese Welt der Finsternis herabkam und Fleisch wurde. Die ersten drei Evangelien würden dann eher den Finger darauf legen, dass der irdische Jesus von Nazareth der Sohn Gottes ist. Aber mehr als unterschiedliche Akzentsetzungen sind diese Besonderheiten nicht.

Die zentralen Bekenntnisse der Frühen Kirche betonen ebenfalls immer wieder, wer Jesus Christus ist. So heißt es in dem im Jahr 325 formulierten Nicänischen Glaubensbekenntnis: „Wir glauben […] an den einen Herrn Jesus Christus, […] Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden […].“

Im Jahr 451 wurde in Chalcedon, einem anderen Vorort Konstantinopels bezeugt, dass Jesus Christus „vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit“ ist. Er ist geoffenbart worden „in zwei Naturen, unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert.“

Diese Bekenntnisse haben die Christen seit jener Zeit dankbar hochgehalten und entschieden verteidigt, sobald es notwendig war. Auch von den Reformatoren wurden sie sehr geschätzt. Erst in der Neuzeit äußerte man Vorbehalte gegen sie. Man sah sie von „griechischem Denken“ geprägt. Aber das ist grundfalsch.

Natürlich waren diese Bekenntnisse Antworten auf in jener Zeit aufgetretene Fragen. Sie waren Erwiderungen auf falsche Lehren, die ihre geistige Kraft aus hellenistischen Gedankenströmungen saugten. Selbstverständlich formulierte man sie in der damals gebräuchlichen Sprache, also in der griechischen. Was hätte man auch sonst tun sollen?

Aber inhaltlich sind sie ganz und gar nicht griechisch. Vielmehr wenden sie sich gerade gegen das damalige Griechentum.

Wenn irgendetwas der hellenistischen Kultur entsprach, dann war es ein Denken, in dem man Göttliches und Menschliches vermengte und verwandelte. In den von den Göttermythen noch immer bestimmten mittel- und neuplatonischen Denkkategorien war es üblich, das Göttliche und das Menschliche kräftig durcheinander zu mischen und fließend ineinander übergehen zu lassen. Entsprechend waren halbgöttliche Zwischenwesen sehr populär.

Aber in den altkirchlichen Bekenntnissen wurde genau diese Denkweise strikt zurückgewiesen. Jesus Christus, der aus der Ewigkeit auf diese Erde kam, war eben nicht ein weiteres Zwischenwesen. Er war nicht ein Menschengott im Sinn von halb Mensch und halb Gott. Vielmehr, so bezeugen es die altkirchlichen Bekenntnisse, war er ganz wahrer Gott und ganz wahrer Mensch, und zwar in einer einzigen, untrennbaren Person. Kurzum: Das, was in diesen Bekenntnissen formuliert wurde, knüpfte ganz und gar nicht an den hellenistischen Zeitgeist an.

Übrigens kommen diese Bekenntnisse auch der neuzeitlichen Moderne, also unserer Zeit in keiner Weise entgegen. Seit der so genannten Aufklärung haben die bestimmenden Philosophen Gott und Mensch scharf voneinander geschieden. Aus dem biblischen Wissen, dass Gott im Himmel und wir auf der Erde sind, machte man: für Gott den Himmel, für uns die Erde. Dieser Aufspaltung entsprachen dann die seit nunmehr 250 Jahren konstruierten historisierten und psychologisierten „Jesusbilder“. Es ist aufschlussreich zu sehen, dass sich auch dagegen bereits faktisch die Bekenntnisse von Nicäa und Chalcedon wandten.

Kurzum: Bei aller griechischen Ausdrucksweise suchte man in den altkirchlichen Bekenntnissen das Geheimnis der Person Christi zu wahren. Nicht zuletzt deswegen sind sie bis zum heutigen Tag für die Christen unverzichtbar.

 

Wer ist dieser?

Wenn wir aber von diesen Bekenntnissen uns erneut den Evangelien zuwenden, fällt auf, dass in den neutestamentlichen Schriften nicht nur mitgeteilt wird, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Darüberhinaus wird uns in ihnen auch berichtet, wie Jesus Menschen, die ihm begegneten, zu der Erkenntnis hinführte, wer er ist. Die Evangelien bezeugen nicht nur, dass Jesus Christus der vom Vater in die Welt gesandte Sohn Gottes ist, dass er das fleischgewordene Wort Gottes ist. Sie schildern vielmehr auch Begebenheiten, die die damaligen Menschen dahin führen sollten, die Frage zu stellen, wer Jesus Christus ist, um dann eine Antwort darauf zu geben.

Tatsächlich war es ja keineswegs so selbstverständlich, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Immer wieder gab der Herr gewissermaßen Handreichungen, damit die Menschen ihn als den erkennen, der er ist.

Denken wir an die Sturmstillung, als Jesus mit seinen Jüngern über den See Genezareth fuhr. Natürlich hätte der Sohn Gottes dieses Unwetter von vornherein verhindern können. Aber das tat er nicht. Stattdessen rief er in dem Orkan seine Begleiter auf zu glauben: „Wo ist euer Glaube?“ Nach der Stillung des Sturms drängte sich ihnen angesichts dessen, was sie erlebt hatten, eine Frage auf: „Wer ist denn dieser, dass ihm auch die Winde und der See gehorchen?“ (Mt. 8,26.27; Mk. 4,40.41; Luk. 8,25).

Als sich einmal nach einer Predigt zahllose Menschen von Jesus abkehrten, wandte der Herr sich an seine Jünger. Er stellte die Frage: „Wollt ihr auch weggehen?“ Die Antwort, die Petrus im Namen aller Jünger gab, lautete: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Joh. 6,68.69). Angesichts der Brotvermehrung und seines Selbstzeugnisses, das Jesus im Anschluss daran in der Synagoge von Kapernaum verkündet hatte, waren die Jünger zu der Erkenntnis gelangt, dass Jesus „der Sohn des lebendigen Gottes“ ist.

Übrigens vollzog sich dieses Erkennen bei den Jüngern nicht schlagartig, sondern schrittweise. Es war ein Prozess. Dieser Weg verlief auch keineswegs geradlinig, sondern wurde immer wieder durch Kleinglauben, Irritationen und Wirrnisse unterbrochen.

Im vierten Evangelium bringt der durch den Heiligen Geist inspirierte Johannes diese Entwicklung zum Ausdruck, indem er mehrfach davon spricht, dass die Menschen „zu Jesus hin“ glaubten (Im Griechischen steht hier: eis, anstatt en.).

Auch bei Johannes dem Täufer kam es zu Verwirrungen. Er war der Erste, der öffentlich Jesus als den Sohn Gottes bezeugte: „Ich habe ihn gesehen und bezeuge, dass dieser der Sohn Gottes ist!“ (Joh. 1,34). Derselbe Mann rang später im Gefängnis mit der Frage: „Bist du derjenige, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ (Mt. 11,3). Als die vom Täufer gesandten Boten Jesus diese Frage vorlegten, verurteilte er sie nicht. Stattdessen verwies er auf seine Wunder, auf seine Taten sowie auch auf seine Verkündigung des Evangeliums (Mt. 11,4-6).

Wenig später erfahren wir aus einem Gebet des Sohnes Gottes, das die Jünger mithören durften, dass es einzig und allein das Wohlgefallen Gottes ist, wenn Menschen Jesus als den Christus, als den Sohn Gottes erkennen (Mt. 11,25-27; vergleiche auch Mt. 16,16.17; Joh. 17,6-8).

Nach der Auferstehung Christi hörte das Fragen, wer Jesus Christus ist, nicht auf. Der zweifelnde Thomas wollte erst seine Hände in die Wunden Jesu legen. Als der aus den Toten Auferstandene ihm dies erlaubte, erkannte er ihn als den Sohn Gottes und rief aus: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh. 20,28).

Wenig später waren sieben der Jünger an den See Genezareth gegangen, um ihrer Tätigkeit als Fischer nachzugehen. Eines Morgens sprach sie jemand an, der am Ufer stand. Plötzlich raunte einer der Jünger dem Petrus zu: „Es ist der Herr!“ Sofort brachen sie das Fischen ab und eilten ans Ufer (Joh. 21,1-8).

Nach seiner Himmelfahrt – Jesus Christus saß inzwischen zur Rechten seines Vaters – trat der Herr vor den Toren von Damaskus dem Saulus von Tarsus entgegen. Der Christenverfolger rief voller Schrecken aus: „Wer bist du, Herr?“ (Apg. 9,5). Diese Frage war damals angsterfüllt gestellt.

Für den Rest seines Lebens stellte Paulus die gleiche Frage, dann aber mit großem Verlangen. Viele Jahre später, der Apostel hatte inzwischen tausende von Kilometern für das Evangelium zurückgelegt, schrieb er aus dem Gefängnis einen Brief. Darin teilt er seinen Lesern mit, dass er nach einem einzigen trachtet: Christus zu erkennen, und zwar in dessen Leiden und in dessen Auferstehungskraft (Phil. 3,7-14).

Es hat den Anschein, dass der Herr bis zum heutigen Tag seine Erwählten immer wieder in Situationen führt, in denen sie auf die Frage gestoßen werden: Wer bist du, Jesus? Kenne ich dich? Verstehe ich dich? Habe ich erfasst, wer du bist und was du für mich getan hast?

Jedenfalls sollten wir nicht zu schnell sagen, dass wir Christus kennen. Lassen Sie uns ihn vielmehr immer wieder neu in seinem Wort suchen. Denn nur in der Erkenntnis Christi Jesu werden wir fester im Glauben und mutiger im Bekennen. Nur so gelangen wir zum Staunen, zum Bewundern dieses Heilands und seines vollbrachten Heilswerkes.

Gotteslästerer, Prophet oder Sohn Gottes

Im Lauf des irdischen Lebens Jesu kam es jedoch immer wieder auch zu Begegnungen mit Menschen, die die Frage, wer Jesus ist, einzig und allein mit der Absicht aufwarfen, um seinen Anspruch, Sohn Gottes zu sein, abzutun und ihn als Gotteslästerer, als Verführer, als Verrückten oder als Besessenen an den Pranger zu stellen (Joh. 5,18; 7,12.25.26; 8,48.53; Luk. 5,21; Mt. 9,34; 12,24; 26,65).

Parallelen zur Gegenwart zu ziehen ist nicht schwer. Auch heute gibt es nicht wenige Menschen, die Jesus strikt ablehnen. Wenn sie den Mund aufmachen, kommen über den Sohn Gottes ausschließlich Worte der Herabsetzung und der Beleidigung heraus. Heutzutage rechtfertigen in unserem Land Juristen solche Schmähungen mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass das vor noch nicht allzu langer Zeit keineswegs so beurteilt wurde. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Beschimpfungen Gottes staatlich verfolgt, und zwar keineswegs nur mit der Begründung, man wolle den so genannten öffentlichen Frieden gewahrt wissen. –

Dann aber lesen wir in den Evangelien auch immer wieder von Menschengruppen, die durch das geringschätzige Urteil ihrer Oberen über Jesus zwar verunsichert wurden, die aber selbst Jesus nicht von vornherein ablehnen wollten. Sie rätselten über ihn. Sie diskutierten, wer er ist. Einerseits wollten sie Jesus nicht als Sohn Gottes anerkennen, aber für einen Gotteslästerer wollten sie ihn auch nicht halten. Ihre Überlegungen gingen in die Richtung, in ihm einen bedeutenden Rabbi zu sehen (Joh. 3,2; 8,4) oder einen Propheten (Joh. 6,14; 7,40-53; 9,16; 16,14; 21,11; Luk. 7,16.39; 24,19).

Auch in der Gegenwart trifft man immer wieder auf Menschen, die Jesus zwar nicht als Gott anerkennen, ihn aber auch nicht verunglimpfen möchten. Sie finden durchaus Positives an ihm.

Nicht zuletzt können wir hier an die Muslime denken. Sie akzeptieren Jesus („Isa“) als Propheten. Sie sind bereit, ihn auch entsprechend zu würdigen. Aber wenn sie mit dem Bekenntnis konfrontiert werden, dass Jesus Gott dem Vater gleich ist, dann stößt ein solches Zeugnis bei ihnen auf glühende Ablehnung. Für die Anhänger des Islam stellt eine solche Aussage eine große Gotteslästerung dar. Es ist für sie unerträglich, dass Gott einen gottgleichen Sohn haben soll.

Wie sollen Christen damit umgehen? Müssen sie nicht dafür Verständnis aufbringen und argumentieren, dass der leidenschaftliche Protest der Muslime gegen die Gottessohnschaft Jesu gerade aus einer hohen Ehrfurcht vor dem einen Gott komme? Immerhin sei doch ihre heftige Ablehnung der Gottheit Jesu in ihrem Bekenntnis zum Glauben an den einen Gott (Monotheismus) begründet. Sollten Christen da nicht sogar den Muslimen die Hand reichen, zumal ja auch sie den Polytheismus (Mehrgottglaube) ablehnen? Werden Christen nicht geradezu lobend anerkennen müssen, dass Muhammad bei seinen Stammesgenossen den Götzendienst bekämpfte? Außerdem könnte man darauf hinweisen, dass in arabischen Ländern Christen und Muslime, wenn sie von Gott sprechen, dasselbe Wort verwenden: Allah. Kurzum: Herrscht nicht in beiden Religionen im Kern dieselbe Frömmigkeit, dieselbe Metaphysik, so dass im Vergleich dazu die Unterschiede zwischen den beiden Religionen als geringfügig eingestuft werden müssen? Haben nicht diejenigen Recht, die das Judentum, das Christentum und den Islam als „die drei abrahamitischen Religionen“ in einen Topf werfen?

„Ich und der Vater sind eins“

Das in der Überschrift dieses Grußwortes angeführte Schriftzitat stammt aus einer Auseinandersetzung, in der es genau um diese Thematik ging. Jesus sah sich einer Menschengruppe gegenüber, die davon überzeugt war, dass Gott ein einiger Gott ist. So wurde es tagtäglich auch im Jerusalemer Tempel bekannt.

Der biblische Bericht über diese Auseinandersetzung macht jedoch deutlich, dass Jesus keineswegs mit diesen Menschen den Schulterschluss suchte (Joh. 10,22-39).

Jesus dachte nicht daran, die religiösen Kategorien des Judaismus zu übernehmen und sich mit der Rolle eines achtbaren Rabbis oder eines bedeutenden Propheten zufrieden zu geben. Vielmehr bestand er um der Wahrheit willen darauf, dass er der Sohn Gottes ist.

Auf diese Weise zog er eine klare Trennungslinie zwischen sich und seinen Gesprächspartnern: „Ich und der Vater sind eins„, so verkündete er es im Verlauf dieser Auseinandersetzung. Die Juden verstanden, was das heißt: Jesus macht sich gottgleich, er macht sich „zu Gott“ (Joh. 10,31-33).

Aber wenn wir bei dieser Diskussion allein auf die breite Kluft achten würden, die sich zwischen Jesus und der mit Steinen bewaffneten Menschenmenge auftat, würden wir einen nicht unwichtigen Aspekt übersehen, der uns in diesem Abschnitt ebenfalls mitgeteilt wird.

Es ist geradezu spannend zu verfolgen, wie der Herr mit den religiös fanatisierten Menschen umging, wie er auf sie zuging und ihnen förmlich die Hand reichte. Was ereignete sich?

Jesus befand sich wieder einmal in Jerusalem. Es war das so genannte Tempelweihefest (Joh. 10,22). Dieses Fest feierten die Juden in Erinnerung an die im Jahr 164 vor Christi Geburt erfolgte Altarweihe. Diese war notwendig geworden, weil der Tempel durch den syrischen Herrscher Antiochus Epiphanes IV. geschändet worden war und die Makkabäer in einer wagemutigen Erhebung diese Unterdrücker verjagt hatten. Dieses Fest fand im Dezember statt. Es waren bis zur Kreuzigung Jesu nur noch wenige Monate.

Im Winter ist das Jerusalemer Wetter ungemütlich. Es ist nass und kalt. Jesus verlagerte seine Unterweisung in die halboffene so genannte Säulenhalle Salomos an der Ostseite des Tempelkomplexes, also in den Eingangsbereich (Joh. 10,23). Aber in diesen Tagen war nicht nur das Wetter unterkühlt, sondern auch die Atmosphäre zwischen Jesus und seinen Zuhörern. Es heißt, die Juden umzingelten ihn. Das ist wörtlich zu verstehen. Daraufhin forderten sie ihn ultimativ auf: „Wie lange hältst du unsere Seele im Zweifel? Bist du der Christus, so sage es uns frei heraus!“ (Joh. 10,24).

Damit knüpften die Frager an die Botschaft a

n, die Jesus während des Laubhüttenfestes, also ungefähr ein Vierteljahr vorher, an sie gerichtet hatte. Damals hatte er gesagt: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und bin den Meinen bekannt, gleichwie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne, und ich lasse mein Leben für die Schafe“ (Joh. 10,14.15). Bei denjenigen, die diese Worte damals gehört hatten, hatte sich gleich darauf eine Frage aufgedrängt: Was meint Jesus damit, dass er sein Leben lassen werde für die Schafe? Und vor allem: Was heißt das, dass er seinen Vater kenne und der Vater ihn kenne? Sind das die Worte eines Besessenen? Oder ist er, der Blinden die Augen öffnen kann, vielleicht doch der Messias? Oder wer ist er sonst? (Joh. 10,19-21).

Drei Monate später, auf dem Tempelweihefest wurde das Thema, wer Jesus ist, in Jerusalem noch immer intensiv diskutiert. Auf die Aufforderung der Juden, Jesus solle endlich Klartext reden, erwiderte der Herr: „Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht!“ (Joh. 10,25). Tatsächlich hatte Jesus vorher immer wieder betont, dass er der von Gott gesandte Messias ist (Joh. 7,16-18; 8,18.19). Mit seiner Erwiderung deckte Jesus auf: Das Problem liegt nicht daran, dass ich bisher über meine Person undeutlich gesprochen habe, sondern es liegt an eurem selbstverschuldeten Unglauben.

In Wahrheit hat es sich schon immer so verhalten: Der Unglaube begehrt trotz aller Zeugnisse immer ein noch klareres, ein noch eindeutigeres Wort, und er fordert trotz aller erfahrenen Wunder immer ein noch weiteres, ein noch unverkennbareres Zeichen (Mt. 12,38; 16,1). Jesus wies auf seine Werke hin, die er „im Namen seines Vaters tut„. Er ließ aber gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass der Unglaube nicht von außen widerlegt oder gar überwunden werden kann. Mit anderen Worten: Keine noch so geschickten Evangelisationsmethoden vermögen Menschen aus ihrem Unglauben herauszuholen. Vielmehr müssen die, die seine Stimme hören und glauben „zu seinen Schafen“ gehören (Joh. 10,25.26). Es war und ist Gottes gnädiges, souveränes, erwählendes Handeln allein, durch das Menschen Jesus Christus als den Sohn Gottes und damit als ihren guten Hirten erkennen und ihm glauben. Indem Jesus darauf hinwies („wie ich euch gesagt habe„), erinnerte er daran, dass er ihnen hiermit keine Neuigkeit mitteilte. Bereits auf dem Laubhüttenfest hatte Jesus gesagt, dass allein seine Schafe es sind, die seine Stimme hören (Joh. 10,3.4.14).

Dieser nachdrückliche Hinweis auf die Erwählung mag vielen heute nicht gefallen. Es widerspricht der Idee vom freien Willen des Menschen, und außerdem stellt es einen Großteil der gegenwärtigen Gemeindebaupraktiken von der Wurzel her in Frage. Aber auch damals passte diese Aussage den Zuhörern nicht in ihr Konzept. Denn im Rahmen ihres Denkens gehörten alle Juden zu Gottes erwähltem Volk. Nach ihrer Auffassung waren sie alle als leibliche Nachkommen Abrahams die von Gott Erwählten (Joh. 8,39-47; Mt. 3,9). Jesus dagegen vollzog mit seinen Aussagen über seine Schafe innerhalb des Volkes eine Trennung.

Das alles war für die Zuhörer bereits ärgerlich genug. Aber das für sie Unerträgliche kam erst noch. Jesus verkündete weiter: „Meine Schafe hören mich, ich kenne sie, ich gebe ihnen ewiges Leben, sie werden in Ewigkeit nicht verloren gehen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen„. (Joh. 10,27.28). Mit dieser Mitteilung sprach Jesus sich selbst eindeutig messianisch-göttliche Qualitäten zu. Damit nicht genug: Die Zuspitzung erfolgte im nächsten Vers. Wir können ihn folgendermaßen umschreiben: Wenn ihr durch das, was ich eben gerade über mich behauptet habe, erneut verwirrt seid und meint, ich spreche zu hoch von mir, dann sollt ihr eines wissen: Es ist „mein Vater, der mir diese Schafe gegeben hat“ (Joh. 10,29a). Aber stellt euch dieses Geben der Schafe an mich nicht so vor, als würden damit die Schafe aus der Fürsorge des Vaters entlassen werden. Meint nicht, ich wäre gleichsam der Ersatz des Vaters. Denn nach wie vor gilt nicht nur, dass niemand sie aus meiner Hand reißen kann, sondern es bleibt auch bestehen: „Niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen„. (Joh. 10,29b). Denn: „Ich und der Vater sind eins!“ (Joh. 10,30).

Für die Zuhörerschaft war damit klar, dass Jesus sich „zu Gott“ machte (Joh. 10,33). Wohlgemerkt: Jesus sagte hier nicht, dass er mit dem Vater identisch ist. Dann hätte er verkünden müssen: Ich und der Vater sind einer. Vielmehr sagte er: „Ich und der Vater sind eins.“ Damit brachte er zum Ausdruck: Der Sohn ist nicht von dem Vater zu trennen und der Vater nicht vom Sohn, so dass ihr den Vater nicht haben könnt ohne den Sohn und den Sohn nicht ohne den Vater.

Wenige Monate später wird Jesus seinen Jüngern sagen: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“ (Joh. 14,9). An anderen Stellen betonte Jesus, dass er völlig identisch ist mit dem Vater in seinem Willen (Joh. 6,38; 8,26.28.29; 10,18), dass er uneingeschränkt mit dem Vater zusammenwirkt (Joh. 5,17-19), dass die Erwählten sowohl dem Vater als dem Sohn gehören (Joh. 17,10) und deswegen unterschiedslos die Gemeinschaft mit beiden genießen (Joh. 14,23; 17,21-23.26).

Jesus geht auf die tobende Menge zu

Mit seiner Aussage („Ich und der Vater sind eins.„) bezeugte Jesus nicht ausdrücklich die wesenhafte (ontologische) Einheit mit dem Vater. Aber das liegt an der Thematik der Auseinandersetzung. Es geht in diesem Streitgespräch um das messianische Hirtenamt Jesu. Von daher war nicht die Frage zu beantworten, ob Jesus mit dem Vater wesenhaft gleich ist, sondern ob er in seinem Hirtenamt die gleiche Macht wie der Vater hat. Darauf lautet die Botschaft des guten Hirten: Weder aus meiner Hand noch aus der Hand meines Vaters wird jemals ein Schaf gerissen werden können.

Den Juden jedenfalls reichte die Aussage über das Einssein mit dem Vater, um in Rage zu geraten und Steine zu suchen, um ihn zu töten: „Dieser Mensch“ hat sich „zu Gott“ gemacht!

Man könnte hier auf eine gewisse Unehrlichkeit bei den Juden hinweisen. Schließlich waren sie es doch, die Jesus ultimativ aufgefordert hatten, sich deutlich zu erklären. Einerseits hatten sie sich darüber beklagt, dass Jesus bisher nicht offen geredet hatte. Andererseits zeigten sie sich nun empört, nachdem er es (erneut) getan hatte. Auf diese Doppelbödigkeit zu achten ist sicher nicht unberechtigt. Jesus wies selbst einmal darauf hin, dass die Menschen ihn „ohne Ursache“ gehasst haben. Allerdings ist er selbst darüber nicht so sehr verwundert. Denn er weiß, dass dies die Erfüllung einer alttestamentlichen Prophetie ist (Joh. 15,25; Ps. 69,5).

Bemerkenswerter ist es zu sehen, dass Jesus diese aufgebrachten Menschen als seine Gesprächspartner akzeptierte. Indem er den mit Steinen Bewaffneten gleichsam seine offenen Hände entgegenstreckte, ging er gewissermaßen auf sie zu. Wenn man so will, kann man sagen: Er rang förmlich darum, ihnen einen Zugang zur Wahrheit seiner Gottessohnschaft zu eröffnen. Dabei lassen sich drei Schritte unterscheiden.

Der erste Schritt bestand darin, dass der Herr die Menschen ansprach. Er verwickelte sie in ein Gespräch. So handelte der Herr öfters (zum Beispiel Joh. 5,16.17). Hier in dieser Auseinandersetzung stellte er denen, die mit ihren Steinen auf ihn zielten, die Frage: „Viele gute Werke habe ich euch gezeigt von meinem Vater, um welches dieser Werke willen wollt ihr mich steinigen?“ (Joh. 10,32).

Damit bremste er diese religiösen Eiferer erst einmal, Steine auf ihn zu werfen. Sie sahen sich herausgefordert, ihr Tun zu rechtfertigen.

Sie gaben ihm Antwort und erklärten, was sie so in Wut gebracht hatte: Es gehe gar nicht um irgendein bestimmtes Werk. (Offensichtlich stand inzwischen noch nicht einmal mehr die Frage zur Debatte, ob man am Sabbat Heilungen vollbringen dürfe, Joh. 5,16). Vielmehr gehe es nun um alles oder nichts: Was ist die Stellung von Jesus zu Gott? Wenn Jesus sich mit dem Vater „eins“ erklärt, dann macht er sich „zu Gott„, dann begeht er Gotteslästerung und dann muss er gemäß dem Gesetz mit dem Tod bestraft werden.

Parallelen zur Gegenwart sind nicht schwer zu ziehen. Auch heute wollen nicht wenige Prediger oder Theologen viel, sehr viel Gutes an Jesus finden. Sie wollen das auch weitervermitteln. Aber dass dieser Jesus von Nazareth der gottgleiche Sohn Gottes ist, ist ihnen unvorstellbar. Folglich interpretieren sie entsprechende Aussagen im Neuen Testament als „Mythos“, als „uneigentliche Redeweise“ oder als „nachträgliche kerygmatische Gemeindebildung“ oder sonstwie. Jedenfalls nehmen sie es nicht ernst.

Jesus dagegen formulierte seine Frage so, dass er seinen gottgleichen Anspruch nicht zurücknahm: Ich habe euch „die Werke meines Vaters [!] gezeigt.“ Er bestand darauf, dass seine Werke die Werke seines Vaters sind.

Steht nicht in eurem Gesetz?

Nachdem der Herr im ersten Schritt durch sein Fragen seinen Kontrahenten den Wind aus den Segeln genommen hatte, ging er einen Schritt weiter. Um bei ihnen einen Freiraum für das Verstehen der Gottessohnschaft zu bereiten, betrat er gemeinsamen Boden mit ihnen: „Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben…?“ (Joh. 10,34). Wenn Jesus so auffallend von eurem Gesetz sprach, bestritt er natürlich nicht, dass dieses Gesetz auch sein Gesetz ist. Gleich darauf bezeugte er ausdrücklich, dass „die Schrift nicht gebrochen werden kann“ (Joh. 10,35).

Mit dieser Aussage stellte der Herr klar, was die Bibel für ihn war, nämlich das von Gott inspirierte, unantastbare und in jeder Weise autoritative Wort Gottes. Indem Jesus hier von einem Nicht-gebrochen-werden-Können sprach, griff er einen Vorwurf auf, den die Juden ihm gemacht hatten. Sie hatten seinen Umgang mit dem Sabbat als Brechen des Gesetzes gedeutet (Joh. 5,18; 7,23). Auf diesen Vorwurf erwiderte Jesus nun, dass davon überhaupt keine Rede sein kann. Vielmehr ist die Heilige Schrift für ihn voll und ganz maßgeblich.

So müssen sich Theologen, die heutzutage vielfach eine schriftkritische Ausbildung durchlaufen haben und von daher zu Befürwortern der historischen Kritik an der Bibel geworden sind, die Frage gefallen lassen, ob sie umkehren und Jesus diesen Ausspruch des Nicht-gebrochen-werden-Könnens der Heiligen Schrift nachsprechen wollen.

Was steht denn in „eurem Gesetz„? Der Herr führte hier eine Stelle aus den Psalmen an: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter und allesamt Söhne des Höchsten.“ (Ps. 82,6). Dass im damaligen alltäglichen Sprachgebrauch nicht nur die fünf Bücher Mose als Gesetz bezeichnet wurden, sondern das ganze Alte Testament, zeigen andere Bibelstellen (Joh. 12,34, 15,25; Röm. 3,19; 1Kor.14,21).

Gelegentlich war und ist man der Meinung, in dem hier zitierten Psalm spreche Gott nicht irdische Richter an, sondern er wende sich an Himmelswesen, an Engel. Man begründete das damit, dass es nicht gut vorstellbar sei, dass im Wort Gottes Menschen als Götter bezeichnet werden. Aber einmal abgesehen davon, dass die Wesen, die hier als Götter betitelt werden, gleich darauf mit sterblichen Menschen auf eine Ebene gestellt werden (Ps. 82,7), gibt es weitere Aussagen im Alten Testament, in denen irdische Leiter diese Bezeichnung erhielten (2Mos. 4,16; 7,1; im Hebräischen auch in: 21,6; 22,7.8).

Der Grund dafür, dass die Heilige Schrift den Obersten des Volkes gelegentlich die Bezeichnung Götter verlieh, liegt an ihrem Amt. Die Bibel lässt uns nicht im Unklaren darüber, dass Rechtsprechung eigentlich nicht Menschensache ist, sondern Gottes Sache (5Mos. 1,17). Der Psalm 82 betont, dass Gott eine Rechtsprechung fordert, in der ohne Ansehen der Person geurteilt wird, so dass der Stärkere nicht dem Schwächeren vorgezogen wird (Ps. 82,2-4). Gerade da aber weiß die Bibel, dass dies zu erfüllen eine geradezu übermenschliche Aufgabe ist (Ps. 82,5). Wenn diese theokratische Berufung überhaupt von Menschen ausgeübt werden kann, dann nur in dem Fall, dass „das Wort Gottes zu ihnen geschieht“ (Joh. 10,35).

Was aber ist der Zweck dieses Zitats im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Jesus und den Juden? Was wollte der Herr mit Psalm 82 rüberbringen? Stellte er sich mit dem Zitieren dieses Schriftworts nicht geradezu ins Abseits? Denn in dieser Aussage geht es ja darum, dass gerade Menschen Götter genannt werden. Torpedierte der Herr damit aber nicht seinen eigenen Anspruch, in dem Sinn gottgleich zu sein, dass er mit Gott dem Vater eins ist?

Es ist notwendig, sich hier klar zu machen, was der Herr mit diesem Schriftzitat beabsichtigte. Wenn Jesus mit dem Wort aus Psalm 82 seine eigene Gottgleichheit beweisen wollte, dann wäre das tatsächlich wenig überzeugend. Mehr noch: Als „Beleg“ für die Gottessohnschaft Christi würde diese Stelle geradezu den historisch-kritisch arbeitenden Theologen in die Hände spielen. Gerade sie vertreten ja, dass die Bezeichnung Sohn Gottes nichts anderes als ein hellenistischer oder orientalischer Amts- oder Ehrentitel sei. Übrigens beriefen sich einst auch die Arianer – das waren die Irrlehrer, gegen die sich das oben zitierte Nicänische Glaubensbekenntnis wandte – auf dieses Schriftzitat. Sie suchten damit zu untermauern, dass Jesus lediglich eine von Gott dem Vater entliehene (abgeleitete) Göttlichkeit erhalten habe.

Aber gegen eine solche Deutung wurden im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder Einwände erhoben. So schrieb zum Beispiel Johannes Calvin in seinem Kommentar zu dieser Stelle zusammengefasst Folgendes: Mit diesem Schriftzitat wollte Jesus nicht einen Beweis für seine eigene Gottessohnschaft bringen. Es ging ihm lediglich darum, „einen verleumderischen Angriff seiner Gegner abzuwehren.“

Der Heiland zitierte Psalm 82 nicht, um seine eigene Göttlichkeit damit zu beweisen. Vielmehr rief er mit dieser Stelle lediglich seinen Kontrahenten zu, einmal innezuhalten und nachzudenken: In eurer eigenen Bibel könnt ihr die Verwendung des Wortes „Gott“ für jemand anderen als für Gott den Vater finden. Folglich solltet ihr aufgrund eurer eigenen Tradition nicht vorschnell Anstoß daran nehmen, wenn jemand den Ausdruck „Gott“ weiter fasst als nur für Gott den Vater. Mehr wollte Jesus in dieser hitzigen Situation mit seinem Hinweis auf Psalm 82 nicht zum Ausdruck bringen.

Wer Jesus Christus selbst ist und dass sein Auftrag, den er vom Vater erhalten hatte, einzigartig und unvergleichlich ist und weit über der Berufung jedes menschlichen Richters steht, das machte er dann gleich im Folgenden kund: Er ist der, „den der Vater geheiligt (also völlig für sich beschlagnahmt) und den er in diese Welt gesandt hat.“ (Joh. 10,36). Erst hier ist der Grund angegeben, warum Jesus selbst nicht nur in einem übertragenen Sinn „Gott“ genannt werden darf, sondern dass er „Sohn Gottes“ in Wahrheit ist.

Kurzum: Auch mit diesem Schriftzitat rief Jesus die religiös Erregten auf, einzuhalten. Er wollte sie in ihrem Eifer nur bremsen. Er reichte ihnen gewissermaßen die Hand. Dabei wich er von seinem Anspruch, vom Vater geheiligt und in diese Welt gesandt worden zu sein, also mit dem Vater eins zu sein, keinen Millimeter zurück.

Schaut auf die Werke!

Nachdem die beiden ersten Schritte die erregte Schar beruhigen und ins Nachdenken bringen sollten, baute Jesus im anschließenden dritten Schritt eine Brücke zu der aufgeheizten Menge: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht! Tue ich sie aber, so glaubt doch den Werken, wenn ihr auch mir nicht glaubt…“ (Joh. 10,37.38).

Dass Jesus auf seine Werke verwies, ist nichts Überraschendes. Das hatte Christus bereits häufiger getan (zuletzt Joh. 10,25). Das Auffällige ist, wie der Herr hier auf seine Werke hinwies. Jesus forderte die Leute auf, einmal hypothetisch anzunehmen, er habe keine Werke getan: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht!“

Worauf der Herr mit dieser umgekehrten Argumentation zielte, geht aus dem folgenden Satz hervor: „Wenn ihr auch mir nicht glaubt, so glaubt doch den Werken!“ Mit anderen Worten: Der Herr rief den mit Steinen Bewaffneten zu, den Glauben an seine eigene Person zugunsten seiner Werke zurückzustellen.

Wohlgemerkt: Auch mit dieser Aussage verzichtete Jesus nicht auf seinen Anspruch der Gottgleichheit. Er hielt nach wie vor daran fest, dass er die „Werke seines Vaters tut“ und „dass der Vater in mir ist und ich in ihm.“ (Joh. 10,38). Aber indem Jesus die Gottheit seiner Person zugunsten seiner Werke hintenanstellte, rief er seinen Gegnern zu: Lasst einmal den Anspruch meiner Gottgleichheit beiseite. Fixiert euch nicht gleicht darauf, dass ich mich „zu Gott“ gemacht habe, sondern besinnt euch erst einmal auf meine Werke! Könnte es nicht sein, dass ihr auf dem Weg des Nachdenkens über meine Werke dahin gelangt, dass ihr „erkennt und glaubt„, wer ich bin, also, „dass der Vater in mir ist und ich in ihm„?

Es ging dem Herrn darum, durch diesen Umweg in das Herz seiner fanatisierten Zuhörer eine Schneise zu schlagen. Indem Jesus als Weg, um die Gottheit Christi zu erkennen, auf die von ihm vollbrachten Werke hinwies, warb er dafür, dass die Menschenmenge ihre innere Rebellion gegen seinen Anspruch, Sohn Gottes zu sein, aufgab. Hier offenbarte sich der Herr als guter Hirte. Er sprach im wahrsten Sinn des Wortes pastoral.

Doch die Menschen im Tempel hörten nicht auf seine Stimme. Sie verharrten in ihrer Verstockung. Zwar hatten sie inzwischen auf das Steinewerfen verzichtet, aber nun suchten sie Jesus zu „ergreifen„. Es erfüllte sich hier wieder einmal das, was Johannes bereits am Anfang des Evangeliums mitteilte: „Die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh. 1,11).

Jesus wusste sich ihrem Zugriff zu entziehen (Joh. 10,39). Seine Stunde war noch nicht gekommen (Joh. 7,30; 8,20; 12,23). Er ging vom Tempel hinweg und zog an die Stelle, an der Johannes ihn einst getauft hatte und an der er die ersten Jünger gewonnen hatte, also dorthin, wo einst sein öffentlicher Dienst begonnen hatte.

Viele Menschen kamen zu ihm (Joh. 10,41). Ob darunter auch Menschen waren, die ihn kurz vorher im Tempel gehört hatten, wissen wir nicht. Aber Johannes berichtet, worüber diese Leute sich austauschten. Sie erinnerten sich, dass Johannes von Jesus Zeugnis abgelegt hatte, und sie konnten nun im Nachhinein bestätigen, was der Täufer verkündet hatte. Nicht zuletzt sprachen sie erneut über die Werke, die Zeichen. Nun heißt es: „Viele glaubten daselbst an ihn“ (oder genauer: „zu ihm hin„) (Joh. 10,42).

Glauben zu Jesus Christus hin

Die Auseinandersetzung am Fest der Tempelweihe macht zweierlei deutlich: Erstens bezeugte Jesus hier unmissverständlich, dass er mit dem Vater eins ist und in seinem Zeugnis keinerlei Kompromisse einging. Indem Christen an die Gottgleichheit des Sohnes mit dem Vater glauben, trennt sie ein tiefer Graben von den Menschen, die das nicht glauben, also zum Beispiel von den Juden, von den Muslimen und nicht zuletzt von der Mehrheit heutiger Theologen in Deutschland.

Das Wort Gottes sagt an anderer Stelle, dass man mit denjenigen, die Jesus Christus nicht als im Fleisch gekommen bekennen, keine geistliche Gemeinschaft haben kann. Ja man muss sie sogar als antichristlich ansehen (1Joh. 2,22.23; 4,1-3; 2Joh. 7). Wie unmissverständlicher soll das Neue Testament eigentlich noch die Kluft verdeutlichen, die zu den Leugnern der Gottgleichheit des im Fleisch gekommenen Christus besteht?

Zweitens aber sehen wir, wie Jesus diejenigen, die ihn ablehnten, schrittweise zu der Wahrheit heranführte, dass er der im Fleisch gekommene Sohn Gottes ist, die zweite Person der Dreieinigkeit. Gegenüber seinen Kontrahenten, die ihm mit Steinen bewaffnet entgegentraten, vertrat Jesus keine Kreuzzugsmentalität. Vielmehr kam er ihnen mit großer Geduld entgegen.

Ein schrittweises Herangeführtwerden an die Wahrheit der Gottessohnschaft Christi können wir auch sonst in den Evangelien sehen. Greifen wir nur ein Beispiel heraus: Nikodemus. Bei ihm begann es damit, dass er Interesse an einem Gespräch mit Jesus bekundete. Er hatte die Zeichen und Wunder mitbekommen, und so kam er in der Nacht zu Jesus. Ob dieser Besuch in der Nacht aus Furcht vor den Juden erfolgte oder um ungestört mit dem Herrn sprechen können, wird nicht gesagt (Joh. 3,2). Was bei diesem Gespräch herauskam, wird uns ebenfalls nicht mitgeteilt.

Einen Schritt näher zur Wahrheit, also zu Christus, war Nikodemus gelangt, als er bei einem Streit Jesus verteidigte. Er argumentierte dabei mit dem allgemein anerkannten, objektiven Rechtsdenken: „Richtet unser Gesetz einen Menschen, es sei denn, man habe ihn zuvor selbst gehört?“ (Joh. 7,51). Er verteidigte Jesus, aber seine Verteidigung hätte auch aus dem Mund eines völlig Ungläubigen stammen können.

Wesentlich weiter lehnte Nikodemus sich aus dem Fenster, als er sich aktiv am Begräbnis Jesu beteiligte (Joh. 19,38-42). Auf diese Weise legte dieser namhafte Schriftgelehrte und bedeutende jüdische Theologe ein öffentliches Zeugnis für Jesus Christus ab.

Auch wenn die Auseinandersetzung mit den Juden im Tempel anders ablief als bei Nikodemus, können wir vielleicht aus der eingangs zitierten Aussage Jesu über seine Werke einen Wink erhalten, wie wir heute mit Menschen ins Gespräch über die Gottessohnschaft Jesu kommen können. Denken wir an Unterredungen mit Muslimen. (Muhammad hatte jedenfalls keine Werke getan…).

Möglicherweise ist uns mit diesem Wort aber auch ein Weg gewiesen, wie wir mit Menschen evangelistisch sprechen können, die gegenüber der Vergangenheit der Kirche und damit auch gegenüber den in ihr formulierten Bekenntnissen Misstrauen hegen: Alles Dogmatische erscheint ihnen von vornherein fragwürdig.

Jesu Hinweis auf seine Werke ist jedenfalls ein Weg, der nicht direkt über die tiefen Aussagen über die Person Christi verläuft, wie wir sie zum Beispiel auch am Anfang des Johannesevangeliums finden. Vielmehr wird der Weg zur Erkenntnis Christi über die Frage geleitet: Was denkst du eigentlich über die Werke, die Jesus getan hat? Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wozu sie geschehen sind, was damit beabsichtigt worden ist?

Vielleicht wird über diesen Weg das Evangelium von Jesus Christus unsere Gesprächspartner persönlicher ansprechen, als es manche völlig berechtigten, aber abstrakten Formulierungen über die zweite Person der Dreieinigkeit können.