Biblisch-reformatorischer Gottesdienst Teil 2: Konkret

Wenn der Apostel Paulus anordnet, dass der Gottesdienst in einem guten Schema ablaufen soll (1Kor. 14,40), geht es nicht darum, dass Programmpunkte wie in einem Varieté-Theater oder in einem Zirkus der Reihe nach abgespult werden, sondern jede Einzelheit des Gottesdienstes soll Teil der Gesamt-Liturgie sein.

Der Begriff Liturgie heißt übersetzt nichts anderes als Dienst. Es ist somit ein anderes Wort für Gottesdienst. Wir sind geschaffen, bestimmt, um Gott bis in alle Ewigkeit zu dienen.

Nun, im Dunkel dieser Zeiten bereitet uns der dreieinige Gott, unser Schöpfer und Erlöser, für diese große und herrliche Aufgabe vor, die uns dann in voller Weise am Festtag der Ewigkeit erwartet. Bis dahin steigt Sonntag für Sonntag aus dem Mund der Gott anbetenden Gemeinde die Liturgie, der Gottesdienst, zum Himmel.

Diese Liturgie soll unser Leben durchdringen. Durchlebter Gottesdienst gestaltet unser Alltagsleben zum Dankgeschenk an den Gott, der sich über uns erbarmt hat. Praktisch heißt das, dass wir in diesem Weltlauf nicht gleichförmig sind, sondern unseren Leib Gott als Opfer darbringen. Nur das entspricht einem vernünftigen (man kann hier auch übersetzen: wortgemäßen) Gottesdienst (Röm. 12,1.2). Umgekehrt aber, und das, denke ich, haben wir alle schon erfahren, gelingt die Anbetung im sonntäglichen Gottesdienst nur in dem Maß, wie wir uns mühen, auch im Alltag zur Ehre Gottes zu leben. Ein vom Alltag abgekoppelter Gottesdienst wäre eitel und nichtig (Jak. 1,26.27).

Der sonntägliche Gottesdienst soll uns in unserem Geist schrittweise näher dorthin bringen, wohin wir durch den Geist Gottes bereits gekommen sind, zum himmlischen Zion, also dorthin, wo wir zusammen mit allen Engeln und Erwählten ohne Ende dem dreimal heiligen Gott ein neues Lied darbringen. Dazu ist es erforderlich, den Sinn der gottesdienstlichen Liturgie zu verstehen.

Im Folgenden beschränke ich mich auf den Ablauf eines Wortgottesdienstes. Ich lasse also die Sakramente, Taufe und Abendmahl, aus. Der Grund liegt darin, dass der Artikel sonst zu umfangreich werden würde. Im Ablauf orientiere ich mich an den Ordnungen, wie sie in den Bekennenden Gemeinden (weitgehend) üblich sind. Dabei streife ich manches nur und konzentriere ich mich auf die wesentlichen Elemente.

4.1. Votum, Epiklese

Der Gottesdienst fängt mit der Erklärung an: „Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Diesen Beginn bezeichnet man mit dem lateinischen Wort Votum oder gelegentlich auch mit dem griechischen Wort Epiklese. (das heißt: Anrufung, Herbeirufung).

„Im Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Zum ersten Mal verwendete diese Formulierung der Sohn Gottes. Er befand sich auf dem Berg in Galiläa und erteilte seinen Jüngern den Auftrag, in alle Welt zu gehen, zu taufen und den Menschen das Evangelium zu verkündigen (Mt. 28,19.20).

Wenn verkündet wird, dass wir im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammengekommen sind, dann hat „Name“ eine wesentlich umfassendere Bedeutung, als das, was wir normalerweise darunter verstehen. In unserer Zeit sind wir es gewohnt, den Namen als Erkennungs- oder als Unterscheidungsmerkmal zu verwenden. Aber wenn wir den Gottesdienst im Namen des dreieinigen Gottes beginnen, dann kommt in dem Begriff „Name“ zum Ausdruck: Gott gibt sich uns zu erkennen, Gott ist uns zugewandt.

Als Gott nach der Befreiung aus Ägypten gebot, „Ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen,“ wird dieser Satz folgendermaßen fortgeführt: „dass ich sie segne“ (4Mos. 6,27). Wenn wir also im Namen des dreieinigen Gottes den Gottesdienst beginnen dürfen, erwarten wir im Vertrauen auf die Verheißungen, dass Gott der Vater, Gott der Sohn, und Gott der Heilige Geist, uns empfangen will und zwar mit der Fülle seiner erlösenden Macht.

Unmittelbar darauf folgt das Bekenntnis: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Dieses Wort ist dem letzten Vers des Psalms 124 entnommen. Der Psalm 124 gehört zu den Psalmen, die einst aus dem Mund derjenigen erklangen, die unterwegs zum Tempel waren. Wenn dann endlich nach zum Teil wochenlanger Reise vor den Augen der Pilger Jerusalem auftauchte und dort auf der höchsten Stelle der Tempel zu sehen war, in dem Gott angebetet werden durfte, der Gott, der sich dort gleichzeitig offenbarte und verbarg, dann war das ein Moment unsagbaren Glücks. Nun anbetend in den Vorhöfen des Herrn stehen zu dürfen, ließ alle Strapazen der Reise vergessen. Man blickte dankbar zurück, wie der Name Gottes seine bewahrende Macht erwiesen hatte, beim Wandern durch die Wüsten, bei den Bedrohungen durch Räuber und wilde Tiere und in den Gefahren durch angeschwollene Flüsse (Ps. 124,4.5).

Wenn wir heutzutage zum Gottesdienst gehen, sind wir in der Regel nicht solchen Gefahren ausgesetzt. Möglicherweise haben aber auch wir mit Menschen zu tun, „die gegen uns auftreten und uns (am liebsten) lebendig verschlungen hätten“ (Ps. 124,2.3).

Aber wie dem auch sei: Genau wie die Pilger einst zum Tempel nach Jerusalem kamen, so dürfen wir nun im Glauben darauf harren, dass der Name Gottes aufs Neue seine gnädige Macht erweisen wird. Er wird unsere Hilfe sein, und zwar zu der größten, schwersten und seligsten Aufgabe, die uns gestellt ist: Gott zu verehren und sich selbst diesem Gott in Liebe als Opfergabe darzubringen.

Wenn wir, die wir vor das Angesicht Gottes gekommen sind, vernehmen, dass unsere Hilfe im Namen des Herrn steht, der Himmel und Erde gemacht hat, dann blicken wir auf den nun beginnenden Gottesdienst. Wir setzen unser Vertrauen auf Gott: Nur weil meine Hilfe im Namen des dreieinigen Gottes ist, werde ich in der folgenden Stunde nicht zuschanden. Ich werde diesen Gottesdienst feiern als Vorbereitung für den Tag der Ewigkeit, als Vorgeschmack auf jenen unvorstellbar schönen Gottesdienst, der nie enden wird.

Gottesdienst hat stets etwas mit Opfer zu tun. Gottesdienst ist Opfer! Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns in die immer bequemer werdenden Sitze niederlassen. Dieser Komfort, diese Annehmlichkeit stellt auch eine Gefahr dar für unser Kommen ins himmlischen Heiligtum.

Zu denken ist hier an die Wüsten unserer Gedankenlosigkeit, unserer Gleichgültigkeit, unserer Vergesslichkeit, die wir mit uns herumschleppen und auch in den Gottesdienst mitgenommen haben. Oder um es mit dem Bild aus Psalm 124 zu sagen: „Wie ein Vogelsteller auf einen Vogel lauert (Ps. 124,7), so umschleichen uns die vielen, vielen auf uns einstürmenden Gedanken und drohen uns gefangen zu nehmen, die Gedanken des Selbstmitleids, des Zweifels, des Trotzes, der Anklage, der Bitterkeit, der Rachsucht …

„Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn der Himmel und Erde gemacht hat.“ Ja, wir benötigen diese Hilfe, um gegen die Bedrohung unserer inneren Trägheit, Abgestumpftheit und seelischen Müdigkeit anzukämpfen, gerade dann, wenn wir in den Gottesdienst gehen, gerade dann, wenn wir vor das Angesicht Gottes treten.

Wenn von den heutigen Gottesdienstgestaltern so beharrlich betont wird, die so genannten traditionellen Gottesdienste seien langweilig, sie würden unseren Zeitgenossen irrelevant vorkommen, dann kann das auch Ausdruck ihres selbstverschuldeten, auf den Horizont des Diesseits gerichteten Lebens sein.

Halten wir fest: Wie einst aus den unbekannten Wüsten räuberische Beduinen auftauchten, so brechen immer wieder aus den unerforschten, leeren Räumen unserer Seele die Gewalten des Bösen hervor. Dagegen gibt es nur eine Gewalt, die stärker ist: der Name des Gottes, der Himmel und Erde gemacht hat und darum der Einzige ist, der mit Recht „Herr“ genannt wird. Er ist der Einzige, der uns den Weg bahnt mitten durch das Toben unserer inneren Abgründe, so dass wir mit unserem Herzen auf Christus, unseren Heiland, blicken dürfen. Nur so können wir den Gottesdienst beginnen.

4.2. Gott Ehre darbringen/ Gott loben

Nachdem wir vernommen haben, dass der dreieinige Gott sich uns in seiner Gnade zuwendet, dass er unsere Hilfe ist, drängt es zur Antwort. Darum folgt nun der Lobpreis Gottes. In manchen Kirchen wird singend gebetet: „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ In anderen Gottesdiensten ertönt nun ein Lied, ein Anbetungslied oder ein (Lob)Psalm. Aber wie auch immer: Es geht darum, nun, zu Beginn des Gottesdienstes, dem die Ehre zukommen zu lassen, dem alle Ehre gebührt.

Gott zu ehren wird in der Heiligen Schrift als das Darbringen eines Opfers bezeichnet: „Durch ihn (das heißt: durch Christus) lasst uns nun Gott beständig ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“ (Hebr. 13,15). Wir sollten es nicht überhören: Hier ist vom „Opfer (!) des Lobes“ die Rede.

Was heißt das, dass wir durch Christus „ein Opfer des Lobes darbringen“? Zunächst werden wir darauf hingewiesen, dass in den Gottesdiensten Jesus Christus unter uns anwesend ist (Mt. 18,20; Offb. 1,13). Aber es geht noch um mehr: Der Schreiber des Hebräerbriefes erklärt, dass es in Wahrheit Christus ist, der „inmitten der Gemeinde“ dem Vater Lob darbringt: „Ich (das heißt: Christus) will meinen Brüdern deinen Namen verkündigen, inmitten der Gemeinde will ich dir lobsingen“ (Hebr. 2,12). Wir Menschen vermögen Gott den Vater überhaupt nur durch Christus zu loben. Unser eigenes Lob wäre diesem heiligen Gott in keiner Weise angemessen. Hier muss sich der Heilige Geist unser annehmen und dieses Lob durch Christus vor Gott in einer diesem Gott würdigen Weise bringen.

Damit ist auch deutlich: Indem wir Gott dem Vater durch Christus den Lobgesang opfern, geht es nicht um Fragen wie: Entspricht die Melodie oder der Rhythmus dem, was wir Menschen sonst gewohnt sind zu hören? Spricht es mich an, oder muss man befürchten, dass bei den heutigen Zeitgenossen der Lobgesang eher nicht rüberkommt? Das Lob ist gar nicht für sie da. Es ist für Gott da. Geradezu abartig wäre es, auf die Idee zu kommen, beim Gottloben gehe es darum, sich selbst „warm zu singen“. Der Gesang im Gottesdienst verfolgt noch nicht einmal den Zweck, die gottesdienstliche Veranstaltung aufzulockern oder irgendwie zu verschönern.

In dem oben genannten Wort aus Hebräer 2,12 wird Psalm 22,23 zitiert. Bitte achten wir darauf, wie selbstverständlich das Neue Testament davon ausgeht, dass die Psalmen zum Liedgut der Gemeinde Gottes gehören neben „Lobgesängen“ und „geistlichen Liedern“ (Eph. 5,18-20; vergleiche auch Jak. 5,13). Die Heilige Schrift geht wie selbstverständlich davon aus, dass wir gerade durch das Singen von Psalmen, „das Wort des Christus (!) reichlich in uns wohnen lassen.“ (Kol. 3,16).

Nicht ausschließlich, aber in erster Linie sind es die Psalmen, mit denen wir aufgerufen sind, Gott zu loben.

Das tat das Volk Gottes, die Gemeinde, seit jeher. Sie konnte deswegen ohne Vorbehalte die Psalmen singen und beten, weil sie wusste, dass diese Psalmen in Wahrheit von Christus sprechen. Denken wir nur an den ersten ausführlicheren Bericht über eine Zusammenkunft der neutestamentlichen Gemeinde. Es war für die Christen ganz selbstverständlich, dass sie ihr Lob in die Worte eines Psalms kleideten (Apg. 4,23-31). Bis in alle Ewigkeit wird die Gemeinde sowohl das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, als auch das Lied des Lammes singen (Offb. 15,3.4).

4.3. Das Gesetz als Ausdruck von Gottes Heiligkeit und als Spiegel unserer Unheiligkeit.

Dem Blick zu den höchsten Höhen folgt der Blick in die tiefsten Tiefen. Als der Prophet Jesaja für einen kurzen Moment in die Herrlichkeit des himmlischen Gottesdienstes schauen durfte und er dort vernahm, wie die himmlischen Seraphim ohne Aufhören dem, der auf dem Thron saß, zuriefen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, Gott der Heerscharen, die ganze Erde ist erfüllt von seiner Herrlichkeit!“ (Jes. 6,3), da erschauderte dieser Mann vor sich selbst: „Weh mir, ich vergehe!“ (Jes. 6,5). Als Petrus auf dem See Genezareth nach dem Wunder des Fischzugs in Jesus den gegenwärtigen Gott erkannt hatte, brach er förmlich zusammen und schrie auf: „Herr, geh hinaus von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“ Erst im Blick auf die Größe und Heiligkeit Gottes kommen die Abgründe unserer Nichtigkeit und Unheiligkeit zum Vorschein.

Darum folgt nun das Hören auf das Gesetz Gottes. Durch das Gesetz Gottes wird offenbar, dass die ganze Welt vor Gott schuldig ist, also auch wir. Auf diese Weise wird jeder Mund verstopft, also auch der unsrige (Röm. 3,19). Wenn das lebendige Wort Gottes, das schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert, uns vor das Angesicht dessen stellt, mit dem wir es zu tun haben, dann schneidet es in uns hinein, ja tötet uns (Hebr. 4,12.13; Offb. 2,12). Der Heilige Geist führt uns durch dieses Wort wie zu einem Spiegel, in dem wir die Unheiligkeit unseres Lebens erkennen, zur „gottgemäßen Betrübnis“ (2Kor. 7,8-11).

Angesichts des Gesetzes Gottes gibt es von unserer Seite nur einen einzigen Ruf: „Herr, erbarme dich!“ Oder auf griechisch: „Kyrie eleison!“

„Herr sei mir Sünder gnädig!“ Auch der Christ, auch der durch den Opfertod Christi Gerechtfertigte, ist zugleich Sünder, und zwar solange er in diesem Leib des Todes existiert. Wir sollten das Präsens beachten, wenn zum Beispiel der Apostel Paulus über sich als von einem Sünder spricht: „Ich bin (nicht: ich war) der größte der Sünder.“ (1Tim. 1,15); „Ich bin (nicht: ich war) fleischlich unter die Sünde verkauft.“ (Röm. 7,14).

Dem, der aus den Tiefen seiner Schuld und Ungerechtigkeit bekennt, dass Christus sein einziger Retter ist, vergibt Gott. Das hat er zugesagt. Denn er ist gnädig und barmherzig, und er steht in seiner Treue und in seiner Gerechtigkeit zu seinem Bund (1Joh. 1,9). Dafür bürgt das vergossene Blut Christi, das Sühnopfer seines Sohnes (1Joh. 2,2).

4.4. Glaubensbekenntnis, Credo

Im Anschluss an das Schuldbekenntnis folgt ein Danklied. Dann erfolgt die Erste Lesung aus der Heiligen Schrift. Ich gehe darauf jetzt nicht näher ein.

Darauf folgt das Glaubensbekenntnis. Unsere Dankbarkeit für das Werk Gottes in Christus führt zum lobenden und dankenden Bekennen. Man spricht gelegentlich vom Credo. Dieser Ausdruck kommt aus dem Lateinischen und meint übersetzt „Ich glaube“. In der Regel denkt man an das so genannte Apostolische Glaubensbekenntnis („Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen …). Dieses Bekenntnis ist im Lauf der Zeit gewachsen, es geht allerdings in den wesentlichen Grundzügen bereits auf das 2. Jahrhundert zurück.

Aber noch vorher, schon zur Zeit des Neuen Testamentes begegnen uns Bekenntnisaussagen. Diese konzentrierten sich um das Thema, dass Jesus Christus der Herr ist (Röm. 10,9; 1Kor. 8,6).

Wichtig ist: Es gehört wesenhaft zum Christsein hinzu, und darum auch zum Gottesdienst, dass wir das, was wir glauben und was wir hoffen, mit Worten formulieren, also bekennen. Der Inhalt unseres Glaubens ist nicht etwas Mystisches, er bewegt sich nicht im Nebel des Unsagbaren; sondern deswegen, weil Gott sich in der Heiligen Schrift geoffenbart hat, ist es auch uns möglich, das in Worte zu fassen, was wir glauben.

Im Rahmen dieses Artikels müssen wir darauf verzichten, auf die einzelnen Sätze des Glaubensbekenntnisses einzugehen. Aber soviel sei gesagt: Das Glaubensbekenntnis im Gottesdienst zu sprechen heißt, Tatsachen über den dreieinigen Gott auszusprechen. Es heißt darüberhinaus auch, Gott für sein Wesen und sein Heilshandeln zu danken. Wer das Glaubensbekenntnis zur Ehre Gottes spricht, dem wird es nicht zuletzt zu einem verpflichtenden Treue- und Gehorsamsgelöbnis.

Dass das Apostolische Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gemeinsam gesprochen wird, also nicht nur vom Pastor, sondern auch von der versammelten Gemeinde, gab es in Deutschland vereinzelt schon länger. Aber durchgesetzt hat sich diese Praxis erst während der nationalsozialistischen Herrschaft in der Bekennenden Kirche. Auf diese Weise wollte man zum Ausdruck bringen, welchem Herrn, welchem Kyrios, man gehört und dient. Dieses Bekenntnis war implizit verbunden mit dem Nein zur damals herrschenden Blut- und Boden-Ideologie. Auch heute verhält es sich nicht anders. Auch heute ist das Bekennen des Glaubens verknüpft mit einem deutlichen Nein zu den geistigen Strömungen und Lehren, die die geistige Dominanz erstreben und damit die biblischen Wahrheiten zu verdrängen suchen.

Wenn ich recht sehe, ist heutzutage keine einzige Aussage des Apostolikums unumstritten. Dabei denke ich noch nicht einmal an die uns umgebende atheistische Welt, sondern an das, was an den staatlichen theologischen Fakultäten vertreten wird.

Die Gemeinde Gottes sollte nicht vergessen, wenn sie das Glaubensbekenntnis aufrichtig spricht, was sie tut. Auf diese Weise bringt sie zum Ausdruck, wes Geistes Kind sie ist.

4.5. Schriftlesung, Gnadenzuspruch, Wortverkündigung

Nach dem Glaubensbekenntnis wird meistens noch ein Lied gesungen und dann folgt die Wortverkündigung, die mit der Schriftlesung beginnt. Es ist dem Heiligen Geist offensichtlich höchst wichtig, dass im Gottesdienst das Wort Gottes vorgelesen wird. Der inspirierte Apostel verlangt es nicht nur, sondern er „beschwört“ geradezu, dass das Wort Gottes vorgelesen wird (1Thess. 5,27; vergleiche 1Tim. 4,13; Offb. 1,3).

Die Predigt wird mit einem Gnadenzuspruch eingeleitet. Zum Beispiel mit dem Wort: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ (1Kor. 1,3; 2Kor. 1,2; Gal, 1,3 usw.) oder auch mit: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“ (2Kor. 13,13). Zweifellos sind auch andere Schriftworte denkbar, sofern „Gnade“ und „Friede“ im Mittelpunkt stehen. Denn darauf kommt es jetzt an: Um recht hören zu können, benötigen wir Gnade und Frieden. Ohne die Gnade Gottes und ohne seinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft, werden unsere Herzen und Sinne nicht in Christus Jesus bewahrt. Nur dann, wenn die Gnade und der Friede Gottes unsere Gedanken und unser Wollen und Fühlen bergend umhüllen, können wir überhaupt auf das Wort Gottes hören, das heißt hören wie Jünger hören.

Ich gestehe, dass ich wenig Sinn darin sehe, dass ein Wortverkündiger sich durch irgendeine Perikopenordnung vorschreiben lässt, über welchen Abschnitt aus dem Wort Gottes er predigen soll. Die Argumente, die man für eine solche Praxis anführt, sind mir bekannt. Aber ich frage: Ist es wirklich von einem verantwortlichen Hirten zu viel verlangt, selbst zu entscheiden, worüber er predigt? Ich persönlich halte es für sinnvoll, ganze Bücher der Heiligen Schrift durchzupredigen, eben gerade damit man nicht nur auf die gebräuchlichen („Lieblings-„)Abschnitte und Themen zurückgreift. Aber der Gemeinde stets nur einzelne Perikopen vorzusetzen, und die immer wieder, und dafür vieles andere wegzulassen, erscheint mir nicht verantwortlich.

Was Wortverkündigung ist, teilt uns der Schreiber des Hebräerbriefes mit. Es ist der Herr, der aus dem Himmel spricht: „Denn wenn jene nicht entflohen, die den abgewiesen haben, der auf der Erde göttliche Weisungen verkündete, wie viel weniger wir, wenn wir uns von dem abwenden, der vom Himmel herab redet.“ (Hebr. 12,25).

Die Grundlage für die Wortverkündigung ist die Aussage des Apostels Paulus: „Das Wort ist dir nahe in deinem Munde und in deinem Herzen“ (Röm. 10,8). Hier zitiert er ein Wort aus 5Mose 30,14. Wenn wir uns den Zusammenhang anschauen, in dem das Wort im fünften Buch Mose steht, stellen wir fest, dass diese Aussage eingebettet ist in die Botschaft über den Bund Gottes. Dieses Wort steht im Rahmen von Forderungen und Segnungen (5Mos. 30,11-20). Wenn man will, kann man auch von Gesetz und Evangelium sprechen.

Für „Predigt“ wird hier der Begriff „Wortverkündigung“ verwendet. Wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn hat, dann muss die Predigt an das gebunden sein, was geschrieben steht. Sie muss das Geschriebene auslegen. Sie muss das erklären, was in dem betreffenden Abschnitt der Heiligen Schrift geschrieben steht und dies auf die gegenwärtige Situation der Gemeinde beziehen.

Dabei wird wohl niemandem so bewusst sein, wie dem Prediger selbst, dass seine Auslegung des betreffenden Abschnittes aus dem Wort Gottes nur sehr fragmentarisch den Inhalt ausloten kann. Aber gleichwohl besteht der Sinn der Predigt im Erklären des betreffenden Abschnittes. Er besteht nicht im Erzählen von Geschichtchen.

So machte es bereits Esra (Neh. 8,1-8). Jesus selbst las während seines irdischen Wirkens in der Synagoge das Wort Gottes vor und erläuterte es (Lk. 4,14-22). Auch Paulus machte es nach dem Vorlesen des Gesetzes und der Propheten entsprechend (Apg. 13,14-41). Genau dasselbe trägt Paulus dem Timotheus dringend auf: „Bis ich komme, sei bedacht auf das Vorlesen [des Wortes Gottes], das Ermahnen und das Lehren“ (1Tim. 4,13). Von Ältesten der Gemeinde wird erwartet, dass sie „arbeiten“ (!) „in Wort und Lehre“ (1Tim. 5,17). Zu Recht sprechen wir also von Bibelarbeit. Das kostet intensive Vorbereitung.

Denken wir auch an eine der letzten Anordnungen, die uns von dem Apostel Paulus überliefert sind. Nachdem er dem Timotheus ans Herz gelegt hat, dass er im Unterschied zu den frommen Gauklern und Betrügern bei dem bleiben soll, was geschrieben steht, denn die Schrift ist von Gott eingegeben, inspiriert (2Tim. 3,14-17), fordert er Timotheus „ernstlich“ auf, und zwar „vor dem Angesicht Gottes und des Herrn Jesus Christus, das Wort Gottes zu verkündigen, und zwar zu gelegener und auch zu ungelegener Zeit“ (2Tim. 4,1.2). Haben wir recht gehört? Der Prediger soll nicht über das Wort Gottes sprechen, sondern er soll das Wort Gottes verkündigen.

Am Schluss der Predigt ist die Gemeinde aufgerufen mit „Amen“ zu antworten. „Amen„, das meint so viel wie: Das ist gewisslich wahr; das steht fest; das ist zuverlässig. Diese Bekräftigung war im Volk Gottes seit jeher üblich (4Mos. 5,22; 5Mos. 27,15-26 usw.) Sie war Antwort auf den Lobpreis Gottes (1Chr 16,36; Neh. 8,6). Im Neuen Testament wird diese Reaktion der Gemeinde wie selbstverständlich vorausgesetzt (1Kor. 14,16). „Amen“ begegnet uns häufig als Abschluss von Lobpreisungen (Röm. 1,25; 9,5; 11,36; 16,27 usw.). Auch im himmlischen Gottesdienst verhält es sich nicht anders (Offb. 5,14).

Es wäre eine dringende Aufgabe, dass die Gemeinde das „Amen“ wieder einübt und an den geeigneten Stellen im Gottesdienst hörbar ausspricht.

4.6. Fürbittengebet und das Unser Vater

Das Amen der Gemeinde schwingt weiter. Es mündet in das so genannte Antwortlied. Bei diesem Lied dankt die Gemeinde für das empfangene Wort Gottes.

Zu dieser Antwort gehört im weiteren Sinne auch, was darauf folgt: die Fürbitte. Hier ist der Raum im Gottesdienst, in dem wir unseren Dank und unsere Bitten und Fürbitten vor Gott ausbreiten. Wir bringen die Nöte der Gemeinde(glieder) vor den Thron Gottes. Nicht zuletzt bitten wir für die verfolgten und gefolterten Christen (Apg. 4,23-31). In der Fürbitte bringen wir Wortverkündiger und Missionare vor Gott, namentlich die, für die die jeweilige Gemeinde sich verantwortlich weiß (Kol. 4,3; Eph. 6,19.20). Nicht zuletzt beten wir für die Regierungen, damit sie ihren gottgegebenen Auftrag so erfüllen, dass das Wort Gottes in einem friedlichen Umfeld verkündet werden kann (1Tim. 2,1-4).

Alle unsere Bitten und Anliegen münden in das Gebet, das Jesus selbst gelehrt hat, das Unser Vater (Mt. 6,5-13). Die Frühe Kirche hat das Unser Vater wie selbstverständlich häufig gebetet. Bereits in der Didache, einer Schrift, die spätestens aus dem Beginn des 2. Jahrhunderts stammt, wird das dreimal tägliche Beten des Unser Vaters erwartet. Bei Tertullian (um 200) finden wir zum ersten Mal die ausdrückliche Erwähnung des Herrengebetes im Gottesdienst. Doch dürfte das Unser Vater bereits viel früher von der Gemeinde gebetet worden sein. In Anknüpfung an 1Chronik 29,11.12 wird hinzugefügt: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.“ Auch dieser Abschluss des Gebetes findet sich bereits in einer Gemeindeordnung aus dem 2. Jahrhundert.

Es mag uns überraschen, dass Jesus seinen Jüngern das Unser Vater gerade deswegen gab, damit sie nicht wie die Heiden plappern: „Wenn ihr betet, sollt ihr aber nicht wie die Heiden plappern. Betet aber so: Unser Vater, der du bist im Himmel …“ (Mt. 6,7-9). Ausdrücklich lehrte Jesus dieses Gebet als ein zu wiederholendes Mustergebet: „So sollt ihr beten!“ Offensichtlich scheint „plappern“ in der Bibel nicht die Folge davon zu sein, dass man ein Gebet mehrfach wiederholt, sondern davon, dass man entweder leere Phrasen benutzt oder dass man nicht meint, was man sagt, oder dass man wie die Pharisäer betet, um die Öffentlichkeit zu beeindrucken (Mt. 6,5).

4.7. Kollekte, Geldsammeln, Opfern

Nachdem der Schreiber des Hebräerbriefes aufgefordert hat, dass wir durch Christus Gott beständig ein Opfer des Lobes darbringen sollen, heißt es weiter: „Wohlzutun und Mitzuteilen vergesst nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl.“ (Hebr. 13,16). Das Geben wird hier tatsächlich als „Opfern“ bezeichnet. Offensichtlich ist es ein Dankopfer, ein Lobopfer dafür, was Gott uns geschenkt hat und schenkt. Wir lesen häufiger im Neuen Testament vom Geldsammeln für Bedürftige (Röm. 15,26; 1Kor. 16,1.2). Wir sollten nicht übersehen, dass das Geldsammeln für Bedürftige als „Dienst der Liturgie“ [so wörtlich] bezeichnet wird (2Kor. 9,12). Es ist „liturgischer Dienst“ (Röm. 15,27). Es ist deutlich, dass hier an etwas Anderes gedacht ist als einen in Verbindung mit der Lohnabrechnung automatischen Einzug von Kirchensteuern.

4.8. Segen

Schlussakkord und damit in gewisser Weise Höhepunkt des Gottesdienstes ist der Segen. Am gebräuchlichsten ist der so genannte Aaronitische Segen: „Der Herr segne und behüte dich, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig, der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!“ (4Mos. 6,24.25). Aber auch das Segenswort, das uns in 2Kor. 13,13 überliefert ist, ist an dieser Stelle denkbar.

Was ist eigentlich Segen? Segen ist das Übertragen göttlicher Kräfte. Es ist Tat Gottes an uns für die entscheidende Aufgabe, die unserem Leben seinen letzten Sinn gibt: Fortschreiten in der Gotteserkenntnis und in der Gottesliebe, damit wir für die Aufgaben in der vor uns liegenden Woche, für die Auseinandersetzungen mit der Bosheit und dem Leid der Welt gerüstet sind.

Der Herr segne dich! Das heißt: Gott erfülle dein vergängliches Leben mit den Kräften seines ewigen Lebens, so dass du selbst ein Segen sein und an deinem Platz das Licht des Himmels in diese finstere Welt hineintragen kannst.

Und behüte dich! Es geht nun hinein in den Alltag, in dem wir ohne die Bewahrung des allmächtigen Gottes in den Strudeln versinken würden.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig! Das heißt: Er führe dich zu immer reinerer Erkenntnis, zur Gotteserkenntnis, zur Erkenntnis der ewigen Wahrheiten des Evangeliums! Eine solche Erkenntnis ist nicht eine theoretische, distanzierte Kenntnisnahme von Sachverhalten, sondern diese Erkenntnis ist Leben (Joh. 17,3). Sie ist Gnade und Herrlichkeit und als solche lebensverwandelnd und lebensformend (2Kor. 3,18-4,6).

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich! Das meint nicht weniger als: Gott werde über deinem Leben die große, die alles bestimmende Wirklichkeit!

und gebe dir seinen Frieden! Wie anders könnten wir in den Stürmen dieser Welt bestehen!

5. Abschließende Bemerkung

Es ist deutlich, dass vieles nur angerissen wurde. Vermutlich könnte man über jeden Teil des Gottesdienstes ein Buch schreiben. Vieles wurde gar nicht angesprochen. Zum Beispiel die Frage, welche Musikinstrumente im Gottesdienst eingesetzt werden sollen, wurde nicht behandelt. Wie verhält es sich mit einem Chor im Gottesdienst? Auch die Abkündigungen kamen nicht zur Sprache. Und noch einmal: Natürlich gehören die Sakramente, die Taufe und namentlich das Abendmahl, zum Gottesdienst.

Ausdrücklich sei gesagt: Manches kann man auch anders gestalten, als es hier dargelegt wurde. Mancher Wortverkündiger zieht es vor, unmittelbar vor oder auch unmittelbar nach der Predigt noch einmal zu beten.

Selbstverständlich ist es auch wert, die Frage zu erörtern, ob die Gemeinde nicht wesentlich aktiver am Gottesdienst teilnehmen sollte, als es heutzutage den Anschein hat. Andererseits wollen wir festhalten: Das gemeinsame Sprechen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, das gemeinsame Beten des Unser Vater, die aktive Beteiligung beim Lobgesang, das klare, deutliche Sprechen des Amen, zum Beispiel im Anschluss an die Predigt oder nach dem Gebet oder nach dem Segen, sollte wieder praktiziert werden.

Es ging hier lediglich darum, dass wir einmal den Ablauf unserer Gottesdienste wenigstens ansatzweise verstehen.

In manchen Gemeinden hat man den Eindruck, Gottesdienst sei Predigt mit einer merkwürdigen Umrahmung. Es ist richtig, dass die Wortverkündigung zentral im Gottesdienst steht, aber die Wortverkündigung ist wahrlich nicht das einzige Element eines Gottesdienstes.

Gottesdienst ist die Versammlung des Volkes Gottes vor dem Angesicht Gottes. Es ist das Zusammenkommen derjenigen, die im Gnadenbund Gottes stehen. Dieser Bund besteht in dem Blut Christi, in dem die erwählte Gemeinde gegründet ist und ihrem wiederkommenden Herrn entgegen geht in der Erwartung, ihn einmal voll und ganz anzubeten. Davon muss jeder Gottesdienst bestimmt sein, angefangen vom Votum, über das Loblied, über das Hören auf das Gesetz mit dem anschließendem Schuldbekenntnis und der Gnadenzusage, das Danklied, das Glaubensbekenntnis, die Wortverkündigung, das Fürbittengebet, das Geldeinsammeln bis hin zum Segen.