Biblisch-reformatorischer Gottesdienst Teil 1: Was heißt das?

In den beiden folgenden Artikeln wollen wir im Hören auf das Wort Gottes Antwort finden auf die Frage, was es heißt, Gottesdienst in einer Weise zu feiern, die Gott wohlgefällt.

1. Psalm 100 als Einstieg

1.1. Psalm 100 – Schlussakkord eines Psalmenbündels

Als Einstieg soll uns der bekannte Psalm 100 leiten: „Ein Psalm zum Dankopfer. 1. Jauchzt dem Herrn, alle Welt! 2. Dient dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Jubel! 3. Erkennt, dass der Herr Gott ist! Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide. 4. Geht ein zu seinen Toren mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben; dankt ihm, preist seinen Namen! 5. Denn der Herr ist gut; seine Gnade währt ewiglich und seine Treue von Geschlecht zu Geschlecht.“

Dieser Psalm bildet den Abschluss und damit in gewisser Weise den Höhepunkt einer Anzahl von Psalmen, in denen es um ein- und dasselbe Thema geht: um Gott, um seine Majestät und um sein herrliches Handeln in Schöpfung und Geschichte. Dieses vom Thema her einheitliche Bündel von Psalmen beginnt in Psalm 93 und findet seinen Schlussakkord in Psalm 100.

In allen diesen Psalmen wird die Gemeinde dazu aufgerufen, vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen. Es geht also in allen diesen Psalmen zentral um den Gottesdienst. Wir sind aufgerufen, Gott zu erkennen. Wir sollen erfassen, wer Gott ist und was er getan hat und was er tut. Einer aus der Serie dieser Psalmen, es ist Psalm 95,6-11, wird verhältnismäßig ausführlich im Hebräerbrief zitiert und ausgelegt (3,7-4,13). Dabei steht die Frage im Vordergrund, was es für das neutestamentliche Volk Gottes heißt, in die „Ruhe Gottes“ einzugehen.

Aber konzentrieren wir uns im Folgenden auf den letzten Psalm dieser Reihe, auf Psalm 100. Dieser Psalm ist wohl auch der bekannteste in dieser Sammlung. Er gliedert sich in zwei Teile, in die Verse 1-3 und in die Verse 4-5. Jede dieser beiden Strophen beginnt mit einem Aufruf, zum Gottesdienst zu kommen: „Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dient dem Herrn mit Freuden, Kommt vor sein Angesicht mit Jubel!“ (Ps. 100,1-2), und: „Geht ein zu seinen Toren mit Danken, in seine Vorhöfe mit Loben. Dankt ihm, preist seinen Namen!“ (Ps. 100,4).

Danach erfolgt in beiden Teilen die Begründung für den Ruf zum Gottesdienst: „Erkennt, dass der Herr Gott ist. Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst, zu seinem Volk und Schafen seiner Weide“ (Ps. 100,3), und: „Denn der Herr ist gut. Seine Gnade währt ewiglich und seine Treue währt von Geschlecht zu Geschlecht.“ (Ps. 100,5).

1.2. Gott zu ehren ist unser Amt

Indem jeweils zu Beginn der beiden Strophen die Aufforderung erfolgt, vor das Angesicht Gottes zu treten, geht das Wort Gottes davon aus, dass die gesamte Schöpfung zur Ehre Gottes da ist: Alles Erschaffene ist zur Ehre Gottes da.

Denken wir in diesem Zusammenhang an Kritik, die der Apostel Paulus in Römer 1,18-32 an den Heiden übt, weil sie die Wahrheit Gottes durch die Lüge vertauscht haben und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit (Röm. 1,25).

Gott hat sich eine Gemeinde erwählt, damit sie ihm Ehre darbringt. Sie soll etwas sein zum Lobpreis seiner Herrlichkeit (Eph. 1,4-6). Weil das in jedem Bereich unseres Lebens gilt, schreibt der Apostel Paulus einmal an die Gemeinde von Korinth: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes.“ (1Kor. 10,31).

Auch hier in Psalm 100 werden wir aufgefordert, Gott zu ehren: „Jauchzt dem Herrn, ganze Erde!“ Dabei geht es in diesem Psalm offensichtlich um mehr als lediglich um einen generellen Aufruf, Gott zu ehren. Dass die ganze Erde dem Herrn zujauchzen soll, bildet lediglich den Rahmen für die Aufforderung an das Volk Gottes, „zu den Toren Gottes mit Danken einzugehen“ und „in seine Vorhöfe mit Loben einzutreten“. Es geht hier darum, an einem ganz bestimmten Ort, nämlich im Tempel, Gottesdienst zu halten.

Aus der Fülle der Imperative, die wir in diesem Psalm finden (jauchzt, dient, erkennt, geht ein, dankt, preist) weise ich auf eine Aufforderung besonders hin. Es ist der Befehl „dient„: „Dient dem Herrn mit Freuden!“ In dem Wort „dienen“ ist enthalten, dass Gottesdienst eine Arbeit ist. Es ist durchaus etwas Anstrengendes. Das Wort, das hier im Hebräischen steht, meint soviel wie: Beugt euch vor Gott dem Allmächtigen, und zwar so wie sich ein Sklave vor seinem Herrn bückt. Wir sprechen also tatsächlich von einem Gottesdienst.

In der Zeit des Alten Bundes traten die Menschen in Zion vor das Angesicht Gottes, indem sie ihre Opfer darbrachten. Es kostete sie etwas. Gleichwohl sollten sie es tun „mit Freuden„, „mit Danken“ und „mit Jubeln„.

In der in dieser Ausgabe der Bekennenden Kirche abgedruckten Predigt zu Hebräer 12 war bereits darauf hingewiesen worden, wohin wir gehen, wenn wir Gottesdienst feiern: „Ihr seid nicht zu dem Berg gekommen, den man anrühren konnte – gedacht ist hier an den Berg Sinai – sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem.“ (Hebr. 12,18ff.).

Mit anderen Worten: Wenn die neutestamentliche Gemeinde, der ja ebenfalls geboten ist, ihr Zusammenkommen nicht zu versäumen (Hebr. 10,25), hinauf nach Zion geht, dann heißt das, dass sie durch den Heiligen Geist hinaufgenommen wird in die himmlische Welt. Sie wird dorthin getragen, wo sich die heiligen Engel und die unsichtbare Gemeinde befinden („die Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben ist“). Dort tritt sie vor Gott, den Richter über alle, sowie vor Jesus, den Mittler des Neuen Bundes.

Der irdische Ort, an dem die Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt, kann selbstverständlich ein schön hergerichtetes Kirchgebäude mit buntfarbenen Fenstern sein. Aber es ist auch möglich, dass die Zusammenkunft in schlichten, einfachen Häusern oder Wohnstuben stattfindet. Der irdische Rahmen ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Gemeinde durch den Geist Gottes vor Gott dem Vater und seinem Sohn erscheint.

Der Hebräerbrief führt uns nachdrücklich die Differenzen zwischen dem Gottesdienst im Alten Bund (Sinai) und dem Gottesdienst im Neuen Bund (himmlisches Zion) vor Augen. Offensichtlich war es notwendig, dass die christliche Gemeinde klar die Unterschiede in den Blick bekam. Denn die Christen, an die der Hebräerbrief gerichtet war, standen in der Versuchung, sich wieder dem irdischen Tempeldienst anzuschließen. Der Tempeldienst in Jerusalem übte auf sie eine gewaltige Faszinationskraft aus. Er schien wesentlich attraktiver zu sein als der neutestamentliche Gottesdienst. Angesichts dieser Versuchung betont der Hebräerbrief, dass wir einen viel größeren Hohepriester haben. Er ist nicht etwa in ein irdisches Heiligtum eingegangen, sondern viel mehr: Er ist durch die Himmel gegangen (Hebr. 4,14-16), und er hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes im Himmel (Hebr. 8,1).

Aber auch wenn der Schreiber des Hebräerbriefes die Unterschiede zwischen dem Gottesdienst im Alten Bund und im Neuen Bund herausstellt, weist er zugleich auch darauf hin, dass zwischen dem alttestamentlichen Gottesdienst und dem neutestamentlichen kein totaler Gegensatz besteht. Vielmehr ist die Beziehung zwischen diesen beiden Gottesdiensten als eine Beziehung zwischen Schatten und Wirklichkeit zu sehen (Hebr. 9,1-10; 10,1-4). Es bestehen durchaus Parallelen und Übereinstimmungen.

Einen Aspekt der gottesdienstlichen Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen Bund treffen wir in Psalm 100 an. Sowohl im Alten wie auch im Neuen Bund dienen wir dadurch Gott dem Herrn, dass wir ihn mit unserem Mund loben und preisen, ihm danken und ihn anbeten, und zwar mit großer Freude: „Jauchzt dem Herrn!“ Auch heute werden wir aufgefordert: „Durch ihn (das heißt: durch Christus) lasst uns nun Gott beständig ein Opfer des Lobes darbringen. Das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“ (Hebr. 13,15). Im Gottesdienst lobt die Gemeinde Gott. Sie betet ihn an und bekennt im Glaubensbekenntnis sein Wesen, seine Größe, seine Herrlichkeit und sein gnädiges Heilshandeln. Gott zu ehren heißt zu bekennen, dass er groß ist, dass er der Herr ist, der Gebieter. Wenn Gott geehrt wird, dann heißt das: Ich werde klein. Ich erkläre mich zum Diener, zum Sklaven.

Eine andere Parallele zwischen dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Gottesdienst ist das Zuhören auf das, was Gott sagt: „Achtet darauf, dass ihr den nicht abweist, der redet. Denn wenn jene nicht entflohen sind, die den abgewiesen haben, der auf der Erde göttliche Weisungen verkündete, wie viel weniger wir, wenn wir uns von dem abwenden, der es vom Himmel herab tut!“ (Hebr. 12,25). Bei dem Reden Gottes besteht der Unterschied zwischen dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Gottesdienst lediglich darin, dass Gott damals von der Erde her göttliche Weisungen verkünden ließ, während jetzt unser großer Hohepriester aus dem Himmel zu seinem Volk spricht. Aber es ist deutlich, dass es im Gottesdienst zentral um das Hören auf das geht, was Gott sagt. Sowohl damals als auch heute erschüttert er durch sein Wort diese Wirklichkeit (Hebr. 12,26).

Eine weitere Übereinstimmung zwischen dem alttestamentlichen und dem neutestamentlichen Gottesdienst bringt der Schreiber des Hebräerbriefes an einer Stelle nahezu unmerklich zum Ausdruck: „Es hatte nun zwar auch der erste Bund gottesdienstliche Ordnungen…“ (Hebr. 9,1). Bitte achten wir hier auf das kleine Wörtchen „auch“. Mit anderen Worten: Auch der neutestamentliche Gottesdienst hat Ordnungen. In einem neutestamentlichen Gottesdienst soll also keineswegs alles „spontan“, formlos oder intuitiv ablaufen.

Kurioserweise stellt man heute in manchen Kreisen eine derartige Gottesdienstgestaltung geradezu als besonders geistlich hin. Welch ein Irrtum!

So dachte man wohl auch in der Gemeinde in Korinth. In dieser Gemeinde ging es drunter und drüber. Menschen suchten sich mit den Gaben, die sie empfangen hatten, namentlich mit den außergewöhnlichen Gaben wie Zungenrede oder Prophetie, in den Mittelpunkt zu stellen. Man redete durcheinander. Der Apostel Paulus geht auf dieses Problem in 1Korinther 12 bis 14 ein. Abschließend bringt er das, worum es ihm geht, auf den Punkt: Der Gottesdienst soll „anständig“ (wörtlich: in einem guten Schema) ablaufen (1Kor. 14,40). Denn genau das ist geistlicher Gottesdienst.

1.3. Grundlegung des Gottesdienstes

In Psalm 100 werden wir nicht nur dazu aufgerufen, vor das Angesicht Gottes zu treten und den Allmächtigen zu loben, sondern es wird uns auch gesagt, was der Grund für diese Berufung ist: „Erkennt, dass der Herr Gott ist. Er hat uns gemacht, und nicht wir selbst.“ (Ps. 100,3). „Denn der Herr ist gut. Seine Gnade währt ewiglich, und seine Treue von Geschlecht zu Geschlecht.“ (Ps. 100,5).

Manchen Menschen erscheinen die Gottesdienste langweilig, öde, fade. Diese Einstellung ist nicht dadurch verursacht, dass unsere Gottesdienste unzeitgemäß ablaufen (was auch immer man darunter versteht). Vielmehr liegt der Grund darin, dass man gar nicht mehr Gottes Angesicht sucht. Man trachtet gar nicht mehr danach, Gott zu erkennen. Aber genau darum geht es: „Erkennt, dass der Herr Gott ist!“ Es gibt eben nur einen einzigen wahren Gott. Es gibt nur einen einzigen lebendigen Gott. Dieser Gott wird im Alten Testament Jahwe genannt. Im Neuen Bund begegnet er uns als der Gott und Vater unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.

Gegenwärtig kann man bis hinein in evangelikale Kreise die Meinung antreffen, dass der Gott, der sich in der Heiligen Schrift geoffenbart hat, derselbe sei wie Allah. Demgegenüber bezeugt Psalm 100: „Erkennt, dass der Herr (Jahwe) Gott ist!“ (Ps. 100,3). Wenn es dann weiter heißt: „Erkennt, dass er uns gemacht hat, und nicht wir selbst!“ wird damit jede naturalistische Weltentstehungstheorie, wie zum Beispiel der Darwinismus, zurückgewiesen.

Aber wir treten vor das Angesicht Gottes nicht nur, weil wir Geschöpfe Gottes sind. Der Psalmist lenkt unsere Gedanken auf das Erschaffen des Volkes Gottes. Es geht darum, dass Gott sich ein Volk geschaffen hat: „Er hat uns […] gemacht zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.“ Gott nahm uns, die wir seine Feinde waren, und machte uns zu seinen Söhnen und Töchtern. Er erschuf uns zu seinem Volk. Dankt ihm, preist ihn für diese Gnade!

Er ist der gute Hirte. Er ist der Hirte, der, wie es der Prophet Jesaja einmal formuliert, seine Lämmer in seinen Arm nimmt und die Mutterschafe sorgsam führt (Jes. 40,11). Er leitet uns (eigentlich: er weidet uns) bis in den Tod. (Ps. 48,15). Was für eine Liebe offenbart sich hier! Gott hat uns von Ewigkeit her erwählt. Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, um uns zu erlösen, und gab uns seinen Geist, um uns zu sich zu ziehen. Haben wir das verdient? Die Antwort darauf lautet: Nein! Es war einzig und allein Gottes Liebe, seine Gnade und seine Treue. So gibt uns der Psalm 100 die Antwort auf die Frage, was Gottesdienst ist: Dienend vor das Angesicht Gottes treten, aus seinem Wort hören, wer er ist und was er getan hat.

2. Umstrittener Gottesdienst

2.1. Umstrittene Gottesdienste heute: bedürfnisorientiert und menschenzentriert

Aber Gottesdienst so zu feiern, wie es uns der Psalm 100 aufträgt, erscheint vielen heute untauglich. Seit mehr als drei Jahrzehnten finden in buchstäblich hunderten von Gemeinden „Gottesdienste“ statt, in denen Rockkonzerte, Beatmessen und „liturgische Nächte“ veranstaltet werden, in denen „Feierabendmähler“ durchgeführt werden und Theatervorführungen, Sketche, Tänze, Pantomimen aufgeführt oder MultimediaShows inszeniert werden. Auf diese Weise, so sagt man, wolle man „Kirchendistanzierte“ erreichen. Man argumentiert, das überkommene Christentum finde keine Anknüpfung an die gegenwärtige Zeit. Folglich müsse man Gottesdienste so feiern, dass sie sich an die säkularisierte, unchristliche Erfahrungswelt des kirchenfremden Menschen anpassen. Das „Produkt“ Christentum müsse dem Kirchendistanzierten in einer Verpackung nahegebracht werden, die seiner Lebenswirklichkeit und seinen Bedürfnissen entspricht.

Aber dem ist entgegenzuhalten, dass Gottesdienstformen, die von der Fragestellung geleitet sind, ob und welchen Bedürfnissen des säkularisierten Menschen sie entsprechen, von vornherein menschenzentriert sind. Damit aber stehen sie im Gegensatz zu dem, was die Heilige Schrift über den Gottesdienst lehrt, zum Beispiel in Psalm 100. Im Kern geht es darum, dass Gott geehrt wird, dass er im Mittelpunkt steht, also gerade nicht der Mensch und seine Bedürfnisse.

Aus diesem Grund darf bei der Gottesdienstgestaltung auf gar keinen Fall die Frage im Vordergrund stehen, ob und wie die Veranstaltung bei den Zuhörern ankommt oder ob sie bei den Teilnehmern ein Wohlgefühl hervorruft. Vielmehr muss die maßgebliche Frage lauten: Was will Gott in seinem Wort von uns? Wie will Gott, dass wir ihn im Gottesdienst ehren?

Das heißt aber auch: Schon deswegen, weil heute weitgehend die falsche Fragestellung bestimmend ist, wird man nur zu falschen Antworten gelangen. Ein Gottesdienst, der auf das Lebensgefühl der Kirchendistanzierten hin komponiert wird, führt bestenfalls dazu, dass das Evangelium verdünnt wird, häufig bis zur Unkenntlichkeit.

Als im Jahr 2002 Kai Scheunemann, der Leiter von Willow Creek in Deutschland, die Sexzeitschrift Playboy in seinen „Gottesdiensten“ verteilte, enthüllte das die gotteslästerlichen Abgründe, in die man durch eine solche Fragestellung gerät. Aber selbst wer nicht so weit geht: Jeder „Gottesdienst“, der in Entsprechung zur Spaßgesellschaft konzipiert ist oder sogar als Beitrag dazu gelten will, ist Aufruhr gegen den dreimal heiligen Gott. Er ist Revolution gegen das Wort vom Kreuz, das nun einmal dieser Welt ein Ärgernis und eine Torheit ist.

2.2. Umstrittener Gottesdienst von Anfang an: Kain und Abel

Umstrittene Gottesdienste finden allerdings nicht erst heute statt. Es gab sie schon immer. Den Streit zwischen Kain und Abel, also die erste Auseinandersetzung nach der Vertreibung aus dem Garten Eden, kann man ohne weiteres als Kontroverse um die rechte Verehrung Gottes bezeichnen. Es ging um den vor Gott angemessenen Gottesdienst. Kain opferte dem Herrn von den Früchten des Erdbodens (1Mos. 4,3). Abel opferte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett (1Mos. 4,4). Es heißt dann: „Der Herr sah Abel und sein Opfer [wohlwollend] an, während er Kain und sein Opfer nicht [wohlwollend] ansah.“ (1Mos. 4,4.5). Warum?

Entweder brachte Kain ein nicht autorisiertes Opfer dar, zum Beispiel weil kein Blut floss. Oder er brachte ein formal richtiges Opfer dar, aber in einer falschen Herzenseinstellung. Auf diese Möglichkeit könnte die Aussage hinweisen, dass Kain, „der aus dem Bösen war“ im Hass gegen seinen Bruder sein Opfer darbrachte (1Joh. 3,12).

Im Rahmen unseres Themas können wir die Frage offen lassen, warum Gott den Gottesdienst Kains nicht wohlgefällig ansah. Es reicht, hier das Folgende festzuhalten: Bereits unmittelbar nach dem Sündenfall entzündete sich der Kampf um den rechten, um den vor Gott angemessenen Gottesdienst.

2.3. Umstrittener Gottesdienst im Alten Bund: Bilderverehrung

Nachdem das Volk Gottes aus Ägypten befreit und zum Berg Sinai gekommen war, gab Gott ihnen die Zehn Gebote. Im Ersten Gebot ordnet Gott an, dass man keine anderen Götter neben dem wahren Gott haben soll. In diesem Gebot geht es also darum, dass nur Gott verehrt werden soll. Gleich im Anschluss daran (nach biblischer und reformierter Zählung im Zweiten Gebot) gebietet Gott, wie er verehrt werden will: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf der Erde, noch von dem, was in den Wassern tiefer als die Erdoberfläche ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied derer, die mich hassen, der aber Gnade erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten“ (2Mos. 20,4-6).

Indem Gott verbietet, dass man ihn durch Kultgegenstände, wie zum Beispiel Bilder, verehren darf, bestimmt er allein, in welcher Weise er angebetet werden will, und eben auch, wie er nicht verehrt werden will.

Wie notwendig es war, dass Gott dieses Bilderverbot gab, sehen wir, als nur wenig später das Volk Gottes von Aaron verlangte, er solle ein Goldenes Kalb herstellen. Bei diesem Standbild haben wir vermutlich an eine Gestalt zu denken, wie sie den Israeliten aus Ägypten bekannt war, den so genannten Apisstier.

Aaron hatte keineswegs die Absicht, ein Götzenbild zu erstellen. Das Goldene Kalb sollte nicht ein Götze sein, sondern ein sinnenfälliger Ausdruck von Jahwe, der sie aus Ägypten geführt hatte. Aaron proklamierte über das Goldene Kalb: „Das ist Gott, der Herr (Jahwe) der uns aus Ägypten befreit hat.“ (2Mos. 32,4.8). Aaron rief auch zu einem „Fest für Jahwe“ auf (2Mos. 32,5). Heute würde man wohl von einem religiösen Happening sprechen.

Es ist deutlich: Aaron wollte mit dem Goldenen Kalb keineswegs einen anderen Gott verehrt wissen. Er wollte lediglich den Jahwe-Gottesdienst den vermeintlichen Bedürfnissen seiner Zeitgenossen anpassen.

Die Heilige Schrift berichtet, dass das Unternehmen ein unerhörter Erfolg wurde. Es kam bei den Leuten vortrefflich an. Das Volk erbrachte einen bemerkenswerten persönlichen Einsatz. Es ließ sich das anberaumte Fest viel kosten, und zwar nicht nur Gold (2Mos. 32,2), sondern ausdrücklich heißt es: „Die Leute standen des folgenden Tages früh (!) auf, und sie opferten Brandopfer und brachten Friedensopfer dar“ (2Mos. 32,6). Es wurden also durchaus Versatzstücke des herkömmlichen Jahwe-Gottesdienstes, so wie er von den Erzvätern her bekannt war, in dieses Fest integriert.

Allerdings lief die Tendenz dieser Veranstaltung in eine völlig andere Richtung: „Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um sich zu belustigen„. (2Mos. 32,6). Gemeint sind erotische Anzüglichkeiten und sexuelle Ausschweifungen. Der Zweck dieser so genannten gottesdienstlichen Veranstaltung war: Die Leute sollten in eine heitere, lockere Stimmung versetzt werden. Dieser Bilderdienst zieht sich durch das gesamte Alte Testament bis hin zur Babylonischen Gefangenschaft.

2.4. Umstrittener Gottesdienst im Neuen Bund: Eigenwilligkeit und Formalismus

Auch im Neuen Testament lesen wir, dass der Gottesdienst umstritten ist. Als die Frau am Jakobsbrunnen Jesus die Frage stellte, wo Gott angebetet werden soll, auf dem Berg Garizim (dort hatten die Samariter ihr Heiligtum) oder in Jerusalem (dort befand sich der Tempel), antwortete der Herr folgendermaßen: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt aus den Juden“ (Joh. 4,22).

Wenn man sich den Abschnitt insgesamt durchliest, in dem es um das Thema des rechten Gottesdienstes geht (Joh. 4,20-24), macht der Sohn Gottes eines deutlich: Zu wissen, wie man in rechter Weise Gottesdienst feiert, ist nicht belanglos. Es ist nicht unwichtig. Der Gottesdienst, wie ihn die Samariter feierten, war ein großer Irrtum. Die Samariter und – implizit – alle Menschen mussten sich, um in Erfahrung zu bringen, wie man in rechter Weise Gottesdienst feiert, bei den Juden erkundigen. Genauer: Sie mussten sich aus den Schriften informieren, die Gott den Juden anvertraut hatte.

Noch etwas fällt bei dem Gespräch zwischen dem Sohn Gottes und der Samariterin auf. Die Frage der Frau lautete: Wo soll Gott angebetet werden? Wo findet der rechte Gottesdienst statt? Der Herr beantwortet diese Frage mit dem Hinweis auf das „Heil“: „Das Heil kommt aus den Juden.“ (Joh. 4,22). Man könnte hier einwenden, dass die Frau überhaupt nicht nach dem Heil gefragt hatte. Sie wollte lediglich wissen, wo (und wie) in rechter Weise der Gottesdienst gefeiert wird. Aber offensichtlich lassen sich für den Sohn Gottes die Frage nach dem rechten Gottesdienst und die Frage nach dem Heil (Rettung) nicht voneinander trennen. Rechter Gottesdienst heißt nicht nur Errettung vom Götzendienst, Bewahrung vor falschen Göttern, sondern es kommt darin zum Ausdruck: Dort, wo nicht rechter Gottesdienst gefeiert wird, ist auch kein Heil zu erlangen. Indem die Samariter einen falschen Gottesdienst feierten, hatten sie auch kein Heil. Sie waren verloren.

Der Sohn Gottes legt aber in dem Gespräch über den rechten Gottesdienst seinen Finger auf noch einen Punkt: „Jesus spricht zu ihr: Frau, glaube mir: Es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.“ (Joh. 4,21) Weiter heißt es: „Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden.“ (Joh. 4,23).

Wo soll Gott angebetet werden und wer betet ihn richtig an, die Samariter oder die Juden? Die Antwort des Herrn lautet: In Zukunft wird der irdische Ort des Gottesdienstes ohne Belang sein. Wenn aber das „Wo“ des Gottesdienstes keine Bedeutung mehr haben wird, dann ist damit auch das bisherige alttestamentliche System aufgehoben. Die Stunde wird kommen, dass die gesamte Typologie des Tempelgottesdienstes überholt sein wird. An dessen Stelle wird dann der Gottesdienst „im Geist und in der Wahrheit“ treten.

An anderer Stelle wandte sich Jesus an das Volk und klagte es an: „Dieses Volk ehrt mich mit ihren Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir“ (Mt. 15,8.9; Mk. 7,6.7; vgl. Jes. 29,13). Ein Gottesdienst, in dem das Herz, also unser Lebenszentrum, nicht auf Gott ausgerichtet ist, ist leer, nichtig, unerheblich, irrelevant. Nur der Gottesdienst, der „im Geist und in der Wahrheit“ geschieht, hat vor Gott Bestand. Das ist ein Gottesdienst, in dem wir in unseren Herzen Gott singen und spielen (Eph. 5,19; Kol. 3,16).

3. Kein Gottesdienstablauf im Neuen Testament, aber generelle, verbindliche Kriterien

Es ist deutlich, dass wir im Neuen Testament nicht einen genauen Ablauf des Gottesdienstes finden. Noch nicht einmal die Elemente eines Gottesdienstes sind ausdrücklich vorgeschrieben. Offensichtlich besteht hier Freiheit. Aber es ist auch deutlich, dass Freiheit nicht heißen kann, Gottesdienstfeiern sei eine Frage des persönlichen Geschmacks oder habe sich an den jeweiligen Trends zu orientieren.

Wenn das der Fall wäre, hätte man im Alten Testament das Goldene Kalb und die Baalisierung Gottes, gegen die die Propheten Amos und Hosea scharf angingen, akzeptieren müssen. Dann hätte Paulus die ekstatischen Ausbrüche in Korinth aus „missionarischen Erwägungen“ gutheißen müssen. Aber bekanntlich war das Gegenteil der Fall.

Stattdessen haben wir uns auch beim Gottesdienstfeiern an dem zu orientieren, was wir in der Heiligen Schrift darüber finden. Wie gesagt: Es geht nicht um einen detaillierten Gottesdienstablauf. Aber das, was im Alten Bund geboten ist, fungiert als eine Art typologisches Abbild („Schatten„), und das Neue Testament lehrt uns mehr über das Gottesdienstfeiern im Geist und in der Wahrheit, als wir möglicherweise auf den ersten Blick vermuten.

Denken wir noch einmal an den Hebräerbrief: Wir sind gekommen zum himmlischen Heiligtum. Wir treten vor Gott, der der Richter aller ist, der ein verzehrendes Feuer ist, und vor Jesus Christus, den Mittler eines Neuen Bundes, und zu dem Blut der Besprengung. Indem wir gerufen sind, vor das Angesicht des heiligen Gottes zu treten und vor Jesus Christus, den Mittler eines Neuen Bundes, ist offensichtlich, worum es im Gottesdienst geht: Der heilige Gott hat in Jesus Christus den Neuen Bund in seinem Blut aufgerichtet. Das zu verkündigen und in Erinnerung zu bringen ist der Dreh- und Angelpunkt jedes Gottesdienstes. Im folgenden Artikel wollen wir die einzelnen Teile eines Gottesdienstes schrittweise durchdenken.