Wortverkündigung: Johannes 8,43.44

„Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. Ihr habt den Teufel zum Vater, und was euer Vater begehrt, das wollt ihr tun.“

Johannes 8,43.44

Jesus sprach diese Worte während einer scharfen Auseinandersetzung mit den Juden. Bei diesem Wortwechsel ging es dem Sohn Gottes um das Verstehen seiner Worte. Wenn Theologen das Verstehen des Wortes Gottes thematisieren, sprechen sie häufig von „Hermeneutik“.

Zweifellos ist es unverzichtbar, dass wir verstehen, was in der Heiligen Schrift zu lesen steht. Philippus stellte dem Kämmerer, der auf seinem Heimweg von Jerusalem in der Buchrolle des Propheten Jesaja las, genau diese Frage: „Verstehst du auch, was du liest?“ Als der Hofbeamte der Königin von Äthiopien dies verneinte, erklärte Philippus ihm den gelesenen Bibelabschnitt. Es war Jesaja 53 (Apg. 8,29-35).

In dem Wortwechsel, aus dem das oben zitierte Wort stammt, wies der Herr ebenfalls darauf hin, dass das Jüngersein mit dem Bleiben in seinem Wort unverzichtbar zusammenhängt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger.“ (Joh. 8,31). Umso verwunderlicher ist es, dass der Herr wenige Sätze danach die Frage stellte, warum seine Hörer ihn nicht verstünden. Noch bestürzender ist die Schroffheit der Antwort, die er sogleich selbst gab.

Zahlreiche Missverständnisse

Immer wieder stoßen wir in den vier Evangelien auf Stellen, an denen uns berichtet wird, dass Menschen den Sohn Gottes falsch oder gar nicht verstanden haben.

Als Jesus gegenüber seinen Jüngern von dem „Sauerteig“ der Pharisäer und Sadduzäer sprach, interpretierten die Jünger das so, als wollte er sie an die von ihnen vergessenen Brote erinnern. Doch damit verstanden sie ihren Herrn gründlich falsch. Vielmehr ging es dem Sohn Gottes darum, sie vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer zu warnen. Angesichts dessen, was sie kurz vorher bei der Brotvermehrung erlebt hatten, beurteilte Jesus ihr Missverstehen sogar als Schuld. Es war Ausdruck von Kleinglauben und Zeichen der Verhärtung ihrer Herzen (Mt. 16,6-11; Mk. 8,17-19).

Der Evangelist Lukas berichtet im letzten Kapitel seines Evangeliums mehrfach kritisch, dass diejenigen, die jahrelang mit Jesus zusammen waren und ihm nachgefolgt waren, so außerordentlich wenig von dem verstanden hatten, was er ihnen gesagt hatte (Lk. 24,5-12;17-27; 36-46).

Aber in keinem anderen Evangelium wird uns so häufig berichtet, dass Menschen Jesus falsch verstanden, wie im Johannesevangelium. Wenn man sich einmal die Vielzahl dieser Ereignisse vor Augen führt, kann dies eine Ahnung davon vermitteln, warum Jesus an unserer Stelle so heftig reagiert. Außerdem kann es eine Hilfe sein, zu lernen, wie der, der vom Vater kam, in rechter Weise verstanden werden will. Gehen wir einmal die Ereignisse durch:

[1] Kurz nach seiner Taufe forderte Jesus seine Hörer in Jerusalem auf: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Seine Hörer reagierten darauf mit der Feststellung, dass der Tempel in 46 Jahren erbaut worden sei. Jesus könne ihn unmöglich in drei Tagen aufrichten. Sie verstanden nicht, was Jesus prophezeite (Joh. 2,19.20).

[2] In seinem Gespräch mit Nikodemus, einem der bedeutendsten jüdischen Theologen seiner Zeit, erklärte Christus: „Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Die darauf folgende Frage des Nikodemus offenbart, dass er nichts begriff: „Wie kann ein Mann geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden?“ (Joh. 3,3.4).

[3] Am Jakobsbrunnen wies der Sohn Gottes die samaritanische Frau auf Folgendes hin: „Jeder, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das bis ins ewige Leben quillt.“ Die Reaktion der Frau zeigt ihr völliges Unverständnis: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht dürste und nicht hierher kommen muss, um zu schöpfen!“ (Joh. 4,13-15).

[4] Wenig später tauchten die Jünger auf und ermunterten ihren Herrn etwas zu essen. Die Antwort von Christus: „Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt!“ Die Jünger rätseln über diese Aussage: „Hat ihm jemand zu essen gebracht?“ (Joh. 4,31-34).

[5] Nach der Brotvermehrung suchten die Menschen Jesus, um ihn zum König zu machen (Joh. 6,15). Ihr Wunsch und ihre Hoffnung: Dann würden sie stets etwas zu essen haben wie einst während der Wüstenwanderung unter Mose. Als sie Jesus wiedergefunden hatten, belehrte er sie: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot aus dem Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot aus dem Himmel. Denn das Brot Gottes ist derjenige, der aus dem Himmel herabkommt und der Welt Leben gibt.“ Dass das, was Jesus ihnen gesagt hatte, an ihnen abperlte, zeigt ihre Bitte: „Herr gib uns allezeit dieses Brot!“ (Joh. 6,32-34).

[6] Als Jesus im weiteren Verlauf des Gespräches erneut darauf hinwies, dass er selbst das Brot des Lebens ist und die Menschen zu ihm kommen müssen, ihn essen müssen, weil er sein Fleisch für das Leben der Welt geben, also in den Tod gehen wird, unterstellten sie ihm, er fordere sie zum Kannibalismus auf (Joh. 6,48-58).

[7] Auf dem Laubhüttenfest wies Jesus die Juden ebenfalls auf seinen Tod hin und erklärte, der Tag werde kommen, an dem sie ihn suchen und nicht finden würden. Ihre Vermutung, er werde zu den Diaspora-Juden gehen, also zu den Juden, die verstreut im gesamten östlichen Mittelmeerraum lebten, zeigt, wie unverständig sie auf das reagierten, was Christus ihnen sagte (Joh. 7,34-36).

[8] Gleich darauf wiederholte Jesus seine Botschaft: „Ich gehe fort, und ihr werdet mich suchen, und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht kommen.“ Nun vermuteten die Juden, er wolle Selbstmord begehen (Joh. 8,21.22).

[9]. Wenig später erklärte Jesus: „Ich habe vieles über euch zu reden und zu richten; aber der, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.“ Johannes kommentiert: „Sie verstanden nicht, dass er vom Vater zu ihnen sprach.“ (Joh. 8,26.27).

[10] Der Wortwechsel zwischen Jesus und den Juden nahm dann eine neue Wendung. Jesus erklärte ihnen: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger, und ihr sollt die Wahrheit erkennen (verstehen), und sie wird euch frei machen.“ Die Juden reagierten mit Hinweis auf ihre historische Herkunft: Sie seien Abrahams Nachkommen und als solche aus Ägypten befreit worden, also niemandes Knechte (Joh. 8,31-33).

[11] Kurz darauf, die Juden waren noch immer mit Abraham und ihrer Herkunft beschäftigt, verkündete Jesus: „Wenn jemand mein Wort bewahrt, so wird er den Tod nicht sehen in Ewigkeit.“ Die Juden reagierten nicht nur mit Unverstand, sondern borniert: „Nun wissen wir, dass du einen Dämon hast! Abraham ist gestorben und die Propheten, und du sagst: Wenn jemand mein Wort bewahrt, so wird er den Tod nicht schmecken in Ewigkeit. Was machst du aus dir selbst?“ (Joh. 8,51-53).

[12] Nach der Heilung des Blindgeborenen verkündete Jesus: „Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die, die nicht sehen, sehend werden und die, die sehen, blind werden.“ Die Pharisäer wollten nicht begreifen, dass Jesus von einem anderen Blindsein sprach. Sie stellten ihm die Frage: „Sind denn auch wir blind?“ (Joh. 9,39.40).

[13] Jesus erzählte unmittelbar darauf das Gleichnis von dem guten Hirten. Johannes bemerkt dazu: „Sie verstanden nicht, wovon er zu ihnen redete“ (Joh. 10,6).

[14] Als Jesus seinen Jüngern mitteilte, Lazarus sei eingeschlafen, aber er gehe hin, um ihn aufzuwecken, reagierten die Jünger: „Herr, wenn er eingeschlafen ist, so wird er gesund werden.“ Johannes klärt das Missverständnis auf: Jesus sprach nicht von gewöhnlichem Schlafen, sondern vom Tod des Lazarus (Joh. 11,11-13).

[15] Als Jesus in Bethanien eingetroffen war, verhieß er Martha: „Dein Bruder wird auferstehen!“ Marthas Antwort zeigt, dass bei ihr nicht ankam, was Jesus ihr zusagte: „Ich weiß, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am letzten Tag.“ (Joh. 11,23.24).

[16] Wenige Tage später zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein. Dass dies die Erfüllung der Prophetie aus Sacharja 9,9 war, realisierten die Jünger zunächst nicht: „Dies verstanden aber seine Jünger anfangs nicht, doch als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, dass dies von ihm geschrieben stand und dass sie ihm dies getan hatten.“ (Joh. 12,14-16).

[17] Kurz vor seiner Kreuzigung verkündete der Sohn Gottes den Pilgern: „Jetzt ergeht ein Gericht über diese Welt. Nun wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden; und ich werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alle zu mir ziehen.“ Johannes erläutert dazu, Jesus habe dies gesagt, um anzudeuten, durch welchen Tod er sterben werde. Die Menge reagierte: „Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wie sagst du denn, der Sohn des Menschen müsse erhöht werden? Wer ist dieser Sohn des Menschen?“ (Joh. 12,31-34).

[18] Nach Abschluss seines öffentlichen Wirkens, als Jesus allein mit seinen Jüngern zusammen war, forderte er Judas auf: „Was du tun willst, das tue bald!“ Johannes bemerkt: „Es verstand aber keiner von denen, die zu Tisch saßen, wozu er ihm dies sagte. Denn etliche meinten, weil Judas den Beutel hatte, sage Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest benötigen!, oder er solle den Armen etwas geben.“ (Joh. 13,27-29).

[19] Im weiteren Verlauf des Abends verkündete Jesus seinen Jüngern: „Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht kommen.“ Petrus wollte sich mit dieser Aussage nicht zufrieden geben und fragte nach: „Herr, wohin gehst du?“ Jesus antwortete ihm: „Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen.“ Petrus widersprach: „Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen.(Joh. 13,33.36.37). Wie falsch Petrus sich selbst eingeschätzt hatte, wurde wenige Stunden später bei seiner dreifachen Verleugnung offenkundig.

[20] Als Jesus vor Pontius Pilatus stand, forderte der römische Statthalter den Angeklagten auf, zu den Vorwürfen der Juden Stellung zu nehmen: „Bist du der König der Juden?Was hast du getan?“ Jesu Antwort: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde; nun aber ist mein Reich nicht von hier.“ Pilatus, der Heide, zeigte sich verwirrt: „So bist du also ein König?“ Jesus bestätigte ihm dies und bekannte, dass er in diese Welt gekommen sei, um Zeugnis von der Wahrheit abzulegen: „Jeder der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“ Die Reaktion des Pilatus machte den tiefen Verstehensgraben offenbar: „Was ist Wahrheit?“ Er hatte also Jesu Stimme nicht vernommen (Joh. 18,31-38).

[21] Als Jesus nach seiner Auferstehung am See Genezareth seinen Jüngern erschien und Petrus ihn nach der Zukunft von Johannes fragte, antwortete der Herr: „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an? Folge du mir nach!“ Darauf setzte sich bei seinen Brüdern der Gedanke fest: „Johannes wird nicht sterben.“ (Joh. 21,21-23).

Jeder missverstand Jesus

Die Aufzählung dieser Ereignisse, vermutlich wird man noch weitere Missverständnisse finden können, zeigt, dass Jesus nicht nur gelegentlich missverstanden wurde. Die Berichte darüber ziehen sich durch das gesamte Johannesevangelium. Von allen Hörergruppierungen wurde der Herr falsch oder gar nicht verstanden.

Am häufigsten wird es über die Juden berichtet [5], [6], [7], [8], [9], [10], [11], [13], [17], ausdrücklich auch über den Theologen Nikodemus sowie über die Pharisäer [2], [12], [13]. Aber auch bei dem Heiden Pilatus [20], bei der Samariterin [3], bei Martha [15] und nicht zuletzt bei den eigenen Jüngern [2], [4], [14], [16], [18], [19], [21] irritierten die Worte Jesu oder stießen auf Verständnislosigkeit.

Allerdings weist Johannes darauf hin, dass bei den Jüngern die Missverständnisse zeitlich begrenzt waren. Manches Missverstehen klärte sich durch den Fortgang der Ereignisse von selbst auf. So etwa ihr Fehlschluss über Jesu Bemerkung, Judas solle das, was er zu tun habe, bald tun. Wenige Stunden später begriffen die Jünger, dass Jesus damit nicht gemeint hatte, Judas solle Besorgungen machen oder etwas den Armen geben, sondern dass es um etwas völlig anderes ging (Joh. 13,26-30).

Bei manchen Missdeutungen klärte Jesus seine Jünger unverzüglich auf. Als sie die Aussage fehlinterpretierten, Lazarus sei eingeschlafen, erläuterte Jesus, dass er von dessen Tod gesprochen habe (Joh. 11,13-15).

Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, fragte er sie: „Versteht ihr, was ich euch getan habe?“ Dann erläuterte Jesus ihnen dieses Zeichen und verhieß ihnen: „Wenn ihr dies wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut.“ (Joh. 13,12-17).

Andere Missverständnisse wurden den Jüngern nach der Auferstehung ihres Herrn von selbst klar. Dann begriffen sie, dass Jesus bei seiner Ankündigung des Abbrechens und Aufrichtens des Tempels von dem Tempel seines Leibes gesprochen hatte. Der Herr hatte den Begriff Tempel also im Sinn von Wohnstätte Gottes verwendet. Genau das war sein Leib: Wohnort der Fülle Gottes. Diesen Tempel, seinen Leib, hatte er nach drei Tagen aufgerichtet. („Aufrichten“ ist im Griechischen dasselbe Wort wie „auferwecken“) (Joh. 2,21.22).

Auf den sich selbst grenzenlos überschätzenden Petrus („Herr, ich will dir folgen, wohin auch immer du gehst!„) reagierte Jesus zunächst nur kurz: „Du wirst mir später folgen.“ Als Petrus dem widersprach („Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen?„), sagte der Herr ihm voraus, er werde ihn dreimal verleugnen (Joh. 13,38). Erst nachdem der bittere Fall des Petrus stattgefunden hatte, durch den er auf dem Boden seiner Unfähigkeit gelandet war, kam der Sohn Gottes auf die Zusicherung des Petrus, er wolle ihm nachfolgen, wohin auch immer er gehe, zurück. Er berief ihn, ihm nachzufolgen und verhieß ihm die Märtyrerkrone (Joh. 21,18.19).

Damit die Jünger in Zukunft verstehen würden, was Jesus ihnen gesagt hatte, vor allem auch dann, wenn er selbst wieder zu seinem Vater aufgefahren sein würde, kündigte der Sohn Gottes ihnen den „Geist der Wahrheit“ an:Noch viel hätte ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten. (Joh. 16,12-14). Jesus betont, ohne den Heiligen Geist würden sie Christus nicht erkennen können (Joh. 14,20; 15,26; 16,12.13).

Den Heiligen Geist zu empfangen heißt allerdings nicht, dass bei den Jüngern anschließend keine Missverständnisse mehr auftreten könnten. Dieses zeigen die letzten Verse des Johannesevangeliums.

Jesus hatte den Jüngern bereits von seinem Heiligen Geist gegeben (Joh. 20,22.23). Danach kam es zu der Begegnung am See Genezareth. Dort sagte Jesus zu Petrus über Johannes: „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?“ Damit ermahnte der Herr den Petrus, keine vorwitzigen Fragen über die Zukunft zu stellen. Stattdessen sollte er sich auf das konzentrieren, wozu Jesus ihn gerade beauftragt hatte.

Seine „Brüder„, die die Auskunft Jesu mitbekommen hatten, wollten diese Worte aber gerne so verstehen, als habe Jesus gesagt, Johannes werde nicht sterben, bis Jesus kommt. Offensichtlich waren also schon damals adventische, reißerische Auslegungsweisen beliebt, so dass Johannes selbst gleichsam kopfschüttelnd an seinen Brüdern kritisiert, dass sie nicht darauf geachtet hatten, was Jesus tatsächlich gesagt hatte, sondern sich stattdessen auf Spektakuläres fixierten. (Joh. 21,21-23).

Indem dieses Geschehen zeigt, dass auch Menschen, die den Heiligen Geist empfangen haben, im Verstehen und Auslegen des Wortes Gottes falsch liegen können, wird damit auch offenbar, dass die Gemeinde durch den Geist der Wahrheit nicht zu einer geschlossenen Schar von über jedes Fehlurteil erhabenen illuminierten Eingeweihten geworden ist. Auch Christen können die Worte Jesu falsch verstehen oder sich in Wunschvorstellungen verrennen, namentlich wenn es sich um die Zukunft handelt. Folglich sollten sie für Korrektur offen sein. Dadurch dass Fehlinterpretationen bei ihnen möglich sind, unterscheiden sie sich nicht prinzipiell von den Nichtchristen um sich herum. Von daher ist eine gemeinsame Ebene mit ihnen gegeben. Gewissermaßen besteht so eine Öffnung zu ihnen.

 

Ursache für die Missverständnisse

Vor allem aber waren es die Juden, nicht zuletzt die Pharisäer, die Jesus falsch oder gar nicht verstanden hatten. Bei ihnen stieß unser Heiland gerade in seiner zentralen Botschaft auf taube Ohren. Mehrfach berichtet Johannes von dem Unverständnis der Hörer bei Aussagen, die der Herr mit einem „Wahrlich, wahrlich“ („Amen, Amen„) eröffnete [2], [5], [6], [11].

Missverständnisse, die zu heftigen Debatten führten, brachen auf, sobald Jesus bezeugte, wer er ist: der Sohn Gottes, der Menschensohn, der Messias, der vom Vater zum Heil der Welt Gekommene [2], [3], [5], [6], [11], [13], [17]. Dass das Reich Gottes, das er brachte, geistlichen Charakter hatte [2], [3], [6], [12], [13], [20], erfasste kaum jemand von seinen Hörern, ebenso wenig wie seine Voraussagen über seinen Weg ans Kreuz und seine anschließende Auferstehung [1], [7], [8], [19].

Warum missverstanden die Menschen Jesus? Lag es daran, dass Jesus sich nicht deutlich ausdrückte? Passte sich Christus nicht genügend seinen Hörern an? Nahm der Herr zu wenig Rücksicht auf den Verstehenshorizont der Juden? Fragen, worin die Gründe für das Nichtverstehen zu suchen sind, erheben sich bei Missverständnissen eigentlich immer. An wem lag es?

Als Antwort ist zunächst darauf hinzuweisen, dass es keinesfalls an einer Verweigerung des Sohnes Gottes lag. Im Gegenteil! Jesus ging auf seine Hörer zu und verkündete immer wieder dieselbe Wahrheit. Er wiederholte sie: Er ist der, der den Vater kennt; der Vater hat ihn zum Heil in die Welt gesandt, und er geht wieder zum Vater zurück.

Aber nicht nur das. Jesus suchte auch seinen Hörern seine Verkündigungsinhalte anschaulich zu machen.

Dazu zwei Beispiele: In dem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus stellte Jesus (überrascht?) die Frage: „Wenn ich euch von irdischen Dinge sage, glaubt ihr nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von den himmlischen Dingen sagen werde?“ (Joh. 3,12). Es ging um das Leben aus Gott. Jesus illustrierte diese Wahrheit anhand des Bildes einer Geburt (Joh. 3,3). Dem jüdischen Theologen sollte die geistliche Wahrheit des „Lebens von oben“ vor Augen geführt werden. Doch selbst diese Bildsprache erreichte Nikodemus nicht. Sein Einwand, „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Er kann doch nicht zum zweiten Mal in den Schoß seiner Mutter eingehen und geboren werden?“ (Joh. 3,4), offenbart, dass dieser Mann nicht erfasste, was Jesus ihm verkündigte. Eigentlich, so gewinnt man den Eindruck, war das Unverständnis des Nikodemus nur gewachsen.

In der Synagoge von Kapernaum betonte Jesus gegenüber denjenigen, die in ihm einen König sehen wollten, der sie mit Speise versorgt, dass er selbst das „Brot des Lebens“ ist. Dieses Brot ist sein Fleisch, das er für das Leben der Welt geben wird. Damit deutete Christus an, dass er für das Heil der Welt in den Tod gehen müsse. Seine Hörer interpretierten diese Botschaft als Aufforderung zum Kannibalismus (Joh. 6,51-59). Sie reagierten murrend: „Dieses ist eine harte Rede! Wer kann sie hören?“ (Joh. 6,60). Sie verstanden nichts.

Später werden die Jünger bemerken, dass das Reden Jesu in Bildern allein nicht schon automatisch zum Verstehen führt (Joh. 16,25-33). Tatsächlich weist der Herr darauf hin, dass es Gnade ist, ihn zu verstehen: Nur der kann die Worte Jesu verstehen und zu ihm kommen, dem es der Vater gegeben hat (Joh. 6,65.29.44).

Das Reich Gottes ist geistlich

Jesus geht mit seiner Botschaft vom Vater auf seine Hörer zu. Er hatte wahrlich nicht die Absicht, Verstehenshindernisse zu errichten. Jedoch ist auch deutlich: Niemals ebnete er die vom Vater empfangene Botschaft ein. Schon gar nicht passte er sie den Wünschen und Erwartungen seiner Umgebung an. Er kam zur Rettung der Welt, nicht um sie zu verbessern, zu verändern.

Insofern besteht ein gravierender Unterschied, ja Gegensatz, zwischen dem, was und wie Jesus verkündete, und den heutigen, so genannten missionarischen Aktivitäten. Denken wir hier an die Konzeptionen der Gemeindewachstumsbewegung.

Was ist eigentlich das Merkmal dieser neuzeitlichen Strömungen? Antwort: Dort wird die Praxis zum Beweis für die Wahrheit. Anders formuliert: Ob das Verkündete (Dargebotene) wahr ist oder nicht, wird nicht mehr daran gemessen, ob es mit dem übereinstimmt, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht, sondern ob es den Erwartungen der Hörer entspricht, ob es bei ihnen auf Akzeptanz stößt. Folglich haben in diesen Bewegungen Begriffe wie „Kontextualisierung“ oder „gesellschaftliche Relevanz“ eine dominierende geistige Mächtigkeit. Selbst wenn man stattdessen Begrifflichkeiten verwendet wie „missionarisches Anliegen“ oder gar „pastoral motivierter Liebesdienst“ und dann sofort bei einem „der Welt zugewandten Stil“ landet, sollten wir hellhörig bleiben.

Unverzichtbar ist es, die zugrunde liegende Denkstruktur bei solchen Strömungen zu durchschauen. Diese orientiert sich an Leitmotiven wie: Bisher wurde durch das Evangelium die Welt nur anders interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern, das heißt, die Geschichte mit dem „Evangelium“ zu transformieren.

Aber mit solchen Konstruktionen hat die Verkündigung unseres Herrn und Heilands nichts zu tun. Niemals machte der Herr die Wahrheit seiner Verkündigung abhängig von der Akzeptanz, die sie bei seinen Hörern erzielte. Nirgendwo gleicht der Sohn Gottes die Diastase zwischen Licht und Finsternis aus! Das Licht scheint in die Finsternis. Später werden die Apostel von dem „Geheimnis des Evangeliums“ sprechen (Röm. 16,25; 1Kor. 2,7; 4,1; Eph. 6,19; Kol. 4,3 und öfter).

Damit ist auch deutlich, dass das Reich, das Christus den Menschen bringt, nicht in der Verlängerung ihrer irdischen Wirklichkeit liegt. Zwar knüpft der Herr, um das Himmlische zu verdeutlichen, an das Irdische an. Aber der Grund dafür ist nicht, dass das Irdische dem Himmlischen entspricht. Vielmehr steht es dazu im Kontrast. Dazu einige Beispiele:

Als Jesus mit der Frau am Jakobsbrunnen über Wasser sprach, das den Durst löscht, wies er sie hin auf das Wasser des Lebens, das ihren wahren Durst, ihren Lebensdurst, stillt (Joh. 4,9-15). Während sich die Jünger über das Essen von Jesus Gedanken machten, dachte er an eine völlig andere Speise (Joh. 4,31-34). Als das Volk sich einen König wünschte, der sie stets mit Brot versorgt, nahm der Herr ihre Sehnsucht zum Anlass, um auf sich hinzuweisen, auf das Brot, das aus dem Himmel gekommen war (Joh. 6,26-58). Als die Juden das Thema der Befreiung aus der Knechtschaft ansprachen, bestand Jesus darauf, dass ihre wirkliche Knechtschaft nicht äußerliche Unterdrückung ist, sondern in der Sklaverei der Sünde besteht. Er sei gekommen, um sie daraus zu befreien (Joh. 8,31-36). Als Jesus nach der Heilung des Blindgeborenen das Thema der Blindheit aufgriff, ging es ihm darum, die geistliche Blindheit der Pharisäer aufzudecken (Joh. 9,39-41).

Für uns heißt das: Christus kam nicht, um unsere Erwartungen, Bedürfnisse oder Träume zu erfüllen. Die Einsicht mag auch für uns eine „harte Rede“ sein.

Es mag sein, dass ein Leser der Bekennenden Kirche, der krank oder gebrechlich ist, seine hinfällige Situation für sein größtes Problem hält. In diesem Fall wird er die optimale medizinische Versorgung als die Lösung schlechthin für sich ansehen. Das Evangelium von Christus fegt die Situation des Betreffenden nicht vom Tisch. Aber es sagt ihm, dass sein größtes Problem darin liegt, dass er nicht dem Gott vertraut, der sein Leben in seiner Hand hält, und der nie einen Fehler macht.

Vielleicht verzweifelt jemand in und an seiner Einsamkeit. Das Evangelium ignoriert nicht seinen Kummer und sein Elend. Aber im Kern besteht die Heilsbotschaft darin, Christus zu glauben, dass er den, der auf ihn harrt, nicht zuschanden werden lässt, sondern dass sein einziger Trost im Leben und im Sterben niemand anders als Christus ist.

Mit anderen Worten: Es wird auch heute in der Verkündigung darum gehen, die Hörer von ihren irdischen, zeitlichen Kategorien wegzulenken hin auf die himmlische, ewige Wirklichkeit.

Dieses „Weglenken auf die himmlische, ewige Wirklichkeit“ darf aber nicht falsch verstanden werden. Es ist damit nicht gemeint, dass man sich aus dieser irdischen Welt herausträumen soll, zum Beispiel um sich in eine Scheinwelt zu flüchten. Ganz und gar nicht! Der Herr bittet seinen Vater: „Ich bitte nicht für sie, dass Du sie aus der Welt wegnimmst, sondern dass Du sie bewahrst vor dem Bösen.“ (Joh. 17,15).

Es geht darum, dass wir in dieser Welt mit ihren Zerreißproben und Anfechtungen Christus glauben: Für deinen jetzigen Mangel, für deine Ängste und Verzagtheiten ist Christus hier und jetzt Wasser des Lebens, Brot des Lebens. Auf diese Weise ist mit dem Kommen Christi eine neue Zeit angebrochen.

Warum versteht ihr meine Sprache nicht?

Brennpunktartig verdichtete sich die Auseinandersetzung um das rechte Verstehen der Worte Jesu auf dem Laubhüttenfest. Es war ungefähr ein halbes Jahr vor seiner Kreuzigung. Nicht wenige Menschen glaubten, namentlich wegen der Zeichen, die Jesus getan hatte (Joh. 2,23; 3,2; 7,31; 8,30). Aber viele andere unterstellten Jesus, er habe einen Dämon (Joh. 7,20; vergleiche weiter 8,48.52; 10,20). Die Herzen waren versteinert. Die Front war verhärtet.

In dieser Lage betonte der Herr, dass Befreiung für seine Zuhörer nur durch die Wahrheit kommen kann. Die Reaktion bei seinen Zuhörern war abweisend: „Wir sind nie jemandes Knechte gewesen, denn unser Vater ist Abraham.“ Abgesehen davon, dass diese Behauptung unehrlich war – zu viele Tyrannen hatten im Laufe der Geschichte das Volk unterdrückt -, hob Jesus hervor, dass er von einer ganz anderen Knechtschaft sprach, von der Sklaverei der Sünde. Aus dieser kann einzig und allein die Wahrheit befreien. Im Übrigen: Euer Vater ist nicht Abraham, schon gar nicht Gott der Vater. (Joh. 8,31-42). Doch erneut verweigerten sich die Hörer.

Daraufhin stellte der Herr die Frage, „Warum versteht ihr meine Sprache
(griechisch: lalia) nicht?“ Gleich darauf gab er die Antwort: Der Grund für euer Nichtverstehen sind weder Sprachprobleme noch psychologische Barrieren. Es ist überhaupt nicht irgendetwas Innerweltliches. Vielmehr ist der garstige Graben, der euch daran hindert zu verstehen, was der Sohn Gottes sagt, eure völlig andere geistliche Herkunft: „Euer Vater ist der Teufel.“ Der Herr zeigt die Kluft auf zwischen dem, der von Gott gekommen ist, und den Menschen, die unter der Sklaverei des Teufels stehen.

Kurz vorher hatte Jesus die Ursache für das Nichtverstehen in die Worte gefasst: „Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ (Joh. 8,23). Weil das Evangelium, weil Christi Botschaft aus einer total anderen Wirklichkeit kommt, ist sie dem Verstehenshorizont, der Begrifflichkeit, der Sprachwelt der Menschen, die unter der Herrschaft des Teufels existieren, fremd.

 

Das Licht scheint in die Finsternis

Jesus fährt fort: „Was euer Vater begehrt, wollt ihr tun!“ Jesus zeigt damit auf: Der Wille seiner Hörer ist keineswegs frei. Vielmehr wird er von dem beherrscht, was der Teufel will. Luther wird später formulieren: Der Wille des Menschen wird vom Teufel geritten.

Das Erstaunliche an dieser Tyrannis ist, dass die Menschen sich dadurch nicht unterdrückt fühlen, sie wollen es sogar: „Was euer Vater begehrt, das wollt ihr tun!“ Es geht hier also nicht um Fatalismus, sondern um gewollte, schuldhafte Knechtschaft.

Tatsächlich weisen die Evangelien immer wieder darauf hin, dass die Missverständnisse von Seiten der Hörer ein gewolltes Nichtverstehen waren.

Das macht bereits die erste Auseinandersetzung zwischen dem Sohn Gottes und seinen Hörern deutlich. Als Jesus über das Aufrichten des Tempels sprach (Joh. 2,21-22), hatten seine Hörer durchaus verstanden, dass Jesus von einem Aufbauen des Tempels „nicht mit Händen“ redete (vergleiche Mk. 14,58). Als sie ihm vorwarfen, er wolle den Tempel in Jerusalem aufbauen, wollten sie den Herrn also missverstehen. Wenige Verse später lesen wir im Johannesevangelium, dass Jesus sich ihnen „nicht anvertraute, weil er alle kannte … denn er wusste selbst, was im Menschen war“ (Joh. 2,24.25).

Tatsächlich waren die Menschen von Anfang an keineswegs „offen“ für Jesus. Allerdings hat es den Anschein, als ob die Verhärtung gegenüber dem Sohn Gottes immer mehr zunahm. Wenig später wies Jesus darauf hin, dass die Menschen deswegen nicht an ihn glauben können, weil sie Ehre voneinander nehmen (Joh. 5,44).

Als später die Juden wieder einmal bei Jesus nachfragten, wer er denn sei, gab er keine Antwort mehr, sondern erwiderte lediglich: „Zuerst das, was ich euch sage!“ (Joh. 8,25). Mit anderen Worten: Ich habe es euch so oft gesagt. Was rede ich noch länger mit euch?! Auf diese Weise entlarvte der Herr die Fragerei seiner Zuhörer als deren unverbindlichen Zeitvertreib, als Gedankenspielchen. Sie wollten nicht wirklich wissen, wer Jesus ist, woher er kam, wohin er geht.

Als der Evangelist Johannes über das Ende des öffentlichen Auftretens Jesu berichtet, erläutert er den Grund für das vielfache Nichtverstehen der Menschen: Es ist die Erfüllung des durch den Propheten Jesaja angekündigten Verstockungsgerichtes (Joh. 12,37-41).

Darum belehrte Jesus am Schluss seine Hörer nicht mehr, sondern er warnte nur noch: „Wandelt solange ihr das Licht noch habt, damit euch die Finsternis nicht überfällt“ (Joh. 12,35). Mit anderen Worten: Die Zeit läuft ab. Das Licht ist nur noch eine sehr kurze Zeit bei euch (Joh. 12,36.46-50). Hier bringt der Herr das Verstehensproblem der Menschen noch einmal auf den Punkt. Es entspricht dem, was Johannes am Anfang des Evangeliums schreibt: „Das Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen“ (Joh. 1,5).

Als Jesus am Vorabend seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern allein ist, verheißt er ihnen den Geist der Wahrheit: Sie benötigen ihn unbedingt, damit sie erkennen, dass Christus im Vater ist und der Vater in ihm (Joh. 14,16-20.26; 15,26; 16,5-15). Auch wir benötigen zum Verstehen des Wortes Gottes diesen Geist der Wahrheit, denn auch für uns gilt: Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis verhüllet, wo nicht deines Geistes Hand, uns mit hellem Licht erfüllet.

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