Der Weg durch die Finsternis

„Wer unter euch fürchtet den HERRN? Wer gehorcht der Stimme seines Knechtes? Wenn er im Finstern wandelt und ihm kein Licht scheint, so vertraue er auf den Namen des HERRN und halte sich an seinen Gott! Habt aber acht, ihr alle, die ihr ein Feuer anzündet und euch mit feurigen Pfeilen wappnet! Geht hin in die Flamme eures eigenen Feuers und in die feurigen Pfeile, die ihr angezündet habt! Dieses widerfährt euch von meiner Hand, dass ihr am Ort der Qual liegen müsst.“ (Jes. 50,10.11)

Eine furchtbare Finsternis

Welch schaurige Erfahrung ist es, im Finstern zu wandeln!

Undurchdringliches Dunkel umgibt dich. Fremd und unbekannt ist die Gegend, in der du dich befindest. Noch nie bist du diesen Weg gegangen, und wohin er führt, ist dir verborgen. Die Nacht ist so finster, dass du nicht einmal sehen kannst, was direkt vor deinen Füßen liegt. Es fehlt dir der Mut, auch nur einen einzigen Schritt zu tun. Keine Taschenlampe ist zur Hand, um wenigstens die unmittelbare Umgebung ein wenig zu erhellen. Und doch musst du weiterlaufen. Wenn du doch nur an diesem Fleck, wo du noch festen Boden unter den Füßen spürst, verweilen und die Morgendämmerung abwarten könntest, wärst du nicht so furchtsam. Aber es ist nicht möglich stehenzubleiben – du musst weiter. Angst und Unsicherheit halten dein Herz und deinen Geist gepackt, bei jedem Schritt erwartest du, zu stolpern und in ein tiefes Loch zu stürzen – trotzdem musst du weiterlaufen, immer weiter.

Dieses Bild malt uns der oben zitierte Abschnitt aus dem Buch Jesaja vor Augen. Gottes Wort redet vom Wandeln in der Finsternis. Mit diesem Bild wird uns das Leben geschildert, die Pilgerreise eines jeden Christen und auch die Wirklichkeit, die die Kirche des Herrn zu allen Zeiten durchlebt. Im Wesentlichen entdecken wir hier drei Elemente.

Erstens geht es um die Unsicherheit, die uns als Kinder Gottes ergriffen hat. Wir sind in dieser Welt auf einen Weg gerufen worden, der uns unbekannt ist. Dazu kommt die völlige Unkenntnis der unmittelbaren Zukunft. Wir wandeln im Finstern. Wir können den vor uns liegenden Weg nicht erkennen. Wir haben keine Ahnung, was uns im nächsten Augenblick widerfahren könnte. Soweit es die sichtbaren Dinge dieser Welt betrifft, tasten wir uns in eine ungewisse Zukunft vor.

Zweitens und aus derselben Perspektive betrachtet, findet sich in diesem Bild das Element der Unkenntnis hinsichtlich des Ziels. Wir können keinen Ausweg erspähen. Das Ende des Weges ist unseren Augen verborgen. Weder können wir sehen, wo der Weg entlangführt, noch wo sein Ende liegt. Das Ziel liegt, nach dem Maßstab der sichtbaren Dinge, im Dunkeln.

Drittens enthält das Bild vom Wandeln im Finstern den Gedanken der Gefahr. Im speziellen haben wir dabei an unbekannte und unsichtbare Gefahren zu denken, denen wir ausgesetzt sind: Auf dem Weg verbergen sich Untiefen, Klippen und Abgründe, Feinde lauern uns auf und drohen uns zu überfallen und zu töten.

Das ist ein realistisches und zugleich erschütterndes Bild. Doch so ergeht es der Gemeinde in der Welt, so ist es in der Geschichte der Kirche immer gewesen. Achtet man nur auf die sichtbaren Dinge, befindet sich die Gemeinde auf einer trostlosen Reise. Den Weg, den sie gehen soll, sieht sie nicht. Der Mut verlässt sie. Auch das Ende des Weges, das sie doch als den Gegenstand ihrer Hoffnung bekennt, ist unsichtbar. Ständig ist sie von Feinden umzingelt, die sie zu verschlingen drohen und scheinbar schon den Sieg über sie errungen haben.

So sah es auch zu der Zeit aus, als der Prophet Jesaja in Israel auftrat. Was sollte Zion davon halten, dass der Weg, auf den sie gerufen waren, geradewegs in die Gefangenschaft nach Babylon führte? Was ging ihnen durch den Kopf, da Gottes Gnadenbund sich anscheinend auflösen, die Stadt Gottes in Trümmern liegen, der Tempel zerstört werden und das Volk unter dem drückenden Joch einer fremden Weltmacht ächzen sollte? Wie sollte Zion diesen Weg zu dem verheißenen Ziel verstehen – dem Ziel von vollkommenem Sieg und Erlösung? Zion wandelte in der Finsternis.

Dieses Bild lässt sich aber ebenso gut auf jedes Kind Gottes in der Welt anwenden. Die Welt ist ein Tal der Tränen. Dieses Leben ist nichts anderes als ein fortwährendes Sterben. Als Kinder Gottes, als Pilger im Tal der Tränen sind wir von hohen Bergen umringt, über die wir unmöglich hinausblicken können. In dem Tal herrscht pechschwarze, finsterste Nacht. Man kann die Hand vor Augen nicht sehen. Schon seit langem umgibt uns nur Finsternis, wegen der irdischen, zeitlichen Existenz, an die wir gebunden sind – eine Finsternis, die wir nicht bezwingen können und die durch die Herrschaft von Sünde, Schuld und Tod nur noch verschlimmert wird. In diese Finsternis sind wir hineingeboren worden. In dieser Finsternis müssen wir als Kinder Gottes unseren Weg gehen. Von Geburt an bis zu dem Augenblick, da wir den Fuß in den Jordan des Todes setzen, müssen wir vorwärtslaufen, ohne einen Moment verschnaufen zu können.

Mehr noch: Die große Finsternis dieses Tals der Tränen, in die wir hineingeboren worden sind und in der wir leben müssen, offenbart sich uns in immer unterschiedlichen Formen und auf verschiedene Weise. Das Kind Gottes wandelt nicht allein in Finsternis, sondern in vielen verschiedenen Weisen von Finsternis. Da ist die Finsternis der Schuld, in der wir geboren worden sind. Wir haben keine Ahnung, wie wir uns davon befreien könnten und machen sie mit jedem Schritt nur noch größer. Da ist zweitens die Finsternis der Verderbtheit unseres Herzens, unserer Natur, unseres Verstandes, Willens und unserer Begierden, die wir nicht bezwingen oder abschütteln können und die immer undurchdringlicher zu werden scheint. Da ist drittens die Finsternis des Todesschattens, der von der Stunde der Geburt an über uns schwebt und all das Leid und Elend einschließt, das untrennbar mit dem Tod und seinem Wirken verbunden ist. Da ist viertens die düstere Gefahr, die von den Feinden ausgeht: der Welt, der Sünde, dem Satan, den Mächten der Finsternis, die uns fortwährend bedrohen. Und schließlich ist da die Finsternis des Tals der Todesschatten, das wir schon sehr bald betreten müssen und über das wir absolut nichts wissen, weil wir durch die Finsternis des Todes nicht hindurch blicken können.

Wandeln in der Finsternis – in vielfacher Finsternis – umgeben von undurchdringlichem nächtlichem Dunkel. Dennoch müssen wir weiterlaufen. Furchtbar!

Ein machtvolles Wort

Wer im Finstern wandelt, lebt im Vertrauen. Vertrauen? Das ist doch das genaue Gegenteil dessen, was man berechtigterweise erwarten könnte!

Wenn wir uns als Kinder Gottes an so einem Ort wiederfinden, unfähig, einen Ausweg zu entdecken, wenn unser Herz mit schrecklicher Unsicherheit erfüllt ist, wenn Angst und Furcht unseren Geist ergriffen haben, wenn tausend Sorgen, Ängste und Nöte das Herz gepackt halten, dann sollen wir vertrauen!

Vertrauen bedeutet, dass der Geist des Wanderers in der Finsternis mit ruhiger Gewissheit und freudiger Erwartung erfüllt ist. Statt bei jedem Schritt ängstlich zu zögern oder gar mutlos zu Boden zu sinken, streben wir mutig und willig vorwärts. Wir laufen voller Vertrauen durch die Finsternis von Sünde und Schuld, Leid und Elend, vorbei an Anfechtungen, Sorgen und Tod. Vertrauensvoll drängen wir mitten durch drohende Feinde. Und wenn es soweit ist, den Fuß in das Wasser des Jordans des Todes zu setzen, zögern wir auch dann nicht. Vertrauen!

Vertrauen ist die geistige Kraft des glaubenden Herzens, die sich als freudige Zuversicht bei jedem Schritt äußert, den das Kind Gottes in der Finsternis geht; Zuversicht, dass der Weg gut ist und wir furchtlos voranschreiten können, selbst wenn wir den Weg nicht sehen; Zuversicht, dass ein herrliches Ende wartet, eine ewige Erlösung, und dass der Weg, wie finster und unbekannt und gefährlich er auch erscheinen mag, uns in diese ewige Herrlichkeit führt; Zuversicht, dass die Feinde, auch wenn sie rasen und wüten und uns manchmal beinahe überwinden, uns kein Leid zufügen können; Zuversicht, dass sogar diese Feinde dazu dienen müssen, dass wir die vollkommene Erlösung und die Segnungen des ewigen Lebens umso herrlicher erfahren können. Vertrauen!

Aber vertrauen auf was? Auf wen?

Wir dürfen nicht auf ein selbstgemachtes Licht vertrauen. Wir dürfen nicht auf das Licht vertrauen, das die sündige Welt bereithält. Nach dem Bild im Text sollen wir gerade nicht auf die Flamme des selbstentzündeten Feuers vertrauen. So handelt nämlich die Welt und die sündige Menschheit. In der Finsternis ihrer eigenen Schuld entzünden die Gottlosen das Licht ihrer eigenen Tugend, sie lassen die Funken ihrer guten Werke umherstieben und wandeln im Licht dieser Werke – bis sie der Tod ereilt. In der Finsternis des allgegenwärtigen Elends und Leids, in der Finsternis des Todes, erleuchten sie ihren Weg mit selbsterdachter Philosophie, mit der Flamme menschlicher Weisheit und Gelehrtheit und mit dem Bemühen, diese Welt zu verbessern. Von undurchdringlicher Finsternis eingehüllt, lassen sie ihre humanistischen Anstrengungen zur Erlösung der Menschheit erstrahlen.

Eitelkeit kennzeichnet all ihr Tun. Sie umgeben sich mit Licht selbstentzündeten Feuers. Doch in diesem vergeblichen Mühen offenbart sich das Gericht Gottes über sie. Denn die Weisheit der Welt, die nicht zum wahren Licht kommen und nicht auf den Herrn vertrauen will, nicht vertrauen kann, nicht vertrauen wollen kann, muss zuschanden gemacht und als töricht entlarvt werden. Sie wandeln im falschen Licht eigener Tugend und Weisheit, das in Wahrheit nichts anderes ist als ein Abglanz der Glut der Hölle. So wandern sie dahin, wie Motten ein Lagerfeuer umschwirren, bis sie in der ewigen Verwüstung angelangt sind. Am Ort der Qual müssen sie sich niederlegen, wie der Bibelabschnitt sagt.

Ihr aber, vertraut doch auf den Namen des Herrn! Durch den Namen des Herrn geht euren Weg und haltet euch an euren Gott!

Der Name des Herrn ist die Offenbarung des Gottes, der unsere vollkommene Erlösung schafft. Als Wanderer in der Finsternis dürfen wir dem Herrn vertrauen. Wir dürfen uns auf unseren souveränen Gott verlassen. Nur dann können wir die Finsternis mit Zuversicht durchschreiten. Denn wir können den Herrn ja nicht sehen. Der Allmächtige ist unserem Blick verborgen. Niemand hat Gott je gesehen. Aber als Kinder Gottes kennen wir seinen Namen, denn der Herr hat seinen Namen in der Finsternis offenbart und seinen Kindern bekanntgemacht, sodass wir auf diesen Namen vertrauen und durch diesen Namen Ruhe bei dem souveränen Gott finden. Vertrauen auf Gott, Ruhe bei Gott.

Vertrauen heißt, sich Gottes Liebe zu uns gewiss zu sein, einer Liebe, mit der er die Seinen vor Grundlegung der Welt geliebt hat. Wir dürfen völlig gewiss sein, dass er uns in ewiger Liebe ein Ende in Herrlichkeit bereitet hat: Leben statt Tod, Licht statt Finsternis, Gerechtigkeit statt Schuld, Heiligkeit statt Sünde und Verderbtheit und ewige Erlösung statt einer Nacht des Leids. Auch sollen wir zuversichtlich sein, dass Gott nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg dorthin bestimmt hat, und dass dieser Weg nirgendwo anders hinführt als zum ewigen Sieg und in die Herrlichkeit des Reichs der Himmel. Endlich sollen wir Gewissheit haben, dass uns der Herr, der souveräne Gott, während unserer Reise durch die Finsternis führt.

Das ist wahres Vertrauen auf den Namen Gottes. Das ist wahre Ruhe bei Gott. Ein ermutigendes, machtvolles Wort!

Ein himmlischer Trost

Vertraut auf den Namen des Herrn! Findet Ruhe bei eurem Gott! Seine Stimme sendet die Botschaft in die Ohren der müden Pilger in der Finsternis.

Wie wundervoll! Wie beruhigend ist es, in pechschwarzer Nacht die Stimme eines Bekannten zu hören, die Stimme eines Freundes, die uns aufmuntert und Mut zuspricht. Kennst du diese Stimme? Hörst du sie? Dringt der Klang dieser Stimme bis in die Tiefen deiner Seele als die Stimme herrlichster Majestät, die Stimme ewiger Liebe, die Stimme des Friedens, die in deinem Herzen einen Frieden bewirkt, der allen Verstand übersteigt?

Hör genau hin! Du kannst ihn immer noch nicht sehen, aber seine Stimme dringt durch die Finsternis zu deiner Seele vor. Es ist die Stimme des Knechts des Herrn, des Einen, der vom Herrn in diese Welt gesandt wurde, der der Finsternis ins Auge gesehen hat, um seinen Brüdern, die in der Finsternis wandeln, Trost und Erlösung zu schenken. In Gehorsam gegenüber dem Vater und als Knecht des Herrn kam er in die Finsternis, um sie zu vertreiben. Er kam in unsere Nacht, um den ewigen Tag zu bringen. Indem er in den Tod hinabstieg, hat er diesen Feind verschlungen und sich so als der Sohn Gottes erwiesen. Er hat die Finsternis durchschritten und ist ins ewige Licht aufgefahren. Und somit hat er als unser Haupt auch uns, seinen Brüdern, den Weg ins Leben bereitet. Er ist unser Erlöser, Immanuel – Gott mit uns.

Er ruft dich! Als Knecht des Herrn redet er einzig und allein im Namen des Herrn. Der Herr hat ihm sein Wort gegeben, und er weiß, wie und wann er das Wort zu den Müden reden muss. Das Wort des Knechtes Gottes verkündet nicht Menschenweisheit, sondern redet von Gott – immer von Gott: von seinem Namen, seinem Wesen, seiner Herrlichkeit, seinem ewigen Ratschluss, seinem Bund mit seinem Volk und von der Ewigkeit. Er weiß die Dinge angemessen zu verkündigen, die unsichtbar sind, die hoch über die Finsternis dieses Lebens erhöht sind, Dinge, die hinter den Bergen verborgen sind, die dieses Tal der Tränen umringen und uns von allen Seiten umschließen. So weiß er das Wort an die Müden zu richten. Er ruft euch zu: „Meine Brüder, lasst euer eigenes Licht fallen! Seht von euren Werken ab und umgebt euch nicht mit dem leeren Schein selbstentzündeten Feuers. Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird durch Glauben das Licht des Lebens haben, inmitten der Finsternis der sichtbaren Dinge. Kommt zu mir mit allen euren Sünden und aller eurer Schuld, mit eurem Leid und Tod, mit aller eurer Angst und Furcht. Ich habe euch Vergebung und Erlösung bereitet. Ich gebe euch Ruhe, Licht und Frieden. Kommt her zu mir!“

Fürchtest du den Herrn, du Pilger in der Finsternis? Ist die Gnade des Lebens in dein Herz gegossen, sodass du von deinem leeren Wandel erlöst bist? Ist dir die Furcht des Herrn gegeben, so dass du zu ihm gehst? Dann höre die Stimme seines Knechts, aber nicht bloß mit den fleischlichen Ohren, wie es die Welt tut, die ihn verschmäht, geschlagen und gekreuzigt hat. Höre ihn mit dem Ohr des Glaubens! Vertraue auf den Herrn inmitten aller Finsternis! So wirst du nicht zuschanden werden. Und schon bald wird der ewige Morgen anbrechen.


1) Hoeksema, Herman, Walking in Darkness. In: Peace for the Troubled Heart. Jenison, Michigan [Reformed Free Publishing Association] 2010, S. 201-208. Übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Verlags von Carsten Linke.